Die Kaisertage in Düsseldorf

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Autor: Adolph Kohut
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Titel: Die Kaisertage in Düsseldorf
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aus: Die Gartenlaube, Heft 39, 41, S. 657–659, 697–699
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[657]
Die Kaisertage in Düsseldorf.
1. Empfang und Kaisermahl.


„Blut ist doch ein ganz besonderer Saft.“ Die Wahrheit dieses Ausspruches hat die in den ersten September-Tagen dieses Jahres stattgehabte glänzende Kaiserfahrt im Rheinlande, namentlich aber der ebenso begeisterte wie herzliche Empfang, den die Metropole der rheinischen Kunst, das freundliche Düsseldorf, dem deutschen Kaiser Wilhelm bereitete, auf's Neue bewiesen. Es sind noch nicht viele Jahrzehnte verflossen, als in Düsseldorf der Soldat der Garnison „da Prueß“ und die preußischen Thaler nur „Berliner Thaler“ genannt wurden, aber seit den letzten Kriegen, nachdem auch die Söhne Düsseldorfs im Vereine mit dem übrigen Preußen für die Ehre und Macht Deutschlands geblutet, giebt es keine „Prueß“ mehr, das zusammen vergossene Blut bildet vielmehr einen gar festen Kitt.

Als daher der Ruf: „der König kommt“ das Herz des Rheinänders traf, da erscholl es überall aus hunderttausend Kehlen: „Ich bin ein Preuße, will ein Preuße sein.“ Das allgemeine Jauchzen der Bevölkerung, die unzähligen Zeichen der Liebe, Dankbarkeit und Ehrfurcht, die dem ruhmgekrönten Heldengreis von Jung und Alt, von Arm und Reich, von allen Ständen und Confessionen entgegengebracht, und die wohlgelungenen rauschenden Feste voller Glanz und Pracht, die zu Ehren des erlauchten Gastes und der ihn begleitenden Paladine seines Ruhmes gegeben wurden, besonders aber der ganze bestrickende Zauber, den die Kunst in die Festesfreude wob – all' dies vereinigte sich zu einem Gesammtbild voll entzückender und wohlthuender Harmonie.

Längs der „Pfaffenstraße“ des neuen deutschen Reiches ist dem hohen Schirmvogt der Gewissens- und Glaubensfreiheit, der ebensowenig wie sein großer Kanzler nach Canossa gehen will, eine Aufnahme zu Theil geworden, wie sie zu Ehren Kaiser Wilhelm's bisher noch in keinem Theile der Monarchie schöner und großartiger veranstaltet wurde, und wahrlich der brausende Jubelgruß, der dem geliebten Herrscher auf Schritt und Tritt folgte, wird sich in seine Gold- und Lorbeerkrone als ein grünes und unverwelkliches Eichenblatt flechten; ja diese so bedeutungsvolle und beziehungsreiche Kaiserfahrt wird auch, wenn nicht alle Zeichen trügen, ein Scherflein dazu beitragen, daß die durch die Hetzkapläne irregeleiteten Gemüther eines großen Theiles der rheinischen Katholiken sich wieder Kaiser und Reich zuwenden, denn:

Wo Lieb' und Treu' sich so dem König weihen,
Wo Fürst und Volk sich reichen so die Hand,
Da muß des Volkes wahres Glück gedeihen,
Da blüht und wächst das schöne Vaterland.

Der Kaiser reiste mit seinem hohen Gefolge am 1. September, Abends 11 Uhr 35 Minuten von Berlin mit der Lehrter Bahn ab, um, wie Jedermann weiß, den großen Herbstmanövern des siebenten Armeecorps auf der Goltzheimer Haide, in der Nähe Düsseldorfs, beizuwohnen. Nachdem er am Sedantage den Geheimen Commerzienrath Krupp in Essen besucht und die großartigen Werkstätten des erfindungsreichen, genialen Kanonenkönigs in Augenschein genommen hatte, langte er um 7 Uhr 30 Minuten desselben Tages in Benrath an. Die Locomotive „Gravelotte“, welche die kaiserlichen Extrazüge, bestehend aus zahlreichen Waggons, führte, war sehr sinnig geschmückt worden. Vorn an derselben befand sich das königliche hohenzollernsche Wappen; über demselben erhob sich ein Adler mit der deutschen Kaiserkrone auf dem Kopfe; rechts und links waren die Wappen der Städte Köln und Minden angebracht; hinter denselben, scheinbar aus denselben emporwachsend, erblickte man die Symbole des Landes und der Industrie; die beiden Puffer stellte die eisernen Kreuze aus den Jahren 1813 und 1870 vor; vorn, hoch oben an der Maschine, war ein Strauß von Kornblumen, der Lieblingsblume des Kaisers, angebracht. Die Maschinen und Tender waren durch Fahnen und Kreuze geschmückt.

Der Kaiser sah sehr rüstig und frisch aus, als er mit elastischem Schritte aus dem Salonwagen stieg, um in Begleitung der Erbprinzessin von Hohenzollern, die der Monarch herzlich küßte, den Empfangssalon aufzusuchen. Zum Empfange des Kaisers und seiner welthistorischen Suite waren hier unter anderen anwesend: Der Erbprinz von Hohenzollern, der Fürst zu Wied, der Kriegsminister von Kameke, der Oberpräsident der Rheinprovinz, von Bardeleben, der Oberpräsident von Westfalen, von Kühlwetter – ja, wer zählt die Völker, die alle gastlich hier zusammenkamen? Wahrhaft orkanartig waren die begeisterten Hoch- und Vivatrufe der nach vielen Tausenden zählenden Menge, als dieselbe den Kaiser erblickte. Der hohe Herr grüßte freundlich nach allen Seiten; nachdem er im Empfangssalon Cercle gehalten, begab er sich über die Rampe des Bahnhofes zu den ihn erwartenden Wagen, um nach dem Benrather Schlosse zu fahren, wo er bekanntlich während der Manövertage bis zum Abend des 8. Septembers residirte. Erst einige Stunden nach dem Eintreffen des obersten Kriegsherrn trafen auch die Kaiserin, das kronprinzliche Paar und deren Tochter, die liebliche, in Jugendblüthe prangende Prinzessin Charlotte, denen insgesammt die Anwesenden gleichfalls nicht endenwollende stürmische Huldigungen entgegenbrachten, im Benrather Schlosse ein.

Es würde den mir zugewiesenen Raum übersteigen, wollte ich alle Einzelheiten des kaiserlichen Siegeszuges den Rheinstrom entlang hier aufzählen; ich muß es mir daher versagen, z. B. den großen Zapfenstreich zu schildern, der am Abend des 2. September im Schloßgarten zu Benrath von siebenhundert Musikern den allerhöchsten und höchsten Herrschaften gebracht wurde. Ich kann auch die am 3. September stattgehabte glänzende große Parade auf dem Manöverfelde nur flüchtig berühren, wie verlockend es auch wäre, das glänzende militärische Schauspiel und das imposante Volksfest zu beschreiben.

Erwähnen will ich nur, daß wie Donnerhall und Wogenprall das Hurrah von Hunderttausenden erbrauste, als der oberste Kriegsherr an der Spitze seines Gefolges, in dem alle Armeen Europas vertreten waren, mit dem flatternden Helmbusch auf schwarzem Rappen erschien, und ebenso als die Kaiserin in einem offenen sechsspännigen Wagen, auf dem Haupte einen schwarzen mit weißen Federn garnirten Hut, in weißem mit goldgestickten Borden garnirtem Mantel angefahren kam, wobei ich nicht vergessen darf, daß an der Seite von Fürsten und Generälen auch die Kronprinzessin des deutschen Reiches in der kleidsamen Husarenuniform ihres Regiments nebst ihrer Tochter Prinzeß Charlotte hoch zu Roß einhergaloppirte. Auch muß ich es unterlassen, die Residenz des Kaisers, das Benrather Schloß, im üppigsten Rococostil erbaut, dessen Verzierungen und Embleme auf die ursprüngliche Bestimmung desselben als eines Jagdschlosses hindeuten, mit seinem weiten Park und Königszelt, seinen prächtigen Terrassen, [658] Alleen, Wasserleitungen und Cascaden auch nur flüchtig zu skizziren – ich kann nur nochmals nachdrücklich hervorheben, daß die Rheinländer überall, wo der Landesherr erschien, alles aufboten, um dem siegreichen Einiger Deutschlands ihren vollen und herzlichen Dank für seine großen Verdienste um das Vaterland darzubringen. Während der ganzen Kaiserwoche hatte Düsseldorf sein schönstes Festkleid angelegt; was nur der menschliche Sinn erdenken konnte, war in den Hauptstraßen als Zierde angebracht worden; die Paläste sowohl wie die Hütten hatten sich mit Land und Guirlanden geschmückt, und die Kaiserbüsten, Bilder, Blumen- und Gewächsverzierungen, Fahnen und Flaggen und die mannigfaltigsten, prachtvollsten Illuminationen gaben der Park- und Teichstadt ein in hohem Grade fesselndes Gepräge.

Den Mittel- und Glanzpunkt der Kaisertage am Niederrhein bildeten die beiden Feste, die Düsseldorf seinem erlauchten Gaste darbot, nämlich das Fest der rheinischen Provinzialstände und das des Künstlervereins „Malkasten“. Am 5. September 4 Uhr 50 Minuten verkündete das Läuten sämmtlicher Glocken und Kanonendonner den Einzug des ersten deutschen Kaisers in Düsseldorf.

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Das Benrather Schloß bei Düsseldorf.
Nach der Natur aufgenommen von Wilhelm Beckmann in Düsseldorf.

Ungeheuer war der Jubel der Menge, als der Kaiser an der Seite der Kaiserin in eleganter, mit sechs Rappen bespannter Equipage im Schritt durch die Reihen fuhr und von zahlreichen, festlich gekleideten jungen Mädchen mit Blumen wahrhaft überschüttet wurde. Vom Köln-Mindener Bahnhofe bis zum Bergisch-Märkischen, wo die Ehrenpforte errichtet war, hatten an dem durch reichbeflaggte Festons bezeichneten Wege zunächst weißgekleidete und Blumenbouquets tragende Schülerinnen der Stadt, dann weiter durch die Königsallee bis zur Tonhalle, wo das Ständefest stattfand, etwa 20,000 Mann von Krieger-, Landwehr-, Schützen-, Bürger-, Männergesang- und Turnvereinen im Festschmuck mit ihren Fahnen, Waffen etc. Aufstellung genommen. Den Anfang der Straße, durch welche sich der kaiserliche Zug bewegte, bezeichnete die gegenüber dem Bergisch-Märkischen Bahnhofe errichtete Ehrenpforte. Vier korinthische, auf hohen Basen ruhende Pilaster trugen eine Attika, welche das Kaiserwappen in Mitte einer Fahnentrophäe krönte. Die Capitäle der Pilaster waren in höchst origineller Weise aus frischen Blumen gebildet, welche mit der dunklen Stirnfarbe des würdevollen Baues auf das Reizvollste contrastirten. Ueber dem Einfahrtsbogen las man die Inschrift:

„Dem deutschen Kaiser Wilhelm I.

Auf der Pfeilerbasis stand links folgende Strophe:

“Willkommen, Kaiser, an des Stromes Strand,
Den Du beschirmst mit fester, starker Hand!
Mög' Gott den vollsten Segen Dir verleih'n!
Dies wünscht Dir Düsseldorf am deutschen Rhein.“

Auf der rechten Seite las man:

„Wie Sturm und Blitz im Kriege,
Doch demuthsvoll im Siege,
Vor Gott ein Kind, im Feld ein Held –
Nun ist's mit Deutschland recht bestellt.“

Auf der der Stadt zugekehrten Seite standen an den Pfeilerbasen folgende Verse. Auf der rechten Seite:

„Gehämmert hat beim Kugelpfeifen
Das Schwert der Kaiserkrone Reifen,
Doch Milde und Gerechtigkeit
Den schönsten Kranz der Krone leiht.“

Auf der linken Seite war zu lesen:

„Der reichste Kranz von Ruhm und Ehr'
Den Herrscher ziert, doch ziert noch mehr
Gerechtigkeit und frommer Sinn
Den Sohn der Heldenkönigin.“

An dieser Ehrenpforte machte der kaiserliche Wagen Halt und hielt der Oberbürgermeister Becker eine kurze Ansprache an den Monarchen, während ein junges Mädchen dem Kaiser einen außerordentlich schönen Blumenstrauß mit Kaiserkrone und allerhöchsten Namenszügen, aus Kornblumen und weißen Rosen zusammengesetzt, überreichte, welchen der Kaiser seiner Gemahlin übergab, die nach allen Seiten, freundlich lächelnd, Grüße zuwinkte. Dem kaiserlichen Wagen folgte der Kronprinz nebst Gemahlin, dann die übrigen hohen Herrschaften in zehn bis zwölf Wagen. In der Tonhalle angekommen, begab sich der Kaiser mit seinem Gefolge in den zum Kaiserzimmer umgewandelten kleinen Saal. In dem Rittersaal hatten die sechshundert Gäste der rheinischen Provinzialstände die etiquettenmäßig vorgeschriebene Aufstellung genommen. Der Kaiser ließ sich die Militär- und Civilbehörden, die Geistlichkeit, die Vertreter des Provinziallandtages und des Kreises vorstellen und hatte fast für Jeden ein freundliches und treffendes Wort. Dann schritt man zur Tafel. Die [659] Provinzialstände hatten für das Kaiserbankett hunderttausend Mark bewilligt. Ich brauche es daher nicht erst besonders zu betonen, daß für diese Summe treffliche Speisen und Weine beschafft worden waren, aber die Hauptwürze des Festes bildeten selbstverständlich die Toaste.

Gegen sieben Uhr Abends trat der Fürst von Wied zur Seite der Kaisertafel und dankte im Namen der Stände dem Kaiser, daß er das Fest angenommen und dadurch Gelegenheit gegeben, von der Rheinprovinz ein kleines Zeichen der Freude, der Anhänglichkeit und des Dankes zu empfangen. Er feierte den Kaiser, weil er durch sein tapferes und vorzügliches Heer die schönen und lieblichen Fluren der Rheinprovinz vor der französischen Invasion bewahrt habe. Ein dreimaliges, feuriges Hoch erklang durch den Saal nach dieser Ansprache. Der Monarch schüttelte dem Fürsten von Wied die Hand, als derselbe wieder seinen Sitz ihm gegenüber eingenommen hatte. Einige Minuten darauf erhob sich der Kaiser und dankte der Versammlung mit kräftiger, weithin tönender Stimme.

Er betonte namentlich seine Anhänglichkeit an die rheinischen Lande und bezeichnete die acht Jahre, die er einst in denselben verlebt, nachdem sein königlicher Bruder ihn in bewegten Tagen an den deutschen Strom gesandt, als eine ihm unvergeßlich schöne Zeit. Er freute sich der Anhänglichkeit und Treue der Rheinprovinz und Westfalens an das große Deutschland und legte den Repräsentanten derselben die Pflege dieser Gesinnungen im Volke an's Herz.

Unendlicher Jubel folgte auf die schlichten Worte des Heldengreises. Nachdem noch der Vicelandtags-Marschall, Herr Geyr von Schweppenburg, ein Hoch auf die Kaiserin, den Kronprinzen, dessen Gemahlin und das kaiserliche Haus ausgebracht, verließ der Kaiser mit seinem Gefolge unter den lebhaftesten Hochrufen der Versammelten den Saal. Hierauf bestiegen Seine Majestät und der Hof die Wagen, um die Illumination zu sehen. Die ganze Stadt war feenhaft beleuchtet. Um neun ein Viertel Uhr kam der Kaiser auf dem Köln-Mindener Bahnhofe an und begab sich sofort mit dem Extrazuge nach Benrath zurück. Beide Majestäten dankten wiederholt dem Herrn Oberbürgermeister Becker sowohl für die glänzende Illumination wie auch für den herzlichen Empfang. Das Kaiserpaar sprach besonders seine Zufriedenheit darüber aus, daß das Fest ohne jegliche Störung verlaufen war.

Noch viel großartiger war das Feenfest, welches Tags darauf, am 6. September, die Nixe der Düssel in dem geweihten Lieblingshain der Musen, dem reizenden und liebliche Fleckchen Erde, genannt „Malkasten“, dem Kaiser Wilhelm geboten. Die Schilderung dieses Festes ist der eigentliche Zweck des gegenwärtigen Berichtes, und so wird er denn in seiner Schlußabtheilung (in einer der nächsten Nummern) die Feerien des „Malkastens“ zu skizziren versuchen. Zu einem besonderen Schmucke dürften diesen Schilderungen einige noch im Schnitt befindliche Originalzeichnungen des Düsseldorfer Malers Wilhelm Beckmann gereichen, welche die Hauptmomente des Malkastenfestes darstellen werden.

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Die Gartenlaube (1877) b 697.jpg

Der Nixenteich aus dem Malkastenfeste zu Düsseldorf.
Nach der Natur aufgenommen von Wilhelm Beckmann in Düsseldorf.

[698]
2. Das Malkastenfest.
(Mit Abbildung.)


Natur und Poesie hatten sich bei diesem Feste, welches von dem schönsten Wetter begünstigt war, zu einem Gesammtbilde vereinigt, das lebhaft an die prächtigen Märchen aus „Tausend und einer Nacht“ erinnerte. Die Künstler des Malkastens hatten auf's Neue bewiesen, daß sie zu den gottbegnadeten Zauberern im Reiche der Phantasie und Poesie gehören, die Herz und Sinn derartig gefangen zu nehmen wissen, daß man den bekannten Warnungsruf Karl Simrock's erst recht versteht:

„Dich bezaubert der Laut; Dich bethöret der Schein;
Entzücken faßt Dich und Graus;
Nun singst Du nur immer am Rhein, am Rhein
Und gehst nicht wieder nach Haus.“

Vor dem Haupteingange des sogenannten Hinterlocals im Malkasten war ein zeltartiger Vorbau errichtet, wo sich die Garderoberäume für die allerhöchsten Herrschaften befanden. Nachdem der Kaiser mit seinem Gefolge gegen sieben Uhr Abends den Wagen verlassen, betrat er das Vestibül, welches ebenso wie der Hauptsaal auf das Prachtvollste decorirt worden war. Die fremdherrlichen Officiere hatten sich rechts und links von den für die höchsten und hohen Herrschaften hergerichteten Logen eingefunden. Die Kaiserloge sowohl wie das hinter dem Winterlocale erbaute Theater war nur für diesen einen Abend errichtet und umfaßte mehr als zweihundertundneunzig Personen; die Sitzplätze für die Mitglieder des Malkastens befanden sich zwischen dem Theater und der Kaiserloge und boten für etwa achthundertundfünfzig Personen Raum.

Nachdem die Majestäten und anderen hohen Herrschaften am Eingange von dem Vorstande des Malkastens empfangen und in den Saal geleitet worden, begann das Vorspiel auf der kleinen Bühne daselbst. Der Führer des ganzen Abends, Professor Camphausen, richtete in der Maske des „wilden Mannes“ aus dem preußischen Wappen an die Majestäten eine sinnige dichterische Ansprache, Bezug nehmend auf eben dieses Wappen selbst, welches von Grün und Blumen auf der Bühne prachtvoll hergestellt war. Hierauf geleitete er die hohen Gäste zu ihren Sitzen vor das provisorische Theater. Das festlich gekleidete Publicum begrüßte das Kaiserpaar nebst Gefolge durch Erheben von den Plätzen. Nach dem mit lebhafter Wärme gesprochenen Prolog, der mit einem Hoch auf das kaiserliche Haus endete und mit Orchestertusch begleitet wurde, begann das von dem Maler Karl Hoff verfaßte Festspiel, das sich durch edle Sprache, reiche Phantasie und glühende Vaterlandsliebe auszeichnete. [699] Zunächst ertönten die Klänge der Ouverture. Der Vorhang theilte sich langsam und der Raum eines Gartens in später Abendstunde war sichtbar; in demselben sind die „Alten“ mit ihrem Meister versammelt. Ein Anflug grotesker Komik zeichnet ihre Erscheinung aus; hierauf stürzt ein Jüngling herein und erzählt, daß große Dinge nahen: ein Weib in Waffen errege rings das Land. Hinter der Scene tritt nun „Germania“ (Fräulein Haverland, königlich sächsische Hofschauspielerin) mit sechs in deutsche Farben gekleideten Pagen auf und heischt von den Aeltesten, daß sie dem hohen Herrn am Abend eines mühevollen Tages die Zeit verkürzen; die Kunst rühme sich ja der ewigen Macht des Schönen. In der That erscheinen „Geschichte“ (Fräulein Irschick, bayerische Hofschauspielerin aus München), „Sage“ (Fräulein Schauenberg aus Berlin) und „Kunst“ (Fräulein Herrmann vom Stadttheater zu Düsseldorf), um durch ihre Darstellung die Poesie des Festes zu erhöhen.

Das Festspiel entrollte nun sowohl in Bildern wie in Worten den geschichtlichen Entwickelungsgang des deutschen Reiches und trug durchaus das Gepräge der Geschichte, Poesie und Sage des Rheins.

„Der Germanenzug“, arrangirt von Professor A. Baur, Decoration gemalt von Professor A. Achenbach, „Der mittelalterliche Zug“, arrangirt von Grot-Johann, Decoration gleichfalls von Achenbach, „Der Jagdzug“ aus dem 17. Jahrhundert, Arrangement und Decoration von W. Simmbe, „Der Befreiungskrieg“, arrangirt von W. Hünten, Decoration von Professor Achenbach, und „Friedensbild aus der Gegenwart“ (Winzer und Hochzeitszug), arrangirt von Professor Vautier, Decoration von H. Deiters – das waren die fünf Bilder, welche in wahrhaft vollendeter Weise vorgeführt wurden. Die zu diesen Zügen benutzten Decorationen waren als fortlaufende Wendeldecorationen angenommen und zeichneten sich in der Auffassung als echt künstlerische Arbeiten aus. Die Züge wirkten namentlich durch Pracht, Reichthum, Charakteristik und historische Treue der Costüme. Der Kaiser und die Kaiserin applaudirten bei verschiedenen Scenen der Züge, namentlich als im vierten Bilde der Marschall „Vorwärts“ hoch zu Rosse erschien. Dem Vorstande des Comités des Malkastens äußerte Seine Majestät in überaus herzlichen Worten seinen Dank. Ebenso animirt war der Kronprinz und die Kronprinzessin sowie das Gefolge, welches einstimmig der Meinung war, daß nach diesem Feste dem Kaiser kein würdigeres mehr geboten werden könnte.

Nach einer Pause von etwa zwanzig Minuten, während welcher die hohen Gäste einige Erfrischungen zu sich nahmen, begann der zweite Theil des Festspieles. Wieder lud Meister Camphausen, der „wilde Mann“ im Frack, Ihre Majestäten zu einem Rundgang durch den Garten, durch das Reich der Feen ein.

Der Zug setzte sich in feierlichem Tempo durch eine triumphbogenartig erleuchtete Ulmenallee in Bewegung. Vorauf schritten sechs Trabanten, welche sechs Riesenballons trugen. Zu beiden Seiten der Allee waren sechs colossale etwa fünfundzwanzig Fuß hohe Transparents errichtet, welche die „rheinische Sagenwelt“, von den ersten Meistern Düsseldorfs gemalt, darstellten. Aber was am Nixenteich wartete, übertraf die Vorstellungen der kühnsten Phantasie. Auf dem Teiche schwammen rothe und weiße hellerleuchtete Wasserrosen von riesigen Dimensionen, die einen märchenhaften Schimmer über die spiegelglatte Fläche des Teiches warfen. Mitten in demselben erhob sich ein zackiger Felsen, auf dessen Höhe Rheinnixen in weißen schilf- und rebenumkränzten Gewändern sichtbar wurden. Das war ein Elfenhain voll Pracht und Lieblichkeit, wie ihn das Auge selten schaut. Auf der gegenüberliegenden Seite der Düssel begann alsdann der „Elfentanz“ bei bengalischer Beleuchtung der Grotte, wie auch des zunächst liegenden Gartens und des Teiches. Während des Elfentanzes kam aus der Felsengrotte eine silberne von zwei Schwänen gezogene Gondel geschwommen; von einem schilfbekränzten Meermann gerudert, bewegte sie sich auf das kaiserliche Paar zu. Im Vordergrund standen die „Sage“ und die „Poesie“ und boten dem Kaiser zwei Eichenkränze dar. Hell leuchteten die Ufer von grünem und violettem Lichte; der Kahn zog silberne Furchen über den stillen See; leise erklang die von Jul. Tausch componirte und ausgeführte Musik, und einige Minuten lagerte ehrfurchtsvolles Schweigen über der Festversammlung.

Welch ein Schauspiel – aber ach, ein Schauspiel nur! Ein Traum voll Poesie, eine zauberhafte Märchenwelt, wie sie nur ein genialer Künstlergeist erdenken konnte. Man träumte von den Rosen von Schiras und lauschte den Erzählungen der Scheherezade; geheimnißvoll neigten die alten Ulmen des Malkastengartens ihre Häupter; ein würziger und milder Septemberabend fächelte Kühlung, und aus der Fluth stieg der Rheinzauber empor, ein jubelnder Chor aber ließ tausendstimmig das Lied von Kaiser und Reich über den deutschen Rhein in die stille Nacht hinaus erschallen.

Nachdem der Kaiser seinen Platz am Teiche verlassen hatte, begannen die im ersten Theil des Festspiels vorkommenden Züge ihren Fackelzug unter rauschender Militärmusik durch den Garten. Der Kaiser nahm mittlerweile seinen Sitz im Sommerlocal ein und sah von hier aus sämmtliche Züge an sich vorüberziehen. Wer je einem Gartenfest des Malkasten beigewohnt hat, kennt den Reiz, welcher in einem Fackelzuge desselben liegt. Die Figuren in den verschiedenen Costümen, von einem flackernden und unbestimmten Lichte beleuchtet und sich widerspiegelnd in dem Wasser der Düssel, hatten etwas ungemein Charakteristisches. Als der Zug bei der Kaiserbrücke angelangt war, brachte sowohl er wie das Publicum ein letztes Hoch auf den Kaiser aus, womit das Fest gegen zehn Uhr Abends einen würdigen Abschluß fand.

Welch tiefen Eindruck das Malkastenfest auf den Kaiser gemacht, geht aus dem warmen Dankschreiben desselben hervor, welches durch die Presse nunmehr genugsam bekannt geworden ist, so daß wir es hier wohl nicht zu wiederholen brauchen.

Der Abend des 6. Septembers wird in den Annalen des Düsseldorfer Malkastens mit goldenen Lettern verzeichnet stehen, und die Kaisertage in Düsseldorf werden sicherlich stets zu den angenehmsten Erinnerungen unseres ruhmgekrönten Herrschers gehören.

Adolph Kohut.