Dichters Berufung

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Friedrich Nietzsche
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Dichters Berufung
Untertitel:
aus: Die fröhliche Wissenschaft. („la gaya scienza“) Anhang: Lieder des Prinzen Vogelfrei, S. 337-340
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1887
Verlag: E. W. Fritzsch
Drucker: Adolph Mehnert
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google-USA* und commons
Kurzbeschreibung:
Andere Version: Vogel-Urtheil in Idyllen aus Messina, 1882
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[337]

 Dichters Berufung.

Als ich jüngst, mich zu erquicken,
Unter dunklen Bäumen sass,
Hört’ ich ticken, leise ticken,
Zierlich, wie nach Takt und Maass.

5
Böse wurd’ ich, zog Gesichter, –

Endlich aber gab ich nach,
Bis ich gar, gleich einem Dichter,
Selber mit im Tiktak sprach.

[338]

Wie mir so im Verse-Machen

10
Silb’ um Silb’ ihr Hopsa sprang,

Musst’ ich plötzlich lachen, lachen
Eine Viertelstunde lang.
Du ein Dichter? Du ein Dichter?
Steht’s mit deinem Kopf so schlecht?

15
– „Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“

Achselzuckt der Vogel Specht.

Wessen harr’ ich hier im Busche?
Wem doch laur’ ich Räuber auf?
Ist’s ein Spruch? Ein Bild? Im Husche

20
Sitzt mein Reim ihm hintendrauf.

Was nur schlüpft und hüpft, gleich sticht der
Dichter sich’s zum Vers zurecht.
– „Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“
Achselzuckt der Vogel Specht.

25
Reime, mein’ ich, sind wie Pfeile?

Wie das zappelt, zittert, springt,
Wenn der Pfeil in edle Theile
Des Lacerten-Leibchens dringt!
Ach, ihr sterbt dran, arme Wichter,

30
Oder taumelt wie bezecht!

– „Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“
Achselzuckt der Vogel Specht.

Schiefe Sprüchlein voller Eile,
Trunkne Wörtlein, wie sich’s drängt!

35
Bis ihr Alle, Zeil’ an Zeile,

An der Tiktak-Kette hängt.
Und es giebt grausam Gelichter,
Das dies – freut? Sind Dichter – schlecht?

[339]

– „Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“

40
Achselzuckt der Vogel Specht.


Höhnst du, Vogel? Willst du scherzen?
Steht’s mit meinem Kopf schon schlimm,
Schlimmer stünd’s mit meinem Herzen?
Fürchte, fürchte meinen Grimm! –

45
Doch der Dichter – Reime flicht er

Selbst im Grimm noch schlecht und recht.
– „Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“
Achselzuckt der Vogel Specht.


 *     *     *