Die Ernten aus dem Wasser

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Titel: Die Ernten aus dem Wasser
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aus: Die Gartenlaube, Heft 45, 48, S. 617-619, 659-611
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Ernten aus dem Wasser.
I. Die schottische Heringsfischerei.

Der größte Theil unserer Erdoberfläche ist mit Wasser bedeckt oder vielmehr nur ein kleiner Theil unserer Kugel wasserfrei und hoch genug gehoben worden, daß die unersättlichen Oceane nicht mehr über sie hintoben können. Aber vom Wasser kann man nicht leben, am wenigsten vom Meerwasser, das die Erdoberfläche in unbestrittener Majorität beherrscht, so daß wir Menschen uns auf den Paar trockenen Stellen, genannt die fünf Erdtheile, zusammendrängen und uns mit deren Früchten begnügen müssen.

Das scheint so, ist aber nicht wahr. Wir verdanken dem Wasser mehr Lebensmittel, als der Erde. Abgesehen von dem produktiven Verkehre auf allen Flüssen und Meeren und dem Regen wachsen in den Flüssen und Meeren die unerschöpflichsten Ernten, deren Ackersleute nach Millionen zählen und deren Erträge für andere Millionen Jahr aus, Jahr ein die Hauptnahrung liefern. Und geräuchert und gesalzen gehen die Fische bekanntlich durch alle Welt bis in die tiefsten Binnenländer. Ja sogar in Leipzig und Dresden kann man neue Heringe zu neuen Kartoffeln essen, ohne den folgenden Morgen seinen Bankerott anzukündigen. Der in Stroh gewickelte, aus der Tasche des Landmannes duftende Hering, wenn er vom Jahrmarkte nach Hause jubelt, beweist durch alle Gauen Deutschlands, wie reichlich die Ernten aus dem Meere sein müssen, um noch wohlfeil in die meerentlegensten, ärmsten Taschen und kärglichsten Häuslichkeiten zu reichen.

Die Fruchtbarkeit der Gewässer ist unglaublich, unerschöpflich, aber die Bewirthschaftung derselben um einige Jahrhunderte hinter den Land-Industrien zurück, so daß bis jetzt kaum ein Hundertstel der Reichthümer und Genüsse, die in Meeren, Seen und Flüssen ewig quellend und reifend ohne Pflügen und Säen zum Ernten einladen, wirklich herausgefischt wird. Die Fischergegenden sind überall die ärmsten, abergläubischsten, unbeholfensten und arbeiten noch wie vor Jahrhunderten, weil sich thörichter Weise keine Capitalisten und Actionäre, keine mechanischen Erfindungen, keine Naturwissenschaft bis an die Küsten und die Fischnetze ausdehnen. Wie viel ließe sich allein durch künstliche Zucht und Verbreitung delicater Fische gewinnen? Diese neue Kunst aber und der Dampf, der frische Seefische bis in die innersten Landorte zu liefern vermag, somit die ungemein gesteigerte Leichtigkeit des Fischverbrauchs, werden auch die Produktivität auf diesem unermeßlichen Acker steigern und den ärmsten Landmann mit noch ganz andern Fischfreuden bekannt machen, als mit dem versalzenen Hering und Kartoffeln. Bis jetzt ist der Hering unter unsern Breitengraden die Haupternte aus dem Meere und das eigentliche Brod der schottischen und norwegischen Küstenbewohner, so wie der armen Insulaner dazwischen. In Schottland hat die Heringsfischerei hauptsächlich der erst neuerdings gemachten Entdecknng, daß der Hering kein wandernder, sondern ein einheimischer Fisch ist, steigende Thätigkeit und Blüthe zu verdanken. Früher dachte man von einem Großvater zum andern, daß er jährlich aus dem Norden heranziehe, um in den Winkeln der Nordsee sein Geschlecht zu vermehren und dann wieder in’s arktische Eis zu ziehen. Jetzt fischt man den Hering um Schottland herum das ganze Jahr hindurch, im Mai bei Lewis, im Sommer um Edinburg herum und im Herbste um Yarmouth, dessen „bloaters“ in London täglich tausendfach ausgeschrieen und in Millionen verzehrt werden.

In den westlichen „lochs“ (Meeresbuchten) Schottlands fischt man selbst noch im Winter Heringe und an der Ayrshire-Küste vom Februar an bis Mai. Man hat also das ganze Jahr hindurch frische Heringe aus dem Meere, und wenn die Fischer erst etwas Gescheidtes von den kleinen Wanderungen und Ausflügen, von den Gewohnheiten und Sitten der Heringe wüßten, würden sie drei Mal so viel ernten als jetzt.

Um ganz Schottland herum blüht die Heringsfischerei mit bssondern Stationen in Banff, Whitehill, Portsoy, Fraserburgh, hauptsächlich aber in Wick! Wick ist die schottische Heringshauptstadt und macht allein den vierten Theil aller anderen Geschäfte. Von dem auf 24 Millionen Thaler geschätzten Capitale, das in den schottischen Heringsfischereien steckt, beschäftigt es über 6 Millionen und liefert im Durchschnitt jährlich über 250,000 Tonnen Heringe, ganz Schottland aber nicht mehr als eine Million Tonnen. Um die ganze schottische Heringsfischerei statistisch anschaulich zu machen, geben wir den Census von 1855.

Von der Hauptstadt Wick an bis Peterhead hängen beinahe 100 Dörfer und Städte wie Trauben an der Küste entlang mit je 100 bis 10,000 Einwohner. Sie besitzen zusammen

3000 Heringsboote und 15,000 Fischer.
Zwischen Peterhead und
Anstruther 46 Fischerdörfer
1000 Heringsboote und 5000 Fischer.
Im Districte Leith:
 11 Stationen
 354 Heringsboote und 1100 Fischer.
Im Districte Eyemouth:
  7 Stationen
 225 Heringsboote und 1000 Fischer.

[618]

[WS 1] 3000 Heringsboote und 15,000 Fischer.
Im Districte Greenock:
31 Stationen
 591 Heringsboote und 1800 Fischer.
Im Districte Rothesay:
17 Stationen
 551 Heringsboote und 1600 Fischer.
Im Districte Inverary:
47 Stationen
1062 Heringsboote und 3189 Fischer.
Im Districte Loch Shiel-
ding: 15 Stationen
 307 Heringsboote und 1085 Fischer.
Im Districte Loch
Broom: 42 Stationen
 570 Heringsboote und 2120 Fischer.
Im Districte Stornaway:
 7 Stationen
 418 Heringsboote und 2178 Fischer.
Im Districte Shetlands-
Inseln: 11 Stationen
 655 Heringsboote und 3165 Fischer.
Im Districte Orkney-
Inseln: 32 Stationen
 606 Heringsboote und 2472 Fischer.

  366 Stationen 9339 Heringsboote und 39,709 Fischer.

Also in beinahe 400 Stationen gegen 10,000 Boote mit beinahe 40,000 eigentlichen Heringsfischern, mit den Packern, Reinigern und Trägern über 100,000 Menschen, welche direct als Schnitter und Mäher der Heringsernten an den schottischen Küsten leben.

Sie fangen den Hering in dreierlei Zuständen, als „matic“ (Matjes, am besten, wenn Milch und Rogen noch in zarter Entwickelung sind), als „full fish“ („voller Fisch“ mit vollem Rogen oder voller Milch) oder als „spent fish“ (gespendeten Fisch, der sich ausgegeben hat und mager und wässerig geworden ist).

In England und besonders Irland hält man’s am liebsten mit dem „vollen Fische“; die „Matjes“ gehen nach dem Continente, den ausserdem Holland und Norwegen versorgen. Letzteres liefert als ältester, erfahrenster Heringsfischer die besten Matjes und besser zubereitet, als die schottischen. (Sie lassen einen Theil der Eingeweide darin, die ihnen einen würzigen, Geschmack geben sollen.)

Die Holländer arbeiten mit großen Schiffen, früher einmal mehr als 2000, während die Schotten sich in mehr als 10,000 kleine, unbeholfene Boote zersplittern und mit Treibnetzen fangen. Diese, in der Regel 20 Fuß tief und von verschiedenen Längen, werden von ganzen Flotten auslaufender Boote an geeignet scheinenden Stellen nach Sonnenuntergang ausgeworfen, verbunden, mit Senkeisen hinuntergezogen und durch Korke schwimmend erhalten. Durch 200 Fuß lange Taue mit den Booten und nach dem Gestade hin an Anker oder Pfähle befestigt, bieten sie nun im Wasser zusammen oft eine viele Meilen lange Netzwand, gegen welche die in Gruppen von Millionen ziehenden Heringe stoßen und sich mit den Köpfen unentwirrbar in den Maschen verwickeln. Manchmal gibt’s nach nächtelangem Warten keinen einzigen Fisch, so daß man eine andere Gegend aufsucht, um dann vielleicht in einer einzigen Nacht mit einem einzigen Zuge für’s ganze Jahr zu ernten, während andere Boote dicht daneben nicht selten leer ausgechen, da die Heringe in Sectionen und Abtheilungen schwimmen und den in die Zwischenräume fallenden Netzen gar keine Beute liefern.

Nicht professionirte Fischer fangen auch einzeln auf ihre eigene Rechnung in 150 Yards langen „Seine“- oder Ziehnetzen, deren eines Ende am Ufer festgehalten wird, während das Boot mit dem andern in einem möglichsten großen Halbkreise herum segelt, um aus dem hernach an beiden Enden herausgezogenen Netze herauszunehmen, was der Zufall hineinwirrte.

So wie die Heringsflotten den Hafen erreichen, geräth Alles in fieberhafte Thätigkeit. Armeen von Trägern schütten einen sich bald aufthürmenden Silberregen auf den Strand. Frauen und Mädchen, aus den verschiedensten Gegenden herbeigelockt, eben noch Bilder reinlicher, blonder, blauäugiger Unschuld, verwandeln sich in bluttriefende Furien und wetteifern, in jeder Stunde so und so viel über 1000 Fische aufzuschneiden und auszuweiden (jeder mit einem Schnitt und einem Riß). Die so ausgeweideten Fische werden von andern Händen in Schichten mit Salz gepackt, dann von massiven Armen öfter durcheinander gemischt, bis das Faß gefüllt ist, nach einer kurzen Ruhe aufs Neue gesalzen und zuletzt entweder breit oder abwechselnd auf Rücken und Bauch wieder mit Salz in die eigentlichen Tonnen für den Handel wunderbar fest eingepackt. Die Tonnen stehen eine Woche offen (die zum Export bestimmten, welche mit dem Regierungsstempel des „Fisch-Amts“ gebrandmarkt werden müssen, zehn Tage), dann werden sie von extemporirten Böttchern wasserdicht geschlossen und verschifft. Eisenbahnen und Segel- oder Dampfschiffe bringen auch Millionen frisch in alle großen Städte Englands.

Aber die Schotten können bei diesem „Lotteriespiele“ mit kleinen Booten, die unbeholfen sind, leicht untergehen (18. August 1848 nicht weniger als 124 auf einmal) und, da sie nach jedem Zuge an’s Land müssen, nicht reich werden und nicht mit den Holländern concurriren, deren Heringsschiffe, wie Walfischfahrer, Alles am Bord haben und für den Export fertige Tonnen Heringe an’s Land bringen. In Schottland existiren Hunderte von Dörfern und Städten von Heringen, Holland aber wurde reich davon und das stolze Amsterdam „erhob sich auf Heringsgräten.“ Noch jetzt leben etwa 115,000 Holländer glänzender von dem Silber der Heringe, als die 40,000 Schotten, Shetlands- und Orkney-Insulaner, welche geradezu die niedrigste Cultur aller vereinigten Königreiche Großbritanniens in ihren Schmutzhütten darstellen.

Das Parlament gibt jährlich 3000 Pfund für die Verbesserung fast eben so vieler Fischereihäfen Schottlands und pensionirt dabei jedes Jahr ein paar Schock Taugenichtse mit 3 bis 5000 Pfund jeden. Dazu kommt das „Fischerei-Amt“, ein Anstellungs-Augiasstall für unbrauchbare „Noblemen“ und ihre Angehörigen, wie die meisten entlegenen und Colonialämter. Diese Beamten haben jährlich 11,000 Pfund durchzubringen, um für diese Geldverwüstung statistische Nachrichten zu sammeln, die Heringsfässer untersuchen zu lassen und zu brandmarken, ebenso „Fremde“ von den schottischen Fischdistricten abzuwehren, Polizei zu üben und so von allen Seiten das Gedeihen der Fischerei zu cujoniren und zu behindern. Nähme man diese 11,000 Pfund nur ein Jahr zu wirklicher Vervollkommnung der Fischerei und ließe dann die Schotten durch Zurückbehaltung der 11,000 Pfund und der Beamten ungeschoren, so könnte alle Welt bald für die Hälfte des Preises oder noch einmal so viel Heringe genießen, als bisher.

Es heißt, die Amtsstempel auf den Heringstonnen garantiren, daß die Heringe gut gesalzen und gepackt seien. Sie garantiren in der That die Gewißheit, daß sie schlechter sind, als die ungestempelten holländischen Heringe, und sind eine Cujonirung der Fischer, aber keine Garantie für’s Publicum, das nach demselben Principe auch verlangen könnte, daß die Regierung Schuhe und Stiefeln, Stecknadeln und Schwefelhölzer alle einzeln stempeln lasse, damit Jeder eine Garantie gegen Schwefelhölzer habe, die nicht zünden oder von selber „losgehen“. Und wer sorgt für den Berliner Weißbierphilister, daß er jedes Mal „eene jut jeproppte“ bekomme?

Ohne den Hering wäre die ganze Westküste Schottlands lebensunfähig. Nichts ist überraschender als der Contrast zwischen der Herings- und der stillen Zeit. Während letzterer mag die einsame Yacht Tage und Wochen lang die Wogen pflügen oder in eine wilde Gebirgsbucht nach der andern einlaufen, ohne einem lebenden Wesen zu begegnen, als dem wilden Schwane und den schrillen, traurigen Seevögeln. Der Wanderer auf dem Lande in diesen Regionen, wenn es möglich wäre, würde Tage lang nichts sehen, als nebelige Geister Ossians, hohe, dunkele Gebirgsmassen vernebelt, meeresumtobt, von unzähligen Meereseinschnitten und „Lochs“ durchfressen. Und einige Monate später! Nicht ein, nicht hundert, sondern Tausende der geschäftigsten Lebensbilder wimmeln vor seinen Augen. Eine Flotte von 1500 Booten mit geschwellten Segeln schaukelt kühn über die Wogen hinaus, um gegen Abend ein gegen 1000 englische Meilen langes Netz durch das Meer zu spannen und in Sturm und Unwetter die Nacht hindurch zu halten, wenn nicht ein silbern zum Himmel blitzender unbeschreiblicher, dumpfer Donner gegen sie heranbraust – eine Herings-Wanderung – und in ihren Netzen sich zersplittert. Ging die Nacht leer aus, wartet man eine zweite und dritte ab, bis endlich das Meer phosphorescirend aufblitzt und von millionenfachem, sich thatsächlich über die Wogen heraufdrängenden Leben wimmelt. Der Morgen begrüßt dann die jubelnd heimkehrende Flotte, erst kleine Punkte auf dem weiten Meere, dann eine Welt von lustig geschwellten Segeln, die nach einer halben Stunde den ganzen Hafen, vom October bis April leblos, mit dichtgedrängter Geschäftigkeit überfüllen. Die schmutzigen Gestade füllen sich mit silbernen Gebirgen, die Felsen dahinter mit 1000 Meilen Netzwerk, [619] das Dampfschiff, welches kam, verschlingt ganze Boote voll frischer, silberner Heringe. Die Träger laufen en carrière, Dauben zu Fässern drängen sich hindurch, Hunderte von hölzernen Hämmern böttchern sie zusammen. Die Messer der Ausweiderinnen blitzen leidenschaftlich durch das spritzende Blut und die umhergeschleuderten Eingeweide der silbernen Legionen. Die zackigen zerrissenen Wände des Amphitheaters mit Purpurblumen und grauem Hederich, mit zackigen Farren und verzwergtem Gestrüpp schauen grimmig herab.

Bei alledem ist die schottische Heringsfischerei, weil die Lebensbedingung unzähliger öder Felsen und „Lochs“, sehr bedeutend. Im Jahre 1818 wurden mit zwei Millionen Geviert-Yards Netzen 116,000, und diesen Herbst in Wick allein mit 22 Mill. Geviert-Yards 82,000 Tonnen gefangen. Der ungeheuere Unterschied zwischen Auslage von Netzen und Ernte erklärt sich durch fortgesetztes Ueberfischen, wodurch an manchen Stellen die Heringe beinahe ausgerottet wurden. Einige Fischstationen sind ganz ausgestorben. Es gibt bestimmte, an verschiedenen Orten einheimische Racen von Heringen, von denen einige bereits zu den größten Seltenheiten geworden sind. Dies liegt auch an der unsinnigen Gier nach „Vollfischen“, die mit vollem Rogen und voller Milch gefangen jede nächste Ernte um unzählige Millionen verringern.

Die Herings-Industrie ist in jedem Stadium eigenthümlich. Sie verursacht für jede Erntezeit kleine Völkerwanderungen aus dem Innern nach den Häfen, wo gewöhnliche Arbeitsleute, allerdings außer Kost und Logis, nur 5–6 Pfund (30–40 Thaler) für jede Ernte erhalten, dabei aber noch oft das Doppelte und Dreifache als Sporteln und Gratificationen gewinnen. So kommen, von hohem Gewinne angelockt, allein von der Insel Skye und den benachbarten kleineren Inseln 5–6000 Personen – ganze Familien – herbei und bevölkern die sonst Monate lang von keinem lebenden Wesen betretenen Loch-Wildnisse mit der kunterbuntesten Thätigkeit. Die Fischer oder Bootbesitzer miethen sich Leute je nach den Bestellungen, welche die „Einsalzer“ (ein bestimmter Stand und ein besonderes Gewerbe) machen. Letztere stehen mit den großen Heringshändlern in Stettin und sonstigen Ostseestädten in kaufmännischer Verbindung (oft allerdings nur durch weitere Mittelspersonen) und contrahiren mit denselben auf Lieferung einer gewissen Anzahl von Tonnen zu einem festgesetzten Preise, worauf sie oft Vorschüsse erhalten. Auf Grund dieser Lieferungscontracte contrahirt der Einsalzer mit dem Fischer auf Lieferung einer bestimmten Zahl von „Crans“ (ein Maß, das mehrere Tonnen, ich weiß nicht, wie viel, umfaßt), der Fischer auf Grund dieses Contracts mit Hülfsfischern und Tagelöhnern. Werden mehr, als der Contract verlangt, gefangen, bekommen die Leute auf jedes Boot bestimmte Gratificationen. Der Einsalzer liefert die Tonnen, das Salz und was sonst zur Verarbeitung und Verpackung gehören mag. Die Erntezeit für den „vollen Fisch“ erstreckt sich über die letzten Frühlings- und ersten Sommermonate, während welcher sich die Heringe in bestimmten Divisionen vom Norden her an der Westküste Schottlands vertheilen, um für ihre Nachkommenschaft zu sorgen. Sie fallen dabei oft in ein Netzwerk von 1000 englischen Meilen Ausdehnung (bei Wick und Dunbar) und opfern nicht nur ihr Leben, sondern auch das ihrer Nachkommen. Und man weiß, daß eine einzige Heringsmutter auf einmal die Keime zu 5 bis 10,000 Kindern legen kann. Es ist daher ein großer Unsinn, besonders auf den vollen Fisch Jagd zu machen und sich nicht, wie die Holländer, auf Matjes zu beschränken. Andere Fische, wie z. B. der Lachs (davon ein zweiter Artikel) werden während der Laichzeit sorgfältig geschont; die Heringe fängt man just während derselben, so daß am Ende auch selbst der fruchtbarste und populärste Fisch selten und theuer werden mag.


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II.  Stockfische, Kabeljaus, Schellfische, Sprotten, Pilchards, Shrimps, Aale, Lachse.

Wenn ein einziger Hering sich zwanzig Jahre ohne Abzug und Tod fortwährend mit seinen Nachkommen vermehren könnte, würden er, Kinder, Kindeskinder u. s. w. zusammen einen zehnfach unsere ganze Erdkugel übertreffenden Raum einnehmen. Dies gibt eine Vorstellung von der Lieferungsfähigkeit des Meeres, aber auch von der blinden Mordwuth des Menschen zu Wasser und zu Lande, da er es selbst gegen den Hering so weit gebracht hat, daß sie seltener und theurer werden, und an manchen Stellen schon ganz ausgerottet sind. Mit ein bischen Berechnung und Verstand würden die Heringsfischer alle reich, und kein Mensch um einen Hering verlegen sein. Am wenigsten würden die Irländer an die Stelle, wo früher der Familienhering über dem Tische hing, um die Kartoffeln daran zu reiben, diese jetzt in den leeren Raum des weggeriebenen und nicht ersetzten Herings zu halten brauchen, um die Phantasie mit dieser Operation zu täuschen.

Gegen kostbarere Fische haben es die Engländer schon weiter gebracht, und z. B. den Lachs in ihren Flüssen beinahe so arg behandelt, wie die Indier. Früher kaufte man ein Pfund Lachs für 18 Pfennige in Schottland, jetzt kostet es 3 und in London oft 6 Schillinge oder 2 Thaler. Ein Lachs hat jetzt oft den Werth eines fetten Hammels.

Um die verschiedenen anderweitigen Ernten aus dem Meere in einige Ordnung zu bringen, machen wir Abtheilungen und zur ersten die Stockfisch- und Kabeljaufischerei, die wir am großartigsten an den nordischen Küsten Amerika’s, um Newfoundland entwickelt finden. Die kostbaren Fische, von welchen Kinder und Kranke leider ofts nichts als deren „Leberthran“ kennen lernen, wohnen in unerschöpflicher Fülle in allen Meeren unserer Halbkugel, nur mit Ausnahme des mittelländischen; doch nur um die Orkney- und Shetlandsinseln herum wird deren Fischerei lebhaft und geschäftlich betrieben, um sie in Segelschiffen mit dazu eingerichtetem Boden nach dem Süden von England, besonders London, lebendig oder zurecht gemacht und in Eis gepackt zu versenden. Man schätzt die Ernte um England und Schottland herum auf jährlich 4 Millionen Stück. Sie werden mit Haken an Leinen gefangen, gelandet, vom Kopfe bis zum Schwanze aufgeschnitten, ausgenommen, wobei ein Theil des Rückgrats mit ausgeschnitten wird, sorgfältig gereinigt und reichlich mit reinem Salzwasser gewaschen, getrocknet, eingesalzen und gepreßt, wieder herausgenommen und gebürstet, an Sonne und Luft getrocknet, bis die „Blume“ (eine weiße, ausschwitzende Substanz) zum Vorschein kommt, und dann in den Handel gebracht.

Die häufigere und populärere Sorte, genannt „Haddocks“, wird um ganz England und Schottland gefangen und entweder frisch oder geräuchert („Finnans“) in die englischen Städte gebracht. Man fängt sie ebenfalls mit Haken oder in Ziehnetzen. Als Finnans sieht man sie in zwei Hälften geschnitten überall in englischen Städten ausliegen, doch kostet das Pfund nicht mehr 6 Pfennige, wie früher, sondern bis eben so viel Groschen.

Nächstdem spielen die „Flatfische“ die größte Rolle, unter welchem Namen eine große Menge der verschiedensten Arten: Hellbutten, Steinbutten, glatte Rochen, Engelsfische, Schollen, Flundern u. s. w. zusammengefaßt werden. Hellbutten werden oft ungemein groß. Man hat schon 600pfündige gefangen. Eine Art Steinbutte, jetzt sehr häufig, wurde unter dem Kaiser Domitian im mittelländischen Meere als wahres Wunderthier und von enormer Größe gefangen. Er ließ einen expressen Staatsrath halten, welcher die beste Methode, ihn für die Tafel zuzubereiten, ausfindig machen sollte. An den englischen Küsten beschäftigen sich einige Hundert Schiffe mit Einfangen von Flat- oder Plattfischen; doch kommen die meisten und besten von Holland. Von Schollen („soles“) wimmeln die Gewässer um England, darunter viele sechs- bis neunpfündige, aber man hat weder Kenntniß noch Capital genug, um sie mit dem besten Erfolge und in gehöriger Menge zu fangen, so daß ein ordentliches Fischgericht in England immer ziemlich so viel kostet, wie eine gute Fleischspeise. Die guten Seefische sind deshalb immer noch luxuriöse Zwischengänge auf reichen Tafeln.

Die Sprotten-Ernten, die Mackarelen und Pilchards (eine feinere Art Heringe) ersetzen zum Theil den Mangel an kostbareren Seefischen, und werden manches Jahr in fabelhaften Massen dem unerschöpflichen Meere abgenommen. Mackarelen, wie Heringe ziehend, werden auch ähnlich, nur in größer gemaschten Netzen gefangen. Im Durchschnitt verzehrt London jährlich 25 Millionen Mackarelen, à 3/4 bis 2 Pfund schwer, alle frisch. An einem Märzsonntage 1833 fingen 4 Boote 10,000 Mackarelen, ein andermal 16 Boote für 6000 Pfd. Sterl. oder etwa 40,000 Thaler in einer Nacht. Von solchen glücklichen Lotteriezügen hängt denn auch der Preis ab, der in keinem andern Consumtionsartikel so fluctuirt, so daß man einmal 60–80 Mackarelen für 10 Sgr. und dann wieder eine einzige für 2–3 Thlr. kauft. Nur die grünen Schoten in Covent-Garden um Weihnachten werden zuweilen noch höher bezahlt: 3 Thaler das Loth oder 10 Sgr. jede einzelne Beere.

Pilchards werden am häufigsten vom Juli bis October an den Küsten von Cornwall gefangen, in mancher einzelnen Nacht über 2000 Oxhofts à 3000 Stück, also 6 Millionen. Einmal brachte man eines Morgens in einen einzigen Hafen von Cornwall 30 Millionen Stück. Die Pilchards ziehen des Nachts von den Gestadeklippen in dichten Armeen nach dem offenen Meere hinaus und bilden so auf dem leuchtenden Meere dunkele Inseln, die, von umherkreisenden Wachtposten entdeckt, der am Gestade harrenden Flotte durch Signale bezeichnet werden. Dann schießen Hunderte von Booten mit vollen Segeln in Nacht und Sturm hinaus, um den Zug zu umzingeln, und in ihrem Netzkreise aufzusaugen. Gelingt dies vollständig, verzinst sich oft das auf 600,000 Pfund veranschlagte Capital, welches allein in der Cornwall Pilchard-Fischerei steckt, in einer einzigen Nacht. Die Pilchards werden ähnlich wie die Heringe behandelt, und größtentheils nach den Küstenstädten des mittelländischen Meeres verfahren.

Frische Sprotten, kleine, silberne Fischchen, höchstens 6 Zoll lang, und auf dem Drahtroste binnen einer Minute mit Salz in ihrem eigenen zarten Fette gebraten, sind in England schon für 5 Sgr. per Scheffel verkauft worden. Auch jetzt kann man sich noch für 1 Sgr. – fünf- bis sechsfachen Gewinn damit bezahlend, darin satt essen. Sie werden den armen Leuten für ihr [660] Kupfer in silbernen Strömen in die Körbe geschaufelt. Deren Fülle und Consumtion wird nur noch von den „Shrimps“ (kleinen Seekrebsen, aber einer gar nicht krebsartigen, sondern sehr lebhaften, heuschreckenähnlichen Creatur) übertroffen. Ein paar Millionen englische Familien essen sie täglich zum Thee, und der Hausvater schmollt, wenn sie einmal fehlen, und blos durch die ebenso populäre Wasserkresse ersetzt werden. Sie werden des Nachts von den Meeresgestaden in der Nähe von Flußmündungen förmlich aufgeschaufelt, in Salz gekocht, und täglich schiffsladungsweise in jeder Stadt verspeist. Man hat die Kanne oder das Nösel schon für einen Silbergroschen. Die großen, ausgesuchten bezahlt man dagegen thörichter Weise, da sie nicht so fein schmecken, mit einem halben Thaler per Kanne.

Aale werden aus sumpfigen Stellen in Häfen und aus Fluß-Buchten während der Ebbe mit Gabeln herausgestochen, wie in Deutschland im Winter aus gefrornen Seen, in deren Eis man zu diesem Behufe Löcher hackt. Aber die meisten und besten Aale (für die Pasteten) bekommt England von den Holländern, die sie zu fangen verstehen. Die Engländer scheinen nichts davon zu wissen. Die Männer der Naturwissenschaft haben beobachtet, daß Heere junger Aale jährlich die englischen Flüsse hinaufziehen, oft vier Tage lang in einer dichten Masse und zwar vor einem festen Punkte vorbei je 15–1600 in jeder Minute, so daß ein einziger Fluß in den vier Tagen nicht weniger als neun Millionen Aale aufnehmen würde.

Nach Mayhew’s Berechnungen (in seinem berühmten, vielbändigen Werke: London Labour an London Poor, „Londoner Arbeit und Armuth“) verzehrt London jährlich außerdem: 496,000,000 Austern, 1,300,000 Hummern, 600,000 pfundige Krabben, 500,000,000 Shrimps, 5,000,000 Herzmuscheln, 50,000,000 Kinkhörner (mussels, Schnecken) 76,000,000 Trompetenschnecken (cockles) und 340,000,000 Kammmuscheln (periminkles). Letztere läßt sich der zerlumpteste Junge und Irländer oft täglich mehrmals in die Tasche schütten und knaupelt sie auf der Straße mit einer Stecknadel aus den schmutzigen Gehäusen in die schmutzigere Consumtions-Einfahrt.

Austern hat man in Schottland für 6 bis 10 Sgr. per Hundert, in London durchschnittlich für einen halben Penny per Stück. Doch hat man künstliche Austerbänke mit associirtem Capital für die englische Hauptstadt angelegt und das Geschäft so profitabel gefunden, daß andere Compagnien sich für denselben Zweck gebildet haben und so hier Aussicht auf größere Wohlfeilheit vorhanden ist.

Hummern machen sich täglich frisch riesig in ihren rothrepublikanischcn Uniformen in Tausenden von Buden breit, ohne daß die Polizei nur eine Miene verzieht oder Palmerston das Vaterland in Gefahr erklärt. Man sieht sie täglich zu hohen Preisen verschwinden, weil man sich den Glauben angewöhnt hat, Hummern-Salat dürfe bei keiner respectabeln Mahlzeit fehlen. Man führt diese Riesenkrebse in unzähligen Tausenden von Norwegen und von den irländischen Küsten ein, aus deren Felsenlöchern sie mit kleinen hakigen Harpunen herausgepickt werden. Außerdem fängt man sie in Töpfen, die wie große Draht-Mausefallen geformt, von Holz geflochten sind. Stückchen Fische hineingehangen dienen als Köder.

Die Irländer, welche sich nicht mehr an kranken Kartoffeln, die sie salzen und schmalzen, indem sie sie an die Stelle halten, wo früher der Familienhering baumelte, satt essen können und thatsächlich durch Hunger um mehrere Millionen abgenommen haben, während sich (mit Ausnahme der neuesten, geretteten Franzosen) alle andern gebildeten Völker durch Ueberschuß der Geburten vermehren, diese Irländer sehen oft Meeresbuchten thatsächlich mit Fischen überfüllt, aber man fängt sie nicht, da die Fischer selbst genug haben, und für die Millionen, die sie eben nur herauszuziehen brauchten, kein Salz und kein Fuhrwerk vorhanden ist. An manchen irländischen Küsten kosten Tausend frische Heringe 6 bis 7 Silbergroschen. Einige Meilen weiter sind sie schon um keinen Preis mehr zu haben, weil kein Weg hinführt und keine Menschen dort wohnen, die tausend oder nur hundert Heringe kaufen können.

Die Engländer sind eben blos blind geldgierig und nehmen direct weg, ohne kaufmännisch oder praktisch zu verfahren. Der praktische Mensch mit einiger volkswirthschaftlicher Bildung schont sein lebendiges oder liegendes Eigenthum, ohne dazu der Moralität oder der Humanität zu bedürfen. Es ist sein Eigennutz, der ihn lehrt, seine Bezugsquellen kräftig zu erhalten, weil er das nächste Jahr auch ernten will. So weit sahen die Engländer nie, nicht blos nicht in Irland, nicht in Indien, sondern auch nicht einmal in ihrem heimischsten Eigenthume. Dies läßt sich an den meisten ihrer natürlichen Reichthumsquellen nachweisen. Wir beschränken uns hier auf ihre Weisheit und Gesetzgebung in der Lachsfischerei.

Die englische Lachsfischerei lieferte einst das Pfund delicaten frischen Lachs für 2 bis 5 Sgr. Jetzt bezahlt man dieselbe Quantität in London mit 2 bis 3 Thalern. Und doch legt jede Lachsmutter jedes Jahr die Eier zu 1500 bis 5000 Jungen. Dies ist zwar nicht die Fruchtbarkeit der Stockfische, von denen in einem Jahre eine einzige Mutter sich um 9,384,000 Junge vermehrt (so viel Eier hat man in einem einzigen Rogen gezählt) oder die Nachkommenseligkeit des Flunders, der von einem Gewichte von 48 Loth beinahe die Hälfte in anderthalb Millionen Eiern ablegen kann; aber doch immer eine Vermehrungskraft, gegen welche sich der Mensch mit allen Mitteln der Zerstörungswuth bewaffnen mußte, um das Pfund Lachs von 2 Silbergroschen auf 2 Thaler zu treiben.

Allerdings haben die delicaten, zierlichen kleinen Lachse auch besonders viel Feinde in ihrem Elemente. Forellen, Hechte, ja die eigenen Herren Eltern – scheußliche Kannibalen – verschlingen die neugebornen Lachse in Legionen ungesalzen, ungeräuchert, ungebraten. Den flußgebornen Jungen, welche entkommen und nach dem Meere hinunterziehen, lauern eine ganze Menge andere Raubfische (besonders die zahlreiche, niederträchtige Race der gadilae, auch Seeottern u. s. w.) in listig aufgesuchten Winkeln auf und stürzen sich unter die jungen Reisenden, welche sich die große oceanische Welt draußen besehen wollen, mit gierig schnappenden und verschlingenden Rachen, so daß nach der Beobachtung des Pisciologen Sir Humphry Davy von je 17,000 glücklich Neugebornen nur etwa je 800 das Meer erreichen. Und im Meere gibt’s dann auch keine Eigenthum und Personen schützenden Wasser-Polizei-Lieutenants. Aber dabei fühlen sie sich doch bald genug Vater und Mutter und ziehen wieder hoch in die Flüsse hinauf, um dort für ihre Nachkommenschaft Entbindungsanstalten und Wochenbetten aufzusuchen. Auf dieser Rückreise aber just eben, wo sie schwer und werthvoll sind und ihr größter, blindgierig übersehener Werth in deren Nachkommenschaft besteht, führt der Mensch, der Engländer, der „Erbadel der Menschheit“, wie sie Macaulay nennt, ohne einen einzigen andern Grund dafür anzugeben, auf jedem Schritte mörderischen Vertilgungskrieg gegen sie. Ganze Heerden von Flußwilddieben ziehen um die Laichzeit der Lachse Netze von einem Ufer zum andern und laufen damit dem stromaufwärts ziehenden Lachse entgegen, mit jedem oft Tausende der nächsten Zukunft tödtend. Privatpartieen brechen gegen Abend auf, in Lumpen gehüllt und mit geschwärzten Gesichtern, versammelt sich an vorher aufgespürten Laichbetten, zünden sich Kienspähne an und gehen nun mit langen Stechlanzen an ihr unheimlich beleuchtetes Mordwerk der Nacht, in deren blendende Helle und Hölle die Wasser-Constabler von dunkeln Bergen oben furchtsam hineinblicken, daß man sie nicht entdecke und als Wächter des Gesetzes mit den Stechlanzen kitzele.

Man hat schon solche Flußritter der Nacht entdeckt, welche durch eine einzige „Portion“ 10–15 Pfund Sterling bei spottwohlfeilem Verkauf einiger 30–40 pfündigen Lachse gewannen.

Zu diesen Feinden kommen Tausende von Maschinen, die sich an manchen Flüssen in chausseepappelbaumähnlichen Reihen entlang ziehen und den Abfluß und Abfall alles Tortes und Dampfes in die zu großen offenen Kloaken gewordenen Flüsse abführen, so daß darin kein Meerweib einem Goethe’schen Fischer mehr zurufen kann: „O wüßtest Du, wie’s wohlig ist dem Fischlein auf dem Grund!“ Der große, einst wunderschöne, von Lachsen wimmelnde Fluß Mersey ist ausgestorben, wenigstens von der Einmündung des Irwell-Flusses an, der allen Baumwollenmaschinen-Schmutz Manchesters hineinspült.

Dazu kommt, daß die jungen Lachse im Stadium der Kindheit unter dem Namen parrs in Schottland, in England samlets, unbehindert tausendweise von Kindern und erwachsenen Anglern weggefangen werden, und sie nur im zweiten Stadium ihres Wachsthums unter dem Namen „smolts“ den strengsten Schutz parlamentarischen Gesetzes genießen. – Die Flüsse Englands [661] gehören, wie aller Grund und Boden, den „obersten Zehntausend“, so daß die andern beinahe 30 Millionen Einwohner nie die eigentliche Wonne und gründliche, feste Sittlichkeit des Bodenbesitzes und Grundeigenthumbewußtseins kennen lernen. Der zum Theil fürstenthumgroße Grundbesitz der Aristokratie wird aber von ihr nicht selbst bewirthschaftet, sondern dem Meistbietenden zur Miethe ausgehökert, um so viel Tausende und Millionen von Pfunden als möglich auszupressen, und so suchte man auch aus den Flüssen durch Verschacherung möglichst vieler „Fischgerechtigkeiten“ möglichst viel Geld zu schlagen und vermehrte dadurch die Feinde der Lachse und entwerthete die Flüsse. Lord Gray, dem der splendide Fluß Tay gehört, schlug daraus jährlich bis 28,000 Pfund Sterling: jetzt muß er manche Station, die früher mit 4000 Pfund Pacht jährlich bezahlt ward, just für die Hälfte losschlagen. Die Pachte von der Tweed, früher 20,000 Pfund jährlich, sind durch Ueberpachten und Parcelliren, durch die Gier, möglichst viel herauszuschlagen, auf 5000 gefallen. Die Tweed lieferte früher in einzelnen Stationen, wo jetzt 500 gefangen wurden, 17 bis 20,000 Lachse.

Die Lachsfischerei, früher eine bedeutende Quelle des Reichthums und der Tafelfreuden, ist immerwährend gesunken und verfällt zusehends unter dem Einflusse blinder Industrie, Geldgier und Gesetzgebung.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Der Übertrag von der vorhergehenden Seite ist unrichtig addiert; es fehlen die 1579 Heringsboote und 7100 Fischer der drei letzten Zeilen.