Die Ehezeitung

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Autor: S.
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Titel: Die Ehezeitung
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aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 613–615
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Ehezeitung.


Durch die Spalten der periodischen Presse in den Hafen der ehelichen Glückseligkeit einzulaufen, ist auch bei uns in Deutschland ein nicht mehr ungewöhnlicher Weg, bis zu einem eigenen journalistischen Organe jedoch, das sich ausschließlich der Beförderung dieses preiswürdigen Zweckes widmet, haben wir es noch nicht gebracht. Wohl aber darf sich England eines solchen ebenso nützlichen wie interessanten Blattes rühmen. Schon seit einigen Jahren sieht man an den Ecken der Londoner Straßen verwegene junge Burschen postirt, welche, so wie eine nicht durchaus matronenhaft erscheinende Dame des Weges gegangen kommt, diese mit der Frage begrüßen: „Brauchen Sie vielleicht einen Gemahl, Miß? ’s kostet blos drei Pence,“ und der von der wundersamen Anrede Ueberraschten eine Zeitungsnummer vor Augen halten. Wirft sie unwillkürlich einen Blick auf das ihr dargebotene Papier, so liest sie den frappanten Titel: „Organ zur Herbeiführung des häuslichen Glückes, allen den Tausenden heirathsfähiger Männer und Weiber von allen Altern und Ständen gewidmet, die, Dank der kalten Förmlichkeiten der Gesellschaft und den strengen Regeln des Anstandes, weder in der Stadt noch auf dem Lande zusammen kommen können und doch sich gegenseitig glücklich zu machen berufen sind.“ Da das sonderbare Blatt, welches bis jetzt jedenfalls das einzige seiner Gattung geblieben ist, wie schon bemerkt, bereits seit mehreren Jahren besteht, so läßt sich vermuthen, daß der kühne Unternehmer mit der Speculation seine Rechnung gefunden hat. Nach den Angaben der Redaction sind durch ihre Vermittlung bereits mehr als achttausend Ehestandscandidaten und -Candidatinnen zu dem erstrebten Ziele gelangt. Ob damit zugleich zu häuslichem Glücke – das bleibt freilich unerwähnt.

Einige Auszüge aus dem merkwürdigen Producte englischer Betriebsamkeit sind dem Leser wohl nicht unwillkommen; sagt doch der Herausgeber in seinem Programme mit Recht, daß die Institution der Ehe ein Gegenstand des allgemeinen Interesses für die gesammte Menschheit sei.

Wir durchblättern eines der letzten Monatshefte. Da finden wir denn, die wiederholten Inserate ungerechnet, fünfhundertundachtundvierzig Heirathsgesuche abgedruckt; zweihundertvierundneunzig gehen von Candidatinnen und zweihundertvierundfünfzig von Candidaten aus. Das weibliche Geschlecht scheint somit das heirathslustigere und unternehmendere zu sein. Zweihundertunddreiunddreißig der männersuchenden Damen haben zuvor noch nicht die Rosenketten der Ehe getragen, obschon sie den verschiedensten Perioden der Reise angehören, den hoffnungsreichen siebenzehn wie den kritischen vierzig Jahren. Acht haben die Zwanzig noch nicht erreicht, vierzehn sie eben überschritten; dreiundsechszig sahen erst fünfundzwanzig Sommer, einundsechszig zählen von sechsundzwanzig bis dreißig, und sechszig von einunddreißig bis zu neununddreißig Jahren, während neunzehn ihre Vierzig bekennen und acht sogar den Muth haben, sich für noch älter als vierzig anzugeben. Blond verhält sich dabei zu Brünett wie drei zu zwei; als schwarzhaarig schildert sich blos eine einzige der Inserentinnen.

Natürlich ist nicht der Mangel äußerer und innerer Reize daran schuld, daß diese armen Damen noch des Schutzes [614] männlicher Lebensgefährten entbehren. Nennen sich doch fünf der Unbeschützten ohne Weiteres „wunderschön“; acht bezeichnen sich als „sehr schön“, dreiundzwanzig einfach als „schön“, sechszehn als „sehr hübsch“ und ebenso viele nur als „hübsch“. Zweiundfünfzig sagen, daß sie „gut aussehen“, neun sehen „hübsch" und sieben „fein“ aus. Acht sind „anziehend“, zwei „reizend“, neunundzwanzig „von angenehmem Aeußern“, eine ist „comme il faut“ und eine „bezaubernd“. Manche sind „gebildet“, einige „höchst musikalisch“, verschiedene verstehen sich vortrefflich auf jede weibliche Arbeit, mehrere sind „fein erzogen“. Andere prunken mit ihren vornehmen Bekanntschaften und Verwandten; wenige vergessen, von ihrer Liebenswürdigkeit und Herzensgüte zu sprechen; einige sind stolz auf ihren häuslichen Sinn, Alle ohne Ausnahme jedoch stark in dem Glauben, daß sie vorzügliche Gattinnen abgeben werden.

Die neunzehnjährige Madeline beklagt ihre Armuth, hofft aber, daß dieser Mangel durch die „Reihe ihrer Vorzüge“ aufgewogen werde. Besagte Vorzüge zählt sie folgendermaßen auf: „Mittlerer Wuchs, goldenes Haar, blaue Augen, heiteres Temperament, ohne alle Sentimentalität, sehr musikalisch, singt gut und ist zugleich im Hauswesen sehr erfahren.“ Ein behagliches Dasein und fünfhundert Pfund Sterling jährlich, das ist der Preis, welchen Augusta, die weder Vermögen besitzt noch welches zu erwarten hat, für ihre Reize verlangt. Sie ist fünfunddreißig Jahre alt, fünf Fuß und neun Zoll hoch, von hellem Teint, mit kastanienbraunem Haar (Naturfarbe), hat eine sehr elegante Gestalt, sieht gut aus, ist sehr gebildet, wohl erzogen und häuslich. Sie hat sich immer nur in guter Gesellschaft bewegt, allein sehr zurückgezogen gelebt, so daß sie keine Gelegenheit fand, Herrenbekanntschaften zu machen. Zum Schlusse ihrer Selbstbeschreibung fügt sie noch hinzu, daß sie sich „derzeit in London“ befinde.

Eine andere Dame, die, achtundzwanzig Jahre alt, ihres einsamen und abgeschiedenen Lebens müde ist, wünscht einem Manne zu begegnen, der ein warmes und liebevolles Herz zu schätzen vermag. Leider ist sie ohne Vermögen. Wenn indeß angenehmes Aeußere und gute Manieren im Verein mit Bildung und Gemüth Befriedigung zu gewähren im Stande sind, so ist sie überzeugt, daß sie ihren Gatten zum glücklichsten Manne der Welt und zum Beneidetsten seines Geschlechts machen wird. Mitleiderweckend ist das nachstehende Gesuch: „Ein älteres Mädchen sucht einen Gatten; es ist achtunddreißig Jahre alt, mittellos und nicht hübsch. Sollte diese Anzeige einem Herrn vor Augen kommen, welcher eine Frau braucht und in der Lage und großmüthig genug ist, eine mit den erwähnten Mängeln zu nehmen, so kann die Redaction die Adresse der Dame geben.“ Wir fürchten, der Herausgeber des Blattes werde nicht mit Antworten auf diese Anzeige überhäuft werden, während der Ehemarkt mit so vielen reichbegabten Damen versehen ist, ganz abstrahirt von unterschiedlichen Erbinnen in spe. Viele der letzteren erzählen in gar herzloser Weise, wie sie nur auf den Tod ihrer vermöglichen Eltern warten. Ein einziges Kind, ein süßes Wesen von zweiundzwanzig Jahren, sagt, daß es „beim Tode ihrer Eltern über ein großes Vermögen zu gebieten haben werde“; die schwarzäugige Tochter eines höheren Geistlichen „hat bereits einiges Vermögen und wird noch mehr bekommen, wenn erst ihr Vater auf dem Friedhofe ruht“, und die hochgebildete, sehr blonde, sehr hübsche und sehr fröhliche Miß Lucy thut dieses ihr fröhliches Temperament dar, indem sie bemerkt, daß zu den zweitausend Pfund, die sie bei ihrer Verheirathung empfängt, sie noch eine viermal so große Summe erhalten wird, sobald ihr Vater stirbt, „der jetzt bereits dreiundsiebzig Jahre alt ist“.

Von der Annahme ausgehend, daß der Werth einer Braut steigt, wenn der Bräutigam einmal keine Schwiegermutter zu fürchten hat, vielleicht auch um Theilnahme hervorzurufen, erwähnen nicht weniger als fünfundvierzig Heirathscandidatinnen, daß sie Waisen sind. Eine ziemliche Anzahl dieser vereinsamten Geschöpfe ist dafür mit weltlicher Habe ausgestattet. Rosa, sechsundzwanzig Jahre alt, nicht hübsch, doch sehr fesselnd, hat ein kleines Landgut und sechshundert Pfund jährlicher Einkünfte, die sie mit einem Herrn von unzweifelhafter Respectabilität theilen möchte. Die vierunddreißigjährige Eva, von angenehmem Aeußern, schlanker Figur und vollkommener Gesundheit, lebhaften, thätigen Temperaments, die das Land liebt, aber Alles, was falsch ist, falsches Haar eingeschlossen, haßt, würde einem frommen, gebildeten, freundlichen und wohlhabenden Manne die hingebendste Gattin werden.

Einundsechszig Wittwen im Alter von neunzehn bis zu fünfzig Jahren sehnen sich danach, wieder in den heiligen Ehestand einzutreten. Eine „wunderschöne“ Wittwe, erst neunzehnjährig, blond, hochgewachsen, gebildet und von bester Familie, die weiß, daß sie ein sehr liebevolles Gemüth besitzt, hätte sicherlich Zeit, noch etwas zu warten; vielleicht indeß erklärt sich ihre Ungeduld aus dem Umstande, daß sie eine von den fünf Hinterbliebenen ist, welche ihre Vermögensverhältnisse unberührt lassen. Die übrigen Sechsundfünfzig haben außer ihren eigenen kostbaren Personen alle noch etwas Anderes anzubieten, ein kleines Vermögen, ein bescheidenes Einkommen, ein hübsches Haus oder ein nettes Gütchen. Eine sucht die Männer mit ihren zweitausend Pfund „jetzt“ und einem großen Vermögen „später“ zu reizen; eine andere vergoldet die Pille mit „ungefähr zwölftausend“, und eine dritte besitzt ein prachtvolles Landhaus ohne Schulden und – ohne Kinder.

Zweifelsohne sind manche dieser Annoncen blos zum Scherze eingerückt, die Mehrheit derselben aber trägt unverkennbar den Stempel des Ernstes und der Wahrheit, wenn wir auch nicht an die Echtheit des folgenden Inserats glauben wollen: „Eine Dame von Stand mit einer neunzehnjährigen Tochter wünscht diese letztere zu verheirathen. Das junge Mädchen gilt für sehr anziehend und wird bei ihrer Majorennität fünfundzwanzigtausend Pfund Sterling besitzen. Blos mit Herren von hoher gesellschaftlicher Stellung und reichen Mitteln würde man in Unterhandlung treten.“

Kommen wir jetzt zu den männlichen Mitarbeitern unseres originellen Blattes, so ersehen wir zunächst, daß die Geistlichkeit der englischen Kirche kein Bedenken trägt, den nicht mehr ungewöhnlichen, doch nichts weniger als orthodoxen Weg einzuschlagen. Es sind fünfundzwanzig hochehrwürdige und würdige Herren, welche ihrer Heirathslust einen solchen Ausdruck verleihen, die meisten derselben der englischen Hochkirche angehörend, die aus ihrer Neigung zu wohlerzogenen Damen von etwa dreißig Jahren kein Hehl machen; einer davon jedoch, ein Presbyterianer, Freund von Fahren und Reiten, wie er schreibt, von dem seine weiblichen Bekannten meinen, daß er das Muster eines guten und liberalen Ehemannes abgeben werde, trägt sich jedem vernünftigen, gutherzigen und gutaussehenden Frauenzimmer an, welches baare tausend Pfund Sterling besitzt. Dann kommt eine lange Liste von Hauptleuten, Majoren, Obersten und anderen Officieren der in Ostindien stationirten Truppen, die durch Vermittelung unseres hülfreichen Journals das Glück der Ehe zu erlangen streben. Etwas zweifelhafter Natur scheinen uns die Absichten eines jungen Advocaten von „ungewöhnlicher Bildung, verbindlichem Wesen, untadelhaften Manieren und Gewohnheiten, heiterm Temperamente, angenehmem Aeußern und beneidenswerther Lage“ zu sein, dem, wie er noch bemerkt, die Kreise der besten Gesellschaft offen stehen. Jedenfalls ist er kein so echter Artikel wie der Lehrer der Mathematik, der, „im Begriff, sich ein stilles Landhaus einzurichten, sich mit einer der Töchter Mutter Eva’s zu verbinden wünscht, zum Glück oder Unglück, wie es das Schicksal eben mit sich bringt“; oder wie jener „stattliche Lehrer von ausgezeichneter Gestalt und warmen Gefühlen“, dem sich die Gelegenheit bietet, eine einträgliche Schule zu gründen, und der deshalb eine Dame von guter Erziehung und einigen Mitteln sucht, welche bereit wäre, ihm in diesem Unternehmen beizustehen. Drei Aerzte von guter Praxis und sechs Chirurgen bilden das Corps der Jünger Aesculap’s, die durch das Blatt den Hafen eigener Häuslichkeit zu gewinnen trachten. Die Kunst wird durch ein einziges Individuum und die Literatur durch einen fünf Fuß neun Zoll hohen Herrn mit schwarzem Haar und Bart vertreten, der ein Wochenblatt in einem dreißig Meilen von London entfernten interessanten Bezirke redigirt und von dieser Stelle ein jährliches Einkommen von hundertzwanzig Pfund Sterling bezieht; zum Mitgenusse dieser Situation und Würde sucht er jetzt eine „schöne Dame von Verstand, Bildung und Mitteln, die an ihm einen Mann finden würde, welcher ihre Verdienste vollkommen zu würdigen im Stande ist.“

Für Damen von landwirthschaftlicher Geistesrichtung bieten sich fünf Gutsbesitzer dar und drei einfache Pächter. Von Kaufleuten [615] führt unsere Liste die Zahl von dreiundzwanzig auf. Vier Ingenieure, neunzehn Gewerbetreibende, einige Commis, ein Manufacturist, ein Geschäftsreisender, drei „respectable“ junge Männer äußern in ganz klaren, geschäftsmäßigen Worten, was für Frauen sie begehren. Selbst zwei englische Lords bieten sich auf unserm Ehemarkte feil, beide „in ihren besten Jahren“, der eine „zwischen fünfzig und sechszig“, der zweite „genau fünfundfünfzig alt“. Der Letztere denkt offenbar, daß dieses Alter ihm nachgesehen wird, da er viertausend Pfund jährliche Einkünfte besitzt und seiner Wittwe, so lange sie lebt, des Jahres tausend Pfund aussetzen wird.

Unter den zweihundertvierundfünfzig den Ehestand erstrebenden Herren haben nur elf die Süßigkeit desselben schon gekostet. Mit Ausnahme eines einzigen, der sich auf eine Dame „von schmaler Taille und mit hübschem kleinem Fuß“ capricirt, sind diese Wittwer hinsichtlich der zu wünschenden weiblichen Reize nicht so wählerisch wie ihre ledigen Genossen. Diese stellen ihr Licht keineswegs unter den Scheffel. So wünscht unter Anderen „ein römisch-katholischer Herr mit schönem, geistvollem Gesicht, der zehn Jahre jünger aussieht, als er wirklich ist, eine Frau, die jedoch sehr hübsch, von liebevollstem Gemüth, heiterster Laune und nicht unbemittelt sein muß“. Auch Nichtengländer, Deutsche, Franzosen, Russen, Amerikaner u. A., figuriren in ziemlicher Menge unter unseren Ehecandidaten. Ein Amerikaner von einunddreißig Jahren, fünf Fuß sieben Zoll hoch, blond, mit blauen Augen und von guter Familie, mit fünftausend Pfund Geschäftscapital, das ihm jährlich einen Gewinn von fünfzehnhundert Pfund erzielt, möchte sich mit einer jungen englischen Dame zwischen achtzehn und fünfundzwanzig Jahren, von mittlerer Größe, mit schwarzen Augen und Haaren, von guter Figur, heiterem Gemüthe und einigem Vermögen, in Verbindung setzen; das letztere Moment ist indessen nur ein nebensächliches, vorausgesetzt, daß sie alle die anderen der aufgezählten Erfordernisse besitzt, „jene Eigenschaften, die von allen echten Männern gewürdigt werden.“

Mit diesem uneigennützigen Wunsche des blonden Yankee’s wollen wir unsere Auszüge aus dem Londoner „Organe zur Beförderung häuslicher Glückseligkeit“ beschließen. Wir meinen, sie sind hinreichend, um unsern Lesern darzuthun, wie das genannte Blatt für nur drei Pence wöchentlich einem längst gefühlten Bedürfnisse abhilft. Vielleicht regen unsere Mittheilungen auch den deutschen Journalismus zur Nachahmung an; an Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die für ihre Beiträge ohnedem noch bezahlen, dürfte es auch einem deutschen Unternehmen solcher Art sicherlich nicht fehlen.
S.