Die Gartenlaube (1858)/Heft 1

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1858
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[1]

No. 1. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Das selbstbewußte Weib.


I.

„Verzeihung, Arthur? Diese hast Du schwerlich nöthig,“ sagte die Dame mit kaltem Lächeln; „Du warst mündig und durftest wählen, wie es Dir beliebte, und wenn Deine Wahl meine Hoffnungen getäuscht und meine Absichten durchkreuzt hat, so ist das doch wohl kaum so wichtig, um dafür Verzeihung oder – wenn Du willst – meine Anerkennung nachzusuchen; diese habe ich Dir bereits gewährt.“

„Ich wünschte, Sie sagten dies mit mehr Herzlichkeit, Mutter,“ erwiderte Arthur ernst; „trotz der Freundlichkeit Ihrer Worte fühlt mein Herz frostig und schwer.“

„Beruhigen Sie Ihren Gatten, da die Worte seiner Mutter keine Macht über ihn haben,“ sagte die Mutter, noch immer mit demselben sonderbaren harten Lächeln, während sie sich zu einer hübschen jungen Frau wendete, welche furchtsam im Hintergrunde des Gemaches stand, und deren Hand sie ceremoniös erfaßte.

„Es ist seine Liebe zu Ihnen, die ihn so zweifelhaft macht,“ stammelte die schöne Gattin, indem sie einen sanft klagenden Blick auf ihren Gemahl warf.

„Ich forderte Sie auf, die Sache zu Ende zu bringen, nicht, mir die Ursache davon zu erklären,“ erwiderte die Dame. „Ich fürchte, Sie sind eben nicht von sonderlicher Fassungskraft. Sie kommen leicht in Verlegenheit und bedürfen der Selbstbeherrschung, sehe ich; auch erröthen Sie und Ihre Contur verliert an Grazie, während sie ungeschickte Anstrengungen machen, Entschuldigungen zu stammeln. Da wird gar Vieles zu verbessern sein, bevor Sie für das Gesellschaftszimmer meiner Freunde und Ihres Gatten Gesellschaft tauglich sein werden.“

Sie lachte. Es war ein gemeines, erzwungenes, hochmüthiges Lachen, welches der armen jungen Gattin Bangigkeit vollständig machte. Sich zu ihrem Gemahl flüchtend, stürzte sie in seine Arme und begrub ihr Antlitz in seinen Busen. „Ach, Arthur,“ sagte sie traurig, „bringe mich fort von hier, bring’ mich fort!“ und brach dann in Thränen aus.

Madame Alster ergriff ruhig die Klingel und schellte. „Ein Glas Wasser, Johann!“ rief sie dem eintretenden Diener entgegen. „Sage dem Kammermädchen, sie solle Dir die Phiole mit flüchtigem Salze geben. Die junge Dame ist hysterisch.“

Der Ton und die Manier, mit welchen die Dame diese Worte sagte, zeigten von unbeschreiblicher Verachtung. Aber eben diese befreite die junge Frau von ihrer Schwäche rascher, als Wasser oder flüchtige Salze vermocht hätten. Auch fühlte sie, daß Arthur’s Herz unter ihrer Hand schlug, und es war ihr, als ob er mit ihr nicht recht zufrieden sei, obwohl er sie umfaßt hielt und freundlich an sich drückte, wie wenn er in stummer Weise sie seiner Zärtlichkeit und seines Schutzes versichern wollte. Das arme Kind fürchtete wirklich, sie habe sich thöricht benommen und verdiene sein Mißfallen.

„O, es ist nichts!“ rief sie, indem sie zu lachen versuchte und ihre glänzenden braunen Locken schüttelte, welche in Unordnung über ihr Gesicht gefallen waren. „Ich bin ganz wohl jetzt – es ist nichts – es thut mir sehr leid –“ fügte sie hinzu, während sich ein leiser Seufzer über ihre Lippen stahl.

„Sind Sie oft hysterischen Anfällen ausgesetzt?“ fragte Madame Alster, während ihre graublauen Augen finster auf ihr ruhten. „Das muß Ihnen sehr unbequem sein, sollte ich meinen; auch dürfte sich so etwas schwerlich für Arthur’s Gemahlin schicken. Trage das Glas Wasser und die Phiole wieder fort, Johann,“ fuhr sie zu dem Diener fort, der auf einem silbernen Teller die genannten Sachen herbeibrachte. „Doch nein, laß sie hier. Sie könnte wieder einen Anfall bekommen.“

„Ich versichere Sie,“ rief Arthur, „ich sah meine Frau noch nie so nervös. Gewöhnlich ist sie ebenso stark als heiter. Niemals sah ich sie so zittern.“

„Wirklich? Wie unglücklich, daß sie mich, und sogar schon bei unserer ersten Zusammenkunft, für die Schaustellung einer Schwäche ausgewählt hat, die, wie ich glaube, von gewissen Leuten interessant genannt wird, in meinem Auge aber kindisch ist, ja sogar als temporärer Wahnsinn erscheint. Kommen Sie,“ fügte sie hinzu, während sie sich es in einem Sessel bequem machte und mit etwas weniger erbarmungsloser Ueberlegung redete, „wir haben nun die erste Zusammenkunft überstanden, bei welcher Ihr wahrscheinlich, da Ihr gewissermaßen die Delinquenten waret, mehr gelitten habt, als ich. So wisset denn, daß ich sehr wohl all’ die persönliche Mißachtung überschaue, die in Eurer geheimen Heirath gelegen hat. Mich durchzucken noch, Arthur! der verwundete Stolz und alle die Täuschungen, denen mich Deine Heirath unter Deiner Stellung ausgesetzt hat. Ich bin eine Frau von schlichten Worten, Bernhardine. So ist ja wohl Ihr Name, nicht? War mir doch, als wären Sie zusammengefahren, und hätten erstaunt aufgeblickt, als ich Sie so nannte. Doch das thut nichts. Ich lade Euch Beide ein, mit mir so lange auf Distelfeld zu leben, als es Euch gefallen wird. Lassen wir nun diesen Gegenstand fallen. Das Kammermädchen wird Sie, meine junge Dame, in Ihr Zimmer weisen, sobald Sie zweimal die Glocke ziehen, und ich darf wohl sagen, mit der Zeit werden wir erträglich gut bekannt werden.“

[2] „Arthur, theurer Arthur! was soll aus mir werden, wenn Deine Mutter nicht mild gegen mich wird!“ rief Bernhardine, als sie mit ihrem Gatten allein war.

„Habe Geduld mit ihr, Geliebte, nur auf einige Tage Geduld,“ erwiderte Arthur beschwichtigend. „Sie hat viele Sorgen in ihrem Leben gehabt, und das hat sie härter gemacht, als sie von Natur ist. Es ist mir nicht möglich zu glauben, daß sie stets so sonderbar sein werde, Bernhardine; Deine Herzensgüte, Dein gewinnendes Wesen werden ihre Härte überwinden, ja zwingen, die zu lieben und zu achten, die nur gekannt zu werden braucht, um gewiß geliebt zu werden.“

„Ach, Arthur, nie habe ich Deine Worte so hoch geschätzt als heute!“ rief das junge Weib mit einem Blicke und einer Bewegung voll rührender Zärtlichkeit. „So lange Du mich liebst, an mich glaubst und Dich meiner nicht schämst, mag die ganze Welt spotten — ich werde doch stolz und selig sein.“

„Die ganze Welt soll Dich ehren,“ sagte Arthur lachend, „doch komm und bade Deine großen, blauen Augen, vergiss die Außenwelt, und sei glücklich in unserer Liebe. Begegne meiner Mutter künftighin mit mehr Ruhe und ohne alle Gezwungenheit. Laß sie so wenig als möglich in die Welt Deiner Gefühle blicken. Einen siegreichen Feind wird sie ehren, wenn sie es auch nicht zeigt, und zwar vielleicht mehr, als sie Erbarmen haben würde mit einem überwundenen. Sie achtet tugendhafte Willensstärke und Entschiedenheit selbst dann, wenn sie gegen sie selbst gerichtet sind; dagegen verachtet sie Furchtsamkeit, Gehorsam, der nur dulden kann, und Reizbarkeit in solchem Maße, daß sie unwillkürlich die Tyrannin dieser Eigenschaften wird. Fürchte sie nicht, vertheidige Dich und es wird sich Alles ganz gut machen. Wird Deinem Herzen der Kampf schwer, so bin ich da, Dir beizustehen.“

„Arthur, ich wollte, ich müßte für Dich etwas Entsetzliches thun. Ich fühle, als ob ich für Dich und Deine Liebe das grausamste Martyrthum überstehen könnte; ich könnte sterben für Dich —“

„Aber meiner Mutter wagst Du nicht zu widerstehen? Ist es so? Mein süßes Lieb, ich weiß etwas Besseres als sterben, Du sollst für mich und mit mir leben. — Mich soll’s doch wundern, ob Du nach einigen Jahren unserer Verheirathung eben so reden wirst. Laß sehen, wie viele Tage sind wir verheirathet? Sechsundzwanzig, richtig, sechsundzwanzig. Wir sind also fast am Ende unseres Honigmonats, meine holde Bernhardine.“

II.

„Bernhardine scheint mir seit ihrer Ankunft wirklich schon etwas vorgeschritten zu sein,“ sagte Madame Alster eines Morgens zu ihrem Sohne; „sie ist weniger tölpisch und unmanierlich, als sie war.“

„Tölpisch ist wohl nicht das Wort, das ihr jemals zukam,“ entgegnete lebhaft Arthur. „Sie ist blos scheu und von ihrer Kindheit dem Weltleben fremd gewesen. Ich halte sie für sehr anmuthig.“

Madame Alster zog die Augenbrauen.

„Bedenken Sie ihre Jugend!“ fuhr Arthur fort, indem er seiner Mutter Blick beantwortete. „Sie ist noch nicht zwanzig und war nie vorher in so ausgewählter Gesellschaft.“

„Wie sonderbar!“ begann von Neuem die Mutter, und gleichsam zu sich selbst sprechend, „ja, es ist ein eigenthümlicher Anblick, Männer von Geist, Reichthum. Erziehung, Rang mit Frauen verheirathet zu sehen, die in allen diesen Beziehungen unter ihnen stehen. Man sollte glauben, Geist, Reichthum, Erziehung und Rang müßte ihren Geschmack so verfeinert haben, daß sie in der Wahl einer Lebensgefährtin sehr wählerisch sein müßten. Aber gerade diese Männer heirathen so oft unter ihrer Sphäre. Statt ein Weib zu wählen, das den Anforderungen ihrer socialen Stellung zu entsprechen vermöchte, sind sie blos darauf bedacht, das zu wählen, was ihrem Auge gefällt, und das nennnt man Liebe. So thatest Du, Arthur, als Du Bernhardine wähltest. Um wie viel besser würde für Dich Fräulein Waldheim gepaßt haben.“

„Fräulein Waldheim?! Ei, da hätten Sie eben so gut fordern können, ich hätte eine Statue heirathen sollen. Sie ist ein schönes Mädchen, das gestehe ich, doch ohne alles Leben, ohne einen Tropfen Blut in ihren Adern.“

„Das mag sein. Doch sie war das rechte, für Dich ganz passende Weib. Sie paßte zu Deinem Alter, zu Deinem Range; ist ganz geeignet die Tonangeberin ihrer Gesellschaft zu sein, wie es sich geziemt für Dein Weib; dazu ist sie reich, von guter Herkunft und besitzt kurz und gut alle Eigenschaften, welche die einstige Besitzerin von Distelfeld haben sollte. Du mißachtest solche offenbare Harmonie der Umstände, und für was? für einen guten, kleinen blauäugigen Niemand, der nicht weiß, wie er eine Edeldame zu empfangen hat, ja nicht weiß, mit welchem Fuße man in den Wagen steigen soll.“

„Aber dieser kleine, blauäugige Niemand besitzt Güte, Liebe, Unschuld und Beständigkeit —“

„Sei kein Thor, Arthur!“ unterbrach Madame Alster. „Ich bitte Dich, was hast Du an dieser excessiven Naturplastik? Es wäre Alles ganz schön, wenn diese Eigenschaften nur für Dich da wären und glänzten, so lange Du an ihrer Seite bist und sie beeinflussest. Wie aber, wenn Du fern bist, wird nicht dieselbe Fügsamkeit, die Dich so anzieht, sie auch gar bald unter den Einfluß eines Andern bringen? Thörichter Junge, Du hast Dich mit der unerträglichsten aller Bürden – mit der Schwäche und Unfähigkeit einer lebenslangen Gefährtin beladen. Widersprich nicht! oder Du machst mich ärgerlich. Ich weiß, sie ist liebenswürdig, bezaubernd und gut von Herzen, aber sie hat nicht mehr Kraft, Selbstvertrauen, gewöhnlichen Menschenverstand und Manier, als ein Kind. Und das weißt Du so gut als ich. Da ist sie. – Ich sprach so eben von Ihnen, Bernhardine. Sind Sie heute wohl?“ fragte sie plötzlich.

„Ja wohl, ich danke Ihnen, ich bin gesund,“ entgegnete Bernhardine, die jedes Mal nervös wurde, sobald sie mit ihrer Schwiegermutter zusammen sein mußte oder gar zu sprechen gezwungen war.

„Das schien mir nicht. Ihre Augen haben einen blauen Rand und Ihr Haar, wie hängt das so matt herab! Wollen Sie heute mit mir ausfahren?“

„Wenn es Ihnen gefällig ist,“ sagte Bernhardine.

„Oder mit Ihrem Gemahl?“

„Wie es Ihnen oder Arthur lieber ist.“

„Meine liebe junge Dame,“ sagte Madame Alster mit einem ihrer steinharten Blicke, „wann werden Sie lernen einen eigenen Willen zu haben!“

„Ja, Bernhardine, ich wünsche, Du sagtest stets das, was Du wirklich vorziehst, sobald Du gefragt wirst,“ sagte Arthur mit einem leisen Anfluge von mürrischem Wesen.

„Ich fürchte, ich bin selbstisch und unbedachtsam gegen Andere,“ rief Bernhardine hastig. „Aber wenn Sie erlauben, so fahre ich lieber mit Arthur.“

„Du weißt, ich fahre heute nach Blenheim, um das junge Pferd zu sehen, welches mein Freund kürzlich gekauftt hat, dahin kann ich Dich füglich nicht mitnehmen,“ sagte Arthur noch immer etwas gereizt.

„Da sieh, was hab’ ich davon, wenn ich wähle!“ rief fast weinerlich Bernhardine und machte einen unglücklichen Versuch, zu lächeln und heiter zu scheinen. Dagegen entfielen ihren Augen Thränen; denn während der drei Wochen, während welcher sie mit ihrer hochmüthigen Schwiegermutter zusammen gewesen, hatte sie sich in einem Zustande chronischer Niedergeschlagenheit befunden.

„Würde es nicht weit anständiger sein, wenn Sie nicht weinten, sobald man zu Ihnen spricht?“ sagte die mitleidlose habichtäugige Dame.

„Ich weine nicht!“ rief kühn Bernhardine.

„Nicht? Was ist denn das an Ihrer Hand? Ist das keine Thräne? Pfui! Sie müssen nicht lügen; es ist das das gewöhnliche Laster der Schwachen.“

Arthur begab sich an’s Fenster, blaß von unterdrückter Aufregung. Diesen Augenblick haßte er Bernhardine. Die junge Frau hatte eine schlaflose Nacht gehabt, kein Wunder, wenn sie unter dem Drucke ihrer Schwiegermutter sich nervöser fühlte, denn sonst. Sie versuchte, sich zu beruhigen. allein es gelang ihr nicht; sie fühlte, wie Etwas in ihr nachgab, und leise seufzend sank sie kraftlos auf die Kissen der Ottomane, auf welcher sie saß; eine tiefe Ohnmacht umfing sie.

In diesem Augenblicke hörte man Besuch ankommen.

„Bernhardine!“ rief Madame Alster, „Bernhardine! Bei Gott, Arthur, das Kind ist ohnmächtig!“

Ehe man Befehle ertheilen oder zu Hülfe eilen konnte, riß der Diener die Flügelthüre auf und herein trat eine junge Dame, [3] schön gleich einer Statue von würdevollem Anstand; es war Fräulein Waldheim, dieselbe, welche Madame Alster für Arthur bestimmt hatte.

Ruhig sah der Besuch mit dem Augenglase auf die ohnmächtige Bernhardine, wandte sich dann voll Grazie ab und sagte, wie Madame Alster selbst schon geäußert hatte: „Wie unpassend!“

Arthur erröthete, um bald darauf wieder todtenbleich zn werden.

„Gut,“ sagte Madame Alster grausam lächelnd zu sich, „der erste Schlag hat sicherlich getroffen.“

Während das Kammermädchen der Ohnmächtigen beisprang, leitete Madame Alster ihren Besuch in die innern Gemächer. An der Thür blieb sie stehen und, zu Arthur sich wendend, der sich ebenfalls mit Bernhardinen beschäftigte, sagte sie:

„Ueberlaß Deine Frau meinem Mädchen.“

Arthur jedoch wollte davon nichts hören; er blieb und bemühte sich, seine ohnmächtige Frau wieder zu sich zu bringen.

„Was für ein Muster von einem Gatten!“ sagte Fräulein Waldheim, aber mit einer so ruhigen Stimme, daß Niemand wissen konnte, ob sie bewundernd oder ironisch gesprochen hatte. Arthur war in schlimmer Stimmung und geneigt, Alles im schwärzesten Lichte zu betrachten. Er nahm ihr Wort als schneidende Satire auf und Bernhardine gewann bei diesem Glauben nicht. Zum ersten Male stieg in ihm der Gedanke auf: „ich wollte, ich hätte gewartet.“

Madame Alster verstand die Kunst – Niemand wußte genau wie – jede Person unverständig, lächerlich, unangenehm und schlecht erzogen erscheinen zu lassen. Das ging jedoch nicht daraus hervor, daß jede andere Person neben ihrer Verständigkeit, würdevollen Haltung und guten Erziehung verlieren mußte, sondern von dem geraden Gegentheile. Ihre Manieren zeigten den unverhüllten Hochmuth und eine Anmaßung von Superiorität, die durch nichts erschüttert zu werden schien. Sie war ohne Zweifel eine hübsche Frau, aber nicht von der Art, welche andere Schönheiten in Schatten stellt. Sie war von blutloser Blässe mit einem abschreckenden Blick und einem Grausamkeit andeutenden Kinnbacken. Ihr Haar war schon weiß; dagegen waren ihre dicken geraden Augenbrauen noch schwarz wie Ebenholz. Die graublauen Augen lagen tief in ihren Höhlen und hatten nichts von ihrem Feuer verloren. Die Linien zwischen den Augenbrauen gingen tief und die Runzel in der Mitte hatte etwas Abschreckendes. Ihre Nase war scharf, hoch und hübsch, und ihre dünnen Lippen schlössen sich leicht über kleine gerade, aber nicht weiße Zähne; ihr Kinn, ein Viereck bildend, wie die Stirn, war massiv und etwas hervorstehend.

Demnach kam ihre eigentliche Kraft, moralisch zu unterdrücken, nicht von ihrem Aeußern oder ihrer Grazie her, sondern von ihrer grausamen Gemüthsart. Sie sagte genau, was sie dachte, mochte es für den Hörenden noch so schmerzlich sein. Nie hatte Jemand bemerkt, daß sie ihre Worte aus Erbarmen oder Delicatesse gemildert hätte. Sie war stolz auf ihr Geradezusein, ihre Ehrenhaftigkeit und ihren gänzlichen Mangel an falschem Zartgefühl. Kam sie zum ersten Male mit einer Person zusammen, so machte es ihr Vergnügen, deren Kraft zur Selbstvertheidigung zu prüfen. Gab diese entweder aus Furchtsamkeit oder Artigkeit nach, so setzte sie gleichsam ihren Fuß auf des Fremdlings Nacken und zog ihn nie freiwillig wieder zurück. Opponirte man ihr, so haßte sie wohl, aber sie achtete doch auch ihren Gegner. Das Einzige, was sie achtete, war Kraft und die einzige Person aus ihrer Nachbarschaft, gegen welche sie sich nie insolent zeigte, war Fräulein Waldheim. Denn diese, obschon von verschiedener Natur, war ein furchtloses, sich geltendmachendes Wesen, gerade wie Madame Alster, das es von Keinem litt, daß man ihr zu nahe kam. Sie waren nicht Rivale, sie waren, jede in ihrer Weise, Königinnen, die ihre beiderseitigen Rechte respectirten.

Bernhardine würde, hätte diese nicht ihren Sohn geheirathet, nur von ihr gründlich verachtet worden sein, so aber ward sie mit überlegtem Haß beehrt. Da die Heirath geschehen war und nicht ohne Zustimmung ihres Sohnes aufgelöst werden konnte, so ließ sie wenigstens ihren vollen Mißmuth an dem armen Kinde aus, das stets fühlte, als ob es unaufhörlich mit Nadeln gestochen würde. Die arme junge Frau verlor unter diesen Peinigungen ihre körperliche Grazie, die einst nicht wenig dazu beigetragen hatte, daß sie ihres Gatten Herz gewann. Auch Arthur entging nicht dem Einflusse seiner Mutter durch deren ewiges Besingen der Mängel seiner Frau. Zuerst lernte er diese zu entschuldigen, dann sie zu kritisiren – und die Kritik fiel nicht immer zu ihren Gunsten aus – und endlich fing er an, sich ihrer ein wenig zu schämen. Tiefern Fall verhütete glücklicher Weise noch sein Stolz und sein männlicher Sinn, aber eine schwere Gefahr lag vor ihm, die um so gefährlicher war, als er sie sich nicht eingestand.

Inmitten aller dieser gefährlichen Anfänge mußte Arthur Geschäfte halber, die kluger Weise für ihn aufgespart worden waren, verreisen und Bernhardinen dem Schutze seiner Mutter überlassen. Kaum war Arthur’s Wagen verschwunden, als Madame Alster sich niedersetzte und einen Brief an ihren Cousin Alphons schrieb, den Bruder Liederlich der Familie, den hübschesten Gardeofficier und, wie man behauptete, den glücklichsten Damenfänger seiner Zeit.

III.

Bernhardine, welche nicht wenig erschrocken war, als sie vernahm, sie werde mit ihrem Quälgeiste, ihrer Schwiegermutter, allein sein müssen, erstaunte höchlichst, als plötzlich diese eine ganz Andere wurde. Madame Alster legte ihre harte, insolente Manier bei Seite, ward gütig, freundlich, bedachtsam, hörte auf Fehler zu finden und wurde sogar einschmeichelnd. Bernhardine, die gar gern ihre Schwiegermutter eben so sehr zu lieben wünschte, als sie diese fürchtete, fing an ruhig, heiter und kindlich zu werden, ja sie tadelte sich wohl gar, daß sie in ihrem Urtheil zu voreilig und wohl zu empfindlich gewesen sein dürfte. So hatte sie einige Tage recht glücklich verbracht, trotz der ihr bisher fremd gewesenen Betrübniß, welche jede junge Frau beschleicht, wenn sie sich zum ersten Male von ihrem geliebten Gatten trennen muß, – als eine Kutsche vorfuhr, aus welcher ein feiner, hübscher junger Mann mit blauen Augen, mit wohlgehaltenem Schnurrbart, weißen Zähnen und mit militairischem Anstand und Lustigkeit heraussprang. Dieser küßte Madame Alster fast so feurig, als ob er eine schöne junge Dame vor sich hätte, und schien überhaupt so im Hause zu Haus zu sein, als ob er Herr von Allem wäre, was sich darin befand, obschon er eben die Schwelle überschritten hatte. Cousin Alphons war es.

Niemals gab es einen angenehmern Gesellschafter, als dieser Cousin Alphons war. Scherze und belustigende Anekdoten flossen von seinem immer heitern Munde. Voll Ritterlichkeit gegen die Damen, soweit diese mit dem modernen Behaben vereinbar ist, war er voll Achtung bei aller Vertraulichkeit, und selbst seine Familiarität so voll Wohlwollen und männlich, daß er nie mit Jemand in Streit gerieth. Viele liebten ihn, weil sie wußten, er besitze die beste Seele von der Welt. Alle diese Eigenschaften machten ihn zu einem gefährlich angenehmen Gesellschafter für die meisten jungen Damen. Aber wenn auch Alphons ein Bruder Liederlich war, so hatte er doch das Herz am rechten Flecke. Liebte er auch Unfug, so war er doch fern von Bosheit und Laster.

Anfangs benahm sich Bernhardine scheu gegen ihn. Sie wollte matronenhaft und würdevoll erscheinen. Aber Cousin Alphons lachte ihr das alles heraus, und in unglaublich kurzer Zeit, setzte er sich mit ihr auf den denkbar bequemsten Fuß. Tante Alster, wie er sie nannte, übergab das junge hübsche Weib seiner Fürsorge, und zwar auf eine etwas stark auffallende Weise für Jeden, der sie kannte, da sie selbst so sehr auf Alles hielt, was Anstand hieß. So zum Beispiel fand es Bernhardine bedenklich, mit ihm allein auszureiten. Denn sie legte sich immer die Frage vor: Würde das wohl meinem Arthur recht sein? und nach der von ihrem Gefühle gegebenen Antwort entschied sie. Doch ihre Schwiegermutter schlug ihre Bedenken mit den Worten nieder: „Wer ist wohl der beste Beurtheiler dessen was anständig ist, ich oder Sie? Und wenn ich sage, daß Sie mit Ihrem Cousin ausreiten dürfen, so sagt Ihre entgegenstehende Aeußerung nichts Anderes, als daß ich ein unsicherer Führer für Sie bin, und daß meine Gewohnheiten und Ansichten sich nicht für Sie so eignen, um sie annehmen zu können.“ Solche Autorität schlug jedes Bedenken nieder.

Bernhardine schrieb täglich an ihren Gatten. Sie hatte eigentlich wenig zu sagen, außer ihrer Liebe für ihn, und wie angenehm sich Cousin Alphons mache. Er war das einzige Factum, das sie für jetzt zum Gegenstande ihrer Erzählungen machen konnte. Nun aber bestand zwischen Cousin Alphons und Arthur seit langer Zeit eine bedeutende Spannung, obgleich Jeder von ihnen es vermied, die Feindseligkeiten offen ausbrechen zu lassen. Arthur nannte Alphons frivol, dieser Arthur’n einen ehrwürdigen, geistlichen Herrn etc. [4] Als daher Arthur las, daß Alphons auf seinem Gute sei, wurde er wüthend. Er wunderte sich über seine Mutter, schimpfte auf Alphons und nannte seine Frau eine Thörin; dann aber gedachte er auch dessen, was seine Mutter über Bernhardinens Fügsamkeit sich Andern anzuschmiegen gesagt hatte, und seine Eifersucht verdoppelte sich. In diesem Gemüthszustande empfing er einen Brief von seiner Mutter. Nach einigen Präliminarien über Geschäftssachen sagte das Schreiben, wie folgt:

„Es ist wirklich recht amüsant, Bernhardinen und Alphons bei einander zu sehen, sie spielen zusammen, als ob sie noch Kinder in der Kinderstube wären. Bernhardine ist allerliebst geworden und ist voll Geist und Leben. Himmel, was ist aus dem einst so thränenreichen, nervösen, niedergeschlagenen Schulmädchen geworden! Weißt Du, Arthur, ich glaube wirklich, Du hast das Kind zu sehr commandirt, Alphons dagegen ermuthiget sie. Er ist bezaubert von ihrer Unbefangenheit und ihrem Muthwillen, und sie von seinem stets heiteren Wesen und seiner Artigkeit. Und er ist ohne alle Frage ein äußerst einnehmender Bursche, wenn ich auch nicht Bernhardinens Enthusiasmus für ihn ganz und gar theilen kann. Denke Dir, gestern Abend sagte sie sogar, sie wollte, Du glichest ihm mehr. Für meine Person ist mir jede Individualität heilig; ginge es mir nach, ich duldete kein moralisches Flickwerk. Fräulein Waldheim ärgert mich, daß sie von Alphonsens Wesens abgestoßen wird. Gestern Abend machte sie sogar ernstlich Deiner Frau Vorwürfe über ihre offenbare Parteilichkeit, die Bernhardine aber Vetterschaft nennt. Da aber traf sie ein stolzer Blick von Fräulein Waldheim, und die kleine Bernhardine floh zu Alphons – zu Cousin Alphons, wie sie ihn nennt, daß er sie schütze.“

Arthur hatte genug gelesen. Er zerknitterte den Brief in seiner Hand, bedeckte dann sein Gesicht und stöhnte, und mehrere Tage vergingen, ehe er an seine Frau zu schreiben vermochte, die sich sein Schweigen gar nicht zu erklären wußte. Denn bisher hatte er nach der gewöhnlichen Weise junger liebender Ehemänner jeden Tag geschrieben, jetzt aber war er zu mißtrauisch, um seiner Feder den natürlichen Lauf zu lassen, und zu stolz, um sein Mißtrauen zu verbergen, und so beschloß er denn zuletzt, das Schreiben ganz zu unterlassen. Seine arme Frau litt darunter unbeschreiblich. Sich keiner Schuld bewußt, blieb ihr nichts übrig als zu glauben, er sei krank oder es sei ihm ein entsetzliches Unglück passirt. Ihre aufgeregte Phantasie sah ihn von einem die Hauptstadt durchrasenden Wagen überfahren, gerädert, todt. Es war eben so peinlich als rührend, das arme Wesen sich so selbstquälend und ängstigend zu sehen; nur ihre Schwiegermutter ward dadurch nicht blos nicht gerührt, sondern sogar zu verspottendem Hohn bewogen. Alphons aber bemühte sich von Herzen, sie zu beruhigen. Endlich kam am vierten Tage ein kurzer, gehaltener, kalter Brief. Es war nichts darin, das sie verwundet hätte, aber auch nichts, das sie erfreute. Bernhardine wünschte beinah, er hätte ihr gar nicht geschrieben, nur war sie froh und dankbar, ihn wohl zu wissen, und daß nichts Schlimmes ihm zugestoßen war.

Sie antwortete ihm, als wenn keine Wolke ihren Ehehimmel verdüsterte, und erlaubte sich keine Bemerkung. Sie erzählte ihm alles das, was sie gethan hatte, wobei sich hie und da Alphonsens Name mit beimischte, je nachdem die Thatsache es der Wahrheit gemäß verlangte. Unter anderem erzählte sie auch, wie gütig seine Mutter zu ihr sei, und wie angenehm Fräulein Waldheim sein könnte, wenn sie nur wollte. So sei sie es besonders vor einigen Tagen gewesen, da sie und Cousin Alphons mit einander bei ihr zum Besuch gewesen waren.

„Meine Mutter hatte Recht,“ sagte Arthur zähneknirschend. „Bernhardine hat das gemeine Laster der Schwachen, sie ist nicht beständig, nicht wahr. Und dieser Brief, der die Güte der Mutter und die Cordialität der Waldheim rühmt, ist ein Beweis davon. Ich war ein Thor. Wie konnte ich erwarten, daß ein Frauenzimmer, das nicht von meiner Stellung ist, die Gefühle einer durchaus wohlerzogenen Edeldame besitze und feinfühlend und treu sei einem so gewöhnlichen Lockvogel und Windbeutel gegenüber, wie jener da ist. Wie kalt sie schreibt! Sie erwähnt nicht einmal meines langen Schweigens. Es bleibt nichts übrig, wir müssen uns trennen, und die Sache muß noch in diesem Monate zu Ende kommen. Schrecklich, sich schon drei Monate nach der Verheirathung trennen zu müssen! Ein schlechtes Zeugniß das, für Ehen aus Liebe! Hätte ich den Burschen hier, ich stieße ihm das Messer in seine falsche Brust!“ Und mit diesen Worten ergriff Arthur das Messer, das auf dem Tische lag, worauf sein unberührtes Frühstück stand, und warf es gegen die Thür, in welcher es stecken blieb. In Gedanken hatte er den Mord wirklich begangen.

(Schluß folgt.)


Ein Pirschpfad auf der Gemsjagd.
Von Fr. Gerstäcker.

Im Laufe des vorigen Jahres versuchte ich, den Lesern der Gartenlaube die Jagd auf Gemsen zu schildern, indem ich ihnen besonders das Auf- und Niedersteigen in den Bergen beschrieb. In der beifolgenden Zeichnung führe ich nun den Leser ein mal quer durch die Berge, und zwar auf einem der sogenannten Pirschpfade, die im Ganzen allerdings nicht gefährlich zu begehen sind, aber doch auch ihre sehr interessanten Stellen haben.

In unseren deutschen Wäldern kann der Leser überall „Pirschpfade“ sehen. Es sind schmale, durch Dickichte ausgehauene Gänge, in solcher Art angelegt, daß der Jäger geräuschlos darauf hinpirschen mag, und dabei zu Stellen geführt wird, auf denen das Wild entweder herüber und hinüber wechselt, oder zur Aeßung auf offene Waldwiesen tritt, oder auch wohl eine künstlich angelegte Suhle besucht.

Der eigentliche Gemsjäger nun kennt allerdings keine solche von Menschenhand angelegten Wege, denn mit Stock und Steigeisen klettert er eben in die Berge hinein, wie sie der liebe Gott ihm hingestellt hat, und sucht dem scheuen Wilde beizukommen, so gut das eben geht. Er nimmt sich dabei auch noch Zeit, und wendet volle Tage daran, einen einzelnen Bock zu beschleichen, oder auf seinem Wechsel zu warten, bis es ihm einmal gefällt, dort vorbeizukommen. Viele Schluchten, sogenannte Klammen, sind selbst ihm dabei unzugänglich, und er muß sie in weiten Umwegen umklettern, und gerade in solche Plätze stellt sich der Gemsbock am liebsten ein.

Die Gemse sucht überhaupt die schroffsten, unzugänglichsten Stellen, und nicht allein deshalb, weil sie dort am leichtesten und schnellsten einer plötzlichen Gefahr ausweichen kann, sondern weil auch gerade an solchen die süßesten Gräser und Kräuter wachsen. Im Wald und auf den Lannen fände sie Aeßung genug, und zwar viel reichlicher, als auf dem schroffen Geröll der Reißen und an den steilen Hängen, aber jenes Gras ist lange nicht so zart und süß, als das, was spärlich wächst, und die saftige, fast gewürzige Gemskresse liebt ebenfalls nur die sonnigsten und rauhesten Orte.

Für herrschaftliche Jagden sind aber die Pirschwege unumgänglich nöthig und zwar nicht allein für die Schützen selber, sondern besonders auch für die Treiber, und zwar, um die in den Bergen höchst werthvolle Zeit zu ersparen. Aber es kommt auch deshalb Alles darauf an, daß sie mit Umsicht eingerichtet und angelegt werden, wenn sie nicht mehr Schaden als Nutzen bringen sollen.

Hauptsächlich dienen sie dazu, die enormen Entfernungen in den Bergen zu kürzen, und manche „schieche" Schluchten überhaupt zugänglich zu machen, deren äußeren Rand man sonst nur berühren könnte; oder auch, wo sie an zugänglicheren Wänden hinführen, das Wild in Sicht zu bekommen, und dann – vom Pirschpfad ab – den eigentlichen Pirschgang erst zu beginnen. Vom Pirschpfad selber aus wird man selten ein Stück zum Schuß bekommen, es müßte sich denn rein zufällig dort in der Nähe äßen. Die Entfernungen in diesen Bergen sind zu gewaltig – das Revier ist zu entsetzlich ausgedehnt, seine Jagd auf einen solchen Pfad zu beschränken. Fast so nöthig, wie die Büchse für den Jäger, ist deshalb auch die Perspective, – Bergspectiv, wie es der Tyroler gar nicht übel nennt – mit diesem die mächtigen Wände und Hänge, Schluchten und vorspringende Felsen ordentlich und gehörig abzuäugen, und nach dem gesehenen Wild dann die Jagd gehörig anzuordnen, oder sich auch an das Wild hinanzupirschen.

[5]
Die Gartenlaube (1858) b 005.jpg

Der Pirschpfad.

Ich mag hier gleich bemerken, daß der Tyroler statt „treiben“, wenn nur ein oder zwei Jäger das Wild angehen riegeln sagt, und das Treiben selber einen Bogen nennt.

Natürlich sind aber auch diese sogenannten Pirschpfade in jenen Bergen außerordentlich ungleich und, wo es der Boden erlaubt, breit, bequem und sicher. Durch Laatschendickichte werden sie nur mit Beil oder breitem Messer ausgehauen, und an den, wenn auch steilen Graslannen hin hat die Spitzhacke leichte Arbeit, und [6] der Fuß des darauf Hinschreitenden findet festen und sicheren Halt. Gerade dort aber, wo sie in die schroffen Schluchten und Klammen führen müssen, den Weg abzuschneiden, den man sonst stundenweit auf- oder abwärts zu suchen hätte, ziehen sie sich nicht selten schmal und ängstlich an schroffen überhängenden Wänden hin, und der Wanderer, der sie betritt, mag sich vor Schwindel hüten.

Schon ihre Anlage ist an solchen Stellen, wie sich leicht denken läßt, mit nicht geringer Gefahr verbunden, und der Arbeitende muß nicht allein Tage lang über solchen Abgründen hängen, sondern sich auch Zoll für Zoll seinen Weg hinüberzwingen. Diese Leute sind aber alle schwindelfrei und schauen mit kaum einem andern Gefühl auf die blaue Tiefe zu ihren Füßen, als es der Seemann empfindet, wenn er auf die durchsichtige Woge schaut.

Der an der Oberfläche meist verwitterte Fels läßt sich allerdings ziemlich leicht aufschlagen, und bietet solcher Art keine weitere Schwierigkeit; trotzdem gibt es dort eine Menge von Stellen, wo der losgeschlagene Stein unmittelbar in Kirchthurmtiefe wegfällt und der Arbeiter darf ihm um Gottes Willen nicht nachschauen, sonst ist er verloren. Sie behaupten, daß der fallende Stein den Menschen gern mit nachziehe, und selbst die Jäger drehen das Gesicht vom Abgrund fort, wenn ihnen ein Stück Geröll unter dem Fuß losgeht und, die Wand hinunter stürzt.

Frisch angelegt, lassen sich diese Pfade zwar immer noch verhältnißmäßig leicht begehen, denn der Arbeiter muß auf die gefährlichsten Stellen immer einige Sorgfalt verwenden, um selber darüber hinzukommen. Das nasse Wetter im Winter aber, der Schnee, niederbrechende Lawinen und losbröckelndes Gestein nehmen sie arg mit, und wenn sie nicht oft und fleißig nachgesehen und ausgebessert werden, werden sie höchst schwierig, ja oft lebensgefährlich zu passiren.

Der obige Pirschpfad führt in Tyrol durch die sogenannten „Bockgräben“ – eine tief in den Berg eingerissene, furchtbar steile und wilde Klamme, und der Künstler hat nicht einmal die gefährlichste Stelle da aufgenommen. Nicht ganz in der Mitte zieht sich dieser Pfad nämlich unter einem überhängenden Felsen hin, der dem Jäger nicht einmal gestattet, sich ganz aufzurichten. Gebückt, den Oberkörper dem Abgrund zugedrängt, mußten wir den Ort passiren, während an einer Stelle sogar der Boden etwa drei Fuß lang weggebröckelt war, und uns zum Sprung nöthigte.

Die Leute nun, die ihre Lebenszeit in den Bergen verbrachten, und gar nicht anders gewohnt waren, als Felsen über sich und Luft unter sich zu sehen, liefen in vollkommener Gemüthsruhe darüber hin. Wir aber, die wir uns mehr in einem umgekehrten Verhältnisse wohl fühlen – das heißt lieber die Felsen unter und die Luft über uns haben, passirten den Weg doch mit Herzklopfen. Es war jedenfalls ein ganz häßlicher, und selbst in der Erinnerung sehe ich noch den blauen, düsteren Abgrund neben mir, und höre das Geröll unter unseren Füßen fortbröckeln, durch die Luft zischen, und nach langer, langer Zeit mit mattem Schall unten aufschlagen.

Das sind solche Momente im Leben, wo man fühlt, daß Einem das Leben selber nur an einem Faden hängt, und wo das Nachlassen einer Sehne, das Zucken einer Muskel schon, den Tod, den grimmen Tod zur Folge haben könnte. Und doch liegt auch wieder ein eigenthümlich wilder Reiz gerade in solcher Gefahr, die, so leicht gemieden, fast, unwillkürlich den Menschen anzieht, sich ihr hinzugeben. Lockt die Jagd – die Gemsjagd noch außerdem, dann hält die Leidenschaft uns auch schon oben.

So vortheilhaft nun aber diese Pirschwege, wenn richtig und sparsam angelegt, für die Jäger sind, so viel Nachtheil können sie der Jagd bringen, besonders wenn sie durch Gegenden führen, die von Hirten begangen werden.

Diesen nämlich sind solche Pfade, durch deren Hülfe sie oft einen bequemen Weg in’s Thal hinab, oder von Alm zu Alm finden, äußerst gelegen, und anstatt, wie sonst, ihren gewöhnlichen, vom Vieh begangenen und vom Wild gemiedenen Weg zu gehen, laufen sie jetzt so oft als möglich pfeifend, singend und jodelnd mitten durch’s Revier. Ja, sie treten in solchen Klammen oft sogar absichtlich Steine los, die Gemsen aufzuscheuchen, und ihren Spaß daran zu haben.

Natürlich lassen sich das die scheuen Thiere nicht lange gefallen, sondern meiden lieber ihre altgewohnten Aeßungsplätze, um stille nicht so häufig gestörte Schluchten aufzusuchen. Selbst wo dichte Laatschenbüsche und Wald den Hang bedecken, und der auf solchem Pirschweg Hingehende vollkommen gedeckt bleibt, ist ein solches häufiges Begehen der Berge dem Wildstand schädlich. Es gibt kaum ein Thier auf der Welt, das eine feinere Witterung hätte, wie die Gemse – oder überhaupt alle Antilopenarten – und fast noch nicht fürchtet sie den Feind, wenn sie ihn nicht sieht, und nur Wind von ihm bekommt, als wenn er offen heraustritt.

Deutlich kann man das erproben, wenn man von Gemsen entdeckt ist, und dann ganz still bleibt, oder sich gar versteckt. Dann lassen sie rasch den weithin schallenden und ganz eigenthümlich klingenden Warnungspfiff ertönen, werden unruhig, und wenn sie noch mehrere Tausend Schritt entfernt sind, springen sie einige Sätze, bleiben wieder stehen und äugen umher, und pfeifen dann auf’s Neue, und läßt man sich nicht wieder blicken, so fliehen sie die Gegend, so rasch sie können. Zeigt man sich aber, daß sie den Feind im Auge behalten können, dann hören sie gewöhnlich mit Pfeifen auf und bleiben ruhig, lassen auch wohl den Jäger an sich vorüberziehen. Sie kennen dann die Gefahr und wissen, daß sie ihr im schlimmsten Fall entgehen können, während sie bei einem nicht sichtbaren Feind, den sie gleichwohl in der Nähe wittern, sich von keiner Seite mehr sicher fühlen.

Je weniger Pirschpfade deshalb in einem Revier angelegt werden, desto besser ist es jedenfalls für den Gemsenstand. Das scheue Wild nimmt es genugsam übel, wenn es nur einmal im Jahr, und zwar zur Jagdzeit aufgetrieben, und durch Schießen, Hunde und Jäger gestört und geängstigt wird; hat es aber die übrigen Monate auch keine Ruh, dann sucht es eben einen Platz, wo sich die Spitzhacke noch nicht bis zu ihrem sichersten Versteck die Bahn gehauen hat.

Ein anderer Beweis, daß die Gemse den Pirschwegen nicht hold sein kann, ist der, daß sie diese Pfade selten oder nie selber benutzt. Das Roth- und Rehwild ist viel vertrauter, ja nimmt sie sogar sehr gern und häufig an, und äßt sich halbe Stunden weit auf ihnen hin. Auch der Fuchs benutzt sie gern zu seinen Spaziergängen, und man findet überall in ihnen seine Spuren und Losung. Die Gemse dagegen setzt fast immer nur über die Pirschpfade quer hinweg, und schon die weißen Stumpfe der abgehauenen Laatschen sind ihr fatal.

Desto mehr benutzt sie dagegen, wie sich leicht denken läßt, das Vieh in den Bergen, das sie besonders bei schlechtem Wetter oft so zusammentritt, daß man kaum noch darauf fort kann. Das Vieh ist überhaupt des Jägers Feind, und besondere die Schafe, wenn sie vorzüglich in größerer Zahl die Berge begehen, sind im Stande, auch die letzte Gemse zu vertreiben, denen die Losung der Schafe wie das danach wachsende Gras zuwider ist. Aus Rindern machen sie sich weniger.

Diesen letzteren werden die Pirschwege aber gar nicht etwa selten verderblich, und die Hirten verbauen deshalb oft die gefährlichsten Stellen mit abgehauenen Zweigen oder Bäumen. Die Kühe laufen nämlich ziemlich unbesorgt darauf hin und gerathen zuweilen, wenn sie noch junges Gras an deren Rändern finden, in jene Klammen, wo der Pfad immer enger und enger wird. Zuletzt können sie nicht mehr weiter, sind aber auch nicht mehr im Stande, sich umzudrehen, machen dann geängstigt ein paar Schritt rückwärts, und stürzen bei dem ersten Fehltritt in die Tiefe hinab. Dort ist nachher weder Haut noch Fleisch mehr von ihnen zu gebrauchen – wenn man sie überhaupt wieder herausschaffen könnte.

Solcher Art sind die Pirschwege im Gebirge – jetzt über grasige Lanne, jetzt durch dichtes und zähes Laatschengestrüpp, und dann plötzlich an schroffer, schwindelnder Klippe hinführend, wo der Boden unter dem Fuße wegzusinken scheint; wer dann an solchen Stellen nicht einen sichern Schritt und hellen Blick hat, soll sie lieber meiden.

Wie ich schon oben bemerkte, sagen die Jäger, daß ein hinunterfallender Stein den Menschen nachziehe, und Unglücksfälle, dadurch herbeigeführt, sollen allerdings schon vorgekommen sein, ja nicht einmal zu den Seltenheiten gehören. Die Ursache liegt aber auch dafür klar auf der Hand, denn während der Stein senkrecht an der Wand niederfällt, muß er allmählich, je tiefer er fällt, mehr und mehr aus dem Gesichtskreis des Nachschauenden kommen, der um ihm mit den Augen zu folgen, gezwungen ist, sich weiter und weiter nach außen biegen. Dadurch kommt er mit dem schweren Oberkörper unmerklich über den Abgrund, und mag er so schwindelfrei sein, wie er will, er muß das Gleichgewicht verlieren. Ueberhaupt ist das Steigen da oben an den Wänden herum manchmal wirklich, wie der Amerikaner sagt, „viel zu interessant, um angenehm zu sein.“

[7]
Ein Besuch im Brester Bagno.

Auf meinen Reisen durch Frankreich kam ich auch nach Brest, wo ich nicht versäumte, den traurigen Aufenthalt der Galeerensclaven zu besuchen, der für psychologische Studien ein so großes Interesse bietet.

Das Brester Bagno, welches einen Theil des Kriegshafens bildet, ist ein großes, fast zweihundert Fuß langes Gebäude. Es hat drei Abtheilungen, von denen die mittlere, bei weitem die größte, aus vier langen Sälen besteht; in jedem derselben können sechshundert Sträflinge untergebracht werden. Sie befinden sich im ersten Stockwerke, zu welchen eine breite steinerne Doppeltreppe führt. In den beiden Seitenflügeln wohnen die zahlreichen Beamten und Aufseher der Anstalt, so daß die Sträflinge rechts und links von tausend Augen bewacht werden. Kaum hatte ich mich der Treppe genähert, als ich ein wahrhaft betäubendes Kettengerassel vernahm, und bald kam mir ein Trupp Sträflinge entgegen, die, je zwei aneinander gekettet und von ihren Aufsehern begleitet, zu der Hafenarbeit abgingen. Es mochten ihrer ungefähr zweihundert sein und ich merkte zu meinem Erstaunen, daß in ihren wilden, sonnenverbrannten Gesichtern keine Spur von Trauer oder Bestürzung zu lesen war. Mehrere von ihnen schienen sogar heiter und aufgeräumt. Vielleicht waren sie froh, das Gefängniß verlassen und mehrere Stunden, wenn auch bei der härtesten Arbeit, unter freiem Himmel zubringen zu können. Nach einigen Augenblicken befand ich mich in einem der Säle. Beim ersten oberflächlichen Anblick scheint ein solcher Saal viel heiterer, als ein gewöhnlicher Casernensaal. Er ist sehr hoch, breit und die Sonnenstrahlen dringen ungehindert durch die Fenster. Betrachtet man ihn aber etwas genauer und erfährt man die strengen, furchtbaren Vorschriften, welchen die Bewohner desselben gehorchen müssen, so wird man von Schauder und Mitleid und zugleich von Bewunderung der menschlichen Natur ergriffen, die sich auch an die fürchterlichsten, an die entsetzlichsten Qualen gewöhnt und das Unerträglichste ertragen lernt. Alles, was der menschliche Scharfsinn erfinden kann, um die Flucht unmöglich zu machen, ist hier angewendet. Der Boden eines solchen Saales ist weder gedielt, noch mit Quadern belegt, sondern asphaltirt; und diese dicke, glatte Asphaltdecke wird stets bewacht und die geringste Spalte oder Ritze in derselben sogleich wieder ausgebessert. Daß die Mauern von einer ungeheuern Solidität, versteht sich von selbst; die Fenster aber sind nicht nur sieben Fuß über dem Boden erhöht und mit einem dicken Eisengitter versehen, sondern oberhalb eines jeden Fensters befindet sich auch noch eine Laterne, welche die ganze Nacht hindurch brennt. Würden diese Laternen ausgelöscht, so wäre dies ein Zeichen der Empörung. Die Empörungen im Bagno sind indessen sehr selten und werden auch, wie man sich leicht denken kann, sogleich und mit der furchtbarsten Energie unterdrückt.

In jedem Saale zieht sich auf der den Fenstern zugekehrten Seite eine Reihe von Pritschen hin, welche die Schlafstätten der Sträflinge bilden. Zur bestimmten Zeit des Abends werden diese je zwei aneinander gekettet. Durch sämmtliche Ketten läuft eine dicke eiserne Stange, die an der Pritsche befestigt wird, so daß jeder Sträfling während der Nacht nicht nur an seinen Cameraden, sondern auch an seine Schlafstätte gefesselt ist. Seine eigene Kette ist indessen so lang, daß er sich etwa zwei Schritte von der Pritsche entfernen kann, sobald ihn ein unabweisliches Bedürfniß dazu nöthigt. Auf dieser Pritsche stehen die Sträflinge eine wahre Höllenqual aus. Sie haben dort nicht mehr Raum, als eine Leiche in ihrem Sarge und können sich nur mit Mühe von einer Seite auf die andere wenden. Im Sommer werden sie von der furchtbarsten Hitze, im Winter von der entsetzlichsten Kälte geplagt. Die Kälte ist um so empfindlicher, als sie nur eine dünne schmale Matratze zur Decke haben. Früher gab man ihnen auch eine Matratze zur Unterlage; diese wurde ihnen aber 1823 abgenommen. Eine Empörung brach deshalb im Bagno aus; sie wurde indessen auf der Stelle unterdrückt und seit jener Zeit müssen die Sträflinge auf der bloßen Pritsche zubringen.

Sobald sie auf die eben beschriebene Weise an ihr Lager befestigt worden, ertönt ein Peitschenknall. Das ist das Signal zur Ruhe. Nach diesem Signal muß Todesstille in allen Sälen herrschen und kein einziges Wort darf mehr bis zum folgenden Morgen gesprochen werden. Ein solches Nachtlager ist viel mehr ermüdend, als erquickend, und wer von den Sträflingen nicht eine eiserne Constitution hat, siecht bald hin und wird ein Opfer dieses Pritschenbettes; so wie umgekehrt diejenigen, welche die ersten Jahre im Bagno überstanden, die Aussicht auf ein sehr hohes Alter haben. Diese Aussicht ist aber unter solchen Umständen gewiß mehr betrübend als erfreulich; denn kein Tod ist schrecklicher, als ein solches Leben.

Das Brester Bagno bildet, wie bereits erwähnt, einen Theil des Kriegshafens, der bekanntlich erst unter dem Cardinal Richelieu, dem Schöpfer der französischen Marine, angelegt wurde. Noch bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts wurden die Galeerensträflinge nicht unmittelbar von der Regierung nach dem Bagno gesendet. Diese Sendung geschah vielmehr durch einen Speculanten, der den Titel Capitaine de la Chaine trug und für eine bestimmte Summe die Sträflinge nach den Galeeren beförderte. Unter ihm standen ein Lieutenant und ein Unterlieutenant, so wie mehrere Sergeanten und eine gewisse Anzahl Soldaten, die zusammen aus den verschiedenen Gefängnissen die Verurtheilten abholten und nach Brest transportirten.

Im Bagno angelangt, wurde ihnen sogleich die „Toilette“ gemacht. Die alte Kleidung wurde ihnen nämlich ausgezogen und nachdem sie am ganzen Körper gewaschen worden, schnitt man ihnen die Haare ganz kurz ab und steckte sie in die Galeerenkleidung. Diese bestand und besteht noch heute aus weiten Drillhosen, aus einer rothen Jacke von grobem Tuche und aus einer rothen oder grünen phrygischen Mütze. Die grüne Farbe der Mütze zeichnet die auf Lebenszeit verurtheilten Galeerensclaven von denen aus, die blos auf eine bestimmte Zeit verurtheilt sind. Außerdem ward und wird noch heute an die Mütze des Sträflings eine mit einer Nummer versehene Blechplatte befestigt. Der Sträfling hat keinen Namen mehr, er wird eine Ziffer. Aber damit ist die traurige „Toilette“ noch nicht vollendet. Es wird ihm jetzt um den Fuß der eiserne Ring geschmiedet, den er bis zum Ende seiner Gefangenschaft, oft bis zum Ende seines Lebens tragen muß. An diesen Ring wird die Kette befestigt, welche ihn an den Mitsträfling knüpft. Ring und Ketten haben ein Gewicht von vierzehn Pfund. Früher wurden die Sträflinge, nachdem sie am Pranger ausgestellt gewesen, auch gebrandmarkt. Der Sträfling wurde auf einem öffentlichen Platze ausgestellt und der Henker brannte ihm mit einem glühenden Eisen ein Zeichen auf der Schulter ein. Diese Strafe wurde aber im Jahre 1832 abgeschafft. Seit 1835 werden die Sträflinge in Zellenwagen nach dem Bagno gebracht und seit 1848 hat die provisorische Regierung auch die Ausstellung am Pranger unterdrückt. Sonst ist es so ziemlich beim Alten geblieben.

Werfen wir nun einen Blick auf das Leben des Sträflings im Bagno. Von dem Augenblick an, da ihm die Galeerenkleidung angethan worden, wird seine Kette an die eines Andern befestigt und er ist verdammt, Tag und Nacht unzertrennlich mit einem Menschen zu leben, den er früher nie gesehen, dessen Namen er vielleicht niemals erfährt und der nicht selten körperlich und geistig gleich abstoßend. Unter den dritthalbtausend Individuen im Brester Bagno sind alle Stände der Gesellschaft vertreten. Man findet unter ihnen Aerzte, Advocaten, Richter, Priester, Künstler, Schriftsteller, Kaufleute, Soldaten und Handwerker. Welche furchtbaren Qualen muß also derjenige Sträfling dulden, der noch vor Kurzem mit den gebildetsten und geistreichsten Menschen verkehrt hat und jetzt, nachdem er in einem Augenblick der Selbstvergessenheit eine dunkle That begangen, gezwungen wird, Jahre lang gleichsam die andere Hälfte eines Menschen zu bilden, der, ohne Geist, ohne Bildung in den Lastern jeder Art verhärtet, nur darauf sinnt, wie er sich an der menschlichen Gesellschaft, die ihn ausgestoßen, am empfindlichsten rächen kann. Diese Zusammenkoppelung ist einer der furchtbarsten Mißbräuche. Sie ist grausam, unbarmherzig, unvernünftig. Sie erfüllt den Sträfling mit unversöhnlichen Rachegefühlen, und statt seine Vergangenheit zu bereuen, hält er sich bald für den Märtyrer einer ungerechten Justiz.

Hat der Sträfling sich Morgens zur bestimmten Stunde von seinem Pritschenlager aufgemacht, so muß er zur Arbeit. Diese ist sehr hart und zwar so sehr, daß sie nach einigen Stunden auch den Allerstärksten erschöpft. Er muß die Schiffe bemasten, das Hafenbett baggern, helfen sprengen und ungeheuere Lasten ziehen [8] oder tragen. Wie innerhalb des Bagno, so ist der Sträfling auch außerhalb desselben, nämlich bei der Arbeit, stets unter der strengsten Aufsicht. Er darf sich keinen Augenblick von der Arbeit entfernen. Wird er aber durch ein Bedürfniß unabweisbarer Natur dazu genöthigt, so muß er seinen Aufseher (garde-chiourme) erst um Erlaubniß bitten. Ist das ihm zugewiesene Quantum Arbeit vollbracht, so darf er ausruhen und wird dann unter Begleitung der Aufseher, von denen je einer einen Trupp von Zehn zu überwachen hat, nach dem Bagno zurückgebracht. Den Rest des Tages verbringt er dann gewöhnlich mit der Anfertigung kleiner Handarbeiten, die fast jeder Sträfling im Bagno ohne Meister erlernt. Sie wissen aus Holz, Elfenbein und Cocosschalen tausenderlei Dinge zu schnitzen, oder aus Stroh zierliche Körbchen oder Kästchen zu flechten. Solche Arbeiten zerstreuen den Sträfling und liefern ihm auch die Mittel zur Bestreitung seiner Bedürfnisse an Obst und Tabak. Die von den Sträflingen verfertigten Gegenstände werden in einem eigens für dieselben eingerichteten Laden, dem sogenannten Bazar, und unter der Aufsicht eines Beamten von einigen Sträflingen verkauft, die man im Bagno „Marchands“ nennt. Die Waaren haben, wie man sich leicht denken kann, feste Preise. Jedes verkaufte Stück wird von einem beständig anwesenden Aufseher in ein Buch eingetragen. Die Hälfte des Erlöses nimmt der Staat. Die andere Hälfte gehört zwar dem Sträfling, doch wird ihm auch von dieser Hälfte nur ein Theil eingehändigt und der Rest ihm aufbewahrt. Ueberhaupt darf kein Sträfling mehr als zehn Franken des Monats ausgeben und niemals mehr als diese Summe besitzen.

Es versteht sich von selbst, daß sich die Sträflinge im Bagno nicht ausschließlich mit diesen Handarbeiten beschäftigen können. Es gibt noch gar mancherlei Dinge, die sie dort zu verrichten haben. Sie müssen ihre Kleider ausbessern, ihr Linnenzeug waschen, den Saal sauber halten, die Küche besorgen und das Küchengeräthe scheuern. Auf diese Weise lebt der Sträfling einen Tag wie den andern, wenn er sich nämlich gegen die Disciplin nicht vergeht. Weh’ ihm aber, wenn er sich eines Vergehens gegen dieselbe schuldig macht! Die Strafe folgt sogleich nach und ist unter Umständen so hart, daß ihr der Bestrafte nur durch ein Wunder nicht unterliegt. Die mildeste dieser Strafen besteht darin, daß man dem Verurtheilten die Ration Wein und Fleisch entzieht, ihn dabei zu noch schwereren Arbeiten zwingt und das Gewicht seiner Ketten verdoppelt. Die härteren Strafen bestehen im Einzelgefängniß und in der Bastonnade. Das Einzelgefängniß wird von den Sträflingen sehr gefürchtet. Es besteht aus einem gleichsam in Stein gehauenen Kasten, in welchem sich eine Pritsche befindet. An diese wird der Sträfllng gekettet und muß mit Wasser und Brod fürlieb nehmen. Das Licht fällt durch ein dickes eisernes Gitter, aber mit dem Lichte dringen zugleich die kalte Luft, der Regen und der Schnee hindurch, da eine solche Zelle mit keinem Fenster versehen ist. So hart auch eine solche Strafe, so kann sie doch bis auf die Dauer von sechzig Tagen, ja, unter erschwerenden Umständen bis auf ein ganzes Jahr ausgedehnt werden. Wer übrigens ein Jahr in einem solchen Gefängnisse aushält, darf sich einer gußeisernen Gesundheit rühmen.

Was die Bastonnade betrifft, so wird diese mit der „Garcette“, einem dicken getheerten Strick, ertheilt. Der Verurtheilte wird auf ein Bret gelegt und in einem der großen Säle vor den versammelten Galerensträflingen gezüchtigt. Die Zahl der Streiche beträgt mindestens zehn und höchstens hundert. Doch ist es kaum möglich, daß Jemand den hundertsten Streich erlebt. Diese entsetzliche Züchtigung wird von einem auf Lebenszeit verurtheilten Sträfting ausgeführt, nachdem vorher mit lauter Stimme das Urtheil verlesen worden. Der Galeerensträfling, der die Streiche führt, wird von seinen Mitgefangenen gehaßt und verachtet. Jeder flieht ihn und er führt ein trauriges, einsames Leben; dadurch wird er nicht selten veranlaßt, bei der nächsten Gelegenheit die Streiche noch stärker und kräftiger zu führen. So hat im Bagno zu Toulon ein solches Individuum durch die teuflische Grausamkeit, mit der er die Garcette schwang, sich einst den Namen Jean le Bourreau erworben und er steht noch heute bei den dortigen Sträflingen in einem höchst traurigen Andenken.

Im Brester Bagno wird die Bastonnade nur nach einem sehr schweren Vergehen ertheilt, so daß sie unter den dritthalbtausend Sträflingen nur fünfzig bis sechzig Mal des Jahres stattfindet. In Toulon aber, dem größten und furchtbarsten der drei französischen Bagno’s, ist man durchaus nicht sparsam damit. Es soll dort kein Tag vergehen, an welchem die Bastonnade nicht an einem oder an mehreren Individuen ausgeführt würde, und zwar wegen sehr unbedeutender Vergehen, wie z. B. wegen Karten- oder Würfelspielens, ja, wegen des dort unerlaubten Tabakrauchens.

Einmal des Monats, und zwar an einem bestimmten Tage, ist es den Verwandten der Sträflinge gestattet, diese zu besuchen. Indessen wird diese Erlaubniß nur von denjenigen Verwandten benutzt, vor deren Liebe zu dem unglücklichen Gefangenen jede andere Rücksicht schwindet. Es fallen bei dieser Gelegenheit oft die rührendsten, die ergreifendsten Scenen vor.

Die Nahrung der Sträflinge ist gut und es gibt manchen ehrlichen Mann in Breft, dessen Kost nicht halb so schmackhaft ist. Von den meisten Verbrechern wird daher das Bagno dem Zellengefängniß vorgezogen. Aber die Folgen der Galeerenstrafe sind furchtbar, entsetzlich. Mag der Galeerensträfling während seiner Strafzeit sich noch so vortrefflich aufgeführt, mag er die tiefste Reue über sein begangenes Verbrechen, den löblichsten Vorsatz in Bezug auf sein künftiges moralisches Betragen gezeigt haben, – er ist doch für immer verloren. Seine Familie verleugnet ihn; die Gesellschaft schaudert vor ihm zurück und wehrt sich dagegen, mit ihm in Berührung zu kommen. Da sich ihm nun jede Thüre verschließt, da sein eigen Fleisch und Blut ihn von sich stößt, wird er bald mit Groll gegen die menschliche Gesellschaft erfüllt. Er verübt jetzt aus Rachegefühl und mit tückischem Vorbedacht das Verbrechen, das er früher in einem Augenblick der Verblendung und der wild auflodernden Leidenschaft begangen, und wird wieder in’s Bagno gebracht, aus welchem ihn diesmal nur der Tod befreit.

Solcher verhärteter Verbrecher gibt’s in jedem Bagno sehr viele. So sah ich im Brester Bagno einen alten Mann, der auf seiner Pritsche saß und Schachfiguren drechselte. Er war ein heiterer Geselle mit einem freien, offenen Gesichte; und als ich ihm meine Verwunderung über seine Heiterkeit ausdrückte, antwortete er:

„Mein Herr, ich bin Philosoph und denke, man muß das Leben nehmen, wie es eben ist. Wenn ich mich jetzt auch in Klagen ergösse, was würde das nützen? Durch Thränen wird diese Pritsche nicht weicher werden; durch Seufzer wird sie sich nicht in ein Federbett verwandeln. Der Eine wird geboren, um auf einen Thron, der Andere, um auf die Galeeren zu kommen. Der Mensch mag thun, was er will: er kann seinem Schicksal doch nicht entgehen. Das ist meine Meinung. Als ich vor einundzwanzig Jahren meine erste zehnjährige Strafzeit überstanden, hatte ich den festen Vorsatz, mir ein Stück Brod redlich zu verdienen. Die wenigen Verwandten, die ich früher hatte, waren alle inzwischen gestorben, bis auf einen reichen Vetter, mit dem ich zusammen auferzogen worden. Ich begab mich zu ihm, um von ihm so viel Geld zu erbitten, als nöthig ist, die Ueberfahrt nach Amerika zu bezahlen. Kaum hatte er mich aber erkannt, als er mir die Thüre wies und mir drohete, polizeilichen Beistand herbei zu rufen, wenn ich noch einmal es wagte, mich bei ihm sehen zu lassen. Ohne ein Wort zu erwidern, verließ ich ihn und wandte mich an den Geistlichen dem Ortes. Ich setzte ihm meine Lage auseinander; aber statt mir zu helfen, gab er mir christliche Ermahnungen und sprach dabei sehr viel von der ewigen Seligkeit, von der ewigen Verdammniß und dergleichen Dingen, die nicht kalt und nicht warm machen. Das Unglück wollte, daß zur selben Zeit in mehreren Häusern der Umgegend eingebrochen wurde. Man brachte meine Anwesenheit mit diesen Einbrüchen in Verbindung. Ich wurde verhaftet und der eifrigste Zeuge gegen mich war der Geistliche. Ich wurde natürlich schuldig erklärt und wiederum in’s Bagno gebracht. Nun, es ist gut, daß ich hier sitze; denn ließe man mich los, ich würde den Pfaffen am Altare umbringen.“

Bei den letzten Worten ballte er die Fäuste und sein Gesicht verzerrte sich so furchtbar, daß mich ein kalter Schauer ergriff.

Unter den vielen Sträflingen ist jedes Alter, vom Jüngling bis zum Greise, sehr zahlreich vertreten. Die Sträflinge, die das kräftige Mannesalter bereits zurückgelegt und deren Haupt im Bagno weiß geworden, denken selten an die Freiheit mehr; während es besonders unter den jungen Männern sehr viel verwegene Individuen gibt, die beständig auf die Flucht sinnen und dieselbe auch nicht selten ausführen. Nach allem, was bisher von der Einrichtung des Bagno gesagt worden, sollte man nun eine solche Flucht für unmöglich halten; aber es ist in jedem Bagno bekannt, daß dem Sträfling, der ernstlich an die Flucht denkt, das Unmögliche möglich wird. [9] freilich nützt ihm die Flucht sehr wenig und von hundert Flüchtigen gelingt’s kaum Einem, der verfolgenden Justiz zu entgehen. Dessen ohngeachtet finden sehr häufige Fluchtversuche statt, besonders in der schönen Jahreszeit. Sobald ein Sträfling beim Appell fehlt, ertönen einige Kanonensalven und auf dieses Signal hin setzen sich alle Civil- und Militairbehörden in Bewegung, um auf den Flüchtigen zu fahnden. Wird dieser im Hafen selbst wieder ertappt, so erhält er die Bastonnade; fängt man ihn aber außerhalb des Hafens, so hat er eine Verlängerung seiner Strafzeit auszustehen, und wenn er bereits zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurtheilt war, wird er mit einer viel größern Härte als zuvor behandelt.

Gewöhnlich verbergen sich die Flüchtigen im Hafen selbst, ehe sie es versuchen, aus dem Festungsrayon zu kommen. Sie liegen wochenlang in den untersten Räumen der Schiffe, in Fässern, in unzugänglichen Schlupfwinkeln versteckt; aber sie mögen sich verstecken, wo sie wollen, sie werden von den nimmermüden Spähern am Ende doch aufgefunden. Ist es aber einem Sträfling gelungen, aus dem Hafen und dem Weichbilde der Stadt zu entkommen, so hat er neue Gefahren auszustehen, da man in der Umgegend durch die Behörden von seiner Flucht in Kenntniß gesetzt worden. Alles waffnet sich gegen ihn und hält es für eine Pflicht, zum Verräther an ihm zu werden. In der That ist ein entlaufener Sträfling sehr furchtbar, da er in seinem Selbsterhaltungstriebe keine Schonung, keine Rücksicht kennt und, um seinen Verfolgern zu entschlüpfen, nicht selten eine Mordthat begeht. Gelingt es ihm, bis Paris zu kommen, so kann er sich eines großen Glückes rühmen; denn hier wird es ihm leichter, den vielfachen Verfolgungen zu entrinnen. Allein von Brest bis Paris ist ein gar langer Weg und auf diesem langen Wege können ihn sein kurzgeschornes Haar, sein schleppender Gang, den er sich durch das vieljährige Tragen der Kette angewöhnt, sein unsicherer, mißtrauischer Blick und seine wilde Physiognomie hundertmal verrathen.

Man kann also ohne Uebertreibung behaupten, daß die Meisten von denen, die zu den Galeeren verurtheilt worden, im Bagno enden. Wer einmal in’s Bagno gebracht worden, ist aus der menschlichen Gesellschaft für immer ausgestoßen. Darin liegt das Grausame, das Unvernünftige, das Unmenschliche dieses Systems, das jetzt von allen Seiten auf’s Heftigste angegriffen wird. Die französische Regierung beabsichtigt daher, eine Verbrecher-Colonie zu gründen. Sie hat es bereits mit Cayenne versucht; aber das Cayenner Klima ist so ungesund, daß von den Sträflingen, die man dahin gesendet, nach einigen Monaten über die Hälfte hinweggerafft war. Sie wird sich nun, wie man glaubt, für Neu-Caledonien entscheiden. So viel aber ist sicher, daß die französischen Bagno’s kein Jahrzehend mehr bestehen werden.

L. K.


Die neue Landungsbühne vor Liverpool.
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Die neue Landungsbühne in Liverpool.

Die Engländer haben für ihren fehlenden Formen- und Schönheitssinn die Leidenschaft für unförmlich Großes und Ausgedehntes, worin so manche Fehler verschwinden, da das Große immer imponirt, wenigstens der großen Menge, die auch durch ihre unfaßbare Vielheit groß ist. Wie jeder Rock jedem Engländer zu weit ist, macht man auch alles Andere so zu sagen „auf Zuwachs“. Der Rock, der Backenbart, London, die Colonien, das Parlamentsgebäude, der Leviathan, der atlantische Telegraph etc., Alles ist imposant durch seine Größe und „sitzt“ nicht. Die neue Landungsbühne vor Liverpool ist vielleicht nicht zu groß für ihren Zweck, da für den Meeresverkehr Liverpools in dem 3 deutsche Meilen umfassenden engeren Hafen voller Mastwald sobald nichts zu groß sein kann; aber er ist imposant und paßt wenigstens nicht. Er ist 1000 Fuß lang und 82 breit, also ein schwimmendes Verdeck, über 300 Fuß länger, [10] als das auf dem doppeleisernen Riesen Leviathan, sehr lang, aber nun doch eigentlich zu kurz, wenigstens in den Verbindungsbrücken, die während der Ebbe so steil hinunter und hinauf führen, daß Niemand ohne Leiter passiren kann. Da nun aber viel Vieh über die Brücken passiren soll und fette Ochsen in gymnastischen Künsten wenig leisten, studirt man jetzt über Mittel, sie in die Höhe zu ziehen. Das erinnert an unsere lieben, getreuen Schildbürger, denen Gras auf der Stadtmauer wuchs, das sie dem Gemeindeochsen nicht vorenthalten wollten, so daß sie ihm ein Seil um den Hals warfen und ihn hinaufzogen. Es schmeckte ihm schon unterwegs, so daß er die Zunge heraussteckte. „Seht, es schmeckt ihm schon!“ rief der Bürgermeister, der scharfsinnigste aller Schildbürger.

Aber wir sprachen von der riesigen, schwimmenden Landungsbühne im Welthafen Liverpools. Sie kostet bis jetzt 140,000 Pfund, also rundgenommen 1 Million Thaler, ein schönes Stück Geld, und ist ein Vorposten des ungeheueren, hohen, festungsartigen Princeß-Pier’s (Landungsplatzes), von welchem vier große, bewegliche Brücken hinunterführen, damit sich die Bühne mit der Fluth heben, mit der Ebbe gelenkig senken kann. Die Bühne selbst ist also eine auf dem Meere schwimmende Ebene, auf 63 rechtwinkeligen Pontons ruhend, die fest an einander gekettet und so gefesselt sind, daß sie sich nur an Ort und Stelle mit Fluth und Ebbe heben und senken können und ihre Verbindung mit dem großen Pier durch die beweglichen Brücken immer sicher bleibt. Aber diese Brücken sind für die Ebbezeit zu kurz gerathen, so daß Niemand mit schwerem Gepäck auf- und absteigen, geschweige, große Lasten und Vieh transportiren kann. Der Ingenieur des colossalen Baues will nun deshalb eine Art Dampfrutschbahn auf den Brücken anbringen und Vieh und Menschenkind mit Dampf hinauf- und herunterrutschen lassen, aber Sir William Cubitt, wie der Mann heißt, weiß noch nicht, wie das eigentlich anzufangen sei. Er hat gesagt: entweder durch eine fixe Locomotive die Ketten, an welchen die Rutschwagen hängen, auf- und abwickeln, oder durch hydraulische Presse, die mir einen sehr hinderlichen und kostbaren Preßzwang einzuschließen scheint. Die Bühne wiegt 80,000 Centner und ist von Thomas Vernon und Sohn in Liverpool gebaut worden. Die Brücken wurden in der Maschinenbauanstalt von Fairbairn in Manchester gegossen. In Deutschland und anderswo hätte man sich vielleicht erst die Ebbe und die schiefe Ebene, die dann von den Brücken für eine bestimmte Entfernung gebildet worden sein würde, angesehen und probirt, ob man darauf passiren könne; in England machte man die Sache erst fertig und sieht sich’s nun in voller Wirklichkeit für eine Million Thaler Entree an. So muß man’s machen, wenn man eine „praktische“ Nation heißen, und von der Cölnischen Zeitung und Allen, die auf ähnlicher Höhe der Bildung stehen, angebetet sein will. Mit der ungeheueren Landungsbühne haben sie bis jetzt ein Hinderniß des Landens geschaffen; früher stieg man direct den Princeß-Landungsplatz hinauf und wand die Lasten direct auf und ab. Jetzt muß Alles erst auf die Bühne und seine Rolle spielen, Vieh nicht ausgenommen, wie die armen Deutschen, welche mit der „Allgemeinen Dampfschifffahrtsgesellschaft“ („General Steam Navigation Company“) mit dem „John Bull“ oder „der City of Hamburg“, oder der „Caledonia“, oder dem „Pilot“, oder der „Germania“ oder der „Counteß of Landsdale“ von Hamburg in London ankommen, in der Mitte der Themse halten müssen, um in die Hände der berüchtigten Themse-Räuberbande zu fallen, aus deren Gefangenschaft sie sich oft für einen Preis lösen müssen, der die Reisekosten verdoppelt.

Das Schiff hält mitten auf der Themse, die Compagnie hat ihr Geld und überläßt nun diese Deutschen (kein Einziger der Schiffsmannschaften kann ein Wort Deutsch) sich selbst und den Themse-Räubern, die mit ihren Kähnen herankommen und einen Passagier nach dem andern mit Gepäck hineinlocken. Ehe sie mit ihren Opfern landen, pressen sie ihnen zum Theil enorme Preise für den Katzensprung weit ab, 2–3 Thaler, Gepäck extra. Das „Gesetz“ erlaubt dieser „Wassermann-Bande“ 6 Pence à Person, aber Niemand vom Schiffe oder vom Lande aus unterrichtet sie davon oder steht ihnen bei gegen die geschäftsmäßig getriebene räuberische Erpressung. Da dieselbe Compagnie auch von andern Häfen, von Rotterdam, Boulogne, Havre, Antwerpen, Calais den Dampfschiffverkehr mit London in den Händen hat, machen wir betreffende Herrschaften, die von oder nach London reifen wollen, auf diesen Umstand aufmerksam, mit dem Rathe, sich nur zu 3, 4 oder 5 Personen den Themsekähnen anzuvertrauen, à Person 6 Pence nach der Landung zu zahlen und jeden Raubanfall, jede Weigerung zu landen, durch sofortiges Anpacken zu erzwingen. Für Diebstähle ihrer eigenen Leute auf ihren Schiffen ist die Compagnie nicht verantwortlich, wie Schreiber dieses aus speciellen Fällen und durch Correspondenz mit der gewaltigen Compagnie specificiren kann. Auch dies mag man sich merken, ehe man sich der gebildetsten, reichsten und nobelsten Nation mit Gut und Leben anvertraut.


Die Wohlfahrtspolizei in der Natur.

Man hat mehrfach obigen Ausdruck, menschlichen Verhältnissen entnommen, auch auf die Natur angewandt. Andere haben es wieder tadeln wollen und gemeint, es sei lächerlich, solche gemachte Verhältnisse als Bilder auf die frische, freie Natur zu übertragen. Wir glauben aber gerade darin einen Ton zu hören, der sinniger Naturbetrachtung einen neuen Reiz verleiht, der uns, indem wir uns desselben Ausdruckes bedienen, nur beweist, daß in dem überaus zusammengesetzten und dennoch einfachen Reiche der Natur auch die einfachsten Mittel genügen, Wohlfahrt zu fördern.

Die Natur ist nie todt. Sie schafft auch unter dem Schneemantel, unter der Frostdecke. In den Winterknospen liegen weich eingefilzt zarte Winterblätter, um der Pflanze Nahrung zuzuführen, und eingehend genug hat man gerade in neuester Zeit das Winterleben der Bäume an Kastanien- und Aspenknospen beobachtet. Wenn nun in jetziger Jahreszeit der Maulwurf den tiefergrabenden Regenwürmern tiefer entgegengräbt, Meisen und Sperlinge emsiger als je in dem Gefurche der Baumrinden die Insecteneier ablesen, Spechte selbst es nicht verschmähen, zwischen Krähen und Elstern die Wiesen nachgehends abzusuchen, wobei ich erst jüngst einen dreisten, schönen Grünspecht beobachtete: so ist das eben je ein Zug der natürlichen Wohlfahrtspolizei, die Alles thut „aus innerem Antriebe, aus Mission“ oder, wie Andere wollen, „der bloßen, freien Station“ wegen. Wenn unsere öffentliche Wohlfahrt der Inbegriff aller der Vorkehrungen ist, welche jedem Staatsangehörigen ein ruhiges und gesichertes Leben verschaffen und alle Beeinträchtigungen des Einzelnen somit beseitigen wollen, so ist das in der Natur mindestens ebenso. Die Straßen werden auch in Ordnung gehalten; alles Aas wird beseitigt, auf daß nicht etwa Pest entstehe, wie unter den trägen Moslems des Orients, in deren Städten Aashaufen und Pest gleicherweise anwidern und das Wohnen geradezu eine Strafe wäre, wenn nicht die Wohlfahrtspolizei in der Gestalt ihrer verwilderten Hunde ihre gehorsamen Diener schickte. Jede Gegend bringt hervor, was ihren Bewohnern fruchtet, selbst Kampf und Noth, die besten Lehrmeister der Menschheit.

Die natürliche Wohlfahrtspolizei bietet selbst erst die Mittel der Gesundheitspflege in unzähligen Naturstoffen der künstlichen dar. Störenfriede oder gar nichtsnutziges Gesindel werden geflohen oder gar, wenn’s angeht, verwiesen. Ein Jedes hat seine Arbeit, seine Erholung, seine rechtmäßige Freude. Für Wittwen und Waisen ist gesorgt; Jeder kann sein Recht suchen, sich auf erlaubte Weise sichern und vertheidigen. –

Wunderbar einfach sind alle dem entsprechende Einrichtungen in der Natur vorhanden. Und wer könnte es leugnen, daß diese kleine und doch so große Wohlfahrtspolizei von wohlthätigem Einflusse auf die Menschen sei! – So hilft die Thierwelt Verkehr und Straße bessernd und reinigend erhalten, wie die Polizei der öffentlichen Wohlfahrt es kaum vermag. Im Großen sind es die Raubvögel, die Aasgeier Afrika’s und Asiens vor Allem, die grauen Geier Amerika’s, die Alligatoren und Fische der Flüsse, selbst der Meere. Ihnen reihen sich an Hyänen, Wölfe, Hunde und selbst bis zu den gefräßigen Krebsen und unsauberen Aaskäfern herab will keins zurückbleiben. Wie oft erzählen uns Lichtenstein und Humboldt in ihren Reisen, wie die Geier schon gierig, obwohl geduldig zusehen, wenn ein tigerartiges Raubthier seine Beute verzehrt, um ja keinen Rest faulen zu lassen. Allerdings zunächst nur für sich sorgend, folgen sie ihrem Hunger; aber uns wächst mittelbar der Vortheil [11] zu. So erzählt Humboldt, daß bei St. Fernando gar eine Menge Geier sich dem königlichen Jaguar bis auf zwei Fuß näherten, so lüstern wachen sie über die Beute. Vom feinsten Geruche geleitet, finden aasfressende Geier die Stelle, wo sich ihre sterbensmüde Beute, nicht einem allgemeinen Reinlichkeitsgesetze in der Natur, wohl aber dem Triebe nach Ruhe und Sicherheit in der Todesstunde folgend, hingeflüchtet hat. Faulendes, organisches Leben im Wasser bleibt nicht lange unversehrt; gerade das Wasser birgt der aasvertilgenden Thiere eine Menge und der Krebs ist wahrlich nicht das unbedeutendste.

Aber wie nahe liegt auch uns die Gelegenheit, in der Insectenwelt Diener jener natürlichen Wohlfahrtspolizei zu erblicken! Vom frühesten Lenze an und wieder tief hinein bis in den Spätherbst laufen die Aaskäfer über alle Wege. Begierig streifen sie nach Beute umher und sie räumen vorzugsweise kleinere Thiere, Insecten und Würmer, bei Seite. Aber auch diese so häufigen Käfer vermöchten nicht völlig aufzuräumen, wenn ihnen nicht die Raubwespen, vor Allem die Ameisen und Sandwespen zur Seite ständen.

Beide Gattungen warten nicht einmal unter allen Umständen auf den Tod der sterbensmüden Thiere. Im Gegentheile, die Sandwespen stürzen sich auf ihre Beute und vergraben darin schließlich einen nicht kleinen Theil ihrer Eier, damit die ausschlüpfenden Maden über ihre erste Nahrung nicht in Verlegenheit kommen sollen. Ueberhaupt ist es auffällig, wie die Menge der kleinen Aasfresser unter allen überwiegt und nur nach dem Norden hin nach und nach abnimmt, wo die Kälte die faulenden thierischen Körper unschädlich, macht. Ja, die Kälte ist ein so vortrefflicher Reservator, daß man bereits riesige Repräsentanten einer ausgestorbenen Thierwelt mit Fleisch und Haar aus dem Eise der Lena und des nördlichen Eismeeres herausfischte.

Insbesondere sind die Ameisen aller Gegenden Wohlfahrtspolizeidiener; diese kleinen Zuchtmeister der Wälder und Wiesen mit dickem Kopf und großen Beißwerkzeugen, kleinen, schielenden Augen und verstecktem Stachel sind recht dazu geschaffen, in ihrer verschiedenen Maskirung hinter allerlei Geheimnisse zu kommen, wozu die feine Spürnase Außerordentliches beiträgt. Die höheren Classen dieser Ameisenpolizei sind geflügelt, um weiland Dr. Faust’s Mantel entbehren zu können, und nur die Arbeiter gehen ungeflügelt einher. Aber gerade diese Arbeiter nützen in unserer Weise mehr, als die vornehmen, oft in Schaaren ausfliegenden Männchen und Weibchen. Wie auch unsere Ameisen so vortrefflich skeletiren, weiß ein Jeder. Nicht so bekannt aber ist die Zeit, welche nöthig ist, um ein vollständiges Skelet von einer Schlange, einem Maulwurf, einem Frosch oder Sperling zu erlangen. 24 Stunden ist für diese Tiere, die man noch besonders in eine leichtschließende hölzerne Schachtel zu stellen pflegt, völlig hinreichend. Eichhörnchen, Hunde etc. erfordern zu ihrer Skeletirung mehr Zeit. Von allen Ameisensorten scheinen die großen Waldameisen die besten Präparatoren zu sein. Läßt man das Skelet länger in dem Ameisenhaufen liegen, so fällt schließlich das ganze Skelet auseinander, weil die Ameisen den zweiten Tag sich an die zäheren Sehnen wagen und diese mit derselben Schnelligkeit zernagen, als sie ja auch in größeres thierisches Leben zerstörend eindringen. Eins meiner größten Skelete ist das eines Eichkätzchen, welches ich von einem Forstbeamten erhielt. Er hatte es eben aus einem gefällten, hohlen Stamme hervorgezogen, wo es von den in der Nähe bauenden Ameisen aufgefunden und eben noch bearbeitet worden war; doch sind auch an ihm selbst einige Kopfnäthe bedeutend gelockert, da das Thier ein jedenfalls noch junges war.

Die Ameisen tödten aber auch über ihren Hunger hinaus; sie führen mit Leidenschaft, wenn sie nichts Fremdes zu tödten haben, unter sich selbst Kriege, die demnach oft ähnliche Gründe haben mögen, wie die der Menschen. Eine Pelzmütze, ein Paar verweigerte Handschuhe, ein gestelltes Bein, selbst ein schiefes Fenster genügen dem Räthsel, welches Mensch heißt, um Leben und Wohlsein tausend Mal auf’s Loos zu stellen. Die Ameisen sind dann aber auch würdige Seitenstücke zu den Mummius’, Attila’s, Melac’s, mit einem Worte zu den Kriegsräubern, indem sie wie diese einschleppen, was sie nur Genießbares finden. Am interessantesten sind die Gattungen unserer großen, schwarzen Waldameise mit ihren oft zwei bis drei Fuß hohen Haufen und die Zug- oder Visitenameise, Cephalote, in Surinam. Diese letzteren, braunen, fast wespengroßen Ameisen, mit vier Dornspitzen am Halse und starken Kiefern, aber verhältnißmäßig kleinen, behaarten Leibern sind unter Umständen Retter und Verwüster. Denn wenn sie auch in einer Nacht den Gärten und Plantagen bedeutenden Schaden thun können und Bäume zu Ruthenwerk entblättern, indem sie mit den scharfen Kiefern die Blätter abkneipen, so reinigen sie auch manche Gegenden durchweg von lästigem Ungeziefer, Aas und allerhand Schmarotzern. Dann ziehen sie aus ihren Nestern, die sehr hoch sind, hängen sich bei Abgründen eine an die andere, lassen sich vom Winde nach Art der schwebenden Spinne hinüber blasen auf’s andere Ufer und Tausende marschiren über diese lebendige Brücke. Spinnen, Raupen, Käfer, Frösche, Schlangen, Mäuse, Eidechsen, Salamander, selbst Ratten, kranke Esel und Rinder, todte Hunde und Katzen – Alles heißt Feind, heißt gute Prise und ist bald bis zum Gerippe verschwunden. Dann dringen sie in die Häuser, laufen durch alle Zimmer und spioniren. Die Menschen müssen selbst weichen; denn einmal bei Mund und Nase angelangt, wäre uns der grausamste Tod gewiß. Truppweise plündern diese Thiere nur eine Ortschaft durch; selbst die scheuesten Schaben, Wanzen und Kakerlaken und die stärksten Ratten überwältigend, welche letztere, einmal attrapirt und angebissen, wie toll durch alle Räume rennen. Da ist keine Gnade; Kranke müssen sogar hinausgetragen werden. Man kränkt sich aber nicht, wenn sie kommen, ebensowenig wie manche europäische Wohlthätigkeitsanstalt sich kränken würde, wenn sie einrückten. Im Gegentheile, Alles öffnet Kisten und Schränke, Läden und Thüren; man zieht sich auf einige Stunden zurück und hat nun die Zuversicht, seine Gewölbe lange ohne Näscher und seine Nachtlager ohne Ruhestörer zu finden.

Nur gereizt sollen sie auch vom gesunden Menschen nicht ablassen und mit der Zernagung von Schuhen und Strümpfen beginnen. Homberg bedauert sogar, daß sie ihre Würgereien nicht öfter vornehmen, denn oft vergehen zwei Jahre, ehe sie wieder einkehren. Drury erzählt von einer verwandten Gattung Afrika’s, welche in Gesellschaften umherzieht; sie ist so zahlreich und gefräßig, daß von getödteten Gazellen oder Schweinen, die nur über Nacht liegen blieben, andern Tages nur ein reingenagtes, weißes Gebein übrig war.

Auch die Termiten haben starkentwickelte Freßwerkzeuge und zernagen wie ihre Verwandten (auch Termiten-Larven und Puppen) pflanzliche und thierische Stoffe. So haben, sie mehrfach Pagoden gestürzt, sichrer als die Mission; so haben sie in Mexico die meisten der aufbewahrten Documente aufgefressen und dieser Actenstoß wurde wider Erwarten verdaut und ist ihnen auch gut bekommen. In einer Nacht fressen sich diese Thiere durch den Boden starker Kisten und vertilgen dann oft leider mit dem Ungeziefer auch die Wäsche. Auch hier verstehen die Arbeiter nichts von den weisen Plänen und Ideen der Obenschwebenden ihrer Crème. Sie wurden von Haus aus mit Blindheit geschlagen.

Dabei geben diese Wohlfahrtsschützer noch realen Nutzen und geröstete Termiten sollen noch besser schmecken, als die berühmten Palmbohrerlarven der Westindier. Ihre Gebäude dienen später oft zu Backöfen, ja bei gänzlicher Verlassenheit zur Zuflucht träger Leute. Die zerstörende Holztermite wird gern gegessen und das durch sie in eine feine Filzmasse verarbeitete Holz ist der auch in unsern Sammlungen oft gezeigte Ameisenzunder der Berg- und Bravosindianer, der Bewohner von Maynas, Brasilien und Westindien.

Fast könnte es nun scheinen, daß zu Beobachtungen solcher Art vorzugsweise heiße Länderstriche Veranlassung geben könnten. Nimmermehr; uns liegt dieselbe Veranlassung an tausend Punkten nahe. Ich wähle einen der interessantesten Käfer bei uns aus, den Todtengräber oder gestreiften Aasgräber. Dieser schwarze Käfer, der in der Größe unserer Brachkäfer ist, wird leicht an den zwei gelbrothen Binden erkannt, welche über die Flügeldecken gehen. Aus weiter Ferne, oft kaum glaublich schnell, kommen sie heran, indem sie das Aas fein wittern; sie kriechen unter dasselbe, scharren die Erde weg und versenken das Aas, in welches sie ihre Eier legen. Die ausschlüpfenden Jungen finden solcherweise ihre Nahrung und ihr erstes Wohnhaus. Aber die Käfer verleugnen auch ihre Wiege nicht; wiedehopfartig riechen auch sie und zum Ueberflusse sind sie oft über und über mit Milben bedeckt, wie der ebenfalls so nützliche Roßkäfer, der ein wahrer Pariah-Arbeiter unter allen Wohlfahrtsdienern ist. – Legt man z. B. im Sommer eine todte Maus oder einen Maulwurf auf den Wiesenrand oder in’s Feld, so ist gemeiniglich ein einzelner Todtengräber als Tirailleur aus dem nächsten Reviere der erste zur Beute. Er beginnt seine [12] Arbeit, vielleicht stillschweigend auf die Unterstützung rechnend, die denn auch gewöhnlich bald eintrifft. Ich habe aber auch selbst gesehen, wie der einzelne Käfer nach flüchtiger Umschau wieder abflog und erst später mit vier andern Käfern zurückkehrte. Ich hatte es nämlich den Thieren nicht so leicht gemacht und meine Maus auf einen harten, unlängst mit Brack aufgeschütteten, wenn auch ziemlich einsamen Weg gelegt. Da sah ich denn, wie nach langen Untersuchungen des Bodens und einem fast vergeblichen Angriffe drei der Käfer heraufstiegen und darauf eine neue Arbeit begannen. Alle krochen wieder unter das Thier zurück und fuhrwerkten nun mit unsäglicher Geduld, gleich jenem nordamerikanischen Pillenkäfer, ihre Beute neben den Weg, in das weiche, wohlige Ackerland. Im nächsten Jahre aber will ich versuchen, was ein französischer Beobachter schon versucht hat und was, da der Todtengräber in ganz Deutschland, selbst noch an Gebirgslehnen zu Hause ist, auch von jedem Anderen probirt werden kann. Wenn das wahr ist, was jener Beobachter erzählt, so zeugt es allerdings von einem gewissen Urtheilsvermögen dieses so niederen Thieres.

Er hatte nämlich eine Maus so auf ein Stäbchenkreuz gebunden, daß, wenn auch die Käfer die Maus unterwühlt hätten, diese doch nicht nachsinken konnte, weil die Querstäbchen mit ihren langen, hervorragenden Enden es verhinderten. Die Käfer gruben und gruben, aber keine Maus rutschte nach, um das gescharrte Loch zu füllen. In ihrer alten Praxis enttäuscht, stiegen die Thiere zum Tageslichte herauf, schienen gleichsam zu berathen und fingen darauf, vom rechten Geiste durchweht, an, auch die Stäbchen mit zu unterminiren. In wenig Zeit war der kleine Leichnam versenkt und mit einer Erdendecke befahren worden, so daß die Weibchen ihre Eier absetzen konnten. –

Ein anderes wichtiges Feld der Wohlfahrtspolizei versehen die Mücken und Fliegen. Das ist die Brunnenpolizei, die Röhrmeisterei der Welt. In allen Pfützen, Tümpeln, Gossen, Schleußen, Sümpfen, aber auch Flüssen sind kleine Thierchen in Menge. Die Maden von unzähligen Fliegen und Mücken, aber noch unzähligere Infusionsthierchen sind’s, die sich von allen den im Wasser faulenden organischen Stoffen ernähren und somit das Wasser und die umgebenden Lüfte reinigen, daß jenes zum Trinken tauglich ist, und diese zum Athmen geeignet sind. Und allerdings müssen die Milliarden von Infusionsthierchen, die, wie z. B. das Pantoffelthierchen, oft ganze Ueberzüge in den Gewässern bilden, Einfluß haben; ihnen aber zunächst die vielborstigen, seltsam geschwänzten Mückenlarven. Ueber allem Schelten auf die uns so oft belästigenden Mückenschwärme können wir den wohlthätigen Einfluß der Mückenlarve nicht vergessen. Und wenn diese kleinen Peiniger in der Columbatz’schen Mücke, in den lappländischen Arten und in den Moskitos des heißen Amerika’s die lästigsten Blutsauger haben, so bietet uns ja Mutter Natur aus ihrem Schatze auch Gegenmittel, sowohl in stark riechenden Blättern und Tabaksrauch, als auch wirksamer in den Mückennetzen der Anwohner des Amazonenstromes oder, wie Pöppig erzählt, da er in der Hütte des Tenienten zu Cochiquinas am Marannon weilte, durch den glühenden Dampf von glimmenden Stücken eines Termitenbaues.

Um jener Reinigung willen und deshalb, weil viele Vögel und Fische von Mückenlarven leben, können uns ihre Mengen nicht schrecken, selbst wenn wir wissen, daß das allein nur stechende Weibchen vier bis fünf Mal im Jahre etwa Eier am liebsten in stehende Gewässer legt, und der einst so gefürchtete Heerwurm, eine zusammengeballte Masse klebriger Mückenlarven, die meist in Laubwäldern auftreten, schon bis 20 Fuß lang aufgefunden worden ist. Wird des Mückengesindels aber ja in einem Jahre zu viel, so stehen wiederum ihre Vertilger, die Raubfliegen, in größerer Menge auf, und nehmen die Sorge auf sich, jener Reihen zu lichten. Eben so wichtig wird für die Wohlfahrt die Gattung der Raupenfliege. Es gibt weit über 300 Arten der Tachinen oder Raupenfliegen, welche mit den Schlupfwespen um die Wette den Vertilgungskrieg gegen die Heere der Raupen führen; diese Raupenfliegen stechen aber, was bezeichnend ist, nur kranke Insecten und faulende Pflanzen an, um so in vorbereiteter Auflösung den Jungen eine löslichere Nahrung zu bieten. Die Leichenfliegen, Dungfliegen und Käsefliegen haben, ebenso ihren ziemlich enggezogenen Arbeitskreis in der Aufräumung gährender und faulender Stoffe erhalten und die Rattenschwanzmaden, die ich 1855 namentlich häufig in den größeren Cloaken fand, scheinen gerade in diesen ihren liebsten Sprengel gefunden zu haben. Aus jenen hellgrauen, langgeschwänzten Maden entstehen nämlich die „zähen Schlammfliegen“, welche einer wilden Biene in ihren Umrissen nicht unähnlich sind. Der schlagendste Beweis, wie sehr Mücken- und Fliegenlarven reinigen, ist zu finden, wenn man zwei Gläser mit Wasser füllt. Nur in einem seien Larven. In dem Glase ohne Larven wird das Wasser bald stinkend und völlig untauglich werden, indeß das andere verwendbar bleibt, nachdem man’s einfach geseihet hat.

Merkwürdig ist überhaupt, wie sehr das Gesetz des Gleichgewichts in der Natur Geltung behält. Wollen uns je einmal zu viel Kohlraupen das Gemüse und zu viel Aderweißlinge das Obst theuern – husch, da schwärmt’s plötzlich voller Sperlinge, Ammern, Meisen etc. in den Gärten. Da wird Leben; hohe niedere Jagt begingt; die Landstreicher werden erstochen. Alles speist Raupen; dem Proletariervogel, jenem Spatze, vergißt man’s, daß er auch der Kirschendieb war, und der Neuntödter hat so viele Gedecke, als er nur immer will. Ein eben ätzendes Sperlingspaar soll in einer Woche bis 1000 Stück Raupen verfüttern. Da wird schon etwas fertig!

Dazu tritt die schon oben einmal flüchtig erwähnte Schlupfwespe; dieser langgestreckte Strolch mit seinen sechzig Arten fliegt satzweise über den Rasen, stößt auf die Raupe am Blatte, stöbert hinter Rinden und wandert unverdrossen Hügel auf Hügel ab. Blitzschnell bohrt die Jägerin ihre Beute an, legt die Eier in sie hinein und das Opfer muß bald sterben. Selbst Gallwespen in ihren Kunzen werden nicht verschont. Oft trägt sich ein froher Sammler Puppen ein, die er im Herbste sorgfältig von den Mauerplatten löste; sehnsüchtig schaut man nun, wenn der goldne Falter sich auf jungen Schwingen zum Lichte heben wird. O, der Täuschung! Statt seiner schlüpfen wohl zwanzig oder dreißig kleine schwärzliche Wespen aus, und die Täuschung kann um so größer werden, als vielleicht nicht die Raupe, sondern erst die Puppe mit seinem Stachel angestochen wurde. Wird aber die Raupe auf dem Beete angegriffen, so hat sie, ihren Untergang fühlend und doch unvermögend, gegen die Brut in ihren eigenen Eingeweiden zu wüthen, nichts weiter zu thun, als eilig nach einer stillen Mauer oder in das Blätterdickicht der gemeinen Gartengoldruthen zu flüchten, und sich dort krampfhaft auf der Rückseite eines Blattes zu strecken. Darauf brechen nach wenigen Tagen aus ihrem Leibe die jungen Schlupfwespen, und legen sich im Uebermuthe des Jugendtraums, in eine schwefelgelbe Puppenhülle gewickelt, auf dem Leibe ihrer todten Amme nieder. Dann fällt mir allemal ein, was der Dichter einst in einer ähnlichen Beziehung sagte; ich denke des tiefsinnigen Wortes: „Und neues Leben sproßt aus den Ruinen.“

St.




Das Schwingfest in Bern.




Die nationalen Feste des Schweizervolkes haben durch die naturwüchsige Frische ihres Charakters und das ungekünstelt Malerische ihrer gesammten Erscheinung für den Fremden einen so ungewöhnlichen Reiz, daß ich den Lesern der weit verbreiteten „Gartenlaube“ einen besondern Dienst zu erweisen glaube, wenn ich aus meinen Reiseerinnerungen einige interessante Momente des landwirthschaftlichen Festes zu Bern aufzeichne, da ich so glücklich war, diesem schönen Feste beiwohnen zu können. Der Monat October, in welchen das Fest fiel, liegt jedoch bereits so weit hinter uns, daß ich mich begnüge, den landwirthschaftlichen Theil des Festes, die Ausstellung und den Festzug, nur mit wenigen kurzen Strichen anzudeuten; wogegen ich diejenigen Erscheinungen, deren echt nationaler Typus sich für alle Zeiten zur Fixirung eignet, einer näheren Schilderung unterwerfen werde. Einen Hauptact des Festes bildete nach Eröffnung der landwirthschaftlichen Ausstellung der Festzug am 3. October mit seinen landwirthschaftlichen Schaustücken, volksthümlichen [13] Costüms und ebenso prächtigen als reizenden Allegorieen des Gartenbaues, des Hanf- und Flachsbaues, des Frühlings, Sommers, Herbstes und Winters, des Wiesen- und Weinbaues, der Obstbaumzucht und endlich der Alpenwirthschaft oder „Käserei.“ Ich gestehe, daß dieser höchst gelungene und malerische Festzug, welcher in allen seinen individuellen Erscheinungen und Attributen den anziehenden Charakter des kräftigen und gemüthlichen Schweizervolkes als originelles Ganze mir vor Augen führte, auf mich einen herrlichen Eindruck machte und mir, ganz abgesehen von der vollständigen Befriedigung der Schaulust, ein historisches Interesse und Sympathieen für die Schweizer einflößte.

Von all’ seinem Interessanten erwähne ich in einem kleinen Bilde nur die, für weitere Kreise auch praktisch werthvolle, Alpenwirthschaft oder „Käserei“, deren allegorische Schlußgruppe auch von den vielen Tausenden der Zuschauer aus allen Theilen der Schweiz und den umliegenden Ländern am lebhaftesten applaudirt ward. Drei riesige Ochsen echter Alpenrace zogen den mit rothem Tuch drapirten und mit den verschiedenen Geräthen der Alpenwirthschaft ausgeschmückten Festwagen. Unter dem sinnig angebrachten „Käsekessel“ brodelte das Feuer und der kräftige „Käser“ zerrührte mit dem „Milchbrecher“ den zarten „Schluck“, indeß der „Ankenkübel“ im Schwunge den Rahm („Nidel“) in „Anken“ (Butter) verwandelte, welche ein anderer Schweizer in einer „Gebse“ zu Ballen knetete. Vorn auf dem Wagen handirten die jodelnden „Sennen“ mit den Milchgeräthschaften als „Hüttenknechte.“ Der Jubel der Zuschauer wollte nicht enden, als der gesottene „Käs“ mit dem „Kästuche“ aus dem Kessel gehoben und im „Järb“ (Käsereif) ausgeschlagen und gepreßt wurde.

Die Gartenlaube (1858) b 013.jpg

Schweizer Schwinger.

Nachdem der Festzug sich durch die Hauptstraßen Berns bewegt hatte, wendete er sich zurück zu seinem Ausgangspunkte, der eine Viertelstunde vor der Stadt liegenden „Enge“, wo er sich in ein malerisch buntes Wogen auflöste. Jubel und Musik erschallten bis in die Nacht.

Kaum graute der nächste Morgen, als auch schon die geschäftigen Hände der Werkleute Zurüstungen zu einem neuen Festacte trafen. Auf dem Berner Schießstande ward ein weiter Circus aufgeschlagen, wo das berühmte „Schwingen“ und „Steinstoßen“ der Schweizer in großem Maßstabe dargestellt werden sollte. Am 5. October, dem Tage dieses „Schwingfestes“, lockte mich eine heitere Bewegung, welche wie ein elektrischer Strom bereits am frühen Morgen durch alle Theile der Bevölkerung ging, hinaus nach dem Schauplatze. Von einem sicheren Standpunkte aus sah ich in endlosem, malerischen Zuge Tausende von Menschen heranwogen. Jeder suchte sich eine gute Position zu erobern. In wenigen Minuten hatte sich um die Planken des Circus ein dichtgedrängter Ring von Köpfen gebildet und die umherstehenden Bäume füllten sich mit kühnen Kletterern, was sich nicht wenig komisch ausnahm, da auch ältere Männer, selbst hier und da eine verwegene Dirne, sich schlanke Aeste zu Schauorten auserkoren. Ungeheuere Heiterkeit durchdrang das Gewimmel, denn Alles freute sich lebhaft darauf, die renommirtesten „Schwinger“ der Eidgenossenschaft an diesem [14] Tage Proben ihrer originellen Kunst ablegen zu sehen. Ich selbst befand mich um so mehr in spannender Erwartung, als ich bis dahin noch keine bestimmte Vorstellung von der Kunst des „Schwingens“ besaß.

Endlich gegen zehn Uhr bewegte sich langsam der Zug der „Schwinger“ vom „Klösterli“ in der Unterstadt her, geleitet vom Festcomité und einem Musikcorps; lustige Sennenknaben im Sonntagsgewande, welche sieben bekränzte Schafe als Preise für die Sieger führten, eröffneten ihn. Mehr als sechzig Schwinger folgten in geordneter Reihe. Wie der Herold die alten Ritterturniere, so eröffnete ein Comitémitglied das Kampfspiel mit einer kurzen Standrede. Dreißig Kämpferpaare wurden gebildet. Das Loos rief durch den Mund erwählter Kampfrichter, die meist alte bewährte Schwinger waren, die Kämpferpaare der Reihe nach in die Schranken. Die beiden Gegner traten dann heraus, zogen die kurzen, gesteppten, mit Griffen versehenen Schwingerhosen an, gaben einander zum Zeichen des freundschaftlichen Wettkampfes die Hand und der Kampf begann unter lautloser Stille der Tausende von Zuschauern, welche jedoch im Verlaufe des Kampfes insofern lebhaften Antheil an letzterem nahmen, als sie den anscheinenden Sieger durch lauten Beifall anfeuerten.

Zwei Kämpfer, an Kraft und Gewandtheit, wie es schien, einander ebenbürtig, traten zuerst einander gegenüber. Jeder griff mit der rechten Hand auf der linken Seite in die Schwinggürtel des Gegners, während die Linke das rechte Bein des Gegenüberstehenden am Griff der Schwingerhose faßte. Hierauf traten die Kämpfer mit den Beinen so weit von einander ab, daß sie, Schulter gegen Schulter gestemmt, fast auf dem Boden lagen. Die Sehnen und Adern der unbedeckten Gliedmaßen traten hervor. Das schwere, stöhnende Athmen der beiden Kämpfer zeugte von der ungeheuern Kraftentwickelung, mit welcher sie sich gegenseitig in diejenige Stellung zu treiben suchten, die es ihnen möglich machen sollte, mit Vortheil einen „Schwung“ zu versuchen.

Nach einigen blitzschnellen Wendungen gelang es dem Einen, seinen Gegner so zu stellen, daß dessen Füße in seine Nähe kamen, und nun, den günstigen Moment benutzend, ließ er mit beiden Händen Griff und Gürtel los, faßte das linke Bein des Gegners, zog es mit aller Kraft vollends an sich heran, hob den Uebervortheilten an demselben in die Höhe und versuchte nun, mit seinem rechten Bein hinter das rechte des Emporgehobenen zu kommen, um ihm den „Hacken“ zu schlagen, oder durch einen Druck in die Kniekehle ihn schwanken zu machen und auf den Rücken zu stürzen; denn es ist eine Kampfregel, daß nur der als Sieger gilt, welcher seinen Gegner von drei Malen zwei Male so überwältigt, daß er auf dem Rücken oder wenigstens so fällt, daß die rechte Ferse den Boden schlägt.

Deshalb war der halb Ueberwundene eifrig bemüht, festen Stand zu behalten, indem er sein rechtes Bein, nach welchem Jener griff, so weit rückwärts stellte, daß der Angreifer es nicht erreichen konnte, und damit dieser ihn nicht weiter zurückdrängen und überstürzen könne, ließ er mit seiner Rechten den „Hüftgriff“ los, schlug mit derselben auf die rechte Achsel des Gegners, legte seinen rechten Arm unter dessen Kinn, und drängte ihm den Kopf so zurück, daß dieser seinen errungenen Vortheil nicht weiter verfolgen konnte. Um ihm denselben ganz zu entziehen, ließ er sich „ausschießen“, das heißt, er entsagte allen Griffen, und warf sich auf den Bauch. Der Kampf war unentschieden, der „Gang“ zu Ende. Ermattet traten die beiden Schwinger vom Platze, und lagerten sich neben einander, während zwei Andere zum Wettkampfe eintraten. Jetzt standen größere Kraft in dem Einen, größere Gewandtheit in dem Andern einander gegenüber in dem Duell der Fäuste. Der Gewaltigere riß den Schwächeren mit riesiger Kraft in die Höhe, und trug ihn hoch in der Luft, vor der jauchzenden Menge einige Augenblicke umher tanzend, in der Siegesgewißheit, ihn dann zu Boden zu werfen; aber der Schwächere entfaltete nun seine Gewandtheit. Er setzte seinen linken Fuß auf das Knie des Siegesgewissen, streckte sein rechtes Bein wie einen Wegweiser gradaus in die Luft, und verwehrte diesem die Ausführung des „Schwunges“ und des Wurfes. Ungeduldig machte der Stärkere mit nervigen Armen erneute Versuche, seine Last kampfgerecht abzuwerfen, und endlich faßte er das horizontale Bein. Die Menge jubelte. Der Sieg schien gewonnen. Der scheinbar Besiegte stürzte; aber noch im Fallen gab er sich einen Schwung, so daß auch er auf den Bauch zu liegen kam – und der Sieg war vereitelt. Mürrisch räumte der Riese das Feld, und das Publicum lachte laut über die komische Manier, mit welcher der Kleine mit heiler Haut davon gekommen.

Mittlerweile hatten sich die ersten beiden Kämpfer ausgeruht, und traten wieder in die Arena, um ihren Zweikampf zur Entscheidung zu bringen. Mit frischer Kraft, mit neuer Kriegserfahrung erschienen sie wieder. Jeder hatte während des ersten Ganges des Andern Schwächen und Kräfte kennen gelernt und säumte nicht, diese Erfahrung zu nützen. Rasch folgten Zug auf Zug, bis Einer den Andern durch einen glücklichen Kunstgriff in die Höhe hob, und ihn eben zur Erde werfen wollte; aber der „Geschwungene“ fiel wieder glücklich. Schon berührte er mit den Händen den Boden, da faßte ihn der sieghafte Schwinger noch im Fallen im Nacken, hob ihn von hinten wieder empor und gab ihm nun den rechten Schwung, also daß er kopfüber platt auf den Rücken niederfiel. Die Menge spendete donnernden Beifall, der glückliche Sieger bekundete seine Freude durch Radschlagen.

Das zweite Paar trat zu neuem entscheidenden Gange in die Schranken. Wieder hob der Riese den Schwächeren in die Höhe, wieder trat er mit ihm zu triumphirendem Tanze an, aber diesmal ließ sich der Hocherhobene nicht ohne Weiteres „legen“, sondern zwang durch geschickte Bewegungen den Gegner, ihn wieder vor sich nieder auf seine Füße zu stellen. Der Kleine war jetzt in seinem Vortheile, denn seine Gewandtheit war noch frisch, die Kraft des Andern durch den mehrmals versuchten Schwung schon gebrochen. Blitzschnell operirte er mit seinem rechten Knie gegen die linke Kniekehle des Gegners, bis dieser einknickte. Mit aller Kraft wendete er nun den Wankenden nach rechts und stürzte ihn zu Boden. Besiegt lag Goliath nun auf seinem Rücken, während dem Kleinen im Jubel des Publicums ein herrlicher Triumph erschallte.

Dies zwei Beispiele von vielen. Nach beendetem Schwingen der dreißig Paare, ging es erst an den Hauptkampf, das sogenannte „Ausschwingen“. Achtundzwanzig der besten Schwinger wurden von den Kampfrichtern dazu erkoren. Die ersten zwei Hauptmatadores, die „Könige“ der beiden Parteien, Johann Wenger aus Emmenthal und Heinrich Balmer aus dem Berner Oberlande, betraten die Kampfbahn, Beide mit gleicher Kraft und Gewandtheit in hohem Maße ausgerüstet. Todtenstille herrschte ringsum, als wollte Jeder die Herzschläge des Andern hören. Drei Mal erneuerten die Streitenden den Gang um den ersten Preis; aber drei Mal blieb der Kampf unentschieden und die Gefeierten behielten Beide ihre „Unsterblichkeit“. Die nachfolgenden Paare konnten nicht mehr das Interesse in Anspruch nehmen, welches diesen Beiden gewidmet worden war, obwohl unter ihnen viele als Meisterschwinger glänzten.

Dem Schwingen folgte das sogenannte „Steinstoßen“, welches darin besteht, daß kräftige Männer sehr schwere Steine mit freiem Arme vor sich hinwerfen. Styger aus Schwyz und Berger aus Langenau warfen einen hundert Pfund schweren Stein mehrere Schritte weit.

Am Schlusse des Festes wurden die Sieger im Schwingen und Steinstoßen von den Kampfrichtern öffentlich ausgerufen und mit den Preisen gekrönt. Kräftige Männer ohne Gleichen empfingen die Preise, zum Zeichen dafür, daß es in der schönen freien Schweiz auch für den ernsten Augenblick eiserne Arme in Menge gibt „zu Schutz und Trutz.“ Dann verließen die stattlichen Ringer Arm in Arm unter Sang und Klang den Kampfplatz.




Blätter und Blüthen.

Geschichte eines amerikanischen Bankpräsidenten. Es wird Niemand bestreiten wollen, daß die Veruntreuung das herrschende Verbrechen unserer Zeit geworden ist. Entwendungen, Cassendiebstähle, Betrügereien jeder Art sind in den Geschäftskreisen aller Welttheile an der Tagesordnung. Bis jetzt werden die Vereinigten Staaten als die Heimath des Schwindels angesehen, aber die Fälle von Carpentier, Redpath, Hertzsch u. A. haben bewiesen, daß dies ein Irrthum ist. Die Speculationswuth und Gewissenlosigkeit sind eben so sehr in Frankreich, England und Deutschland [15] zu Hause, wie in Amerika, und kein Land hat etwa dem andern etwas vorzuwerfen. Auch in Rücksicht auf den Charakter des Verbrechens gibt kein Staat dem andern etwas nach. Der Mißbrauch fremden Vertrauens wird heutzutage nicht mehr, wie ehemals, aus Schwäche und culposer Absicht, sondern systematisch und mit moralischer Stärke betrieben. Der Verbrecher geht langsam zu Werke, er entwirft seinen Plan auf der breitesten Basis, setzt Jahre daran, ihn auszuführen, und tritt endlich, nachdem er sein Ziel erreicht, wie ein Held, triumphirend und mit Eclat ab. Und wie die Handlung, so sind ihre Folgen. Sie treffen nicht mehr blos Individuen, einzelne Narren und Angeführte, sondern ganze Familien und Gemeinden, ja Classen der bürgerlichen Gesellschaft. Nur der Schuldige leidet darunter am wenigsten oder gar nicht. So waltet der Geist des Staatsstreiches, der unserem Zeitalter inoculirt worden, bald über Jedem. In seinem Wesen überall gleich, nimmt er in den verschiedenen Ländern, wie es scheint, nach Maßgabe der politischen Bedingungen, andere Formen an. Während z. B. der amerikanische und englische Schwindel sich mehr in der Form des Habbesischen[WS 1] Krieges Aller gegen Alle bewegt, erscheint der kontinentale Dieb als gewöhnlicher Spitzbube. Es wäre jedenfalls interessant, eine Geschichte der modernen Verbrechen von diesem Gesichtspunkte zu schreiben. Vielleicht findet sich bald eine Feder für diese dankbare Aufgabe. Die folgende Erzählung würde dazu ein Beitrag sein, ganz abgesehen davon, daß sie vielleicht just in den jetzigen Tagen zur rechten Zeit kommt.

Unter den Banken, welche während der letzten Geldkrisis in Amerika insolvent wurden, befand sich auch die Bank of Philadelphia. Dieselbe war eine der ersten und vorzüglichsten Geldinstitute des Landes, dessen Solidität über allem Zweifel erhaben stand. Die Thatsache ihrer Insolvenz ließ sich im Anfange so wenig begreifen, als durch längere Zeit ihre Ursache erklären. Wochen, ja Monate vergingen, bis der eigentliche Grund des Unglücks bekannt ward. Erst die gesetzliche Erhebung stellte heraus, daß der Urheber dieses Sturzes Niemand anders war, als ihr eigener Präsident, Herr Thomas Allibone.

Die Antecedentien eines großen Verbrechers haben immer ein gewisses Interesse in den Augen der Mitwelt. Diejenigen Herrn Th. Allibone’s verdienen wenigstens mitgetheilt zu werden.

Sein Vater war frühzeitig gestorben und hinterließ eine Wittwe mit acht Kindern, die von allen Mitteln des Lebensunterhaltes entblößt waren. Die verwittwete Allibone war eine Frau von überragendem Charakter, anziehendem Aeußern und einer Energie des Willens, die ganz ihrem Unglück gewachsen war. Sie eröffnete sofort ein first rate boardinghouse in der fashionablesten Lage der Stadt und führte es mit so viel Geschick, daß der Erfolg ihre eigenen wie die Erwartungen ihrer Freunde überstieg. Bald kaufte sie das Haus, welches sie gemiethet hatte, und sorgte für die Zukunft ihrer vielen Kinder, welche sie vortrefflich erzog. Als sie starb, vermachte sie ihnen ein nicht unbeträchtliches Vermögen. Thomas war der älteste Sohn dieser ausgezeichneten Mutter und Frau. Er bildete sich zu einem merchant-upon the wharf, Schiffswaarenhändler, aus und war von leutseligem, einnehmendem Wesen. Seine Freunde, die er leicht fand, liebten ihn sehr und er zählte Viele, die ihm mit Aufopferung anhingen. Sie betrachteten ihn als die Verkörperung von Allem, was edel, recht und gerecht war. Noch jung, trat er in die Verbindung mit J. Troubat, einem würdigen Charakter und eben so thätigen als vorsichtigen Geschäftsmanns. Die Firma von Allibone und Troubat zeichnete sich bald vor allen anderen aus. Allibone war zwar immer zu waghalsigen Geschäften bereit, aber sein Ungestüm wurde von seinem Partner gemäßigt, der mit ebensoviel Unternehmungssinn eine größere Ueberlegung verband. Eine glückliche Operation, welche beide unternahmen, machte das Haus bald weit und breit berühmt. Troubat hatte entdeckt, daß die Ernte des Kleesamens im ganzen Lande mißrathen war, und segelte im Stillen nach Liverpool, wo er den Gesammtvorrath der englischen Ernte aufkaufte. Der Gewinn dieser rechtzeitigen Handlung betrug, außer der Sensation, welche ihr Gelingen verursachte, 100,000 Dollars. Auch in Kaffee und andern Producten von Südamerika speculirten die beiden Freunde mit einer Kühnheit und Ausdehnung, welche die Kaufleute der alten Schule mit Staunen erfüllte. Doch fehlte nur selten der Erfolg ihren Unternehmungen. Der größte Verlust, welcher das Geschäft traf, war indeß der Tod Herrn Troubat, welcher beim Baden in Cape May ertrank. Er ließ ein schönes Vermögen zurück und sein Partner setzte das Geschäft fort. Des soliden Rathes seines Freundes beraubt, gelang es Herrn Allibone nicht mehr, mit dem gleichen Glück zu operiren. Er überkaufte sich in der Regel, so daß er zu häufigen Verkäufen mit Verlust gezwungen ward und seine bisherige Popularität in den commerciellen Kreisen einbüßte. Die Fama erzählt, daß man ihn um jeden Preis von der Werfte entfernen wollte und aus diesem Grunde für ihn die Präsidentenstellung einer Bank suchte, die man ihm anbot. Gewiß ist, daß seine Freunde bei der Wahl der neuen Directoren stark agitirten, welche die Controlle der Bank of Philadelphia übernahmen und den alten Präsidenten absetzten. Herr Th. Allibone trat sein Amt am 16. Februar 1853 an.

Herr Allibone hatte einen Gehalt von 5000 Dollars. Seine Familie bestand aus einer Frau und zwölf Kindern, und es wurde versichert, daß seine Pflichten als Familienvater die beste Bürgschaft für seine persönliche Ehrlichkeit und Klugheit sein würden. Die Folge zeigte indessen, daß dies nicht der Fall war. Derselbe Leichtsinn und Uebermuth, mit welchem er sein Geschäft auf der Werfte geführt, kam allmählich auch bei der Besorgung der Bankgeschäfte zum Vorschein. Handelsfirmen, die Jahre lang mit der Bank in Verbindung gestanden, wurden, durch ihn in ihrem Credit beschränkt, – zur Zurückziehung ihrer Conti gezwungen. Statt ihrer nahm der neue Präsident seine persönlichen Freunde auf, obgleich es auch bald von ihnen hieß, daß sie nicht besser bedient würden. Der Grund hiervon bestand darin, daß Allibone im Verkehr mit Brokern und jener Classe von Leuten stand, deren Hauptgeschäft die Plünderung ihrer Freunde ist. Es war Gegenstand der allgemeinen Verwunderung und Klage, daß er fortwährend mit dieser Art Menschen zusammen war, während kein mercantiler Geschäftsmann Zutritt bei ihm erlangte. Zu derselben Zeit ging in dem Betragen des Präsidenten eine große Veränderung vor sich. Er nahm die Miene eines wichtigen und einflußreichen Mannes an, und sein ganzes Benehmen wurde so hochtrabend, daß sich viele seiner ältesten Freunde von ihm zurückzogen. Seine Art, zu leben, wurde rücksichtslos und verschwenderisch. Er richtete sich glänzend in der Stadt ein, hatte einen besonderen Sommersitz in New-Jersey, und besuchte außerdem die theuersten Badeörter. Er hielt Wagen und Pferde und zehn Bediente in seiner Familie. Gegen seine Freunde war er lächerlich freigebig; dem Einen schenkte er einen Wagen, dem Andern ganze Schätze von Juwelen. Als hervorragendes Mitglied der Kirche spielte er den fanatisch Gläubigen und ließ, zum Theil auf seine eigenen Kosten, den Bau einer Kirche in West-Philadelphia aufnehmen. In der Unterhaltung waren religiöse Fragen sein Lieblingsthema, und er liebte es, sich in frommen Ermahnungen zu ergehen, damit Jeden von sich scheuchend. Das neue Gebäude der Bank in Chesnutstreet ist ein sprechendes Denkmal seines Leichtsinns. Er wußte, daß die Bank insolvent sei, und trotzdem drang er auf die Errichtung des Gebäudes, das auf 250,000 Dollars veranschlagt war. Nichts wurde gespart, dasselbe luxuriös einzurichten. Gemeißelter Granit bildet seine Frontseite, eiserne Thore von reicher Verzierung führen in sein Inneres, ein gegossener Zahlungstisch von kostbarer Arbeit schmückt das Cassazimmer, ein Fußboden von Marmor, über dem sich ein eisernes Gewölbe in Schwibbogen, die mit Gemälden und Frescoarbeit versehen sind, erhebt, breitet sich in dem Bankapartment aus. Das glänzendste ist das Privatbureau des Präsidenten. Ohne Wissen des Baucomité’s bestellte Allibone Möbel und Decorationen dafür, welche die Gesammtkosten der Ausstattung um mehr als die Hälfte erhöhten. Weiche Sopha’s und Ruhebetten, nebst einem jeden Comfort bietenden Badecabinet, machten dasselbe zu einem eines Krösus würdigen Aufenthalt. Es befand sich im zweiten Stock des Gebäudes, und hing durch eine gußeiserne Wendeltreppe von geschmackvollster Form mit dem übrigen Theile zusammen.

Während dieser Aufwand gemacht, wurde, schwand das Capital der Bank, welches 1,875,000 Dollars, mit einem Ueberschuß von 400,000 Dollars betrug, täglich mehr. Die Direktoren erfuhren von diesem Umstand indeß nichts. Der wöchentliche Ausweis der Bank, den ihnen der Präsident vorlegte, enthielt nichts Bedenkliches, geschweige was auf einen Betrug hätte schließen lassen. Das Vertrauen der Direktion in die Ehrlichkeit des Präsidenten beruhte auf jahrelanger Bekanntschaft mit ihm, und sie waren Alle reich und wohlhabend. Ihr Vertrauen blieb unerschüttert bis zu dem letzten Augenblick. Wie er Frömmigkeit heuchelte, so schützte er eine Krankheit vor, und in beiden Fällen hatte die Lüge Erfolg. Tagelang bemühten sich seine innigsten Freunde, ihn von seiner Reise nach Europa abzubringen und statt dessen zu einem Aufenthalte auf seinem schönen Landsitz in New-Jersey zu bestimmen, wo er den Verlauf der Krise abwarten und die Direktoren der Bank mit seinem Rath unterstützen könnte. Einer seiner besten Freunde war bereit, mit ihm zu reisen, wenn er nur vierzehn Tage verziehen wollte. Alles umsonst. Im Bewußtsein, daß seine Stunde geschlagen, verließ er Philadelphia und segelte mit Frau und Töchtern, welche die Plötzlichkeit seines Entschlusses nicht verstanden, nach Europa, indem er sein jüngstes Kind, das erst sechs Monate alt, zurückließ.

Unmittelbar nach seiner Abreise entdeckten die Directoren die Ursache des Bankerotts. Sie waren wie niedergeschmettert durch die überlegte, systematische und gewandte Art seiner vieljährigen Fälschungen der Bücher und Rechnungen. Man versichert, dieselben seien so fein gelegt, daß Keiner von ihnen, auch ohne das ihm geschenkte Vertrauen, auf den Betrug hätte kommen können. Ein Privatconto, welches in dem geheimen Pult seines Schreibtisches lag, enthüllte erst den ganzen Schwindel. Leute, die nie einen Dollar erhielten, sind darin als bedeutende Schuldner der Bank aufgeführt. Andere, welche wirklich geborgt hatten, wiesen auf Befragen nach, daß sie die geliehenen Summen lange bezahlt haben. Versiegelte Briefcouverts wurden gefunden, auf deren Adressen große Beträge als Inhalt angegeben sind, in denen aber nichts enthalten ist. Dagegen hat man ausgedehnte Transaktionen mit Brokern entdeckt, welche ohne das Wissen der Direktion gemacht wurden. Andere Operationen, die zu skandalös für den Ruf der Bank sind, wagt man gar nicht zu veröffentlichen. Die Directoren haben eidlich erklärt, daß der Präsident in Folge seiner Betrügereien auf flüchtigem Fuße sei, worauf sein vorhandenes Privateigenthum zum Besten der Bank confiscirt wurde. In diesem Augenblick ist ein Comité niedergesetzt, um die wahre Lage der Bank zu ermitteln. Die unbestimmte Hoffnung ist, daß wenigstens so viel gerettet wird, daß der Fortbestand der Bank gesichert sei. Zu diesem Ende hat die Regierung ihren Freibrief auf zwanzig Jahre verlängert, doch stehen ihre Actien, die von 112 auf 6 Dollars gefallen sind, gegenwärtig erst 10 Dollars.

Nicht minder enorm sind die äußeren Folgen, welche der Fall der Bank nach sich gezogen hat. Sie erstrecken sich über das ganze Land hinaus. Obgleich die Bank einmal von Dieben ausgeraubt und ein andermal von einem ihrer Clerks bestohlen worden war, genoß sie doch das allgemeine Vertrauen. Sie stand viele Jahre unter der Leitung der „Gesellschaft der Freunde“, welche ihr eine zahlreiche Gönnerschaft, namentlich unter den Frauen, Vormündern, Waisen-, Kirchen- und Schulverwaltungen zuführte. Die Dividende betrug 10 Procent pro Jahr. Selbst die schlaue Mormonensecte legte ihr Geld bei ihr an. Viele Actieninhaber besitzen 100–700 Stück. Manche Familien, blos aus weiblichen Mitgliedern bestehend, hatten ihr ganzes Vermögen darin. Die bitteren Früchte sind nicht ausgeblieben. Wittwen sahen sich mit ihren Töchtern gezwungen, ihren eigenen Heerd zu fliehen und in ein einziges Wohnzimmer als Miethpartei einzuziehen. Der Ruin trifft Viele und vollständig. Man weiß noch nicht, ob die Bank wird liquidiren müssen oder nicht. Einstweilen ist das Comité damit beschäftigt, die Bilanz zwischen den Depositoren und Schuldnern zu ordnen.




[16] Allgegenwart des Salzes auf Erden. Bei der Unentbehrlichkeit des Salzes konnte die Erde nur bewohnbar sein, wenn dasselbe auf der Oberfläche überall zu finden war, und daß dem so ist, weiß Jedermann. Auch ist bekannt, daß es in drei ganz allgemeinen Formen aufzutreten pflegt, als Steinsalz, Soolquelle und Weltmeer. Mit Steinsalz sind die Berglandschaften versehen, mit Soolquellen die Abdachungen und Mittelstufen, während die fruchtbaren thonigen Marschebenen, in denen keine Quellen mehr aufsteigen, an das benachbarte Meer gewiesen sind. Die großen niedrigen Binnenländer, welche nicht regelmäßig nach dem Meere hin abdachen, sehen sich durch das minder allgemeine Vorkommen des Steppen- und Wüstensalzes versorgt, und die vulcanischen Districte, die gewissermaßen noch kein Bergland, sondern ein werdendes Bergland darstellen, empfangen ihre Gabe aus den Kratern und Feuerschlünden als Sublimation und als Auswurf. Ja was noch mehr sagen will, auch die Luft wird zur Trägerin des Salzes gemacht, um es allgemein zu verbreiten und das Dasein der lebendigen Welt überall zu gestatten. Mit Recht überrascht uns die Beobachtung, daß das Vieh, dessen Salzbedürfniß doch physiologisch bestimmt nachgewiesen ist, selbst da gedeiht, wo ihm eigentliche Salznahrung nicht geboten wird. Es muß daher in der Regel einen wenigstens ausreichenden Ersatz seines täglichen Salzverlustes und das für einen gewöhnlichen Stoffwechsel erforderliche Quantum auch in dem scheinbar ungesalzenen Futter vorfinden.

In der That treffen wir in fast allen Culturpflanzen und der größeren Zahl der wild wachsenden das Kochsalz als einen Bestandtheil der Asche an, wodurch sich eben so bestimmt, wie durch die directen Analysen selbst, eine allgemeine Verbreitung in der fruchtbaren Ackerkrume kundgibt.

Auch die Pflanze, um es kurz zu sagen, hat im beschränkteren Maße ein Bedürfniß nach Kochsalz; und indem sie es hat und befriedigt, sorgt sie für den Salzbedarf derjenigen Thiere, denen die Pflanze als Nahrung dient. Wir erkennen hierin einen Schritt in dem ewigen Kreislauf des Stoffes.

Das grüne Irland, England und die cimbrische Halbinsel, diese unter steten Seewinden liegenden Länder, deren Graswüchsigkeit, da sie die Trefflichkeit der Rinder bedingt, ein Neid der Nachbarländer ist, verdanken sie theilweise dem leichten Salzstaube, der unausgesetzt auf sie niederfällt, und den zwar andere Länder Europa’s auch, aber wenige in solchem Maße empfangen.

Die Brandung der Küste zerschlägt das salzige Meerwasser in Schaum, dessen Bläschen wie Nebel von den an der Küste senkrecht aufsteigenden Winden emporgerissen werden. Wer sich dem feuchten Winde aussetzt, sieht sich alsbald von einer weißen Salzkruste überzogen, und die Fensterscheiben der Häuser, selbst meilenweit von der Küste, werden blind durch einen salzigen Beschlag.

Aber nicht blos, wo die Nebelbläschen an feste Körper anschlagen, sondern auch in der freien Luft verdampft das Wasser derselben, und anstatt des einen Bläschens, das hohl und doch schon so klein war, bleibt nur 1/30 desselben dem Gewichte, 1/60 dem Maße nach, zu unzähligen Würfeln zersplittert, daher unsichtbar, selbst dem Mikroskope unerreichbar klein, schwebend in der Luft zurück, und hat seiner Kleinheit halber nicht Gewicht genug, die Luft zertheilend, zu Boden zu fallen, sondern wird mit den Winden durch die ganze Welt getragen, und in Regen, Schnee und Thau der Pflanzenwelt ununterbrochen zugeführt. Aber so gering die Gabe für jede einzelne Pflanze, so groß ist sie das ganze Jahr hindurch für die gesammte Pflanzendecke eines Landstriches.

Der Salinendirector Brandes in Salzuflen hat durch Versuche nachgewiesen, daß auf eine Quadratmeile westphälischcn Landes mehr als eine Million Pfund Kochsalz alljährlich mit dem Regen niederfällt.

Auch diese Thatsache hat wieder ihre ökonomische Seite. Denn da die Binnenländer weniger Salz aus der Atmosphäre empfangen, als die Küstenstriche, so lehrt uns die Natur handgreiflich, ihren Bestrebungen zur Hülfe zu kommen. Mit Maß gegeben, wirkt selbst in England das Kochsalz noch als ein Dünger, der besonders einen vermehrten Körnerertrag hervorruft; mit Maß gegeben, zwingt es den ungesunden Moorboden, wohlschmeckende Gräser hervorzutreiben, wie es der Umkreis der Salzquellen lehrt, welche so häufig in moorigen und sumpfigen Wiesen entspringen; mit Maß gegeben, wirkt es auf einige Culturpflanzen, wie den Spargel und den Flachs, sogar specifisch treibend, und indem selbst ein geringeres Maß schon einigen dem Landwirth unwillkommenen Pflanzen von niederer Organisation feindlich ist, verjagt es von den Wiesen das Moos und die Pilze, und zuletzt, bei beharrlicher Anwendung, sogar die schädlichen Schachtelhalme (Equiseten).

Daher wird denn nicht blos in England, sondern mehr oder weniger überall, wo einsichtsvolle Landleute thätig sind, das Salz auch zum Düngen gebraucht (seit urältesten Zeiten in China, nach den Berichten von Plinius auch im alten Rom), indem man, den Fingerzeig der Natur beachtend, die seine Vertheilung, welche sonst schwer zu erreichen sein würde, dadurch bewirkt, daß man es in anderweitig gesammelte Dünger- und Composthaufen streut und sich vorher in diesen auflösen läßt, oder es auf die Brache bringt, wo der Pflug und der Wechsel der Witterung die völlige Vertheilung im Boden bewirken.




Schmidt-Weißenfels veröffentlicht in der neuesten Nummer der von ihm redigirten Zeitschrift: „Kritische Blätter für Literatur und Kunst“ (Prag) einen vortrefflichen Artikel über Lenau, dessen Doppelnatur mit haarscharfen Strichen eben so richtig wie poetisch gezeichnet wird. Geist und Frische läßt sich überhaupt den „Kritischen Blättern“ nicht absprechen, und selbst der sehr ausführliche Artikel über Julian Schmidt, wenn sich auch über die Richtigkeit einzelner Aufstellungen streiten läßt, war mit Verstand und großem Fleiß geschrieben. Daß Schmidt-Weißenfels nicht nur Kritiker, sondern auch schaffender Autor ist, hat er vor Kurzem wieder durch seine „Memoiren“ bewiesen. So viel wir hören, arbeitet er jetzt an einer umfassenden Biographie des in neuerer Zeit wieder vielgenannten Publicisten Fr. v. Gentz.




Wie man gesuchter Arzt wird. Ein junger deutscher Arzt in Paris, den wir Albert nennen wollen, saß vor einigen Jahren mit einer reizenden deutschen Baronin plaudernd vor dem Kamine. Ersterer, damals noch ein unbekannter, kaum bemerkter Anfänger, klagte über die zahllosen Schwierigkeiten, die sich dem Beginne einer Laufbahn entgegenstellen, welche man mit Glanz und Erfolg durchwandern möchte. Die Baronin suchte ihn zu ermuthigen.

„Sie haben,“ sagt sie ihm, „Geist, Talent und ernsten Willen, der Erfolg kann nicht ausbleiben.“

„In Deutschland wohl,“ erwiderte der Doctor, „aber in Paris ist dies nicht so wohlfeil. Hier gleicht die öffentliche Meinung einer Coquette, die man durch wahres Verdienst und gute Eigenschaften seltener, als durch jene geschickten Züge gewinnt, welche die sogenannten Glücklichen bei leichtfertigen Frauen zur Anwendung bringen.“

„Nun, lieber Freund, diese Eroberungskunst scheint Ihnen nicht fremd zu sein; man sei artig und mache der Ruhmesgöttin den Hof!“

„Ja! Wenn Sie mir beistünden!“

„Ich?“

„Ja, Sie – eine Frau, jung, schön, von hohem Range, würdige Trägerin eines edlen Namens, ist eine mächtige Bundesgenossin auf dem Felde, auf dem ich mein Glück suche.“

„Aber – Sie wissen ja, daß ich wenig in die große Welt komme, noch weniger dort gelte und Paris ohnehin bald verlasse, weil ich, nach dem Wunsche meiner Familie, schon in der ersten Zeit meines Wittwenstandes mich zu einer Verbindung mit einem reichbegüterten und edeln Manne entschloß. Nach Wien können Sie mir nicht folgen, dies würde mir, ohne Nutzen für Sie, üble Nachreden bereiten, denn, wie Sie selbst sagten, ist in Deutschland weibliche Empfehlung nicht hinreichend, um Glück und Ruhm eines jungen, freundlichen Arztes zu begründen.“

„Sie können also weder in Paris noch in Wien Etwas für mich thun?“

„Nein! Doch halt! Vielleicht dennoch! Ein feines Mittel, geschickt angewendet! Lassen Sie mich handeln, vertrauen Sie mir!“

Etwa drei Monate nach diesem Zwiegespräche – die Saison in Baden-Baden war bereits in ihrem höchsten Glänze – las man in Baden die Ankunft unserer Baronin; man erzählte sich von ihr interessante Dinge mit romantischem Beigeschmacke. Unsere wunderschöne, hochgeborene Wittwe, um welche sich hohe Herren bewarben, hatte gewählt und war im Begriffe, eine neue Verbindung einzugehen, als eine plötzliche schwere Krankheit sie an den Rand des Grabes brachte. Von den Pariser Aerzten aufgegeben, wollte sie in Deutschland in Baden sterben.

Wie natürlich sprach man in der hohen Gesellschaft Badens von dem Unglücke der edeln Dame, als man im Badeblatt ihre Ankunft las. Von diesem Tage an wurden die jungen Spaziergänger ihren gewöhnlichen Promenaden untreu und wanderten schaarenweise nach der Seufzer-Allee, wo man für die schöne Kranke ein zierliches Haus eingerichtet hatte.

Am darauf folgenden Tage wollte sie zur Mittagszeit einen kleinen Spaziergang in den Park wagen; mit Anstrengung stieg sie aus der reich gepolsterten und mit Wappen geschmückten Kalesche; Alles kommt, um sie zu bewundern und zu bemitleiden. Langsam, an den Arm ihrer Zofe gestützt, wankt sie einher, doch ist ihr Anzug reizend.

Die Aerzte Badens und der benachbarten Städte werden zu Rathe gezogen, das Uebel und seine Heilung werden in gründlichem Latein studirt; vergebens! Der Ausspruch lautet: daß die Baronin höchstens noch einen Monat zu leben habe.

Gerade als diese Meinung der Aerzte bekannt wurde, kam ein junger Doctor – Albert – aus Paris an; er erzählte, daß man für die Baronin seinen ärztlichen Beistand erbeten, daß er sie gesehen und zu retten hoffe.

Jetzt wurde unser Doctor Albert ein Mann von Wichtigkeit, man hörte auf ihn, während die Aerzte Badens behaupteten, er sei ein Marktschreier und die Rettung der Baronin eine Unmöglichkeit.

Der Monat ging vorüber und wer nicht starb, war die Baronin; schmachtend zwar und schwach, aber täglich erschien sie auf der Promenade. Allmählich ging es besser und besser, und eines schönen Abends erklärte sie dem Doctor nach einem gemüthlichen Diner:

„Nun ist, glaube ich, meine Rettung außer Zweifel!?“

„Ja, geliebte Patientin,“ erwiderte der Doctor. „Sie sind vollkommen gesund, und haben ein Recht auf meine ewige Dankbarkeit, denn Sie haben eine ziemlich schwere Rolle zu meinem Benefiz gespielt.“

„Von morgen an erscheinen Sie als wiedergenesen! Die künstliche Blässe weicht der natürlichen blühenden Farbe Ihres Engelgesichtes, Ihr allzulang verschleiertes Auge strahlt in neuem Glänze und Leben. Gekräftigt, schöner und glänzender, als je, kehren Sie in die große Welt zurück, und mir gebührt der Preis dieses herrlichen Geschenkes!“

Daß nach solcher Wundercur Doctor Albert in kurzer Zeit einen hohen Ruf erzielte, versteht sich von selbst; er wurde der Arzt der Mode, und manche schöne Dame wurde nur gerade deshalb krank, um sich von ihm retten zu lassen. Vorzugsweise war er der Arzt der zahlreichen Pariserinnen, welche sodann in Paris seinen Ruhm verkündeten. Glück, Ehre, reicher Lohn krönten von jetzt ab seine Laufbahn.



Geschmackvolle Decken mit Golddruck zum Jahrgang 1857 sind zum Preise von 13 Ngr. so eben eingetroffen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Gemeint ist wohl „Hobbesischer Krieg“ nach dem Staatstheoretiker Thomas Hobbes