Die Drei-Eichenkapelle

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Autor: Alois Wilhelm Schreiber
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Titel: Die Drei-Eichenkapelle
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aus: Badisches Sagen-Buch II, S. 239–241
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Die Drei-Eichenkapelle.

Gegen das Ende des 15. Jahrhunderts zog die Pest mit ihrem ganzen Gefolge von Schrecknissen und Plagen verheerend durch Teutschland. Die Felder lagen öde und unbebaut, die Städte wurden entvölkert, Sterbende schleppten die Todten zum Grabe, vor den nächsten Anverwandten verschloß man die Thüre; alle geselligen Bande waren gelöst. Schon in den nächsten Städten und Dörfern um Baden hatte diese furchtbare Geißel der Menschheit ihre Verwüstungen begonnen. In letzterer Stadt hatte man die Thore geschlossen und die Behälter der warmen Quellen geöffnet, daß sie qualmend und dampfend durch die Straßen hin strömten. Und immer näher rückte die Seuche; schon waren in dem Weiler Scheuern die Bewohner des äußersten Hauses gegen Oos zu davon ergriffen; der Hausvater hatte nacheinander sein Weib und vier Kinder jämmerlich dahin sterben sehen und sie auf dem nächsten Felde verscharrt und erwartete jetzt, hülflos, von aller Welt gemieden und geflohen, sein gleichfalls herannahendes Ende.

Wenige Schritte von dem Verlassenen wohnte sein erster Nachbar, Diether, mit Weib und Kindern. Voll Schrecken und Zagen hatten diese gesehen, wie der unglückliche Vater alle die Seinigen hinaustrug zum Begräbniß und wie er selbst mit wankendem Schritt und blassem, bleifahlen Antlitz im Haus umherschlich. Zuletzt mußte ihm auch hierzu die Kraft gefehlt haben, denn so oft sie auch nach dem Hause hinüber schauten, so vermochten sie doch keine Spur von einem lebenden Wesen mehr zu erblicken; das ganze Haus schien ausgestorben zu seyn, oder der letzte Bewohner desselben mochte wohl schon mit dem Tode ringen. Endlich zeigte sich doch der Kranke wieder am [240] Fenster, das er öffnete, und rief mit schwacher, sterbender Stimme herüber, indem er die Hände flehend empor hob, man möchte ihm doch, um der himmlischen Barmherzigkeit willen, ein Gefäß mit Wasser vor die Thüre stellen, damit er den brennenden, verzehrenden Durst löschen könne. Dieser rührenden Bitte vermochte Diether nicht zu widerstehen. Er füllte ein großes Gefäß mit frischem Wasser und stellte es vor die Thüre des Pestkranken, worauf er sich eiligen Schrittes wieder entfernte. Bald darauf sah er den Alten sich mühsam vor die Thüre schleppen und das Wasser zu sich in das Haus ziehen. Es war das letzte Mal, daß er ihn erblickte.

Voll Furcht und Angst musterte Diether, bevor er sich Abends zur Ruhe niederlegte, seine Hausgenossen, ob sich noch an Keinem die Spuren der entsetzlichen Krankheit zeigten. Aber obgleich sie Alle gesund und munter waren, so ließ ihn doch die Besorgniß für die kommenden Tage lange nicht einschlummern. Wie er nun so schlaflos im Bette lag und inbrünstig zur heiligen Jungfrau betete, ihn und die Seinigen vor der schrecklichen Seuche zu bewahren, da vernahm er auf einmal ein seltsames Tönen und Klingen. Bald kam es ihm wie ein leiser, lieblicher Gesang vor, bald wie fern verklingende Orgeltöne. Er lauschte lange den wunderbaren Lauten, die seine aufgeregte Seele besänftigten und ungemeine Beruhigung ihm einflößten, so daß bald ein erquickender Schlaf seine müden Augen schloß.

Der nächste Tag ging abermals glücklich vorüber, aber die Nacht darauf vernahm er wiederum das liebliche Klingen. Er stand auf und öffnete das Fenster. Ihn däuchte jetzt, als kämen die Töne aus der alten Eiche, die bei seinem Hause stand. Er weckte sogleich seinen ältesten Sohn und Beide gingen mit einer Leuchte hinaus, die Sache näher zu untersuchen. Diether hatte sich nicht getäuscht. Je näher sie dem alten Baume kamen, desto deutlicher hörten sie den wunderbaren Klang. Sie besahen den Baum von allen Seiten, aber nirgends war etwas Auffallendes daran zu bemerken. Es war nicht anders möglich: der Schall kam doch aus dem Stamme der Eiche. Sie hielten ihr Ohr an die rauhe harte Rinde, da drang das Getöne ganz nahe und laut hervor. Lange blieben sie lauschend stehen und wußten nicht, was sie davon denken oder was sie beginnen sollten. [241] Endlich kam Diether zu einem Entschluß. Er hieß seinen Sohn eine Axt herbei holen und fing damit an, die Rinde an jener Stelle weg zu hauen, wo das Tönen am deutlichsten zu vernehmen war. Kaum aber waren einige Hiebe in den Baum gethan, so sprang ein großes Stück Rinde heraus und beim Schein ihrer Lampen erblickten sie jetzt in dem Eichenstamm eine Blende und darin ein Marienbild mit dem Jesusknaben, von welchem dies wunderbare Klingen ausging. Unwillkürlich stieg bei diesem Anblick in Diether der Gedanken auf, der Himmel habe durch dieses Wunder ein Zeichen geben wollen, daß an dieser Stelle die Pest ihr Ende gefunden habe. Dankend und in frommer Demuth knieeten jetzt Vater und Sohn vor dem Bilde nieder und verrichteten ihre Andacht.

Bald verbreitete sich das Gerücht von dem wundervollen Gnadenbild in dem Dorfe und bis in die Stadt, und da zu gleicher Zeit aus den umliegenden Orten die Nachricht einlief, daß die Pest überall plötzlich nachgelassen habe, so bekam die Sage noch mehr Gewicht und die gläubige Menge strömte schaarenweis herbei, das Wunder zu schauen. Sogar in das verpestete Haus wagten sich einige herzhafte Männer. Sie fanden dessen Bewohner entseelt auf dem Boden liegen und neben ihm das Wassergefäß. Der Leichnam ward zur Erde bestattet, das Haus aber niedergerissen.

Als im Jahr 1650 die alte Eiche abzusterben anfing, ließ die damalige Markgräfin, Maria Magdalena, zweite Gemahlin Ludwig Georgs, eine geborne Gräfin von Oettingen, den Baum von den Aesten an abnehmen und über dem Stamm eine Kapelle bauen. Mariatrost nannte sie die fromme Stifterin, aber der Namen ist außer Gebrauch gekommen und sie wird allgemein die Drei-Eichenkapelle genannt von den drei Eichen, die daneben gepflanzt wurden.

Noch jetzt steht der Eichenstamm hinter dem Hochaltar und in seiner Blende das Marienbild. Das Gemälde an der Decke der Kapelle bezieht sich auf die Sage von der Entstehung des Kirchleins: es stellt die heilige Jungfrau vor, zu welcher die Pestkranken ihre Zuflucht nehmen.

Al. Schreiber.
(Vergl. „Sagen aus Baden und der Umgegend.“ Karlsruhe 1834.)