Die Fabeln

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Textdaten
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Autor: Johann Gottfried Herder
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Titel: Die Fabeln
Untertitel:
aus: Zerstreute Blätter (Fünfte Sammlung) S. 149–152
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1793
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
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Erscheinungsort: Gotha
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Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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De Zerstreute Blätter V (Herder) 171.jpg
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Die Fabeln.


A. Oft pflege ich mit den Geschichtschreibern zu zürnen, daß sie die fabelhaftsten Dinge wie wahre erzählen, gleich als ob die Nachwelt gar kein Urtheil haben würde.

B. So groß manchmal ihre Schuld seyn mag, so glaube ich doch, daß wir vieles für Fabel halten, das ehedem die strengste Wahrheit war. Denn wer nur etwas genau erwägt, wie dunkel manche Zeiten, wie Sittenlos und grausam andere waren, und solche sodann mit glücklichern Jahrhunderten vergleicht, der kann beinahe nicht gnug erstaunen.

A. Wer indessen wird glauben, daß die Vernunft des ganzen menschlichen Geschlechts irgend je so ganz und gar auf Abwege habe gerathen können, daß die Wahrheit nirgend zu finden gewesen wäre, daß allenthalben die ungereimtesten Meinungen ihren Platz einnahmen und man sich unter der schändlichsten Herrschaft der Irrthümer beruhigt fand.

B. Darüber siehe nur das Papstthum an. Auf welche Possen und Ungereimtheiten war es gegründet, und demohngeachtet stieg es zu einer Größe, zu einer so hohen fast unüberwindlichen Macht, daß es auch jetzt noch, nachdem es gnugsam beleuchtet worden, zu schaden und an sich zu ziehen nicht nachläßt.

A. Was eine Religion, auch eine falsche, für Macht habe, das haben mich Numa, Mahomed, und andre gelehrt; dessen aber soll mich niemand überreden, daß auch in jenen Zeiten gar niemand gewesen wäre, der sich diesen Betrügern entgegengestellt, und ihre falschen Ränke dergestalt entdeckt hätte, daß die Gescheuteren wenigstens sich nicht betrügen lassen konnten. Davon schweigen indeß die Geschichtschreiber, als ob sie gedungen wären, nur Falsches auf die Nachwelt zu bringen, und die Einfältigen mit dem Wahn des Alterthums zu benebeln.

B. Du irrst, wenn du das von allen glaubest. Denn, mögen einige solche Fortpflanzer des Irrthums gewesen seyn: so ist doch allenthalben die unendliche Schwachheit der menschlichen Natur so sichtbar, daß viele von ihnen sie nicht nur nicht verheelt, sondern offenbar gezeigt haben. Dies könnte uns zur Sicherheit gnug seyn, wenn wir nicht weit begieriger auf Absurditäten, als auf Vernunft wären.

A. Dörfen wir denn nicht hoffen, daß wir alle einmal, wie in das Schloß der Wahrheit versammlet, einmüthig nur das erwählen, was überall das beste, und verwerfen, was hier, dort und da ungereimt und eine Misgeburt ist?

B. Das wollen wir Gott überlassen. Mir scheint jedes Zeitalter an seinen Lastern und Irrthümern krank zu liegen, die dann freilich dem folgenden Zeitalter ungereimt scheinen; indessen wird die Albernheit nie aus der Welt geschaft, sondern nur verändert.

A. O der menschlichen Ungeheuer, von denen die Geschichtbücher voll sind!

B. Ich für mein Theil, so oft ich in eine Bibliothek trete, kann ich mein Lachen und meine Verwunderung kaum halten, wenn ich so viele Gestalten und Schemata von Misgeburten wahrnehme.

A Wie? wenn nun jemand die Geschichte und Acta der ganzen Erde besäße?

B. Ach schweige! Unser einziges, jetziges Jahrhundert thut Dinge, die keine Nachwelt glauben oder begreifen wird.