Die Bekämpfung der entstehenden seitlichen Rückgratsverkrümmungen

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Autor: Dr. Schildbach
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Titel: Die Bekämpfung der entstehenden seitlichen Rückgratsverkrümmungen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 217–218
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Bekämpfung der entstehenden seitlichen Rückgratsverkrümmungen.
Von Dr. Schildbach.

Es führen viele Wege nach Rom; so wird auch die seitliche Rückgratsverkrümmung, oder, kürzer bezeichnet, die Skoliose, auf mancherlei Weise behandelt und theilweise geheilt. Unter „Skoliose“ verstehe ich hier nur die aus schlechten Körperhaltungen und einer unerkennbaren Neigung des Organismus entstehenden Verkrümmungen, nicht die selteneren aus anderen Ursachen hervorgegangenen und am allerwenigsten die spitzwinkligen Entstellungen, welche die Vereiterung eines oder mehrerer Wirbelkörper zur Ursache haben und also im Wesen verschieden sind von der Gewohnheitsskoliose.

Nicht mit einer Aufzählung aller der verschiedenen Heilmethoden will ich die Leser ermüden; nur hervorheben möchte ich, daß ich kein Freund der ausschließlichen Behandlung mit Filzkorsetts oder Gipsmiedern bin, sondern das Hauptgewicht auf die Gymnastik lege, weil nur durch sie das Endziel meiner Behandlungsweise erreicht wird, nämlich daß der Verkrümmte die Fähigkeit erlangt, sich selbst nach Möglichkeit gerade zu richten.

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Armheben seitwärts.

Auch die Skoliosen habe ich hier nicht im Sinne, welche schon länger bestehen, einen höheren Grad erreicht und eine gewisse Festigkeit oder Starrheit erlangt haben. Solche können nur in orthopädischen Anstalten mit einigem Erfolg behandelt werden. Ich meine vielmehr jene im Entstehen begriffenen nachgiebigen Verkrümmungen, welchen man so häufig im frühen Schulalter begegnet. Sie können ganz leicht im Elternhause behandelt und geheilt werden.

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Einseitiges Tiefathmen.

Freilich ist es nicht das Richtige, wenn da manche sagen: „Es wird sich verwachsen.“ Wenn nichts oder nicht das Richtige dagegen gethan wird, so wird es sich in der Regel nicht verwachsen, sondern allmählich zu einer stärkeren, auch durch die Kleider bemerkbaren Skoliose ausbilden. Auch der Rath genügt nicht, den andere zu geben pflegen. „Lassen Sie das Kind turnen!“ Das gewöhnliche Turnen kann allerdings vorbeugend gegen Skoliose wirken, aber nicht heilend; um das zu erreichen, müssen bestimmte einseitige Haltungen und Uebungen vorgenommen werden. Dazu einige ohne alle Apparate anwendbare Uebungen anzugeben, ist der Zweck dieses Aufsatzes.

Ziemlich häufig kommen Verkrümmungen vor, welche in der Höhe der Schulterblätter ihren Gipfel haben Wenn ich die betreffenden Kinder daraufhin untersuche, so sorge ich dafür, daß sie gerade, das heißt mit geschlossenen, gestreckten Beinen und schlaff hängenden Armen vor mir stehen und mir den Rücken zuwenden. Dann ist es leicht, mit dem Zeige- und Mittelfinger längs der Wirbelsäule abzugehen und sich von ihrem geradlinigen oder verkrümmten Laufe zu überzeugen. Dann pflege ich alle zu untersuchenden Personen die Vorbeughalte einnehmen zu lassen, das heißt, ich lasse sie mit gestreckten Beinen und schlaff herabhängenden Armen sowie etwas vorgeneigtem Kopfe sich so weit vorkrümmen, bis der Kopf sich mit dem Becken in gleicher Höhe befindet. In dieser Haltung verschwinden Verkrümmungen ersten Grades, während bei solchen zweiten Grades auf der Seite, nach welcher die Verkrümmung gerichtet ist, der Rücken sich etwas höher zeigt als auf der andern Seite. Zuweilen zeigt sich erst bei der Vorbeughalte, ob das Kind überhaupt verkrümmt ist und in welcher Weise, nämlich bei solchen, welche vorher eine „ Paradestellung“, das heißt eine straffe Haltung mit zurückgezogenen Schultern eingenommen haben. Solche Personen zeigen auch erst nach ihrer Wiederaufrichtung die natürliche Stellung der Schulterblätter und lassen erkennen, ob dieselben gleich hoch und weit genug hinten stehen.

Zeigt sich auch bei der Vorbeughalte seitliche Ausbiegung und die Erhöhung der einen Seite, so sollen die Patienten einem Spezialisten vorgeführt und womöglich in einer orthopädischen Anstalt untergebracht werden. Wenn dagegen in dieser Haltung von seitlicher Ausbiegung sich nichts oder wenig zeigt und auch von seitlicher Erhöhung sich keine oder nur eine geringe Spur bemerkbar macht, dagegen nach dem Aufrichten eine seitliche Abweichung und oft auch eine ungleiche Stellung der Schulterblätter sichtbar wird, so lasse man die Patienten die hier beschriebene Uebung machen.

Nehmen wir den häufigeren Fall an, daß die Wirbelsäule in der Höhe der Schulterblätter nach rechts ausgebogen sei. Dann empfehle ich: Armheben seitwärts, rechts (mit Belastung) bis Klafterhalte. Der Patient, straff stehend, hebt, die Hohlhand nach vorn gekehrt, die gestreckten Arme so weit, bis der linke Arm senkrecht in die Höhe, der rechte wagrecht nach außen gestreckt ist. Dieses „wagrecht“ ist aber nicht ganz genau zu nehmen, vielmehr ist es besser, den Arm nach der Hand zu ganz wenig ansteigen zu lassen. Beide Schultern müssen dabei möglichst tief gehalten werden. Ganz falsch und wahrhaft schädlich für den Rücken ist es, die rechte Schulter hoch und den Arm etwas gesenkt zu halten. Aber auch die linke Schulter hoch zu heben, ist nicht gut; beide müssen in gleicher Höhe stehen. Die Seitstreckhalte des rechten Armes soll dieser Seite eine stärkere Belastung geben und sie dadurch veranlassen, sich einzuziehen und nach links zu rücken. Wenn dies nicht hinreichend geschieht, so gebe man in die rechte Hand ein Gewicht oder eine Hantel von ein bis drei Pfund, je nach den Kräften. So stehe der Patient ein bis drei Minuten und lasse dann die Arme seitwärts wieder sinken, um nach kurzer Ruhe die Uebung zu wiederholen. So ungefähr zwanzigmal nach einander, täglich mindestens zweimal.

Die Uebung muß anfangs immer unter Aufsicht und nöthigenfalls mit Hilfe geschehen. Nützlich ist es, zuweilen den Oberkörper entblößen zu lassen, damit man sich von der Richtigkeit und Wirkung der ausgeführten Uebung genau überzeuge und sehe, welche Hilfen am besten zum Ziel führen.

Für diese Uebung passen, wie schon oben bemerkt, nur Verkrümmungen, welche den oberen Theil der Wirbelsäule betreffen, genauer gesagt, welche sich zwischen dem 1. und 8. Brustwirbel befinden und ihren Gipfel in der Gegend des 4. oder 5. Brustwirbels haben. Von der Wirkung der Uebung überzeugt man sich selbst am besten, wenn man sie bei bloßem Oberkörper richtig ausführen läßt. Dann wird man im günstigen Fall sehen, wie die Verkrümmung ganz oder beinahe verschwindet.

Eine andere Maßnahme empfehle ich bei Verkrümmungen unterhalb des 8. Brustwirbels, bei solchen also, welche die untersten Brustwirbel und die Lendenwirbel einnehmen. Häufig werden mir Kinder gebracht mit der Bemerkung der Angehörigen, daß eine Hüfte höher werde als die andere. Zuweilen ist diese Bezeichnung richtig, zuweilen falsch. Häufig nämlich – und zwar weit öfter, als ich es früher für möglich gehalten habe, bemerkt man, wenn man bei der Untersuchung die flachen Hände auf beide Hüftkämme legt, daß eine Hand tiefer liegt als die andere. Dann sind die Beine nicht gleich lang. In solchen Fällen findet man einen Unterschied von höchstens 1½ cm, häufig von 1 cm und weniger. Dann ist es nöthig, daß man die tiefere Seite dauernd erhöhe. Das geschieht für die Zeit des Gehens und Stehens dadurch, daß man in den Schuh zwischen Brandsohle und äußerer Sohle eine Korksohle einlegen läßt von der nöthigen Stärke, z..B von 1 cm. Das Oberleder deckt die Seiten dieser Korksohle [218] und wird an der äußeren Ledersohle befestigt, genau wie an dem Stiefel der gesunden Seite. Das Oberleder wird auf diese Weise um die Dicke der Korksohle höher, ein Umstand, den Fremde gewöhnlich gar nicht bemerken. Freilich läßt sich diese Maßregel nur beim Anfertigen der Schuhe ausführen. An gebrauchten Schuhen läßt sich die Sohle nur durch Aufnähen weiterer Ledersohlen erhöhen, wodurch die Schuhe aber schwer werden und dem Auge sofort auffallen. Den Absatz allein zu erhöhen, widerrathe ich entschieden.

Beim anhaltenden Sitzen lasse man auf der niedrigen Seite ein Buch von entsprechendem Durchmesser unter die Gesäßhälfte legen. Beim Stehen lasse man vor allem das einseitige Stützen auf das längere Bein nicht zu, weil bei der schlaffen Nebenstellung des andern Beines allemal die Schuhe an sich tiefere Hüfte sich senkt und so die Verkrümmung stärker wird.

Um aber die Verkrümmung in nicht zu langer Zeit dauernd zu beseitigen, muß vorübergehend die niedrige Seite übermäßig erhöht werden. Das läßt sich bei allen Uebungen im Stand und bei vielen Geräthübungen leicht ausführen Wenn es die linke Seite ist, nach welcher sich die Wirbelsäule ausgebogen zeigt, sodaß der linke Tailleneinschnitt verringert oder verschwunden ist, während die rechte Hüfte stark vorspringt, so gebe ich auf den Uebungstafeln bei den Standübungen an: „Linken Fuß erhöht“; bei den Leiterübungen mit aufgestemmten Füßen: „ Rechten Fuß tiefer“, das heißt, ich lasse den rechten Fuß von unten an die Sprosse sich anlegen, auf welcher der linke sich anstemmt; und bei manchen Hang- oder Stützhangübungen lasse ich die linke Hüfte heben oder beide gestreckte Beine nach links bewegen.

Solche Uebungen lasse ich in beiden Fällen machen, sowohl wenn eine einfache untere Ausbiegung vorhanden ist, als auch, wenn ich es mit einer statischen Verkrümmung zu thun habe, wenn also das eine Bein kürzer ist als das andere.

Eine derartige Erhöhung des einen Beines läßt sich leicht mit der ersten Uebung verbinden, was geschehen muß, wenn eine doppelte Verkrümmung da ist, wenn z. B. der obere Theil der Wirbelsäule nach rechts, der untere nach links ausgebogen ist. Dann lautet meine Vorschrift. „Armheben seitwärts, rechts mit Belastung bis Klafterhalte, linken Fuß erhöht.“

Die häufigste Verkrümmung, welche aber von den Angehörigen oft gar nicht bemerkt wird , ist die flache Ausbiegung nach links über die ganze Länge der Wirbelsäule. Häufig bemerkt man dabei auch eine höhere Stellung des linken Schulterblatts. Solche geringe Verkrümmungen zeigen sich meist in den ersten Schuljahren, gewöhnlich in der Zeit vom 8. bis 10. Lebensjahre. In manchen Fällen gleicht sich diese Verkrümmung allmählich wieder aus; in vielen Fällen aber entsteht, wohl durch die Schreibhaltung, allmählich in der Höhe der Schulterblätter eine zweite Verkrümmung nach rechts, während die vorher lang gewesene Ausbiegung nach links sich auf den untersten Theil der Wirbelsäule beschränkt. Zuweilen bleiben auch die obersten Wirbel, in der Höhe des Nackens, nach links abgewichen. In dieser Weise entstehen die meisten zwei- und dreifachen Skoliosen.

Bei dieser langen linksseitigen Verkrümmung empfehle ich für die häusliche Behandlung das „Einseitig Tiefathmen“ (vergl. Abbildung S. 217). Der Patient hebt den gestreckten rechten Arm bis zur Hochstreckhalte, stemmt die linke Hand, alle Finger nach vorn gerichtet, nahe der Achselhöhle in die linke Seite und holt dann möglichst tief Athem, wobei er während des Einathmens den Druck der linken Hand allmählich nach Kräften verstärkt und bei der Ausathmung mit dem Druck nachläßt.

Mit diesen einfachen und überall ausführbaren Uebungen würden sich die meisten stärkeren Skoliosen verhüten lassen; nur müssen die Uebungen ganz sorgsam und gewissenhaft ausgeführt und überwacht werden. Ich wende mich mit diesen Zeilen hauptsächlich an die Mütter, welche mit sorgsamem, liebendem Auge ihre Lieblinge überwachen.

Noch besser ist es freilich jedenfalls, wenn durch Verhütung schlechter Gewohnheitshaltung, Vermeidung schiefen Sitzens beim Schreiben, Einführung guter Schulbänke die Entstehung auch der unbedeutendsten Verkrümmung der Wirbelsäule verhütet wird. Dahin aber wird es wohl niemals kommen, und so habe ich mich durch vorstehende Lehren wenigstens bemüht, die Zahl der ausgebildeten Skoliosen zu verringern.

Ich habe aber damit durchaus nicht Wasser auf die Mühle der Kurpfuscher leiten wollen, welche grade in der Orthopädie so häufig sind und ohne wissenschaftliche Vorbildung alle möglichen orthopädischen Formfehler in Behandlung nehmen. Auch bei orthopädischen Fällen, von deren Heilung so oft das Lebensglück abhängt, muß, wie in allen Krankheiten, allemal ein Arzt zugezogen werden.