Die Aufführung von Goethes „Fischerin“ im Park zu Tiefurt

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Autor: Max Hasse
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Titel: Die Aufführung von Goethes „Fischerin“ im Park zu Tiefurt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 402
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[402]
Die Aufführung von Goethes „Fischerin“ im Park zu Tiefurt.
(Zu dem Bilde S. 401.)


Um Ausgange unseres Jahrhunderts hat Weimar ein anderes Gesicht als zu Anfang desselben. Damals war es die Stadt der Dichter – jetzt ist es längst die der Dichterforscher geworden. Sie ist der Sitz der Goethe- und Shakespearegesellschaft und der Schillerstiftung. Es werden in ihr stattliche Bauten ausgeführt für den schriftlichen Nachlaß der Dichterherren, in denen später auch das winzigste mit Goethes, Schillers, Herders oder Wielands Schrift bedeckte Blättchen seinen würdigen Ruheort erhalten wird. In den Pfingstwochen namentlich scheint Weimar selbst die nahe Universitätsstadt Jena an wissenschaftlicher Bedeutung zu übertreffen. Da geben die Verwaltungen der Archive und Museen den von nah und fern herbeigeströmten Gästen Bericht über deren Stand. Es hebt ein mannhaft „Tagen“ an, die Luft ist mit Gelehrsamkeit förmlich gesättigt, pur an „des Lebens ernstes Führen“ wird geglaubt – wann ließe je strenge Philologie Frohnatur aufkommen?

Aber es lebt in Weimars Mauern noch ein anderes Völkchen, Maler, Musiker, Mitglieder der Bühne. In ihnen hat sich die „Ueberlieferung der Lustigen von Weimar“ fortgepflanzt. In ihren Kreisen kümmert man sich nicht um die meterlangen kritischen Sonden, die in der Shakespeare-, Goethe- und Schillerdramen versenkt werden. Zu gleicher Zeit, als Paul Heyse in geistsprühendem Vortrage tiefsinnige Erwägungen über die „Bühnenwirksamkeit“ der dramatischen Dichtungen Goethes anstellt und in Bezug auf die kleineren Dichtungen zu verneinenden Ergebnissen kommt, trifft man dort Vorbereitungen zu einem Plan, der nichts Geringeres zweckt, als auf der geschichtlichen Stelle, wo Goethe mit Corona Schröter vor mehr als hundert Jahren die Fischerein aufführte, eine Wiederholung dieser Aufführung zu veranstalten und sie mit einem Festzuge einzuleiten.

Festzüge und Naturtheater – zwei echt Goethesche Gedanken decken sich mit diesen Worten. Es war für Goethe immer ein besonderes Vergnügen, große kostümierte „Kavalkaden“ zu erfinden und zu leiten; Weimar, Belvedere und Tiefurt waren Zeugen solcher Spiele. In Belvedere besaß man ein Naturtheater, dessen Coulissen aus grünen, beschnittenen Hecken bestanden, in Tiefurt mußte die Natur selbst die Scene für Liederspiele abgeben.

Es war in der Nacht vom 22. auf den 23. Juli 1782, in der Goethes „Fischerin“, das „Wald- und Wasserdrama“, wie es auf dem Titel der damals erschienenen Ausgabe genannt ist, zum erstenmal aufgeführt wurde. Die Handlung spielte sich am Ufer der Ilm ab. Diese durchfließt den Park in einem Bogen. Diesseit desselben dehnen sich die Parkanlagen aus, jenseits erhebt sich, unmittelbar aus dem Flußbette aufsteigend, ein steiler bewaldeter Bergrücken. Hier nun, etwa in der Mitte des Bogens, hatte man zur damaligen Zeit Fischerhütten errichtet und einen Herd mit allerlei Hausrat aufgestellt. Der ansteigende Hintergrund und das noch weit verfolgbare Flußufer dienten zum „wohlmotivierten Rembrandtschen Beleuchtungseffekt“. Eine Mooshütte, deren Wand gegen das Wasser zu ausgebrochen war, hatte man zum Aufenthalt der fürstlichen Gäste bestimmt. Die nicht eingeladenen Zuschauer mußten mit einem Standplatz oberhalb der Scene fürlieb nehmen. Freilich brach bei dieser Gelegenheit die dichtbesetzte, über die Ilm an dieser Stelle führende Brücke zusammen und verhalf vielen zu einem unfreiwilligen Bade. Ein Chronist hat uns auch die Kosten des Festes überliefert. Sie betrugen 113 Thaler 13 Groschen und 7 Pfennig, allerdings eine verschwindende Summe gegen die, deren man heutzutage bedarf, um ein Fest, wie es die Weimarer Künstlerwelt geplant hatte, ins Werk zu setzen.

Wie Frl. v. Göchhausen rühmt, war dem damaligen Fest das Wetter ganz besonders hold. Als der Festzug sich am Nachmittage des 18. Mai 1894 nach Tiefurt zu bewegte, lachten ebenfalls Wald und Flur im Sonnenschein. Der Festzug war nicht sehr umfangreich, aber für eine Nachfeier zum Goethetag sehr passend. Es ziehen König Mai auf und die Frühlingsgöttin, es folgen Gestalten aus Goethes „Faust“, Hauptleute, Offiziere und Knechte der Reichsarmee aus „Götz von Berlichingen“, Marodeure und Bundschuher, ferner in unübertrefflich realistischer Ausführung der Zug der Vertriebenen wie sie ihre armselige Habe mitführen, aus „Hermann und Dorothea“. Man erblickt Figuren aus Goethes Schäferspielen in reizvollen Rokoko-Kostümen, es werden Mönche, Musiker, Bettler, Quacksalber sichtbar, in Kleidung und Haltung so echt, als seien sie geradeswegs aus dem siebzehnten Jahrhundert herübergekommen. So bewegt sich der Zug dem Tiefurter Parke zu.

Gewiß giebt es größere und anspruchsvollere Parkanlagen. Der Park zu Tiefurt mit der leise dahinrauschenden Ilm, seinen altehrwürdigen Bäumen, die schon zur Zeit Schillers und Goethes Riesen waren, mit seinen geheimnisvollen Denkmalen, deren Beziehung die heutige Zeit fast vergessen hat, ist ein Idyll, wie es nur einmal vorkommt. Und jetzt hat der Lenz seine ganze Blütenfülle über den Park ergossen, Ströme von Goldregen und Flieder wallen überall nieder, es glüht von den Zweigen der Rotdorn, der sich in diesem Jahr besonders reich geschmückt hat. Auf den Rasenflächen zwischen diesen blühenden Riesensträußen lagert nun die Gesellschaft, und die Träger und Trägerinnen der geschichtlichen Gewänder mischen sich unter die neuzeitlich gekleideten Zuschauer. Dadurch entsteht ein ungemein fesselndes Bild. Ein Parodietheater und andere Begleiterscheinungen eines Volksfestes sorgen für die Unterhaltung.

So vergeht in Fröhlichkeit der Tag, die Nacht zieht herauf und hüllt die Farben der Gewänder und Blumen in eintöniges Grau. Ueber dem Bergesrücken steigt der, Vollmond empor. Man strömt nach der Stätte hin, wo die „Fischerin“ zur Aufführung gelangen wird. So etwas wie eine weihevolle Stimmung hat die vielköpfige Versammlung erfaßt. Noch ehe die Klänge der Corona Schröterschen Musik erschallen, herrscht am dicht besetzten Ufer tiefes Schweigen. Der Mond ist höher gestiegen. Zu unseren Füßen rauscht leise das jetzt unheimlich schwarz aussehende Wasser. Es huscht hin und wieder ein Lichtstrahl darüber hin, der durch die dichtbelaubten Bäume dringt. Jetzt erschallen die ersten Töne der Musik, die Musiker selbst sind hinter den Büschen aufgestellt. Am jenseitigen Ufer glüht das Feuer unter dem Kessel; Dortchen, „die Fischerin“, tritt aus der Hütte, singt in ihrer Einsamkeit die Ballade vom „Erlkönig“, langweilt sich, schmält auf die so überlange Ausbleibenden und faßt den Plan, sich zu rächen. Schon rudert’s singend den Fluß herauf. Rasch stellt sie den Eimer auf das äußerste Ende des Steges, hängt ihr Hütchen am Gebüsch auf und versteckt sich. Sie will beim Vater und Geliebten den Glauben erwecken, sie sei ins Wasser gefallen und ertrunken. Nur zu gut gelingt der Anschlag. Der Kahn landet, die Kette rasselt nieder, der reiche Fang wird geborgen. Das Rufen der beiden nach Dortchen bleibt unbeantwortet, und man verzehrt das einfache, halb verbrannte Mahl. Aber Lust und Fröhlichkeit wollen nicht aufkommen. Niklas, der Geliebte, ahnt zuerst ein Unglück. Er entdeckt Hütchen und Eimer und das Hilfegeschrei der Suchenden erfüllt die Nacht. Jetzt flammt es überall am jenseitigen Ufer auf. Fackeln werden sichtbar. Sie werden von den zu Hilfe kommenden Fischern getragen. Auf hervorspringenden Erdzungen loht Feuer und giebt mit Schein und Widerschein den Dingen die größte Deutlichkeit. Flußabwärts, aufwärts und am Bergeshang sprühen feurige Garben in die Nacht. Nun tritt Dortchen hervor, erhält Verzeihung und ihren Niklas zum Bräutigam. Die ganze Scene erstrahlt im bengalischen Licht, dann erstirbt der Feuerschein, das Bild wird undeutlicher, es versinkt in Nacht. Die Zuschauer zerstreuen sich, und noch lange herrscht Fröhlichkeit auf dem weiten Plan. Mancher aber nimmt ernstere Gedanken mit auf den Heimweg. Langsam wandert er an dem Ilmfluß entlang dem nahen Weimar zu und immerwährend hört er’s neben sich leise, doch eindringlich durch die Büsche rauschen:

„Meine Ufer sind arm; doch höret die leisere Welle,
Führet der Strom sie vorbei, manches unsterbliche Lied.“

Max Hasse.