Die Gans beim Martinsschmause

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Stanislaus von Jezewski
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gans beim Martinsschmause
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 760
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[760] Die Gans beim Martinsschmause. In Deutschland herrscht vielfach die Sitte, daß im November Gastwirthe ihre Stammgäste zum „Martinsschmause“ einladen, wobei in festlich geschmückten Zimmern einige Schoppen Bier oder Wein getrunken werden und die Gans oder seltener der Karpfen das Hauptgericht bildet. Jahr aus, Jahr ein füllen sich bei dieser Gelegenheit die Räume unserer Gasthäuser mit lustigen Zechern an – aber nur wenigen darunter dürfte die Thatsache bekannt sein, daß dieses Fest, wiewohl in anderer Form, bereits die alten Germanen gefeiert haben.

Die Religion unserer heidnischen Vorfahren befaßte sich wenig mit abstracten Ideen. Wie sie selbst in steter Wechselbeziehung mit der Natur standen, so waren ihre Gottheiten und ihre Feste mit großen Naturerscheinungen eng verbunden. Der in jedem Jahre wiederkehrende Wechsel zwischen Sommer und Winter wurde feierlich begangen. So sind uns noch aus dem Mittelalter die Feste: Maigreven, Abholung des Maigrafen, des Maikönig etc. überliefert worden, und die heutigen Maiausflüge oder Maigänge, an denen sich Alt und Jung mit gleicher Freude zu betheiligen pflegt, sind ohne Zweifel aus jener Sitte hervorgegangen.

Aber wenn der Sommer zu Ende war, wenn den Himmel graue Herbstwolken verhängten und zahllose Vögelschaaren sich auf den Fluren sammelten, um ihre Wanderung in warme Länder anzutreten, dann pflegten die Heiden, bei welchen die Jahreszeiten die zeitweilige Uebermacht gewisser Gottheiten bedeuteten, dem Spender der Ernte und der Früchte, des Glückes und des Reichthums ein Opfer zu verrichten.

Leider fehlen uns nähere Angaben über die Einzelheiten dieses dem Wuotan zur Ehre abgehaltenen Herbstdankfestes. Denn als das Christenthum bei den nordischen Völkern Verbreitung gefunden hatte, suchten die Bekehrer das Heidenthum im Volke dadurch zu schwächen, daß sie den alten Feierlichkeiten und Volksfesten einen christlichen Anstrich verliehen. So wurde auch für das Herbstdankfest der St. Martinstag festgesetzt. Von den auf dieses Fest bezüglichen alten Bräuchen haben sich (vergl. „Gartenlaube“ 1864, S. 734) nur die Martinsgans, das Martinshorn (ein Gebäck) und der Martinstrunk, bei welchem der neue Wein geprüft wurde, erhalten. Interessant erscheint dabei die Bedeutung der Gans.

Als unsere Vorfahren am Herbstdankfeste dem Sommer den Abschiedsgruß gaben, erwachte in ihnen bange Besorgniß, wie der herannahende Winter ausfallen werde. Um nun den Schleier der Zukunft ein wenig zu lüften, verlegten sie sich auf kleine Auspicien. Die Vögel, welche sich regelmäßig vor dem Einbruch des Winters entfernten, mußten ja auf irgend eine Weise eine Vorahnung der Strenge des herannahenden Winters haben. Da man aber in das Seelenleben der Thiere nicht einzudringen vermochte, so prophezeite man einfach aus der Beschaffenheit des Brustbeines der Gans. Grimm hat in seiner Mythologie folgende darauf bezügliche Stellen verzeichnet:

„. . . und was müssen nicht die brustbeine der capphahnen, gänse und enten vor prognostica herlehnen? sind dieselben roth, so urtheilen sie eine anhaltende kälte, sind sie aber weiß, klar und durchsichtig, so werde das wetter im winter erleidlich sein.“

Ferner:

„wie dann das bein in meiner brust,
das trag ich auch nit gar umbsust,
denn man darin kann sehen wol,
wie es im winter wintern soll,
und mancher sich danach fast helt,
und mich für einen propheten zehlt.“

Dieselbe Sitte des Schmauses und der Prophezeiung aus dem Gänsebrustbeine hat sich auch bei den slavischen Völkern, vornehmlich bei dem polnischen Volke erhalten. Auch in den Büchern Veda’s ist die Gans als prophezeiender Vogel beschrieben.

In vielen Städten Norddeutschlands erscheint bis heute das Martinsmännchen, wie am Weihnachtsabend der Knecht Ruprecht; es läßt die Kinder beten und beschenkt sie mit Aepfeln und Nüssen. – –

Wie sehr haben sich die Verhältnisse geändert! Nur auf der Bühne herrscht heute der einst so mächtige Wotan; die scharfe Kritik der Vernunft hat aus der Religion den Heiligencultus gestrichen – aber die alte Sitte der jährlichen Herbstzusammenkünfte dauert, wenn auch in verkümmertem Zustande, fort und fort.
St. v. J.