Die Elephantenjäger in der Transvaal-Republik

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Elephantenjäger der Transvaal-Republik
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 250–252
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[250]
Die Elephantenjäger in der Transvaal-Republik.

Ein großer und besonders der reichste Theil der Holländer am Kap der guten Hoffnung hat sich von dem unangenehmen Schutze der englischen Kolonialregierung frei gemacht, und jenseits der Grenzen des englischen Gebiets in der Nachbarschaft von Buschmännern und Kaffern eine eigene kleine Staatsgesellschaft mit republikanischer Verfassung gegründet. Die kleine Republik gedeiht vortrefflich, da die Leute wenig Abgaben und keine Millionen Interessen von Kriegsschulden und Sünden der Väter zu bezahlen brauchen, so daß ihnen die Früchte ihres Schweißes und Fleißes ohne Abzug, Schutzzoll und Steuer zu Gute kommen. Ihr Fleiß wird aus gedeihlichem Ackerbau und Viehzucht reichlich belohnt. Es sind fast lauter große Grundbesitzer, die mit hottentottischem, buschmännischem und kafferischem Gesinde arbeiten, und mit demselben im Nothfalle ohne viele Exercitien, Manövers und Paraden ihr Land vertheidigen. Sie führen blos Krieg, wenn es wirklich ein allgemeines Interesse, ein Gemeingut zu schützen und zu vertheidigen giebt, so daß die Leute ohne vorhergehende Militärschule und sonstigem Humbug nach Herzenslust zuschlagen und deshalb ganz gegen alle Regeln der Kriegswissenschaft siegen.

Die Transvaal-Republik gedeiht also und hält sich tapfer gegen allerlei Angriffe und Feinde. Nur mit der sonst freigebigen, aber noch wilden, heißen Natur können sie’s zuweilen nicht aufnehmen. Die schrecklichste Plage jener Gegenden sind eine eigenthümliche Art von schwarzen, dicken Wolken, welche Tag in Nacht verwandelnd zuweilen über eine Strecke sich hinwälzen und kein grünes Hälmchen zurücklassen, die schwarzen Wolken von Heuschrecken. Eine solche Wolke fraß auch im Jahre 1852 die ganze Ernte des Herrn van Bloom in wenigen Stunden mit Stumpf und Stiel aus. Früh mit lachenden Aussichten aufstehend, sank er Abends als ruinirter Mann auf’s Lager. Er hatte viel Geld aufgenommen, um die Kultur seines Bodens auszudehnen, um von dem Ertrage Zinsen und Kapital zu zahlen. Der Gläubiger fiel nun hinter den Heuschrecken her über ihn, und ließ ihn auspfänden. Nichts blieb ihm als Schießgewehr, zwei Söhne, Hendrick und Hans, und eine treue Seele von schwarzbraunem Buschmann, genannt Swartboy. Sie zogen haus- und heimathlos hinaus in die Wildniß, um als Elephantenjäger ihr Heil zu versuchen. Das fanden sie denn auch, wenn auch vermischt mit manchem Unheil, aber doch immer wildem, kräftigem Unheil der Natur in Wald und Wetter, im spannenden, aufreizenden, lohnenden, siegreichen Kampfe mit dem Riesen der Wildniß, dem Elephanten, dem Rhinoceros und andern respektabeln Gegnern. Schwer war oft der Kampf, aber ein einziger erlegter Elephant ließ sich mindestens zwei Zähne ausziehen, von denen man Zahnstocher für die halbe zahnstochernde Menschheit oder Tausende von Decken für die Halbtontasten des Fortepiano herausschneiden kann. Die wilden Jäger erlebten ein ganzes Buch voll Abenteuer, welche der berühmte Jagdschriftsteller Reid unter dem Titel: „The Bush-Boys“ sammelte und herausgab.

Wir theilen daraus eine der interessantesten Schilderungen, den Kampf zwischen einem Rhinoceros und einem Elephanten mit, wodurch wir zugleich eine originale Anschauung von dem natürlichen Charakter dieser beiden, noch vorsündfluthliche Bildungen repräsentirenden Riesenthiere bekommen.

Eines Tages wurden die Jäger durch die plötzliche Nachbarschaft eines alten Rhinoceros, das aus der buschigen Ebene in der Nähe eines Sees auftauchte, in ihrem Marsche aufgehalten. Man dachte daran, es zu tödten, aber das war leichter gedacht, als gethan. Sie hatten keine geschulten Pferde und ein Angriff zu Fuße erschien eben so gefährlich, als vergebens. Wie leicht konnte es Einen auf seinen spitzigen Nasenthurm spießen, ihn dann abschleudern, und unter seinen mächtigen Füßen zermalmen! Im besten Falle würde er entwischen, da ein Rhinoceros schneller läuft, als der flinkste Buschmann. Sich im Gebüsch heranschleichen und ihn schießen? Ein Schuß tödtet das Rhinoceros blos, wenn man in’s Herz oder sonst einen edeln, innern Theil trifft. Doch das war der einzige rathsame Plan. Sie krochen also auf ihren Füßen gegen den Wind im Gebüsche heran, als Swartboy plötzlich wie rasend auf- und umhersprang, und ununterbrochen dazu murmelte: „Da Klow! Da Klow!“ (Der Elephant! Der Elephant!) Van Bloom entdeckte auch sofort in der Richtung, welche Swartboy zeigte, auf der westlichen Ebene, aus dem niedern Gebüsch hervorragend und schwarz gegen den hellgelben Himmel abstechend, den breiten, runden Rücken eines Elephanten. Er kam näher und wackelte ganz lebhaft mit den großen lappigen Ohren. An Erlegung [251] des Rhinoceros war nun nicht mehr zu denken. Ehe sie sich aber über einen neuen Angriffsplan gegen den Elephanten einigen konnten, war dieser schon mit langsamen Schritten, aber schnell genug bis an den Rand des von Felsen umränderten Sees mit nur einer Eingangsschlucht auf dieser Seite herangekommen. Er watschelte munter nach dieser Schlucht, blieb dann plötzlich stehen, und fuhr mit dem Rüssel in allen Richtungen umher, prüfend, horchend, nachdenkend. Nach einigen Minuten trat er in die Schlucht hinein, die er vollständig ausfüllte. Die Jäger hatten jetzt in einer Entfernung von kaum 300 Yards einen vollen Anblick seiner Masse, über welcher die großen gelben Hauzähne gar lockend und graziös in die Höhe krümmten. Eine ungeheuere Körpermasse. Swartboy murmelte: „Alter Bulle! Sehr alter Bulle!“ Bis jetzt hatte das Rhinoceros noch nicht die geringste Ahnung von dem Nachbar, so nahe er auch war. Der Elephant trägt seine ungeheure Körpermasse still wie eine Katze. Zwar hört man dabei seinen Athem, wie fern aufrollenden Donner, aber das Rhinoceros war zu sehr mit seinem eigenen Vergnügen beschäftigt, als daß es etwas davon hätte hören können. Es wälzte sich übermüthig im vollsten Lebensgenusse umher, und machte allerhand spielende Capriolen, wie eine junge Katze im Sonnenschein. Dies sahen die Jäger deutlich über den Elephanten weg, wo sich unmittelbar am See die Schlucht wieder ausbreitete und erhob. Diese sonnige Stelle war der Spielplatz des Rhinoceros. Dies bemerkte jetzt auf einmal den Elephanten und sprang auf wie ein Gummiball mit einer Agilität und Elasticität, die ganz unmöglich erschienen war in einem so mächtigen Klumpen von Fleisch und Knochen. Gleichzeitig stieß es ein Mittelding von grunzendem und pfeifendem Ton aus. Der Elephant antwortete mit seinem furchtbaren Trompetenton des Aergers, der von den Felsen wiederhallte. Beide waren erstaunt über einander, Beide glotzten sich einige Minuten steif und fest an. Außerdem schienen sie das Dilemma, in welches sich Beide versetzten, zu merken. Der Elephant konnte nicht zum Wasser vor dem Rhinoceros, das Rhinoceros nicht zurück auf’s Land vor dem Elephanten. Es hätte können unter dem Elephanten wegkriechen, aber unter allen Thieren ist das Rhinoceros das letzte, welches kriecht, statt zu kriegen. Es fürchtet weder einen Menschen, noch ein Thier, selbst nicht den Löwen, den es öfter vor sich herjagt, wie eine Katze.

Das alte Rhinoceros hatte also nicht die geringste Absicht, dem Elephanten zu weichen. Der Elephant, auch ein altes Haus, hielt es offenbar ebenfalls für einen Ehrenpunkt, nicht nachzugeben, und da sie nicht an ein „Ehrengericht“ appelliren konnten, blieb ihnen nichts Anderes übrig, als die Sache persönlich zu entscheiden Die Jäger betrachteten sich die seltsame Scene mit dem gespanntesten Interesse. Beide Repräsentanten der Riesenthiere gehörten unstreitig zu den größten ihrer Art. Der Elephant, obgleich bei Weitem der überlegene, kannte seinen Gegner doch zu gut, als daß er es hätte wagen sollen, ihn ohne Weiteres anzugreifen. Er fürchtete dessen furchtbare Nasenspitze, das war sicher. Aber sein Geduldsfaden riß endlich, nachdem sich beide sehr lange mit Blicken gemessen. Seine alte Würde wurde verhöhnt, sein Pfad zum Bade und Trunk streitig gemacht, seine Herrschaft in Frage gestellt. Mit einem trompetenden Gebrüll, welches die Klippen erschütterte, stürzte er sich auf das Rhinoceros, packte es mit dem Rüssel fest unter ein Vorderblatt des Fußes und stürzte es in’s Wasser, daß die Wellen nach allen Seiten hoch in die Höhe schäumten und an den Ufern auf- und abwogten. Es sank, bäumte sich schnaubend und wälzte sich furchtbar mit seinem ungeheuern Körper, bis es die Füße wieder unter sich bekam, blitzschnell heraussprang und mit eingelegtem Horne gegen den Bauch des Elephanten stürzte. Dieser merkte den Angriffsplan und hielt stets mit wunderbarer Geschicklichkeit Front gegen den wüthenden Feind, bis er ihn wieder packte, wieder in’s Wasser stürzte. Es sprang wieder heraus, erneuerte seinen Angriff, ward wieder in’s Wasser gestürzt und sofort, bis der große See mit weißem Schaum bedeckt war. Zuletzt kämpften beide im Wasser, bis der Elephant zu glauben schien, der Gegner habe dort Vortheile, so daß er heraussprang und sich fest in den engen Eingangsschlund stellte, dessen Wände ihn schützten, und dort den Feind mit hochgeschwungenem Rüssel und gespannten, mächtigen Ohrlappen erwartete. Aber die Wände der Schlucht waren zu niedrig, um seine Flanken zu decken und hinderten ihn nur an freier Bewegung. Das Rhinoceros kletterte schnaubend herauf, wälzte den Kopf auf dem Ufer, riß den Boden mit dem Horne auf und so mit gesenktem Kopfe stürzte es sich blitzschnell hervor, warf dann den Kopf in die Höhe, bog ihn seitwärts und schlug dann dem Elephanten seitwärts das Horn in die Rippen. Er kreischte und schlug mit dem Rüssel wie mit einer Peitsche um sich, Zeichen genug, daß die Wunde „saß.“ Er sprang in’s Wasser und überstürzte seinen Körper fortwährend mit Wasserströmen aus dem Rüssel. Als er die Wunde so gekühlt hatte, kletterte er zurück und suchte emsig nach seinem Feinde. Dieser aber, offenbar zufrieden mit diesem Siege und dieser Bewährung seiner Ehre, hatte sich inzwischen davon gemacht und war nicht wieder aufzufinden.

Jetzt rüsteten sich die Jäger, den verwundeten Elephanten zu attakiren. Aber Swartboy meinte, es sei jetzt höchst gefährlich, von ihm nur gesehen zu werden. Deshalb hielten sich zunächst Alle verborgen. Gleichwohl war die Gelegenheit zu verführerisch und gebieterisch zugleich. Sie waren alle sehr hungerig und beschlossen, von einem Theile seines Rumpfes zu Abend zu essen. Sie krochen deshalb möglichst nahe, um in guter Schußnähe gleichzeitig zu feuern. Der Vater kroch voran, seine Söhne hinter ihm durch dünnes, oft vereinzeltes Gebüsch bis auf zwanzig Yard Entfernung. Sie sahen das im Schmerze wüthende Riesenthier durch das auseinander gebogene Buschwerk und legten die Gewehre an. Inzwischen kehrte aber der Elephant in’s Wasser zurück und butterte sehr leidenschaftlich darin mit seinen Butterfaßbeinen umher, während er sich mit dem Rüssel ein Sturzbad nach dem andern gab. Diese Heil- und Linderungsversuche setzte er lange emsig fort, bis sein donnernder Athem schwerer und dumpfer wurde und er öfter plötzlich mit dem Rüssel nach der Wunde fuhr, aus welcher der See weit umher blutgeröthet worden war. Endlich strengte er sich an, an’s Ufer heraufzuklimmen, was ihm sehr schwer ward. Mit den Vorderfüßen schon oben, fing er an zu wiegen und zu schwanken und rollte dann kopfüber zurück in’s Wasser, welches aus dunkeler Röthe weißschäumend aufspritzte und den todten Elephanten begrub. Als er wieder auf die Oberfläche gehoben ward, lag er still. Die kleine Wunde erwies sich sehr tief. Das Rhinoceros hatte ihn mit einem Stiche seines fürchterlichen Horns zum Tode getroffen.

Eine andere Elephantenjagd erwies sich in anderer Weise sehr abenteuerlich. Van Bloom stand hinter einem dicken Baume. Der Elephant, den die Jäger kommen sahen, wollte an ihnen vorbei, ohne sie zu bemerken. Aber die massenhaften, glänzenden Elfenbeinzähne desselben wurden von den Jägern um so leidenschaftlicher in’s Auge gefaßt und abgeschätzt. Van Bloom legte sein langes Rohr auf einen Ast, zielte nach dem Kopfe, drückte los und bekam sofort die wüthend trompetende Antwort von dem getroffenen Riesen, der donnernd und krachend in dem Gesträuch umherwüthete, Bäume mit dem Rüssel entwurzelte und in die Luft schleuderte und nach allen Seiten Schrecken verbreitete. Der Schuß hatte ihn blos getroffen, aber nicht verwundet. Vater und Söhne hielten sich jetzt an das einzige Mittel, zu entkommen. Sie blieben still und bewegungslos hinter dem Baumstamme. Nicht so Swartboy, der vor der krachenden Wuth des grimmigen Thieres ausriß, über eine offene Stelle lief und dazu außerdem noch fürchterlich schrie. Sofort sprang der Elephant in wüthenden Sätzen hinter ihm her, ohne die Schüsse zu beachten, die ihm Hendrick und Hans nachschickten. Einige Secunden genügten, um den Elephanten mit dem schnellfüßigen Buschmann in Berührung zu bringen. Mit der größten Geschicklichkeit steckte er ihm von Hinten her seine ungeheuern Elfenbeinkurven zwischen die Beine und schleuderte ihn hoch in die Luft. Die Jäger sahen ihn in den Lüften verschwinden, aber zu ihrem größten Erstaunen nicht wieder zum Vorschein kommen. Eben so erstaunt schien der Elephant, der ihn erwartete, um ihn todt zu trampeln. Er sah sich nach allen Seiten um, drehte sich, suchte, konnte aber keinen Buschmann entdecken. Wüthend darüber, brüllte er plötzlich auf und faßte einen Baum, den er schüttelte, daß er bis in die Wurzeln krachte, um den Buschmann, der sich in dessen Krone festgehalten, herunterzuschütteln. Der Buschmann hielt sich verzweifelt fest, so daß er nicht eher herunter kam, als bis der Baum selbst, umarmt von dem Rüssel des Elephanten niederstürzte, mit der Krone gegen dessen Hinterseite. Swartboy berührte im Falle sogar des Elephanten Rücken und rutschte an dessen Hinterfüße herunter, unverletzt, da ihn die Baumzweige geschützt hatten, auch unverletzt in dem Begreifen und [252] Benutzen seiner Lage. Wohlwissend, daß an Flucht oder an Gnade nicht zu denken war, sprang er plötzlich mit seiner katzenartigen Geschicklichkeit an einem Hinterfuße des Elephanten in die Höhe und hielt sich fest, wie angewachsen, da der Gelenkabsatz am Fuße des Elephanten ihm zugleich einen festen Standpunkt gab. Der wüthende Riese schüttelte und griff bald links, bald rechts nach ihm, ohne ihn zu erreichen. Zugleich begriff er offenbar durchaus nicht, was dies für eine Ladung hinten war, so daß er erstaunt und erschreckt mit einem schrillen Gekreisch, mit starr aufgerichtetem Rüssel und Schwanze ausriß, ohne jemals Halt zu machen, bis er ganz aus dem Gesichtskreise war. Der Buschmann war in einem Dickicht leise heruntergerutscht und in entgegengesetzter Richtung mit aller Macht seiner Füße davon gelaufen. Dies war nicht nöthig, denn der Elephant, nicht minder erschreckt, dachte wahrscheinlich während der nächsten zehn Meilen seiner Flucht nicht ein einziges Mal daran, sich umzusehen.