Josias

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Autor: Fanny Lewald
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Titel: Josias.
Eine Geschichte aus alter Zeit
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 125–128
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Fortsetzungsgeschichte in den Heften 8 bis 10 und 12 bis 15
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Josias.
Eine Geschichte aus alter Zeit von Fanny Lewald.

Den Josias hatte ich gekannt, so lang ich denken kann; und weil ich ihn sehr lieb gehabt und hoch geschätzt, will ich, da er nun lange todt ist, zu meiner Befriedigung von ihm schreiben, weil ich nicht mehr mit ihm sprechen kann. Mag die Blätter denn einmal lesen, wem sie in die Hände kommen werden. Es leben jetzt in unserem Zeitalter, in welchem die Menschen alle durch einander gewürfelt und an einander abgeschliffen werden wie die Kiesel am Seestrand, wohl nicht mehr Viele, die eigenartig sind, wie er’s gewesen!

Mit diesen Worten fing die Erzählung in dem Tagebuche von Tante Franziska an, und die Seite trug das Datum vom zehnten September achtzehnhundertachtundsechzig. Die Schreiberin war damals selbst den Sechzigern nahe gewesen.

Den Josias also hatte ich gekannt, so lang ich denken konnte, und ich habe aus meinen frühesten Tagen ein deutliches Bewußtsein. Unser Vater hatte von seinem Vater die großen Seidenfabriken an der Oberspree nach Köpnick zu ererbt, wo damals noch ganz freies Feld gewesen ist. Dorthin zogen wir immer in den Sommermonaten, und da sich an die Fabriken unser großer Garten anschloß, so war es ein angenehmer Aufenthalt; denn von Dampfmaschinen und von der durch den Dampf verdorbenen Luft war noch gar keine Rede. Die Luft war frisch; die Wiesen an der Spree waren voll Blumen; und still war es da draußen, wenn die Arbeitsstunden vorüber waren, wenn die Webestühle und die Spulen nicht mehr rasselten, grade wie auf einem einsamen Dorfe tief im Lande.

Den Winter aber verlebten wir in dem Hause in der Stadt, in welchem das Verkaufsgeschäft betrieben wurde, und der Josias, dessen Voreltern zugleich mit den unsern und mit den anderen vertriebenen Hugenotten zusammen aus Frankreich ausgewandert und in Preußen aufgenommen worden, war immer zu uns gekommen, draußen in der Fabrik sowohl als in der Stadt. Die französische Kolonie hatte immer gut zusammengehalten, seit sie unter dem preußischen Adler eine neue Heimath gefunden, und die Einzelnen hielten auf sich selber, die Bürgerlichen, die zum Theil große Fabrikanten geworden waren, wie die Adligen in der Armee und unter den Beamten. Vom General herunter bis zum Tanzmeister und Coiffeur nannten sie sich alle noch Refugiés und waren sie alle sammt und sonders aus ungerecht und grausam vertriebenen Franzosen geachtete und treue Preußen geworden. Es hatte ein gut Theil von ihnen mitgefochten in den Freiheitskriegen und die Viktoria nach Hause bringen helfen, welche Napoleon fortgeschleppt nach Frankreich. Sie stand schon wieder auf dem Brandenburger Thor in der Zeit, von der ich rede; und ich war achtzehnhundertsechzehn sieben Jahre alt.

Wenn der Josias kam, so meldete das Mädchen ihn immer als den Herrn Kassenrendanten an.

Was ein Kassenrendant bedeutete, das wußte ich zwar nicht; aber ich zerbrach mir darüber auch weiter nicht den Kopf, obwohl ich ein nachdenkliches Kind gewesen bin. Ich hatte schon oftmals lang darüber gegrübelt, wo der liebe Gott eigentlich hergekommen sei und wo er gewohnt habe, ehe er die Welt geschaffen, während ich nach rechter Kinderart über alle mich zunächst umgebenden und meine Welt ausmachenden Dinge und Menschen noch niemals nachgedacht. Es war ja unser Haus, in dem wir wohnten; es waren unser Vater und unsere Mutter, die Onkel, die Tanten, der Doktor, und Der und Jener und der Josias! Das verstand sich alles ganz von selbst; das war wie es war.

Der Vater, der damals in der Mitte der Dreißig stand, nannte den Josias Du, obschon der Josias zwölf, dreizehn Jahre voraus hatte vor ihm. Die Mutter hieß ihn, wenn sie zu ihm redete: lieber Courville, und wenn sie von ihm zu uns Kindern sprach, den guten Josias! – und gut war er zu Jedermann. – Mich aber zog er doch den andern Geschwistern vor, und wenn er mit mir scherzte und tändelte, nannte er mich Franull.

Als ich ihn einmal gefragt, weshalb er das thue, hatte ich die Antwort bekommen, jenseit der Oder und der Weichsel, wo nicht mehr Deutsche, sondern Slawen wohnten, sage man nicht Franziska, sondern Franull, und das klinge gut und den Namen habe er gern. Was Slawen wären, wußte ich freilich auch nicht, es war mir aber auch einerlei; denn da bei solchen Gelegenheiten immer eine oder die andere Näscherei für mich abfiel und ich doch eben das Fränzchen war und blieb, so ließ ich mir die Franull gefallen; nur daß ich eines Tages die Frage aufwarf: „Aber Du? Warum heißt Du denn Josias? Das ist ja gar kein Name! So heißt ja gar kein anderer Mensch! Warum heißt Du denn Josias?“

Meine Mutter sagte, er heiße, wie sie glaube, so nach seinem Herrn Pathen; einer der Hausfreunde bemerkte jedoch scherzend: „Er heißt so, weil er überhaupt anders ist als Andere, weil er ein Original ist.“

„Ein Original?“ wiederholte ich. „Er ist ja ein Kassenrendant!“ und wie gesagt, ich verband mit dem einen wie mit dem andern Worte keinen Begriff.

Das Lachen, das ich erregte, machte mich aber dreister. „Was thut denn ein Original?“ erkundigte ich mich.

[126] „Es ist originell, wie Du, meine kleine Franull mit den großen blauen Augen!“ entgegnete mir Josias. Dabei hob er mich auf und küßte mich. Die Mutter jedoch machte dem Spaß ein Ende und schickte mich in die Kinderstube, weil ich nicht so viel sprechen, so viel fragen sollte; und ich hatte zu gehorchen.

Inzwischen fing ich mir den Josias zu überlegen an. Dabei kam ich darauf, daß er wirklich ganz anders als die Andern war. Ich wunderte mich, daß ich das nicht längst bemerkt. Ich entsann mich, wie der Vater einmal gesagt, daß der Josias ein sehr schöner junger Mann gewesen sei, daß der Adel seiner Gesichtsformen, die Feinheit seiner Züge noch unverkennbar wären, obschon er durch sein Wohlleben zu stark geworden sei.

Vom Adel der Gesichtsformen, von der Feinheit der Züge merkte ich nichts. Ich sah nur, was ich immer gesehen, daß der Josias auffallend groß und stark war, daß er, obschon er ja nicht mehr jung war, einen wahren Wald von hellbraunem, lockigem Haar auf seinem Kopfe trug, daß ein voller kurzer Backenbart seine breiten Wangen umrahmte und daß er ein Doppelkinn bekommen hatte. Aber seine schönen dunkeln Augen, seine freundlichen Mienen waren mir vertraut und über seine kleinen Hände und Füße hatte ich mich aus freien Stücken früher schon gewundert. Wenn er ruhig dasitzend seine Hände über den Leib gefaltet hielt, hatte ich manchmal gedacht, ob das denn wirklich seine Hände wären; und ebenso, wie er es nur anfange, seinen großen, schweren Körper auf den kleinen Füßen fort zu bringen. Er ging jedoch rasch und leicht und trug sich aufrecht mit freier Hauptbewegung.

Auf seine Hände und Füße war er aber auch sehr stolz. Der Zeigefinger der rechten Hand war mit einem Siegelring geziert, den einer seiner Vorfahren aus Frankreich mitgebracht haben sollte, und der ihm ebenso als Familienerbstück wie um des schön geschnittenen Steines willen werthvoll war. An dem kleinen Finger der andern Hand hatte er einen hellglänzenden Brillantring, und in Gesellschaft erschien er immer mit seidenen Strümpfen und Schnallenschuhen. Er kleidete sich überhaupt nicht wie die anderen Männer nach der damals aufgekommenen, bequemen englischen Mode, sondern so, wie es vorher in Frankreich Brauch gewesen war. Sie nannten es damals bei uns in Deutschland á la Werther: im blauen Frack, in Kniehosen, kurzen Stiefeln und weitem Hemdenkragen; wobei es ihn nicht anfocht, daß er damit in Gesellschaft und mehr und mehr auch auf der Straße auffiel.

Als einmal bei uns ein Fremder darüber eine spottende Bemerkung machte, entgegnete ihm mein Vater, Herr Courville sei allerdings in gewissem Sinne ein Sonderling, ein Original, aber ein so durchaus ehrenwerther, unterrichteter und vortrefflicher Mann, daß man ihn in seinen kleinen Grillen gewähren lassen müsse.

Nun hatte ich es also endlich ganz heraus! Ein Original war ein vortrefflicher Mensch, der Grillen hatte und den man gewähren lassen müsse. Warum auch nicht? Seine Schuhe und Schnallen und seidenen Strümpfe thaten ja Keinem was zu Leide, und er that Allen zu Liebe, was er nur wußte und konnte.

Je älter ich wurde, um so bessere Freunde wurden wir, wenngleich meine Vorstellungen von Josias immer öfter wechselten. In der Zeit, in welcher ich anfing, die preußische Geschichte zu lernen und die Reihenfolge der Kurfürsten und Könige mit Selbstbewußtsein am Schnürchen herzuzählen, war er mir eine Zeit lang zu einer historischen Person geworden, weil sein Vater eine Domäne des alten Fritz verwaltet hatte, weil einer von Ziethen’s Husaren, der Major Graf Josias v. Dubimin, sein Pathe gewesen war, und weil der alte Fritz, als er die Domäne einmal besucht, mit dem kleinen Josias gesprochen und ihm für sein dreistes Antworten einen Dukaten geschenkt hatte, den er dann zum Andenken an den großen König unter den andern Berloks an seiner Uhr trug.

Dann wieder hatte er mich angezogen, weil er im Gespräch bisweilen schöne Verse anführte, in welchen von Liebesleid und Liebesfreud’, von Tod und Seligkeit die Rede war. Man nannte ihn und diese Verse sentimental. Sie klangen aber gut, ich behielt sie gut; und da Josias doch einmal ein Original war, das Grillen haben durfte, so konnte er ja auch die Grille haben, sentimental zu sein, wenn’s ihm gefiel. Ich hätte nur gern wissen mögen, weshalb er eben ein Original geworden sei.

Einmal, als eine größere geladene Gesellschaft bei uns versammelt war, erschien natürlich auch Josias in aller seiner Pracht. Bei seinem Eintreten war von irgend einer neu übersetzten indischen Dichtung die Rede, von der Seelenwanderung, wie die Inder sie sich vorwärts- und rückwärtsbildend gedacht; und mein Vater bemerkte scherzend, er werde danach wohl an einen geheimen Zusammenhang zwischen sich und den Elefanten denken müssen, weil ihm der Reis fast die liebste Speise sei.

Daß mein schöner, schlanker Vater so etwas von sich sagen konnte, das verdroß mich; aber wie ich mir den Josias darauf ansah, dachte ich, daß der wohl von solchen gutmüthigen Riesenthieren stammen könne; und während das Märchenhafte jener religiösen Vorstellung meine Phantasie lebhaft beschäftigte, blieb mein Auge den Abend, als hätte ich es nicht allezeit gesehen, an dem kleinen goldenen Ohrring haften, den Josias in dem linken Ohre trug, und ich fand das plötzlich lächerlich; denn außer bei den Schiffsknechten, welche die Kähne draußen bei uns am Spreeufer vorwärts stießen, und bei einzelnen Handwerkern hatte ich an Männern einen Ohrring noch nicht wahrgenommen. Kaum also entstand eine Pause in der Unterhaltung, so hielt ich mit der Frage nicht zurück: „Josias! nimm’s nicht übel, Du bist ja doch kein gemeiner Mann; weshalb trägst Du denn den Ohrring?“

„Das thut unser guter Josias wohl seiner Augen wegen!“ bedeutete mich die Mutter an seiner Statt, „es ist gut gegen Augenschmerzen.“

„Nein, Madame! nein!“ fiel Josias ihr aber ins Wort. „Wozu eine Unwahrheit in diesem Falle? – Meine Augen sind gesund, mein Kind! Der Ohrring ist ein Souvenir, eine Gage d’amour!“

Und wieder fand ich mich vor einem Räthsel! – Es war, das merkte ich, kein Fertigwerden mit Josias! Wie konnte meine Mutter sagen, daß ein Souvenir, eine Gage d’amour, ein Mittel gegen kranke Augen sein sollte? Aber in der That hielt man damals das Tragen eines Ohrringes noch für ein Heilmittel gegen manche Kopfbeschwerden; ich hatte es nur unter unseren Bekannten nie gesehen. Und während also mein Freund mir komisch vorkam mit seinem Ausputz, gewann er doch an dem Abende wiederum einen Stein bei mir im Brett; denn weil es mich bereits verdroß, wenn man mein allerdings oft ungehöriges Gefrage mit Ausflüchten und Halbheiten abspeisen wollte, wußte ich es dem guten Josias doppelt Dank, daß er dies nicht zugegeben und mir die ehrliche Wahrheit gesagt hatte.

Seine Wahrhaftigkeit hatte ich übrigens auch sonst schon rühmen hören, wie denn alle nur Gutes von ihm sagten. Man nannte ihn einen erprobten Landwirth, obschon er kein Gut besaß, sondern das von seinem Vater ererbte verkauft hatte. Einen tüchtigen Geschäftsmann hießen sie ihn, aber er betrieb kein eigenes Geschäft. Er lebte als ein reicher Privatmann in seinem schönen Hause, unfern von dem Predigerhause der französischen Kolonie, und machte von seinen Zinsen einen guten Gebrauch. Er war wohlthätig für die Armen, verwaltete als Rendant die Armenpflege der französischen Gemeinde unentgeltlich und übte in weitem Kreise eine feine, vornehme Gastlichkeit aus.

Er war eben ein ganz vortrefflicher Mann; nur der Ohrring hatte mir in dem Uebermuth meiner Jugend den guten, sentimentalen Elefanten nun einmal komisch gemacht, und den Eindruck wurde ich eine Zeit hindurch nicht los, wie sehr die Männer Josias auch achteten, wie gern die Frauen auch mit ihm verkehrten.

Von den Frauen aber verdiente er das allerdings in höchstem Grade, denn kaum ein Anderer war gegen sie so aufmerksam wie er; und man lebte damals doch noch in den Zeiten, in welchen die Männer um die Gunst der Frauen sich durch Zuvorkommenheit gegen sie und ihre Neigungen und Wünsche bemühten, während heut zu Tage die Rollen allmählich gewechselt zu werden scheinen und es die Männer sind, welche immer mehr von den Frauen umworben werden, die ihnen zu gefallen streben.

Man mußte den Josias an den großen Ehrentagen sehen! An dem Geburtsfest meiner Mutter, an dem Hochzeitstage meiner Eltern, oder beim Jahreswechsel! Der Hausfrau bei solchem Anlaß nicht mit einem schönen Strauße aufzuwarten, ihr zum Neujahr nicht einen jener künstlich gemalten Neujahrswünsche zu überreichen, der, mehrfach zu ziehen, jedesmal eine Ueberraschung in galanten Versen und Sinnbildern enthüllte: das hätte Josias sich nicht verziehen; und wie für unsere Mutter [127] war er aufmerksam auch für die Frauen seiner anderen Freunde. Er war dann womöglich mit doppelter Sorgfalt gekleidet. Sein Taschentuch duftete nach eau de mille fleurs, seine Handschuhe waren von leuchtender Weiße. Er hielt den Strauß oder den Neujahrswunsch so behutsam zwischen den beiden Fingern, als sei es eine Ehre für ihn, das Geschenk zu berühren, das huldigend darzubringen er gekommen war; und die Art und Weise, in welcher er dann die Hand der von ihm verehrten Frau an seine Lippen drückte, während er seine schönen braunen Augen zu ihr erhob, war ihm auch ausschließlich zu eigen. – Jetzt in der Erinnerung kommt mir das Alles schön und rührend vor, wenn es den Jungen auch altmodisch erscheinen mag; ich bin ja aber auch schon altmodisch geworden! Und besser als das zutappsige Handschütteln, mit welchem heut zu Tage die Männer den Frauen, alt und jung – sie nennen es à l’anglaise – so zu sagen: „auf Du und Du“ begegnen, war die alte Mode formvoller Huldigung gewiß! – Daß der Josias es dabei vielleicht ein wenig übertrieb, weil er ein Original war, dafür konnte er ja nicht.

Aber – noch einmal, weshalb war er ein Original geworden? Die Frage beschäftigte mich um so mehr, je mehr ich heranwuchs, und Niemand gab mir darauf Antwort.




Inzwischen gingen die Tage und die Jahre ihren Lauf! Wir waren in das Jahr achtzehnhundertneunundzwanzig gekommen. – Ich war aus einem Kinde ein Mädchen von fast zwanzig Jahren und, wie es im Geiste jener Zeit lag, auch ein recht schwärmerisches Mädchen geworden. Kein Gedicht war mir zu überschwänglich, kein Roman zu romanhaft. Ich ließ mir herzlich gern den Hof machen und obschon ich eine Unvermählte geblieben bin, hat es mir an Verehrern und Bewerbern nicht gefehlt. Ich sah – ohne Eitelkeit zu vermelden – gar nicht übel aus; unsere Familie war geachtet, und man wußte, daß unser Vater mich nicht nackt und bloß in die Ehe geben würde. Aber wie das mit mir gekommen ist, daß ich trotzdem nicht geheirathet habe, daß ich eben Tante Fränzchen, Mamsell Fränzchen und allein geblieben bin, das hat mit dem Josias nichts zu thun; das steht auf einem andern Brette, und also hier davon nichts weiter.

Dazumal, um achtzehnhundertneunundzwanzig – ich entsinne mich des Jahres ganz genau, denn der Vater hatte, damit wir an das Wasser heran könnten, grade das Stück Wiesenland gekauft, das die Fabrik und unseren Garten von der Spree abtrennte, und hatte gleich zwei schöne Boote für uns angeschafft – dazumal kamen viele Gäste in unser Haus und es ging lustig bei uns her. Ich tanzte leidenschaftlich gern; mir war dann zum Fliegen leicht ums Herz; ich weinte jedoch fast noch lieber meine heißen Thränen mit allen unglücklich Liebenden in der Poesie und Wirklichkeit; und da ich im Uebrigen verständig war, die Eltern sich auf meine Vernunft und Sittlichkeit verlassen konnten und schlechte Bücher nicht im Hause gehalten wurden, so hatte ich freie Wahl für meine Leselust und durfte meinen empfindsamen Neigungen freien Lauf lassen.

Ich hatte gute Tage. Die Eltern, die Freunde liebten und lobten mich, und der Josias wiederholte es immer, „seine schlanke Franull sei recht ein Mädchen nach seinem Herzen!“

Grade in dem Jahre jedoch war er zum ersten Male krank gewesen. Er hatte einen Anfall von Podagra gehabt, und es war verabredet, daß er nach seiner Rückkehr von Teplitz, wohin er zur Kur gegangen, zu uns in den Garten kommen und den Rest des Sommers zu seiner Erholung bei uns verbringen sollte. Als dann endlich am Ende des Juli unser Freund, von uns allen ersehnt, von seiner Reise bei uns anlangte, hatten wir zu gewahren, daß äußerlich eine Wandlung mit ihm vorgegangen war, durch die er nicht verloren, sondern eher gewonnen hatte, während er in seinem Innern ganz derselbe gute Josias geblieben wie vorher.

Der Arzt hatte es ihm nämlich zur Pflicht gemacht, eine Kleidung, seinen Jahren angemessen, zu tragen, sich, seines Podagras wegen, zu der üblichen Tracht zu bequemen, weil sie die wärmere sei, und Josias ging denn nun gekleidet wie alle anderen Männer, so daß man es nicht mehr nöthig hatte, beständig seine Absonderlichkeit gegen solche Leute zu erklären und zu vertreten, die mit ihm zum ersten Male in Berührung kamen. War es doch zuletzt auch mir, so lieb ich ihn hatte, nicht mehr angenehm gewesen, mit ihm durch die Straßen zu gehen, weil die Menschen ihn so verwundert betrachteten, die Kinder mit den Fingern auf ihn weisend vor ihm stehen blieben; und wenn er es auch vielleicht sich selber nicht recht eingestand – Gott verzeih mir’s, falls ich ihm Unrecht damit thue – ich glaube, es war ihm am Ende gar nicht unlieb, daß er in die große Masse versinken mußte. Man kann ja unter einem Kreuz, das man mit Begeisterung auf sich genommen hat, doch allmählich müde werden.

Daneben sah der Josias, der nun an das Ende seiner Fünfziger angelangt war, im langen Ueberrock, mit langem Beinkleid und mit den feinen, schönen Klappenstiefeln bei seiner Gestalt weit besser als vordem aus. Jedweder mußte es jetzt sagen, daß er noch ein schöner Mann sei, und er hätte nicht eben ein schöner Mann sein müssen, hätte er an dem Wohlgefallen, das er erregte, nicht eine gewisse Freude haben sollen.

Es war von dem Augenblicke ab, da er zu uns hinauf gezogen war, von der Mutter festgestellt, daß ich im Besonderen für ihn sorgen solle. Ich hatte mich deshalb mit seiner Haushälterin in Verbindung gesetzt, damit ihm alles bereitet werden konnte, wie er es bei sich gewohnt war; und es verstand sich also auch von selber, daß ich zu Hause blieb, ihm Gesellschaft zu leisten, als die Eltern an einem Sonntage nach Charlottenburg gefahren waren, der Einladung einer befreundeten Familie zu einem Mittagbrot zu folgen.

Als ich dann mit meinem Gaste und mit den Geschwistern unser Mahl eingenommen für Josias den Kaffee gemacht und er sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte, ging ich hinunter nach dem mit Geißblatt umrankten Gartenhäuschen, das der Vater unten dicht am Wasser hatte errichten lassen, und das, wie die Mode es mit sich brachte, schön mit chinesischen Tapeten ausgeschlagen war.

Indeß ich sah weder die schlitzäugigen Schönen, noch die langzopfigen Mandarinen, die mit ihnen in Reih und Glied unter den fremdartigen Blumenbüschen saßen. Was gingen die mich an?

Ich hatte mir aus der Eltern Bücherschrank den heiß geliebten „Werther“ wieder einmal hervorgeholt, und die Hoffnung schwellte mir das Herz, mich den ganzen langen Nachmittag, so tief ich wollte, in die Poesie von „Werther’s Leiden“ hinein versenken, seine letzten Worte lesen, sein Geschick beweinen und nebenher Lotte verdammen zu können, die solcher Liebe gar nicht werth gewesen war. – Und alt, wie ich heut zu Tage bin, fühle ich es auch jetzt noch nicht viel anders! – Gott! hätte mich Einer in meinen jungen Tagen so geliebt, Vater und Mutter und Heimath und Geschwister und meinen guten Namen hätte ich geopfert, nicht nur einen Bräutigam, der nichts weiter war als ein ordentlicher Mensch, als einer von den Bräutigams, mit denen man sich verheirathet, wenn es grad’ so paßt und man nichts Besseres zu thun hat.

Ich hatte denn auch, ich weiß nicht zum wievielten Male, das Ende des Romans gelesen, hatte in der Andacht voller Zärtlichkeit die Hände über dem Buche gefaltet und sah in den Abend hinaus, der sich still über die Wiesen und das Wasser und weit hinaus über die jenseitigen Fluren zu verbreiten begann, als Josias, vom Hause kommend, in das Gartenhäuschen eintrat.

„Nun!“ rief er mich an, „was hast Du den Nachmittag gethan, mein Schatz?“

„Ich habe gelesen!“ entgegnete ich, das Buch zur Seite legend.

„Und was?“ fragte er, indem er es zur Hand nahm. Als er dann den Titel gesehen, blickte er mich an und sprach: „Wirst Du denn gar nicht damit fertig?“

Der Ton des Spottes, mit welchem er das sagte, fiel mir auf; denn ich wußte, wie sehr er Goethe bewunderte und wie er selber sich oft genug Rath und Erholung aus ihm holte; aber er ließ mir zum Fragen keine Zeit.

„Es springt keiner, wie die Minerva, gleich fix und fertig aus dem Haupte Jupiters. Jeder begeht seine Jugendsünden, und wohl ihm, wenn er allein und nicht andere sie zu büßen haben!“ sagte er. „So ist denn auch der ‚Werther‘ eine von Goethe’s schweren Jugendsünden!“ Darauf hielt er einen Augenblick inne und setzte dann hinzu. „Aber werde Du mir nicht schwachherzig oder gar empfindsam! – Weil Du ein so frisches, ehrliches Kind gewesen bist, habe ich Dich lieb gehabt vor allen Anderen! Empfindsam darfst Du mir nicht werden, denn Empfindsamkeit ist eine Schwäche, die ungerecht macht gegen die Starken; und vollends Thränen weinen um –“

„Um ein unglücklich liebendes Herz soll man nicht weinen?“ fiel ich ihm in die Rede, meinem Ohr nicht trauend.

[128] „Man soll nicht weinen über einen Deserteur!“ entgegnete er bestimmt, mir das Wort abschneidend.

Ich sah ihn an, als stände ein Fremder vor mir; aber gutmüthig, wie er ja immer war, mochte er fühlen, daß er mich erschreckt, mir wehe gethan, und mit milderem Tone setzte er hinzu: „Wer selbstsüchtig nur an sich denkt, wer flüchtet vor dem Feind, dem Schmerz, der vor ihm steht, statt ihm die Stirn zu bieten und sich, wenn auch schwer verwundet, zu behaupten in Reih und Glied mit denen, zu denen er gehört und die zu ihm gehören, der ist ein Feigling und ein Deserteur! Nichts mehr, nichts weniger! Er salvirt sich und fragt nicht nach den Anderen! Er wirft sein Leben, das er nützen sollte, ehrlos von sich und fragt nicht darnach, wie schwer er das Leben der Andern belastet, die besser sind und muthiger als er. Leben kann in manchem Augenblicke schwerer sein als sterben. Glaube das!“

Ich kannte ihn nicht wieder, ich kannte mich selbst nicht wieder! Es war mir, als wäre ich zehn Jahre älter geworden, als habe er mich emporgehoben, um mich ihm näher zu bringen, und diese Stunde benutzend, faßte ich mir ein Herz.

„Josias!“ sagte ich, „Du bist doch selbst empfindsam! Du trägst noch heute das Souvenir am Ohre, das mir als Kind schon zu denken gegeben. Du hast, ich bin deß sicher – Du hast geliebt – hast unglücklich geliebt.“

„Du irrst Dich nicht!“ sprach er, und seine schöne wohlklingende Stimme wurde wieder mild. „Du irrst Dich nicht! Ich habe eine leidenschaftliche, eine unglückliche, wenn schon erwiederte Liebe gehabt – aber wenn sie auch entschieden hat über mein ganzes Leben – ich habe kein fremdes Glück zerstört. Ich habe es nicht von mir geworfen, das Leben, so weh es mir gethan; ich habe getrachtet, daraus für andere zu machen, was ich konnte, und – ich bin der Liebe treu geblieben, die dereinst in flüchtiger Stunde mein ganzes Glück gemacht.“

Und wieder hielt er inne, und ich hatte mich zu sammeln. – Wie wenig hatte ich ihn gekannt, den Mann, unter dessen Augen ich gelebt seit meinem ersten Athemzuge! Und kannten ihn die Andern mehr? Wußten mein Vater, meine Mutter mehr von ihm, als die Anderen alle, und als ich?

Sein halbes Bekennen hatte mir Muth gegeben. „Und sie lebt, die Du geliebt hast?“ fragte ich.

„Ja! sie lebt!“

„Und sie ist glücklich?“

„Sie lebt an ihres Gatten Seite, im Kreise ihrer Kinder, geliebt und hochgeehrt.“

„Aber Du?“

„Die wahre Liebe denkt nicht an sich! – Mein Herz ist zeitig still geworden – mein Gewissen auch! – Und ich bin nicht verlassen. Ihr alle liebt mich ja!“

„Alle! Alle!“ rief ich, „und von Herzen! Aber wenn Du mich liebst, mich, die Du Franull genannt, weil Deine Geliebte so geheißen – sage mir, wer war sie? Wo hat sie gelebt? Und warum hast Du sie nicht erwerben, nicht zur Frau gewinnen können?“

Er strich mir mit seiner seinen Hand über das Haar, sah dann nach Westen, nach dem Sonnenuntergang hin. Die Sonne stand noch hoch am Himmel. Vom Thurme der Klosterkirche schlug es sieben Uhr; ihr Glockenspiel tönte freundlich zu uns herüber.

„Wir haben noch mehr als drei Stunden vor uns, ehe die Eltern von Charlottenburg zurückkehren werden,“ sagte er, „und das, was Du aus Zuneigung zu mir zu hören wünschest, ist rasch erzählt. Dies hat noch kein Ohr vernommen. Dir soll es vertraut sein, eben weil Du jung bist. So lang Du leben wirst, werden wir fortleben in Deinem Gedächtniß, Franull und ich. Es ist ein Stückchen irdischer Unsterblichkeit, das ich mir und unserer Liebe sichere. – Komm’, setz’ Dich her zu mir, wo das Licht nicht blendet! Und nun höre zu!“

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aus: Die Gartenlaube 1888, Heft 9, S. 141–146

[143] „Du weißt,“ hub Josias an, „daß wir Courvilles aus dem Bièvrethale stammen, wo unser Vorfahr Claude François Courville auf schönem Grundbesitz lebte. Ohne von Adel zu sein, war unsere Familie angesehen Die Herren vom Hofe hatten, wenn die königlichen Jagden sich bis in unsere Gegend erstreckten, zum Oefteren einen kurzen Halt vor dem stattlichen, schloßartigen Hause gemacht und sich es gefallen lassen, wenn ihnen in dem trefflichen Wein und den köstlichen Früchten, die unsere Weinberge und Gärten erzeugten, eine Erfrischung geboten wurde. Die Courvilles waren glückliche Leute gewesen auf ihrem Grund und Boden. Sie hatten auch in der Kaufmannschaft, in der Robe und in der Verwaltung ihre nahen Verwandten gehabt; aber die ganze Familie hatte sich dem Katholicismus abgewendet und eines schönen Tages hatte man die Hugenotten vertrieben. Da hatte es ein Ende gehabt mit all dem Frieden und mit all der Herrlichkeit auch in Beau Champ.

Seiner Umsicht und einem Zusammentreffen günstiger Umstände hatte unser Stammvater es zu danken, daß er ein immerhin beträchtliches Vermögen retten konnte, und nachdem er in Preußen die neue Heimath gefunden und die Verhältnisse des Landes kennen gelernt, hatte er, in Frankreich an die Nähe einer großen Stadt, an die Nähe von Paris gewöhnt, sich fünf Meilen von Berlin in der Mark angekauft. Die adlige Familie, welcher das Schloß gehört, hatte durch eine neue reiche Erbschaft im Bayreuthischen sich veranlaßt gefunden, den alten Besitz um des neuen willen aufzugeben, und mein Vater hatte im Andenken an Beau Champ sein Schloß Schönfelde getauft.

In Schönfelde sind die Courvilles von Vater auf Sohn ansässig geblieben, und unter ihrer aus Frankreich mitgebrachten Kenntniß der verbesserten Landwirthschaft, hatte sich Schönfelde zu einer Art von Musterwirtschaft herausgebildet, in welcher namentlich die Pflege des Obstes und die großen Anpflanzungen von Maulbeerbäumen die Aufmerksamkeit erregten, als man ein Jahrhundert später, von Seiten der preußischen Regierung, die Seidenerzeugung im Lande einzuführen und zu fördern beabsichtigte.

Als mein Vater das Gut von seinem Vater, bald nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges, überkam, hatten wir gen Osten hin die königliche Domäne Benwitz, gen Westen hin Schloß Dambow zu Nachbarn, welch letzteres einem Grafen Dubimin, Major von den Ziethen’schen Husaren, gehörte, der es aber bis dahin selten bewohnt, weil der Dienst ihn fern hielt, und weil die schöne Gräfin, die er geheirathet, als er ein Mann in der Mitte der Dreißig gewesen, die Freuden des Hoflebens nicht entbehren mochte.

Mit einem Male jedoch erschien der Graf mitten im Winter des Jahres siebzehnhundertfünfundsechzig plötzlich in Dambow. Seine Wagen, seine Pferde, sein alter Wachtmeister langten mit ihm an Es wurde alles auf sein Verweilen eingerichtet; nur die Gräfin kam nicht mit, und nicht der Sohn, den sie anderthalb Jahre vorher in ihrer bis dahin kinderlosen Ehe geboren hatte und über den damals, als die Nachricht von Berlin gekommen, in Dambow unter des Grafen Leuten große Freude gewesen war.

Sonst war der Graf, wenn er einmal während der Kriegsjahre für kurze Zeit einen Urlaub erhalten, als ein leidenschaftlicher Jäger und lebenslustiger Herr immer gleich von großer Gesellschaft umgeben gewesen. Es war dann hoch hergegangen. Der ganze Adel von den Nachbargütern war geladen worden; die Jagdfrühstücke, die Mittagbrote, die Abendfeste hatten einander abgelöst. Von früh bis in die Nacht war es ein glänzendes Leben gewesen; diesmal blieb alles still. Der Förster fragte vergebens nach des Herrn Befehlen. Der Graf gab kaum Acht auf die Berichte über den Wildstand; er rührte keine Flinte an. Man wußte nicht, was man davon zu denken hatte. Aus dem Wachtmeister war nichts herauszubringen und die Bedienten ließen sich auch nicht viel vernehmen über das, was den Grafen so verwandelt hatte. Trotzdem wußte man es doch bald, daß er seinen Abschied genommen, daß er seine Frau und seinen Sohn verstoßen habe. Erklären konnte man sich das nicht, bis sechs, acht Wochen später der Verwalter von der königlichen Domäne, der in Berlin gewesen war, die Nachricht mitbrachte, daß der Graf ein Duell gehabt habe. Sein Gegner, ein Sekretär der französischen Gesandtschaft , ein Vicomte von Solanges, sei an der erhaltenen Wunde gestorben. Die Gräfin Dubimin sei mit ihrem Sohne erst zu ihren Eltern, dann aber nach Frankreich in die Bretagne gegangen, da der Vicomte vor seinem Tode ihr und ihrem Sohne seinen ganzen liegenden Besitz und sein Vermögen verschrieben. Der Graf habe die Trennung seiner Ehe eingeleitet und dabei darauf angetragen, daß der Gräfin und ihrem Sohne die Führung seines Namens verboten würde.

Was daneben noch weiter über die Gräfin und die näheren Umstände dieses Ehescheidungsprozesses verlautete, war traurig genug für den Grafen und zum Wiederholen nicht geeignet. Es konnte sich damals aus den Andeutungen jeder seinen Vers machen und machte sich ihn auch.

Wer irgend den Grafen näher kannte, der beklagte ihn. Er war ein tapferer Soldat gewesen, hatte sich Ehre und Ruhm erworben durch seinen Muth, durch seine bis zur Tollkühnheit gehende Verwegenheit, und er hatte eben deshalb bei dem Könige, der solche rasche Entschlossenheit, der die Husarenstreiche liebte, in großer Gunst gestanden. – Eben dieser Gunst und der Rücksicht aus die französische Gesandtschaft schrieb man es also zu, daß das Duell und die ganze traurige Scheidungsangelegenheit möglichst in der Stille abgehandelt und dem Grafen die lange Festungsstrafe in eine kurze Haft verwandelt worden war, nach welcher er seinen Abschied gefordert und sich auf sein Gut zurückgezogen hatte.

Ueberall gab man ihm Recht. Man sagte, er habe gehandelt wie er mußte, und nun sei eben alles in Ordnung. Er jedoch vermochte die schwere Kränkung seiner Ehre und die verrathene Liebe nicht zu verwinden. Aus dem lebensfrohen Officier war ein finsterer Mann, man sagte ein Menschenfeind geworden. Er [144] besuchte niemand; und wenn man ihm Sonntags in der Kirche begegnete, sah man’s ihm an, wie versunken er in sich war, und daß er an seinen alten Bekannten und an nichts mehr Anteil nahm, obschon er in allem Geschäftlichen seine Schuldigkeit that und seinen Leuten nach wie vor ein gnädiger guter Herr geblieben war. Nur mit meinem Vater hielt er noch einigen Verkehr. Das stammte aus ihrer Kinderzeit.

So mochten drei Jahre verstrichen sein, als der König einmal in unsere Gegend kam, und als wolle er seinem früheren Major und Günstling öffentlich eine Ehrenerklärung geben, ließ er ihm die Nachricht zugehen, daß er bei ihm vorzusprechen denke, wenn er die Domäne Benwitz besucht haben werde, die ein gewisser Kräutner seit langen Jahren bewirthschaftete, und schlecht bewirthschaftete. Es war um die Zeit überhaupt die Rede davon gewesen, daß der König die bisherige Verwaltung seiner Güter nicht zweckentsprechend finde, daß eine andere Einrichtung mit den Domänen gemacht werden solle.

Die Nachricht, daß der König den Grafen mit seinem Besuche beehren werde, brachte mit einem Male Leben in das stille Schloß. Es wurden Reitknechte nach rechts und links gesendet; der Koch und die Dienerschaft hatten sich zu rühren, und auch unser Gärtner wurde in Anspruch genommen, in aller Eile die Ehrenpforten errichten zu helfen, mit denen der König empfangen werden sollte. Wer es konnte, war im Lande auf den Beinen, den König zu sehen, den man schon damals den ‚großen König‛ nannte; und es hatte sich viel Volk gesammelt, als er vor Schloß Dambow vorfuhr, wo der Graf, zum ersten Male wieder in voller Uniform, seinen Herrn an seines Gartens Thor empfing.

Es war dem Grafen die Weisung ertheilt worden, daß keine weiteren Gäste einzuladen wären, und nachdem der König den Grafen huldvoll begrüßt und seine Dankbezeigung gnädig aufgenommen, hatte man sich zu dem vorbereiteten Gabelfrühstück niedergesetzt. Vorher hatte jedoch der Generaladjutant dem Grafen mit flüchtigen Worten zu verstehen gegeben, daß der König nicht sonderlich aufgelegt sei, weil er mit der Verwaltung der Domäne und dem Kräutner unzufrieden gewesen wäre. Kaum aber hatte der Adjutant das gesagt, als der König sich erkundigte, wem das Nachbargut Schönfelde gehöre, da seinem Adlerauge, trotz des raschen Vorüberfahrens, die vielen, reiche Frucht versprechenden Obstspaliere und die Alleen der kräftig emporgewachsenen Maulbeerbäume bei uns aufgefallen waren.

Der Graf hatte darauf dem Könige meinen Vater genannt, hatte berichtet, was der König sonst noch zu wissen gewünscht, und sofort war auch ein Reitknecht nach Schönfelde geschickt worden, weil der König, der auf die Refugiés viel hielt, meinen Vater zu sprechen verlangte. Der Graf war meinem Vater, als man ihn in Dambow gemeldet, entgegengegangen, hatte ihn im Voraus benachrichtigt, um was es sich wahrscheinlich handeln würde, hinzusetzend, daß der König Aerger in Benwitz gehabt und daß der Vater sich darnach zu achten habe.

Wie der Vater darauf vor dem Könige erschien – und mein Vater war ein stattlicher Mann, der sich vornehm ausnahm in der schönen Tracht von damals – wie mein Vater also ehrfurchtsvoll und würdig vor seinem Könige stand, sagte dieser: ,Er stammt von den Refugiés, wie ich von dem Grafen vernommen, und ich lobe Seine Obst- und Seine Maulbeerzucht. So wie sie bei Ihm ist, will ich sie eingeführt haben; aber der Kräutner versteht sein Metier nicht und nicht meine Intention. Er hat Benwitz verwirtschaftet und muß fort. Verkaufe Er mir Schönfelde. Ich schlage es zur Domäne, und Er soll mir beide Güter bewirtschaften nach der Weise, wie Er Schönfelde in Kultur gebracht hat.‛“

Josias machte eine kleine Pause.

„Du kannst Dir wohl denken,“ nahm er darauf wieder das Wort, „daß es kein leichtes Stück war, ein Nein! zu sagen, wenn der große Friedrich seine scharfen blauen Augen, eine andere Antwort erwartend, auf einen seiner Unterthanen gerichtet hielt. Indeß der Vater hing an seinem, an dem Familiengute. Das Gut, in das durch nahezu ein Jahrhundert beträchtliches Kapital hineingesteckt worden war, konnte auch nicht billig fortgegeben werden, und daß der König ein knapper Zahler war und sein mußte, das war jedermann bekannt, das lag in den Verhältnissen. Allein da der Vater ein großer Verehrer des Königs war, da er auch den schönen Zug fühlte, einem Hohenzollern so weit es in seiner geringen Macht stand, sich dankbar zu erweisen für den Schutz, welchen unsere Vorfahren unter dem Scepter der Hohenzollern in Preußen gefunden, so sagte er, als der gewandte und rasch entschlossene Mann, der er gewesen ist alle Zeit: ‚Majestät werden es gutzuheißen geruhen, daß ein Refugié an seinem Grund und Boden, den er unter dem preußischen Adler erworben hat, mit derselben festen Treue hält wie an seinem neuen Vaterlande und an dessen ruhmreichem Könige und Herrn! Aber wenn Dero Majestät Zutrauen zu mir fassen könnten und Dero Unterthan eine große Gnade erweisen wollten, so getraute ich mir, da Schönfelde im Stande ist und mir freie Zeit läßt, die Domäne, wenn Herr Kräutner bleibt, zu beaufsichtigen oder zu bewirtschaften, wie Dero Majestät es zu befehlen geruhen, ohne daß ich Schönfelde deshalb aufgeben müßte; denn ich möchte es vererben auf den Sohn, auf das erste Kind, das mir in dieser Nacht geboren ist, wie meine Vorfahren es vererbt vom Vater auf den Sohn.‛

Mein Vater merkte an den Mienen der Anwesenden, daß sie von Seiner Majestät etwas Ungnädiges zu vernehmen erwarteten; sie hatten sich aber geirrt. Der König war zu gerecht, um einem Manne ein gerechtes Verlangen als Verbrechen anzurechnen. Er sah meinen Vater scharf an, dann sagte er:

‚Wenn Er nicht lassen will von seiner Scholle, behalt’ Er sie. Ich will’s mit Ihm probiren! Der Kräutner soll Ordre bekommen, sich Ihm zu unterstellen. Seh’ Er, ob’s mit ihm geht. Parirt er nicht, meld’ Er’s der Kanzelei, dann geht er. Aber nehm’ Er’s mit Benwitz gleich in Angriff! Sein Schade soll’s nicht sein, wenn Er seinen König kontentirt. Also aufs nächste Jahr, Monsieur Courville! Ich werde nachsehen lassen, wo Er halten wird.‛

Damit reichte er meinem Vater die Hand, der sie ihm mit stolzer Freude küßte; und als dann der König gleich darauf das Schloß verließ, nickte er dem Vater noch einmal gnädig mit dem Kopfe, bevor der Wagen dem Auge entschwand.

Der Graf lud den Vater darauf ein, mit ihm in das Schloß zurückzukehren, um bei einem Glase Wein zu besprechen, wann der betreffende Befehl an Kräutner eintreffen könne und wie es rathsam sei, bis dahin von der Angelegenheit zu schweigen. Dabei gab ein Wort das andere. Des Grafen Herz war aufgeschlossener als seit langen Jahren. Die Gnade des Königs hatte ihn neu belebt, und weil er sich befreiten Sinnes fühlte, mochte er auch Freude bereiten, wollte er dem einstigen Spielkameraden, dem Gutsnachbar, dem der König eben die Huld erwiesen, seine freien Dienste anzunehmen, auch eine Ehre anthun; denn der Vater war nun in des Grafen Augen noch mehr gestiegen und noch ein ganz Anderer geworden als bisher.

Er fragte den Vater theilnehmend nach dem Befinden der Wöchnerin, und setzte hinzu:

‚Da Ihnen, lieber Courville, gerade an dem Tage, den wir beide in unsere Annalen einzutragen haben werden, ein Sohn geboren worden, so nehmen Sie mich, als Jugendbekannten, zu seinem Pathen an, und da ich Ihr nächster Nachbar bin, werde ich das Vergnügen haben, ihn unter meinen Augen heranwachsen zu sehen. Ein Einsamer muß sich an fremdem Glücke erfreuen lernen!‛

Mein Vater erkannte natürlich diese Ehre dankbarst an, und weil des Grafen Stimme und Rede weicher und herzlicher geklungen, als er sie je vernommen, sagte er, er hoffe, der Graf werde nicht immer einsam bleiben, und auch ihm und seinem Hause werde noch Glück erblühen und der Erbe ihm nicht fehlen zu seiner Zeit.

Der Graf schüttelte verneinend das Haupt. ,Was hin ist, ist dahin!‛ sprach er. ,Der Baum, den ein Blitzstrahl getroffen, mit dem ist’s vorbei, der trägt keine Frucht mehr!‛

,Sie irren, Herr Graf! Es kommt nur auf die Kraft des Stammes an!‛ wendete ihm der Vater ein. ‚Wenn ich die Ehre haben werde, Sie in Schönfelde zu sehen, zeige ich Ihnen einen Baum, den der Blitz vor Jahren seiner mächtigsten Aeste beraubt hat; und er hat neue Aeste getrieben und verspricht noch auf weit hinaus Bestehen und gute Frucht.‛

Der Graf nahm das wie eine gewöhnliche Bemerkung hin. Nur ein flüchtiges Lächeln glitt über sein gefurchtes, düsteres Antlitz und es war weiter die Rede nicht davon.

Vierzehn Tage darnach ward ich in der Kirche der Domäne, in welcher wir und die von Dambow eingepfarrt waren, auf den [146] Namen Friedrich Claudius Josias getauft und mit dem letzten Namen gerufen, welcher der des Grafen war; mit dem Namen, über den Du Dich so sehr gewundert hast, als Du noch ein kleines unnützes Ding gewesen bist.“

Und wieder unterbrach sich Josias, seiner gemächlichen Weise getreu, in seiner Erzählung. Die Sonne war untergegangen; die Luft war klar und hell; von dem Wasser und von den jenseitigen Wiesen stieg es wie ein kaum merklicher, leichter Nebel auf. Allmählich begann er silbern zu schimmern und sich zu färben, denn der Mond tauchte am östlichen Horizonte auf. Josias blickte eine ganze Weile in das sanfte Wallen und Weben des Nebels hinein.

„Sieh!“ sprach er, „wie das nahende Licht die ganze weite Fläche und den Himmel verklärt mit seinem Zauber. Ist es doch, als löste es die harten Umrisse in Duft, als höbe es das Gesetz der Schwere auf! Wie macht diese Herrlichkeit es uns empfinden, daß wir eingeboren sind in die Schönheit der Natur, daß wir zu ihr gehören, ein Theil von ihr sind! Wie fühlt man sie aufwallen im Herzen, die Anbetung dessen, der uns diese schöne Welt geschaffen hat! – Und über ein Kleines, ein paar Stunden noch, wenn des Mondes Helle unserem Auge entschwunden sein, wenn das Dunkel uns umhüllen wird, so wird trotzdem das Licht, das jetzt von ihm in unsere Seelen gefallen, fortleuchten in uns, in aller seiner Schönheit, in unverlierbarer Erinnerung, fortleben und -leuchten wie die wahre Liebe, die auch ein Gottgegebenes und also auch ein Unverlierbares, ein Ewiges ist, obschon sie uns nicht wiederkehrt wie des Mondes holdes Licht.“

Ich habe diese Worte des guten Josias nie vergessen. Ich trage sie im Gedächtniß, als hätte ich sie eben durchlebt. Mir war es zu Muthe wie in der Kirche, so fromm, so still, so hingegeben, da ich Josias mit solchem Vertrauen aus seinem tiefsten Herzen zu mir reden hörte. – Er jedoch raffte sich plötzlich aus seinen Betrachtungen empor, und seine freundlichen Augen zu mir wendend, sprach er, seine Erzählung wieder aufnehmend:

„Was ich Dir bis jetzt berichtet, habe ich natürlich nur vom Hörensagen; nun aber kann und muß ich von mir selber und von meinem eigenen Erleben reden, und mein Erinnern reicht ein gut Ende zurück. Bis ich in mein siebentes Jahr gekommen bin, flossen meine Tage vorüber, wie sie einem einzigen Kinde in begüterter Familie auf dem Lande eben hingehen, und eines besonders lebhaften Eindrucks weiß ich mich nicht zu erinnern aus meiner ersten Kindheit. Ich war von je, wie Figura noch heute zeigt, ein großer starker Bursche gewesen, hatte mit sechs Jahren an dem Doktor Hartusius einen rechtschaffenen, gebildeten Erzieher bekommen, von dem ich mit Vergnügen lernte, weil mir das nicht schwer fiel. Zu meinem achten Geburtstage hatte mein Herr Pathe, der Graf, der zum Oefteren nach mir sah und dem ich sonntäglich in der Kirche die Hand zu küssen hatte, mir ein eigenes Pferd geschenkt, und bei dem wachsenden Wohlstand meiner Eltern, bei ihrer Zärtlichkeit für mich, lebte ich als ein seelenvergnügter Junge in dem Sonnenschein ihrer Liebe und des Glücks.

Der Vater hatte dem Könige leisten können, was zu thun er sich erboten. Er hatte eine Oberaufsicht in Benwitz geführt, obschon der bisherige Verwalter ihm diese Aufgabe nicht leicht gemacht. Er hatte Obstbäume, Maulbeerbäume gepflegt, Felder- und Wiesenstand durch bessere Düngung und Wasserableitung in ihrem Ertrag gehoben, und inzwischen hatten die Maßnahmen in der Verwaltung der Domänen sich geändert.

Man hatte die Erfahrung immer mehr bestätigt gefunden, daß nichts dabei herauskam, wenn der Staat die königlichen Güter selbst bewirthschafte, hatte also beschlossen, sie in Pacht zu geben, wobei denn den Pächtern die polizeiliche Macht, die Steuererhebung und die Gerichtsbarkeit auf denselben mit dem Titel königlicher Rentmeister zuerkannt und sie also in gewissem Sinne den königlichen Beamten und den adligen Gutsbesitzern gleichgestellt wurden. Daß man meinem Vater den Antrag machte, die Domäne zu pachten, verstand sich fast ebenso von selbst wie daß mein Vater ihn annahm, besonders da der König ihm gleichzeitig als Zeichen seiner bisherigen Zufriedenheit einen Orden verliehen; und ohne daß darüber gesprochen wurde, hatte sich in der Familie und in der Gegend die Meinung festgestellt, daß auch ich, wenn ich einmal soweit sein werde, die Domäne übernehmen, daß die Hohenzollern und die Courvilles zusammen bleiben würden – wobei denn immer in Erwähnung gebracht wurde, daß ich als ein reicher junger Mann die Welt sehen und ein Leben haben würde, wie ein solcher junger Mann sich’s wünscht. Durch meiner Mutter Sinn strich daneben wohl auch der Gedanke an Adelung durch des Königs Gnade, an eine vornehme Heirath für mich in Folge der Adelung; und die Idee war im Grunde keine vermessene.

So jung ich war, so verstand ich, da ich immer unter Erwachsenen lebte, das alles ebenso gut, wie ein Kronprinz es früh verstehen lernt, daß er für den Thron geboren ist. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt! Es ist nicht gekommen, wie die Eltern es erwartet.

Um die Zeit nun, von welcher ich eben jetzt geredet, ging ich einmal mit Herrn Hartusius auf dem Wege nach Dambow spazieren. Er war ein feiner Mann, denn auf seine Manieren hielt man damals mehr als heut zu Tage. Er hatte eine gründliche Bildung genossen, in Leipzig und Weimar eine Weile unter den dortigen Schöngeistern gelebt und war von Gellert an Herrn Professor Ramler nach Berlin empfohlen worden. Durch diesen war er in unser Haus gekommen, sehr zur Befriedigung meiner Mutter, die eine poetische Seele hatte. Er machte sehr hübsche Verse, verfaßte auch alle die Gedichte, welche ich bei feierlichen Anlässen im Hause und zum Neujahr für meinen Herrn Pathen abzuschreiben und herzusagen hatte, und meine beiden Eltern besaßen an dem philologisch und ästhetisch gebildeten Manne einen sehr angenehmen Hausgenossen und verläßlichen Freund. Ihm verdanke ich meine eigene Freude an der Poesie und meine frühe Bekanntschaft mit unserer schönen Litteratur.

An dem Abende also waren wir noch nicht lange auf dem sonst stillen und einsamen Wege einhergeschritten, als wir uns vor einem Haufen von Leuten befanden, die sich zwischen den beiden letzten Wagen der Dambower Gerstenernte laut durch einander sprechend und wirr durch einander schreiend hin und her bewegten.

Die Binderinnen waren von den Wagen herunter, die Knechte von den Pferden gesprungen; es waren Leute aus dem Dorfe dazu gekommen, zu sehen was da vor sich gehe, und wie wir dann auch in gleicher Absicht herangetreten waren, hatten wir keine Mühe zu erkennen, um was es sich dort handelte.

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aus: Die Gartenlaube 1888, Heft 10, S. 159–162

[159] Wir sahen einen großen Kerl vor uns, dem ein Affe auf der Schulter saß, während er einen Bären an doppelter Kette neben sich hatte. Hinter ihm hielt ein starker noch junger Mensch ein altes kraushaariges Pferd, einen rechten struppigen Pollaken, das schwer und hoch mit allerlei Stangenwerk und sonstigem Kram beladen war. Ein kleines, verhutzeltes Weib trug einen zweiten, kleinen Affen in einem Korbe auf dem Rücken, und sie und ein schönes, etwa siebzehnjähriges Mädchen mit rabenschwarzem Haar und großen schwarzen Augen, aus denen sie finster vor sich hinstierte, hatten jede einen Pudel an der Leine.

Es war fahrendes Volk, wie es bald nach dem Kriege sich oft im Lande herumgetrieben hatte. Jetzt in den Friedenszeiten sah man es selten, und der Schulze und der herbeigerufene Gendarm wiesen mit lauter Abwehr die Bitte des Mannes zurück, der in Dambow nächtigen und am andern Tage dort vor allem Volke seine Künste machen wollte. Das Hin- und Herreden, das Hinzukommen von immer mehr Leuten hatte die Hunde unruhig gemacht, die laut bellend gegen die Menschen ansprangen. Der Bär brummte dazwischen, der fremde Ton und das zischende Quieken der Affen regte die Kinder auf, und des Schulzen beide Jungen wendeten sich vorbittend für die Truppe an den Vater.

Wie gesagt, es kam nur selten vor, daß solche Bande sich bei uns blicken ließ, und seit ich ein paar Mal mit den Eltern in Berlin gewesen war, wo man mich in die Komödie und in die Vorstellung einer Seiltänzergesellschaft mitgenommen, machten die Bärenführer mit ihrem Gefolge mir nicht mehr den früheren Eindruck. Aber in dem Stillleben auf dem Lande war doch jede Abwechselung etwas Willkommenes, und ich bat Herrn Hartusius, er möge sich ins Mittel legen, damit man die Leute in Dambow nächtigen lasse, wonach wir dann versuchen wollten, ihnen für den nächsten Abend eine Erlaubniß zum Nächtigen in Schönfelde von meinem Vater zu erwirken, der diesen Abend nicht zu Hause, sondern zu einem Erntefeste in der Nachbarschaft geladen war.

Der Führer der Truppe, den sein Gewerbe und sein Wanderleben zu schärfster Achtsamkeit gewöhnt, sah nach mir hinüber, errieth an meinen Mienen, daß er einen Bundesgenossen an mir habe, und sich schnell zu mir wendend, sagte er: „Ah! jung Graf! Pudel klug! Bär marschirt! Aff reitet wie Husar und zieht Säbel! und da! da! die da! Franull tanzt! Tanzt oben! hoch! schön hoch wie Dach!“

In dem Augenblick kam der Graf zum hinteren Gartenthore hinaus, übersah mit raschem Blick was vorging, und Hartusius, den die Schönheit und der finstere Blick in den Augen des Mädchens überrascht hatten, machte den Grafen auf dasselbe aufmerksam.“

„Das war Franull?“ fragte ich voll Erstaunen.

„Unterbrich mich nicht!“ mahnte Josias, der im Fortgang seiner Erzählung lebhafter geworden war.

„Der Graf, ebenso von dem Mädchen angezogen wie Hartusius und selbst ich, trat an das schöne Kind mit der Frage heran, ob der Führer ihr Vater sei. Das Mädchen schüttelte verneinend den Kopf; die Alte aber versuchte dem Grafen, der es ihr wehrte, den Rock zu küssen, und sagte in einem verständlichen Deutsch, dem man den Dialekt von Oberschlesien anhörte: ,S’ ist meiner Tochter Kind, allergnädigster Herr! Der Vater war auch Kroat wie der hier. Der Vater ist im Krieg geblieben. Der da, der Jablonski, lag bei mir verwundet im Quartier. Da sind die Preußen gekommen! Die haben uns das Dach über dem Kopf angesteckt, daß wir uns hingeschleppt bis in den Wald. Und wie er dann wieder gehen und ich das arme Wurm fortschleppen gekonnt, da ist’s denn so geworden. Erst sind wir herumgezogen mit einem Anderen, der die Franull auf die Beine gebracht! Ich hab’ gekocht für alle. Dann hat sich gut angelassen die Franull, und er hat sich selber zum Hauptmann machen können; aber sie parirt nicht! – und sie muß doch, wie der Bär und alles! Sie muß! Küß’ die Hand, Franull!‛

Das Mädchen gehorchte stumm und ohne aufzusehen. Der Graf, der kein Auge von der jungen Schönheit verwendet, hatte damit der Alten Zeit gelassen, ihre Geschichte abzuhaspeln. Mir war sie wie ein Märchen zu Herzen gegangen, um des Mädchens willen. Ich gab ihr das Geld, das ich bei mir hatte; sie nahm’s ohne Dank und reichte es dem Führer.

Dem Grafen war das nicht entgangen. ,Er will hier bleiben und seine Künste machen?‛ sagte er zu dem Kroaten.

,Allergnädigster Herr! sind wir doch geworden Preußen in Schlesien. Wollen allergnädigster Herr lassen ehrliche Preußen ihr ehrlich Gewerb haben hier und sich lassen verdienen ihr elend Brot hier! – Machen schöne Kunst, junger Herr!‛ versicherte er mich dann wieder.

Es war nicht die Beredtsamkeit der Alten, noch des Kroaten Betheuerungen seiner Ehrlichkeit, sondern Franull’s finstere Schönheit, die auf den Grafen wirkte.

,Verstehst Du Deutsch?‛ fragte er.

Sie nickte, ohne zu antworten, mit dem Kopfe.

,Wo kommt Ihr her?‛

,Vom andern Dorf!‛ erwiderte sie, aber sie hob die Augen nicht zu ihm empor.

,Wie lang seid Ihr unterwegs?‛

‚Immer!‛

,Wo seid Ihr zu Hause?‛

,Nirgends!‛

Ihre Wortkargheit, ihre zusammengepreßten Lippen, ihre Blässe, die Erschöpfung, die man ihr ansah, hatten etwa Erschütterndes; und eben wollte ich eine Fürbitte bei meinem gräflichen Herrn Pathen für sie einlegen, als dieser einen seiner Leute heranwinkte.

,Bringt sie in den Schafstall!‛ – er stand leer, weil die Schafe noch draußen in der Hürde blieben. ,Bringt sie in den Schafstall! Gebt ihnen zu essen, auch Milch dem Mädchen! Sie mögen morgen, da es Sonntag ist, hinten auf der Koppel ihre Künste machen; aber Montag mit Tagesanbruch fort! ‛ herrschte er den Kroaten an.

,Fort!‛ sprach Franull dem Grafen nach, der sich auf das Wort noch einmal zu ihr zurückwendete, während Jablonski und die Alte in überschwenglichen lobpreisenden Ausrufen des Dankes kein Ende finden konnten.

Der Graf, dem ich für mein Theil dankend die Hand zu küssen hatte, trug mir einen Gruß an meinen Herrn Vater und meine Mutter auf und machte gegen Doktor Hartusius die Bemerkung: ,Schade um das schöne Geschöpf!‛

,Es wird unter die Füße getreten werden!‛ warf der Doktor ein.

,Wie anders!‛ entgegnete der Graf mit Achselzucken und ging davon, während wir unseren Heimweg antraten.

Zu Hause war von dem Vorgang nicht eben viel die Rede; denn es war ja kein außergewöhnlicher, aber ich konnte das sonderbare Mädchen nicht vergessen. Die großen finstern Augen sahen mich immer noch an, und auch der Doktor erwähnte der jungen eigenartigen Schönheit so lebhaft, daß mein Vater lächelnd sagte, wir hätten ihn neugierig gemacht, und wenn grade nichts dazwischen käme, so könne man sich ja das Wunder morgen einmal ansehen, falls das Wetter sich halte, das mit Regen drohte.

Indeß am Morgen hatten die Wolken sich vertheilt, die Sonne strahlte hell hernieder, als wir nach Benwitz zur Kirche fuhren, die der Graf, wie wir, mit strengster Regelmäßigkeit besuchte; und als wir nach dem Gottesdienste vor dem Kirchhof bei unsern beiderseitigen Wagen zusammentrafen, sagte der Graf scherzend zu mir: ,Nun, Monsieur Josias, Er wird wohl Lust haben, heute die famose Gesellschaft in Dambow ihre Künste machen zu sehen! Der Kerl hat mit merkwürdiger Geschicklichkeit und Schnelle das Gerüst aufgeschlagen und das Seil gespannt, auf dem das Frauenzimmer tanzen soll; und wenn es den werthen Nachbarn gefallen sollte, mit dem Josias und seinem Gouverneur den Kaffee bei mir zu nehmen, so würde ich erfreut sein, sie in Dambow zu empfangen.‛

Solche Einladungen kamen im Laufe des Jahres ab und zu einmal vor, wurden stets eben so dankbar angenommen als erwidert; und es war um die vierte Nachmittagsstunde, als wir in den Schloßhof einfuhren.

[160] Der Kroat war, nachdem er seine Vorbereitungen am Morgen getroffen, mit seiner Truppe durch die drei Dörfer gezogen, so weit es möglich gewesen, hatte trommelnd oder trompetend die Leute zusammengerufen, ihnen die Herrlichkeiten anzukündigen, deren sie theilhaftig werden könnten, wenn sie sich pünktlich um fünf Uhr auf der Koppel hinter Schloß Dambow einfinden wollten. Er hatte auch ein paar von den Musikanten geworben, die in den Schenken der Dörfer zum Tanz aufspielten, und es sah dann bunt genug auf dem umzäunten Weideplatze aus, als ich eine Stunde später, nach dem eingenommenen Kaffee die Erlaubniß erbat und erhielt, dem Schauspiel beizuwohnen.

Meine Mutter zeigte Lust, sich mir und Doktor Hartusius anzuschließen, da die beiden Männer sich in ihre Unterhaltung über die Zweckmäßigkeit der immer weiter durchgeführten Domänenverpachtung vertieft hatten; und der Graf, der trotz der völligen Einsamkeit, in welcher er sich nach wie vor gefiel, die feine Sitte der guten Gesellschaft doch niemals außer Acht ließ, brach darauf sofort das Gespräch mit meinem Vater ab, um meiner Mutter den Arm zu bieten, als sie sich auf seinem Grund und Boden zu ergehen wünschte.

Schon im Park klang von der Wiese zwischen dem lustigen Dreitritt, den wir sonntäglich aus dem „Kruge“ zu hören gewohnt waren, der laute Jubel und das Hurrahrufen herüber, mit dem die zahlreich zusammengeströmte Menge ihren Beifall kundgab; und wie wir dann den freien Blick auf die Koppel gewannen, sahen wir – die Thiere hatten ihre Künste bereits alle zum Besten gegeben – wie Franull sich auf dem Seile in gemessenem Schritte hin und her bewegte, sich neigend, sich erhebend, sich wendend und sich wieder neigend; und was immer sie that, es stand ihr gut, und sie sah schön aus in dem elenden rothen Röckchen, das ihr nicht weit über das Knie hinabreichte und ihre Glieder, ihre feinen Schultern, ihre schönen Arme, dem Blicke überließ. Sie trug einen Kranz von Ebereschen in dem schwarzen Gelock und die mit Schellen besetzte Balancirstange in den Händen. Mir kam sie womöglich noch schöner als am verwichenen Abende vor; aber der Ausruf meiner Mutter: ,Herr Gott! das Mädchen ist ja zum Erbarmen schön!‛ bezeichnete den Eindruck, den sie machte, auf das Richtigste.

Unverwandt sah sie auf ihre Stange und auf das Seil hernieder. Sie schien weder die Musik, noch die Freudenrufe der Leute, weder das Janitscharengeklingel des Kroaten zu hören, noch seinen immer wiederholten Zuruf: .He! he! lustik! he! hoch! schön Franull! lach’, schön Franull!‛

Es machte offenbar keine Wirkung auf sie. Man sah, ihr Thun war ihr eine Qual, und eben wollte der Graf, da wir nahe herangekommen waren, gleich meiner Mutter von Mitleid mit dem armen Geschöpf ergriffen, den Befehl geben, der Vorstellung ein Ende zu machen, als Jablonski’s Ruf: ,Hoch! hoch! oder –‛ Das fremde Wort mußte eine Drohung enthalten, die er mit der Bewegung seines erhobenen Armes noch zu verstärken suchte und deren Ausführung das Mädchen zu fürchten gelernt hatte.

Franull sprang in die Höhe – ein allgemeiner Schrei des Entsetzens erfüllte die Luft! Die Musik verstummte in grellem Mißton! Die Tänzerin hatte das Seil verfehlt; die Balancierstange fiel klirrend zu Boden – Franull lag leblos auf dem grünen Rasen.

Der Kroat hob sie empor. Von allen Seiten liefen namentlich die Weiber zum Helfen herbei. Man sah, wie das rechte Bein des Mädchens schlaff zur Seite hing, wie das Blut aus einer Kopfwunde das blasse Antlitz und die nackte Schulter der Bewußtlosen überströmte. Aber ehe noch Jablonski sich mit ihr durch die Herandrängenden hatte fortmachen können, war der Graf, dem man natürlich sogleich Raum gegeben, raschen Schrittes dazwischen getreten, hatte die Bewußtlose in seine Arme genommen, ihren Oberkörper an seine breite Brust gelehnt, dem Doktor Hartusius, der ihm auf dem Fuße gefolgt war, zugerufen: ,Stützen Sie den Unterkörper! Das Bein ist gebrochen!‛ und hatte dann mit seiner leichten Last den Weg nach dem Schlosse eingeschlagen.

Das Alles war schneller vor sich gegangen, als ich es habe erzählen können. Der Kroat stand machtlos fluchend auf dem Plan; die Alte schlich händeringend dem Grafen und Hartusius nach. Die Einen schrieen, daß man den Schäfer kommen lassen müsse, der Hand anzulegen verstehe, wenn Noth am Mann sei; der Inspektor befahl, den Doktorwagen anzuspannen und sogleich nach der Stadt zu fahren, um den Doktor oder den Chirurgus herauszuholen, und ich ging, in all dem Hin und Her meinen Eltern in das Schloß, da die Mutter, als eine erfahrene Hausfrau, zunächst darauf bedacht war, des Mädchens Kopfwunde vorläufig zu verbinden, um womöglich das heftige Bluten derselben zu stillen.

Auf der Koppel und im Dorfe wurde es danach still, im Schlosse war’s noch stiller. Man hatte Franull auf ein Bett in der Mägdestube gelegt; meine Mutter hatte sie verbunden; die Haushälterin hatte eine Magd an das Krankenbett gesetzt und die Alte hinausgeschickt, die mit ihren lauten Wehklagen und mit dem Verlangen, das Bein zu untersuchen, zur Last fiel; und unser Wagen war dann vorgefahren, uns nach Hause zu bringen, da man trotz des Mitleids, das man hegte, unmöglich im Schlosse bleiben konnte, bis der Arzt, auch wenn man ihn zu Hause antraf, aus der anderthalb Meilen entfernten Kreisstadt nach Dambow gekommen sein konnte.

Es blieb aber während der Fahrt und auch noch zu Hause bei dem Abendessen immer die Rede von dem Vorfall, von Franull, von ihrer eigenartigen Schönheit; und meine Mutter hegte den Glauben, daß dies Mädchen nicht die Enkelin der Alten, sondern ein geraubtes Kind sei; denn Rosen wachsen nicht am Dornstrauch. Sie band es deshalb dem Doktor Hartusius auf die Seele, daß er dem Grafen von diesem ihrem Gedanken sprechen solle, wenn er am nächsten Tage, wie es verabredet worden, nach Dambow hinüberreiten würde, sich zu erkundigen, wie es mit der Verunglückten stehe; und es erging derselben denn so, wie es zu erwarten gewesen war.

Sie lag noch immer bewußtlos in vollem Fieber. Der Arzt hatte die Erschütterung des Kopfes für bedenklich erklärt; und nach seiner bestimmt ausgesprochenen Ansicht konnte selbst bei der glücklichsten Heilung des Beinbruchs nie wieder die Rede davon sein, Franull ihre Kunst ausüben zu lassen. Als dies festgestellt worden, hatte der Graf am Morgen den Kroaten und die Alte vor seinen Justitiarius kommen und in aller Form verhören lassen, nachdem er erklärt, daß er das Mädchen bis zu dessen vollständiger Heilung im Schlosse behalten werde.

Die Alte hatte unter heißen Thränen beschworen, daß alles sich verhalte, wie sie es zuerst ausgesagt, daß Franull ihrer Tochter Kind und auf den Namen des Kroaten Wizkowich in einer protestantischen Kirche, die sie angab, getauft sei. Wizkowich sei ein ehrlicher Soldat gewesen, der ihre Tochter gewiß geheirathet haben würde, und der Jablonski habe sich auch nichts zu schulden kommen lassen. Wenn er auch mit Pferd und Vieh besser umzugehen verstanden als mit dem Kinde, wenn er das Mädchen wohl auch einmal im Zorn seine Faust habe fühlen lassen: an ihr, an der Alten, habe er sich nie vergriffen, selbst nicht, wenn er einmal etwas im Kopfe gehabt. Hungern habe er sie auch niemals lassen, sondern habe seinen letzten Bissen Brot mit ihnen getheilt, und ein ehrlicher Kerl sei er, so wahr Gott lebe.

Der Kroat hatte, während die Alte redete, finster und mit geballten Fäusten vor dem Grafen und dessen Justitiar dagestanden. Daß er nicht in Dambow liegen bleiben könne, bis Franull geheilt sein würde, das verstand sich von selbst; und wenn künftig auf dem Seile mit ihr nichts mehr zu machen war, so war sie, und mehr noch die Alte, ihm nur eine Last. Er hatte also der Erklärung des Justitiars mit den Worten begegnet: ‚Ja! gleich fort! nix da Glück! fort allein! –Aber noch sehen! – Krank Kind sehen! und fort! fort!‛

Die Alte jedoch hatte natürlich himmelhoch gebeten, daß man sie nicht hinausstoßen, daß man sie bei ihrer Enkelin bleiben lassen solle, bis diese wieder würde mit ihr gehen können, wonach sie denn zusammen versuchen müßten, sich weiter durchzuschlagen in der Welt; und wollte der Graf, dessen gutes Herz bekannt war, nicht grausam sein, so hatte er kaum eine Wahl gehabt, als beiden zu willfahren.

Die Alte wurde sofort in eine der Kathen bei hörigen Leuten untergebracht, und die Wirthin hatte den Befehl erhalten, den Kroaten an das Bett Franull’s heranzulassen, nachdem der Graf ihm, wie die Leute erzählt, noch ein Geldstück als Wegzehrung in die Hand gedrückt.

[162] Die Wirthin war darauf mit dem Kroaten an das Bett des Mädchens gegangen; er war vor demselben lautlos stehen geblieben, hatte es angesehen und angesehen. Dann hatte er ein kleines Kreuz losgemacht, das er unter dem Kollett am Halse getragen, hatte es Franull auf die heiße Stirn gelegt und war mit einem kurz hervorgestoßenen ,Hm‛, ohne sich umzublicken, aus dem Zimmer fortgegangen.

Der Graf selber hatte das Doktor Hartusius mit dem Bemerken erzählt, der Kerl habe ihm leidgethan, und der Doktor hatte gegen meine Mutter geäußert: wie gütig der Herr Graf sich auch gegen ihn und gegen mich stets gezeigt, für so gefühlvoll, als er sich bei dem Anlaß erwiesen, hätte er ihn, wegen seiner strengen Außenseite, nie gehalten.


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aus: Die Gartenlaube 1888, Heft 12, S. 190–192

[190] Das Abenteuer der Franull war zunächst abgethan. Es hatte jedoch die Eltern und den Grafen einander näher gebracht. Der Graf und der Vater luden sich seitdem häufiger zum Jagen ein; man plauderte beim Fortgehen aus der Kirche länger mit einander, bevor man in die Wagen stieg; und da eben in jenem Herbste meine Mutter sich nicht gut befand, so daß sie längere Zeit das Zimmer hüten mußte, kam der Graf, was sonst nicht geschehen war, mehrmals ungeladen nach Schönfelde, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Alle die Jahre hindurch hatte man als nächste Nachbarn mitten im Lande gelebt, ohne dieses Verhältniß sonderlich auszunutzen; nun fand man sich zusammen und hätte doch kaum sagen können, wie oder wodurch es sich also gemacht, während man es mit Behagen bemerkte. Es war angenehm, ab und zu eine Partie Boston zu haben; der Graf, welcher in meinem Vater den erfahrenen Landwirth anerkannte, zog ihn gelegentlich gern zu Rathe, und Franull und die Alte wurden zwischen dem Grafen und meiner Mutter mehrfach ein Gegenstand theilnehmender Besprechung.

Als Franull im Spätherbst so weit genesen war, daß sie, wenn auch noch unsicher, wieder im Hause umher gehen konnte, hatte der Graf zu meiner Mutter einmal die Aeußerung gethan, wie sonderbar die Verhältnisse sich manchmal gestalteten, wenn man im gegebenen Augenblicke das von ihm unbedingt Geforderte thue und danach zu erkennen habe, daß man damit eine weitgehende Verpflichtung über sich genommen, an die man im entferntesten nicht gedacht.

,Ich hatte gemeint‛ sagte er, ,die Alte werde Gott weiß wie glücklich sein, wenn sie eine Weile unter Dach und Fach ihr Essen und Trinken haben würde; aber sie ist an das Herumziehen gewöhnt; sie will nicht arbeiten, treibt sich im Dorf umher, bestärkt die andern Weiber in ihrem Aberglauben an das Besprechen von Menschen und Vieh, und neulich hat meine Wirthschafterin sie darauf ertappt, daß sie dem Mädchen die Schiene aus dem Verband nehmen und ihre Heilkünste an ihm versuchen wollte, wogegen dieses sich gesträubt. Ich habe also meine Maßregeln getroffen und schicke sie in das Landarmenhaus, um sie nicht dem Arbeitshause verfallen zu lassen.‛

‚Alle beide?‘ hatte meine Mutter verwundert gefragt.

‚O bewahre!‘ hatte der Graf gerufen. ‚Mit dem Mädchen ist es ja etwas ganz Anderes. Das ist ein sehr sonderbares Geschöpf.‘ [191] Meine Mutter hatte sich erkundigt, was er damit sagen wolle.

‚Ja? was will ich damit sagen?‛ hatte der Graf erwidert. ,Bei ihr, bei Franull, ist alles gleichsam instinktiv. Sie handelt ohne Ueberlegung und trifft meistens dabei das Rechte. Sie beobachtet offenbar sehr scharf, erräth, was man von ihr erwartet und will, macht nach, was sie die Andern thun steht, soweit sie in ihrem jetzigen Zustande es eben vermag, und meine Wirtschafterin und die Diener behaupten, wenn man sie gut anleitete, würde sie ein sehr brauchbares Frauenzimmer werden. Natürlich aber müsse die landstreicherische Alte fort. Sie würden sich wundern, wenn Sie unsere Seiltänzerin sähen! Sie ist im Liegen gewachsen, bei der guten Kost voll und frisch geworden, und im Hause hat alles sich an sie gewöhnt, von der Wirtschafterin bis zu den Kindern der Leute, bis zu den Hunden, die sie charmant zu dressiren versteht! Und das ist freilich auch das Einzige, was sie gelernt hat.‛

Die Mutter fragte, ob sie noch so finster aussehe wie an dem Unglückstage.

‚Ihr Ausdruck ist noch immer auffallend scheu und verschlossen, doch scheint sie anhänglich zu sein. Sie hält sich zu der Magd, zu der Wirthschafterin, die sie gepflegt haben, wie ein Kind oder wie ein junger Hund. Es ist das eben, was ich das Instinktive an ihr nenne. Mir kommt sie ja natürlich selten in den Weg; aber dann fährt sie auf und‛ – der Graf lachte – ‚ich glaube, wenn sie es sich traute, sie würde wie mein Hektor an mir in die Höhe springen. Ich brächte sie mit einem Winke wieder auf das Seil, wenn sie sich darauf halten könnte. Sprechen habe ich sie kaum noch hören.‛

‚Und was denken Sie mit ihr zu thun, Herr Graf?‛ erkundigte sich mein Vater.

‚Man jagt ja einen Vogel, einen Hund nicht fort, wenn er uns ins Fenster geflogen oder zugelaufen ist, geschweige denn solch ein armes, verwildertes Geschöpf. Ich behalte sie eben noch im Schlosse; denn sie ist ja auf den Füßen lange noch nicht fest. Inzwischen will ich den Schulmeister kommen lassen und mit ihm Abrede treffen, daß sie lesen lerne. Sie ist nach den eingezogenen Erkundigungen im achtzehnten Jahr, ist, wie die Alte es angegeben, wirklich protestantisch getauft; da muß man zusehen, daß sie doch auch konfirmirt wird, denn das ist noch nicht geschehen.‛

Und wie der Graf es gesagt hatte, so wurde es gehalten. Am Neujahrstage kam Franull zum ersten Male mit der Wirthschafterin des Grafen nach Benwitz in die Kirche, und weil viele Leute aus der Gemeinde dabei gewesen waren, als sie vom Seil gestürzt, richteten sich aller Augen auf sie, und viele nickten ihr gutmütig zu, obgleich in der großen, schönen, wie eine anständige Magd gekleideten und schüchtern den Graß erwidernden Person die blasse, finstere Seiltänzerin kaum noch zu erkennen war.

Beim Fortgehen aus der Kirche sprach meine Mutter sie an und ermahnte sie zum Guten. Später einmal dankte der Graf ihr dafür, mit dem Bemerken, es komme ja für dies Mädchen vor allem darauf an, daß man es in Reih und Glied stelle mit den Andern; denn bis jetzt bleibe es immer noch in Ausnahmezuständen, wie auch in der Kinderlehre, wo es unter Kindern als Erwachsene wieder eine Ausnahme mache.

Franull kam von da ab regelmäßig in die Kirche; die Leute gewöhnten sich an sie, achteten nicht mehr viel auf sie; nur als sie dann im nächsten Herbste mit den Andern eingesegnet wurde, fiel es auf, daß sie nicht wie sonst die Kleidung der Mägde trug, sondern einen mehr städtischen Anzug wie die Wirthschafterin, und man zog daraus den Schluß, daß man sie ganz im Schlosse behalten und sie zur Hilfe im Hauswesen benutzen werde, wie es auch geschah.

Wenn man zum Besuch in das Schloß kam, so traf es sich zuweilen, daß man Franull begegnete. Einmal, als wir uns schon oben im Vorsaal befanden und der Graf uns entgegenkam, trat sie aus einer Seitenthür mit einem Korb voll Erdbeeren herein. Ich rief sie an, trotz des Grafen Gegenwart, und fragte, wie es ihr gehe.

‚Schön Dank, junger Herr; ich bin gesund und hab’s, ach! so gut!‛

‚Du hast ja ordentlich sprechen gelernt!’ bemerkte meine Mutter, und ohne daß man es Franull geheißen, küßte sie meiner Mutter, dann rasch dem Grafen die Hand, der ihr auf die Backe klopfte, und dann machte sie sich davon.

Meine Mutter war ganz verwundert über sie. Das entging dem Grafen nicht.

‚Ja,‛ sagte er, ‚an dem Mädchen kann man sehen, was rechtzeitige Verpflanzung für das Gedeihen thun kann, wo ein guter Keim vorhanden. Ich versichere Sie, ich habe wirklich Freude daran, es zu beobachten, wie sie vorwärts kommt, wie sie ein ganz anderer Mensch geworden ist; und ich frage mich oftmals, wie es möglich gewesen, daß sie bei dem elenden Landstreicherleben, das sie von je geführt, nicht zu Grunde gegangen ist.‛

Auf der Heimfahrt am Abende sprachen die Mutter und Doktor Hartusius über Franull und über den Grafen; und die Mutter sagte, es sei merkwürdig, wie das Leben oft den Menschen durch Ereignisse zu wandeln wisse, von denen man das durchaus nicht hat vorhersahen können. Seit der Graf die Sorge für Franull, für irgend ein Menschenwesen, wirklich über sich selber genommen, sei er wie erlöst von dem Bann der Abgeschlossenheit, in welchen die Treulosigkeit seiner Frau ihn versetzt; und es müsse ja auch wirklich ein Vergnügen sein, das schöne Geschöpf, die Franull, um sich zu sehen.

‚Das ist’s!‛ meinte der Vater, ‚sie ist zu schön! Wir werden ja sehen, wie der Hase läuft!‛ – Ich verstand damals nicht, was er damit meinen konnte; aber eben deshalb fiel mir an dem Abende die Redensart auf, die der Vater auch sonst wohl gebraucht, und sie blieb mir im Gedächtniß.

Seit der Vater die Domäne gepachtet hatte, waren unmerklich allerlei kleine Veränderungen in unserem häuslichen Leben eingeführt, so daß es weniger einförmig, daß es belebter geworden war als vordem. Den Vater führten seine Geschäfte jetzt mehrmals im Jahre nach Bernau und nach Berlin; wir wurden dann bisweilen mitgenommen. Die Beamten, mit welchen er in Bernau zu thun hatte, unsere Berliner Verwandten, welche wir auf die Weise öfter wiedersahen, kamen auch häufiger zu uns heraus, und es wurde, wie es dem Vater bei seinen Verhältnissen wohl anstand und der Mutter gefiel, ein breites Leben und ein gastfreies Haus geführt. Der Graf aber nahm keine Einladung zu den Gastgeboten an, obschon sein Verkehr mit meinen Eltern immer vertrauter geworden war und beide ihn als ihren Freund betrachteten und hielten. Er besprach mit ihnen, das hörte ich, viele seiner Angelegenheiten; allein von Franull war nicht mehr wie vordem die Rede, und das würde mir vielleicht nicht aufgefallen sein, trotz der neugierigen Aufmerksamkeit, die mir so wenig wie andern Kindern fehlte, hätte ich sie nicht auch in der Kirche vermißt. Als ich der Mutter einmal während des Singens sagte: ‚Die Franull ist ja wieder nicht da!‛ sprach sie leise: ‚Ihre Großmutter ist neulich im Armenhause gestorben.‛

‚Aber dann geht man doch erst recht in die Kirche!‛ wendete ich ein.

Die Mutter tadelte mich, daß ich während des Gottesdienstes spräche, und ich schwieg also. Als ich jedoch nach der Kirche im Fortgehen mit der gleichen Bemerkung wiederkam, wies sie mich gegen ihre sonstige Gewohnheit kurz zurück. ‚Was gehen Dich des Herrn Pathen Leute und die Franull an?‛ sagte sie. ‚Vielleicht hat er sie fortgeschickt.‛

Das war im Sommer, und die Manöver waren wieder einmal in unserer Gegend, also Leben und Bewegung überall und Einquartierung in allen Dörfern und Offiziere in allen Gutshäusern und in allen Schlössern. Es gab viel Herüber und Hinüber zwischen Dambow, Schönfelde und der Domäne, in welcher der Stab der Ziethenschen Husaren lag unter Führung von des Grafen früherem Regimentschef, und mein Vater hatte als Rentmeister von der Domäne dem General dort die Honneurs zu machen. Der General war dadurch auch unser Gast geworden, und als er einmal bei uns gespeist hatte und ich im Zimmer sein durfte, während man den Kaffee einnahm, hörte ich, wie er, von dem Grafen redend, mit Lachen hinzufügte, in aller seiner Menschenverachtung und Einsamkeit habe er sich, wie es heiße, doch getröstet.

Die Eltern sprachen nach wie vor mit großer Freundschaft von dem Grafen; aber es ging etwas vor, das hatte ich gemerkt. Es war etwas anders geworden; und so viel hatte ich heraus, daß ich nicht darnach fragen sollte.

Da, als die Manöver längst vorüber waren, im Herbste, wenige Tage nach meinem elften Geburtstage, zu Ende Oktober – es war ein rauher, grauer und so stürmischer Tag, daß die Aeste an den großen Ulmen vor unserem Hause knarrten und knackten und die letzten Blätter in wildem Wirbel durch die Luft gejagt [192] wurden, da trug der Wind das Glockengeläut von der Kirche in Benwitz zu uns herüber, und wie ich an das Fenster trete, sehe ich von Dambow her ein Begräbniß daherkommen. – Ich schnell hinunter! Sie sind mit dem Sarge grade vor unserem Gartenthor. Ich mache es auf und frage: ‚Wer ist denn gestorben?‘ denn ein Begräbniß kommt auf dem Lande nicht so alltäglich wie in den großen Städten vor, daß man es gleichgültig wie anderes Transportfuhrwerk an sich vorüberziehen sieht.

‚Wer gestorben ist?‘ wiederholt der eine der Träger; ‚das Frauenzimmer vom Schloß, die Franull!‘ und damit gehen sie ihres traurigen Weges weiter.

Ich fuhr erschreckend zusammen und hatte nichts Eiligeres zu thun, als mit dieser Nachricht zu Doktor Hartusius zu laufen, der sie mit einer mir auffallenden Gleichgültigkeit hinnahm.

‚Wissen Sie noch, Herr Doktor, wie wir sie damals auf dem Seile gesehen haben,‘ fragte ich, ‚und wie schön sie aussah?‘

‚Freilich!‘ gab er mir zurück. ‚Es sind nun vier Jahre her und etwas darüber!‘ Und als ob ihn die Erinnerung milder stimmte, setzte er hinzu: ‚Schade um sie!‘

Auch beim Mittagessen wurde über den Tod Franulls, als ich ihn aufs Tapet gebracht, rasch hinweggegangen, und die Eltern hatten doch sonst immer ein Herz für die Leute von den Dörfern, und die Mutter hatte sich doch für Franull interessirt und sich über sie gefreut. Was konnte geschehen sein, was konnte sie verbrochen haben, daß man es mit solcher Geflissentlichkeit vermied, von ihr zu reden? Es ging mir im Kopfe herum. Ich wendete mich, da ich von den Andern keine Antwort erhielt, fragend an Jeannette. Mamsell Jeannette war meine Bonne gewesen, ein braves, nicht mehr junges Mädchen von der Kolonie, das man im Hause behalten und das zu einer Vertrauensperson geworden war. Sie behauptete, nichts zu wissen; es stürben ja in diesem Herbste viele Menschen; und da der Vater uns bald darauf wieder nach Berlin mitnahm, wo wir diesmal länger als gewöhnlich verweilten, kam mir die Sache aus dem Sinn. Als wir dann nach Hause zurückgekehrt waren, packte meine Mutter mit Mamsell Jeannette die Koffer aus, und sie hatte mich herbeigerufen, damit ich die Bücher in Empfang nehmen sollte, welche man in Berlin für mich gekauft.

‚Was hat es hier Neues gegeben in unserer Abwesenheit?‘ fragte die Mutter, während Jeannette ihr half, ihre Sachen zu ordnen.

‚Das Neueste,‘ berichtete Jeannette, ‚das Neueste ist, daß der Herr Graf von Dambow das Kind von der Franull in Benwitz auf den Namen seiner Mutter Franziska Wizkowich hat taufen lassen, und daß er es bei sich im Schloß behält. Da gerade keine nährende Frau unter den Leuten zu finden war, so hat er die Frau von dem Grenwitzer Hirten als Amme in das Schloß genommen.‘

Die Mutter machte mit einem Blicke auf mich eine tadelnde und abwehrende Bewegung; es war aber zu spät. Ich hatte alles gehört und fuhr mit der Frage dazwischen: ‚Das Kind von der Franull? Die hat ja keins gehabt!‘

‚Sie hat eines bekommen in der Nacht, in welcher sie gestorben ist!‘ sagte die Mutter, ging hinaus, hieß Mamsell Jeannette ihr zu folgen und –“

„Josias! Das war Deine Franull?“ fiel ich ihm, ich möchte sagen, jubelnd in die Rede.

„Ja! Das war sie! Das ist sie!“ sprach er mit erhobener Stimme, und seine treuen Augen leuchteten auf. „Das war meine Franull! Und ich wollte, Du hättest sie gesehen in der Schönheit, in der Pracht ihrer frühen Jugend; Du hättest sie gekannt in dem unwandelbaren Adel ihres Sinnes! Sie hätte einen Thron geziert.“

Ich nutzte die kleine Pause, die er machte, ihn an den Aufbruch aus dem Freien zu mahnen. Es war kühl geworden, er hatte sich warm gesprochen. Von der Spree und von den Wiesen her machte die Feuchtigkeit sich fühlbar. Ich hatte ja einzustehen für den meiner Pflege anvertrauten Freund, und meiner Erinnerung nachgebend, zog er sich mit mir in das Haus zurück, als grade der Wagen meiner Eltern vorfuhr. Da konnte denn von der Fortsetzung seiner Erzählung an dem Abende nicht mehr die Rede sein.

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aus: Die Gartenlaube 1888, Heft 13, S. 211–215

[211] Der nächste Tag verging – so fängt das neue Kapitel an in der Tante Tagebuch – und noch ein anderer. Bei allem, was ich that, dachte ich nur an Josias, an den Grafen, an Franulls Tod und an ihr Kind. Ich träumte davon in der Nacht. Ich schien mir älter geworden und kam mir wichtiger vor, weil ich das Vertrauen unseres Freundes gewonnen hatte, und auch – ich schildere mich nicht besser, als ich mit meinen zwanzig Jahren war – weil ich mich im Besitze eines Geheimnisses wußte, das meinen Eltern vorenthalten worden. Ich wartete ungeduldig auf die Stunde, in welcher ich wieder einmal mit Josias allein sein würde; er jedoch suchte offenbar nicht nach der Gelegenheit, und nicht mich allein wollte es bedünken, als sei er nicht so gut aufgelegt wie bis dahin.

Am dritten Nachmittag fuhr der Vater wie an jedem Sonnabend, und es war ein solcher, zur Stadt ins Geschäft, sich die Wochenrechnungen vorlegen zu lassen. Die Mutter, Josias und ich waren allein beisammen und sie sagte zu ihm, allerdings sei es nicht schicklich, einem Gaste bemerkbar zu machen, daß man an ihm seine gewohnte gute Laune vermisse; es sei ihr jedoch so viel werth, ihn unter unserm Dache zufriedenzustellen, daß sie ihn bäte, ihr zu sagen, ob er irgend etwas entbehre oder ob etwas geschehe, was ihm nicht zusagend sei und was man ändern könne.

[214] „Nein nein, Madame!“ rief er, „wie können Sie mich für so anspruchsvoll halten, daß ich nicht in jedem Augenblick dankbarst die herzliche Freundschaft und Vorsorge empfände, mit der es Ihnen gefällt, mich zu umgeben! Nur mit mir bin ich unzufrieden; denn ich habe mich verfehlt gegen die Gastfreundschaft und gegen die Zuversicht, die Sie mir gewähren. Ich habe Fränzchen ohne Ihre Zustimmung zur Vertrauten meiner Vergangenheit gemacht, in welcher – ich darf das sagen – ich mich keiner Verschuldung anzuklagen habe, die man einem jungen Mädchen zu verbergen hätte. Aber es ist gesündigt worden gegen die Sittlichkeit und gegen die Sitte innerhalb des Kreises, in welchem ich meine Kindheit und erste Jugend zuzubringen gehabt, und das hat seinen Schatten geworfen auf meinen Lebensweg. Davon habe ich mit Franziska gesprochen, während ich zugleich die Forderung an sie gestellt, gegen jedermann, also auch vor Ihnen zu verschweigen, was sie von mir gehört. Das war beides ein Unrecht gegen Sie, meine Freundin! Wollen Sie’s verzeihen?“

Die Mutter, zuerst betroffen, hatte doch das sich nie verleugnende Zartgefühl unseres Freundes anzuerkennen; aber er ließ ihr zu der Entgegnung nicht die Zeit, sondern bat sie, ihm zu gestatten, daß er auch sie in sein Vertrauen ziehe; und mit ebenso raschen als sicheren Zügen schilderte er ihr, wie er dazu gekommen, mit mir von seinen Erlebnissen zu sprechen, und theilte ihr in kurzem Umrisse mit, was er mir in Ausführlichkeit berichtet.

Als er bis zu dem Punkte gelangt war, zu welchem er neulich seine Erzählung geführt, sagte die Mutter mit ihrem sanften Ernste, indem sie ihm die Hand gab:

„Sie machen sich einen Vorwurf nicht ganz ohne Grund, denn Sie haben Franziska verleitet, nicht aufrichtig gegen mich zu sein. Mag sie sich das vergeben, wenn sie’s kann! Sie, mein Freund, haben Ihre Buße gethan; und nun, da wir beisammen sind, Mutter und Tochter, wie es sich gebührt, erzählen Sie ihn uns weiter, den Roman Ihres Lebens, der uns so weit näher angeht als die Erfindung der Dichter oder die Erlebnisse von uns fremden Menschen, welche uns zugetragen werden in dem täglichen Verkehr der Gesellschaft, die doch auch nicht frei ist von Schuld und Fehle, so wenig wie der Graf und wie die Frau, die ihn verrathen. Erzählen Sie! Wir hören Ihnen mit dem Herzen zu.“

Josias küßte ihr die Hand; ich that desgleichen; sie wehrte es mir nicht, und nach ihrer wiederholten Aufforderung sagte er:

„Die Geburt jenes Kindes war mein Schicksal! Doch würde sie in jenen Tagen keinen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht haben, wäre es nicht eben das Kind der schönen Tänzerin gewesen, deren Sturz vom Seile zu meinen lebhaftesten Erinnerungen gehörte, und wäre diese nicht gestorben. Nun war sie hin und die kleine Franull war eben da.

Gegen die Gewohnheit der letzten Jahre vergingen jedoch mehrere Wochen, bevor der Graf wieder bei uns in Schönfelde erschien. Der Vater war einmal ohne die Mutter nach Dambow gefahren, man hatte den Grafen nicht eingeladen, und er hatte sich nicht ansagen lassen. Darüber waren wir bis in den Anfang des Dezembers gekommen. Der Schnee lag schwer auf Feld und Wald. Der Herbst war sehr naß gewesen; dazwischen hatte es gefroren und wieder gethaut; die Wege waren zwischen Halten und Brechen fast grundlos. Es war mit den Wagen kaum durchzukommen. Das bot für eine Unterbrechung des Verkehrs zwischen den Gutsnachbarn den natürlichsten Vorwand. Da kam endlich nach klarem Tage und scharfem Frost ein Abend, den der Mond erleuchtete, daß es von den Zweigen und Aesten unserer Ulmen flimmerte wie die Sterne am Himmel und man mit Vergnügen hinaus sah aus den Fenstern in die Weite; und ich hatte noch nicht lange in dem vorgebauten Erker gestanden, als zwei Reiter sichtbar wurden und einritten in den Hof. Es war der Graf, gefolgt von seinem Reitknecht.

Der Vater eilte ihm entgegen; gleich darauf traten sie in das Zimmer. Die Begrüßung war die herzliche wie stets, die Unterhaltung beim Abendessen heiter, und als dann Doktor Hartusius, was er sonst nicht zu thun pflegte, sich gleichzeitig mit mir entfernte, blieben der Graf und meine Eltern noch über die sonst gewohnte Zeit beisammen. Es war gegen Mitternacht, als er Schönfelde verließ, und am nächsten Sonntage speisten wir alle bei ihm in Dambow.

Erst viel später habe ich erfahren und begreifen können, was an jenem Abende zwischen dem Grafen und den Eltern zur Sprache gekommen war. Wir lebten, ich muß das vorausschicken, damals jaf noch in den Zeiten, in welchen auch bei uns in der Mark die Leute noch Hörige, wenn schon nicht mehr im strengsten Sinne des Wortes Leibeigene waren. Sie waren noch an die Scholle gebunden; ihr Fortgehen, ihr Heirathen hingen ganz von dem Belieben des Gutsherrn ab, und die Sittlichkeit hatte darunter zu leiden, daß es von dem Herrn abhing, ob er einem Ehepaare ein Unterkommen an einer Kathe geben oder nicht geben wollte.

Knechte und Mägde nahmen es leicht mit ihrem Verkehr; die Gutsherren sahen durch die Finger, ließen geschehen, was sie nicht hindern konnten; und ein Kind mehr, das in guten Zeiten nicht schwer mit durchzufüttern war, wurde bald zu einer Arbeitskraft, die man brauchen konnte. Nur schlug man bei der Geburt solcher Kinder, am wenigsten wenn sie im Gutshause oder an den Schlössern stattgefunden hatte, nicht an die große Glocke. Man gab die Kinder fort zur Pflege und wahrte die äußere Sitte.

Daß der Graf dies nicht gethan, er, gegen dessen persönlich ernste, ehrbare Lebensführung, seit er in Dambow lebte, nie der Schatten eines Zweifels laut geworden war, daß er, indem er das Kind der Seiltänzerin im Schlosse behielt, ein öffentliches Aergerniß verursachte und sich dem fremden Urtheil ohne alle Nothwendigkeit preisgab, das hatten meine Eltern, eben weil er ihr Freund war und sie streng auf Zucht und Anstand hielten, ihm verargt; denn sie hatten ihn als ihren Freund zu vertreten vor allen Denen, die nicht seine nahen Freunde waren und die ihm seine Abgeschiedenheit als Hochmuth und als Stolz auslegten, obschon sie den Anlaß kannten, der ihn in sich zurückgewiesen.

Er hatte denn es natürlich sofort empfunden, daß meine Eltern sich von ihm zurückgehalten, und er war, wie er gesagt, gekommen, sich zu erklären, sich mit ihnen wieder in das Gleiche zu setzen. Er hatte meine Mutter gefragt, ob sie ihn hören wolle. Wie hätte sie ihm das verweigern können? Und zum ersten Male hatte er darauf vor den Eltern von der nicht zu vergebenden tödlichen Kränkung gesprochen, die er durch seine Frau erlitten.

,Wie jeder, der überhaupt von mir weiß.‛ hatte er gesagt, ,werden auch Sie es wissen, welch ein Geschick mich getroffen, was mich in die Einsamkeit getrieben. Ich habe mich loszureißen gehabt von meiner ganzen Vergangenheit. Ich habe verzichtet auf den Dienst in meines König’s Heer, nach allen Seiten mußte ich mich durchschlagen mit harter Gewalt. Man stößt eine Frau, die man frei gewählt, die man sehr geliebt, der man, weil man selbst Vertrauen verdiente, fest vertraut – man stößt ein Kind, das unseren Namen getragen, an das man sein Herz gehängt, seine Hoffnungen geknüpft, nicht leichten Sinnes von sich. Ein Edelmann giebt sich nicht ohne die äußerste Nothwendigkeit dem Gerede der Menge preis. Ein Mann, der sich in langen Kriegen, in blutigen Schlachten bewährt, schreitet zu keinem Zweikampf ohne die unabweislichste Pflicht, sein Leben an die Vernichtung des Mannes zu setzen, der den schnödesten Verrath an ihm geübt – da man so ein Weib und ein Kind nicht tödten kann! – Es ist mir hart ans Leben gegangen! Die vernarbte Wunde schmerzt, da ich sie berühre, in diesem Augenblicke. Wäre mein Gewissen nicht rein – die Menschenverachtung, der Unglaube an die Wahrheit irgend einer Liebe, hätten mich zum Menschenhaß getrieben. Die Erinnerung an die Liebe, die ich für Vaterliebe gehalten, die ich gehegt für den Knaben, der nicht der meine war, hat mich durch all die Jahre zweifeln machen selbst an der Wahrhaftigkeit meines eigenen Empfindens. Weder die Verurteilung der Schuldigen, noch die mir seit Jahren wieder bewiesene Gnade meines Königs hatten mir die Lust am Leben wieder gegeben in der liebeleeren Einsamkeit, in der ich gelebt in meinem Hause. Ich that meine Schuldigkeit – Sie haben es ja gesehehen – gegen die Leute, die abhingen. von mir, die von den Verhältnissen auf mich gewiesen waren – aber ich that sie kalten Herzens. Sie waren mir gleichgültig wie alles! Da warf der Zufall – oder sagen wir der Himmel – mir das todwunde Mädchen in die Arme. Ihre Hilfsbedürftigkeit, ihre Schönheit, ihre Verlassenheit rührten mich, ihre Dankbarkeit wendete ihr meine Sorge zu; die Reinheit ihres Herzens erquickte mich, wie den Verschmachtenden der frische Quell, der vor ihm hervorsprudelt, wo er ihn am wenigsten vermuthet. Wie an ein [215] Kind hatte ich allmählich mein Herz an sie gehängt, bis ich sie zu lieben begonnen, bis die Menschennatur, mächtig in ihr wie in mir, ihre Liebe für mich, meine Leidenschaft für sie erweckte und uns verbunden hat. – Wäre es möglich gewesen, ohne noch einmal den Kampf mit den Verhältnissen aufzunehmen durch eine Mesalliance ohnegleichen, ich hätte Franull geehlicht. Denn die Liebe, an die ich nicht mehr geglaubt, sie hat sie für mich gefühlt. Sie hat mich geliebt wahrhaft, ganz ausschließlich, mit aller Kraft ihrer starken, ungebrochenen Natur! Und trotz meiner sechsundvierzig Jahre habe auch ich sie sehr geliebt. Nicht daß sie vom Leben scheiden mußte und von dem Kinde – daß sie von mir gehen sollte, das war ihr letzter Schmerz – ihre letzte Klage – ihr letztes Wort, mit dem sie mir das Kind ans Herz gelegt, und an meinem Herzen werde ich es halten! Die Tochter eines freiherrlichen Hauses ist mir zum Fluch geworden; das Kind des niedrigsten Volkes hat ihn von mir genommen, diesen Fluch, hat mich erlöst, der Liebe wiedergegeben. Und nun –‛

Er vollendete nicht. Der Vater reichte ihm die Hand; er küßte die Hand meiner Mutter. Sie sagte, als sie mir später einmal davon gesprochen, des Grafen Ergriffenheit, der Zwang, den er sich angethan mit seinem Bekenntniß, habe sie überwältigt, obschon sie im Grunde nichts erfahren, als was sie sich selber hatte sagen können; und trotz der geforderten Gewissenhaftigkeit, mit welcher sie und mein Vater auf Zucht und Anstand hielten, hätte sie empfunden, daß außergewöhnliche Schicksale eine außergewöhnliche Charakterentwicklung erzeugen und darum eine besondere Beurtheilung und Behandlung verlangen. Und so hatte denn trotz des Widerstrebens, das meine Mutter gegen die Vorgänge gehegt, die Freundschaft zwischen meinen Eltern und meinem Pathen an dem Abende eine neue Befestigung erhalten, eben weil man es erkannte, wie wichtig es sei, ihm beizustehen, daß er an der Tochter vergüte, was er an der Mutter gefehlt.

Auf den Gütern in der Nachbarschaft aber fand man sich auch bald mit dem anfangs unglaublichen, viel besprochenen und viel verspotteten Entschluß des Grafen ab. Hatte man doch überall in der Welt, auf dem Lande wie in den Städten, überall wo man unter Menschen lebte, manches zu sehen und zu wissen was nicht zu sehen und nicht zu wissen man sich den Anschein geben mußte, manches und vieles geschehen zu lassen, was man nicht ändern konnte! – Warum sollte man dem Grafen, der ohnehin niemand in den Weg kam, der den Sonderling spielte, nicht die Grille durchgehen lassen, sich zu seiner Gesellschaft statt eines Pudels oder eines Papageis das Kind einer Landstreicherin auffüttern und aufziehen zu lassen? Was er nachher damit machen würde, das wäre seine Sache; was daraus werden würde, das werde man ja erleben. – Das sagte diese, das sagte jener, und man meinte damit fertig zu sein. Und doch, eben weil man auf dem Lande lebte, wo die Neuigkeiten eines Tages die des andern nicht so rasch verdrängen, blieb das Kind im Schloß zu Dambow gleichsam ein öffentliches Geheimniß, blieb es unter allgemeiner Aufsicht und der Gegenstand neugierigen Uebelwollens.

Es lebten rund um Dambow auf den adligen Gütern, auf den Herrensitzen und Schlössern gar zu viel alte und junge Edelfräulein, die bereit gewesen wären, den Grafst Dubimin in rechtschaffener, christlicher Ehe über seine Vergangenheit zu trösten und die Mutter seiner Kinder zu werden. Warum mußte er denn sein Herz hängen an das Kind einer Zigeunerin!

Glücklicherweise schadeten aber das Gerede und das Uebelwollen dem Gedeihen des Kindes nicht, das ja nicht schuld war an seinem Dasein. Es kam natürlich in seiner ersten Lebenszeit nicht zum Vorschein, wenn ein Gast im Hause war, was selten genug geschah; und als ich es bei einem Besuche, zu dem wir nach Dambow geladen waren, zum ersten Male sah, war Franull schon zwei Jahre alt.

Wir hatten im Schlosse gespeist und gingen darnach in den Garten hinaus, in welchem, wie immer in der guten Jahreszeit, unter den Linden, vor denen sich der Rasenplatz ausbreitete, der Kaffee getrunken und zugleich die eben in voller Pracht blühenden Rosen an Augenschein genommen werden sollten; und da saß mitten auf dem Rasen die kleine Franull, hell von dem warmen Sonnenlicht umfluthet, eine Menschenknospe, schöner als die ganze Rosenpracht umher.

Den Grafen sehen, sich auf die Händchen stützen, um schneller aufzustehen, ihm mit vorgestreckten Aermchen entgegeneilen: das war das Werk einer Minute. Des Grafen ernstes Antlitz erhellte sich bei dem Anblicke. Er ging ihr entgegen, hob sie empor, und ich höre noch den Ausruf meiner Mutter: ,Das ist ja ein engelschönes Kind!‛

Man sah dem Grafen an, wie wohl ihm die Bewunderung seines Kindes that.

,Nicht wahr?‛ sagte er, ,sie ist ein liebes Geschöpf! Jeden Morgen, wenn man sie mir bringt, freue ich mich über sie; jeden Abend freue ich mich, daß ich sie am Morgen wieder sehen werde. Ihre Fröhlichkeit, ihr Lachen erhellen mir die Tage! Franull, wie lieb hast Du mich?‛

,So! so lieb!‛ rief sie und schmiegte ihr blondes Lockenköpfchen an des Grafen gebräuntes und gefurchtes Antlitz.

Der Graf küßte sie, setzte sie auf den Boden; meine Mutter machte sich entzückt mit ihr zu schaffen; die Wärterin wollte sie auf den Arm nehmen und sich mit ihr entfernen.

,Nein! Nicht mit Lise!‛ rief sie, sich sträubend. ,Gehen! gehen!‛ Und wohl weil ich ihr zunächst stand, langte sie nach meiner Hand und sagte: ,Komm, Du!‛

Wie alle Burschen meines Alters hatte ich mir aus Kindern nie etwas gemacht. Jeder Spitz und jeder Jagdhund waren mir lieber gewesen als ein kleines Kind; aber daß dieses Kind von seltener Schönheit war, das mußte auch der Achtloseste bemerken, und die selbstwillige Freundlichkeit, mit der die Kleine sich an mich hing, sich meiner bemächtigte, gefiel mir. Ich fragte, ob ich mit ihr spielen solle.

,Ja! Du sollst!‛ rief sie und zog mich mit sich fort, während ich meine Mutter scherzend sagen hörte. ,Wie sie befehlshaberisch ist! – Wo soll’s denn hin?‛

,Wohin sie will!‛ rief ich zurück. ,Ich weiß nicht.‛

Ach, ich wußte es freilich nicht! – Und ich hatte den Tag schnell genug vergessen, den bald darauf kam ich in die Stadt, und erst viele, viele Jahre später habe ich dieses Nachmittages wieder gedacht, und wie oft gedacht wie heute!

Da wir Reformirte waren, hatte nie davon die Rede sein können, mich zum Konfirmandenunterricht nach Benwitz zu schicken, wenngleich die Eltern die dortige lutherische Kirche regelmäßig besuchten, weil eben keine reformirte in unserem Bereiche vorhanden war. Aber zum Genuß des heiligen Abendmahls waren die Eltern alljährlich zweimal nach Berlin gefahren, und es hatte immer festgestanden, daß ich im vierzehnten Jahre zu meinem Onkel nach Berlin gegeben werden würde, der dort die Stelle eines Rechnungsrathes bekleidete, um von da ab auch das französische Kolleg zu besuchen und den Religions- und Konfirmandenunterricht in unserer Kirche zu genießen.

Als ich mit Doktor Hartusius nach Dambow hinüberritt, mich von meinem Herrn Pathen vor meiner Uebersiedelung in die Stadt zu verabschieden, während der Doktor, der durch Vermittelung unserer Familie eine Anstellung am französischen Kolleg erhalten, sich ihm gleichzeitig ebenfalls empfehlen wollte, sah ich mich beim Fortgehen überall nach Franull um. Ich hätte das fröhliche Kind gern wiedergesehen. Nach ihm zu fragen wagte ich nicht, und ich würde Franulls gewiß bei dem völlig neuen Leben nicht mehr gedacht haben, wenn nicht in meines Onkels Haus ein kleines ihr gleichalteriges Mädchen gewesen, das mich oftmals zu Vergleichen zwischen ihm und Franull veranlaßte, die immer zu Gunsten der Letzteren ausfielen, und das steigerte sich mit den Jahren.

Es verstand sich von selbst, daß ich alle meine Ferien bei den Eltern in Schönfelde verlebte, und ebenso, daß ich dabei jedesmal meinen Herrn Pathen in Dambow besuchte, zu dem wir dann regelmäßig auch eine Einladung erhielten; und jedesmal, wenn ich nach Dambow kam, fand ich, daß Franull ungewöhnlich rasch heranwuchs, daß sie immer schöner, immer klüger, immer zutraulicher zu mir wurde; und kehrte ich dann nach Berlin zurück und sah dort in den Hofkarossen und sonstigen vornehmen Equipagen die kleinen Fürstenkinder und Komtessen spazieren fahren, so gefielen mir die auch sehr wohl; aber mit Franull waren sie sammt und sonders doch nicht zu vergleichen.

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aus: Die Gartenlaube 1888, Heft 14, S. 232–237

[232] Jahre waren vergangen, meine Einsegnung war vorüber; der Graf hatte mir zu derselben geschrieben, mich mit einer kostbaren englischen Uhr beschenkt, und mir überhaupt fortdauernd seinen Antheil als ein treuer Pathe bezeigt. Ich trage die Uhr noch heute und habe an ihr alle guten und schweren Stunden meines Lebens abgezählt. Als ich die Klassen des Kollegs durchgemacht, stand ich im neunzehnten Jahre. Mein Vater erachtete mich noch zu jung , mich allein auf Reisen gehen zu lassen. Er beschloß also, mich nach Ilsenburg in den Harz zu senden, wo damals ein vielerfahrener Landwirth und Forstmann, Herr Zarenthin[WS 1], eine Meisterschule für künftige Landwirthe errichtet hatte; und dieser Plan, mich in der Forstkultur besonders unterweisen zu lassen, hing auch mit den Wandlungen zusammen, welche mein Vater in seinen Angelegenheiten herbeigeführt hatte.

Er hatte seiner Zeit die Domänenpachtung für zwanzig Jahre übernommen. Aber er hatte bei seinem Eifer und seinen Kenntnissen nicht so langer Zeit bedurft, um die Verbesserungen zu bewerkstelligen, welche der König durch ihn hatte eingeführt haben wollen. Die Maulbeeralleen waren schön herangewachsen; die Obstzucht in Benwitz gab der in Schönfelde und in Sanssouci nichts mehr nach; der ganze Boden war ertragsfähiger geworden, und so hatte der Vater schon bei dem Tode Friedrichs des Großen, dem er sich verpflichtet, daran gedacht, sein Pachtverhältniß zu lösen, wenn es ohne Nachtheil für ihn geschehen könnte; denn während er dem Könige gedient, hatte er auch seinen Besitz nicht vernachlässigt, sondern einen beträchtlichen Theil der an Schönfelde grenzenden Waldungen gekauft, um sein Gut besser abzurunden, und er hatte daran gedacht, sich das Leben durch Rücktritt von [234] der Pachtung arbeitsfreier zu machen. Indeß die Regierung hatte damals nicht davon hören wollen. Erst, als ich nach dem Verlauf meines ersten Studienjahres in Ilsenburg in die Ferien nach Hause gehen wollte, war er zu einem Abkommen mit der Regierung gelangt, da sich ein geeigneter Mann gefunden, welchem der Minister die Vortheile des Benwitzer Rentmeisteramtes zuzuwenden wünschte. Der Vater war grade mit der Uebergabe von Benwitz an den neuen Pächter beschäftigt, als ich in Schönfelde anlangte. Ich war seit länger als einem Jahre nicht mehr dort gewesen, denn ich hatte in den vorigen Sommerferien meine Mutter in das Bad nach Pyrmont zu begleiten gehabt und war von dort geradeswegs in meine Lehre zurückgegangen. Auch diesmal war mein Verweilen bei meinen Eltern nur kurz bemessen, und so wollte ich, die Zeit zu nutzen, schon am zweiten Tage nach Dambow hinüber reiten.

Meine Mutter sagte, ich würde dort große Veränderungen gewahren. Franull entwickle sich körperlich und auch geistig mit merkwürdiger Schnelligkeit. Der Graf habe neben Madame Fleuron, der Schweizerin, die schon langer bei Franull war, noch einen Hauslehrer für sie angenommen, einen ältlichen sehr braven Kandidaten der Theologie, der schon in verschiedenen adligen Häusern Erzieher gewesen sei, weil ein Halsleiden ihm das Predigen verbiete, und der Graf lebe nur in und mit Franull. Er habe ihr im Frühjahr ein Pferd zugeritten, sie reiten gelehrt, ihr von dem Schneider, welcher in Berlin für die Damen des Hofes arbeite, den Reitanzug kommen lassen, und er sei täglich zu Pferde mit ihr zu sehen. Wenn man nicht so genau Tag und Stunde ihrer Geburt wisse, müsse man sie um mehrere Jahre älter halten als sie sei. Sie habe die große Statur des Grafen Dubimin und des Grafen ganze Art geerbt. Er nenne sie offen seine Tochter; sie nenne ihn Vater, und darüber könne man so allenfalls hinwegsehen, da dies zwischen Pflegeeltern und Pflegekindern nichts Ungewöhnliches sei. Ob sie und mein Vater für ihr Theil richtig gehandelt, als sie des Grafen Zutrauen nicht abgewiesen, darüber habe sie sich schon manchmal schwere Gedanken gemacht – aber der Graf sei ein so edler, vortrefflicher Mann und das Kind habe sie gejammert. Was man am Hofe und in der Welt dem Könige Friedrich Wilhelm dem Zweiten nachzusehen für erlaubt halte, damit müsse sich der Einzelne auch abzufinden suchen, wo es der Befriedigung eines treu bewährten Freundes und einer Gerechtigkeit gelte, die zu üben im Grunde seine Pflicht sei. Der Graf allein nenne seine Tochter noch Franull. Die Uebrigen seien angewiesen, sie als Fräulein Franziska anzureden. Die alte Haushälterin und die andere alte Dienerschaft habe das nur schwer erlernt, und in der Umgegend habe man Franull so lange als das gnädige Fräulein von Dambow verspottet, bis es zur feststehenden Gewohnheit geworden sei, sie das Fräulein von Dambow zu nennen. Was der Graf schließlich mit ihr im Sinne habe, könne man ja nicht wissen. Er sei, nachdem er sich vor Jahren zur Beerdigung des Königs zum ersten Male wieder an den Hof begeben, jetzt öfters zu Hofe gegangen und von dem König Friedrich Wilhelm dem Zweiten in Berlin und im Marmorpalais sehr gnädig aufgenommen worden; es gehe sogar das Gerede, daß er den nächsten Winter in Berlin verleben und Franull und seinen ganzen übrigen Hausstand mit sich nehmen werde.

Mit diesen ‚Nachrichten‘ beschäftigt, hatte ich mich aufs Pferd geworfen und war raschen Trabes durch die köstlichste Herbstlust gen Dambow geritten, als mir kurz vor dem Heck des Dorfes der Graf und Franull von der Waldseite entgegenkamen. Als wir nahe genug bei einander waren, rief der Graf mir mit den Worten. ‚Nun! läßt Du Dich wieder einmal sehen?‘ seinen Willkomm entgegen, und während Franull ihr Pferd mit einer Kraft und Sicherheit zum Stehen brachte, die mir an dem so jungen Mädchen auffielen, fügte sie dem Gruß ihres Vaters die Aufforderung hinzu: ‚Komm heran, daß man Dir die Hand doch geben kann!‘

Ich gehorchte, doch fühlte ich mich verwirrt; denn während ihre Schönheit mich entzückte, verdroß mich ihr gebieterischer Ton, der Ton des Herrenkindes, das gewohnt war, zu befehlen und Gehorsam zu finden. Weil ich aber doch etwas entgegnen mußte, sagte ich: ,Sie sind eine vortreffliche Reiterin geworden!‘

,Ich habe einen guten Lehrer gehabt an Papa!‘ gab sie mir zurück, den Blick nach dem Grafen hingewendet, der mich nach dem Ergehen der Eltern, nach der Dauer meines Aufenthaltes fragte. So erreichten wir das Schloß. Die Reitknechte kamen heran; ich war schnell vom Pferde, Franull meine Dienste anzubieten, und als ich dann den kleinen Fuß in meiner Hand hielt und sie die ihre auf meine Schulter legte, sagte sie mit der fröhlichen Unbefangenheit ihrer frühesten Kindheit. ,Nun Du da bist, Josias, bleibst Du auch!‘

Ich versetzte, daß ich das nicht könne. ‚Ach!‘ lachte sie, ‚nicht können! Ich werde dem Papa sagen, daß er Dich nicht fortläßt, und damit ist es gut!‘

Sie eilte, ihr Reitkleid zusammenraffend, die Rampe hinauf und der Graf nahm mich mit sich in das Zimmer des Erdgeschosses, in dem sich sein Arbeitspult und die Registraturen befanden und in dem er sich früher ganz ausschließlich aufgehalten hatte, wenn wir nicht seine Gäste gewesen waren und man oben die Zimmer geöffnet hatte.

Er fragte mich nach meiner Beschäftigung in Ilsenburg, erkundigte sich nach meinen weiteren Plänen, und wir waren noch nicht lange bei einander, als der Diener meldete, daß das Essen bereit sei. Der Graf hieß mich vorangehen, weil er die Reitstiefel ablegen wolle. Oben im Wohnzimmer stand Franull in gewählter modischer Tracht an dem Käfig eines Papageis, mit dem sie sich zu schaffen machte. Madame Fleuron saß an demselben Fenster, eine Näharbeit in den Händen.

Ich stellte mich ihr vor; sie meinte, ich sei doch noch gewachsen, was ja mit zwanzig Jahren nicht auffallend sei, aber Franull fiel ihr ins Wort. ‚Mon amie!‘ rief sie ihr zu, ‚handeln Sie das nachher beim Diner mit ihm ab! Jetzt komm her, Josias, und mache Bekanntschaft mit Coco! Er bekommt heute eine neue Lektion, er soll Dich rufen lernen: Komm, Josias! – Sprich‘s nach, Coco! Komm, Josias! – Sprich! Sei ein guter Coco! Komm! Sage: Josias!‘

Sie hatte sich mir dabei an den Arm gehängt, aber Madame Fleuron trat dazwischen. ‚Chérie!‘ mahnte sie, ,Sie sind kein Kind mehr: es schickt sich nicht für Sie, die Gäste des Herrn Grafen Du zu nennen!‘

,Gäste!‘ sprach Franull ihr nach, ‚es kommen ja keine in das Haus, und Josias ist nicht des Vaters Gast, er ist sein Pathe! – Nicht wahr, Papa, der Josias ist ein Pathe, also mein Freund und wie ein Stück Bruder von mir!‘

Der Graf klopfte ihre heißen rothen Wangen. ‚Man kann sehr gut Freund sein ohne einander zu duzen!‘ bedeutete er sie, ‚und Josias ist nicht mehr ein Wildfang wie Du! Madame Fleuron hat Recht! Nun aber zu Tisch!‘

Wir gingen in den Speisesaal, wo der Kandidat uns erwartete. Der Graf war in seiner würdigen Gehaltenheit gütig für mich, wie ich es gewohnt war, allein Franull hatte ihr fröhliches Geplauder eingestellt und ich sehnte mich fortzukommen. Ich mußte mir sagen, daß nur das Schickliche geschehen war; ich hatte Franull auch bei den ersten Worten nicht mehr Du genannt, denn sie sah nicht mehr wie ein Kind aus. Aber die ertheilte Parole lag mir auf der Seele, und ich war froh, als die Tafel aufgehoben war, als ich mit dem Grafen und dem Kandidaten wieder allein unten in dem Arbeitszimmer und dann die Zeit gekommen war, in welcher ich mit Anstand meinen Rückzug nehmen konnte. Als man mein Pferd vorführte, fragte mich der Graf, ob ich mich nicht Madame Fleuron empfehlen und Franziska Lebewohl sagen wolle, da ich so nach meiner Aussage zunächst nicht wiederkehren könne. Ich nahm die Erlaubniß mit gebührendem Danke an, und schon auf der Treppe kam Franziska mir entgegen.

‚Du willst also doch fort!‘ sprach sie – gegen die von Madame Fleuron erhaltene Weisung – ,Du willst fort!‘ und als ich das bejahte, schlang sie ihre schönen bis zum Ellbogen entblößten Arme um meinen Hals und rief, französisch sprechend: ‚So erlauben Sie, Monsieur Josias, daß Mademoiselle Franziska Sie umarmt zum Abschied! Und nun –‘

‚Du bist ein Engel, Franull!‘ Das war alles, was ich, hingerissen von dem fröhlichen Uebermuth des entzückenden Mädchens, hervorzubringen vermochte, während ich es an mich zog.

Sie aber riß sich von mir los. ‚Ach was, Engel!‘ rief sie; ‚und nun geh‘ und nimm Abschied von ma bonne amie, und umarme sie auch, wenn Du Lust hast!‘

Ihr Lachen schallte noch an mein Ohr, als sie bereits hinter der nächsten Thür verschwunden war. Eine Viertelstunde später war ich auf dem Weg nach Schönfelde, voll Freude über [235] das reizende Erlebniß und mehr davon hingenommen, als ich selber wußte. Wie ich dann zu Hause berichten mußte von dem Empfang, den ich gefunden, that ich es mit aller Gewissenhaftigkeit, nur was sich zuletzt zwischen Franull und mir begeben, das verschwieg ich, um, wie ich mir einbildete, sie keinem Tadel auszusetzen.“

Josias lächelte bei den Worten, da er sah, daß es meine Mutter that.

„Ja,“ sagte er, „lächeln wir nur über unsere Jugend, wenn sie hinter uns liegt, weit, weit! Sie war doch schön!“ Er seufzte. – „Und,“ setzte er hinzu, „ich konnte damals am Ende meines Berichtes, trotz meiner Vorsicht, doch meinen Eltern gegenüber nicht den Ausruf unterdrücken: ‚Franull ist wirklich zum Verlieben schön!‘

Mein Vater, dem es offenbar recht gewesen war, daß Madame Fleuron die Schranke zwischen Franull und mir gezogen, machte bei meiner bewundernden Aeußerung eine leise Kopfbewegung, die ich kannte und die bei ihm immer ernste Abwehr in mildester Form bedeutete.

‚Gleich zum Verlieben!‘ sprach er mir nach. ‚Unterlassen Sie das Verlieben, wenn ich bitten darf, Monsieur Josias! Franull Wizkowich und ein Courville, das reimt sich nicht zusammen! Und das Fräulein von Dambow, selbst wenn es dem Grafen gefallen sollte, es als Gräfin von Dubimin anzuerkennen – was immer denkbar ist nach dem jetzigen Treiben an dem jetzigen preußischen und an manch anderem Hofe, mit welchem die Aristokratie sich abzufinden weiß – das Fräulein von Dambow gehört nicht in das makellose bürgerliche Haus der Courville von Schönfelde!‘

Meine Mutter, die es sehen mochte, wie befremdend die strenge Mahnung des Vaters mir erschien, wechselte den Gegenstand der Unterhaltung; in mir aber tönten und wirkten seine Worte fort und gruben mir in die Seele, was mich vorher nur wie ein Freudenstrahl flüchtig berührt hatte.

Ich konnte die Nacht nicht schlafen. Das war mir ein völlig neuer Zustand. Franull kam mir nicht aus dem Sinn. Ich rief mir die Zeit in das Gedächtniß zurück, in der ich sie als kleines Kind spielend auf dem Rasen gesehen und sie sich an meine Hand gehängt. Sie hatte mich immer lieb gehabt, mich – je mehr ich darüber nachdachte – lieber gehabt als alle Andern; und sie war mir, dem Knaben, schon das Urbild aller Schönheit gewesen, aller Holdseligkeit. Immer hatte ich sie geliebt!

Ich stutzte bei dem Worte und sagte, verwundert, meine Stimme laut an mein Ohr schlagen zu hören: ‚es ist aber doch wahr! ‘– Und mit dem Gedanken, daß ich sie liebe, der mich glücklich machte, tauchte das Bewußtsein auf, daß es etwas Besonderes sei, ein Mädchen zu lieben, das im Grunde noch ein Kind sei, und daneben regte sich in mir das sicherste Kennzeichen der Liebe in des Jünglings Herzen, der Vorsatz, einzutreten für die Geliebte, deren ungefestete Verhältnisse nicht sie verschuldet und die sie doch zu büßen hatte.

Damit kam der erste Zwiespalt in mein Leben. Konnte, durfte ich dem berechtigten Ehrgefühle meiner Eltern widerstreben, deren Güte sich nie verleugnet, denen mein Glück höchster Wunsch war? Oder konnte ich mich blind und taub machen gegen einen Zauber, dem dereinst das starke Herz des Grafen erlegen war? Und weshalb hatten meine Eltern, wenn ihre Grundsätze so unerbittlich waren, mich von früh an gewöhnt, daran zu denken, daß auch die strengste Zucht und Sitte Nachsicht in Ausnahmefällen zu üben verstehen und für geboten halten solle? Durften, konnten sie weniger nachsichtig sein, wenn einmal die Zeit und Stunde gekommen sein würde, in welcher ihr eigener Sohn ihr Nachgeben für sich und sein Glück von ihnen zu heischen hätte? Ich fing zu rechnen, zu überlegen an, wann ich das von ihnen fordern würde. Dann wieder suchte ich mir klar zu machen, welche Absichten der Graf mit seiner Tochter haben könne. Ich dachte mit Schrecken an die Duldsamkeit der Höfe und des Adels, deren mein Vater erwähnt; denn wenn der Graf Franull anerkannte, so mußte ich auch von seiner Seite auf einen entschiedenen Widerstand gefaßt sein; und immer mehr gefiel mir der eigenwillige Gedanke, die Eltern und den Grafen meiner dereinstigen Verbindung mit dem reizenden Geschöpfe geneigt zu machen. Wie nun alle diese Vorstellungen sich durch einander zu wirren und in einander zu verschwimmen begannen, fühlte ich wieder die kühlen schlanken Arme sich schlingen um meinen Hals, und von ihnen umfangen schlief ich gegen den Morgen ein, um zu träumen – von der Geliebten, wie ich sie in der Nacht zum ersten Male in meinem Herzen nannte – und lachen Sie nur darüber! Ihr alter Freund Josias nennt sie heut noch so!

Am andern Tage kamen Gäste in das Haus zur Jagd. Wir hatten eine fröhliche Woche. Von Dambow und von dem Grafen, von dem Fräulein von Dambow, das der Graf jetzt auch im Schießen unterweise und das er wohl dazu bestimme, dereinst als Amazone oder Fähnrich bei den rothen Ziethen-Husaren einzutreten, ward ein paarmal im Ernste und im Scherz gesprochen, aber man spottete nicht mehr darüber. Man hatte wieder einmal vor den feststehenden Thatsachen Front gemacht; und der erste Nachtreif schimmerte auf den Wiesen und glänzte an den Riesentannen des Ilsenburger Waldes, als ich, von Schönfelde kommend, nach Ablauf der Vakanzzeit, in das Rechnungszimmer unseres Herrn Zarenthin, des Gründers der Anstalt, eintrat, mich wieder bei ihm anzumelden.“

Josias erhob sich, als er so weit in seinen Mittheilungen gekommen war.

„Wenn man in späten Jahren, wie ich jetzt vor Ihnen, auf seine Vergangenheit zurückblickt,“ sagte er, „so sind es eigentlich immer nur die Wendepunkte in unserem Dasein, oder die großen Freuden und die großen Schmerzen, die sich uns wie die Berggipfel aus der weiten Ferne am deutlichsten vors Auge stellen, während die lange Reihe der ruhigeren Tage, in deren stillem Wechsel sich unsere Entwickelung allmählich vollzieht, gleich den Thälern, die zwischen den Bergen liegen, sich unserem Blick verbirgt. Auch nach jenem Besuche in Schönfelde und Dambow folgte eine Reihe von Jahren für mich, von denen ich Ihnen nichts zu sagen habe, was sich auf den Roman meines Lebens bezieht. Vielleicht werden Sie deß froh sein, denn ich bin kein Erzähler von Fach und mein einsames Leben hat mich nicht dazu veranlaßt, von mir selbst zu sprechen, wie man’s in der Familie gerne thut. Schreiben Sie es Ihrer Güte zu, Madame, wenn Ihre Freundschaft mir hier das Herz erwärmt und aufschließt, wie mir’s nie zuvor geschehen, und wollen Sie das Ende von dem Liede erfahren, so rufen Sie mich zu der Stunde, in welcher es Ihnen paßt!“

Wir wollten ihm danken, ihm aussprechen, mit welchem Antheil wir ihm folgten; er wehrte es von sich ab.

„Sie sind mir gegenüber immer die Gewährende gewesen, verehrte Freundin!“ versetzte er. „Mein Leben wäre seit vielen Jahren seiner besten Freude beraubt, ohne Ihre und Ihres Gatten Freundschaft, ohne den Antheil, den sie mir an Ihrem Kinde, an Franull gewährt, wie ich sie so gerne nenne – und daß jetzt unter Ihrem Dache noch einmal meine ganze Jugend wie in einer Fata Morgana vor mir aufersteht – wem habe ich’s zu danken als Ihnen, unserer Franull und Ihrer Güte!“




Wie Josias nach der ersten Unterbrechung seiner Bekenntnisse mit der Fortsetzung derselbe gezögert, so führte er diese jetzt schon am folgenden Tage von selbst herbei.

„Die Epoche, von der ich Ihnen zunächst zu spreche habe, war in der Welt eine ganz andere geworden als jene, in welcher der Große Friedrich seine letzte Jahre verlebt hatte. Der amerikanische Freiheitskrieg, dessen Wogen bis nach Europa herüberflutheten, hatte Preußen und vollends uns in den stillen Gefilden des märkischen Landes nicht berührt, aber mit der französischen Revolution war es anders; und abgesehen davon, war der preußisch-holländische Krieg, den König Friedrich Wilhelm der Zweite im Interesse seiner Schwester und damit seines Hauses unternommen, überall bei uns im Lande fühlbar geworden. Auch der Reiseplan, den mein Vater für mich entworfen, hatte eine Aenderung dadurch erfahren müssen. Er war auf zwei Jahre angelegt gewesen. Mit meinem zweiundzwanzigsten Jahre war meine Lehrzeit in Ilsenburg beendet; dann sollte ich, wie man es damals nannte, die große Tour machen, das heißt Frankreich, England, Holland und Italien bereisen, um zur Zeit meiner Volljährigkeit, mit vierundzwanzig Jahren, in das Vaterhaus zurückzukehren und dem Vater soweit zur Hand zu gehen, daß es ihm möglich wurde, den Winter theilweise in der Residenz zu verleben, wie meine Mutter es sich wünschte.

[236] Von der Reise nach Frankreich mußte abgesehen werden, da die Revolution es durchtobte, und der Feldzug der Koalition gegen die Feinde der französischen Monarchie es für einen Preußen obenein unmöglich machte, sich dorthin zu begeben. So durchreiste ich Holland, England, Schottland, ging auf einem englischen Schiff nach Italien und war heimkehrend bis nach Genua gekommen, als mich, wenige Monate vor der Vollendung meines vierundzwanzigsten Jahres, in Genua die Nachricht erreichte, daß mein Vater hoffnungslos danieder liege. Ein unglücklicher Zufall hatte sein Pferd im Walde scheu gemacht. Die sonst so sichere Hand des Reiters hatte es nicht zu bändigen vermocht. Er war von dem durchgehenden Thiere gegen einen der riesigen Eichenbäume geschleudert worden; die Kinnlade war zerschmettert worden, er hatte eine schwere Gehirnerschütterung davongetragen, und sein Zustand war derart, daß man sein Fortleben nicht wünschen durfte.

Es war meine treue Mutter, die mir das Unglück selber meldete. Der Brief war sechs Wochen alt, als ich ihn erhielt, und wie sehr ich auch eilte, die Heimath zu erreichen, so deckte das Grab schon lange die Hülle meines Vaters, als ich nach Schönfelde kam.

Ich hatte noch fünf Wochen vor mir bis zur Vollendung meiner Minderjährigkeit. – Der Graf, wie er mein Pathe gewesen, war mit seiner Bewilligung von meinem Vater, als dieser dereinst sein Testament gemacht, auch zu meinem Vormunde ernannt worden. Die Nachbarschaft, die Freundschaft, welche die beiden Männer verbunden, hatte diese Einrichtung zu einer sehr wünschenswerthen gemacht, und meine Mutter konnte es nicht genug rühmen, wie sich der Graf ihr bewährt in dem Unglück, das uns betroffen hatte. Mein Vater hatte sein dreiundfünfzigstes Jahr noch nicht vollendet; meine Mutter war in der Mitte der Vierziger – die Silberhochzeit meiner Eltern, auf die unser Auge stets mit freudiger Hoffnung gerichtet gewesen war – sie hatten sie nicht erreicht. Ich schweige von dem, was Sie sich selber denken können, von meinem Empfinden bei dem Wiedersehen der Mutter. Meines Vaters Grab hatte man auf dem französischen Kirchhof in Berlin gegraben.

Was sich während der zwei Jahre meiner Abwesenheit in Dambow zugetragen, hatte ich durch die Briefe meiner Eltern erfahren; es war mir also nichts Neues mehr. Der Graf war, sich selber treu, nicht auf halbem Wege stehen geblieben. Es war gekommen, wie man es schon zu der Zeit vorausgesehen, in welcher ich die Heimath verlassen. Gleich im Beginn jenes Herbstes war das alte Herrenhaus am oberen Ende der Breitenstraße, nahe der Ritterakademie, wieder eröffnet worden, das die Dubimin in Berlin besessen schon in den Tagen des Großen Kurfürsten. Es hatte verschlossen dagestanden, seit der Graf seine Frau daraus verwiesen.

Nun war es neu hergerichtet worden; der Graf hatte es mit seiner Tochter den Winter hindurch bewohnt; überall in den Konzerten und Theatern hatte man sie an seiner Seite gesehen. Er hatte seine alten Verbindungen aufgenommen, war auf das verbindlichste empfangen, und die Herrenmittagbrote und die gelegentlichen Spielpartien in seinem Hause waren mit Vergnügen besucht worden. Einige alte Freundinnen von ihm hatten sich allmählich auch zu dem Boston und L’hombre eingefunden. Erst gegen Ostern war er nach Dambow zurückgekehrt, und damals hatte man erfahren, daß er – seinem Gewissen und der Ehre seiner Tochter zu genügen – diese gerichtlich anerkannt habe. Es ward hinzugesetzt, daß er diesen Schritt mit ausdrücklicher Zustimmung des Landesherrn gethan, der, wie der Graf selber, den Namen derer von Dubimin erhalten zu sehen wünschte, weil sie eines der ältesten wendischen Geschlechter in den Marken waren. Damit stand es denn natürlich nun auch fest, daß die Gräfin Franziska, wenn sie sich verheirathen würde, ihren Familiennamen dem Namen ihres künftigen Gatten beifügen und auf die Kinder übertragen werde, die man für das Fortbestehen des Geschlechtes von ihr erwünschte.

Ueberrascht hatte mich die Nachricht nicht, als ich sie in Palermo erhalten, und die überwältigende Fülle der rasch wechselnden neuen Eindrücke hatte sie mich leicht nehmen machen, denn es war ja schon früher die Rede davon gewesen; als ich jedoch später darauf zurückkam, that Franull mir leid wie ein eingefangener Vogel, während ich mir doch sagen mußte, welch ein großes Glück es für sie sei, durch ihres Vaters Liebe und Gerechtigkeit aus der falschen, rechtlosen Stellung befreit worden zu sein, in der sie bis dahin gelebt hatte. Aber mit dem fröhlich jubelnden Flattern, das sah ich ein, mit dem sie mir bei dem letzten Beisammensein die frischen Arme um den Hals geschlungen, mit dem war es freilich nun ein- für allemal vorbei – und sie war bezaubernd gewesen! Das stand fest, das konnte ich nicht vergessen; selbst nicht, als ich schweren Herzens in meinen Trauerkleidern zum ersten Mal nach meiner Rückkehr nach Dambow hinüberritt. Unwillkürlich fragte ich mich, inmitten all der Gedanken an die Pflichten, die mir jetzt oblagen, mitten in dem Erwägen der zunächst mit dem Grafen abzuthuenden Geschäfte: wie wird Franull geworden sein? Wie werde ich sie wiederfinden?

Als man mich bei dem Grafen angemeldet hatte, kam er mir bis an die Thür seines Arbeitszimmers entgegen. – Ich war kein Schwächling, ich hatte feste Nerven; dennoch traten die Thränen mir in die Augen, als der Graf mich umarmte und küßte. Er hatte das nie zuvor gethan, und es that mir wohl.

,Faß Dich, mein junger Freund!‘ sprach er – und auch mit dieser Anrede hatte er mich nie zuvor begrüßt. ‚Fasse Dich! Du darfst mit ruhigem Gewissen an Deinen Vater denken. Er hat Dich immer einen guten, gehorsamen Sohn geheißen, und es giebt ja auch kein festeres Band als das der Eltern- und der Kindesliebe. Es ist eine Naturbestimmtheit und bindend wie jedes Naturgesetz. Halte sie darum heilig, die beiden kostbaren Vermächtnisse, die kostbarsten Güter, die er Dir hinterlassen: seine treue Lebensgefährtin, Deine Mutter, und den alten guten Namen, den er noch höher gehoben – Deinen Namen und seine und Deine Ehre!‘

‚Man lehrt uns in der Jugend: was hülf’s dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele! und im Leben, mein lieber Josias, heißt es: was hülf’s dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Ehre! Oder was kann der Mensch geben, daß er seine Ehre wieder löse! Und ich sage Dir: Alles muß der Mensch geben, alles muß er dransetzen, daß er seine Ehre wieder löse! Aber es ist nichts Kleines, wenn man dazu gedrängt wird! – Darum lebe mit Bedacht. Sei Herr über Dich, sei Dir ein strenger Richter und laß den Augenblick nicht Herr werden über Dich, denn er bindet Dich durch das, was Du ihm zugestanden! – Beherzige das und mache Dir das Leben leicht!‘

Er drückte mir die Hand bei diesen Worten und brach plötzlich ab. Ich fühlte, wie er großherzig und freimüthig mir mit seinen persönlichen Erfahrungen zu Hilfe zu kommen, wie er mir einen festen Halt zu geben gewünscht, nun ich auf mich selbst gewiesen, des Rathes und der Führung zu entbehren hatte, die mir bis dahin von meinem Vater gekommen waren. Ich dankte ihm aus vollem Herzen.

‚Und nun laß uns von Geschäften reden,‘ sprach er, während er sich in den großen alten Ledersessel vor seinem Schreibtische niederließ und mich anwies, ihm gegenüber Platz zu nehmen. ‚Wir wollen gleich in den nächsten Tagen abthun was uns obliegt, damit Du die Hand bald, wenn auch nicht an das Steuer, so doch an den Pflug auf den Feldern legen kannst, welche nun die Deinen sind. Ist Madame Courville dazu bereit, so fahren wir morgen in der Frühe nach Berlin, da Dein Vater dort sein Testament hinterlegt hat. Das Uebrige wird sich leicht abwickeln lassen in den paar Wochen, während deren Du noch unter meiner Vormundschaft bist; und heute, Herr Nachbar, sei mir wieder einmal ein willkommener Tischgast nach so langer Zeit.‘

Er stand auf und zog die Glocke.

‚Herr Courville wird mit uns speisen!‘ bedeutete er dem eintretenden Diener, ‚und sag’ Er der Komtesse, ich lasse sie ersuchen, zu mir zu kommen; Herr Courville von Schönfelde sei zurückgekehrt.‘

Mir war sonderbar zu Muthe. Alles was mich umgab, war mir vertraut und berührte mich doch wie ein Fremdes. Der Graf, der während meiner Abwesenheit in die Sechziger getreten, war noch immer dieselbe mächtige Gestalt, die frühere herrische Erscheinung. Das Roth der Gesundheit färbte sein Antlitz noch und er sah schöner aus als vordem, denn der düstere Schatten, der sonst auf seiner Stirn gelagert, die harten Züge um den stolzen, starklippigen Mund, der finstere Blick seiner Augen, vor [237] denen ich Scheu getragen in meiner Kindheit: das Alles hatte sich gemildert; und wie er mich scherzend seinen Herrn Nachbar genannt, hatte er trotz seines in den beiden Jahren völlig ergrauten Haares vortrefflich ausgesehen.

Aber war es, daß seine Frische mich doppelt schmerzlich an den Verlust meines Vaters gemahnt, der jünger gewesen war als der Graf, war es der galonnirte Diener in des Grafen Farben oder der Befehl, die Komtesse herbeizurufen – es fiel mir etwas schwer aufs Herz und ich fühlte mich unfrei, als im nächsten Augenblicke Komtesse Franziska vor mir stand und nicht näher an mich herantrat. – Ja! es war Komtesse Franziska! Sie durfte nicht mehr Franull sein, nicht mehr die Franull, die ich im Herzen getragen, überall mit mir hin, über Berg und Thal!

Ich erschrak vor der Deutlichkeit, mit der ich mir dessen bewußt ward, aber der Graf sollte mir seine Mahnung nicht vergeblich ans Herz gelegt haben! Es galt, Herr zu bleiben über sich in dem gegebenen Augenblick.

‚Kennen Sie mich nicht mehr, gnädige Komtesse?‘ fragte ich, ihr entgegengehend, mit einer, wie ich hoffte, gut gespielten Unbefangenheit.

‚Doch!‘ entgegnete sie, sich mir nähernd, um mir die Hand zu reichen, die ich an meine Lippen zog, ‚doch, Herr Courville, seien Sie willkommen!’ – Und nicht das leiseste Zucken ihrer Hand begegnete meiner Huldigung. Indeß die Thränen traten ihr in die Augen, und während sie mir die kleine Hand entzog, sagte sie: ‚Sie haben mir so leidgethan! Seinen Vater zu verlieren! – Ich kann’s nicht sagen!‘

Der Graf strich ihr leise über das goldige Haar; sie hob die thränenschweren schwarzen Augen zu ihm empor. Es war doch Franull … trotz des seidenen, modisch aufgeputzte Kleides, trotz des Chignons, in das man ihr schönes Haar zusammen gebunden, und trotz der Stelzenschuhe, welche die schnell emporgewachsene, sich füllende Gestalt noch ansehnlicher erscheinen ließen, als sie bereits geworden war.

‚Keine Thränen, Franziska, was sollen die!‘ tadelte der Graf. ‚Herr Courville findet leider der Trauer jetzt genug in seinem Hause. Er hat Freude nöthig. Heiße ihn heiter willkommen; Du weißt, ein Soldatenkind wie Du darf nicht thränenselig, muß tapfer sein! – Komm, laß uns vorangehen; Herr Courville wird uns folgen! Er hat ein groß Stück Welt gesehen, er wird uns vieles zu erzählen haben! Komm! Josias, Du kennst den Weg!‘

Ja, ich kannte ihn, den Weg, den ich hier fortan zu gehen hatte! Der Graf hatte ihn mir in ehrendem Vertrauen vorgezeichnet mit fester Hand.

Ich saß Franull gegenüber; der Graf, Madame Fleuron, der Kandidat erwiesen mir lebhaften Antheil. Ich sollte berichten von London und von Rom, von der Fingalshöhle und vom Vesuv; und ich erzählte und erzählte, und Franull hörte mir achtsam zu, hier und da meine Worte mit einer Frage unterbrechend; und wenn sie dabei ihr Auge auf mich richtete, fragte ich mich: wie soll ich ihn gehen, den Weg, der allein mir offen steht, unter dem Lichte dieser Augen? Wie soll ich schweigen, wenn die süßen Lippen und der holde Blick mich zu fragen scheinen: bin ich denn nicht mehr ich und Du nicht mehr Josias?

Ich durfte mich nicht versenken in ihr Anschauen, mich nicht anrufen! Wie ein Schlafwandler kam ich durch den Abend hin – hellsehend geworden langte ich in Schönfelde in meinem Hause an.

Mein Haus, mein Gut! Mitten in meiner Trauer um den Vater, mitten in der Liebesschwärmerei bemächtigte sich meiner eine Empfindung, die ich nie gekannt: die Freude an dem eigenen Grund und Boden, am Besitz. Ich schämte mich ihrer, denn sie erwuchs auf meines Vaters Grab, und ich konnte sie doch nicht unterdrücken, verdankte ich sie doch ihm und der Vergangenheit unseres Geschlechtes. Mein Vater hatte sie gefühlt wie ich, und sie erhob mich, diese Freude. Es lag so würdig vor mir, unser, mein schönes Haus, wie es vom Mondlicht übergossen aus dem dichten Land unserer Ulmen hervorschimmerte, als ich es spät genug erreichte. Das Licht aus meiner Mutter Fenstern winkte mir so freundlich; die weißen monddurchglänzten Wölkchen, denen mein Auge so gern gefolgt war in den Tagen meiner Kindheit, zogen jetzt wie damals lind und leise darüber hin – und wie von meines Vaters klarer Stimme gesprochen, hörte ich wie an jenem längst entschwundenen Tage die Worte in mir erklingen: Franull Wizkowich, das Fräulein von Dambow, die Komtesse Dubimin gehört nicht in das makellose Bürgerhaus der Courville von Schönfelde, – sie, die Zierde und Krone jedes Hauses!

Ich zuckte davor zusammen. Es konnte eben nicht sein, und es gab doch noch ein anderes als Liebesglück! Es gab die Arbeit, die Erfüllung der Pflichten, welche der Besitz mir auferlegte. Ich hatte meiner Mutter ihre Liebe zu vergelten, sie so glücklich zu machen, als sie es ohne meinen Vater sein konnte. Auch die Pläne des Grafen durfte ich nicht durchkreuzen. Er war meines Vaters Freund gewesen, hatte sich großsinnig mir zum Freunde angeboten. Ich hatte den schwer errungenen Frieden seines Herzens, das schwer erkämpfte Glück seines Lebensabends, und vor allem hatte ich die Herzensruhe seiner Tochter zu ehren, auf welcher all seine Hoffnungen beruhten. Meine Liebesträume mußten weichen, der Tag für die Arbeit war gekommen. Ich hatte mich zu verleugnen aus Liebe zu Franull.

Festen Willens trat ich in der Mutter Zimmer. Ich mußte es sie vergessen machen, daß wir nicht mehr zu dreien einander gegenüber saßen. Ich ging leicht über den Besuch in Dambow hinweg; ich hielt mich an das dort geschäftlich Verhandelte. Ich erlangte es, daß wir am nächsten Tage zur Eröffnung des Testamentes uns nach Berlin begaben. Ich wollte zur Vollendung der Ernte in Schönfelde sein. Den Leuten sollte, trotz des Todes ihres bisherigen Herrn, ihr Erntefest nicht fehlen; ich mußte ja zeigen, daß ich seines Sinnes sei. Auf meine Veranlassung hatte er einen neu erfundenen Pflug aus England kommen lassen; ich wollte die ersten Furchen mit ihm ziehen mit eigener Hand. Wie die ersten Courvilles die Maulbeeren nach Schönfelde gebracht, so wollte ich’s versuchen mit dem Mais und manchem Anderen noch. Ich redete mich an dem Abende immer zuversichtlicher in meine Seelenruhe und Charakterfestigkeit hinein; die Zufriedenheit meiner Mutter machte mich immer heiterer. Mein neuer guter Wille wirkte auf mich wie neuer Wein. Er stieg mir zu Kopfe. Ich berauschte mich an mir selbst, und sehr mit mir zufrieden schlief ich an dem Abend ein, um wieder einmal zu träumen von Franull, der schönen Komtesse von Dubimin.“

Josias lächelte bei diesem Schluß.

„Weiter! weiter!“ riefen meine Mutter und ich, denn er machte uns mit erleben, was er uns erzählt. Er aber wehrte uns ab mit sachter Handbewegung.

„Gemach, gemach, Madame!“ sprach er. „Verleiten Sie einen alten Mann, der sich schon genugsam selbst bespiegelt, nicht dazu, sich auch im Alter noch an sich selber zu berauschen. Es war genug an jenem einen Male.“

„Aber, Josias!“ stieß ich hervor, „es ist ja Poesie, ein Roman, den Du uns hier erzählst – und Du bist ein Dichter.“

„Mein Kind!“ bedeutete er nach, „die Jugend und die Liebe sind an sich die wahre Poesie; nur daß wir’s oft erst innewerden, wenn sie entschwunden sind, wenn wir sinnend an der sanften Herrlichkeit des Alpenglühens erkennen, wie hell die Sonne auch uns dereinst geleuchtet. Wer wahrhaft geliebt hat, hat sein Theil dahin! – Doch nun zum Schluß!

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aus: Die Gartenlaube 1888, Heft 15, S. 251–258

[251] Alle unsere Verhältnisse waren von meinem Vater auf das sorgfältigste geordnet. Wir waren reiche Leute. Es haftete keine Schuld auf meinem Gute, außer dem eingebrachten Vermögen meiner Mutter, das ich ihr zu verzinsen hatte. Als das Ende des August und mit ihm meine Mündigkeit gekommen war, legte der Graf mein Vermögen in meine Hände, und ich konnte nach eigenem Ermessen vorwärts gehen. Die Ernte war sehr reich ausgefallen, ich hatte mit einem eigenen Boten einen Erntekranz nach Berlin auf meines Vaters Grab geschickt, geflochten aus den Aehren, zu denen er noch die Saaten hatte streuen lassen, und der Erntetanz und das Erntebier hatten unseren Leuten nicht gefehlt.

Mit dem Beginn des Herbstes gab es mehr und mehr für mich zu thun. Die Bestellung der Felder, der Forst nahmen mich in Anspruch. Ich hatte die beiden letzten Jahre nur mir selbst und dem Genuß gelebt; ich fand jetzt in der Arbeit fast größere Befriedigung als in dem Reiseleben; und betraf ich mich darauf, daß ich nach einem Vorwand suchte, der mich nach Dambow führen konnte, so wies ich ihn zurück. Neben meinen anderen Beschäftigungen spielte ich Komödie mit mir und betrog, wie ich wußte, mich mit tugendhafter Lüge.

Sah ich doch an jedem Sonntag in der Kirche, wie Franull sich immer strahlender entfaltete! Konnte ich sie doch ungestört [254] beobachten, wenn sie die Blicke niedersenkte in das Gesangbuch, wenn ihre Augen sich auf den Pfarrer richteten; aber wenn sie dieselben erhob, wenn sie mich streiften, – nicht wie eine Heilige sah sie aus! Sie war mit ihrem goldgelockten Haar die strahlende, farbenprächtige Aurora, die auf den Bildern der alten Meister mich entzückt – die Aurora, die dem Sonnengott voranzieht, das glorreiche Licht des Tages zu verkünden. Mit meiner Andacht freilich war es schlecht bestellt.

Wir sprachen den Grafen und seine Tochter nach wie vor an jedem Sonntag nach dem Gottesdienste, und da Franull, immer mehr zur Dame werdend, an sicherer Haltung gewann, wurde ganz von selbst unser Verkehr einfach und natürlich. Ich freute mich dessen; denn was sollte daraus werden, wenn sie und ich es einander gegenüber nicht vergessen konnten, daß sie einmal ein Kind gewesen war; wenn ich es überhaupt nicht lernte zu vergessen, wenn ich dem Grafen meine Liebe für die Komtesse verrieth und ihn damit nöthigte, mir den Zutritt zu ihr zu versagen? – Aber mit aller meiner Weisheit und Vernunft stand ich dabei doch immer auf dem alten Fleck! Ich liebte die Komtesse. Ich liebte die Jungfrau mit Leidenschaft, die ich als ein Kind geliebt; doch des Grafen Mahnung hatte ich nicht vergessen. Ich war Herr über mich geworden – und ich blieb es, bis auf die eine letzte Stunde.

Kaum ein Monat verging, in welchem ich nicht ein- oder zweimal nach Dambow kam, und immer fand ich Gäste dort. Sie gehörten meistens den Berliner Adelskreisen an; denn der märkische Landadel, der immer sehr ausschließlich gewesen, war dies seit dem Ausbruch der französischen Revolution nur noch mehr geworden, und der Graf hatte sich demselben nicht genähert, weil er sich der Möglichkeit nicht aussetzen durfte, seine Tochter nicht nach seinen Wünschen aufgenommen zu finden. Es sah so am Ende des vorigen Jahrhunderts ganz anders bei uns aus als jetzt; denn es hat sich viel geändert gleich nach den Freiheitskriegen, in denen alle Stände unter einander in Reih und Glied für das Vaterland gefochten, in denen der verwundete Grafensohn im Bürgerhause, der Sohn des Handwerkers seine Pflege gefunden von der Fürstentochter Händen!

Der Graf hatte, seit er die Tochter anerkannt, sich an eine bestimmte Jahreseintheilung für seine Lebensweise gewöhnt. Im Frühjahr besuchte er Karlsbad; im Winter verlebte er während der Gesellschaftszeit zwei Monate in Berlin, und die Tochter und Madame Fleuron waren dabei seine beständigen Begleiter. Die Komtesse müsse l’usage du monde gewinnen, sagte der Graf. Madame Fleuron, die mit meiner Mutter eng befreundet war, gab zu verstehen, daß er sie natürlich zeitig zu verheirathen denke, damit sie nicht allein stehe in der Welt, wenn er früher oder später abgerufen werden sollte. In ihren Verhältnissen konnte sie so auch eines Beschützers und Haltes weniger entrathen als jedes andere Mädchen, obschon ihr beständiges Zusammenleben mit älteren Personen sie in gewisser Hinsicht, trotz der Lebhaftigkeit ihrer Empfindung, weit über ihre Jahre selbständig und reif gemacht.

‚Und hat der Graf einen bestimmten Gatten für sie im Auge?‘ fragte einmal meine Mutter die Gouvernante.

Madame Fleuron entgegnete, sie wisse das nicht, aber sie glaube, daß eine entfernte Verwandte des Grafen an die Komtesse für einen ihrer Söhne denke.

‚Was hilft das Denken der Mütter,‘ sprach die meine, ‚wenn Gott nicht die Herzen der Kinder lenkt!‘ – und ich hatte keine Mühe zu verstehen, was sie damit meinte. Ich hatte es abgelehnt, eine meiner Kousinen zu heirathen die Tochter des Rechnungsrathes, in dessen Hause ich dereinst gelebt, und ich mußte lächeln als Madame Fleuron tröstend versicherte, was nicht geschehen sei, könne deshalb noch immer werden und der rechte Augenblick erfüllte oft plötzlich, was man vergebens lange erwartet!

Nun, er ist nicht gekommen, dieser Augenblick für mich, aber für die Verwandte des Grafen, welche sich Franull zur Schwiegertochter ausersehen, kam der Augenblick; und wir kannten die Verwandte bereits, sowie den Sohn, für den sie um die schöne reiche Erbin warb.

Schon bei meiner Heimkehr von der Reise hatte ich die Baronin von Klothen einmal in Dambow getroffen. Sie war älter als meine Mutter, dem Grafen irgendwie, aber sehr entfernt verschwägert, eine Frau von sanfter, vornehmer Haltung, mit klugen Augen und freundlichem Ton in der Sprache. Vermögend von Hause her, hatte sie einen Herrn von Klothen geheiratet, welcher Hofmarschall eines der Prinzen und ein schöner Lebemann gewesen war. Er hatte das Vermögen der Frau verspielt, war zeitig gestorben und hatte die Baronin mit ihren drei Söhnen in beschränktesten Verhältnissen zurückgelassen. Mit dem Beistande, welchen der Hof ihr gewährt, hatte sie die Söhne zu braven Männern erzogen. Des Vaters Beispiel hatte ihnen zu einer heilsamen Lehre gedient. Die beiden Jüngeren waren im Militär. Der Aelteste, Baron Hans von Klothen, der viel Sprachtalent besaß und sich eine schöne allgemeine Bildung angeeignet hatte, wurde im Ministerium des Auswärtigen beschäftigt. Er war ein paar Jahre älter als ich und ein schöner Mann.

Die Baronin kam allmählich häufiger zu Besuch nach Dambow und verweilte bei jeder Rückkehr länger. Sie war von zarter Gesundheit, versicherte, die Ruhe thue ihr so wohl; und da sie sich anspruchslos erwies, war sie dem Grafen eine angenehme Gesellschaft, ein gutes Vorbild für Franziska, die sich bald an sie gewöhnte, weil die Baronin sich ihr mit Vorliebe gefällig zeigte. Es währte denn auch nicht lange, bis man in der Pfarre davon sprach, Madame Fleuron denke daran, in ihre Heimath nach der Schweiz zurückzukehren, und die Baronin werde sie ersetzen, weil der Graf eine Dame neben sich haben müsse, die hoffähig sei und seine Tochter an den Hof begleiten könne. Im Rentamte zu Benwitz und in der übrigen Nachbarschaft ging das Gerücht, der Graf werde sich mit der Baronin verheirathen.

Seit ich zum ersten Male den schönen Baron Hans neben Franull gesehen hatte, wußte ich, was ich davon zu halten hatte, und es war das so auch völlig in der Ordnung: es mußte so, es konnte gar nicht anders sein. Ob sie Baron Hans oder einen andern Edelmann zum Gatten nahm – erleben, erleiden mußte ich es einmal.

Die Thatsache, daß Madame Fleuron entlassen wurde, ergab sich bald als richtig. Im zweiten Frühjahre nach meiner Uebernahme von Schönfelde, als wieder die Badereise nach Karlsbad vor der Thür stand, fuhr an einem Nachmittage der gräfliche Wagen bei uns vor, der Diener meldete die Frau Baronin, Madame Fleuron und die Komtesse von Dubimin!

Was hatte das zu bedeuten? – Die Baronin war nie zuvor in unserem Hause gewesen. Franull hatte es seit lange nicht mehr betreten, der Graf war stets allein gekommen und ich hatte mir das zu erklären gewußt; denn Franull hatte nie ein Hehl daraus gemacht, daß sie Vorliebe für mich hegte, und er kannte ihre Natur und behandelte sie danach.

Die ganze Liebe, welche das arme Kroatenkind für ihn gefühlt, hatte es mit seinem Blute auf die Tochter vererbt, die bei ihrem frühreifen und scharfen Verstande nebenher klar einsah, was sie der Zärtlichkeit ihres Vaters verdankte. Er durfte sicher sein, alles von ihr zu erlangen, wenn er sie nicht durch Strenge an die Wissenskraft erinnerte, die sie ebenso geerbt hatte von ihm, mit dem stolzen Sinn der Grafen von Dubimin, wie von dem Kind des Volkes. – Was war geschehen, das den Grafen bestimmte, von dem bisherigen Verhalten abzuweichen? – Weil ich es nicht enträthseln konnte, regte es mich auf.

Ich eilte, unsere Gäste zu empfangen, auch meine Mutter kam ihnen entgegen. Ich hatte der Baronin den Arm zu bieten; sie sagte meiner Mutter, da sie fortan in Dambow leben werde, habe sie gewünscht, sich ihr als Nachbarin vorzustellen Madame Fleuron sprach von ihrer Abreise und wollte mit diesem Besuche zugleich Abschied nehmen. Es war die Rede davon, die freundliche gegenseitige Gesinnung auch ferner aufrecht zu erhalten zwischen den Hausfrauen von Schloß Dambow und Schönfelde. Es wurde, während wir durch den Garten nach der Mooshütte schritten, viel leeres Höflichkeitsstroh gedroschen. Ich half dabei, wie sich’s gebührte. Die Komtesse ging ruhig nebenher.

Ich athmete auf, als ich die Baronin in die Hütte geleitet, als die beiden fremden Damen sich aus dem Kanapée niedergelassen hatten, als man den Kaffee trank und ich endlich, etwas seitab sitzend mit Franull, sie fragen konnte, was uns die Ehre verschaffe, auch sie einmal wieder bei uns begrüßen zu dürfen.

‚Mein Verlangen hierher zu kommen und die gute Tante Klothen! Ich bin auf Probe in Vakanz!‘ gab sie mir zur Antwort, ohne eine Miene zu verziehen.

[255] ‚Wie soll ich das verstehen, gnädigste Komtesse?‘ fragte ich wieder.

‚Erklären Sie sich’s vorläufig wie Sie wollen! Ich sag’ es Ihnen später!‘

Die Unterhaltung mit den Andern ging daneben ruhig fort, und während mich die Ungeduld verzehrte, wurde mir die Gelassenheit Franulls nur räthselhafter. Nahezu eine Stunde mochte so hingegangen sein, als die Damen sich erhoben, eine Promenade durch den Garten zu machen, den ich in den letzten beiden Jahren nach der Forstseite eröffnet und so weit ausgedehnt hatte, daß er sich parkartig in den Wald hineinzog und verlief. Bei dem Herumgehen war es leicht für mich, an Franulls Seite den Anderen ein Ende voraus und aus dem Hörbereich zu kommen. Als sie das bemerkte, fing sie von selber zu sprechen an.

‚Sie wundern sich, mich hier zu sehen, Herr Courville!‘ sagte sie, ‚aber ich hoffe, Sie werden sich noch mehr gewundert haben, mich hier nicht gesehen zu haben seit Ihrer Rückkehr. Daran aber trage ich allein die Schuld.‘

‚Sie, Komtesse? Sie wollten also nicht mehr zu uns kommen?‘

‚Ich hatte mir selbst die Möglichkeit dazu verscherzt, durch mein ungehöriges Betragen bei Ihrem ersten Besuche in Dambow, nach Ihres guten Vaters Tod. Ich lerne es leider etwas schwer, mich zu bemeistern; ich tanze dann immer auf dem Seil! Vor Ihnen kann ich das ja sagen!‘ schaltete sie mit einem spöttischen Lachen ein, das sie viel älter erscheinen machte, als ihre sechzehn Jahre. ‚Vor andern betrage ich mich schon völlig comme pur sang. Ich wollte, Sie sähen mich in Berlin!‘

‚Ich bin glücklich genug, Sie hier zu sehen, Komtesse!‘ entgegnete ich ihr. Ich durfte ihr auf dem Weg nicht folgen, den sie eingeschlagen. Ich wollte das Vertrauen des Grafen verdienen, wollte, und das war doch die Hauptsache, mich der Freude nicht berauben, sie auch künftig wieder zu sehen in meinem Hause.

Sie nahm jedoch die Worte, die wie eine leere Höflichkeit klingen sollten, in ihrem wahren Sinne.

‚Und glauben Sie, daß ich nicht ebenso von Herzen froh bin, hier zu sein?‘ fiel sie mir in die Rede mit der Lebhaftigkeit, mit welcher sie zu sprechen gewohnt war. Ich habe lange darnach getrachtet, hierher zu kommen, Ihre Mutter und Sie in dem Garten, in dem Hause wiederzusehen, in welchem ich willkommen und geliebt war, bevor man sich anderwärts entschloß, mich auch nur zu bemerken. Ich sehnte mich förmlich darnach, in das Haus zu kommen, in dem ich meine arme Mutter nicht zu verleugnen brauche, wie ich es ja sonst überall – außer in der Pfarre – thun muß, wenn ich ihr gleich sein will in ihrer Liebe und in ihrem Gehorsam für den besten aller Väter, wenn ich seinem Willen und seinen Plänen nicht entgegenhandeln will. Glauben Sie es mir, Josias! ich tanze auf dem Seil! Aber ich falle nicht hinunter. Wir Dubimins haben feste Köpfe. Um mich soll mein Vater keine trübe Stunde haben!‘

‚Komtesse Franziska! nicht weiter!‘ meinte ich, und Gott weiß, was es mich kostete. ‚Wenn der Herr Graf, die Frau Baronin es hörten, wie Sie die schmerzliche Vergangenheit heraufbeschwören!‘

‚Sind Sie auch pedantisch geworden, wie der Kandidat, wie die gute Fleuron? Wollen Sie mich nicht den Tugendpreis genießen lassen, den Tag, den ich mir von der Tante Klothen dafür errungen, daß ich jetzt ganz comme il faut und durchaus präsentabel bin? Schämen Sie sich, Josias! Könnte ich denn meinen Vater lieben, anbeten, wie ich es thue, wenn ich meine Mutter zu vergessen im Stande wäre? Ich kenne Sie nicht mehr, Josias! Hatten Sie nur Mitleid mit dem Kinde, als es scheel angesehen wurde, und nicht mehr mit mir?‘

‚Mitleid mit Ihnen, Komtesse! die Sie –‘

Sie ließ mich nicht weiter sprechen.

‚Ja, Mitleid mit mir! Trotz all des Glanzes! trotz der Liebe meines Vaters! O, wir haben nicht Zeit, viel Worte zu verlieren, und Sie dürfen mit mir nicht umgehen wie die Männer, die der reichen Erbin huldigen! – In Verhältnissen, wie den meinen, wird man zeitig klug. Ich habe sehen, hören, verstehen gelernt in dem Alter, in welchem andere Kinder mit der Puppe spielen. Ich übersehe meine Zustände sehr klar und ich kenne meine Pflichten ebenso.‘

Diese Seelenstärke hatte ich nicht in ihr vermuthet – aber sie rief die meine auf, so schwer es mir ward, mich zu behaupten.

Ruhig und ernst, als hämmerte mir das Blut nicht in den Schläfen, als zöge mein Herz mich nicht, niederzuknieen vor ihr, sagte ich:

‚Ich weiß das, fühle das ja alles; aber wohin soll Sie’s führen?‘

Sie blieb stehen, sah mich an; dann gab sie mir die Hand. ‚Sie haben Recht!‘ sagte sie; ‚und nun ist’s ja auch gut. Nun habe ich, was ich gewollt, was mir gefehlt hat!‘

Ihr Ton, ihre Mienen waren wie umgewandelt. Sie blickte mir fest ins Gesicht und wiederholte: ‚Nun habe ich, was ich gewollt!‘

‚Und was ist das? Was hat Ihnen gefehlt? Was haben Sie gewollt?‘

‚Ich habe mir’s einmal vom Herzen sprechen wollen, was mir seit lange, und vollends seit ich die Gräfin Dubimin geworden bin, wie eine schwere Last auf dem Herzen gelegen hat, und‘ – sie reichte mir abermals die Hand – ich behielt sie in der meinen – ‚ich habe, wie Sie, nicht Bruder und nicht Schwester, ich habe keine Mutter, keine Kindheits-, keine Jugendfreundin, niemand als meinen Vater. Aber ich weiß es jetzt, ich weiß es ganz bestimmt; jetzt habe ich an Ihnen den Freund gefunden, dem ich mein Herz ausschütten kann, wenn es einmal mir gar zu schwer ist. Sie sind der Freund, der mir gefehlt hat, trotz der Liebe meines Vaters – der Freund in der Noth meines Alleinseins!‘

‚Ihr Freund auf jede Probe!‘ betheuerte ich, ihre Hand an meine Lippen pressend, und ich durfte ihr nicht sagen: ‚ich bete Dich an!‘ Ich durfte ihr nicht die stolze Stirn küssen, nicht die Thränen fortküssen, die in ihren Augen perlten und die sie zu zerdrücken strebte, als sie mit lächelndem Munde, die Hände zusammenschlagend, ausrief:

‚Gottlob! nun ist mir wohl, nun bin ich nicht mehr allein! Ich habe einen Vertrauten, einen Freund! Ach, Josias! Sie wissen nicht, was das für mich heißt und wie ich’s Ihnen danke!‘

Es war gut für mich, daß aus der Seitenallee die drei Frauen heraus- und vor uns hintraten, daß ich ihrem Lob der neuen Anlagen zu begegnen, mich mit ihnen zu beschäftigen hatte, und daß die Anwesenheit unserer Gäste nicht mehr lange währte.

Ich sprach Franull nicht mehr allein; sie sah heiter und zufrieden aus, redete mit voller Unbefangenheit zu mir. Eine Schwester konnte sich dem Bruder gegenüber nicht sicherer und ruhiger betragen. Mir war nichts weniger als brüderlich zu Muthe. Ich war ans Kreuz geschlagen und sollte lächeln! Ich brachte es zu Stande. Ich hielt auch Stich, als meine Mutter mir später von dem Aufsehen erzählte, welches die Schönheit der Komtesse in Berlin erregte; aber die alten Maler, welche uns die lächelnden Märtyrer gemalt, haben sehr wohl gewußt, was sie thaten, wenn sie dieselben meistens von Menschen umgeben dargestellt haben!

Als ich mich endlich allein fand, brach der Schmerz wild in mir hervor. Ich fragte mich wieder und wieder: was ist es mit der Gewalt unserer Liebe, wenn diejenige sie nicht empfindet, der sie geweiht ist, die wir mit aller ihrer Gluth umfassen? Sah, fühlte Franull es nicht, daß sie mein ganzes Dichten und Trachten war? Klang nichts in ihrer Seele wieder von alledem, was die meinige erfüllte? Oder betrog sie sich? Wußte sie alles und wollte sie mir helfen fortzukommen über das Unabänderliche? Ich fand mich nicht zurecht. – Ich bewunderte sie, ich segnete sie, ich grollte ihr, ich nannte sie fühllos! Ich verwünschte alle ihre Bewunderer und Bewerber, Hans von Klothen an ihrer Spitze! Ich verwünschte des Grafen Liebe für seine Tochter, ihre Anerkennung und die ehrbare Bürgerlichkeit meiner Familie. Es stand ja das Alles mir entgegen. Ein Landloser, ein Landstreicher hätte ich sein mögen wie der Kroat, und mit ihr, dem ehrlos geborenen Kinde, fortziehen mögen in die weite Welt, über das Weltmeer hinweg, mir meine eigene Welt, mein Liebesglück, mein täglich Brot und meinen eigenen Namen und meine eigene Ehre zu erringen! Die ganze wilde Phantastik, die tolle Ungerechtigkeit der heißen Leidenschaft hatten sich meiner bemächtigt! Und Franull ging in beglückender und beglückter Kindesliebe ruhig ihres Weges, als hätte sie kein Herz in der Brust! Stützen wollte sie sich an mir, halten wollte sie sich an mir, sich halten an mir! Und ich war selber ein Haltloser, der empörten Sinnes, nur gebunden durch die Macht der Gewohnheit, der Erziehung, in der Tretmühle des Alltagslebens, dies [256] Leben und sich selbst verfluchte, während er, sich selber darob verspottend, an jedem Tage sein Tagewerk abhaspelte, wie es eben als ein gebotenes vor ihm lag.

An jedem Morgen fragte ich mich: wird heute die Nachricht kommen, daß sie der Graf verlobt hat? – Und wenn der Gedanke daran mich genugsam gequält, so wünschte ich: wär’s doch erst geschehen, damit ich Ruhe fände! Aber sie waren im Bade gewesen, heimgekehrt, hatten uns besucht, wir hatten den Besuch erwidert, und alles war still, war geblieben wie bisher, und es kamen sogar weniger Gäste in das Schloß als in den beiden letztverwichenen Jahren; denn die wachsenden Schrecken der französischen Revolution nahmen dem grundbesitzenden Adel das Gefühl der Sicherheit, in welchem er bisher überall und vornehmlich bei uns in der Mark gelebt. Was jenseit des Rheines geschehen war, konnte auch bei uns geschehen. Wie von einem fernen, furchtbaren Erdbeben fühlte man den eigenen Boden unter den Füßen mit erzittern, und die großen Weltereignisse, ebenso wie das Stillleben, das mich für den Augenblick umgab, fingen doch an, mich allmählich zu beruhigen. Wie nach einem hitzigen Fieber kam ich zur Besinnung. Ich nannte mich einen Thoren, daß ich mich und mein Glück so wichtig genommen! Was war der Einzelne werth! Was war an mir gelegen, wenn ein Herrscherpaar enthauptet worden war, wenn täglich Bessere, Wichtigere als ich ihr Leben lassen mußten auf offenem Platze unter Henkers Hand!

Nun gut! Ich war nicht glücklich! Ich konnte es nie werden! Aber weshalb sollte ich mich des Guten, das ich noch genießen konnte, nicht erfreuen? Ich konnte jetzt sie öfter, immer öfter sehen! Der Graf, der sich wieder an Geselligkeit gewöhnt, sah mein Kommen gern, forderte mich dazu auf; Franulls heiterer Gleichmuth machte ihn sicher, wiegte mich ein. Ich fing an, mir in der Entsagung zu gefallen; ich bildete mir ein, meine Leidenschaft in einen Kultus verwandelt zu haben. Es waren sanfte, schöne, glückselige Tage voll lauter Selbstbetrug, und es war niemand, der uns darin störte; am wenigsten die Baronin, die gute Tante Klothen, wie sie ein Jeglicher im Hause, so in der ganzen Gegend hieß.

Die beiden jüngeren Söhne der Baronin standen im Heere jetzt an der Grenze; Baron Hans war schon vor Jahr und Tag als Legationssekretär der Gesandtschaft in Wien beigegeben. Er schrieb sehr regelmäßig. Die Briefe wurden im Schlosse viel besprochen, die Berichte von dem Leben am österreichischen Hofe, die Schilderungen der verschiedenen Personen waren sehr interessant; die Grüße an die Komtesse, an die holdselige gnädige Kousine, an den schönen Wildfang, fehlten nie. Ab und zu, wenn die Entsendung eines sich gefällig erweisenden Kuriers es ermöglichte, überschickte Baron Hans seiner Mutter ein Geschenk, und es lag dann irgend eine elegante Kleinigkeit dabei, von welcher der Absender erhoffte, daß Komtesse Franziska es nicht verschmähen würde, sie anzunehmen; und diese Zwischenfälle erregten stets Freude, wie jede Abwechslung in dem gleichförmigen Dasein auf dem Lande. Ich sah und erfuhr das Alles. Manchmal, wenn ich meine ruhigen Tage hatte, nahm ich’s wie ein Selbstverständliches hin; an anderen Tagen, wenn Franulls Zutraulichkeit meine Leidenschaft mehr als sonst erregte, fand ich es unerträglich, neben ihr den Tag der Entscheidung erwarten zu sollen. – Nun ist’s genug! Heute bist Du zum letzten Male in Dambow gewesen! sagte ich mir, wenn ich sie verlassen. Und ehe die Woche zu Ende war, fand ich mich auf dem alten Punkte, die Tage zählend, die seit meinem letzten Besuche im Schlosse verstrichen waren, und überlegend, wann die gebotene Zurückhaltung es mir gestatten würde, wieder gen Dambow zu reiten und sie wieder zu sehen. Das Ende stand so doch vor der Thür bald genug; aber von den in Paris zum Tode Verdammten drängte sich so auch keiner dazu, die Guillotine zu besteigen! Jeder Tag, jede Stunde des Ausschubs war Gewinn und Glück!

Und so ward es noch einmal Sommer und Herbst und Winter und Frühling, und wie unser Herrgott seine Sonne scheinen ließ über Gerechte und Ungerechte und über all mein Glück, all meine Verzweiflung, so ließ er es auch wachsen und gedeihen um uns her, und Franull blühte in ihrem achtzehnten Jahre schön wie die Natur um sie her! Und in Dambow stand die Karlsbader Reise vor der Thür. Sie sollte wie immer am ersten Juni angetreten werden, am neunundzwanzigsten Mai fuhren meine Mutter und ich nach Dambow, die Herrschaften noch einmal zu sehen, bevor sie gingen.

Dort angelangt, fanden wir den Grafen nicht zu Hause. Er war zu einer Taufe in der Nachbarschaft und wurde erst am Abend zurückerwartet. Wir wurden wie immer herzlich empfangen, erfuhren gleich bei der ersten Unterhaltung mit den Damen, daß die Baronin und die Komtesse, seit wir sie zuletzt gesehen, in Berlin gewesen waren, Einkäufe an Kleidern, Putz und Schmuck zu machen; und während die Baronin meiner Mutter eine und die andere dieser Herrlichkeiten zum Ansehen herbeiholen ließ, schlug die Komtesse mir vor, in den Garten hinauszutreten.

Das war oftmals geschehen, seit sie mich zu ihrem Vertrauten gemacht. Sie hatte dann in aller Seelenruhe mit mir von jenen kleinen Ereignissen geplaudert, die sich zugetragen; sie hatte auch von den Büchern gesprochen, mit denen sie sich grade beschäftigt; ab und zu war von den Hilfsleistungen die Rede gewesen, mit welchen der Graf jetzt mehr noch als zuvor sich seiner Unterthanen annahm, und bei denen er die Baronin und die Komtesse sich zur Hand gehen ließ, um eben ein gutes Verhältniß zwischen der Herrschaft und den Leuten fortbestehen und die Leute nicht aufsässig werden zu machen; und von dem Allen hatten wir verhandelt, als wäre ich wirklich ihr ein Bruder, nur ein Bruder … nicht aber ich!

An dem Abende jedoch waren wir schon ein ganzes Ende vom Schlosse entfernt, ohne daß sie ein Wort gesprochen, und mir war es gleich am Anfang aufgefallen, daß ein Schatten über ihrer Stirn lag. Sie war trotz ihrer Freundlichkeit ernster gewesen, als sie sich zu zeigen pflegte. Es überfiel mich eine Bangigkeit. Ich mußte wissen, was es mit ihr war.

‚Sie sind so schweigsam, theuerste Komtesse! Darf ich fragen, was Sie innerlich beschäftigt? Denn beschäftigt sind Sie!‛ sagte ich.

,Wie Sie mich kennen!‛ entgegnete sie mir, sah aber zu Boden, nicht mir ins Gesicht. ,Es ist wirklich eine Fügung Gottes, daß Sie grade heute noch gekommen sind, denn ich wäre sehr ungern fortgegangen, ohne daß Sie’s wußten; und seit all den Tagen habe ich gesonnen und gesonnen, wie ich es Ihnen kundthun sollte; denn Ihnen schreiben konnte ich doch nicht!‛

‚Sie wollten mir schreiben, daß Sie am ersten Juni reisen werden? Das stand ja fest, als ich die Ehre hatte, Sie zum letzten Mal zu sehen!‛

‚Nein! das nicht!‛ sprach sie mit einer Befangenheit, die mich mit ergriff und mich erschreckte.

‚Aber was dann? was dann wollten Sie mir schreiben?‛

‚Was Sie –‛ ihre Stimme wurde immer weniger sicher – ‚was Sie, Courville! – Sie, der Sie mich kennen – ja – mein Vertrauter, mein vertrauter Freund sind! Wissen mußten Sie’s vor allen Anderen.‛

‚Reden Sie! reden Sie! was soll ich erfahren?‛ rief ich mit angstvoll dringender Bitte. Ich konnte ja nicht zweifeln, was es war.

Sie stockte, nahm sich zusammen und sagte: ‚Es ist eigentlich kindisch, daß man so davor bangt, so etwas auszusprechen etwas, was sich die Spatzen auf den Dächern schon lang erzählt haben.‛ Und wieder stockte sie.

Wie um mich, um sie zu halten, hatte ich ihre Hand ergriffen. Mir schauderte vor dem Wort, das ich hören mußte. Sie hielt meine Hand in der ihren fest.

‚Ich sehe, Sie wissen’s!‛ begann sie aufs neue, ‚also kann ich kurz sein! Wenn wir nach Karlsbad kommen, finden wir den Vetter Klothen schon dort, und – dann – nun Sie wissen’s ja! Dann wird unsere Verlobung gefeiert!‛

‚Franull! Franull!‛ schrie ich auf, meiner selbst nicht mächtig; aber in demselben Augenblicke hing sie an meinem Halse, preßten wir Brust gegen Brust, brannten meine Lippen auf den ihren, und bebend unter meinen Küsten, rief sie: ‚Ich hab’s ja nicht gewußt, nicht geahnt! – Wie konnte ich, da es ja immer, immer so gewesen ist!‛

‚Franull!‛ rief ich wieder, ‚immer! immer so gewesen!‛ Ich kannte sie, mich selber nicht mehr … Der jähe Wechsel war zu groß!

‚Immer! immer!‛ sprach sie mir nach. ‚Ja! jetzt weiß ich’s! jetzt! Ich habe Dich geliebt, geliebt wie die Augen in meinem Kopfe, ohne je daran zu denken, daß ich sie habe. Und weil’s immer so gewesen, hab ich’s nicht bemerkt! Es war [257] mit mir geboren, glaub’ ich! mit mir geboren wie die Liebe für meinen Vater!‛

Sie ließ die Arme sinken, machte sich von mir los – ich wollte sie halten.

‚Laß mich! laß mich!‛ stieß sie hervor. ,Mein Vater! ach! mein Vater!‛ und heiße Thränen entströmten ihren Augen.

Wie ein Blitzstrahl war das Wort niedergefahren zwischen ihr und mir.

‚Er wird nicht unerbittlich sein!‛ sagte ich trotz der Gewißheit, daß er’s sein würde.

Es war uns nicht zu helfen.

‚Er wird unerbittlich sein, er muß es sein!‛ sagte Franull. ‚Ich habe ihm, er hat dem Vetter sein Wort gegeben! Ich, grad’ ich darf meinem Vater mein Wort nicht brechen, und er bricht auch das seine nicht. – Andere Töchter mögen’s können! Aber es ist nicht zwischen mir und meinem Vater wie zwischen andern! Oder könntest Du mich lieben, könnte ich vor ihm, vor Dir die Stirn erheben, wenn ich ehrlos handelte gegen ihn, der mir mehr gegeben als das Leben, der mir seine ganze Liebe gegeben, seine Ehre, seinen Namen? Der sein Leben neu auferbaut hat in seiner Liebe für meine Mutter und für mich?‛


‚Und mit der Liebe, die Du, Du Abgott meiner Seele, mir eingestehst, mit der Leidenschaft, die uns durchzittert in dem seligen Augenblick, den Du geruht an meiner Brust, mit dieser Liebe willst Du Dich einem Anderen anverloben, willst Du das Weib werden eines Anderen?‛

‚Mach’ mich nicht wahnsinnig!‛ flehte sie, die Hände zusammenschlagend und wie im Gebet zu mir erhoben.

‚Besinne Dich!‛ mahnte ich, auf ihre Liebe bauend, und hoffend – ich wußte nicht worauf; denn daß der Graf sie mir nicht geben würde, darüber konnt’ ich mich nicht täuschen, hätt’ ich’s auch gewollt.

‚Ja!‛ sagte sie, ‚ich besinne mich! ich komme zur Besinnung!‛ Und wieder sank sie mir ans Herz, wieder hielt ich sie umschlungen. Dann richtete sie sich auf, und mit einer Stimme, deren Wehklage in mir nachtönen wird in meiner letzten Stunde, sprach sie. ‚Nun geh – und laß mich gehen!‛

‚Aber was soll denn werden aus Dir, aus mir?‛

‚Was aus mir werden soll? Was zu sein ich eben jetzt vergessen: meines Vaters Eigenthum und Hans von Klothens Frau, zu der er mich bestimmt. Kein Athemzug soll je daran erinnern, daß ich Dich geliebt, daß ich es Dir gestanden, daß ich diesen Augenblick der Freiheit und des Glücks gekannt! Ich muß es vergessen, Dich vergessen – vergiß auch Du!‛

Die gewaltsame Fassung, zu der sie sich zwang mit ihrer jungen Kraft, brachte mich außer mir, ich grollte ihr darüber. Unfähig, den Gedanken zu ertragen, daß sie mich liebend, geliebt von mir, einem Andern angehören solle, rief ich: ‚Franull! bedenke, was Du thust, entehre Dich nicht, unsere Liebe nicht! Thust Du’s, so ist’s mein letzter Tag!‛

Ihre Arme waren schlaff herabgesunken, sie trat vor mir zurück, starren Angesichtes. Sie sah sich selbst nicht ähnlich. Ich rief sie an, sie gab mir keine Antwort. ‚Franull, sprich, Franull! Sage mir wenigstens, daß Du mich hörst!‛

‚Ich darf Dich nicht hören, ich höre Dich auch nicht. Die Franull ist jetzt gestorben. Ich muß sie vergessen, Dich vergessen, diese Stunde! Alles! Alles! Kein Wort mehr zwischen Dir und mir! Und kannst Du nicht leben – nun! Mach’ mich nicht wahnsinnig!‛ rief sie noch einmal, sich selber unterbrechend. ‚Soll ich denn leben mit dem Bewußtsein, Dich in den Tod gejagt zu haben?‛

,Lebe! Lebe! Du Engel meines Lebens!‛ rief ich. ‚Lebe, Franull! Ich will nicht kleiner sein als Du! Ich will leben, weil Du leben mußt! Es soll kein Schatten fallen auf Deine Zukunft! Aber vergessen kann ich nicht! Ich will’s im Herzen tragen für uns beide, will’s bewahren in mir, unser ach! so kurzes leidensvolles Glück! Und nun ein letztes Lebewohl! – Leb’ wohl!“ Und noch einmal hielt ich sie – dann war’s zu Ende!“




Josias fuhr sich mit der Hand über die Stirn und trocknete sich dabei die Augen, die ihm feucht geworden waren.

„Josias! guter Josias!“ rief ich, „ach! nun verstehe ich’s! Nun weiß ich, was Du gemeint, als Du das Wort gesprochen, das mich damals so schwer gekränkt hat, als Du den Werther einen Feigling, einen Deserteur genannt, der sein Leiden höher angeschlagen als das Leiden und als das Glück der Geliebten!“

Er wiegte schweigend das Haupt. Meine Mutter fragte, was meine Worte bedeuteten. Ich hatte es ihr zu erklären, und wie ich es gethan – ich konnte mir nicht helfen, und warum sollt ich’s nicht? – da kniete ich vor ihm nieder und küßte ihm die Hand.

„Recht so!“ sagte die Mutter. „Verdient es einer, daß man ihn mit Verehrung liebt, so ist es unser Freund! – Jetzt erst sind Sie ganz der Unsere, wir die Ihren! – Und nun nur noch das Eine: Wie ward’s danach mit Ihnen? Haben Sie die Gräfin in der That nicht mehr wiedergesehen?“

„In den ersten Jahren sah ich sie nicht! – Ich hatte es zu vermeiden für uns beide. Später habe ich sie oft gesehen, zuerst einmal, als sie an mir vorüberfuhr Unter den Linden, an ihres Vaters Seite, ihr Gatte und zwei schöne Knaben mit einer Wärterin ihr gegenüber – und später bin ich ihr öfters begegnet, noch ganz neuerdings habe ich sie im Theater gesehen mit ihrem Mann, mit ihren verheiratheten Kindern. Das Leben hat eine heilende Kraft und die Narben hören auf zu schmerzen. Daß ich aber über jenen ersten Tag hinweggekommen bin, das ist mir heute noch ein Räthsel.

Als sie mich verlassen hatte, ging sie nach der andern Seite, ohne sich umzublicken, dem Schlosse zu und entschwand mir in der Thür von ihres Vaters Arbeitsstube. Ich sah ihr nach, wußte, daß ich allein sei, und sah sie doch noch immer so deutlich vor mir stehen, daß ich mich halten mußte, nicht die Arme auszustrecken ins Blaue. Mir bangte für meinen Verstand. Ich schaute um mich her! Die Bäume, der Garten, es war alles so [258] wie sonst – da blinkte etwas an der Erde! Ihr kleiner Ohrring war es! Ich hob ihn auf. Er war ein Heiligthum für mich! Er hatte ihr gehört, sie hatte ihn getragen. Er war mir zugefallen!“

Von der Uhr des Wirthschaftshauses schlug es sieben. Das war die Stunde, zu welcher unser Kutscher den Befehl erhalten hatte, vorzufahren. Ich ging nach dem Balkon vor der Baronin Zimmer, wo wir die Damen verlassen. Ich fand nur meine Mutter.

‚Wo bist Du denn geblieben? Was ist vorgegangen? Die Komtesse ist unwohl aus dem Garten gekommen, hat sich zurückgezogen, ohne bei uns vorzusprechen; die Kammerjungfer ist es der Baronin melden gekommen; sie hat sich zu ihr begeben und ist noch nicht zurückgekehrt. Was ist geschehen? warum hast Du sie nicht hineingeleitet, wenn sie sich nicht gut befunden?‛ fragte meine Mutter in sichtlicher Bestürzung.

‚Sie hat mich geheißen, ihr nicht zu folgen. Es hatte sie plötzlich ein jäher Schmerz in der Brust befallen.‛

Ich fügte weiter nichts hinzu, ich fühlte, daß ich keinen Glauben fand, daß das Mutterauge nicht zu täuschen war. Die Baronin kam dann auch herbei, da das Rollen des Wagens sie gerufen. Sie sprach leichthin über den kleinen Anfall, den wohl die Hitze dem vollblütigen lieben Kinde zugezogen! Sie hatte am wenigsten Grund, mein Bleiben zu wünschen.

Wortkarger hatten wir den Weg von Dambow nach Schönfelde nie zurückgelegt, und wie große Aufregungen den Menschen hellseherisch machen, merkte. ich es meiner Mutter an, daß ihr das Herz befreit war, daß sie in ihrer Liebe und Sorge für mich aufathmete wie nach einem schweren Gewitter, das man lang heraufziehen sehen und das sich nun entladen. Wozu hätte sie auch führen fallen, die Leidenschaft, die ich von früher Jugend an für Franull gehegt? – Es war ein Glück, daß der Graf die Tochter verlobt, daß sie aus unserer Nähe fortkommen würde durch ihre Heirath; weit fort! – Es war die Rede von Klothens Versetzung nach Petersburg! – Es würde doch endlich mit mir von einer schicklichen Heirath zu reden sein, ich würde doch zu Vernunft kommen müssen.

Nichts von dem Allen wurde unterwegs gesprochen! Ich aber hörte das Alles heraus aus meiner Mutter gelegentlichen Bemerkungen während unseres Abendessens. Und bei dem Allen wußte ich im Grunde doch nicht, was ich hörte oder sprach!

Zur Vernunft kommen! Zu Verstand kommen! Ich fühlte nur zu sehr, wie sehr ich’s nöthig hatte, mich zusammen zu nehmen, wenn ich ihn nicht verlieren wollte.

Ich sprach laut mit mir selber! ich weinte! ich warf mich auf mein Lager in der Einsamkeit meines Zimmers und sprang wieder auf! Verachten Sie mich nicht, meine Freundin! Lächle nicht über den Greis, mein Kind! Die Leidenschaft in einer gesunden Seele ist eine dämonische Kraft! – Ich hatte die Pistole in der Hand! Der Gedanke an Franull hielt mich zurück! Es lag so lang, so grau, so öde vor mir, das Leben, das zu leben ich ihr gelobt.

Durch einen Zufall griff ich in die Tasche. Ihr Ohrring kam mir in die Hand. Ich drückte ihn an meine Lippen. Ihr warmes Blut hatte gegen ihn pulsirt, sie hatte ihn lange, lange getragen. Ich preßte ihn mit fester Hand mir durch das Ohr – ich trage ihn noch heute! Er soll begraben mit mir werden.

Und wie dem verirrten Wanderer in tiefem Dunkel ein Stern auftaucht, so leuchtete inmitten meiner Verzweiflung der Gedanke in mir auf: ‚Sie hat Dich doch geliebt! von je geliebt! Sie will es, daß Du lebst, und Du bist glücklicher als sie. Du brauchst sie nicht zu vergessen! Du bist frei – und bleibst es!‛ Wollte ich nicht verzweifeln, so mußte ich mich zwingen, es lernen, mich glücklich zu preisen.“

„Und Sie haben es gelernt! Sie haben es vermocht, Josias,“ sagte die Mutter, „sich und Ihr Leben zu einer Freude für andere zu machen. Sie haben empfunden, daß eine große Liebe den Menschen, dem sie zu Theil wird, erhebt, ihn adelt, ihn für sich selber heiligt; und wie Franull Sie geliebt, so haben Sie bleiben, so haben Sie sich selber sehen wollen für und für! O! nun versteh’ ich alles! Darum haben Sie beharrt in der Tracht, die Sie an jenem Tag getragen.“

„Ja! darum!“ bekräftigte Josias. „Ihr feines Herz hat es errathen. Zuerst war’s eine Schwärmerei. Alles, was sie, was Franull berührt, war zur Reliquie für mich geworden Dann befing mich die Gewohnheit und der Reiz des Eigenwillens.“

„Und so – ach Josias!“ rief ich aus, „wenn Du wüßtest, was für Kopfzerbrechen es mich gekostet, wenn sie sagten, Du seiest ein Original! – So bist Du zum Original geworden!“

Er lächelte. „Thörichte, liebe Franull!“ sagte er, aber die Mutter meinte: „Hätten wir viele solche Originale wie Sie, die Glück zu finden wissen in dem Wohl der Andern, wenn ihnen selber das Leben nicht gewährt, was sie für sich erstrebt! Was aber haben Sie gemacht mit Schönfelde und wie hat Ihre Mutter sich darein gefunden, daß Sie es verkauft?“

„Sie hat es nicht erlebt!“ antwortete Josias seufzend. „Es war so gekommen, wie Franull es mir gesagt. Sie war verlobt worden in Karlsbad, ihre Hochzeit war für den Herbst anberaumt. Ich wollte, durfte nicht in Schönfelde sein in jenem Zeitpunkte. Ich hatte wenig Mühe, meine theure Mutter zu einer Reise in den Süden zu überreden. Sie hat selber an eine solche oft gedacht, sie geplant mit meinem Vater für die Zeit meiner Rückkehr von meiner Reise. Wir machten uns im Beginn des Septembers auf den Weg, und sie genoß die Herbstmonate wie den Winter in Oberitalien und in Rom mit großer Freude; aber der tiefe Süden zeigte sich ihr verderblich. Ein Malariafieber, das sie befallen in Neapel, entriß sie mir. Ich kehrte gegen den folgenden Winter allein nach Schönfelde zurück. Der Graf Dubimin-Klothen, so nannte sich der Legationssekretär jetzt mit königlicher Bewilligung, hatte seine Flitterwochen in Dambow und Berlin verlebt und sich dann mit seiner Gemahlin nach Petersburg begeben auf seinen Posten.

Ich sah den Grafen, meinen Pathen, nach wie vor. Er und Frau von Klothen blieben mir wohlgesinnte Freunde, und ich behielt Schönfelde noch mehrere Jahre, bis es feststand, daß Graf Hans sich vom Dienste zurückziehen und mit seiner Frau und seinen Kindern bei seinem Schwiegervater in Dambow leben würde, welches er ja dereinst zu übernehmen hatte. Damit war mein Entschluß gefaßt.

Der älteste meiner Berliner Vettern war ein tüchtiger Landwirth geworden und ein Mann von Ehre durch und durch. Er hatte eigenes Vermögen von Haus aus und eine reiche, wackere Frau! Er war ein Courville, den die Familie hoch zu halten hatte.

Ihm habe ich Schönfelde abgegeben. Es ist heut noch im Besitz unserer Familie, und der König hat meinem Nachfolger in neuester Zeit den erblichen Adel verliehen. Sie nennen sich jetzt Courville von Schönfelde! Das Uebrige – nun, das wissen Sie! und möge es bleiben zwischen Ihnen, meine Freundin, Ihrem theuren Mann und diesem Kinde und mir so wie bisher! Sie drei haben mich’s vergessen machen, daß ich einsam dastehe in der Welt!“

„Und die Gräfin?“ fragte meine Mutter.

„Ich glaube, Ihnen schon gesagt zu haben, daß ihre Ehe eine durchaus glückliche geworden ist. Graf Hans ist nach allem, was ich von ihm erfahren, ein Edelmann im besten Sinne und ihrer werth. Ihr Vater hat Freude erlebt an der Tochter, dem Schwiegersohn, den Enkeln. Und hat die Gräfin von mir gehört, nun! ich hoffe, sie wird nichts von mir vernommen haben, was mich des Glücks unwerth gemacht, ihre Liebe besessen zu haben, ihre erste Liebe gewesen zu sein.“




Damit endet die Erzählung in der Tante Franziska altem Tagebuche; und es steht noch mancherlei darin, das fremd klingt in unsern Tagen. Aber wir wollen sie nicht schelten, die Zeit der romantischen Liebe! Drängt sich mir doch selber oft genug die Frage auf: ist das, was an die Stelle der Romantik getreten, besser, edler, erhebender als ihre süße Schwärmerei?

Die Antwort darauf wird verschieden genug ausfallen! – Ich für mein Theil halte die meine zurück – doch ist sie vielleicht darin zu erkennen, daß ich die Geschichte des Josias eben des Erzählens werth gefunden. Sind die Leser der gleichen Meinung, nun so erzähle ich wohl noch eine oder die andere, wie es kommt.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Gemeint ist: Hans Dietrich von Zanthier