Die „Entwickelung“ des Farbensinns

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Autor: Carus Sterne
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Titel: Die „Entwickelung“ des Farbensinns
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 718–720
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[718]
Die „Entwickelung“ des Farbensinns.
Von Carus Sterne.

Die Vorliebe des neuen englischen Premierministers für altgriechische Studien, auf welche die Neugriechen ebenso große Hoffnungen setzten, wie vordem die Türken auf die orientalischen Liebhabereien seines Vorgängers, hat uns in den fünfziger Jahren mit einer höchst merkwürdigen Thatsache bekannt gemacht. Gladstone fand nämlich, daß in der Entstehungszeit der homerischen Gedichte nur die Farbenbezeichnungen für rothe und gelbe Gegenstände mit einiger Sicherheit gebraucht wurden, während die Bezeichnung des Grünen (chloros) mit der des Fahlen und Gelblichen und die Farbworte für Blau (glaukos und kyaneos) mit den Bezeichnungen des Grauen und Schwarzen oder Dunklen zusammenfielen, sodaß mit dem letzteren Worte bald die blaue Farbe des Wassers und der Kornblume (Cyane), und bald die schwarze der Haare und Augenbrauen des Donnerers Kronion, und die dunkle des Trauergewandes der Thetis charakterisirt wurden. Gladstone schloß aus dieser Unbestimmtheit der Ausdrücke in dem 1858 erschienenen dritten Bande seiner „Homerischen Studien“, daß unter den Griechen der homerischen Zeit das Vermögen, die Farben zu unterscheiden, im menschlichen Auge kaum in seinen Anfängen entwickelt gewesen sei, daß im Wesentlichen nur Helligkeitsunterschiede wahrgenommen wurden, und daß, da auch die Empfindung des Rothen sehr unsicher gewesen sei, die Welt im Wesentlichen von ihnen „Grau in Grau“ gesehen worden sei.

Diese wahrhaft „graue Theorie“ wurde von einem deutschen Sprachforscher, dem leider zu früh verstorbenen Lazarus Geiger, mit jugendlicher Begeisterung aufgenommen und dahin ausgedehnt, daß bei sämmtlichen alten Culturvölkern der Farbensinn eine mangelhafte Ausbildung besessen hätte und daß nicht blos in den Schriften des blinden Homer’s, sondern auch in denen der alten Juden, Chinesen, tatarischen und germanischen Völker Blau und Schwarz mit demselben Worte bezeichnet, ja daß sogar noch bei Virgil das Farbwort für blau (caeruleus) auch für schwarz und dunkel gebraucht worden sei. In den vedischen Schriften, im Avesta, in der Bibel und selbst noch im Koran geschähe der Himmelsbläue ebenso wenig Erwähnung, wie bei Homer, und die aramäischen und hebräischen Dialekte der alten biblischen Völker hätten gar keinen Ausdruck für die blaue Farbe gehabt. Indem Geiger sein weiter ausgemaltes Phantasiegemälde vor die 1867 in seiner Vaterstadt Frankfurt am Main tagende Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte brachte, gab er seinen Ideen einen weiten Wiederhall, und ein volles Jahrzehnt hindurch blieb es einer der beliebtesten Stoffe für einen packenden Journalartikel, den Lesern zu erzählen, daß die Griechen das herrliche blaue Meer ihrer Küsten und die Pracht ihres tiefblauen Himmels gar nicht zu würdigen vermocht hätten. So populär wurden diese Gedanken auch in Künstlerkreisen, daß der geniale Feuerbach, wie es scheint, von ihnen verführt, sein im Jahre jener Rede gemaltes „Gastmahl des Plato“ so im Geiste der alten Griechen, das heißt so farblos malte, daß selbst die farbigere Wiederholung in der Berliner Nationalgallerie uns „Grau in Grau“ gemalt erscheint.

Geiger und andere der Naturforschung fernstehende Personen brachten diese graue Theorie mit den Grundgedanken der Darwin’schen Theorie in Verbindung, und eine Schaar oberflächlicher Philosophen schwelgte in der Idee, der Farbensinn gehöre zu den höheren geistigen Fähigkeiten, die erst im Menschen langsam zum Ausdruck gekommen seien. Es muß indessen zur Abwehr neuerer Zumuthungen, als ob dieses Traumbild ein darwinistisches sei, hier betont werden, daß weder Darwin an irgend einer Stelle seiner so vielfach die Entwickelung der menschlichen Fähigkeiten und des Farbenschmucks der Naturwesen behandelnden Werke, noch irgend ein anderer namhafter Vertreter seiner Lehre die Gladstone-Geiger’schen Anschauungen getheilt hat. Im Gegentheil gehen Darwin und seine Anhänger vielfach davon aus, daß der Farbensinn ein gemeinsames Erbtheil sogar schon der niederen Thiere sei, und ich habe den Lesern der „Gartenlaube“ früher einmal (Jahrg. 1878, Nr. 3) ausführlich erzählt, wie sie die schönen Farben vieler Blumen dadurch erklären, daß schöngefärbte Blüthen von den Insecten, die deren Fortpflanzung bewirken, bevorzugt und gezüchtet wurden, und der Oberlehrer Dr. Hermann Müller in Lippstadt, sowie der Londoner Banquier Sir John Lubbock haben sich durch genaue Beobachtung und durch Versuche davon überzeugt, daß Insecten die einzelnen Farben sehr wohl zu unterscheiden im Stande sind. Eine große Reihe anderer wichtiger Lebenserscheinungen, wie die lebhaften Farben ekelhaft schmeckender und darum gemiedener Thiere, und die ihrer Umgebung ähnlichen, unscheinbaren Farben der wohlschmeckenden und verfolgten Thiere, sind nur unter der Voraussetzung verständlich, daß im Durchschnitt alle mit Augen versehenen Thiere die verschiedenen Farben zu unterscheiden und zu würdigen wissen, sodaß die Unterstellung, gerade das höchste Lebewesen sollte dieses Vermögen von Natur aus nicht besessen haben, einem Anhänger Darwin’s ganz ungeheuerlich erscheinen muß.

Ja wenn man so in sein Museum gebannt ist,
Und sieht die Welt kaum einen Feiertag,
Kaum durch ein Fernglas, nur von weitem,

da läßt man sich wohl zu solchen wunderlichen Theorien verführen. Und es läßt sich ja nicht leugnen, jene Bestimmtheit und feste Umgrenzung der Farbworte, wie wir sie in unserer Sprache gewohnt sind, ist in den meisten alten Sprachen wirklich nicht vorhanden. Wir dürfen uns daher auch nicht wundern, wenn immer und immer von Neuem die Stubengelehrten in diese so verlockend aussehende Falle gegangen sind. Aber darüber müssen wir uns einigermaßen wundern, daß im Jahre 1877 sogar ein Arzt, der Breslauer Privatdocent für Augenheilkunde, Dr. Hugo Magnus, ebenfalls in die Schlinge der Sprachforscher gerieth. Die Sache hängt wahrscheinlich damit zusammen, daß im Jahre 1876 ein Mitarbeiter der „Gartenlaube“, auf die Geiger’sche Theorie gestützt, die Farbenblindheit als eine Art Rückschlag (Atavismus) in den unentwickelten Zustand der Netzhaut zur Zeit der alten Arier, [719] Juden, Griechen und Germanen aufgefaßt sehen wollte (1876, Nr. 4)[1] Diesen Gedanken scheint Dr. Magnus angeregt zu haben, wenigstens wiederholte er ihn im folgenden Jahre. In einer Reihe von Schriften und Abhandlungen erhob er die Entwicklung des menschlichen Farbensinnes zu einer förmlichen Theorie und behauptete, daß der Farbensinn sich in seinen Anfängen auf die Empfindung des Rothen beschränkt habe, worauf in der genauen Reihenfolge der Spectralfarben zunächst die Empfänglichkeit für die gelbe Farbe, dann für Grün, Blau und endlich für Violett hinzugekommen sei, über welches hinaus die Menschen der Zukunft vielleicht neue Farben erkennen würden, wie denn schon jetzt einige Personen dort eine den andern verborgene Färbung sähen.

Diese Theorie wurde dann von Magnus mit gewissen Fabeln der Alten in Verbindung gebracht. Wie wir heute die Anfänge der Schrift, der Malerei und der Kochkunst in den Ueberresten des prähistorischen Menschen verfolgen, so hatten bereits die Alten sich allerlei Geschichten über den ersten Entdecker jeglicher Fertigkeit und Kunst ausgedacht. Man erzählte, wie Prometheus das Feuer, Tubal die Metallbereitung, Kadmos die Buchstabenschrift und Apollo die Musik erfunden haben, und ähnlich wie Kadmos von dem einfachen Schnörkel des Kranichzugs ausgegangen sein sollte, und, wie die Lyra anfangs nur drei auf eine Schildkrötenschale gespannte Saiten besaß, so sollte nach Plinius’ Erzählung die Malerei anfangs nur mit Roth begonnen haben, wozu dann gelbe, schwarze und weiße Pigmente kamen. Die Alten selbst betrachteten diese (bei der Seltenheit fertig gebildeter grüner und blauer Pigmente in der Natur nicht gerade abweisbaren) Erzählungen als müßige Spiele der Phantasie, und Sophokles bereits machte sich in einem von Athenäus aufbewahrten Fragmente über die Schulmeister lustig, die von Homer und andern Dichtern behaupteten, sie hätten die Farben nicht unterscheiden können, weil sie die Farbenbezeichnungen etwas willkürlich angewendet haben.

Der Schreiber dieser Zeilen hatte jener Theorie Geiger’s niemals das geringste Gewicht beigemessen, und seit langen Jahren (z. B. in einem Artikel der „Vossischen Zeitung“ vom 22. August 1874) dagegen angekämpft, anscheinend ohne Erfolg und Theilnahme; denn alle Welt liebäugelte mit dem pikanten Gedanken von der Farbenblindheit der Alten. Der schon erwähnte Artikel im Jahrgange 1876 der „Gartenlaube“, welcher die hier und da bei uns vorkommende Farbenblindheit als einen Rückschlag in den Zustand der Menschheit aus der Zeit der Bibel, Homer’s und der Veden darstellte und die Behauptung wiederholte, daß in der Bibel die blaue Farbe des Himmels nicht erwähnt werde, veranlaßte mich mit dem damaligen, nun verewigten Herausgeber dieser Zeitschrift, Ernst Keil, in eine längere Correspondenz über die besagte Theorie zu treten, in welcher ich darauf hinwies, daß die Bibel im Gegentheil an mehreren Stellen die Bläue des Himmels schildere, indem sie seine Farbe dem Sapphir vergleicht (z. B. 2. Mos 24,10), daß also jedenfalls die Empfindung des Blauen vorhanden gewesen sei, wenn auch, wie diese Benutzung des Sapphirs und andere Umstände beweisen, das Wort dafür fehlte. Ebenso wies ich die Deutung der Farbenblindheit als Rückschlag zurück, weil nicht Blaublindheit (wie sie den alten Völkern zugeschrieben wird), sondern Rothblindheit unter uns am häufigsten vorkomme. Meine ziemlich ausführliche Widerlegung wurde dem Verfasser jenes Artikels zugesandt, fand aber so wenig Zustimmung, daß derselbe noch zweimal die jetzt von ihm selbst aufgegebene Geiger’sche Theorie in der „Gartenlaube“ vertheidigt hat.

Als nun im nächsten Jahre (1877) zwei die Ideen des „Gartenlauben“-Artikels weiter ausführende Schriften von Dr. Magnus und zahlreiche in denselben Kerb hauende Artikel in verschiedenen Journalen erschienen, lieferte ich im Juniheft des Jahrgangs 1877 der von mir herausgegebenen Monatsschrift „Kosmos“ eine Widerlegung der Gladstone-Geiger’schen Theorie, der ich auch heute, trotz der zahllosen seitdem angestellten Untersuchungen über diesen Gegenstand, nichts hinzuzufügen habe. Ich bemerke im Voraus, daß ich in meiner Widerleguung jenes gelehrten Aberglaubens gar keine besondere wissenschaftliche Leistung, sondern einen einfachen Sieg des nüchternen und gesunden Menschenverstandes über die einseitige, wenn auch noch so gründliche Stubengelehrsamkeit sehe. Aber da diese fixen Ideen noch täglich in unseren Zeitschriften weiter rumoren,[2] so scheint es mir geradezu geboten, die Sache noch einmal vor das große Publicum zu bringen.

Man möchte zunächst denken, es sei eine reine Unmöglichkeit gewesen, eine solche Theorie überhaupt aufzustellen, da wir ja in den alten ägyptischen, zum Theil weit vor Homer zurückreichenden Wandgemälden, an griechischen Tempelresten und in den Gemälden von Herculanum und Pompeji die besten Beweise besitzen, daß die alten Maler Grün und Blau gerade so wie wir sahen und wiedergaben, und der berühmte Aegyptologe Johannes Dümichen in Straßburg bestätigte mir obendrein, daß sich in dieser Anwendung der gesammten Farbenscala seitens der alten Aegypter das feinste und ausgebildetste Farbengefühl offenbare. Gut, antworteten mir die Geigerianer, die alten Aegypter mögen bereits entwickelten Farbensinn gehabt haben, als die Griechen das Grün noch grau und das Blau schwarz sahen. – Aber die Griechen wendeten ebenfalls Blau an. „Wenn dennoch,“ so antwortet ein neuerer Verfechter (1880) wörtlich, „die Griechen mehrfach Blau verwendet haben, wie bei der Bemalung der Triglyphen dorischer Tempel, beim Piedestal des Zeus zu Olympia etc., so beweist dies keineswegs bei dem berechtigten obwaltenden Zweifel, daß sie auch das Blau so empfunden haben, wie wir es empfinden, das heißt als Blau. Wohl möglich, daß sie in dem von ihnen angewendeten Ultramarin nur eine bestimmte Nüance von Grau wahrnahmen.“

Die in der Unmöglichkeit des Beweises, daß das Blau der einen Person nicht das Gelb oder Roth einer anderen sein könnte, sich öffnende Hinterthür war mir nicht entgangen, weshalb ich sie gleich im Beginne des Kampfes durch eine Wand verschlossen habe, durch welche man nur, wenn man weder hören noch sehen will, mit dem Kopfe durchrennen kann. Das Fundament dieser Wand lieferte mir die oben erwähnte Bibelstelle, in welcher die Himmelbläue in Ermangelung eines besonderen Farbwortes mit dem Sapphir verglichen wird, wie wir von einem azurnen Himmel sprechen. Unter diesem Sapphir ist nämlich nicht unser durchsichtiger Sapphir zu verstehen, sondern ein härteloser, undurchsichtiger Halbedelstein, der weder Farbenspiel noch einen besondern Glanz erlangt, also das Auge einzig und allein durch seine herrlich azurblaue Farbe entzücken konnte, der Lapis lazuli. Kein Stein begegnete bei den ältesten Culturvölkern, den alten Indern Persern, Hebräern, Aegyptern etc., einer höheren Werthschätzung und hat gleich lebhaften Bergwerksbetrieb und Handel hervorgerufen, wie dieser Stein, den wir jetzt centnerweise als Ultramarin künstlich bereiten. Hätte man diese wundervolle Farbe nicht zu schätzen vermocht, so hätte man statt seiner den ersten besten unscheinbaren Feuerstein ebenso gut als Schmuckstein tragen können; denn dieser Stein besitzt nicht einmal den Glanz der schwarzen Steinkohle. Daß er aber blau und nicht etwa grün oder roth empfunden wurde, dafür bürgt uns sein Vergleich mit dem physikalisch ganz verschieden entstehenden Blau des Himmels. Um die Beweiskraft dieses „Juwels“ voll zu machen, wird neben ihm z. B. Hohelied 5,14 ein ebenfalls undurchsichtiger und härteloser, hellblauer oder grünlicher Stein, der Türkis, zu einer Zeit gepriesen, wo man von Diamanten und Rubinen noch sehr wenig sprach, weil dieselben erst durch den schwierigen Schliff ihre eigenthümliche Schönheit erhalten.

Aber jene Bibelstelle liefert nicht blos den unumstößlichen Beweis, daß nicht Homer oder Moses, sondern Geiger und seine Nachbeter mit Blindheit geschlagen waren, sondern sie zeigt auch die sehr einfache Lösung jener Schwierigkeit, an welcher die Gelehrten seit zwanzig Jahren ihren Scharfsinn vergeblich erprobt [720] hatten. Warum verglich der Verfasser jener Stelle die Klarheit des Himmels mit der Farbe des Sapphirs? Einfach, weil seine Sprache noch kein Wort für den Begriff des Blauen besaß.

„Dieser Nothbehelf“, schrieb ich „führt uns zu dem Kerne der Sache, welcher psychologisch sehr interessant ist. Es scheint mir nämlich daraus hervorzugehen, daß unausgebildeten Sprachen die Farbenbezeichnungen durchweg zu fehlen scheinen. In der That wird man bei genauerem Nachdenken finden, daß die Bezeichnung der einzelnen Farbentöne erst dringend wurde, nachdem man zu einem gewissen Kleider- und Wohnungsluxus gelangt war, seitdem der Färber sein Amt begonnen hatte.“

Weshalb man nun zuerst ein Wort für die rothe Farbe nöthig gehabt hat, erklärt sich leicht daraus, daß sich rothe Farbstoffe überall in der unorganischen und organischen Natur im Röthel, Zinnober, rothen Beeren und Farbhölzern fertig gebildet vorfinden. Man malte und färbte daher zuerst roth und brauchte deshalb auch zuerst ein eigenes Wort für diese Farbe, und dieses Wort leitet sich in allen indogermanischen Sprachen von dem Sanskritworte rudhira, Blut, (erythros der Griechen, rutilus der Römer, roth der Deutschen) her. Man sieht, unser Wort Roth heißt ursprünglich blutfarben, und da man im gewöhnlichen Leben überall mit ähnlichen Vergleichsworten auskommen kann, so war gar kein zwingender Bedarf zur Schaffung besonderer Farbworte für ein Naturvolk vorhanden. Der nächst dem rothen in der Natur am häufigsten fertig gebildete Farbstoff ist gelb, während die grünen und blauen Pigmente meist erst durch umständliche Processe aus Mineral- oder Pflanzenstoffen gewonnen werden müssen. Leib und Gewand sind gewiß lange Zeit nur roth und gelb gemalt und gefärbt worden, bis man endlich auch blaue und grüne Zeugfarben von befriedigender Lebhaftigkeit mühsam ermittelte, und im gleiche Schritte mit der Färberei hat der Wortschatz zugenommen.

„Die Bezeichnung der Mittelfarben zwischen den Haupttönen ist meist ein Werk der jüngsten Zeit, zum Zeichen, wie spät sich die Sprachen in dieser Richtung vollendeten. Aber wenn die Farbbezeichnungen Lila, Violett und Pensée die allerjüngsten darunter sind, so leite ich das nicht daher ab, daß diese Farben erst in neuerer Zeit zur Geltung gekommen wären sondern daher, weil man erst in neuerer Zeit die Flieder-, Veilchen- und Stiefmütterchenfarbe als Kleider- und Modefarbe zur Herrschaft bringen konnte und in der Küpe sicher zu treffen lernte.“

In demselben Aufsatze, in welchem ich alle diese Gesichtspunkte zuerst aufstellte, wies ich darauf hin, daß sich eine ganz ähnliche Unsicherheit im Gebrauche noch nicht hinlänglich fixirter Farbstoffnamen wie beim Homer, auch bei jetzt lebenden afrikanischen Naturvölkern finde, und forderte Reisende und Ethnologen auf, darüber Untersuchungen anzustellen, ob diese Naturkinder ein unausgebildetes Unterscheidungsvermögen – oder blos – wie ich behauptete, – eine in dieser Richtung unausgebildete Sprache besäße.

Zu meiner Freude fiel diese Anregung auf einen sehr fruchtbaren Boden. Der Erste, der sie befolgte, war ein in England lebender Amerikaner Namens Grant Allen. Herr Charles Darwin hatte nämlich meinen Aufsatz, der ihm sehr überzeugend erschienen war, Herrn Gladstone übersandt und dieser beförderte die ihm gewiß nicht sehr erfreuliche Arbeit mit dem ihm eigenen Gerechtigkeitsgefühl weiter an Grant Allen, von dem er wußte, daß er sich im Allgemeinen mit dem Farbenprobleme beschäftigte. Grant Allen sandte nun gleich im folgenden Jahre (1878) eine Menge Fragebogen an sehr zahlreiche Missionäre, Consuln und Reisende in fremden Ländern, um festzustellen, ob die Eingeborenen die Farben unterscheiden und benennen könnten. Ueber das Resultat dieser Untersuchungen hat Grant Allen in einem soeben auch in deutscher Uebersetzung erschienen Buche[3] berichtet, und es zeigte sich, daß, völlig obigen Aufstellungen gemäß, auch die am niedrigsten stehenden Menschenrassen die Farben unterscheiden könnten, aber daß sie meist nur für diejenigen Farben besondere Worte haben, die sie auch färben können, während sie von den anderen, gerade wie Homer, oft nur ein Wort für zwei Farben besitzen.

Diese Untersuchungen sind seitdem sehr vervielfältigt und zum Theil in besonderen Schriften von Dor (1878), Marty (1879) und Anderen behandelt worden, ohne daß dadurch wesentlich neue Gesichtspunkte zu Tage gebracht worden wären. Auch die beiden berühmten Berliner Autoritäten der Anthropologie und Ethnologie, die Professoren Virchow und R. Hartmann, haben durch ihre Prüfung des Farbensinns afrikanischer Naturvölker dasselbe Resultat erhalten, und Dr. Almquist, der Arzt der „Vega“, hat unter den in farbenarmen Polarländern wohnenden und auf niederster Culturstufe stehenden Eskimos und Tschuktschen sogar fast weniger wirklich farbenblinde Personen angetroffen, als unter uns, nämlich circa drei Procent. Auf Grund von in jüngster Zeit (1880) abgeschlossenen Untersuchungen des Leipziger Ethnologen Pechuel-Lösche, die ebenfalls ergaben, daß die Naturvölker ohne Ausnahme die Farben wohl zu unterscheiden, aber nicht alle zu benennen wissen, hat sich nun auch Magnus von seiner mit Zähigkeit festgehaltenen Idee losgesagt, freilich nur halb, wie man sich von liebgewonnenen Illusionen eben nur schwer trennt. Er meint nämlich, die von mir als Schlüssel gegebene Sprachentwickelung erkläre das Räthsel doch nicht befriedigend; es liege eben noch ein tieferes Geheimniß zu Grunde, welches erklären müsse, warum die Benennung der Farben gerade mit roth begonnen und mit blau und violett aufgehört habe, und warum die Naturkinder immer die neben einander liegenden Farben (z. B. blau und grün) mit demselben Worte bezeichneten. Nun, ich denke, das letztere „Wunder“ bedarf überhaupt keiner Erklärung, und das erste habe ich bereits vor drei Jahren genügend ausführlich erklärt. Die Natur hat zu viele Räthsel, als daß wir noch nöthig hätten, solche hineinzutragen, die gar keine Räthsel sind. Die Farbenempfindung ist ebenso elementar, wie die der verschiedenen Töne, Geruchs- und Geschmackseigenthümlichkeiten, und die Farbenblindheit ist einfach ein Gebrechen, welches gar nichts mit unserer Frage zu thun hat. Ich zweifle nicht daran, daß sich der Farbensinn ebenso gut bilden und vervollkommnen lässt, wie der Tonsinn; aber ich bestreite, daß er irgendwo bei normalen Menschen und Völkern fehlt oder gefehlt hat. Auch braucht er keineswegs bei niedern Rassen durchwegs unausgebildet zu sein, und Professor Hartmann hat in dieser Richtung noch in jüngster Zeit auf den außerordentlich feinen Geschmack hingewiesen, den afrikanische Völker in der Verwendung gebrochener und stumpfer Farben an ihre Kunstproducte entwickeln. Kurz, Alles, was ich wünsche durch meine früheren und diesen Artikel zu erreichen, besteht darin, einer alten, ziemlich zählebigen Gelehrtenschrulle das Lebenslicht ausgeblasen zu haben.


  1. Wir bemerken, daß der hier in Erinnerung gebrachte Artikel: „Die Farbenblindheit, eine Gefahr für das öffentliche Leben“ durchaus nicht den Zweck hatte, eine wissenschaftliche Erörterung über die historische Entwickelung der Farbenblindheit zu geben, sondern einzig und allein, wie auch der Titel des Aufsatzes besagt, auf die große Gefahr hinweisen sollte, welche durch die enorme Verbreitung der Farbenblindheit unter den Menschen bezüglich des Verkehrslebens damals (1876) noch bestand. Die Bemerkungen, die von unserem Mitarbeiter, Herrn Carus Sterne, bekämpft und in obigem Artikel angefochten werden, waren in jenem Aufsatze der „Gartenlaube“ durchaus nicht Zweck der Bearbeitung, sondern lediglich als Einleitung mitgetheilt. Der Zweck jener Arbeit wurde auf das Glänzendste erreicht, indem seit dem Jahre 1876 fast alle Regierungs- und Verwaltungsbehörden nicht nur in ganz Europa, sondern auch in außereuropäischen Ländern ihre Betriebs- und Verwaltungsbeamten auf Farbenblindheit prüfen ließen, um diejenigen aus ihrem Personale auszuscheiden, durch deren mangelhafte Sehfunctionen Störungen und Unglücksfälle auf dem Gebiete des öffentlichen Verkehrswesens hätten veranlaßt werden können.
    D. Red.
  2. Man sehe die Sonntagsbeilage des „Berliner Tageblatts“ 1880, S. 200, wo die Frage von einem Universitätslehrer so naiv behandelt wird, als sei seit Geiger gar nichts darüber gearbeitet worden!
  3. „Der Farbensinn. Sein Ursprung und seine Entwickelung.“ Autorisirte deutsche Übersetzung. Mit einem Vorwort von Dr. Ernst Krause. Leipzig. Günther 1880.