Die Entlaufenen

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Lukian von Samosata
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Entlaufenen
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Dreizehntes Bändchen, Seite 1639–1658
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1831
Verlag: J. B. Metzler
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Δραπέται
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[1639]
Die Entlaufenen.[1]
Apollo. Jupiter. Die Philosophie. Hercules. Merkur. Orpheus. Die entlaufenen Sclaven und ihre Herren. Eine Frau und ihr Ehemann.

1. Apollo. Hat es damit seine Richtigkeit, Vater Jupiter, daß sich neulich ein schon bejahrter Mann zu Olympia vor allem Volk ins Feuer gestürzt hat? Der Alte soll von jeher aufgelegt gewesen seyn zu dergleichen abenteuerlichen Streichen. Luna hat es mir erzählt, die dem Schauspiele selbst zugesehen haben will.

Jupiter. Es ist vollkommen richtig, Apoll: aber ich wollte, er hätte es, bleiben lassen.

Apollo. Er war also wohl ein braver Mann, der es nicht verdiente, im Feuer umzukommen?

[1640] Jupiter. Vielleicht auch Das: aber ich meine etwas Anderes, was mir an der Sache unerträglich war. Du kannst dir denken, welchen häßlichen Geruch ein solcher Braten heraufsenden mußte! Glaube mir, der abscheuliche Qualm hätte mich ums Leben gebracht, wenn ich mich nicht in aller Eile nach Arabien geflüchtet hätte. Und auch dort, in Mitten der süßesten und würzigsten Gerüche und einer Fülle Weihrauchs, war ich doch kaum im Stande, den ekelhaften Gestank aus der Nase zu bringen. Noch zur Stunde wird mir übel, wenn ich nur daran denke.

2. Apollo. Was in aller Welt hat er denn damit gewollt? Bringt es etwa einen Vortheil, ins Feuer zu springen, und zu Kohlen zu werden?

Jupiter. Das mußt du den Empedokles fragen, mein Sohn, der sich schon vor Jenem in den Crater des Aetna gestürzt hat.

Apollo. Das war Verrücktheit. Aber was war es denn, daß Diesen ein so seltsames Gelüsten ankam?

Jupiter. Ich will dir wiederholen, was er in einer Rede vor dem versammelten Volke gesprochen hat, um sich wegen dieser Todesart zu rechtfertigen. Er sagte, so viel ich mich erinnern kann –

3. Aber Wer ist Die da, die so eilig herbeigelaufen kommt? Sie sieht ganz verstört aus und weint, wie Eine, der ein großes Leid widerfahren ist. – Was seh’ ich? es ist die Philosophie! Sie ruft mich bei Namen: die Arme! wie kläglich sie thut! – Was ist dir, meine Tochter? Warum weinst du? Was bewog dich, die Erde zu verlassen, und hieher zu kommen? Gewiß hat der unwissende Pöbel [1641] sich wieder gegen dich verschworen, wie damals, als sie den Socrates, auf die Anklage des Anytus hin, ums Leben brachten; und deßwegen hast du dich hieher geflüchtet, nicht wahr?

Philosophie. O nein, Vater, das ist es nicht. Der große Haufen hält mich im Gegentheil sehr in Ehren: er lobt und bewundert mich, und es fehlt nicht viel, daß er sogar die Knie vor mir beugte, wenn er auch gleich nicht sonderlich versteht, was ich sage. Aber meine – wie soll ich sie nennen? – meine vorgeblichen Freunde und Vertrauten, welche meinen Namen wie eine Larve tragen, Die sinds, welche mich aufs Aergste mißhandeln.

4. Jupiter. Wie? die Philosophen also hätten sich verschworen, dich zu kränken?

Philosophie. Diese sind es nicht, Vater: es geschieht ihnen vielmehr dasselbe Unrecht, wie mir selbst.

Jupiter. Nun so sage mir doch, Wer sind denn deine Beleidiger, wenn du weder über die Philosophen, noch über die Laien zu klagen hast?

Philosophie. Gewisse Leute, welche zwischen dem großen Haufen und den Philosophen mitten inne stehen, und nach Tracht, Blick, Gang und ganzer äußerer Haltung mir und den Meinigen vollkommen ähnlich sind. Sie maßen sich an, unter mein Panier sich zu stellen, legen sich meinen Namen bei, und behaupten, meine Schüler, meine vertrauten Anhänger zu seyn, während doch ihr verabscheuungswürdiger Wandel, ihr von Unwissenheit, Anmaßung und Liederlichkeit zeugendes Benehmen uns zum größten Schimpf gereicht. [1642] Von Diesen wurde ich so sehr gemißhandelt, daß ich mich flüchten mußte.

5. Jupiter. Das ist ja unverzeihlich. Aber was haben sie dir denn eigentlich zu Leide gethan, meine Tochter?

Philosophie. Urtheile, Vater, ob es mir gleichgültig seyn konnte. Du hattest dich selbst überzeugt, daß Ungerechtigkeit und Verachtung der Gesetze in der Welt überhand genommen hatten, daß Rohheit und freche Willkür herrschend geworden waren, und Alles drohte, in Verwirrung zu gerathen. Aus Mitleiden nun mit dem armen Menschengeschlecht, das nur von seiner Unwissenheit ins Verderben geführt wurde, schicktest du mich auf die Erde, mit dem Auftrage, bemüht zu seyn, daß die Menschen, nur auf das Wahre ihren Blick richtend, in Frieden und gesetzlicher Ordnung mit einander leben und aufhören möchten, Gewalt und Unrecht an einander zu verüben und die Lebensweise wilder Thiere zu führen. Du sagtest zu mir, als du mich entließest: „Das Thun und Treiben der Menschen und das Elend, in welches sie durch Mangel an Unterricht gerathen sind, kennst du selbst, meine Tochter. Mich jammert dieser Zustand, und darum habe ich unter uns Göttern allen Dich, als die einzig dazu Geschickte, ausersehen, die Gebrechen der Menschen zu heilen.“

6. Jupiter. Ich erinnere mich sehr wohl, Dieses und mehreres Aehnliche dir damals gesagt zu haben. Nun, und wie haben sie dich denn aufgenommen, als du zum erstenmale zu ihnen herabgeflogen kamst? Und Was hattest du so, eben erst von ihnen zu leiden?

[1643] Philosophie. Ich schwang mich nicht zuerst nach Griechenland herab, sondern ich wollte zuvor, was mir das Schwierigere schien, zu Stande bringen, nämlich die Barbaren belehren und bilden. Indem ich also die Griechen, die ich mit Leichtigkeit mir unterthan zu machen und an meinen Zaum zu gewöhnen hoffte, vorerst überging, begab ich mich zu den Indiern, dem zahlreichsten Volke auf der Erde, das ich ohne viele Mühe dazu brachte, von seinen Elephanten herabzusteigen und sich zu mir zu halten, so daß jetzt sogar ein ganzer Stamm desselben, die Brachmanen, Nachbarn der Nechräer und Oxydraken, sich mir ganz und gar zu eigen gegeben haben, ihr Leben nach meinen Vorschriften einrichten, auch eine besondere Weise haben, aus der Welt zu gehen: weswegen sie von allen umwohnenden Nationen in hohen Ehren gehalten werden.

7. Jupiter. Du sprichst von den Gymnosophisten. Nun ja, ich habe unter Anderem auch wirklich Das von ihnen gehört, daß sie einen großen Holzstoß besteigen, und ganz ruhig, ohne ihre Miene und Lage zu verändern, sich verbrennen lassen. Allein dieß ist eben nichts Außerordentliches. Neulich sah ich einen ganz ähnlichen Auftritt zu Olympia; und ohne Zweifel wirst auch du zugegen gewesen seyn, wie der Alte sich verbrannte?

Philosophie. Ich ging nicht nach Olympia, Vater, und zwar aus Scheu vor den besagten abscheulichen Menschen, die ich in großer Menge hinziehen sah, um den dort Versammelten Grobheiten zu sagen, und die Halle hinter deinem Tempel mit ihrem Gebell anzufüllen. Ich sah daher nicht, wie der Mann gestorben ist, von welchem du sprichst.

[1644] 8. Nachdem ich also die Brachmanen verlassen hatte, ließ ich mich in Aethiopien und darauf in Aegypten nieder, wo ich mich der Priester und Propheten annahm und sie in der Lehre von den göttlichen Dingen unterrichtete. Mein Weg ging von da nach Babylon, um dort die Chaldäer und Magier einzuweihen, darauf über Scythien nach Thracien, wo sich Eumolpus und Orpheus an mich anschloßen, welche ich nach Griechenland voraussendete, und zwar den Eumolpus, welcher in den göttlichen Dingen vollständig von mir unterrichtet worden war, um die Griechen in diese geheimen Lehren einzuweihen, den Orpheus, um ihre Gemüther durch den Zauber der Poesie und Tonkunst zu gewinnen. Ich selbst folgte ihnen auf dem Fuße nach.

9. Bei meiner ersten Erscheinung wiesen mich die Griechen zwar nicht ab, doch war ich ihnen auch nicht sehr willkommen. Als ich aber eine Zeit lang mit ihnen umgegangen war, gelang es mir doch, sieben Freunde und Schüler auf meine Seite zu bringen, und darauf noch Einen aus Samos [Pythagoras], einen Weiteren aus Ephesus [Heraclitus] und Einen aus Addera [Democritus] – freilich im Ganzen eine kleine Zahl.

10. Bald nach Diesen wuchs, ohne daß ich eigentlich wußte, wie es zuging, das Geschlecht der Sophisten an mir auf, eine Art Leute, die, ohne sich mein Wesen gründlich anzueignen, sich doch in einen gewissen Einklang mit mir zu setzen wußten, so daß sie ein aus Windbeutelei und Philosophie zusammengesetztes Mittelding, eine neue Art von Centauren, darstellten. Sie waren eben so wenig in gänzlicher [1645] Unwissenheit befangen, als daß sie fähig gewesen wären, den Blick fest auf mich gerichtet zu halten. Während aber ihre blöden Augen mein Bild nur bisweilen, und wie durch einen Nebel verdunkelt, erblicken, bilden sie sich gleichwohl ein, alle Dinge aufs Genaueste zu kennen; und so erwuchs unter ihnen jene nichtige und unfruchtbare Gattung von Weisheit, welcher, wie sie meinen, nichts anzuhaben ist, die Kunst nämlich, mit schlauen, überraschenden, verfänglichen Fragen und Antworten den Gegner in ein künstliches Labyrinth zu verwickeln.

11. Meine wahren Freunde widersetzten sich ihnen und überwiesen sie ihrer Nichtigkeit. Darüber aufgebracht, verschworen sich die Sophisten gegen Dieselben, zogen sie vor Gericht, und brachten es am Ende dahin, daß sie den Giftbecher trinken mußten. Ich hätte wohl schon damals dem Umgang mit diesem Menschen entfliehen sollen. Allein Antisthenes, Diogenes, und einige Zeit später Crates und Menippus vermochten mich, noch eine kleine Zeit meinem Aufenthalte auf der Erde zuzugeben. O hätte ich es nicht gethan! Wie vielen Kränkungen, die ich in der Folge leiden mußte, wäre ich entgangen!

12. Jupiter. Bei allen diesen Wehklagen erfahre ich doch immer noch nicht, liebe Philosophie, was dir denn eigentlich zu Leide gethan wurde.

Philosophie. Nun so höre das Abscheuliche. Es ist ein verworfenes Gezücht, Bursche aus dem untersten Pöbel, die schon in ihrer Jugend keine Zeit hatten, in meinem Umgange zu leben, sondern Sclaven- oder Tagelöhners-Dienste thaten, oder Handarbeiten erlernten, wie sie sich für [1646] diesen Schlag Menschen schickten, z. B. zimmern, schustern, walken, Wolle krämpeln und dergl. Von Kindheit auf mit dergleichen Dingen beschäftigt, hatten sie nicht einmal Gelegenheit gehabt, meinen Namen zu hören. Als sie aber ins männliche Alter getreten waren und sahen, wie meine Freunde beim Volke in so großer Achtung stehen, wie die Leute, weit entfernt, ihre Freimüthigkeit ihnen zu verübeln, sich sogar freuen, durch sie von ihren sittlichen Gebrechen geheilt zu werden, ihrem Rathe willig folgen und vor ihrem Tadel sich fürchten – so dünkten ihnen diese Männer nichts Geringeres als Fürsten zu seyn.

13. Allein alles Das zu lernen, was zu diesem Ziele führen konnte, war ihnen zu weitläuftig, oder vielmehr gänzlich unmöglich. Und doch konnten ihnen ihre Handarbeiten nur ein kärgliches und mühseliges Auskommen gewähren. Einigen von ihnen war ihr Sclavenstand eine schwere, und, wie sie es wirklich ist, unerträgliche Last. Da hielten sie denn fürs Beste, wie die Schiffer sagen, den Nothanker auszuwerfen, und einen Entschluß zu fassen, den ihnen die liebe Verzweiflung eingab[2]. Ausgerüstet mit der Keckheit und Schamlosigkeit der Ignoranz, ihren vornehmsten Waffen, und mit Hülfe einer neuen Art von Schmähreden, die sie einstudirt hatten, um sie jeden Augenblick in Bereitschaft zu haben, mit dieser, wie du siehst, so philosophischen Ausstattung suchen sie sich ein Achtung gebietendes äußeres Ansehen zu geben, und machen es in Beziehung meiner, wie der Cumanische Esel in der Aesopischen Fabel, der eine Löwenhaut [1647] umgenommen hatte und fürchterlich brüllte, und nun sich einbildete, ein Löwe zu seyn, vielleicht auch hie und da Leute fand, die ihn wirklich dafür hielten.

14. Nun ist freilich, wie du weißt, nichts einfacher und leichter nachzuahmen, als unsere Außenseite: und es kostet geringe Mühe, einen alten groben Mantel und einen Ranzen umzuhängen, einen Knüttel in die Faust zu nehmen und mit Geschrei oder vielmehr mit Esels-Gewieher und Hunde-Gebell aller Welt Grobheiten zu sagen. Volle Sicherheit gegen Züchtigung gewährt ihnen der Respect, in welchem ihre Tracht steht: und ihre persönliche Freiheit ist unangefochten; denn wenn auch die früheren Besitzer ihre Ansprüche geltend machen wollten, so würden sie sich ihres Knüttels bedienen. Nun behelfen sie sich nicht mehr mit der schmalen Kost, und mit dem magern Mehlbrei, wie früher; an die Stelle der elenden Salzfischchen und des Thymiansalats tritt jetzt Fleisch von allen Sorten und der feinste Wein, der zu haben ist. Denn Geld bekommen sie so viel und von Wem sie wollen. Sie treiben es durch ihre Zudringlichkeiten als eine Art von Tribut ein, oder scheeren ihre Schafe, wie sie zu sagen pflegen, indem sie darauf rechnen können daß die Leute entweder aus Achtung vor ihrem Mantel, oder aus Furcht vor ihren Lästermäulern willig geben werden.

15. Auch konnten sie leicht voraussehen, daß sie mit den wahren Philosophen ganz auf gleichem Fuße stehen würden. Denn, trifft nur das Aeußere zusammen, Wer wird sich darauf einlassen, den Unterschied genauer zu erforschen? Und wenn auch Jemand versuchen will, sie durch noch so höfliche Fragen allmählig auszuholen, stracks entziehen sie [1648] sich einer solchen Prüfung durch barsche Worte, verschanzen sich hinter ihrer Grobheit und schwingen den Knotenstock. Fragt man nach ihrer Wirksamkeit, so besteht sie in Worten; und will man sie nach diesen beurtheilen, so berufen sie sich auf ihr Leben.

16. Die ganze Stadt ist voll von diesen Tagedieben, zumal von solchen, die sich Anhänger des Diogenes, Antisthenes und Crates nennen und den Hund zum Patron erwählten, wiewohl sie die guten Eigenschaften dieses Thieres, seine Wachsamkeit, Häuslichkeit, treue Anhänglichkeit und Dankbarkeit, keineswegs zum Gegenstand der Nachahmung machten, um so vollkommener aber in ihrem Gebell, ihrer Gefräßigkeit, Stehlsucht, Geilheit und Schmeichelei, so wie im Schwanzwedeln gegen Jeden, der ihnen Etwas gibt, und in ihrer Neigung, um die Tische her zu seyn, die Hundenatur darstellen.

17. Du siehest nun selbst, wie es in Kurzem gehen wird. Die Handarbeiter werden sich insgesammt aufmachen und ihre Werkstätten im Stiche lassen, wenn sie sehen, daß, während sie vom Morgen bis an den späten Abend über ihre Arbeit gebückt sich schinden und plagen, und dennoch ihr Leben nur kümmerlich fristen, diese Müßiggänger und Marktschreier im Ueberflusse leben, gebieterisch fordern, oder ohne Umstände zugreifen, und schelten, wenn sie Nichts kriegen, aber nicht danken, wenn man ihnen gegeben hat. Das dünkt ihnen nun ein Leben wie in der goldenen Zeit, wo der Honig den Leuten von selbst in den Mund floß.

18. Doch wäre alles Dieß noch erträglicher, wenn sie uns sonst keine Schmach weiter anthun würden. Allein diese [1649] Menschen, die mit so ernster und andächtiger Miene unter den Leuten einhergehen, wenn sie eines schönen Knaben oder Mädchens habhaft werden oder dergleichen auf dem Korne haben – laß mich verschweigen, was sie alsdann zu thun fähig sind. Einige derselben haben die Weiber ihrer Gastfreunde verführt, und sind mit ihnen, wie einst jener junge Trojaner, auf und davon gegangen, versteht sich um Philosophinnen aus ihnen zu machen. Hernach halten sie sich dieselben mit ihren Jüngern gemeinschaftlich, in der Meinung, nach der Vorschrift Plato’s zu handeln, ohne zu verstehen, in welchem Sinn dieser heilige Mann lehrte, daß die Weiber gemeinschaftlich seyn sollen.

19. Ich will mich nicht dabei aufhalten, dir zu schildern, wie sie sich bei Gastmählern betragen und was sie sich in der Trunkenheit erlauben. Aber solltest du es für möglich halten, daß es Dieselben sind, welche die Trunkenheit, den Ehebruch, die Hurerei und den Geldgeiz aufs Eifrigste verdammen? Es gibt in der Welt nichts so Widersprechendes, als die Reden dieser Männer und ihre Handlungen. Sie wollen erklärte Feinde aller Schmeichelei seyn, und übertreffen im Schmeicheln selbst die großen Schmarotzer Gnathonides und Struthias. Sie fordern alle Welt auf, die Wahrheit zu reden, und können doch kaum den Mund öffnen, ohne eine Lüge zu sagen. Sinnliches Vergnügen ist ihnen ein verhaßtes Wort und Epicur ihr größter Gegner; und doch geschieht Alles, was sie thun, nur um des Vergnügens willen. Sie sind reizbar, jähzornig und ereifern sich über Kleinigkeiten, wie kleine Kinder: und wenn irgend ein Anlaß ihnen die Galle rege gemacht hat, so ist es für [1650] die Anwesenden oft das lustigste Schauspiel, zu sehen, wie sie braun und blau vor Aerger werden, mit rollenden Augen um sich blicken, und wie ihnen der giftige Schaum vor dem Munde steht.

20. Wahrlich! man möchte sich weit von dem Orte wegwünschen, wo dieses Gesindel seinen Unrath von sich gibt. „Gold und Silber,“ heißt es da, „begehre ich, beim Hercules, nicht zu besitzen: ein Obolus reicht hin, um Wolfsbohnen einzukaufen. Zu trinken gibt mir eine Quelle oder ein Bach.“ Und bald darauf fordern sie nicht etwa einen Obolus oder ein Paar Drachmen, sondern ganze Summen auf einmal. Wo ist ein Kaufmann, der so viel mit seinen Waaren gewonnen hätte, als diese Leute mit der Philosophie? Daher, wenn sie ein Hinlängliches gesammelt und bei Seite gethan haben, so werfen sie auf einmal das elende Mäntelchen von sich, kaufen Feldstücke, schöne Kleider, hübsche Sclaven, ja ganze Dörfer: und nun gehabt euch wohl, Schnappsack des Crates, Kutte des Antisthenes, Faß des Diogenes!

21. Die Laien, welche Dieses mit ansehen, fangen nun wirklich an, die Philosophie verächtlich zu finden, und weil sie glauben, daß Alle so wären, messen sie die Schuld meinem Unterrichte bei. Und so ist es schon lange her, daß ich auch nicht einen einzigen Anhänger unter ihnen gewinnen konnte. Es ergeht mir vielmehr wie der Penelope: was ich webe, löst sich im Augenblicke wieder auf; und die Unwissenheit und Schlechtigkeit sehen mit Hohngelächter zu, wie meine Arbeit keinen Erfolg hat, und ich mit aller Mühe doch Nichts ausrichte.

[1651] 22. Jupiter. Ihr guten Götter! Was muß die arme Philosophie doch nicht Alles von jenen vermaledeiten Schurken erdulden! Es ist in der That hohe Zeit, auf Abhülfe zu denken, und die Frevler heimzusuchen. Ich dächte, mein Donnerkeil schaffte sie mit Einem Schlag von hinnen, und machte der Sache ein Ende.

Apollo. Ich möchte dir einen Vorschlag thun, Vater Jupiter. Auch ich bin diesen Marktschreiern von Herzen gram, und zwar der Musen wegen, deren Verächter sie sind. Durch einen Blitzstrahl von deiner Hand zu sterben wäre aber eine Todesart, deren solche Menschen nicht würdig sind. Allein wie wäre es, wenn du den Mercur zu ihnen hinabschicktest und ihm ihre Züchtigung überließest? Er ist ja selbst sehr bewandert in den Wissenschaften, und wird es bald weghaben, Welche echte Philosophen sind, und Welche nicht. Jenen soll er alsdann das gebührende Lob ertheilen, und Diese auf eine Weise zur Strafe ziehen, welche ihm nach den Umständen die angemessenste scheinen wird.

23. Jupiter. Wohlgesprochen, Apollo. Aber auch du, Hercules, mußt dich in Begleitung der Philosophie mit auf den Weg machen. Stelle dir vor, als stände dir die dreizehnte und nicht die leichteste deiner Arbeiten bevor, nämlich jenes ruchlose und unverschämte Gezücht mit Stumpf und Stiel auszurotten.

Hercules. In der That, Vater, ich wollte lieber den Stall des Augias noch einmal ausmisten, als mich mit Diesen einlassen. Gehen wir denn!

Philosophie. Ungerne begleite ich euch: doch dem Willen des Vaters muß ich folgen.

[1652] 24. Mercur. Wir wollen uns ohne Verzug hinablassen. Vielleicht daß wir heute noch ein Paar derselben abthun können. Aber wohin gehen wir zunächst, Philosophie? Du wirst am besten wissen, wo sie zu finden sind. Doch wohl in Griechenland?

Philosophie. Nicht doch: dort sind nur Wenige, Mercur, und Philosophen von der echten Art. Aber jene Gesellen wollen nichts mit der Attischen Armuth zu schaffen haben. Wir müssen sie dort suchen, wo das viele Gold und Silber gegraben wird.

Mercur. Also nehmen wir unsere Richtung stracks nach Thracien!

Hercules. Schön! da kann ich den Wegweiser machen. Ich war schon zu oft in Thracien, um nicht dort überall Bescheid zu wissen. Wir müssen diesen Weg einschlagen.

Mercur. Welchen denn?

25. Hercules. Seht ihr dort die beiden schönen Berge, die hoch über die übrigen emporragen? Der höhere ist der Hämus, der gegenüberliegende heißt Rhodope. Unmittelbar am Fuße dieser Gebirge beginnt eine sich weithin ziehende, ungemein fruchtbare Ebene. Und bemerkt ihr dort die drei malerischen Hügel, die sich schroff als eben so viel Burgen über der unten liegenden Stadt erheben? Schon wird diese Stadt[3] selbst sichtbar.

Mercur. Ach ja, ich sehe sie, eine große, prächtige Stadt! Sie strahlt schon in weiter Ferne. Dicht an ihren Mauern fließt ein großer Strom vorbei –

[1653] Hercules. Der Hebrus ists. Die Stadt ist ein Werk des berühmten Philippus. – Nun haben wir die Wolkenregion hinter uns, und sind der Erde nahe. – Betreten wir denn den Boden! Glück zu!

26. Mercur. Da wären wir. Aber wie fangen wirs nun an, daß wir dem Wild auf die Spur kommen?

Hercules. Das ist deine Sache, Mercur. Du bist ja ein Herold. Also citire sie nur gleich!

Mercur. Das wollte ich wohl: aber ich weiß ihre Namen nicht. Du mußt mir also sagen, Philosophie, wie sie heißen und woran man sie erkennen kann.

Philosophie. Ich weiß ihre Namen selbst nicht genau, weil ich nie mit ihnen umgegangen bin. Allein nach der Begierde zu schließen, mit der sie aufs Besitzen [Ktesis, Ktema] aus sind, wirst du wohl nicht fehl gehen, wenn du einen Cteson, Ctesippus, Ctesicles, Euctemon oder Polyctetus ausrufst.

27. Mercur. Schön, das will ich. – Aber Wer mögen Diese da seyn, die auf uns zukommen, und sich umsehen, als ob auch sie Jemand zu suchen hätten? Sie scheinen uns Etwas fragen zu wollen.

Einige Männer. Könnt ihr uns nicht sagen, gute Freunde, oder du, schöne Frau, ob ihr nicht drei Gauner beisammen gesehen habt, und ein Weibsbild bei ihnen, von derbem, männlichem Aussehen mit glatt geschorenem Kopfe nach Lakonischer Art?

Philosophie. Oho! die suchen ja unsere Leute, wie es scheint.

[1654] Einer der Männer. Wie so, eure Leute? Es sind drei entlaufene Sclaven, die wir suchen. Besonders aber ist es uns um das Weib zu thun, das sie gestohlen haben.

Mercur. Ihr sollt bald erfahren, warum auch wir nach ihnen spähen. Ich will jetzt den Ausruf thun:

„Wer Auskunft zu geben weiß von einem Paphlagonischen
„Sclaven, barbarischer Abkunft, aus der Gegend von Sinope,
„mit einem Namen, der von Ctesis oder dergleichen
„herkommt, blaß von Gesicht, kahl geschoren, mit einem
„langen Barte, einem Schnappsack um die Schultern, bekleidet
„mit einem alten Mantel, kenntlich an seinem
„gallsüchtigen Wesen und seinem gemeinen und groben Lästermaul,
„der wolle es anzeigen gegen eine Belohnung,
„die er sich selbst ausbedingen mag!“

28. Der Herr der Entlaufenen. Ich versteh nicht, guter Freund, was du da ausrufst. Der Kerl hieß, so lange er bei mir war, Cantharus, trug langes Haar, und keinen Bart, und trieb meine Profession. Er war in meiner Walkerei damit beschäftigt, die Wollflocken am Tuch abzuscheeren.

Philosophie. Nun der ist es eben, dein ehemaliger Sclave: aber jetzt sieht er einem Philosophen gleich, so genau hat er sich selbst abgeschoren.

Der Herr. Der Unverschämte! Cantharus spielt den Philosophen und sieht mich mit dem Rücken an!

Die übrigen Männer. Laß gut seyn, wir werden sie Alle ausfindig machen. Diese Frau kennt sie, wie sie sagte.

29. Philosophie. Aber, Hercules, Wer ist denn der schöne Mann dort mit der Leier, der sich uns nähert?

Hercules. Ah Orpheus, mein Reisegefährte auf der [1655] Argo, der die schönen Schifferlieder sang. Wir wurden nie müde, wenn wir nach dem Takte seines Gesanges ruderten. – Gegrüßt seyst du, Orpheus, wackerer Meistersänger! Du hast doch wohl deinen Hercules nicht vergessen?

Orpheus. Willkommen, Philosophie, Hercules und Mercur! Zahlt mir nur gleich meinen Angeberlohn. Denn ich kenne den Menschen genau, den ihr suchet.

Mercur. O so zeige uns, wo er ist, bester Orpheus. Auf Geld wirst du wohl nicht warten, ein so weiser Mann, wie du bist?

Orpheus. Du hast recht. Ich will euch das Haus zeigen, wo er wohnt, aber nicht ihn selbst. Denn ich möchte mich nicht gerne seinen Grobheiten aussetzen. Er ist ein garstiger Bursche, der Nichts gelernt hat als lästern.

Mercur. So zeige uns wenigstens seine Wohnung.

Orpheus. Hier zunächst. Ich will nur wieder meiner Wege gehen, um den Kerl nicht sehen zu müssen.

30. Mercur. Hört! Ist dieß nicht die Stimme einer Frau, die aus Homer deklamirt?

Philosophie. So ist es in der That. Wir wollen doch zuhören.

Die entführte Frau.

Denn mir verhaßt ist Jener, so sehr wie des Aïdes Pforten,
Welcher erpicht ist auf Gold, und predigt des Goldes Verachtung[4].

Mercur. Also muß dir auch Cantharus verhaßt seyn:

 und er hat
Böses dem Freunde gethan, der Lied und Gefälligkeit darbot[5].

[1656] Einer der Männer. Dieser Vers paßt auf mich. Denn mir hat er das Weib verführt und ist mit ihr davon gegangen, zum Danke dafür, daß ich ihn bei mir beherbergt habe.

Einer der Entlaufenen. Trunkenbold, mit dem Blicke des Hunds, und dem Muthe des Hirsches![6]

Nie auch weder im Kampf ein Gerechneter, noch in dem Rathe.[7]
Thörichter Schwätzer Thersites, du kreischende Dohle, dich freut nur,[8]
Immer verkehrt, nicht der Ordnung gemäß, mit den Fürsten zu hadern.[9]

Sein Herr. Der verfluchte Kerl deklamirt gegen sich selbst.

Der Entlaufene. Vorn ein Hund, und hinten ein Löw’ und Gais in der Mitte,

Schnaubt sie, in hündisch gestaltetes Unthier, gräßliche Wuth aus[10].

31. Obiger Mann. O Weib, Weib! Wie diese Hunde mit dir umgegangen seyn mögen! Nun nächstens wird es heißen, du seyest schwanger von ihnen.

Mercur. Gedulde dich, sie wird dir einen jungen Cerberus oder einen Geryones gebären, damit unser Hercules wieder Etwas zu thun kriegt. – Aber siehe da! wir brauchen nicht anzuklopfen: sie kommen von selbst heraus.

Der Herr. Hab’ ich dich endlich, Cantharus? – Nun, wirst du antworten? Laß doch sehen, was dein Schnappsack enthält. Etwa ein Paar Wolfsbohnen oder ein Stück Brod?

Mercur. Nein, beim Jupiter, eine Geldkatze voll Gold!

[1657] Hercules. Kein Wunder! Für einen Cyniker hat er sich nur in Griechenland ausgegeben: hier aber ist er ein perfekter Chrysippianer[11] geworden. Und es wird nicht lange anstehen, so werden wir einen neuen Cleanthes[12] in ihm sehen. Denn er wird an seinem Bart aufgehangen werden, der Schuft!

32. Der Herr. Und du, Schlingel! bist du nicht mein entlaufener Sclave Lecythion? Nun das ist doch lustig. Was kann man nicht Alles erleben! Lecythion ist ein Philosoph!

Mercur. Aber dieser Dritte da – ist sein Herr nicht unter euch?

Der Vorige. Ich war der seinige: allein er mag sich zum Henker scheren.

Mercur. Warum?

Sein Herr. Der Bursche ist verfault am ganzen Leibe. Wir nannten ihn nur die Balsambüchse.

Mercur. Heiliger Nothelfer Hercules! Hörst du? Der steckt sich in den Philosophenhabit! – Aber du – willst du deine Frau nicht wieder mit dir nehmen?

Ihr Ehemann. Das sey ferne. Ich mag kein Weib, das mit einer alten Scharteke schwanger geht[13]

[1658] Mercur. Wie ist Das zu verstehen?

Der Mann. Ist der Dreiköpfige nicht ein Büchlein?

Mercur. Das ist eben nichts Seltsames. Es gibt ja auch eine Comödie, die „der Mann mit dem dreifachen Phallus“ heißt. –

33. Hercules. An dir ist es jetzt, Mercur, dein Erkenntniß zu fällen.

Mercur. So ist also meine Meinung die: das Weib soll, damit sie nicht etwa ein Unding mit drei Köpfen in die Welt setze, mit ihrem Mann sich wieder nach Griechenland zurückbegeben. Diese beiden Entlaufenen sollen ihrem Herrn zurückgegeben werden, und ihre frühere Handthierung treiben; Lecythion soll wieder schmutziges Linnen waschen, und der Stinker da alte Kleider flicken, zuvor aber mit Malvenstängeln gehörig durchgepeitscht werden. Aber dieser Dritte wird den Abhaarern übergeben, die ihm fürs Erste ein Haar um das andere ausraufen, daß er zu Grunde gehen möchte, sodann das Uebrige mit dem garstigsten Pech, das es gibt, ausziehen sollen. Hierauf wird er nackt auf den Hämus gebracht, und dort mit zusammengebundenen Füßen in den Schnee gelegt.

Der Entlaufene. Hu! ich Unglücklicher! Wehe! Wehe! Hu! Hu!

Sein Herr. Wozu dieses tragödienmäßige Geheul? Fort! nun geht’s zu den Pechmännern. Dort wird man dir die Löwenhaut abziehen, damit man sehe, daß du ein Esel bist.



  1. Die Meinung einiger älterer Ausleger, daß dieses Stück dem Namen Lucians untergeschoben sey, wurde von Wieland lebhaft bestritten, dem auch Lehmann beitrat. Neuerlich hat Jacobs (Var. Lecr. c. XI. in der Allg. Schulz. 1828. Nov. S. 1099.) die Ansicht ausgesprochen, der Verfasser sey ein Nachahmer Lucians. Wenn man auch in einzelnen Partieen, z. B. 6. ff.) Lucians Geist nicht verkennen möchte, so ist jedenfalls das Ganze von höchst ungleichem Werthe, und erscheint in manchen Stellen als eine dürftige Copie geistreicherer Compositionen Lucians, z. B. seiner Fischer.
  2. ὁρμήσαντες nach der alten Vulgata.
  3. Philippopolis.
  4. Parodie von Il. IX, 312. f.
  5. Il. III, 354.
  6. Il. I, 225.
  7. Il. II, 202.
  8. Ebendas. 246. parodirt.
  9. Ebendas. 214.
  10. Il. VI, 181. und Hesiod Theog. 323.
  11. S. die Anm. zu Fischer 51.
  12. Wie der Name des Cleanthes zu diesem Scherze passen soll, ist nicht zu ermitteln.
  13. Ein schale Anspielung auf den obigen Einfall, daß das Weib von den drei Philosophen mit einem dreiköpfigen Unthiere schwanger gehe. Der dreiköpfige (Tricaranus) hieß aber auch eine Comödie des Theopompus, so wie Triphales eine des Aristophanes.