Die „Allgemeine deutsche Unterstützungsgesellschaft“ in San Francisco

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Theodor Kirchhoff
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die „Allgemeine deutsche Unterstützungsgesellschaft“ in San Francisco
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 418–420
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[418]
Die „Allgemeine deutsche Unterstützungsgesellschaft“ in San Francisco.
Ihre Geschichte und ihre Feste.
Von Theodor Kirchhoff.

Die in San Francisco wohnhaften Deutschen bilden etwa ein Zehntheil der zur Zeit auf bereits über dreihunderttausend Köpfe angewachsenen Bevölkerung der californischen Handelsmetropole. Obgleich der Goldstaat unter seiner außerordentlich gemischten Bevölkerung kein Volkselement aufzuweisen vermag, das ihm treuer als seine deutschen Adoptivbürger zugethan ist, haben sich diese doch ihren Gemeinsinn und ihr deutsches Wesen im Allgemeinen bewahrt. Eine in der praktischen Schule des Weitgereistseins und des engeren Zusammenlebens mit fremden Nationalitäten erworbene kosmopolitische Lebensanschauung hat bei den im Goldlande lebenden Deutschen keineswegs der deutschen Gemüthlichkeit Abbruch gethan, welche vielmehr in zahlreichen geselligen Clubs, in Gesang-, Turn- und anderen Vereinen die heimathlichen Sitten und Vergnügungen auch an diese entlegene Küste verpflanzt hat. Besonders aber, wenn es sich so zu sagen um die Nationalehre handelt, tritt das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit bei den hiesigen Deutschen in den Vordergrund. Ich brauche nur die zur Zeit des deutsch-französischen Krieges und beim Empfange der „Hertha“ auch in diesen Blättern beschriebenen, in San Francisco stattgehabten Feste in Erinnerung zu bringen, um den Charakter der californischen Deutschen in dieser Beziehung zu kennzeichnen.

Unter denjenigen Institutionen, welche von allen hier wohnenden Deutschen als ihr nationales Gemeingut angesehen werden, nimmt die „Allgemeine deutsche Unterstützungsgesellschaft“ den ersten Platz ein. Während eines Vierteljahrhunderts hat sich diese Gesellschaft aus kleinen Anfängen zu einer von ihren Begründern ungeahnten Blüthe entfaltet und bildet ein Stück deutsch-amerikanischer Culturgeschichte, welche es wohl verdient, überall, wo Deutsche wohnen, bekannt zu werden.

Es war im Jahre 1852, als ein Häuflein wackerer Deutscher in San Francisco den Beschluß faßte, hier eine gegenseitige Unterstützungsgesellschaft zu gründen und sobald wie thunlich ein deutsches Hospital zu erbauen. Zu jener Zeit war es um die Krankenpflege im Goldlande schlecht bestellt; ein Familienleben existirte hier noch fast gar nicht, und wen das Unglück traf, in dieser von Abenteurern aus allen Zonen bewohnten wüsten Goldstadt, wo Jeder nur an sich und den eigenen Vortheil dachte, ernsthaft zu erkranken, der war fast unrettbar verloren.

Am 7. Januar 1854 wurde die „Allgemeine deutsche Unterstützungsgesellschaft“ in San Francisco definitiv organisirt. In erster Linie sollte dieselbe ihren eigenen nothleidenden Mitgliedern Hülfe gewähren, namentlich aber den Kranken Pflege geben, ferner neu Einwandernden, die hier keine Verwandte oder Bekannte vorfanden, mit Rath und That beistehen. Allen Deutschredenden ward es gleichmäßig möglich gemacht, an den Wohlthaten der Gesellschaft Theil zu nehmen. Diese Bestimmung ward wohl besonders deshalb getroffen, weil es zu damaliger Zeit eigentlich keine deutsche Nation gab und ein Elsasser, Lothringer oder Schweizer in Amerika gerade so gut als Deutscher gelten konnte, wie ein Hesse, Baier, Preuße oder Deutsch-Oesterreicher. Ein Beitrag von nur einem Dollar per Monat ward von jedem Mitgliede erhoben, und lebenslängliche Mitglieder konnten durch einmalige Zahlung von hundert Dollars der Gesellschaft beitreten. Kurz nach Annahme der Statuten, welche im Allgemeinen bis heute beibehalten worden sind, wurde eine öffentliche Sammlung veranstaltet, mit welcher der Fonds für ein zu erbauendes Hospital gelegt wurde. Mit so bescheidenem Anfange und einem Bestande von nur zweiundachtzig Mitgliedern hat sich die „Allgemeine deutsche Unterstützungsgesellschaft“ von San Francisco constituirt und weiter entwickelt. Ein Jahr nach ihrer Gründung zählte dieselbe bereits dreihundertachtundsechszig zahlende Mitglieder und besaß ein zum Bau eines Hospitals bestimmtes Grundcapital von fünftausendsechshunderteinundzwanzig Dollars; heute zählt sie mehr als zweitausendachthundert Mitglieder und besitzt ein neu erbautes Hospital, welches zu den schönsten in Amerika zählt und mit den der Gesellschaft gehörenden Grundstücken ein Capital von nahezu zweihunderttausend Dollars repräsentirt.

Das erste Krankenhaus der Gesellschaft wurde im Jahre 1856 eröffnet. Alle erkrankenden Mitglieder waren zur freien Aufnahme berechtigt, ebenso neu Einwandernde, die sich noch nicht sechs Monate im Lande befanden. Zahlende Kranke mußten – wie heute noch geschieht – drei Dollars per Tag entrichten. Die Räumlichkeiten des Krankenhauses zeigten sich aber bald als ungenügend. Auf einem bereits im folgenden Jahre an der Südseite der Brannanstraße erworbenen größeren Grundstück fand die Grundsteinlegung des ersten deutschen Hospitals in San Francisco statt. Ein allgemeines deutsches Volksfest, welches zwei Tage dauerte, beschloß die Feier. Nie zuvor hatten sich die Deutschen in San Francisco so einmüthig wie diesmal an einem Feste betheiligt, und alle Classen waren dabei vertreten.

Im Januar 1858 ward das Hauptgebäude des Hospitals vollendet und sofort bezogen. Später wurde dasselbe durch einen Flügel-Anbau vergrößert und seine Einrichtung mehr und mehr vervollkommnet. Zur Zeit der Eröffnung des ersten Hospitals zählte die Gesellschaft siebenhundertsechsundfünfzig Mitglieder und besaß ein Capital von reichlich fünfzehntausend Dollars. Während mehr als anderthalb Decennien entwickelte sich nun die Gesellschaft zu hoher Blüthe und ward mehr und mehr der Mittelpunkt deutschen Lebens in Californien. Für die Neueinwandernden war dieselbe eine nicht zu überschätzende Hülfe, und Mancher, der mittellos und ohne Rath und Beistand zu finden hier anlangte oder erkrankte, hat es ihr allein zu verdanken, daß er nicht im Elend unterging. Die alljährlich in Woodward’s Garten stattfindenden Maifeste der „Allgemeinen deutschen Unterstützungsgesellschaft“ waren echte deutsche Volksfeste. Keine anderen deutschen Feste in San Francisco fanden je eine so allgemeine Betheiligung wie diese. Bei den Maifesten fand sich Alles zusammen, was deutsch redete und deutsch fühlte; ob reich, ob in beschränkten Verhältnissen, Alle standen hier auf gleichem Fuße. Deutsche Fröhlichkeit und deutsche Gemüthlichkeit galten dabei als die allseitige Parole. Diese regelmäßig wiederkehrenden Maifeste waren nebenbei eine ansehnliche Einnahmequelle und brachten der Casse der Gesellschaft selten weniger als viertausend Dollars ein.

Aber wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf die Gesellschaft nach zweiundzwanzigjährigem glücklichem Bestehen am 28. August 1876 ein Schlag, der alles Errungene mit einem Male in Frage zu stellen schien. Ein verheerender Brand zerstörte zur Nachtzeit einundachtzig Häuser und legte gleichzeitig das deutsche Hospital in Asche. Kaum war man im Stande, bei dem mit rasender Schnelligkeit bei starkem Winde um sich greifenden Brande die im Hospital liegenden Kranken vom Feuertode zu retten, während das ganze Inventar, Mobiliar etc. des Gebäudes ein Raub der Flammen wurde.

An ein Aufgeben der Unterstützungsgesellschaft dachten die [419] Deutschen in San Francisco jedoch keinen Augenblick. Nachdem die plötzlich heimathlos gewordenen Kranken in anderen Hospitälern der Stadt und in den Privatfamilien ein Unterkommen gefunden hatten, wobei sich namentlich das hiesige französische Hospital durch das freie Oeffnen seiner Räumlichkeiten rühmlichst auszeichnete, wurde sofort zur Beschaffung der Mittel für einen Neubau geschritten. Eine am 1. September (vier Tage nach dem Brande) stattfindende deutsche Massenversammlung erklärte einmüthig den Wiederaufbau eines Hospitals als deutsche Ehrensache, und es wurde beschlossen, ohne Verzug eine Sammlung zu veranstalten, um sofort einen neuen Capitalfonds zu beschaffen. In den ersten zwei Tagen waren fünfundvierzigtausend Dollars Gold an freiwilligen Beiträgen eingezahlt, gewiß ein sprechender Beweis von der oft bewährten Opferfreudigkeit der Deutschen in San Francisco.

Durch den so überaus günstigen Erfolg der Sammlungen ermuthigt, erstand die Gesellschaft ein prächtiges Grundstück an der vierzehnten Straße für siebenzigtausend Dollars und beschloß, dort ein neues Hospital für hunderttausend Dollars zu erbauen. Das fehlende Geld wurde vorläufig hypothekarisch aufgenommen und mit dem Neubau begonnen, sobald man sich über den Plan dazu geeinigt hatte. Das in vorzüglichem Styl errichtete und mit allen Erfordernissen der gegenwärtigen Krankenpflege versehene neue deutsche Hospital liegt in einem in dieser baumarmen Gegend nicht genug zu schätzenden natürlichen Wäldchen, an einem vor den rauhen Seewinden geschützten Abhang im westlichen Theile des Stadtgebietes.

Lange jedoch, bevor der Bau vollendet war (die Grundsteinlegung fand am 29. Juli 1877, die Einweihung am 22. Februar dieses Jahres, an Washington’s Geburtstag, statt), stellte es sich heraus, daß es unumgänglich nothwendig sei, einen weiteren Capitalfonds zu beschaffen, um die Gesellschaft der ewigen finanziellen Plackereien zu entheben. Zwanzigtausend Dollars war das Deficit, das gedeckt werden sollte, und unsere deutschen Frauen und Jungfrauen beschlossen, diesen Betrag herbeizuschaffen. Eine solche Summe bei den gegenwärtigen auch im Goldlande miserablen Zeiten und nach den bereits gebrachten Opfern den Taschen der hiesigen Deutschen für ein Wohlthätigkeitsunternehmen zu entlocken, hätte gewiß manchem noch so gewiegten Finanzmann Kopfschmerzen gemacht. Anders dachten unsere wackeren Damen. – Schon einmal hatten sie, zur Zeit des deutsch-französischen Krieges, durch eine sogenannte „Fair“ (eine Art Damen-Bazar) fast Unglaubliches geleistet und damit in drei Tagen einen für die deutschen Verwundeten verwendeten Betrag von dreißigtausend Dollars erzielt, und dieses treffliche Arrangement sollte jetzt in etwas veränderter Weise eine Wiederholung finden.

Nach dem Heranziehen entsprechender männlicher Kräfte wurde zunächst die nöthige Anzahl von Comités ernannt und dann die Stadt in Districte eingetheilt, um Contributionen von Geld und später in der „Fair“ zu verwerthenden Gegenständen zusammenzubringen. Der Eifer, mit dem die Damen, welche ohne Ausnahme den höheren Gesellschaftsclassen angehörten, das heiklige Amt von Requisitionspatrouillen im Frieden angenommen hatten und wochenlang jedes Haus, wo Deutsche wohnten, und jede deutsche Geschäftsfirma in der Stadt heimsuchten, war über alles Lob erhaben. Wehe dem egoistischen Junggesellen, dem hartgesottenen Minenspeculanten, dem Groß- und Kleinhändler oder anderen hartherzigen Geldmenschen, dem eine solche holde Patrouille in’s Haus oder in’s Comptoir gerückt kam! Hier half keine Unverfrorenheit oder der in ähnlichen Lagen beliebte Ausweg, „daß der Principal nicht zu Hause sei“. Die unnahbarsten Subjecte sahen sich bald zur Capitulation gezwungen und waren schließlich froh, durch ein schriftliches Abkommen für eine Lieferung den Feind auf manierliche Weise wieder los zu werden. Als Beisteuer wurde Alles und Jedes mit Dank entgegengenommen – Schmucksachen, Bijouterie, Hausgeräth, Uhren und Juwelen, Getränke und Cigarren, Blumen, Bilder, Stickereien, Spielzeug, tutti frutti oder Sonstwas; kurzum, alles Mögliche, was sich bei dem projectirten Feste in Geld umsetzen ließ: – eine förmliche Jahrmarktsbescheerung!

Jeden Abend wurden in den Räumen des „San Francisco-“ und des „Deutschen-Vereins“ Versammlungen abgehalten, Berathungen gepflogen und die Rapporte der verschiedenen Comités entgegengenommen. Unsere hochgeschätzte Landsmännin Frau Doctorin Bryant, welche bei der oben erwähnten „Fair“ zur Zeit des deutsch-französischen Krieges die Oberleitung rühmlichst geführt hatte, mußte auf allgemeines Verlangen bei dieser Gelegenheit ihren zweiten Termin als Präsidentin abhalten. Die parlamentarischen Regeln wurden bei den Versammlungen auf das Strengste gewahrt, und es kam allmählich Ordnung in die Vorbereitungen zum Feste, welches in der geräumigen Halle des „Wintergartens“ abgehalten werden sollte. Die verschiedenen Gesang- und Turnvereine und wer sonst Genie, Talent und sociales Geschick besaß, wurden herangezogen, um ihr Licht auf dem Bazar leuchten zu lassen. Am Abende des 26. Februar fand die ceremonielle Eröffnung der „Fair“ unter dem Beisein der obersten Stadtbehörden und der regsten Betheiligung des Deutschthums statt. Der City Mayor selbst bewillkommnete seine deutschen Mitbürger in einer herzlichen Rede und wünschte ihnen alles Glück zu diesem schönen Unternehmen.

Während einer Woche wiederholte sich nun an jedem Abende das interessante Leben in jenen festlichen Räumen. Um dem Leser einen Begriff davon zu geben, wie es dort zuging, bitte ich ihn, mich an einem Abende nach der „Fair“ zu begleiten, wo ich ihm als kundiger Cicerone dienen will.

Fürwahr! ein herrlicher Anblick, diese von tausend Gaslichtern strahlende, mit Blumen, Flaggen, Guirlanden, farbigen Bändern, Inschriften und buntem Zierrath geschmückte Halle, in welcher Schaaren von fröhlichen Menschen sich drängen, Jeder in der Absicht, so viel in seinen Kräften steht, auf den Altar der Nächstenliebe niederzulegen. Die Mitte des Festraumes verschönern drei reich ausgestattete Pavillons, von denen der eine einen prächtigen Blumentempel darstellt, in dem Californien seine farbigen Gaben mit verschwenderischer Hand ausgebreitet hat. Eine Anzahl hübsch costümirter Damen bietet dort Bouquets zu extravaganten Preisen feil, welche sich ein deutscher Gärtner schwerlich träumen lassen möchte. Rings an den Wänden reiht sich ein allerliebst decorirter Verkaufsstand an den andern, wo die lebensfrohen Händlerinnen ihrer Arbeit mit einem Eifer obliegen, der jeden Anwesenden förmlich elektrisirt. Sinnreiche Inschriften sind über den Verkaufsbuden angebracht. Hier lesen wir z. B.

„Halb nur hilft dem Armen die tägliche Gabe des Reichen,
Hilf ihm, daß er sich selbst helfe, so hilfst Du ihm ganz.“

Nur wenige Schritte haben wir in das Festgewühl gethan, da werden wir bereits von einem allerliebst gekleideten Blumenmädchen, das wie alle hier freiwillig Dienst thuenden jungen Damen ein weißes Häubchen keck auf dem Haupte trägt, angeredet. Sie verziert unsere Knopflöcher je mit einem Sträußchen und bittet sich dafür ungenirt ein Aequivalent in Halbdollarstücken aus, die wir mit Vergnügen in ihr Körbchen legen. Von jetzt an müssen wir jeden Augenblick an unsere Börsen appelliren, denn solchen liebenswürdigen Verkäuferinnen, wie sie uns hier auf Schritt und Tritt begegnen, können wir unmöglich widerstehen. Ein Glück ist es, daß wir unsere Taschen, ehe wir nach der Fair spazierten, mit einem respectablen Vorrath von Halbdollarstücken füllten, denn hier scheint das Geld absolut gar keinen Werth zu haben.

Eine allen Deutschen in San Francisco wohlbekannte Stentorstimme von einem beliebten Mimen veranlaßte uns, nach der Seite der Halle zu promeniren, wo die Inschrift „Raritätencabinet“ über einem geschlossenen Vorhang mit großen Lettern in die Augen fällt. „Nur immer herein, meine Herren! – Nur fünfzehn Cents Entrée zu diesem Museum!“ ruft der Mime mit bereits heiser gewordener Stimme, während seine Assistentinnen die Zögernden gewandt bei der Hand nehmen. Nach entrichtetem Obolus erhalten wir Zutritt in’s Museum, wo unser verehrter Freund, Herr Schünemann-Pok, der beredte Sprecher der „freien deutschen Gemeinde“, seine Erklärungen der hier zur Schau gestellten „Alterthümer“ mit dem köstlichsten Humor zu würzen versteht.

Wir setzen in der offenen Halle unsere Promenade fort, wobei wir jeden Augenblick die Bekanntschaft von neuen charmanten Händlerinnen machen, ohne dazu irgendwie conventioneller Einführung zu bedürfen. Bei einem sogenannten „Fischteich“ angeln wir, für nur fünfzig Cents den Wurf, über eine Calicowand und fangen die sonderbarsten Seethiere in Gestalt von Strümpfen, Bonbonschachteln, Riechfläschchen etc.

Vor der Bühne fällt uns das dort ausgestellte, mit grünem [420] Laube umwundene Bild des neuen deutschen Hospitals in die Augen, welches einen lebensgleichen Eindruck macht. Wir können uns des stolzen Gefühls nicht erwehren, daß jenes Bild ein sprechendes Zeugniß von echtem deutschem Gemeinsinn ist, welcher diese Schöpfung unter den schwierigsten Verhältnissen zu Stande brachte. Lange möge der Bau stehen und die dankbare Erinnerung an diese schönen Tage bis in ferne Zeiten in seinen Mauern fortleben!

Daß wir uns nach all den riesigen Strapazen endlich einmal etwas Ruhe gönnen möchten, ist leicht erklärlich. In der „fröhlichen Ecke“ finden wir ein Buffet und mit schneeigem Lein gedeckte Tische, wo Austern und kalte Küche, echtes „Bairisch“ vom Fasse, Budweiser Bier, Rheinwein und Champagner etc. von Kellnerinnen servirt werden, welche die Frauen und Töchter unserer angesehensten deutschen Bürger sind. Hier sind wir vor den Händlerinnen in Loosen sicher, da Jene nach stillem Abkommen nicht bis hierher vordringen. Unseren Imbiß in Ruhe genießend, betrachten wir das heitere bunte Treiben in der festlich geschmückten Halle, lauschen einem herrlichen vierstimmigen deutschen Männergesang oder den luftigen Klängen des Musikcorps, oder erfreuen uns an den Evolutionen der Turner und der niedlich gekleideten Turnerinnen auf der Bühne und befinden uns im Allgemeinen in der Seelenstimmung eines mit sich selbst und der ganzen Welt zufriedenen Menschen.

Doch es ist Zeit, an die Heimkehr zu denken, denn rasch enteilen die Stunden. Ehe wir jedoch scheiden, treten wir auf die Aufforderung eines Bekannten noch an einen Trinkstand, wo ein halb Dutzend Damen nicht müde werden, ihren Gönnern Punsch, Rheinwein und Champagner für lächerlich extravagante Preise zu verabreichen. Die bekannte californische Landessitte, womöglich nie allein zu trinken, bringt hier stets sechs oder ein Dutzend Durstige zusammen, von denen immer nur Einer zahlt, ein Usus, der in diesem Falle nur zu loben ist. Beim Ausgang aus der Halle kaufen wir noch eine Nummer der täglich erscheinenden „Fair“-Zeitung, welche mit deutschem und englischem Text gedruckt wird und nach amerikanischer Sitte mit einer Menge von Anzeigen illustrirt ist.

Auf diese Weise wurde die Fair eine Woche lang (vom 26. Februar bis zum 5. März) jeden Abend und zum Theil auch während des Tages abgehalten. Der letzte Festabend schloß mit einem Tanz, wobei sich das junge Volk vergnügte, bis der neue Tag in die Fenster schaute. Das Resultat des schönen Volksfestes war ein Reingewinn von über 21,000 Dollars, welcher dem Hospital allein zu Gute kam – gewiß ein Facit, auf das bei diesen in der ganzen Welt notorisch schlechten Zeiten die deutschen Frauen und Jungfrauen San Franciscos mit Stolz und Freude zurückblicken dürfen. Und mehr noch als der finanzielle Erfolg der „Fair“ ist die Thatsache von weitgreifender Bedeutung gewesen, daß dadurch ein großer Kreis der besten deutschen Bewohner in dieser aufblühenden Metropole einander näher gebracht worden ist und allen hier wohnenden Deutschen wieder einmal gezeigt wurde, was vereinte Kraft selbst unter den allerungünstigsten Verhältnissen vollbringen kann. Es ist damit ein neuer Grundstein für die Zukunft des hiesigen Deutschthums gelegt worden.

Dem großen Leserkreise unseres deutschen Weltblattes habe ich aber die Beschreibung dieses schönen Festes nicht vorenthalten wollen. Die alte Heimath erinnert sich ja gern ihrer Kinder im entlegenen Goldlande, und Tausende werden gewiß dieses Fest der deutschen Frauen und Jungfrauen San Franciscos im Geiste froh wieder mit durchleben.