Die Fahrt nach dem Adlernest

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Titel: Die Fahrt nach dem Adlernest
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aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 471-473
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Fahrt nach dem Adlernest.

„Ja Herr,“ sagte mein Führer, der mich vom Rigi herab durch das ganze Berner Oberland begleitete, ein eben so williger, wie gebildeter Mann [1], „es ist doch ein Unterschied zwischen Reisenden und Reisenden. Ich fahre (in der Schweiz nennt man das Reiten auf Saumrossen „fahren“) nun schon seit 20 Jahren Berg auf, Berg ab, ich habe Tausende von Engländern, Franzosen und Deutschen geführt, und spreche die drei Sprachen fast gleich gut, aber so gemüthlich geplauscht, wie mit Ihnen, Herr, hab’ i holt noch mit keinem. Und wenn man so Wochen lang in den Bergen umherschweift, still und ohne Lust an der Reise, da ist’s oft recht langweilig. Ich hab’s genossen. Der Sonderbarste aber,“ fuhr er fort, „der mir in meiner langen Praxis begegnet ist, war doch ein Engländer. Er mochte, weiß Gott wo, erfahren haben, daß ich früher mancher Gemse den Garaus gemacht und da drüben auf den tyroler Bergen verschiedene Adlernester ausgenommen, genug, er ließ mich plötzlich durch den Wirth aus dem Hotel Victoria in Interlaken auf 14 Tage engagiren, und eines Morgens rückten wir mit den ersten Sonnenstrahlen in die Berge, ohne ein Wort zu sprechen und ohne daß er meinen englischen Morgengruß erwidert hätte. Nach einer Stunde Wanderung aber stand er plötzlich still. Mit dem Alpstock auf das schneebedeckte Haupt des Silberhorns zeigend, und von dort weiter einen Kreis beschreibend, als wolle er damit andeuten, daß die ganze Gebirgskette zu durchwandern sei, sah er mich eine Weile schweigend an, und sagte dann langsam nur die beiden deutschen Worte: „Adler zeigen!“ – Dann ging er weiter. Von da ab ist während der ganzen Reise keine Sylbe über seine Lippen gekommen. Vierzehn Tage sind wir gewandert, durch Wind und Wetter, Schnee und Eis, haben alle Pässe, Höhen und Gletscher besucht, haben keinen Adler gesehen, aber ich habe auch kein Sterbenswörtchen mehr aus dem Munde dieses Menschen gehört, keine Klage, keinen Ausruf der Freude. Als wir nach 14 Tagen Abends spät wieder in Interlaken einrückten, zahlte er mir stumm in schönen Goldstücken den festgesetzten Lohn aus, nickte mit dem Kopfe und ging in sein Zimmer. Und Roß und Reiter sah’n sich niemals wieder.“

Die komische Geschichte stimmte mich sehr heiter, und lachend plauderten wir noch lange über das schweigsame Beefsteak, dessen Gestalt und Wesen mir der Führer sehr genau schilderte. Im Verlaufe des Gesprächs kamen wir natürlich auch auf seine früheren Gems- und Adlerjagden, über die er Vieles und Interessantes zu erzählen wußte.

„Ja, Herr,“ [2] sagte er ernst, während wir die steinigen Pfade der Wengern-Alp hinaufkletterten, „seitdem da oben auf den Hirschhörnern, die von Gemsen wimmeln, mein Bruder hinabgestürzt ist – vor den Augen seines Sohnes, den er zum ersten Mal mit auf die Jagd genommen – seitdem habe ich das Gemsenspüren aufgesteckt, und bleibe daheim bei Frau und Kind. Es ist doch ein eigen Ding, den leiblichen Bruder da unten in dem Abgrund zu wissen, und dann wieder hinaufzusteigen auf dieselben Klippen und Felsen, von denen der Arme hinabgegleitet. Mit dem Adlerfang aber ist es schon aus, seit ich aus den tyroler Bergen zurückgekehrt und die weißen Haare mir geholt hatte.“

Ich sah den Erzählenden fragend an.

„Ja Herr,“ lächelte er munter, „bei den Jägern in den Alpen kömmt es schon vor, daß Einer am Morgen hinaufsteigt auf die Berge, munter und frisch und mit vollen braunen Locken, und nach einigen Tagen zurückkehrt, bleich und matt und mit weißem Haar. So ist’s mir ergangen da drüben in Tyrol.“

Der steile Pfad hatte mich ermüdet, ich setzte mich auf ein [472] Felsstück und forderte den Plaudernden auf, sich neben mir zu placiren, und seine Geschichte zu erzählen.

„Nicht doch, Herr,“ sagte er bestimmt, „setzen werden wir uns nicht. Wir haben uns warm gegangen und gesprochen, und der Schneewind da drüben von der Jungfrau bläst hier schon zu eisig kalt, als daß wir ohne Gefahr die Glieder strecken dürften. Lassen Sie uns langsam weiter gehen, ich erzähle Ihnen schon.

„Es sind jetzt wohl an die vierundzwanzig Jahre her,“ hub er an, „daß ich drüben in Tyrol bei Verwandten lebte. Ich war damals ein rüstiger, kräftiger Mann, für den es keine größere Lust gab, als mit der Büchse aus dem Rücken hinauf auf die Berge zu steigen. Kein Gemspfad war da zu steil, kein Adlernest zu hoch. Meine beiden Vettern, ebenfalls tüchtige, pralle Buben, theilten mit mir die Leidenschaft der Jagd. Wo eine Gemse aufgespürt oder ein Adlernest entdeckt worden, da waren wir drei Vettern gewiß nicht weit davon. Das wußten auch Alle im Thale, und brachten uns Nachricht, wo sich irgend Etwas zeigte.

„Eines Tages meldete uns ein Hirtenbub, daß auf dem Vorsprung einer Felsplatte ein Adlernest klebe, in dem, so viel er erkennen könne, sich zwei junge Adler bewegten. Die Platte führte in die Tiefe eines schauerlichen Abgrundes, und der Vorsprung war nur von oben zu erreichen, indem man sich an einem Seile dahin hinabließ. Das Gefährliche der Jagd konnte uns, wo es eine so schöne Beute galt, nicht abhalten, das Wagestück zu bestehen, und ich selbst erbot mich dazu, das Nest auszunehmen.

„Andern Morgens rückten wir, mit starken Seilen wohl bepackt, auf die Berge. Ich hatte mich mit einem Alpstock versehen, dessen untere Eisenspitze eine mehr als gewöhnliche Länge hatte, und mir im Nothfalle als kräftige Stoßwaffe dienen konnte. Außerdem steckte ich noch mein großes Bergmesser bei.

„Oben auf der Spitze des Felsens angelangt, legte ich mich vorsichtig mit der halben Länge des Leibes über den Abgrund, und schaute hinunter in die Tiefe, um den Vorsprung zu entdecken. Es war ein furchtbarer Anblick. So scharf auch sonst mein Auge war, hier reichte es nicht bis an die Sohle der Schlucht, die nur als schwarzes Chaos mir entgegenstarrte. Der Bohrung mit dem Adlernest war leicht gefunden, und lag ungefähr 70 bis 80 Fuß unter der Höhe, auf der wir standen. Es hockten, wie der Bube ganz richtig gesehen, zwei junge Adler in dem knorrigen harten Holzlager, dessen ältere Eigenthümer, Mann und Weibchen, aller Wahrscheinlichkeit nach auf Aetzung ausgeflogen waren. Da es noch früh am Morgen war, so durften wir hoffen, daß diese so bald nicht zurückkehren würden, und beschlossen, sofort an’s Werk zu gehen.

„Meine beiden Vettern legten nunmehr um den Rest eines dicken Baumstammes, der oben auf der Felsspitze stand, das eine Ende des Seiles, während an dem andern ein festes Querholz in der Mitte und zwar in der Weise befestigt wurde, daß ich es als Sitz bei der gefährlichen Fahrt benutzen konnte. Außerdem umschlang ich meinen Leib mit einem kurzen Seile, das wiederum an das größere, aber so befestigt war, daß ich beim Hinunterlassen und Heraufziehen nicht genirt wurde. Es war dies eine Vorsichts-Maßregel für den Fall, daß ich von dem Querholz herabgleiten würde.

„Nachdem Alles in Ordnung war, legte ich mich mit den Füßen nach dem Abgrunde hin und auf den Bauch gestreckt, vorsichtig auf den Felsen, stieß mich dann mit beiden Händen langsam von der Wand ab und hing nun über dem Abgrunde, dessen ganze schauerliche Tiefe ich überblickte. Es war das erste Mal, daß ich eine solche Partie machte. Und, Herr, es ist doch ein eigen Ding, so in der Luft zu schweben, hoch oben an einem schwachen Seile, das jeden Augenblick zerreißen oder abgleiten kann, und unter sich die schwarze, gräßliche Schlucht, deren unermeßliche Tiefe schauerlich, heraufgähnt. Hätte mir , die Jagdlust nicht in allen Gliedern gezuckt und die Scham vor meinen Vettern mich nicht zurückgehalten, ich hätte fast bitten mögen, mich wieder hinaufzuziehen. Ich that es nicht, sondern bat nur um Hut und Alpstock und langsam ging es in die Tiefe.

„Sie erlassen mir wohl die Schilderung dieser Fahrt, die nicht zu den angenehmsten Erinnerungen meines Jagdlebens gehört. Genug, daß ich nach einer Luftreise von ungefähr fünf Minuten in der Nähe des Vorsprunges ankam, bei dem ich zu meiner großen Freude einen kleineren Vorsprung entdeckte, ans dessen Platte ich in Verbindung mit dem Adlerneste fußen konnte. Als mich die junge fast noch nackte Brut erblickte, sperrte sie die Schnäbel weit auf und hob die unbefiederten Flügel, als ob sie davon fliegen wollte. Ohne weiter auf sie zu achten, klammerte ich mich an eine Felsspalte, setzte meinen Fuß auf den Vorsprung und stand nun, hoch aufathmend und glücklich, festen Grund unter meinen Sohlen zu wissen, wieder auf den Füßen.

„Still und mit möglichst wenig Geräusch richtete ich mich ein. Die Seitentaschen meines Bergrockes waren so geräumig, daß in jeder derselben ein junger Adler gut Platz hatte. Um beim Ausnehmen nicht gehindert zu werden, signalisirte ich meinen Vettern hinauf das Seil nachzulassen und war eben im Begriff, den Arm auszustrecken und den einen der jungen Adler zu fassen, als mir ein eigenthümlicher Schrei in die Ohren gellte. Unter Rauschen, das sich wie Flügelschlag anhörte, klang ein Heller, halb pfeifender, halb klagender Ton hervor, der sich mit jedem Augenblick mehr und mehr näherte und schließlich in ein ängstliches Geschrei ausartete. Den Kopf nach der Gegend des Geräusches hinwendend, erkannte ich sofort die Ursache. Ein Adler, größer als ich je gesehen, stürzte mit der ganzen Wucht seines raschen Fluges und zornfunkelnden Auges auf mich, den Ränder seiner Kinder, ein. Ich wußte, daß ich verloren war, wenn es mir nicht gelang, den Anprall zu schwächen und seine Flügel zu lähmen.

„Im Nu hatte ich mit der Linken wieder das Seil gefaßt. Mit der Rechten packte ich mit nerviger Faust die untere Hälfte des Alpstockes, grub, um einen Widerhalt zu finden, die Eisspornen meines rechten Fußes so tief als möglich in den verwitterten Felsen des Vorsprunges ein und zu gleicher Zeit, als der Adler unter Geschrei und Flügelschlag auf mich einstürzte, führte ich einen so mächtigen Stoß nach seiner Brust, daß sich das Eisen tief in sein Fleisch eingrub und er schwer getroffen die Flügel zusammenschlug.[3] Seine Flugkraft, das sah ich, war gelähmt, aber in demselben Augenblicke verlor auch ich durch die Wucht des furchtbaren Anpralles das Gleichgewicht, meine Füße strauchelten – ich taumelte zurück in die Tiefe.

„Das Blut gefror mir in den Adern, aber ich verlor keinen Augenblick die Besinnung. Mitten im Sturz faßte ich mit beiden Händen das Seil. Ich fühlte, wie das am Ende des Seiles befestigte Holz, auf dem ich saß, durch den prallen Sturz und das Gewicht meines Körpers unter mir zusammenbrach und ich nur durch das zweite um meinen Leib geschlungene kleine Seil noch mit der Oberwelt zusammenhing. „Hol auf – hol’ auf!“ klang mein heller Ruf hinauf zu den Vettern, die mein Signal erwiderten, und sofort ward das Seil angezogen – ich schwebte in die Höhe. Der schwer getroffene Adler, das konnte ich noch bemerken, suchte sich mit den Krallen an den Felsenvorsprung anzuklammern, um das Nest zu erreichen.

„Herr, ich war in meiner Jugend einer der ersten Ringer und meine Arme und Muskeln waren von einer Stärke, daß sie sich mit den besten im ganzen Oberlande messen konnten. Aber ich war und bin auch, was man so sagt, ein „Mann von Gewicht“ und bemerkte bald, daß das kleine Seil bei der langen Fahrt von 80 Fuß den schweren Körper nicht allein tragen konnte. Nothwendig mußten meine Arme mit helfen, wenn ich die Höhe erreichen wollte. Ich that, was in meinen Kräften stand, und umklammerte mit beiden Händen das große Seil, aber ich hatte nicht berechnet, daß bei der Schwere meines Körpers das Aufziehen nur langsam vor sich gehen konnte. Sehnsüchtig richtete ich meine Blicke nach oben. Wiederholt schrie ich den Vettern zu: „Hol’ auf – hol’ auf!“ sie antworteten aufmunternd, aber die Fahrt ging deshalb doch nicht rascher, die Armmuskeln waren bis zum Uebermaß gespannt, und meine Kräfte schwanden mehr und mehr.

„Plötzlich fühlte ich, daß mich ein kalter Todesschweiß bedeckte. Beim sehnsüchtigen Aufblicke nach der Höhe bemerkte ich – noch jetzt durchschauert’s mich kalt – wie sich unter der Last meines Gewichts der Knoten des kleinen Seils von dem größeren langsam löste und mit jeder Secunde der Augenblick näher heranrückte, wo ich mich allein auf die schon schwindenden Kräfte meiner Arme verlassen mußte. [473] Ich werde diesen Augenblick nie in meinem Leben vergessen. Mit jedem Ruck von oben zog sich der Knoten länger, rückte der Sturz in die Tiefe näher. Noch einmal rief ich den Vettern in höchster Seelenangst zu, fester und krampfhafter packten meine Fäuste das Seil, dann schloß ich die Augen – Gott meine Seele empfehlend und – der Herr im Himmel half.

„Seppel,“ rief es auf einmal neben mir und eine Hand packte in mein Haar und zog mich an sich. „Seppel – um Gott, was ist mit Dir? Wo hast’n Hut – wo’n Stock?“

„Ich öffnete die Augen. Meine beiden Vettern knieten auf der Höhe und zogen das Seil an, um mich auf festen Boden zu bringen. Ich war der Höhe näher gewesen, als ich geahnet hatte. Der Knoten, wenn auch schon halb gelöst, hatte immer noch gehalten und die Last bis zu Ende getragen. Vielleicht zwei Minuten später, und das Ende schnellte vom großen Seile ab und mich in die Tiefe. Als ich die Felsspitze erreichte, stürzte ich ohnmächtig zusammen. Wie lange ich so gelegen, weiß ich nicht; als ich aber nach einigen Tagen im Hause meiner Anverwandten wieder erwachte und erfahren hatte, daß ich stark gefiebert und viel böse Dinge gesprochen, hielt mir der ältere Vetter lächelnd einen Spiegel vor.

„Mein Haar war schneeweiß.“



  1. Zu den vielen Nöthen einer Schweizerreise gehört auch die Noth um gute und rechtliche Führer, die nicht mit den Hotelbesitzern unter einer Decke spielen. Wir haben böse Erfahrungen gemacht, benutzen aber diese Gelegenheit, allen Reisenden den Führer Franz Eichhorn aus Arth (am Fuße des Rigi, Zuger See) als einen eben so dienstwilligen, bescheidenen, wie erfahrenen Begleiter in dem Gebirge zu empfehlen. Es vermehrt die Freuden der Reise, einen Mann an der Seite zu wissen, auf den man sich in jeder Beziehung verlassen kann.   Die Redaction.
  2. Es ist eine Eigenthümlichkeit der meisten Schweizerführer, daß sie auf jede Frage mit dem stereotypen „Ja, Herr“ antworten. D. Verf.
  3. Eine ähnliche Situation scheint der bekannte Jagdmaler: Straßgschwendter in seinem vortrefflichen Bilde: „Adler, seinen Horst vertheidigend“, benutzt zu haben. Der Verleger seines prachtvollen „Jagdalbums“ hatte die Freundlichkeit, uns die Nachbildung dieses einen Blattes für unsere Gartenlaube zu erlauben und wir danken ihm dafür, indem wir zugleich alle Jagdfreunde auf das Kunstwerk aufmerksam machen. Das Jagdalbum enthält 34 Blatt in Tondruck, Scenen aus der nieder- und hohen Jagd, sämmtlich meisterhaft in Auffassung und Ausführung.
    Die Redaction.