Eine Stätte der Menschenliebe und Bürgerehre

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Textdaten
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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Eine Stätte der Menschenliebe und Bürgerehre
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 524–528
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Eine Stätte der Menschenliebe und Bürgerehre.


Am Ostende der Hospitalstraße zu Leipzig sehen wir einen Palast aufragen mit erhabenem Mittelbau und Thurm und gewaltigen Seitenflügeln, über dem dreigetheilten Portal die pünktliche Uhr und die bunte Rosette eine Kirchenfensters, auf dem Giebel das Kreuz. Trotz seiner Großartigkeit erkennen wir doch, daß es weder ein Schloß noch eine Fabrik, weder ein Gefängniß noch ein Kloster sein kann, und gar bald ahnen wir freudig seine Bestimmung, denn schmückt nicht das Sims jedes Fensters, dem die Frauenfreude eines weißen Vorhangs nicht fehlt, eine Reihe von Blumenstöcken? Und hinter den säuberlich gepflegten Pelargonien und Lobelien, den Fuchsien und Petunien, sieht da nicht manches alte gute Menschenantlitz heiter hervor? Auch Nelken und Levkoyen finden ihre Beachtung, und mancher Alte pflegt seinen Epheustock und manches graue Frauenhaupt läßt noch das Auge auf einem Myrthenstöckchen ruhen. Und wie erfreut grüßen sie herab, wenn wir ihnen zuwinken, wir wissen nun: das freundliche schöne Hans umschließt ein rührend schönes Glück. Wir stehen vor einem Palast der Menschenliebe und der Bürgerehre, einer Stiftung, welche alten Männern und Frauen dieser Stadt nach redlich vollbrachtem Tagewerk einen ruhigen, sorgenlosen und friedevollen Lebensabend in gewohnter bürgerlicher Freiheit sichert: das ist das neue Johannisstift zu Leipzig.

Diese Stiftung wuchs aus einem der neunzehntausend „Leprosen“- oder „Sondersiechenhäuser“ hervor, welche durch das Vordringen der morgenländischen Volkskrankheit des Aussatzes (Lepra) im Abendland während der Kreuzzüge nach und nach daselbst errichtet wurden. Diese „Leprosorien“ erhielten in der Regel durch die Anverwandten der unglücklichen Insassen derselben viele und reiche Vermächtnisse und Schenkungen, und so war auch das Leipziger Johannishospital schon zu nicht unbedeutendem Vermögen gelangt, als die Krankheit gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts hier verschwand. Vermögen und Gebäude wurden nun der heutigen Bestimmung zugewandt. Hauptsächlich durch kluge Erwerbung und Verwerthung von Grund und Boden wuchs nach und nach das Stiftsvermögen zu einer Höhe an, daß, als die alten Räume dem Bedürfniß nicht mehr genügten, für einen Neubau über eine runde Summe von vierhunderttausend Thalern verfügt werden konnte, ohne dadurch die Mittel für den Zweck des Stifts zu verkürzen.

Das Johannisstift bietet seinen Insassen Wohnung, Kost und Heizung, dazu ungestörte Ruhe bei freiem Verkehr nach außen. – Anspruch auf Aufnahme im Johannisstift haben nur Bürger und Bürgerinnen, wie auch Schutzverwandte der Stadt Leipzig, die in einem unbescholtenen Leben ihr sechszigstes Jahr erreicht haben und die Verpflichtungen eingehen, welche ein gedruckter und gerichtlicher Vertrag ihnen vorschreibt, als z. B. friedliches und anständiges Betragen, Folgsamkeit gegen die Anordnungen der Stiftsvorsteher, Unterlassung von allem Verkaufen, Vertauschen, Verschenken von Stiftsgaben (Speisen, Getränken, Holz etc.). Jede Person hat ein für allemal ein Einlagecapital von nur zweihundert Thalern zu entrichten und zugleich das Johannishospital zum Erben ihres gesammten künftigen Nachlasses einzusetzen. Auf diese Bestimmung können die Meisten leicht eingehen, denn reiche Leute ziehen nicht in das Stift, sondern solche alte bürgerliche Eheleute und einzelne Bürger oder Bürgerinnen, namentlich aus dem Handwerkerstande, denen das Alter den Erwerb zu schwer oder unmöglich macht. Diese bringen, außer dem Einlagecapital, selten mehr, als ihre Möbeln, Betten, Kleider und dergleichen mit in’s [525] Haus; in Fällen, welche Berücksichtigung verdienen, wird sogar an Jahren und Einlagecapital nachgelassen, um würdigen Personen den Einzug zu ermöglichen. Sollte aber einem Insassen des Stifts eine Erbschaft zufallen, die ihm das Leben auf eigene Faust wieder gestattet, so kann er jeden Augenblick die Anstalt verlassen, muß aber für jedes Jahr des Aufenthalts im Stift achtzig Thaler entrichten und, falls das Einlagecapital die erwachsene Summe nicht deckt, den Rest nachbezahlen. Diese Fälle kommen vor, ja es haben weibliche Bewohner das Stift schon verlassen, um wieder in die Ehe zu treten.

In diesem Hause gewährt sogar das Sterberegister einen wohlthuenden Einblick. Nichts spricht für die sorgfältige Pflege der Alten in diesem Stift besser, als die Zahlen der Altersjahre: weit unter achtzig ist selten ein Insasse geschieden, die meisten sind über achtzig Jahre alt geworden. Und dies geschah selbst zu der Zeit, wo noch die Oekonomiepächter des Stifts auch die Verpflegung besorgten und wo es wohl vorkommen konnte, daß Gesinde und Stiftsleute aus einem Kessel gespeist wurden. Gegenwärtig ist auch diese veraltete Einrichtung beseitigt, die Oekonomie von der Stiftung getrennt, alles Feld verpachtet und der Gebäudecomplex des alten Johannishospitals zu anderen Zwecken verwendet und umgebaut. In das neue Johannisstift ist keinerlei Erwerbszweck mit eingezogen, es ist ausschließlich der Pflege unserer guten Alten gewidmet.

Betrachten wir unser Stift nun in der Nähe. Mit der Oberleitung des Baues desselben war der Leipziger Architekt Lipsius betraut worden, weil dessen in Folge der ausgeschriebenen Concurrenz eingereichter Entwurf den Preis davongetragen hatte. Seine Aufgabe war zwar nur ein Nützlichkeitsbau, aber auch an diesen stellt er die sehr beachtenswerthe Anforderung: „daß er die bezeichnenden Merkmale seiner inneren Wesenheit zur äußeren Erscheinung bringe“.[1] Und daß der Mann sich selbst Wort gehalten, das beweist sein fertiger Bau, und die beigegebenen Abbildungen sind Zeugen dafür.

Ueber die Größe und besonderen Erfordernisse und Ausführungen des Baues müssen wir einige Zahlen sprechen lassen. Die Baustelle nimmt einen Raum von 45,970 Quadratellen ein; sie gehört zum Grundeigenthum des Stifts und zwar zu den Hunderten der kleinen Familiengärtchen des Johannisthals, einer der originellsten, lieblichsten und heilsamsten Anlagen von Leipzig, die leider durch städtische und Staatsbauten immer mehr verkürzt und sichtlich ihrem Untergang entgegengedrängt wird. – Die Länge des Hauptgebäudes, das aus einem Mittelbau, zwei Zwischenbauten und zwei Eckpavillons besteht, beträgt 234 Ellen, die jedes der beiden Flügel 115 Ellen bei einer Tiefe von 25 und einer Höhe bis zum Dachfirst von 41 Ellen. Die Höhe des Mittelbaues vom Straßenniveau bis zum Dachfirst beträgt 49⅛ und bis zur Thurmspitze 84⅜ Ellen.

Zu beiden Seiten des Hauptgebäudes liegt links gesondert ein Wirthschaftsgebäude mit Leichenstube, Secirstube, Auctionslocal, Waschhaus, Pferdestall, Schweinestall, Schlachthaus, Eiskeller und Hausmannswohnung, und rechts das Desinfectionshaus.

Als Mauermaterial brauchte man Granit, Postelwitzer Sandstein und etwa fünf Millionen Stück Ziegelsteine, unter welchen besonders die Verblendsteine von Stange und Müller in Greppin gerühmt werden. Das Dach des Hauptgebäudes, ein Flächenraum von 18,564 Quadratellen, ist mit glasirten Dachziegeln von Rudolph in Meißen eingedeckt, der Mittelbau reicher, die übrigen Gebäudetheile einfacher im Schmuck der rothen, braunen, schwarzen, grünen und gelben Ziegel. Das Schwierigste bot im Anfange der Arbeit die Schiefheit der Baufläche, denn dieselbe war im Johannisthal über zwölf Ellen tiefer als oben an der Hospitalstraße, welcher der Bau seine Fronte zukehren sollte. Nicht weniger als 270,000 Kubikellen Füllmaterial mußten hier aufgefahren werden. Trotzalledem und trotz des großen französischen Kriegs wurde das am 10. April 1869 begonnene Bauwerk im Frühjahr 1872 vollendet, und als der Baumeister das fertige Gebäude den Stiftsvorstehern übergab und diese die Verbrauchssumme von 374,443 Thalern mit der Veranschlagssumme von 402,328 Thalern verglichen, erfreute sie das seltene Glück einer Bauersparniß von nahe an 28,000 Thalern. Daher erlebten die Bauherren, der Bau- und alle Werkmeister einen gerechten Triumph, als der vollendete Bau am 6. Juli dieses Jahres feierlich eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben wurde.

Nunmehr sind die sämmtlichen Insassen des alten Johannishospitals in das neue Johannisstift eingezogen, und wenn wir nun das Innere betreten, begegnen wir überall dem schon eingewohnten Leben. Wie sorglich hier Alles bis auf’s Kleinste für das Alter berechnet ist, erkennen wir gleich an den Treppen: bequemer sind sie nicht herzustellen. Ueber sechs Stufen einer Freitreppe betreten wir durch die mittlere der drei Hauptthüren des Mittelbaues die große Treppenhalle (Vestibüle, vergl. unsere Abbildung), welche den ganzen Raum des Parterre und ersten Stocks desselben einnimmt. Diesen drei Thüren entsprechen drei gleich große auf der entgegengesetzten Hof- oder Gartenseite des Baues. Von beiden Seiten aus schreitet man einer Freitreppe im Innern zu, welche nach links und rechts auf Halbbogen emporsteigend zur ersten Etage des Hauptgebäudes und zunächst zu Vorhallen führt, welche sich trefflich zu Ruhe- und Erholungsplätzchen eignen. Außer dieser Haupttreppe hat das Gebäude noch in den Ausbauten der Flügel gelegene massive Nebentreppen.

Ueber der Treppenhalle des Mittelbaues befindet sich der allgemeine Krankensaal und darüber die Bethalle in Basilikenform. Dadurch scheidet dieser Mitteltheil den Bau so, daß, wenn eine Trennung der Insassen nach Geschlechtern wünschenswerth würde, sie jeden Augenblick eingeführt werden könnte. Besteigen wir eine der Treppen, die uns zu den Corridoren führen. Hier sind zu beiden Seiten die Thüren zu den Wohnungen der Insassen und ist jeder Thür gegenüber die Nische für den Kleiderschrank. Da, wo die Corridors sich kreuzen, im Mittelpunkte der Pavillons, erweitern sie sich zu Rotunden und gewähren für die ganz alten Spaziergänger namentlich bei übler Witterung passende Ausruheplätze; zu trefflichen Plauderstübchen eignen sich auch da sogenannten Lichtfänge, welche das Seitenlicht in die Corridors lassen und zum bequemen Gebrauch beim Kaffeekochen sowie bei der Vertheilung der Speisen und Getränke und der Reinigung der Geschirre mit Kamin, Tisch, Gußstein und Wasserzuführung ausgestattet sind.

Wahrhaft großartig ist die Sorge für die Reinlichkeit in jeder Weise. Durch doppelte Verschlüsse von den Corridors getrennt sind die Privete noch außerdem desinficirt, und ihr Inhalt geht außer dem der Aschen- und Kehrichtrutschen, die Gruben für sich haben, demselben Ziele zu wie der Abfluß aus den Bädern der Küche, der Bäckerei, den Gußsteinen, dem Krankensaale etc., nämlich dem großen Sammelbassin im untersten Raume. Von da wird die ganze desinficirte Masse mittelst Druckpumpe zu dem Desinfectionshause und in das vier Ellen vom Boden hoch stehende Klärbassin gehoben, aus welchem dann das geklärte Wasser in die Straßenschleußen abläuft, während man den festen Rückstand in ein noch höheres Bassin hebt und dann als werthvollen Dünger abführt. Es ist also auch hier, wie im neuen Krankenhause, das Süvern’sche System in großem Stil zur Anwendung gekommen.

Die gleiche Reinlichkeit herrscht auch in den Stuben. Man weiß, wie schwer oft alte Leute zu bewegen sind, die Fenster zu öffnen, um frische Luft einzulassen. Dieser Nothwendigkeit sind sie nun ganz enthoben, denn für frische Luft in jeder Stube sorgt ein Ventilationscanal, der hinter dem Ofen durch Klappen mit dem Corridor in Verbindung steht. Die Ventilation der Corridors, des Vestibüles, des Bet- und Krankensaals, der Küche, Privete etc. wird dadurch bewirkt, daß mit Heizessen verbundene Saugessen die verbrauchte Luft abführen, während die frische, zur kalten Jahreszeit auf zwölf Grad Réaumur erwärmte Luft direct eingeführt wird. Diese Erwärmung der Luft geschieht in sechs Calorifères, welche Ingenieur Kelling in Dresden geliefert hat. Die Zimmerheizung geschieht in Stubenöfen; für die Aufbewahrung des jedem Insassen gewährten Heizmaterials erhält jeder einen Keller- oder Bodenraum, der die Nummer seines Zimmer trägt.

„Wollen Sie nicht eintreten?“ fragt uns ein steinaltes Mütterchen. Sie sagt uns gleich selber, daß sie sechsundachtzig Jahre alt sei und immer so müde Beine habe. Das Mundwerk ging aber mit ergötzlichster Geläufigkeit und aus dem verrunzelten Gesichtchen lachten noch recht muntere Augen. Ihr Zimmer war auf’s Behaglichste eingerichtet, wie wir das auch bei allen anderen fanden. Da Thür und Ofen die dem Fenster gegenüberstehende Wand einnehmen, so sind für Bett und die anderen Möbeln zwei

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Die Gartenlaube (1872) b 526.jpg

Das neue Johannisstift in Leipzig von der Hof- und Gartenseite.
Nach einer Photographie auf Holz übertragen von H. Heubner.



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Die Gartenlaube (1872) b 527.jpg

Die Treppenhalle des neuen Johannisstifts in Leipzig.
Nach einer Skizze von Lachmann[BER. 1] auf Holz übertragen von H. Heubner.

[528] ganze Wände frei. Ueberall fanden wir die Einrichtung des mittleren Bürgerstandes, das jedes Zimmer so behaglich machende Sopha, Secretär oder Commode, oder Beides, Tritt und Nähtischchen vor dem Fenster, Spiegel und Bilder, Vogelhäuschen und Blumenstöcke und – die Vorhänge am Fenster, welch letztere, nebenbei bemerkt, sämmtlich mit Außen- oder Winterfenstern versehen sind, denn die Alten wollen vor allen Dingen „warm stecken“.

„Wie gefällt’s Ihnen denn, Mütterchen, in dem neuen Hause?“

„Ach, gar sehre prächtig, wir leben hier wie im Himmel.“

„Aber giebt es nicht doch auch in diesem Himmel manchmal ein wenig Feindschaft und Streit?“

„Nein, nein, nein,“ wehrte die Alte, mit den Händen eifrig gegen den Verdacht fechtend, ab. „Das wäre ja ganz abscheulich von uns!“

„Nun, aber doch so manchmal ein kleines Zänkchen, nicht wahr?“

„Ja, sehnse nu, freilich, was eben so zum Leben gehört.“

Wir drückten dem offenherzigen Mütterchen die Hand und gingen; aber sie ging mit, und Thür um Thür öffnete sich, denn sie plaudern ja alle so gern und hören gern was Neues, die guten Alten. Bei einem Manne sahen wir eine Drechselbank, denn arbeiten darf man, wenn es nicht störendes Geräusch für die Nachbarschaft verursacht. Eine andere Thür führte uns in eine Wohnung von einem Ehepaare; diese besteht aus Stube und geräumiger Kammer für zwei Betten. Der Mann trieb zu seinem Zeitvertreib sein Schneidergeschäft fort, und die Frau versicherte uns, es sei doch recht schön, daß sie nicht mehr an Miethzins und Steuern zu denken brauchten und Mittags und Abends ihr „Tischchen-deck-dich“ hätten. Wieder betraten wir ein Frauengemach. Die Insassin rief uns zu:

„Ach, meine Herrschaften, sehen Sie nur ja nicht an mein Fenster Ich hab’ ein lahmes Bein und da konnt’ ich meine Vorhänge noch nicht aufmachen.“ Wir suchten sie zu beruhigen, aber sie öffnete sofort eine Commode und zeigte uns ihre blüthenweißen neuen Vorhänge. Auf unsere Bemerkung, daß es ja auch ohnedies äußerst nett und freundlich bei ihr sei, gab sie uns zur Antwort:

„Ich danke Ihnen, meine Herrschaften, aber die da draußen (auf der Straße) sollen auch sehen, wie hübsch es bei uns ist.“

Eine bessere Lobrede kann dem Johannisstift nicht gehalten werden. Wir stiegen nun zum Betsaale hinauf; unterwegs lernten wir noch eine Vorrichtung gegen Feuersgefahr, lange, mit der Wasserleitung in Verbindung stehende Schläuche, und einen Aufzug kennen, auf welchem diejenigen Alten, welchen das Treppensteigen gar zu schwer oder unmöglich ist, auf- und abbefördert werden; dies Alles steht unter Aufsicht angestellter Maschinenmeister. Der Betsaal macht einen ebenso erhebenden, als freundlichen Eindruck, Alles hoch und hell, Altar und Orgel einander gegenüber, Säulen- und Fensterrosettenschmuck bunt und doch würdig und einfach. Die Greisengemeinde ist entzückt über ihre „schöne Hauskirche“, aber den Wunsch äußerten Viele: „Wenn doch auch alle Sonntage eine richtige Predigt gehalten und nicht so oft blos vorgelesen würde!“ –

Wir begaben uns von der geistlichen zur allerleiblichsten Anstalt, von der Thurmnähe bis unter das Vestibule hinab in die große Küche. Sie ist fünfundzwanzig und eine halbe Elle lang, dreiundzwanzig Ellen breit und sieben und eine halbe Elle hoch. Der große Herd in der Mitte erregt aller Frauen Wonne. Wenn nicht die seitwärtsstehenden großen Bratröhren gebraucht werden, ist hier kein Funke Feuer nöthig: alles Kochen besorgt der Dampf, der für die Küche, die Bäder, die Bäckerei und zum Betrieb der vierpferdigen Dampfmaschine (für die Desinfection und den Aufzug) in einem Kessel von zehn Quadratmeter Heizfläche und zwei Atmosphären Ueberdruck erzeugt wird. – Die Speisen bestehen an bestimmten Tagen je aus Suppe, Gemüse und Fleisch oder aus Braten und Zubehör. Zur Vertheilung sahen wir ganze Stöße von Tellern und Näpfen stehen, deren jedes die Zimmernummer des Besitzers trägt; eine Wage dient zur gewissenhaften Abwägung der Fleischportionen, und der Aufzug befördert die Speisen für die einzelnen Abtheilungen nach den verschiedenen Stockwerken, so daß Jedwedes das Seine ebenen Ganges sich von dem Tisch in den sogenannten Lichtfangräumen holt, in welchen es aufgestellt wird.

Das „Tischlein-deck-dich“ gilt nur für Mittag und Abend. Damit die Alten einige Beschäftigungen und kleine Sorgen haben, wie sie „eben zum Leben gehören“, wird ihnen kein Kaffee gereicht, sondern so viel Brod mehr, als sie brauchen, daß sie aus dem Verkauf desselben die Mittel zur Beschaffung des Kaffee gewinnen können. Dazu ist eine Kaufs- und Verkaufsstelle im Stifte selbst eingerichtet. Ihr Kaffeechen kochen sich die Alten am liebsten selber. So ist in jeder Weise für Ruhe, Genuß und Arbeit gesorgt. Für die Bewohner von zweihundertundvierzehn Einzelstuben, vierundfünfzig Doppelstuben (für Eheleute) und sechs Stuben für mehrere Personen, die im Ganzen die Zahl von dreihundertachtzig bis dreihundertneunzig erreichen können, ist dieses Prachtgebäude erbaut und mit einem wahren Geäder von Wasser-, Gas- und Abflußröhren durchzogen; doch ist die Gasleitung nur für zweihundertneunundvierzig Flammen zu allgemeinem Dienst eingerichtet; in den Zimmern brennen die Hospitaliten ihre Lampen, um ihrer eigenen Sicherheit willen.

Gegenwärtig ist die Zahl aller Stiftsinwohner 205; davon sind 29 Männer, 142 Frauen, 17 Paar Eheleute und 10 Beamtete der Stiftsverwaltung mit der erforderlichen Dienerschaft.

Fr. Hfm.





  1. Vergleiche den Separatabdruck aus den Protokollen der fünfundsiebenzigsten Hauptversammlung des sächsischen Ingenieur- und Architektenvereins.


[Berichtigung][Bearbeiten]

  1. Der Name wird im Kleinen Briefkasten in Heft 37 berichtigt, Vorlage: Lochmann.