Die „Hertha-Woche“ im Goldlande

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Autor: Theodor Kirchhoff
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Titel: Die „Hertha-Woche“ im Goldlande
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 522–524
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die „Hertha-Woche“ im Goldlande.


Von Theodor Kirchhoff.


„Die deutsche Dampfcorvette ‚Hertha‘ liegt in Hongkong – nur eine Weile Geduld, und sie wird unsern Hafen anlaufen,“ so hieß es im Maimonate in San Francisco. Welches deutsche Herz in der fernen Goldstadt hätte nicht höher geschlagen bei dieser Kunde! Schnell wurde ein festlicher Empfang beschlossen und vorbereitet. Aber dem schnellen Zurüsten folgte ein langes Harren. Endlich und ganz unerwartet am Nachmittage des 5. Juni verbreitete die Nachricht sich wie ein Lauffeuer in der Stadt: „die ‚Hertha‘ ist da!“

Und richtig! diesmal war es keine Täuschung. Rasch hatte sich eine bedeutende Menschenmenge auf den Quais versammelt, welche das eine Strecke weit in der Bai ankernde erste deutsche Kriegsschiff in diesem Hafen mit Hurrah und Tücherschwenken bewillkommnete. Schwarz-weiß-rothe Fahnen kamen überall in der Stadt zum Vorschein, und es mußte an dem erregten Treiben der deutschen Bevölkerung San Franciscos jedem Uneingeweihten sofort klar werden, daß sich etwas Besonderes ereignet habe. Wie wir später erfuhren, kam der Bemannung der „Hertha“ die Ordre, nach San Francisco zu segeln, ganz unerwartet. Als der Befehl dazu in Yokohama, wohin die Corvette von Hongkong ausgefahren war, von der Admiralität in Berlin eintraf, war der Jubel auf dem Schiffe ein großer. Man hatte, namentlich in der Gartenlaube, während des Krieges so viel von den glänzenden patriotischen Festen der Deutschen San Franciscos gelesen, daß der Wunsch, dorthin zu kommen, ein allgemeiner war. Der Befehlshaber der „Hertha“ äußerte später während einer Festlichkeit im hiesigen „Thalia-Verein“, daß er namentlich deshalb mit seinem Schiffe nach San Francisco gesandt sei, um den Deutschen dieser Stadt ein Compliment zu machen, ihnen zu beweisen, wie sehr man im alten Vaterlande ihre großartigen Anstrengungen und Leistungen während des letzten Krieges gewürdigt habe, und ihnen für ihren Patriotismus zu danken.

Der über bedeutende Geldmittel gebietende „San Francisco-Verein“ stellte den Officieren der „Hertha“ sein prachtvolles Local zur freien Verfügung, und dorthin verlegten dieselben denn auch sozusagen ihr Hauptquartier. Fast an jedem Abende dauerten daselbst die geselligen Zusammenkünfte, bei denen der edle Schaumwein massenweise floß, bis zwei und drei Uhr Morgens; den deutschen Marineofficieren war, wie sie offen gestanden, eine solche verschwenderische Gastfreundschaft noch gar nicht vorgekommen. Ebenso fanden sie selbstverständlich in den deutschen Familien die freundlichste Aufnahme.

Denselben herzlichen Empfang wie ihre Vorgesetzten hatte auch die Mannschaft des deutschen Kriegsschiffes. Es war eine wahre Freude, sich mit diesen aufgeweckten und schmucken Burschen zu unterhalten. Man stellte Vergleiche an zwischen ihnen und den hier oft gesehenen Seeleuten anderer Nationen, und es war nur eine Stimme darüber, daß unsere Landsleute an Intelligenz und Benehmen jenen weit voranständen. Die Stadtpolizei erstaunte darüber, daß bei den fortdauernden Festlichkeiten gar keine unfreiwilligen Gäste von der „Hertha“ in ihren vergitterten Empfangslocalen Quartier fanden. Wenn amerikanische, englische, französische oder russische Kriegsschiffe im Hafen lagen, so zählte man täglich auf durchschnittlich ein Dutzend bis zwanzig Arrestanten von den Theerjacken, die wegen Trunkenheit und Lärmens in den Straßen und Kneipen aufgegriffen und eingesteckt wurden; nicht ein Matrose von der „Hertha“ hat in San Francisco die Stadtgefängnisse mit seinem Besuche belästigt. In den Bierkellern sah man die wackeren Burschen gemüthlich zechend, ihren hiesigen Landsleuten von ihren Reisen erzählend und sich vom Goldlande erzählen lassend; Arm in Arm wanderten sie mit ihren neuen Freunden durch die Stadt, und diese zeigten ihnen die Sehenswürdigkeiten des Ortes. Von Geldausgaben seitens der Matrosen war nicht die Rede. Dies wurde ihnen einfach unmöglich gemacht. Wohin sie kamen, wurden sie freigehalten, oder es fand sich gleich ein deutscher Bürger, der die Rechnung berichtigte; selbst in den Cigarrenläden nahmen die Verkäufer nur selten Zahlung von den wackeren deutschen Seeleuten an.

Fast scherzhaft schien es, den Officieren und Mannschaften der „Hertha“ zuzuhören, wie wohl es ihnen hier war, wie sie Alles so anheimelte, gerade als wären sie wieder daheim in Deutschland. Während drei langer Jahre hatten sie den Continent von Asien, vom rothen Meere bis nach Japan, umkreuzt und, obgleich sie in vielen Häfen gewesen, doch nur wenig von deutschem Leben gesehen. Der Umgang mit deutschen Frauen war dort fast ganz von ihnen entbehrt worden. Kein Wunder, daß sie sich hier unter ihren Landsleuten nun so recht heimisch fühlten!

Das Schiff selbst hatte täglich viele Tausende von Besuchern. Von den Deutschen strömte Jung und Alt dorthin, um auch einmal die Krupp’schen Baßposaunen zu inspiciren und den Fuß [523] auf das Deck eines deutschen Kriegsschiffs zu setzen. Mütter mit Säuglingen auf dem Arm, junge Mädchen, Männer, Frauen und Kinder drängten sich an Bord, wo die dienstthuenden Officiere nicht müde wurden, Erklärungen über Armirung etc. und namentlich über die gewaltigen Hinterlader zu geben. Auch Amerikaner besuchten zahlreich das Schiff, sogar der Bürgermeister der Stadt San Francisco und die commandirenden Generale des hier in Garnison liegenden Militärs, und zwar in officieller Stellung.

Am Sonntage und Montage, den 9. und 10. Juni, fand ein großartiges Minerfest in den „City Gardens“ statt, um unseren Gästen ein getreues Bild von dem Leben und Treiben in einem californischen Minenlager vor Augen zu führen. Etwa zweihundert von der Mannschaft und den Marinesoldaten der „Hertha“ marschirten in Begleitung einer starken Zahl alter californischer Goldgräber, worunter viele Amerikaner, durch die Hauptstraßen der Stadt nach dem Festplatze. Letztere bildeten, in echter Minerkleidung, eine höchst charakteristische Gruppe. Voran wurde die Bärenflagge getragen, das alte Wahrzeichen Californiens; dann kam der Präsident der Minergesellschaft, mit einem riesigen Goldklumpen in der Hand. Darauf folgten zwei Trapper, in mit Schnüren besetzten enganschließenden Lederhosen und Lederwamms und in vollständiger Hinterwäldlerausrüstung; dann ein Indianer nebst einer verwahrlost bekleideten Squaw, letztere mit den allen Indianerfrauen eigenthümlichen kurzen Schritten neben ihrem mit Hahnenfedern in dem schwarzen struppigen Haar, mit Perlenstickereien, Mocassins, elegant bemaltem Antlitz etc. auf’s Täuschendste copirten Gemahl hertrabend, der mit stoischer Miene die ihn bewundernde Straßenjugend musterte. Jetzt kam der Haupttheil des Zuges in groteskem Minercostüm, wilde Gestalten mit langem Haupthaar und riesigen Bärten, schwere Gewehre auf der Schulter und Revolver im Gürtel tragend, in breitkrämpigen, schlotterigen Hüten, mit Sackleinewand geflickten Hosen, bunten Hemden, langen Stiefeln etc., welche mit Lebensmitteln, Blechgeschirr, Minenwerkzeugen, Säcken Mehl, rohem Fleisch, Wolldecken etc. hochbeladene Packthiere an Stricken hinter sich her zogen, – ein treffendes Bild einer wandernden Goldgräbergesellschaft. Einen crassen Gegensatz zu dieser phantastisch gekleideten Schaar bildeten die zu zwei und zwei in langer geschlossener Reihe marschirenden Seeleute der „Hertha“, mit ihren weißen Mützen und flatternden Bändern daran, breiten Umschlagkragen und blauen, mit gelben Knöpfen besetzten Jacken, welche von den zu Tausenden an den Straßen stehenden Bürgern mit lautem Zuruf bewillkommnet wurden.

In den „City Gardens“ wurde ein bereits hergerichtetes Minenlager bezogen. Inmitten einer hin und her wogenden dichten Menschenmenge – es besuchten etwa fünfzehntausend Personen den Festplatz – wurde dort am Rande eines Teiches goldhaltige Erde ausgewaschen; den „Rocker“, die „Arrastra“, die „Sluicekasten“ (Goldwaschrinnen) sah man in Arbeit, um den Proceß des Goldgewinnens zu veranschaulichen. Es waren Preise für das beste Minen ausgesetzt worden und die Goldwäscher arbeiteten mit einem Fleiße, als befänden sie sich hier in einem berühmten „Digging“. Nebenan standen rohgezimmerte windschiefe Minerhütten, wo auf verwahrlosten Kochöfen „Flapjacks“ (eine Art primitiver Pfannkuchen) gebacken wurden und andere Miner Siesta hielten. Ein den Namen „Panama Hôtel“ führendes Gasthaus war von Boarders (Kostgängern) gefüllt, welche dort ein originelles Faullenzerleben führten und auf ein „Big Strike“ (eine riesige Goldentdeckung) warteten. In einem „Store“ wurden, nur für schnöden Goldstaub und zu fabelhaften Preisen, Kleidungsstücke und alle nur denkbaren Handelsartikel feilgeboten. Ein Schlachter hatte sich etablirt und verkaufte den ehrlichen Goldgräbern Hammelrippen etc. für Goldstaub; ein Friedensrichter schlichtete mit der Weisheit eines Solon Händel und Schießaffairen in einer Bude, die den Justizpalast vorstellte; in einer anderen Bretterbude, „Eldorado“ betitelt, wurde mit Karten und Würfeln Hazard gespielt, wobei nur mit Goldstaub und Goldklumpen eingesetzt werden durfte, und wo oft ein grimmiger Wortwechsel stattfand; Claims (Anrecht auf goldhaltigen Boden) wurden ausgesteckt, mancher kostbare Fund gemacht, – genug, es war ein Leben und Treiben wie in einem wirklichen Minenlager. Währenddessen wogte die lebendige Menge in den „City Gardens“ auf und ab; hier lagen groteske Gruppen von deutschen Bürgern mit ihren Gästen von der „Hertha“ auf dem grünen Rasen und im Schatten der Bäume, tranken schäumenden Gerstensaft und fangen und plauderten in froher Lebenslust, dort saßen Reihen von Männern, mit Frauen und Kindern, auf den Bänken. Die Schießstände, das Caroussel waren stets dicht belagert und auf einem unter dem freien Himmel aufgeschlagenen Bretterboden wurde zu rauschender Musik getanzt, daß es eine Freude war!

Ein anderes Bild! Ich befand mich an Bord des deutschen Kriegsschiffs, wo ich meinem Neffen (dem ältesten Sohne meines in Altona wohnenden Bruders, einem flotten „Unterlieutenant zur See“ auf der „Hertha“) einen Besuch abgestattet hatte. Er und seine Cameraden waren ganz entzückt über die liebenswürdige Aufnahme, welche ihnen von Seiten der Deutschen in San Francisco zu Theil geworden war. Wir spazierten auf der hohen „Capitainsbrücke“ langsam auf und ab und redeten von Californien und dem fernen Vaterlande, in unserer Nähe stand ein deutscher Marinesoldat, mit Zündnadelgewehr und in kleidsamer Uniform, und über die bereits dunkelnden Fluthen der weiten Bai blitzten in langen Reihen die Lichter der großen Goldstadt. Da ertönt aus der Ferne Musik, Raketen steigen in die Luft und es naht sich ein von farbigen Lampen glänzender Dampfer. Der Hurrahruf einer dicht auf ihm geschaarten Menschenmenge hallt immer lauter herüber, Schwärmer prasseln und knattern, Raketen auf Raketen sausen in die Luft und streuen zerplatzend, vom Himmel ihre bunten Sterne auf uns hernieder. Zweimal umfährt der Dampfer, auf dessen Vordertheil die Worte „Willkommen Hertha!“ in einem Lichtertransparent schimmern, das Kriegsschiff unter fortwährend prasselndem Feuerwerk; dann ertönen die Klänge des Liedes „Was ist des Deutschen Vaterland“ in schönem vierstimmigem Männergesang. Plötzlich erschallt die schrille Bootspfeife am Bord der Corvette und lautes Commandowort. Am Maste fliegt die deutsche Reichsfahne empor, Matrosen klettern eilig die Strickleitern hinan, lichte Flammen entspringen aus den Enden der Raaen, und Raketen sausen vom Deck hoch in die Luft, während das trefflich eingeübte Musikchor des Kriegsschiffs „Die Wacht am Rhein“ spielt und von der am Bollwerk dichtgeschaarten Mannschaft laute Hurrahs gegeben werden. Dem die „Hertha“ umkreisenden Dampfer ist bald darauf ein anderer, gleichfalls mit bunten Lampen geschmückter gefolgt, den die Turner in dichter Schaar besetzt hatten. Und nun wechselten Musik und Gesang auf den drei Schiffen mit einander ab, und dazwischen prasselte und knatterte das Feuerwerk und erschallten Hurrahrufe, beim Schwenken der Tücher herüber und hinüber, bis die von der Stadt gekommenen Dampfboote sich zur Heimkehr anschickten und unter den Klängen des herrlichen, im vierstimmigen Männerchor gesungenen Liedes „Lebe wohl, du schöner Wald“ (!!) allmählich wieder in das Dunkel entfernten.

Noch ein anderes Bild! – Die Scene spielt in dem jenseits der Bai in idyllischer Umgebung liegenden Landstädtchen Alameda, dessen patriotisch gesinnte deutsche Bewohner zu den Glücklichen gehörten, denen der Befehlshaber der „Hertha“ bei der ihm so kurz zugemessenen Zeit einen Tag für Festlichkeiten zu Ehren seines Commandos bewilligt hatte. Unter dem Geleit der stattlichen Compagnie des „San Francisco-Schützenvereins“ begaben sich am 11. Juni mehrere hundert Seeleute und viele Officiere dorthin, um im Grünen ein echtes deutsches Volksfest zu feiern. Die deutschen Frauen hatten daselbst alle Gärten von Blumen geplündert und im Fahnenschmuck einen überaus anmuthigen Festplatz geschaffen. Jedem Officier und allen Seeleuten wurde bei ihrer Ankunft ein schöner Blumenstrauß überreicht. Der wackere Capitain Köhler von der „Hertha“, ein schlichter, echt deutscher Seemann, den Jeder, der ihn kennen lernte, hochschätzen mußte, wurde bei seinem Eintritt mit einer herzlichen Ansprache empfangen und von jungen Mädchen mit einer prächtigen Blumenguirlande umkränzt. Alle Standesunterschiede waren an diesem Tage verschwunden. Auf dem unter dem grünen Laubdache einer riesigen Lebenseiche aufgeschlagenen getäfelten Boden drängten sich bei den Klängen einer rauschenden Musik Officiere und Matrosen, californische Bürger, Frauen und Mädchen aller Stände im fröhlichen Reigen zwischen einander. Patriotische Reden wurden gehalten, Hochs ausgebracht auf den Kaiser Wilhelm, die Officiere und Mannschaft der „Hertha“, auf Californien, das einige Deutschland etc., und es herrschte ein gehobener Ton, der Jedem der Anwesenden das Herz warm machte. Einer von den Matrosen [524] der „Hertha“ hielt beim Schlusse des Festes eine gewandte und deshalb vielbewunderte Dankrede an die Bürger Alamedas.

Mit einem den Officieren der Corvette vom deutschen „San Francisco-Verein“ am Abend des 12. Juni veranstalteten großen Ball etc. fanden die Festlichkeiten der „Hertha-Woche“ ihren glänzenden Abschluß. Alle Räumlichkeiten des Clublocals waren für das Fest in Anspruch genommen worden. Der Capitain der „Hertha“ hatte eine Menge von Flaggen und Waffenstücken zum Schmuck des Ballsaales bereitwillig zur Verfügung gestellt. Zündnadelgewehre, Säbel und Enterpiken, mit Fahnen und Blumen geschmackvoll verflochten, waren dort pyramidenartig an den Thüren aufgebaut; von der Decke und an den Wänden hingen unter den Fresken (Rheinlandschaften und Scenen aus Figaro’s Hochzeit) die Banner Deutschlands und Amerikas, worunter die prächtige deutsche Reichsfahne; Bilder von Washington und Lincoln, vom deutschen Kaiser, dem Kronprinzen, Bismarck und Moltke zierten, von Immergrün umkränzt, die Wände; die Eintrittshalle und die Zimmer des Clublocals waren in reizende Blumengärten umgewandelt worden; im Billardzimmer, aus dem man die grünen Tische entfernt hatte, war ein Büffet tafelartig aufgebaut worden, das mit den köstlichsten Früchten Californiens, mit Backwerk und Speisen aller Art beladen war, wo Jedermann frei zulangen durfte. Im Mittelpunkte desselben stand ein aus Zuckerwerk kunstvoll gearbeitetes Modell der „Hertha“, welches die Seeofficiere als mustergültig ausgeführt bezeichneten. Lange Eßtafeln waren die ganze Nacht hindurch von mit einander abwechselnden Banketirenden besetzt, – eine in San Francisco ganz neue Festordnung, die allgemeinen Beifall fand. Champagner und Rheinweine flossen in Strömen, Kisten mit den feinsten Havannacigarren boten ihren kostbaren Inhalt Jedermann dar. Alles war frei und unentgeltlich; der Club zahlte für Alles. Hatte sich derselbe doch dieses Fest, an welchem vierhundert bis fünfhundert Personen teilnahmen, dreitausend Dollars Gold kosten lassen! Die Champagnerrechnung allein belief sich auf etwa tausend Dollars. Beim Beginn des Festes wurde jedem Anwesenden mit dem geschmackvoll ausgestatteten Ballprogramm, auf welchem die „Hertha“ abgebildet war, ein Festgruß im Namen des „San Francisco-Vereins“ überreicht, von welchem ich der Redaction der Gartenlaube ein Exemplar übermittele.

Im Ballsaale entfaltete sich ungewöhnliche Pracht und Eleganz. Das Musikchor der Corvette und ein zweites städtisches wechselten die Nacht hindurch ununterbrochen im Spielen mit einander ab. Die Officiere waren sämmtlich in Gala-Uniform erschienen. Der Gouverneur des Staates Californien, der Bürgermeister der Stadt San Francisco und andere hervorragende Amerikaner waren zugegen, um das Fest zu verherrlichen. Auf die Kunstausdrücke von Damentoiletten verstehe ich mich leider nicht – meine lieben Leserinnen im fernen Deutschland werden sich dieselben nach bestem Geschmacke selbst besser, als ich es vermöchte, ausmalen können! –, aber ich nehme das Wort der Officiere dafür an, die bekanntermaßen Kenner von dergleichen Sachen sind, daß sich kein deutscher Hofball derselben zu schämen nöthig gehabt hätte. Unsere Gäste erklärten offen, daß sie sich selbst in Manilla mit den Sennoritas nicht halb so gut als auf diesem Balle amüsirt hätten, und daß sie die deutschen Mädchen Californiens jenen gepriesenen Schönen bei Weitem vorzögen.

Getanzt wurde bis sage sechs Uhr Morgens. Nicht der leiseste Mißton störte das Vergnügen, und es mußte Wunder nehmen, wie sich bei dem massenhaften Verbrauche von edlem Rebensafte, der hier stattfand, Niemand ungebührlich erheiterte. Aber wie jede Freude ein Ende nehmen muß, so auch diese. Der Capitain der „Hertha“ hatte den entschiedenen Befehl erlassen, daß Jeder von den Officieren sowie die Musik des Schiffes Punkt acht Uhr an Bord sein müßten, da die Corvette dann in See gehen sollte. Mit den rauschenden Klängen der „Wacht am Rhein“ fand das Fest seinen Abschluß. Dann sprach einer von den Marine-Officieren noch einige bewegte Abschiedsworte, indem er den Deutschen San Franciscos im Namen aller seiner Cameraden für die beispiellose Gastfreundschaft, welche ihnen hier zu Theil geworden, dankte. Nun noch ein herzlicher Händedruck beim Scheiden – und bald lag eine schöne Erinnerung hinter uns.

Ihr wackeren deutschen Männer auf der „Hertha“ aber, wenn Ihr diese ungeschminkte Schilderung Eures Empfanges in der fernen Goldstadt am Stillen Oceane nach Eurer frohen Heimkehr im alten Vaterlande in unserem deutschen Weltblatte, der „Gartenlaube“, lest, mögen auch Euch dann die hier unter uns verlebten glücklichen Stunden wie ein schönes Traumbild wieder im Geiste wach werden!

San Francisco, Mitte Juni 1872.