Die Farbenbezeichnung des Himmels bei den alten Völkern

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Textdaten
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Autor: S. Th. Stein
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Titel: Die Farbenbezeichnung des Himmels bei den alten Völkern
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 659
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[659] Die Farbenbezeichnungen des Himmels bei den alten Völkern. In Folge meines in der vierten Nummer des vorigen Jahrganges (1876) enthaltenen Aufsatzes über die „Farbenblindheit wurden von den verschiedensten Regierungen Deutschlands und Europas die einschlägigen wichtigen Fragen in Betracht gezogen und bezügliche Schutzverordnungen für das öffentliche Wohl erlassen; meine Veröffentlichungen in der „Gartenlaube“ wurden zu meiner großen Freude mit dem Erfolge belohnt, welchen dieselbe angestrebt hatten. Es sind mir aber auch in Bezug auf jene Veröffentlichungen von den verschiedensten Seiten neben zustimmenden theils absprechende, theils tadelnde Worte übersandt worden. Besonders drückten mir viele israelitische Schriftgelehrte ihre Verwunderung darüber schriftlich aus, daß in jenem Artikel die Behauptung enthalten sei, die Bibel kenne keine Bezeichnung für die blaue Farbe. Uebereinstimmend erklären jene Kritiker, daß die blaue Farbe in der Bibel mit dem Worte Thecheleth bezeichnet werde, und kommt dieses Wort besonders bei den Priestergewändern vor, welche nach Angabe der Bibel an den Ecken „blaue“ Schußfäden getragen haben sollen. Ich habe in Folge dieser Einwände in jüngster Zeit Gelegenheit genommen, der betreffeden Frage näher zu treten, nachdem ich meine damaligen Mittheilungen den sprachforschenden Werken meines trefflichen, leider so früh verstorbenen Freundes Lazarus Geiger entnommen hatte.

Die ältesten griechischen Uebersetzungen geben alle jenes Wort „thecheleth“ mit „hyacinthenfarbig“ wieder, was eben nicht blau, sondern dunkel- oder schwarz-roth bedeutet, während die Uebersetzung der siebenzig Schriftgelehrten von Alexandrien, die „Septuaginta“, das Wort mit „porphyreos“ oder „dunkelpurpurfarbig“ bezeichnet. Philo und Josephus, die griechischen Schriftsteller jüdischer Confession aus jener Zeit, verglichen die Hyacinthenfarbe mit dem Aether, der in den heißen Gegenden Asiens und Afrikas dem Auge als eine gesättigte in's Blau-schwarz spielende Farbe erscheint. Der Talmud, jenes die traditionellen Ueberlieferungen der Juden enthaltende Sammelwerk, sagt: „jene Farbe gleiche dem Meere, das Meer dem Aether und der Aether dem Sapphir.“ Sicher dachte der betreffende Schriftsteller an eine Bibelstelle, in welcher der „Thron Gottes“ mit einem Sapphir verglichen wird (II. Mos., 24. Capitel, Vers 10). Die Araber übersetzten daher das Wort mit „himmelfarbig“.

Aus der vergleichenden Sprachforschung läßt sich nun schließen, was die alten Orientalen unter diesem „himmelfarbig“ verstanden haben. In vielen orientalischen Schriften wird nämlich gesagt, daß der Farbstoff, mit welchem man die „Schaufäden“ der Priestergewänder gefärbt habe, von einem Schalthiere, Chalason genannt, gewonnen werde; ferner ist erwiesen, daß man mit jenem Schalthiere sowohl die Purpurschnecke, wie auch eine bestimmte Gattung der Tintenfische bezeichnete. Letzterer Meinung ist auch der berühmte altjüdische Schriftsteller und Arzt Maimonides zugethan, indem er bei Beschreibung der Priestergewänder ausdrücklich sagt: „Man nimmt das Blut des Chalason, welches der Hyacinthenfarbe gleicht; das Blut ist schwarz wie Tinte, und man findet das Thier im mittelländischen Meere.“

Da auch die alte alexandrinische Uebersetzung der Bibel die Farbe „Thecheleth“ mit „oloporphyron“ zu deutsch tintenporphyrartig bezeichnet, so kann kein Zweifel sein, daß es sich hier um eine schwarz-rothe Farbe handelte. Wenn nun die alten Orientalen mit diesem Wort auch die Farbe des Himmels bezeichneten, so kann füglich damit nicht ein Himmelblau gemeint sein, wie wir es eben vergeblich in der Bibel suchen, sondern so zu sagen ein „Himmelschwarz“.

Der Sapphir hat dann vielleicht einen ähnlichen Eindruck auf das Auge der Alten hervorgebracht.

Was die Farbenbezeichnung des Himmels bei den übrigen orientalischen Völkern anbelangt, so findet sich bei den Indiern in den zehn Büchern der Riksanhita, den Liedern des Rigweda, dem Avesta, den biblischen Schriften, den homerischen Gedichten und dem Koran nicht nur der Himmel nicht, sondern überhaupt nichts blau genannt; ja noch mehr: es ist entschieden unmöglich gewesen, irgend etwas so zu nennen, da ein Wort für diesen Begriff nicht nur nicht vorkommt, sondern auch nicht vorhanden gewesen sein kann.

Dennoch wird kaum ein anderer Gegenstand häufiger als der Himmel erwähnt, und während seine Ausdehnung, Größe, Höhe und Weite vornehmlich gerühmt werden, wird von seiner „Bläue“ niemals gesprochen. So bedeutet auch das homerische Wort „kyanos“ nicht blau, wie man anklingend an die bekannte blaue Feldblume (Cyane) erwarten sollte, sondern schwarz. Die Barthaare des Odysseus, die Haare des Hector, das Trauergewand der Thetis, die Tiefen der Scylla, die Sturmwolken, alle werden mit dem Worte „kyanos“ bezeichnet, welches demnach nicht dem Blau, sondern dem Schwarz entspricht; in der „Odyssee“ werden die Haare des Odysseus öfter mit der Hyacinthblume verglichen, und es beziehen dies die griechischen Erklärer, denen diese Anschauung nicht so fremd wie uns war, auf die schwarze Farbe. Einen merkwürdigen Beleg für die Verwechselung der schwarzen und blauen Farbe liefert auch der Dichter Theokrit, welcher die Veilchen und die Hyacinthen direct durch das Wort „schwarz“ bezeichnet.

Aus allen diesen Zusammenstellungen geht entweder eine völlig unrichtige Bezeichnung der eigentlichen Farbe des Himmels hervor, oder es muß für den Begriff, den wir mit „blau“ verbinden, überhaupt keine Farbenbezeichnung bei den Alten bestanden haben.

Dr. S. Th. Stein.