Die Gartenlaube (1854)/Heft 12

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1854
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[127]

No. 12. 1854.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle.
Wöchentlich 1 bis 1 1/2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 10 Ngr. zu beziehen.

An unsere Freunde!
Trotz des seit Neujahr vergrößerten Formats unsrer Gartenlaube, wodurch wir hofften hinreichenden Raum für den mehr und mehr sich anhäufenden interessanten Stoff zu gewinnen, ist gleichwohl von unsern Lesern vielfach der Wunsch ausgesprochen worden, daß anstatt des versprochenen Einen Bogens künftighin ein für alle Mal anderthalb Bogen geliefert werden möchte. Bei der brillanten Ausstattung und den kostbaren Original-Illustrationen ist dies aber für den Preis von vierteljährlich 10 Neugroschen (wovon dem Verleger nur Sieben Neugroschen zukamen) nicht mehr möglich; wir erhöhen deshalb vom 1. April ab den Quartalpreis um 21/2 Ngr., also auf
121/2 Ngr. oder 43 Xr. C.-Mz. pro Vierteljahr

und können uns wohl im Voraus der Billigung dieser Maßregel von allen unsern Freunden versichert halten. Die Gartenlaube ist nicht nur eins der schönst ausgestatteten und reichhaltigsten Blätter Deutschlands, sondern trotz dieser Erhöhung, wodurch sich der Preis der Nummer erst etwas über 9 Pfennige stellt, noch immer das billigste.

Leipzig, Mitte März 1854.
Die Redaction und Verlagshandlung. 
Diejenigen verehrten Abonnenten der Gartenlaube, welche die Zeitschrift semesterweise beziehen, haben mithin auf das zweite Quartal noch 21/2 Ngr. oder 8 Xr. C.-M. nachzuzahlen.
Die Verlagshandlung. 

Manuela.
Von A. G.

Eine Stunde von der fast unpassirbaren sogenannten großen Straße von Vera Cruz nach Acanosika, am Anfange des Gebirges und zwei Büchsenschüsse weit von einem elenden Haufen von Hütten gelegen, die den Titel Ciudad, Stadt, führen und Santa Fé oder Assençion genannt werden, lag die Casa vieja Tegija, das alte Herrenhaus der Familie Tegija.

Die Nachmittagsruhzeit, die Siesta ist vorüber – die Abkömmlinge der Spanier, welche unten im Herrenhause ihr Quartier haben, haben sich erhoben und laufen mit Wasserkesseln und Cacaomühlen umher und theilen Prügel an die Negerkinder aus, die ihnen den Weg versperren. Ein betreßter, schöner brauner Bursche geht nach einem mit Blau und Gold gezierten zweirädrigen Wagen und streckt gähnend die Hand aus, um seine nasse Bürste in Bewegung zu setzen. Schafe und aalglatte Milchkühe spazieren gemüthlich auf dem Rasen des Hofes und am Eingange wälzen sich mehrere Pferde auf dicken Lagern von Reisstroh, um in den kleinen Wald zu galoppiren, der rings das Gut umschließt. Gelbe Pinien und blühende Magnolienbäume blicken hoch über die Negerschoppen und das Herrenhaus auf den weiten Hof. Und in der Luft schwimmen und zucken die Sonnenstrahlen gleich goldenen Nadeln und Schwärme von geflügelten Insekten brummen eintönige Weisen zu dem Geschnatter der arbeitenden Diener.

Wir betreten das große, halbdunkle Speise- und Gesellschaftszimmer der Casa im ersten Stock, betrachten eine Reihe sehr mittelmäßiger, bunter Gemälde an den vermalten Wänden, eine große Tafel, weiß behangen, ein Damenbillard, einen englischen Flügel und eine sehr poetisch geformte Laute und sehen, da die innere Wand des Saales aus Glasscheiben gebildet wird, daß sich die Herrschaft jenseit derselben in der Verandah befindet. Die Verandah ist ein langes Gemach mit einer Reihe von Pfeilern statt der äußern Mauer und gleicht einer großen Theaterloge. Die Fenster zwischen den Pfeilern sind durch Moskitenfenster von Gaze ersetzt. Man sieht die Gegend wie in einem duftigen Morgennebel liegend; das kleine Gehölz mit dem breiten, gewundenen Bach, die langen Wiesenstrecken mit Heerden in der Ferne; die Atlintabäume, welche die unter denselben stehenden Cacaostämmchen [128] schützen; endlose einförmige Zucker- und Baumwollenfelder; Santa Fé ganz in einen Maulbeerbaumwalde versteckt; links den schmalen Wald am Gebirge und die Höhenzüge desselben bis zu dem Punkte, wo die Spitzen mit der goldflüssigen Atmosphäre in einen breiten, blendenden Glanz verschwimmen.

In der Verandah sieht’s einigermaßen unordentlich aus. Die Teppiche auf dem Boden sind defect; eine lange Reihe von Polsterstühlen an der Glaswand erscheinen altmodisch und lebenssatt; die vielen kleinen Tische sind gleich alten Kaffeebrettern vergoldet und mit chinesischen Figuren, Papageien verziert gewesen, wie man durch aufmerksame Beobachtung noch ermitteln kann. Ein ganz neues prächtiges Sopha und ein Acajoutisch und ein gewaltiger, französischer Spiegel an der „Damenseite“ stimmen schlecht zu den alten Möbeln, und an der „Herrenseite“ zeigt ein langes, lederbeschlagenes Kanapee seine abgesessene Herrlichkeit.

Hier hatte der Herr des Hauses Platz genommen und suchte zwischen einer Menge von Zeitungen ein noch ungelesenes Blatt. Vor ihm dampfte die Chocoladetasse und lagen Dutzende von angerauchten Cigarren auf dem Tische. Dies war Don Felipe de Tegijo, der sich rühmte, von den alten Azteken, den edlen Ureigenthümern Mexico’s. abzustammen und deshalb nie vergaß, seinem spanischen Namen denjenigen seines heimischen Geschlechts, Tlamoras, hinzuzufügen, wenn er sich unterzeichnete – der reichste Ranchero oder Gutsbesitzer der einsamen Gegend. Don Felipe war ein schöner schwarzbärtiger Mann mit nußbräunlichem Teint, vornehmen Zügen, großen klugen Augen und entschiedenen, raschen Bewegungen. Sein Haar war sorgfältig geordnet, seine Hände wohlgepflegt und ohne Ringe; die Wäsche, die hellfarbige Binde, die pariser Seidenweste und die Glanzstiefel hätten einen Lord geziert. Uebrigens trug er eine Nankingjacke und weite weiße Beinkleider.

Am andern Ende des Zimmers saß Donna Manuela, eine Vera-Cruzana aus altem Blut; eine Dame mit reichfrisirtem Haar, zartem Teint und sammetschwarzen, großen Augen, mit einem schmollenden Zuge um den Mund. Donna Manuela war kaum zwanzig Jahr, aber bereits sehr fleischig. Sie schien sehr eigensinnig werden zu können, denn ihr Blick war fest, wenig beweglich, hatte aber oft einen devoten, schwärmerischen Ausdruck. Die kleine Frau trug einen ungeheuer weiten Mousselinrock mit kurzen Ärmeln, dessen Taille einfach durch eine seidene, unter dem Busen zusammengebundene Schnur gebildet wurde.

Neben ihr saß ihre Schwester, Josita de Esconnez, ein Mädchen von höchstens vierzehn Jahren, aber bereits höher, als ihre Schwester, die Dame vom Hause oder die Padronessa, gewachsen. Der Kopf des Mädchens mit dem einfach gescheitelten, schwerem goldbräunlichen Haar, erinnerte auffallend an die Madonnenbilder, die der Spanier Murillo zu malen pflegte; dazu besaß Josita tiefblaue Augen, das Erbtheil ihrer altcastilischen väterlichen Familie, die nie maurisches Blut aufgenommen hatte.

Josita’s entblößten Arme und Hände waren mager, knochig, die ganze Gestalt war noch ungerundet, eckig, der Busen dürftig.

Man mußte ein Kenner sein, um die zukünftige Schönheit des Kindes aus den vorhandenen bloßen Grundformen zu erkennen.

Mitten in dem Raume der Verandah stand eine dicke alte Mulattin, Inesilla und arbeitete sich an einer Eisbüchse an, indeß sie den Teppich reichlich mit Wasser tränkte.

Endlich hatte Inesilla einen Teller voll Gefrornes von ziemlich verdächtigem Ansehen zu Stande gebracht und Don Felipe stand auf, um selbst der Sitte gemäß der Padronita zu präsentiren.

Manuela faltete die glatte Stirn und schob den Teller zurück.

„Ich danke Ihnen, Tegijo…“

Der Edelmann unterdrückte eine ungeduldige Bewegung.

„Warum nennst Du mich seit acht Tagen.“ sagte er sanft, „nicht mehr Felipe? Immer diesen Namen, den Du stets falsch sprichst. Warum nicht Tlamoras? Iß Eis – Du glühst, Manuela!“

„Sie wissen, daß ich gelobt habe, zu fasten,“[1] erwiederte Manuela, an die Decke blickend, „bis Sie meinen Wunsch bewilligen. Ich werde sterben ohne Eis – gewiß, und Sie werden nicht allein die Sünde auf dem Gewissen haben, daß Sie mich an der Erfüllung eines feierlichen Gelübdes hinderten, sondern Sie werden auch meinen Tod verschulden.“

Felipe brannte eine neue Cigarre an und steckte, sich auf dem Absätze drehend, die Hände trotzig in die Hosentaschen. Aber der Mann litt augenscheinlich im Innern.

„Caramba, welche Pein!“ murmelte er, indeß er die Cigarre zwischen den Zähnen zerquetschte. „Diese unglückliche Idee aller Weiber, in Compagnie mit den Priestern mit dem Himmel Augenverdrehen zu spielen… Denkst Du denn, Manuela, daß ich es glaube, ich, Du wolltest Dich nur malen lassen, um der Hundehütte, der Kapelle da in Santa Fé ein Altarbild zu schenken? Meinetwegen magst Du die Kapelle beschenken; ich habe in Vera-Cruz ein Bild bestellt – aber Du sollst Dich nicht malen lassen!“

Infortunada de mi! Ich Unglückliche!“ seufzte Manuela.

„Ist’s nicht etwa genug,“ fuhr Felipe heftiger fort, „daß Pater Isidor sich jeden Tag mit Euch beiden Frauenzimmern Stunden lang einschließt, um Euch um den Verstand zu beten?

Kannst Du es leugnen, daß Du Dich am Abende mit seiner Peitsche mißhandelst, mit welcher ich meinen Jagdhund nicht schlagen möchte?“

„Die heilige Jungfrau wird Mitleid haben,“ sagte Manuela fest; „sie wird mir bescheeren, was ich aus Liebe zu Ihnen, Tegijo. erbitte – einen Sohn, einen Erben!“

„O, Manuela!“ rief Tegijo mit leidenschaftlichem Ausdruck der innigsten Liebe. Aber ein düsteres Gefühl schien die Oberhand zu gewinnen, indeß er sagte: „Ich mag keinen Sohn, wenn Du ihn nur durch Deine Missions-Exercitien erreichen kannst. Unsinn! Dies muß endigen, oder es endigt mit Unheil! Einen bösen Dämon, diesen blassen Jesuiten, habe ich bereits auf dem Nacken… Fahren Sie fort. Madonna! Bringen Sie auch noch den landstreicherischen Maler in’s Haus, Sangre de Dios, Blut Gottes! Freilich, ein solcher Adonis, ein schwarzer Kakadu, ein weißer Rabe an Schönheit, der zweiundzwanzig Jahre zählt, statt vierunddreißig, gleich mir, – der Paris gesehen hat… Hat die kokette Närrin Donna Rama Huertaz sich von ihm angaffen und abconterfeien lassen, so würden ja die Melonen verschneien, wenn Donna Manuela Tlamoras nicht denselben Genuß hätte.“

Manuela erhob sich würdevoll und ging mit dem schwankenden Tritt ihrer Landsmänninnen nach dem Kanapee, auf welchen sich Felipe geworfen.

„Sicher!“ sagte sie. „Ich will mein Bild sehen; alle Damen haben sich in der Audienzia von Hector Martigues malen lassen – auch ich werde nicht unporträtirt bleiben, wäre es auch nur, um aller Welt zu beweisen, daß der Felipe nicht der krankhafte Eifersüchtige ist, der Niemand gestatten will, seine Frau zu betrachten.“

„Du? Mußt auch Du dem Maler nicht fortwährend in’s Auge sehen, Manuela?“ keuchte Felipe, die Schweißtropfen von der Stirn wischend, mit einem Tone, als schäme er sich, seine innersten Geberden zu offenbaren, während er doch zu schwach war, sie zu unterdrücken.

„Ich werde die heilige Madonna ansehen. .“

„Wen?“

„Die Mutter Gottes werde ich in Gedanken sehen und auf dem Bilde werde ich sie in der That anblicken und ihr ein Kind zeigen, das so aussieht, wie ich mir einbilde, daß Dein Sohn aussehen soll, Felipe!“ rief Manuela, große Thränen im Auge.

„Und wenn das Bild Tag und Nacht am Altar steht, auf den die Mutter des Sohnes Gottes herabschaut, so wäre sie keine Mutter gewesen, wollte sie mich nicht erhören.“

Felipe schloß seine Frau inbrünstig in seine Arme.

„Du liebst mich!“ flüsterte er. „Warum nur mußt Du stets einen Weg finden, mir Deine Liebe zu beweisen, der mich zur Verzweiflung treibt!“

„Du wirst gegenwärtig sein, wenn mich Hector de Martigues malt …“ sagte Manuela sanft und freudig.

„Du willst mich auf dem Rost braten, gleich dem heiligen Lorenzo.“

„Und bist Du nicht gegenwärtig, wird Pater Isidor Deine Stelle einnehmen …“

Felipe sprang auf.

„Wieder der Pater! Dieser Perro, dieser heuchlerische Hund? Meine Stelle? Ich Schwachkopf, Tölpel, der ich bin! Die Weiber haben Betstunden und dem Mann wird folgerecht die Thür vor der Nase zugeschlossen.“

[129] „Tio! Onkel!“ wagte Josita zu sagen.

„Du meinst, Du bist stets gegenwärtig gewesen? Allerliebst! Wo hast denn Du sehen und hören gelernt, mi hermosura, meine Schönste?“

Josita richtete einen festen, durchdringenden Blick auf Don Felipe, der allerdings bewies, daß sie mit Geist zu sehen verstand. Felipe setzte brusque, so ziemlich auf allen Punkten geschlagen, seinen Sonnenhut, den leichten Sombrero von Vigognewolle, auf und ging durch den Speisesaal und hinunter in den Hof, Hier pfiff er auf eine besondere Weise und sofort kam eine kleine, kohlschwarze Tia, ein Andante (eine Tante, ein „Langsam-Vorwärts“) wie der Mexicaner sein Roß nennt, daher galoppirt und machte vor dem Herrn Capriolen. Der in einen Majo, in einen altspanischen Stutzer verwandelte braune Bursch, von Natur ein Jarocho, ein Bauer aus dem Gebirge, brachte einen Sattel und wollte satteln, als ihn ein Ausruf Don Felipe’s erschreckte.

Ueber den Hof kamen zwei Fremde: ein junger, sehr blasser Mensch mit schwermüthigem Blick, den Jesuitenhut und das Ordenshabit tragend und ein Jüngling in einem hellblauen Röckchen, mit einer Mappe und einem armdicken, langen Instrumente in der Hand, von welchem man nicht einsah, was dasselbe eigentlich war. Felipe’s Lippen waren geöffnet, seine Brust hob sich krampfhaft – da war er, Pater Isidor und der Maler Hector Martigues … Felipe fühlte, daß er nicht im Stande war, die Fremden jetzt zu empfangen. Er eilte durch die große Casa und ging zwischen dem Gebüsch von Lorbeer- und Bogenholz fort, um sich unter der Nacht der Pinien zu verbergen und nach Fassung zu ringen. Die Cobra de Cabelo, die Klapperschlange beißt nicht schärfer und tiefer, als der giftige Rachen des Dämons, Eifersucht. Jetzt mußten die Fremden oben in der Verandah sein, jetzt küßte Manuela dem ascetischen Priester die Hand und ließ ihre schönen Finger von dem Maler küssen, wofür ihm Felipe die Zähne einschlagen zu dürfen wünschte. Sollte er jetzt hinaufeilen und sich schützend vor seine Gemahlin stellen? Wie lächerlich! Wie entehrend für Manuela! Was durfte er ihr vorwerfen? Und dennoch hatte ihm Manuela nie, wie er glaubte, die innersten Falten ihres Herzens erschlossen; er hätte einen Dolch besitzen mögen, dem die Kraft innewohnte, die unsichtbaren, unnahbaren Pforten den wahren, geheimsten Wesens eines Weibes zu zersprengen …

Indeß waren Isidor und Hector Martigues oben bei den Damen angekommen. Der Jesuit schien dem Tone seiner Sprache, so wie seiner Bewegungen und Mienen nach die vollständigste, leidenschaftsloseste Ruhe selbst zu sein, er war höflich, ohne verbindlich zu sein; er schien, nachzugeben und schloß sich seiner Umgebung dennoch auf’s Genaueste an, gleich dem Wasser, in welches man die Hand steckt; er schien nach seinen Mienen gar nichts zu fragen und doch war die Gesellschaft stets beschäftigt, ihm zu antworten. Dies Alles war ein so lautloses Wesen gleich wie in einer verzauberten Landschaft, wo die Vögel blos den Schnabel aufsperren ohne zu singen, wo die Bäume sich bewegen, ohne zu rauschen, in jenem gedankenbeschwichtigenden eintönigen und doch hundertstimmigen Murmeln … Nur dann, wenn Pater Isidor die braunen Augen aufschlug, oder blitzschnell einen Blick auf Manuela richtete, der gleichsam ihr Herz zu suchen schien, ahnte man das verborgene Feuer des Vulkans unter der anmuthigen, blumenbesäeten Oberfläche des sanftgewölbten Hügels. Das war der Blick, der Don Felipe fast wahnsinnig gemacht hat.

Hector de Martigues war ein hübscher Mann mit sehr kleinem Fuß, einem Barte gleich Horace Lernet, dem französischen Parforçe-Maler und sah ziemlich albern aus. Er machte von dem Privilegium der Maler, die Damengesichter zu studiren gleich einer Hieroglyphenschrift, oder, – da die Maler selten Kufisch verstehen, gleich einem Abc-Buch, vollen Gebrauch, und da er auf Maria-Galante, der ursprünglich französischen Insel, geboren und in Paris gewesen war, so nahm er Anlaß, französisch mit Josita zu radebrechen. Manuela sprach, als Kind einer Seestadt, sehr gut diese Sprache, aber sie war, des spanischen Sprüchworts eingedenk: daß derjenige stumm ist, welcher die Sprache Castiliens nicht redet – zu stolz, um ihr klingendes, sonores Spanisch zu verleugnen. Martigues zeigte den Damen seinen Stock, ein Meisterstück eines pariser Fabrikanten und explicirte. daß dieser Stock zuerst ein Stock sein solle: dann könne man einen Sessel daraus machen – Experiment; einen Sonnen- oder Regenschirm – abermaliges Experiment; eine Staffelei – ebenso; einen Gebirgsstock mit Steighaken und Spitze, eine Angelruthe u. s. f. Jetzt probirte er den Stock als Sitz und das Ding zerbrach und Monsieur Martigues streckte die Fersen in die Höhe und, wenn man die Ostseite vorn nennt, so präsentirte er die Westseite seiner hochgeschätzten Person. Manuela lachte, daß es gleich dem Schmettern einer heitern Nachtigall klang und Josita blieb kaum ernst.

Ein unbeschreiblicher Blick des Jesuiten traf den Maler aus dem Winkel seiner Augen, indeß ein Lächeln über seine Marmorzüge flog. Was sagte dieser Blick nicht Alles? Die Summa des Ausdrucks war indeß eine höhnende Verachtung mit dem Kommentar etwa: „Dich, Narr, habe ich richtig taxirt – Du bist unschädlich, Freund!“

„Seine Herrlichkeit, Don Felipe Tlamoras,“ flüsterte der Priester Manuela zu. „haben sich vermuthlich der Ausführung Ihres Lieblingswunsches widersetzt?“

„Ja. ehrwürdiger Herr!“

„Das Bild wird also nicht gemalt und Ihr Gelübde nicht gehalten werden, Excellenza.“

Wie sanft, wie schmeichelnd klang dieser Vorwurf. Ohne seinen durchbohrenden Blick hätte man glauben sollen, der Pater Isidor füge, obgleich er schwieg, hinzu: Passons par là; lassen wir’s denn gut sein.

Manuela schwieg einen Augenblick, dann richtete sie ihr offenes Auge fest auf Isidor’s Gesicht. Seine Mienen wurden lebendig. seine Gesichtsmuskeln zuckten – er schien diesen Blick körperlich zu empfinden, obwohl er seine Augen niedergeschlagen hatte.

„Mein Gelübde nicht halten?“ fragte Manuela mit erhobener Stimme. „Ich sollte das Votivbild nicht malen lassen? Pater Isidor, dann müßte ich wahrlich meinen Gatten weniger lieben, als mir mein Herz solches mit jedem Schlage verkündigt.“

Isidor seufzte unwillkürlich und sah Manuela aus dem Augenwinkel heraus an.

„Manche Männer lieben es nicht,“ sagte er mit eisiger Kälte, „daß ihre Frauen ihr Bildniß sehen … Sie möchten sich sonst schön finden und die Häßlichkeit ist die Mutter der Bescheidenheit, des Gehorsams … “

Welche infernalische Weisheit hatte diesen jungen Priester gelehrt, bei dem unangreifbaren jungen Weibe eben diesen Punkt zu berühren und selbst ihre heiligsten Empfindungen dazu zu benutzen, um Manuela’s weibliche Eitelkeit zu wecken, um diese zur Waffe gegen sie gebrauchen zu können – eine Waffe, welche in geschickter Hand fast unfehlbar wirkt. Gewiß dieser Priester glühte für das junge Weib in verzehrender, verbrecherischer Liebe, während sie keine Ahnung besaß, wie nahe ihr der Verderber war. Manuela sollte ihre Reize bewundern lernen, um die unheilige Bewunderung des Pater Isidor nur erst verstehen zu lernen; sie sollte es lernen, sich als eine herabgewürdigte Magd ihren Gemahl zu betrachten, um sich empört gegen den eifersüchtigen Hüter eines Schatzes, gleich ihrer Schönheit, zu empören.

Martigues betheuerte indeß, daß er unglücklich sei, schon in einigen Wochen nach Vera-Cruz zurückkehren zu müssen und Pater Isidor sagte: „Excellenza wird am besten wissen, ob sie Don Felipe’s Wunsch berücksichtigen will.“

„Die Erfüllung meines Gebets wird ihn zum glücklichsten Sterblichen machen,“ sagte Manuela „und mein Gelübde habe ich ja nur geleistet, damit diese Erfüllung mir von der Madonna gewährt wird.“ Isidor sann einige Augenblicke.

„Die Missionsstunden müßten zu einer spätern Tageszeit gehalten werden,“ murmelte er, „damit Sennor Martigues unbemerkt in’s Schloß kommen kann, um in meiner Gegenwart und derjenigen Jositas eine Zeichnungen zu machen.“


(Schluß folgt.)

[130]
Album der Poesieen.
Nr. 5
Die Gartenlaube (1854) b 130.jpg

Kaiser Karls des Großen Schaafpelz.

Nach Ingelheim zur Weihnacht in seine Pfalz am Rhein
Lädt König Karl die Ritter der Tafelrunde ein.
Die gegen die Lombarden jüngst siegreich sich geschlagen,
Will er nun gut bewirthen in diesen Wintertagen.

5
Sie kommen mit ihren Frauen, ein schön geschmückter Zug.

Die Herrn in welschen Schauben von Seide und feinem Tuch,
Mit zartem Pelz gefüttert, gar köstliche Gewande,
Die venetian’sche Schiffe geholt aus der Levante.

Die Paladine haben in Mailand wälsche Tracht

10
Gesehen und bewundert und fleißig nachgemacht.

Sie kauften sich die Schauben von der lombard’schen Beute
Und gehn darin zu Hofe als sehr geputzte Leute.

Seit ihrer Heimkehr grüßen die Herrn zum ersten Mal
Den jugendlichen König daheim und sein Gemahl.

15
Im derben tuchnen Wamse steht Karl und ihm zur Seite

Die Königin, die holde, im schlichten wollnen Kleide.

Sie hat nicht nur ihr eig’nes, sie hat auch sein Gewand
Gesponnen, gewebt, geschneidert mit ihrer hohen Hand;
Sie hat mit Scheer’ und Nadel für ihn und ihre Kinder

20
Schaafpelze angefertigt zum Schutze vor dem Winter.


Der junge König lächelt ob all dem Glanz und Prunk
Und beut den Paladinen vergnügt den Ehrentrunk.
Er ist gleich einem Knechte der Ritter anzuschauen
Und die Frau Königin gleichet der Magd der Ritterfrauen.

25
Doch wer die edlen Formen des hohen Haupts erwägt,

Der sieht der Herrschaft Stempel auf seine Stirn geprägt,
Und wer ihn auch nicht kennte, der würd’ es dennoch wissen,
Daß Ihm die tapfern Recken hier all gehorchen müssen. –

[131]

Am Morgen Karl entbietet zur Jagd die Kämpen all;

30
Da reiten sie zusammen zu Wald bei Hörnerschall,

In ihren wälschen Schauben die Hofherrn und die Ritter,
Der König in der Kutte, dem Pelz vom deutschen Widder.

Wild braust der Sturm im Forste, dicht fallen Schnee und Eis;
Die Paladine frieren, dem König wird es heiß.

35
Er hängt den Pelz zur Seite, woher die Winde rasen

Und läßt mit stillem Lachen die Hörner lustig blasen.

Der Eber bricht durch’s Dickicht, ihm nach durch Busch und Dorn
Der König und sein Gefolge mit Armbrust, Spieß und Horn.
Bald an den Dornen hängen die feinen wälschen Fetzen;

40
Ganz bleibt der Pelz des Königs. Das ist ihm zum Ergötzen.


Der Schnee fällt immer feuchter, die Ritter werden naß,
Der König reitet trocken fürbaß ohn’ Unterlaß
Bis daß das Wild getroffen am Waldessaum sich wälzet.
Und rings der Schnee von Blute geröthet wird und schmelzet.

45
Der Jagdzug geht zu Thale, vorab das wilde Schwein.

Herr Karl kehrt mit den Rittern in eine Mühle ein,
Da läßt er in den Ofen einfeuern tücht’ge Blöcke,
Daß sich die Jäger wärmen und trocknen ihre Röcke.

Indeß sie Imbiß nehmen und trinken firnen Wein,

50
Die nassen Schauben schrumpfen am heißen Ofen ein;

Der derbe Pelz des Königs behält die Form, die alte,
Als wär’ ihm nichts begegnet im rauhen Bergeswalde.

Am hellen Tage kehren mit Beute Mann und Roß
Im lustigen Hörnerklange zum Ingelheimer Schloß,

55
Der König ganz und heiter, die Ritter baß verdroßen

In Schauben, die zu eng sind, zerrissen und verschossen.

So kommen sie zu Hofe und gehen zum Bankett,
Ach, heute so unsauber und gestern noch so nett!
Die Frauen lachen weidlich. Was hilft’s! Auch gute Miene

60
Zum bösen Spiele machen die edlen Paladine.


Der König nimmt den Becher und spricht: „Thut mir Bescheid!
Es lebe deutsche Sitte! Es lebe deutsches Kleid!
Die schützen Herz und Magen, die wahren Haupt und Glieder
Und halten in der Kälte und in der Hitze wider.“

Ludwig Storch.




Nahrungsmittel.
Milch! Milch! Milch!

Die Milch ist weißes Blut nicht mit Unrecht zu nennen, denn sie gleicht diesem in ihrer Zusammensetzung fast ganz und ist, außer dem Blute selbst, für uns der einzige Nahrungsstoff, welcher für sich allein, auch wenn wir daneben kein anderes Nahrungsmittel genießen, den Stoffwechsel (das Leben) in unserm Körper gehörig zu unterhalten vermag, und zwar deshalb, weil die Milch alle diejenigen Bestandtheile in sich enthält, aus welchen unser Körper zusammengesetzt ist (s. Gartenlaube Jahrg. I. Nr. 32 u. 39). Für den Säugling ist die Milch geradezu unentbehrlich; dem Erwachsenen kann sie aber ebenso wohl als Speise wie als Getränk gelten und deshalb wird sie auch beinahe von allen Völkern vorzugsweise gern genossen. Nur die Garrow’s und Nagah’s, halbwilde Stämme in Hinterindien, sowie die Cochinchinesen, sollen die Mich als ein unreines Nahrungsmittel verabscheuen.

Die Milch ist eine in den Brustdrüsen weiblicher Säugethiere abgesonderte Flüssigkeit, welche sich undurchsichtig und von weißer Farbe, bisweilen aber bläulich oder gelblich gefärbt, ohne Geruch und von schwach süßlichem Geschmacke zeigt. Am meisten wird von Menschen die Milch gezähmter, kräuterfressender Thiere, namentlich der Kühe, Ziegen und Schafe benutzt, jedoch genießen manche Völker auch die Milch der Stute und Eselin, des Kameels, Dromedars, Rennthiers und Lamas. Alle diese Thiermilchen unterscheiden sich nun aber ebensowohl unter einander, wie von der des Menschen dadurch, daß die verschiedenen Milchbestandtheile in verschiedener Menge darin vorhanden sind. – Bleibt die Milch einige Zeit in Ruhe stehen, so bildet sich auf ihrer Oberfläche eine dicke, gelbliche, fettige Schicht, der sogenannte Rahm oder die Sahne, während die darunter befindliche Flüssigkeit dünner und bläulich wird. Nach etwas längerem Stehen (besonders in der Wärme und bei Gewittern) wird die Milch sauer und gerinnt (wird zu einer dicken, fast breiigen Flüssigkeit); das Dünnflüssige zwischen und über den Gerinseln schmeckt sauer und wird Molken genannt, das Geronnene ist der Quark, Käse.

Die chemisch-mikroscopische Untersuchung der Milch ergibt, daß dieselbe vorzugsweise aus Wasser besteht, in welchem als die hervorstechendsten Substanzen eine eiweißartige Materie, nämlich der Käsestoff oder Casein (s. Gartenlaube Jahrg. I. Nr. 39) und der Milchzucker aufgelöst sind; neben welchen Stoffen sich dann noch die auch im Blute vorkommenden Salze (besonders phosphorsaurer Kalk und Kochsalz) und Eisen vorfinden. In dieser klaren Auflösung von Käsestoff, Milchzucker und Salzen schwimmen unzählige, nur durch das Mikroscop wahrnehmbare Kügelchen, welche Milch- oder Butterkügelchen genannt werden und der Milch ihre Weiße und Undurchsichtigkeit geben. Sie sind es, welche ihrer Leichtigkeit wegen beim Stehen der Milch sich oben auf als Rahm sammeln und die Butter geben, denn sie bestehen aus einem Bläschen, in dem sich Butter befindet. Sonach sind die Hauptbestandtheile der Milch: Käsestoff, Fett (Butter), Milchzucker, Salze und Eisen; das Mengenverhältniß dieser Stoffe zu einander ist in den verschiedenen Milcharten verschieden und ändert sich auch in Etwas nach dem Genusse von verschiedenen Nahrungsmitteln. Die Kuhmilch ist reich an Käsestoff, fester Butter und Salzen; die Schafmilch enthält etwas weniger Käsestoff und Butter, aber etwas mehr Milchzucker als die Kuhmilch; die Ziegenmilch gleicht fast ganz der Schafmilch; die Eselsmilch ist weit ärmer an Käsestoff und Butter als Kuhmilch, dagegen weit reicher an Milchzucker; die Stutenmilch enthält sehr wenig Käsestoff, dagegen sehr viel Fett und viel Milchzucker; die Kameelmilch soll ihres Fettreichthums wegen sehr dick sein, salzig-bitter schmecken und vor dem Genuß mit Wasser verdünnt werden; die Rennthiermilch ist sehr fetthaltig und soll im Winter einen unangenehmen talgigen Geschmack haben. Die Frauenmilch ist mehr bläulichweiß als die Kuhmilch und schmeckt süßer als dieselbe, sie säuert weniger leicht, als andere Milch und beim Gerinnen wird sie nicht so dicht und fest; sie ist weit reicher an Milchzucker, aber ärmer an Käsestoff, Butter und Salzen als die Kuhmilch. Der Frauenmilch am ähnlichsten ist die Eselsmilch. Will man Kuhmilch der Frauenmilch ähnlich machen, so muß erstere nicht blos mit Wasser verdünnt werden, sondern es ist dieser Verdünnung auch noch Rahm (Butter) und Milchzucker zuzusetzen (s. später bei Behandlung des Säuglings). Nach einigen Untersuchungen soll die Milch von Brünetten reicher an Käsestoff, Zucker und Butter sein als die von Blondinen.

Was den Einfluß der Nahrungsmittel auf die Beschaffenheit der Milch betrifft, so lehren Versuche, daß derselbe unläugbar ist, daß fettreiche Nahrung und Ruhe den Buttergehalt vermehren, daß bei vegetabilischer Kost die Milch reicher an Butter und Zucker, bei reichlicher, gemischter, besonders eiweißreicher Nahrung, reich an Käse und Butter wird. Bei stillenden Frauen fand sich, daß die Milch während der Dauer des Säugens allmälig Veränderungen erleidet; denn während der Buttergehalt sich ziemlich gleich bleibt, nimmt im Verlaufe des Stillens entsprechend dem Wachsthume des Säuglings der Käsegehalt zu, während der Milchzucker sich allmälig vermindert. Dies ist beim Aufziehen kleiner Kinder ohne Amme wohl zu berücksichtigen. – [132] In welcher Weise die Milch durch Krankheiten, Arzneistoffe und Gemüthsbewegungen verändert wird, ist noch nicht erforscht, doch darf eine kranke (besonders brustkranke) und Arznei nehmende Mutter oder Amme nie stillen und die Kuh, von welcher ein Säugling die Milch erhält, sollte stets genau untersucht werden (vorzüglich schwindsüchtiger Lungen wegen). Eine Thatsache ist, daß die Farbe der Milch nach dem Genusse gewisser Pflanzen eine besondere Färbung annehmen kann; so wird sie beim Füttern mit Safran gelb, mit Färberröthe roth, bei indigohaltigen Gewächsen blau; durch bittere Kräuter erhält auch die Milch einen bittern Geschmack, und würzige Kräuter machen den Geruch derselben aromatisch; Jod geht sehr schnell in die Milch über.

Das Sauerwerden und Gerinnen der Milch, welche längere Zeit an der Luft gestanden hat, beruht auf der Bildung von Milchsäure aus dem Milchzucker, in Folge der Verbindung des atmosphärischen Sauerstoffs mit dem Zucker. Diese neugebildete Milchsäure verbindet sich nämlich mit dem Natron (zu milchsaurem Natron), welches den Käsestoff aufgelöst erhielt, und so wird dieser nun als feste Substanz (Gerinnsel) ausgeschieden. Ein Theil des Käsestoffs bleibt aber in der sauren Milch gelöst und dieser hat dem Namen Zieger erhalten. Es läßt sich übrigens das Gerinnen der Milch (die Ausscheidung des Käsestoffs) auch dadurch künstlich bewerkstelligen, daß man derselben den sauern Laabmagen (des Kalbes) oder saure Stoffe (Weinstein, Tamarinden) zusetzt. Verhindert kann dagegen das Gerinnen auf die Weise werden, daß man die Milch soviel als möglich von der atmosphärischen Luft entfernt hält und öfters abkocht, wodurch die Luft aus der Milch herausgetrieben wird. Etwas wirkt auch die während des Kochens auf der Milch sich bildende Haut conservirend, insofern sie den Zutritt der Luft beschränkt. Solche oft abgekochte und lange aufbewahrte Milch ist durchaus nicht schlechter als andere und enthält nur etwas weniger Wasser als frische Milch, weil dieses zum Theil beim Kochen verdampft ist. Außerdem läßt sich das Sauerwerden der Milch verhüten und aufhalten durch Zusatz kleiner Mengen kohlensauren Natrons. Saure oder dicke Milch unterscheidet sich übrigens von frischer Milch nur dadurch, daß in jener ein Theil des Milchzuckers in Milchsäure verwandelt ist, in einen Stoff, der dem menschlichen Körper ebenso dienlich ist, wie der Milchzucker. – Molken oder Schotten nennt man diejenige Flüssigkeit, welche nach dem Abrahmen und Gerinnen der Milch zurückbleibt; man bezeichnet sie als natürliche oder künstliche Molken, je nachdem die Milch entweder beim längeren Stehen durch den Sauerstoff der Luft oder durch Zusatz von Saurem zur Gerinnung gebracht wurde. Es besitzen sonach die Molken von den nahrhaften Bestandtheilen der Milch (nämlich Käsestoff und Butter) äußerst wenig, wohl enthalten sie aber die Satze der Milch, die Milchsäure und noch etwas Milchzucker. Jedenfalls ist sonach Milch weit nahrhafter, als Molken. – Die blaue Milch der Kühe verdankt ihre Farbe Infusions-Thierchen oder niedern Pflanzen (Schimmel). – Buttermilch heißt der nach Entfernung des Fettes (nach dem Buttern) zurückbleibende und etwas säuerlich gewordene Theil der Milch, welcher noch aus Käsestoff, Milchzucker und Milchsäure, den Milch-Salzen und nur sehr wenig Fett besteht.

Die Nahrhaftigkeit und Verdaulichkeit der Milch ist nach ihrem verschiedenen Gehalte an Käsestoff und Butter etwas verschieden. Je mehr sie nämlich von diesen beiden Substanzen enthält, desto nahrhafter, aber um so weniger leicht verdaulich ist sie, während umgekehrt eine käsestoff- und butterarme Milch sehr leicht verdaut wird, aber nicht sehr nahrhaft ist. Auch kommt dabei noch sehr viel auf die Beschaffenheit des Käsestoffes und des Fettes (der Butter) an; es handelt sich darum, ob der erstere zu einer festeren oder lockerern Masse gerinnt und ob das Letztere ein flüssigeres oder ein festeres Fett ist. Sodann hat ferner noch die Beschaffenheit des Magens und Magensaftes großen Einfluß auf die Verdauung der Milch. Denn innerhalb des Magens gerinnt in Folge der Einwirkung des sauren Magensaftes die Milch und es bilden sich dabei nach der Menge und Gerinnbarkeit des Käsestoffs größere oder kleinere, festere oder weichere Käse, welche dann vom Magensafte durchzogen und allmälig, wenigstens theilweise wieder flüssig gemacht werden müssen. Sind diese Quarkstückchen groß, fest und von viel Butter umgeben oder durchzogen, so kann der wässerige Magensaft nicht gehörig in dieselben eindringen und eine richtige Auslösung bewerkstelligen. Der Zusatz von kohlensaurem Natron oder eines diese Substanz enthaltenden Mineralwassers zur Milch, scheint den Käsestoff derselben verdaulicher zu machen, sowie auch das Entfernen eines Theiles der Butter die Milch besser verdauen läßt. Um zu verhüten, daß sich zu große Käse im Magen bilden, muß man beim Milchtrinken zugleich Brot u. dgl. genießen, weil durch die Brotstückchen der gerinnende Käsestoff zertheilt wird und nur kleinere Gerinnsel bildet. Daß beim Milchgenuß häufig abnorme Säurebildung beobachtet wird, erklärt sich aus der Leichtigkeit, mit welcher der Milchzucker in Milchsäure übergehen kann, zumal wenn die Aufsaugung im Magen verlangsamt ist. – Sonach gehört die Kuhmilch nicht zu den sehr leicht zu verdauenden, wohl aber, wenn sie käse- und butterreich ist, zu den nahrhaftesten Nahrungsmitteln; deshalb ist auch einem schwachen, kranken Magen kräftige Fleischbrühe und flüssiges Ei (Eiweiß und Dotter) weit mehr zu empfehlen als Milch. Vorzüglich muß nun aber bei kleinen Kindern, welche mit Kuhmilch aufgezogen werden, auf die Beschaffenheit und Zubereitung dieses Nahrungsstoffes die gehörige Rücksicht genommen werden, so wie auch die Art der Ernährung stillender Mütter oder Ammen nicht ohne Bedeutung für die Milchabsonderung ist (wovon später).

NB. Wem der Geruch übergelaufener und verbrannter Milch so unangenehm wie dem Verfasser ist, der lasse sich einen schweren schüsselartigen Deckel auf seinen Milchtopf machen, aus dessen Mitte ein kleines trichterförmiges Rohr aufsteigt und in dessen Boden mehrere Löcher befindlich sind. Die nach dem Zerplatzen der Haut herauslaufende Milch steigt hier durch das Rohr in die Höhe, stürzt oben heraus und auf den schüsselförmigen Deckel herab, und kehrt durch die Oeffnungen desselben in den Topf zurück. So bleibt sie alsdann ungerochen, die Nachlässigkeit des Dienstmädchens beim Milchabkochen.

B.


Reisbau und Reisbauer in Java.
Von F. Gerstäcker.

Am 14. Januar Morgens ritt ich mit Herrn Blumenberger, der in Geschäften nach Batavia gekommen war, nach Tjipamingis hinauf. Gerade mit Sonnenaufgang verließen wir die letzten Landhäuser, und einen schmalen Fuß- oder Reitpfad annehmend, der durch eine weitläufige Cocosgartenanpflanzung führte, erreichten wir die freien Reisfelder, durch die ein enger Weg, bald durch, bald an Gräben hin, jetzt über eine Strecke hohen trocknen Landes, jetzt wieder durch niedere sumpfige oder künstlich überschwemmte Gegenden führte.

Es war ein wunderherrlicher Morgen, die Gipfel der schwankenden im Winde rauschenden Cocospalmen, des schönsten, stolzesten Baumes, den die Tropenwelt geschaffen, glühten von den ersten Strahlen der jungen Sonne geküßt – über das niedere Land zogen noch dünne duftige Nebelstreifen, hier sich wie zum Spiel um eine hohe Gruppe dunkellaubiger Manga’s sammelnd, dort, von irgend einem Luftstrom erfaßt, wie ein Milchbach rasch ein enges Thal hinabfließend. Hier herrschte auch Leben in der Flur; dann und wann flog zwitschernd und scherzend ein muntrer Schwarm von buntgefiederten Reisvögeln in die niedern, die Felder umwachsenden und den Weg hier und da begrenzenden Büsche, wenn ein Ulang-Ulang vielleicht, dicht über ihnen wegstreichend, sie aufgescheucht hatte von ihrem Morgenschmauß. An den feuchten Rainen saßen kleine weiße ernsthafte Kraniche und schauten neugierig in das zu ihren Füßen leise quillende Wasser nieder, und über ein dann und wann trockenes Feld schritt wohl ein langbeiniger Bangun, eine Art Storch mit riesig dickem Schnabel und schwerfälligem Kopf, sich mühsam rechts und links nach den vorbeispringenden Pferden umschauend, ob sie ihn nicht auch etwa in seinem Morgenspaziergang stören und ihm die schöne Frühzeit verderben wollten.

In den Reisfeldern wurde es ebenfalls lebendig, Schaaren von Mädchen kamen aus den einzelnen Baumgruppen, in denen [133] versteckt ihre Hütten lagen, heraus, ihr mühsames Tagewerk mit Pflanzen zu beginnen, und hier und da schlenderte langsam ein junger Bursch mit seinen beiden Karbauen heran und in den Schlamm der noch nicht zugerichteten Felder hinein, zu pflügen oder zu eggen.

Der Reis ist die Hauptnahrung nicht allein des Javanen, sondern fast aller indischen Völker, und der Reisbau deshalb eine ihrer wichtigsten, nothwendigsten Beschäftigungen.

Man baut hier auf Java zwei Arten von Reis, den nassen und trocknen. Das hauptsächlichste Handelsprodukt liefert der naßgebaute Reis, die Eingeborenen ziehen dagegen für ihren eigenen Bedarf den trocken gezogenen – und unter diesem wieder den rothen Reis vor, der nahrhafter und wohlschmeckender sein soll, als der andere, aber nicht so verkäuflich ist wie dieser, deshalb bauen sie den trocknen fast nur zu ihrem eigenen Bedarf. Einzig und allein dürfen sie sich aber auch nicht auf ihre trockenen Felder, die in der Anlage mit unsern Waizenfeldern Aehnlichkeit haben, verlassen, denn eine sehr trockene Jahreszeit könnte ihnen leicht eine Mißernte bringen, während der andere, durch lebendige Quellen und Ströme bewässert, weniger oder doch nicht so allein, von dem Regen abhängig ist.

Die hauptsächlichste und mühsamste Arbeit beim nassen Reis, d. h. solchem, der nicht allein im Wasser gepflanzt wird, sondern auch fast bis zur Reife mit den Wurzeln unter Wasser gehalten werden muß, ist jedenfalls die Herstellung der Felder selber, die vollkommen eben angelegt, und einzeln mit Rändern oder Rainen umgeben sein müssen, um das Wasser sowohl darin zu halten, als auch gleichmäßig zu verbreiten. Natürlich findet sich in diesen bergigen oder auch nur wellenförmigen Ländern selten eine Strecke Land, selbst nur von einem Acker groß, deren Fläche vollkommen wagerecht wäre, oder mit nur einiger Mühe dahin gebracht werden könnte. Die natürliche Folge davon ist denn, daß die Felder sehr klein angelegt und lieber mehrere tiefer und tiefer laufende Abtheilungen oder Schichten gegraben werden müssen, um das Wasser nach allen Seiten gleichmäßig verbreiten und benutzen zu können.

Um diese Felder zu ebnen und aufzuhacken, gebrauchen die Javanen eine breite, und wenn man sie so von weitem ansieht, scheinbar sehr schwere Hacke; der Javane hat aber viel zu viel Liebe für seine eigenen Gliedmaßen, als daß er sich wirklich mit schweren Werkzeugen nur irgendwie einlassen sollte. Die Hacke besteht aus dem leichtesten Holz, mit einem Stiel, den man ohne die geringste Mühe zwischen den Händen – nicht einmal vor dem Knie – durchbrechen könnte, und nur vorn an der Schneide liegt ein dünner, sehr dünner und schmaler langer Stahl, um dadurch dem Werkzeug doch eine Schneide zu geben. Das sämmtliche Eisen an der ganzen Hacke wird nicht über ein Viertelpfund wiegen.

Ist das geschehen und von abgeschlagenem Rasen ein etwa Fuß hoher und ebenso breiter Damm oder Rand um dasselbe gelegt, dann wird das Feld gepflügt. Ich glaube aber, sie lassen schon vor dem Pflügen Wasser hinein, um diese Arbeit leichter in dem sonst wohl etwas schweren Boden verrichten zu können, und gehen erst mit dem Pflug hinein, wenn sie die Erde in eine Art Schlamm verwandelt haben. Sehr oft sah ich sie wenigstens in solchem Schlamm, aber nie in trockenem Grunde, ausgenommen in den zu trockenem Reis bestimmten Feldern pflügen.

Haben sie den Boden gehörig aufgerissen, so kommt die Egge hinein – ein schwerfälliges Instrument, nicht wie unsere Eggen, sondern nach Art der Cultivatoren gebaut, und nur aus zwei Schenkeln bestehend, die vorn zusammenlaufen und ziemlich einen rechten Winkel bilden. In diesen stecken zehn oder zwölf starke hölzerne und etwas zugespitzte Zähne, und um dem Ganzen noch etwas mehr Schwere zu geben, und die Zähne tiefer in den Schlamm hineinzudrücken, setzt sich der junge Bursch, der die Karbauen gewöhnlich treibt, sehr häufig oben auf seine Egge drauf und läßt sich in dem Brei spazieren fahren.

Was die Saat des Reis anbetrifft, so geschieht die erst in besonders dazu hergerichtetem Feld, wie wir z. B. in Deutschland den Kraut- oder Kohlsamen säen. Er schießt dort dicht, Halm an Halm gedrängt enger und wird nur, sobald er die gehörige Reife erreicht hat, herausgenommen und büschelweis, d. h. immer drei, vier oder fünf Halme zusammen, von Menschenhänden in die nassen, unter Wasser stehenden Felder gepflanzt. Diese Arbeit besorgen fast allein Mädchen, ich habe wenigstens nie Knaben damit beschäftigt gesehen; sie nehmen sich eine tüchtige Hand voll der kleinen Pflanzen und drücken sie einzeln, ohne weiter ein Loch dazu bohren zu müssen, wie das bei den Krautpflanzen in trockenen Feldern der Fall ist, in den weichen Schlamm in ziemlich regelmäßigen Entfernungen und Reihen ein.

Von jetzt ab haben sie weiter nichts mit dem Reis zu thun, bis er reif ist, als einmal vielleicht, nach einigen Wochen durchzugehen und das dazwischen wuchernde Gras und Unkraut auszuziehen. Die Arbeit ist aber in sofern. obgleich nicht sehr hart, doch unangenehm und beschwerlich, da die Pflanzenden den ganzen Tag in dem fast Fuß tiefen Schlamm und in der heißen, durch nichts abgehaltenen Sonnenhitze, gebückt umhersteigen müssen.

Solche frisch angepflanzte Felder mit ihren hellgrünen, fast durchsichtigen Reispflänzchen, haben ein höchst freundliches Ansehen, und wo besonders in den einzelnen Abdachungen ältere und dadurch dunkler gewordenen Gefache, wie man fast sagen könnte, mit diesen abwechseln, thun die verschiedenen oft wie in regelmäßigen Zeichnungen ausgestreuten Farben dem Auge unendlich wohl.

Das Schneiden des Reises bewerkstelligen sie auch auf eine ganz eigene Art; die Frauen, welche diese wieder meist allein besorgen, haben eine besondere Art von Messern oder Instrumenten dazu, womit sie jeden Halm einzeln abknipsen, es geschieht dies aber mit einer solchen Uebung und Gewandtheit, daß sie doch eine sehr bedeutende Strecke in einem Tag beendigen sollen. Die reifen Halmen werden mit dem Stroh etwa fünfviertel Fuß lang abgeschnitten und in kleine starke Büschel gebunden, die sie dann, die Aehren herunterhängend, zu Markte tragen.

Eine Hauptnoth haben die Javanen aber von der Zeit an, wo der Reis zu reifen anfängt und eine wahrhaft unzählbare Schaar von Reisvögeln, seinem grimmigsten Feinde, oder vielmehr liebstem Freunde, herbeilockt. Dann muß die ganze junge Bevölkerung auf die Beine, und von früh bis spät mit allerlei entsetzlichen Lärminstrumenten und Scheuchmaschinen thätig sein.

Eine besondere Art dieser letzteren, die ich vorzüglich auf dem Wege von Batavia nach Buitenzorg sah, besteht darin, daß in gewissen Entfernungen in den Reisfeldern kleine, auf hohen Baumstangen ruhende Hütten oder vielmehr Körbe. mit einem Schutzdach gegen Sonne und Regen errichtet sind, in denen Knaben von sechs bis zehn Jahren auf der Lauer sitzen. Von diesen Körben aus, wo sie jeden Theil der in ihrer nächsten Umgebung liegenden Felder leicht übersehen und überwachen können, gehen aus Cocosnußfasern dünn gedrehte Seile nach den verschiedenen Theilen und stehen dort mit einem aufgesteckten Cocosblatt oder sonst einem vorragenden, leicht beweglichen Gegenstand in Verbindung. Lassen sich nun irgendwo in ihrem Bereich Reisvögel oder sonst dem Getreide nachtheilige Thiere blicken, so ziehen sie nur einfach in etwas raschen Zuckungen an der dort hinausführenden Schnur, und die scheuen Thiere fliehen, sobald sie sich so[2] ganz urplötzlich etwas anscheinend Lebendes in ihrer Nähe bewegen sehen, rasch in’s Weite.

Wo sie diese Hütten nicht haben, laufen die Jungen mit wahrer Todesverachtung den ganzen Tag mit riesigen Schnurren in den Feldern herum, die sie von nur einem etwas gebogenen Bambusstab anfertigen und die ein schmähliches Geräusch machen. Aehnliche Instrumente befestigen sie auch auf hohen Bambusstangen und überlassen den Lärm dem Winde, der sich auch gewöhnlich ein Vergnügen daraus macht, ihnen zu willfahren. Den größten Spektakel aber und einen wahren Heidenlärm, der genau wie das tolle Brüllen eines wildgewordenen Stieres klingt, und den meisten Effekt auf die Reisdiebe hat, weil er nicht in einem fort tönt, sondern nur manchmal in unregelmäßigen Zwischenräumen und wie ihn gerade der Wind faßt, einsetzt, dann aber auch mit einer Kraft, daß ich selber schon zusammengefahren bin, wenn ich mich gerade unter solch einer Reisklapper befand, ohne sie früher beachtet zu haben, macht ein etwas abgeschorenes Cocospalmblatt, das gerade so aufgesteckt wird, daß der Wind schräg in die starren emporrankenden und aneinanderschlagenden Blattabtheilungen oder Zweigblätter hineinweht. Mag er dabei so stark blasen wie er will, er wird nie aus solchem Blatt ein gleichmäßiges Geräusch herausbringen können. Sobald es nur ein klein wenig aus der nöthigen Richtung tritt, muß der tönende Lärm aufhören, der aber augenblicklich und zwar mit voller Stärke wieder einsetzt, sobald es wieder die frühere Stellung annimmt.

[134] Die Reisscheunen sind kleine eigenthümlich geflochtene Gebäude, vielleicht zehn bis zwölf Fuß hoch, acht Fuß lang und sechs bis sieben Fuß breit, nach unten etwas spitz zulaufend und mit hölzernen Füßen, wie ein richtiger Tragkorb. Sie können, wenn sie leer sind, leicht von einem Ort zum andern gewechselt werden und stehen wenn aufgestellt, mit diesen Füßen immer auf untergelegten Steinen. Das Dach ist ebenfalls von Bambusgeflechten und gewöhnlich mit den schwarzen Fasern der Arenpalme gedeckt.

Bei dem Reis darf ich aber auch nicht vergessen, des nützlichsten und von den Eingeborenen ungemein geschätzten Karbau, oder besser Malayisch, Karbo Erwähnung zu thun.

Diese Karbo’s oder Büffel gehören gewissermaßen mit zu einer javanischen Familie, und so sehr der Javane das Schwein, als ein unreines Thier, verabscheut, so zärtlich liebt er den schmierigen, fast stets mit Schlamm bedeckten Karbo, mit dem der Knabe gewissermaßen aufwächst und in die Schule geht. Schon das Aussehen dieser Thiere ist merkwürdig – sie haben fast gar keine Haare und eine Art Elephantenhaut, die nur in der Farbe wechselt, denn manche sind grau wie jene, andere aber auch wieder, und ein fast ebenso großer Theil vollkommen fleischfarben, weshalb sich einige Deutsche hier neulich ein Vergnügen daraus gemacht haben, einem gerade anwesenden Schiffscapitain weiß zu machen, diesen Karbos würde jedes Jahr die Haut abgezogen, weshalb sie auch keine Haare hätten und einen Theil im Jahr noch fleischfarben und den andern dann wieder grau aussähen. „Es ist wunderbar“, war Alles, was er sagen konnte.

Ihre Hörner, die oft eine unverhältnißmäßige Größe erreichen, biegen weder zurück noch vorwärts, sondern stehen in gerader Linie mit dem Vorkopf, so daß man, wenn man ein Lineal fest von der Nase über die Stirn des Thieres weglegt, die nach oben wieder zusammenlaufenden Spitzen der Hörner dadurch ebenfalls berühren würde. Da sie die Nase fast immer vorgestreckt halten, so liegen die Hörner dadurch natürlich vollkommen zurück, und es giebt ihnen das mit den kleinen Schweinsaugen und dem halboffenen Maul ein wirklich rechtswidrig dummes Gesicht.

Die Thiere sind aber gar nicht so dumm und wissen sich wohl recht gut, wenn das nur irgend ausführbar ist, von Arbeit und Quälerei wegzudrücken. Ueber dieselben haben nun gewöhnlich die Knaben die Oberaufsicht und es ist merkwürdig, was für eine gegenseitige Zuneigung zwischen den Beiden aufwächst. So wenig sich der Javane aus einem Pferd macht, und so sorglos und ohne Abwartung er dasselbe, selbst nach starkem Ritt laufen läßt, so äußerst ängstlich geht er dagegen mit diesen plumpen Geschöpfen um, und die Jungen sind ewig beschäftigt, sie in die Schwemme zu führen und abzuwaschen; was nebenbei gesagt, eine so nutzlose als undankbare Arbeit ist, da die Thiere sich kaum rein abgestriegelt und gespült fühlen, als sie auch schon wieder mit einem grenzenlosen Wohlbehagen im Schlamm liegen, und mit ihren schaufelartigen Schnauzen das kühlende, natürlich dickschmutzige Wasser sich über den Rücken werfen.

In dem Schlammwasser aber, wie draußen zur Weide gehend oder zu Hause ziehend, liegt der Knabe, der die Aufsicht über die Thiere hat, mit dem Bauch auf seinem Lieblingsbüffel, streckt die dünnen braunen Beine hinten in die Höh’, und jauchzt vor Lust und Vergnügen. Jemehr verschiedene Gespanne zusammen sind, desto größer ist die Freude, gehen sie dicht gedrängt, so wälzt sich das fröhliche Völkchen oft von einem zum andern, ohne daß sich die geduldigen Thiere auch nur im mindesten ungeberdig darüber zeigten; selbst beim Grasen bleiben sie oben liegen und manchmal sehr zum Aerger eines kleinen, spechtartigen Vogels, den die Balinesen Tjulik nennen (der malayische Name ist mir entfallen) und der sich ebenfalls, wenn der junge Javane einmal absteigen sollte, am liebsten auf dem Rücken des Karbo’s aufhält, und ihm das Ungeziefer absucht, womit Karbo ebenfalls vollkommen einverstanden ist.

Die unbepflanzten Reisfelder sind mit ihrem Schlamm eine wahre Erholung für diese Thiere, so lange sie nämlich nicht darin pflügen und eggen müssen, und sie wälzen sich förmlich ganze Tage lang aus einem in’s andere.

Eine anstrengende Arbeit hat der Karbo oder Büffel übrigens im Karrenziehen, was nach dem Reisbau eine der bedeutendsten Beschäftigungen für ihn ist. Auf oder vielmehr an der Hauptstraße – denn neben den Hauptchausseen läuft noch ein Nebenweg, stets zerfahren und aufgewühlt, der nur für die Ochsenkarren der Javanen bestimmt ist – begegnet man oft ganzen Zügen von zwanzig bis fünfzig zweirädrigen Karren, die sich quietschend und schreiend auf den holprigen, schlammigen Straßen dahinwälzen, während doch daneben ein Weg geht, auf dem sie sich mit Leichtigkeit fortbewegen könnten, den sie aber nicht betreten dürfen. Die Karren selber sind leicht genug, von Bambus stark geflochten und mit einem eben solchen Bambusdach, wie zwei zusammengestellte Kartenblätter der Form nach, gedeckt. Vorn hängt, wahrscheinlich der Melodie wegen, eine Glocke, denn die Javanen halten ungemein viel von solch eintöniger, schreiender Musik. Das Gekreisch dieser Wagen ist nämlich entsetzlich, die Räder sind, vielleicht vier bis fünf Zoll dick und etwa vier Fuß im Durchmesser, aus grobem Holz geschlagen, und werden natürlich nie geschmiert, so daß man sie oft Meilen weit hören kann. Ganz in der Nähe hat selbst dies Gequietsche aber, mit seinen theils hoch, theils tief gestimmten Rädern eine Art Melodie, für die die Javanen jedenfalls Gehör haben und auch ein gewisses Interesse empfinden müssen. Im Lande wurde eine Anecdote von einem Orang gunung oder Bergmenschen erzählt, der zum ersten Male eine Harmonika spielen hörte, und auf die Frage, ob ihm die Musik gefalle, zur Antwort gab: „Ausgezeichnet – es klingt beinah so wie unsere Wagen.“

Diese Karren fahren sämmtliche im Lande gezogenen Produkte in die nächsten Städte oder nach den Küsten hinunter, und die Karbo’s sind in ein Joch gespannt, das Aehnlichkeit mit dem amerikanischen hat, aber lange nicht so praktisch ist. Es besteht nur aus einem geraden, runden Stück Holz, an das der Hals der Thiere durch ein gebogenes und wieder eingeschobenes Stück Bambus oder biegsamen Holzes festgehalten wird. Weil aber das Holz oder Joch eben gerade ist, so kann der Nacken der Thiere nur gegen einen einzelnen, den mittelsten Punkt drücken, und sie sind deshalb auch gar nicht im Stande, ihre ganze Stärke dabei anzuwenden, während der eine kleine Theil ihres Körpers, gegen den das ganze Gewicht liegt, leicht ermüden und schmerzen muß. Das amerikanische Joch dagegen ist unten, nach dem Nacken des Thieres rund ausgeschnitten, so daß dieser vollkommen darin liegt und von allen Seiten gleich stark dagegen preßt, was ihnen die Arbeit ungemein erleichtert, und sie weit mehr leisten läßt.

Die Javanen haben aber außerdem noch eine eigene Manier, ihre Büffel zu leiten; sie befestigen ihnen nämlich ein dünnes Seil durch den Nasenknorpel, mit dem sie das Thier leicht führen und lenken können, besonders, wenn sie oben auf sitzen. Eingespannt, treiben sie es nur mit der Peitsche.

Unterwegs hatten wir mehre kleine Flüsse zu kreuzen, die von dem letzten Regen bedeutend angeschwellt waren. Ueber den einen kamen wir mit dort von Javanen bereit gehaltenen Canoes und ließen die Pferde hinüberschwimmen, an andern aber waren keine Canoes, und die Ufer so steil und schlammig, daß der Uebergang bei hohem Wasser eben nicht angenehm, und manchmal wohl sogar gefährlich ward. Hierüber war allerdings etwas weiter unten eine Brücke geschlagen, aber nur von Pfosten und mit geflochtenen Bambusmatten gedeckt, ohne die geringste Stütze darunter. Solche Bambusmatten halten auch vortrefflich, so lange der Bambus eben noch jung und frisch ist, wird er aber erst einmal alt, dann bricht er ungemein leicht und es ist dann für Pferde eine höchst gefährliche Passage.

Es blieb uns aber nicht gut ein anderer Ausweg, als die Brücke zu nehmen, wir mußten von zwei Uebeln das kleinere wählen, und gebrauchten nur die Vorsicht, vorher abzusteigen und die Pferde zu führen. – Es war ein häßlicher Platz – die Brücke etwa zwanzig Fuß hoch über dem Wasser, und nichts als die dünne bröckliche Matte darüber – brach ein Pferd ein, so war es verloren. – Mein Begleiter, der voran ging, kam aber gut hinüber, sein Pferd trat nur zweimal durch und fand immer wieder eine feste Stelle. Ich folgte aber nicht hinter ihm, denn die eben eingetretenen Plätze machten es nur dort noch schwieriger, hinüber zu kommen – ganz an der Seite schien mir der beste Platz. Das Pferd mochte aber wohl sehen, welche fatale Stelle es zu passiren hatte, und wollte im Anfang gar nicht hinüber; erst als es sah, daß es nicht anders ging, machte es plötzlich einen Satz und sprang, den günstigsten Fleck sich dabei aussuchend, nach vorn, während es zu gleicher Zeit mit beiden Hinterbeinen durch die Matte brach. Glücklicher Weise hatte es mit den Vorderhufen festen Halt, gerade hinter einem der Querbalken und sein volles [135] Gewicht auf diese werfend, gelang es ihm, die Hinterbeine wieder mit einem plötzlichen Ruck in die Höhe und zu den Vorderfüßen zu bringen – noch ein Satz und wieder krachte der trockene mürbe Bambus, diesmal aber nur an einer Stelle, das Pferd gewann wieder festen Fuß und war mit dem dritten Sprung auf dem erst später gelegten und sicheren Theil der Matten. – Wir waren glücklich hinüber, ich versprach mir aber, und wenn ich durch sechs Flüsse hindurch schwimmen sollte, nie wieder über eine solche Brücke mit einem Pferde zu ziehen.

Gegen Mittag erreichten wir eine andere Farm, wo ein Holländer Aufseher war. Dies Gut gehörte einem im Land aus gemischter Ehe geborenen sogenannten Liplap, der sich durch sein liederliches, oder vielmehr verschwenderisches Leben einen ordentlichen Namen erworben hatte. Der gute Mann verzehrte hundert und ich weiß nicht wie viel tausend Gulden jährliche Einkünfte, und stak fortwährend dermaßen in Schulden, daß ihm jetzt nun schon zum zweiten Mal Curatoren gesetzt waren, seine Gläubiger sicher zu stellen und zu befriedigen.

Er besitzt ein ungeheueres Vermögen an liegenden Grundstücken, und ich glaube auch einen Vogelnestberg, was er nicht verkaufen, und von dem er blos die Renten ziehen kann. Durch sein entsetzliches Verschwenden hat er sich aber schon solch bösen Namen gemacht, daß ihm die Leute nicht gern oder nur gegen die rasendsten Zinsen borgen, und will er Geld haben, so ist ihm auch keine Forderung zu enorm, er geht sie ein, um nur für den Augenblick wieder eine gewisse Summe in Händen zu haben. Man erzählt sich hiervon Beispiele, die an das Fabelhafte grenzen, aber trotzdem keineswegs imaginär, sondern vor Gericht belegt sind. Um 1000 Gulden manchmal zu bekommen, hat er Scheine auf 10,000 ausgestellt und das so lange getrieben, bis endlich die, welche Pariere von ihm in Händen hielten, glaubten es wäre Zeit etwas einmal zu ihrer eigenen Sicherheit zu thun. So war er vor nicht langer Zeit förmlich unter einen Vormund gestellt worden, bis all seine Schulden, was aber bei den enormen Einkünften doch nicht lange dauerte, bezahlt waren. Jetzt war schon wieder eine solche Krisis eingetreten, und zwar auf sein eigenes Verlangen, denn er wußte recht gut, er konnte sich sonst nicht mäßigen. Diesmal aber gab er sich, komischer Weise, zugleich dabei die größte Mühe, sich selber zu betrügen und zu hintergehen, denn während sein Advokat bekannt machte, daß er nur bis zu einem gewissen Datum ausgestellte Scheine respectiren werde, stellte der Verschwender, dem indessen sein eingezogenes Leben zu lange dauerte und der wieder Geld brauchte, sich dasselbe aber auf gar keine andere Weise verschaffen konnte, selber wieder neue Wechsel aus, datirte sie aber vor den Termin.

Sonderbarerweise soll er selber sehr mäßig leben und gar nichts trinken, aber Alles in Juwelen für seine Maitressen und im Spiel vergeuden.

Nach Tisch brachen wir wieder auf, Tjipamingis noch vor dem gewöhnlich spät Nachmittags eintretenden Regen zu erreichen, und jetzt kamen wir auch, allerdings noch in circa sechs bis sieben Meilen Entfernung von Klapanunga, an dem Orte vorbei, wo in den kleinen niederen, von dem Hauptrücken des hier jedoch schon abflachenden Gebirges, auszweigenden Hügeln, die indischen Schwalben in tief in die Berge gehende Höhlen ihre eßbaren und so theuer bezahlten Nester bauen. Die Hügel lehnten an das höhere Gebirge, und es wäre nichts leichter gewesen, als von dort herüber zu kommen und ungestört die Orte zu durchwandern, doch gehörte Zeit dazu und da ich mir, eines abgehenden Schiffes wegen einen bestimmten Termin gesetzt hatte, wann ich wieder in Batavia sein wollte, wußte ich jetzt nicht, ob ich mir zwei oder drei Tage absparen könne, über den Bergrücken zu gehen, und verschob das bis zu meinem Rückmarsch.

Unterwegs kamen wir noch durch einen kleinen Farmgang, wo auch allwöchentlich ein pasar oder Markt gehalten wird – und wo wir bei einem behaglichen alten Burschen von Chinesen abstiegen, eine Tasse Thee tranken und einige eingemachte Früchte dazu aßen. Die Art wie die Chinesen Thee trinken, hat etwas Besonderes – zuerst haben sie enorm kleine Kannen und Tassen, die in einem Theebret stehen auf dem, durch das fortwährende Einschenken, schon immer eine Quantität herumschwimmt. Die kleinen Tassen werden vollgeschenkt, sowie aber der Gast nur die Hälfte davon getrunken hat, steht auch der Wirth oder die Wirthin schon da, und füllt sie wieder voll. Sie brauchen ebenfalls Zucker dazu, aber keine Milch. Ihre eingemachten Früchte sind vortrefflich und sie benutzen dazu, auf sehr geschickte Weise, Alles was ihnen nur vorkommt. Besonders zu lieben scheinen sie eine kleine Gattung wachsartiger Beeren, die sie vortrefflich zu präserviren wissen.

Von hier ab kamen wir auch schon wieder in die Hügel, die wir bis jetzt nur zu unseren Rechten gehabt, bald ritten wir durch ein freundliches Thal, bald an weiten Hügelrücken hin, auf deren Flächen grünender Radjang tjina, Bohnen, Ananas und trockene Reisfelder lagen.

Die Radjang tjina oder chinesische Radjang-Bohne wird hier ungemein viel gezogen und hauptsächlich dazu gebraucht, Oel daraus zu pressen, doch schmecken die Bohnen auch geröstet vortrefflich und sind eine Lieblingsspeise besonders der Kinder. Diese Radjang tjina ist übrigens dieselbe Frucht, die in den südlichen Thälern Nord-Amerika’s unter dem Namen Erdnuß bekannt, auch manchmal nach Deutschland hinüber verschickt wird, dort aber schon meistens ranzig schmeckt. Sie werden in Reihen gepflanzt und die Nuß oder Bohne, wie sie hier genannt wird, wächst als Knoll in der Erde und hat einen vollkommen nußähnlichen Geschmack. Sie soll das Land sehr bedeutend ausziehen, wenn zwei Jahre auf ein und derselben Stelle gebaut, während sie dagegen dem Boden im ersten Jahre eher Nutzen als Schaden bringt.

Ziemlich spät am Nachmittag, und als eben die ersten Regen einsetzten, erreichten wir endlich Tjipamingis, das eine höchst freundliche Lage am Ufer eines kleinen Bergstroms und am Fuße eines gerade dicht dahinter ziemlich steil und malerisch aufsteigenden und dicht bewaldeten Berges hat. Rings von Hügeln eingeschlossen, liegt es dabei wie in einem Kessel und seine freundlichen, dicht von Fruchtbäumen überschatteten Dächer und wehenden Palmen geben ihm einen höchst lieblichen Anblick.

Der Weg führte steil und schnurgerade durch und hinunter, und die Pferde liefen was sie nur ausgreifen konnten, denn sie wußten es ging nach Hause.

Das Innere der Wohnung war übrigens ächt Indisch – ein europäischer Mann, eine chinesische Frau und ein javanisches Kind – man findet das hier im Lande ungemein häufig und die Chinesinnen sollen gewöhnlich recht gute Frauen werden.


Der Aufstand der Hetäristen.

Der gegenwärtig russisch-türkische Krieg, der seit seinem Ausbruch durch das allmälige Hereinziehen der verschiedenartigsten Elemente und Interessen zum fast unentwirrbaren Knäuel geworden ist, spielt seit Kurzem abermals in einer neuen Variante, deren Einfluß auf den weitern Gang der Begebenheiten sich zur Stunde noch nicht bemessen läßt.

Vor einigen Monaten schon verlautete von einer in Konstantinopel und andern Städten des türkischen Reichs entdeckten griechischen Verschwörung; Verhaftungen wurden vorgenommen, selbst mehrere Todesurtheile vollstreckt, und die Betroffenen gemeinhin als Spione und Agenten Rußlands hingestellt. Diese im Dunkel schleichende Verschwörung ist von Mitte Januar an hervor an’s Tageslicht getreten: Die Hetärie hat im Paschalik von Janina ihren Schlachtruf erschallen lassen!

Für einen Theil unserer Leser werden wir der Verständlichkeit wegen etwas Näheres über die Hetärie sagen müssen. Der Ursprung der Hetärie, zu deutsch Kampfgenossenschaft, fällt in das letzte Viertel des vorigen Jahrhunderts, wo sie der Grieche Konstantin Rhigas als geheimen Bund in’s Leben rief, mit dem Zwecke für die Freiheit und Unabhängigkeit der Griechen zu wirken. [136] Von 1770 an hatte die Hetärie bei allen größern und kleinern Aufstandsversuchen der Griechen die Hände im Spiel, indessen fehlte es ihr an gehöriger einheitlicher Leitung, und so entstand 1814 die neue Hetärie, die ihren Sitz anfänglich in Rußland hatte, sich aber von da aus schnell überall hin ausbreitete, wo Griechen wohnten. Der gegen die türkische Herrschaft gerichtete Aufstand der Moldau-Walachen im Frühjahr 1821 rief die Hetäristen zum ersten Male wieder zu einem großen Kampfe, in welchen sie gleichzeitig das jetzige Königreich Griechenland zu reißen wußten. Die Wiederauferstehung des letzteren kann also ursprünglich als ihr Werk betrachtet werden, obschon sie an der weiteren Führung der Angelegenheiten des neuentstandenen Reiches keinen Theil hatten.

Die Hetärie wirkte übrigens für ihre Zwecke nicht nur durch das Schwert, sondern auch durch Wort und Lehre; wenn das Kampfgetöse schwieg, gründete sie Schulen und andere Bildungssanstalten, und versuchte, obwohl mit geringem Erfolg, die moralische Hebung des griechischen Volks. Die Hetärie geradezu als ein Werkzeug Rußlands bezeichnen, heißt mit völliger Unkenntniß der Sache sprechen, und überhaupt machen es sich diejenigen allzu bequem, welche die unter den Rajahs [3] in der europäischen Türkei ausgebrochenen Bewegungen kurzweg und allein auf russische Umtriebe setzen. Es wirken hier viel mächtigere Faktoren mit in dem bei allen halbgebildeten oder fast rohen Völkern stark ausgeprägten Glaubenseifer und in dem Drange die nationale Unabhängigkeit zu erkämpfen.

Diese beiden Momente sind nicht gering anzuschlagen und leicht erklärlich ist es, daß sie jedes Mal stärker hervortreten, wenn sich die Pforte von Außen bedrängt sieht, was ihr zumeist immer von Rußland geschah. Die Hetärie wirft in solchen Zeiten jedes Mal ihr Auge zuerst auf die Armatolen oder Klephten, die von jeher in den Hochländern so ziemlich unabhängig lebten, als eigentliche Stammhalter griechischer Freiheit und Unabhängigkeit galten und seit Beginn des 17. Jahrhunderts für die Pforte immer gefährlichere Feinde wurden; wie sie andernseits bei ihrer Unfügsamkeit und ihrem natürlichen Hange zur Räuberei der griechischen Regierung in Athen seit Beendigung des Freiheitskämpfer fortwährend nicht geringe Verlegenheiten bereiteten. Diese unruhigen Klephten sind es also auch jetzt wieder, welche die Hetärie in Bewegung gesetzt hat.

Die Gartenlaube (1854) b 136.jpg

Janina.

Die ersten unruhigen Auftritte in den an das Königreich Griechenland gränzenden Theilen der Türkei, erhielten einen bestimmteren Halt als die Klephten Karaiskaki und Grivas, deren Väter in dem griechischen Befreiungskriege eine bedeutende Rolle gespielt, gegen Ende Jannar d. J. mit einigen hundert Mann die türkische Grenze überschritten. Gleichzeitig erschien eine vom 28. Jannar datirte Proklamation, in welcher K. Kanelletis als Bevollmächtigter der Hetärie auftrat, einige andere Klephtenführer sich ihm anschlossen, und den sich widersetzenden Türken mit wildem Mord und Brand in einer Weise gedroht wurde, wie sie unter rohen Völkern wohl begreiflich ist, sonst aber nur Ekel und Widerwillen erregen muß. Unter der fast durchweg griechischen Bevölkerung des südlichen Albaniens (das Epirus der alten Griechen) haben die Aufständigen natürlich lebhaften Anklang gefunden, die vereinzelten unter dem Befehle des Pascha von Janina stehenden türkischen Besatzungen waren zu schwach, um erfolgreichen Widerstand zu leisten und so haben vorläufig die Griechen die Oberhand erlangt. Der Mittelpunkt ihrer Operationen ist das nur wenige Meilen von der griechischen Grenze gelegene Arta, doch halten sie auch schon das am Meere gelegene Prevesa bedroht und selbst in Janina, das 30,000 Einwohner, meist Griechen, zählt, hat sich der Pascha auf die Besetzung der beiden Citadellen beschränken müssen.

Der Name Janina erweckt in der Brust eines jeden Griechen bittere Rachegefühle. Hier war zu Anfang dieses Jahrhunderts der Sitz des berüchtigten Ali Pascha von Janina, dessen Verschlagenheit und Hinterlist mit seiner Grausamkeit gleichen Schritt hielt, und der zum wahren Würgengel unter den Griechen geworden war, bis er selbst auf Befehl des Großherrn 1822 den Tod fand. Das feste Janina, an einem 21/2 Stunden langen und 3 Stunden breiten See gelegen, blieb dem grausamen Ali während langer Zeit ein sicherer Zufluchtsort, und die hier unter einem südlichen Himmel zur üppigsten Entfaltung und Pracht gelangte Natur war über dreißig Jahre Zeuge der für die Menschen entwürdigendsten Scenen.

Auch dem jetzt ausgebrochenen Aufstande wird es an Greuelscenen nicht fehlen, wobei zuletzt kein Theil dem andern viel vorzuwerfen haben wird. Türkische Truppen sind bereits nach dem Schauplatze des Aufstandes aufgebrochen, und wenn dessen Dämpfung nicht bald gelingt, so könnten, da es auch in anderen Provinzen wie Thessalien, Rumelien, Bosnien, Serbien und Montenegro gährt, die Operationen der türkischen Armee an der Donau [137] leicht gelähmt werden. Von den Albanesen heißt es bereits, daß sie die Armee des Omer Pascha verlassen hätten, um in ihre Heimath zum Schutz der Ihrigen gegen die aufgestandenen Griechen zurückzukehren.

Die Hetärie hat aber ihr Netz nicht nur über das Festland, sondern auch über die Inseln geworfen, und in Candia, Samos und Chios zittern die Griechen vor Ungeduld auf das Zeichen der Erhebung des Kreuzes gegen den Halbmond. In dem Königreiche Griechenland herrscht eine fieberhafte Aufregung; Viele, wie von den unter englischem Schutze stehenden ionischen Inseln auch, eilen den Aufständigen zu Hülfe; Comiteen sind organisirt, um Geld und Waffen zu schaffen. Die Regierung König Otto’s in Athen ist zu machtlos, um diesem Treiben entgegen zu treten, vielleicht hat sie aber auch nicht einmal den Willen dazu, denn ein griechisches Kaiserreich mit dem alten Byzanz zur Hauptstadt, ist der goldene Traum aller Griechen.

Was aber sagt das civilisirte Europa zu diesem Traume?

Es erklärt die Griechen für ein feiges, aller Moralität baren und der Cultur unzugängliches Volk, das mit den alten Hellenen nichts gemein habe als den Namen, und dabei wird auf das Königreich Griechenland und dessen Zustände hingewiesen. Hiermit übersieht man nur, daß das dermalige Königreich Griechenland die kläglichste Schöpfung der Diplomatie war, indem ihm Grenzen gezogen wurden, die jede gedeihliche Entwickelung unmöglich machten, und das Land, von den Intriguen der auswärtigen Mächte fortwährend hin- und hergeworfen, in einer Krisis befangen hielten, die nur mit der großen Katastrophe enden wird, welche früher oder später über den ganzen Orient hereinbrechen muß, und an derem Vorabend wir möglicher Weise stehen.

Allerdings ist der Charakter der Neugriechen nicht geeignet, uns besondere Sympathien einzuflößen. Dieser aus den Resten der alten Hellenen mit Slaven und Albanesen gemischte Volksstamm steht mit einzelnen Ausnahmen in den Haupt- und Handelsstädten auf einer ebenso niedrigen Stufe als die Osmanen. Man rühmt die Neugriechen als klug, mäßig, sparsam, gastfreundlich und betriebsam in Handel und Wandel, sie sind aber auch wankelmüthig, abergläubisch, habsüchtig, betrügerisch, wollüstig und grausam, lauter Eigenschaften, vor denen ihre wenigen guten gänzlich in den Hintergrund treten. Ein solches Volk könnte allerdings den Orient nicht regeneriren, zumal als es auch kein numerisches Uebergewicht bildet, und den weit muthigern, tapferen und zahlreicheren Südslaven gegenüber eine griechische Herrschaft in Konstantinopel nie gedeihen würde.

Der griechische Kaisertraum wird also wohl ein Traum bleiben! Müssen wir aber deshalb die Bewegungen unter den Rajahs in der Türkei als völlig ungerechtfertigt betrachten, ungerechtfertigt insofern, als daß die Lage der Christen nicht eine drückende wäre? – England und Frankreich, gegenwärtig die Verbündeten der Pforte gegen Rußland, haben uns die Beantwortung dieser Frage erspart, indem sie an die von ihnen zu leistende Hülfe die Bedingung geknüpft haben, daß dem rechtslosen Zustande der Christen in der Türkei endlich ein Ende gemacht und die politische Gleichberechtigung aller Unterthanen der Pforte ausgesprochen werden müsse.




Die Wahrheit in aller Erziehung.
Von Amely Boelte.

Es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, daß Aeltern und Erzieher es für eine so heilige Pflicht halten, die Jugend mit „Illusionen“ aufwachsen zu lassen. Ich habe mich dieses fremden Wortes bedienen müssen, weil man gewöhnlich in der Unterhaltung in dem hier angedeuteten Sinne Gebrauch davon macht. Wollte man dasselbe in unsere Muttersprache übersetzen, so böte sich dafür zunächst „Täuschung“ oder „falsche Vorspiegelung“ und beide Ausdrücke würden wie Beleidigungen klingen. Die Aeltern verlangen: man solle ihrem Kinde keine „Illusionen“ nehmen; darunter verstehen sie den Glauben an Dinge, die, in einem falschen Lichte gesehen, sich nicht übel ausnehmen. Wollte ein Lehrer sich dagegen anmaßen, ihnen vorzuschlagen, daß es weise sei, die Kinder mit „falschen Vorspiegelungen“ zu erziehen, so würden sie vor solcher Zumuthung empört zurückschrecken.

In unserm conventionellen Leben sind wir in vielen Beziehungen auf den Punkt gelangt, die Dinge nicht beim rechten Namen nennen zu dürfen, und wo es geschieht, da rennen die Menschen wie entsetzt davon.

„Was ist Wahrheit?“ fragte Pilatus. Die Antwort hierauf ist man ihm bis heute schuldig geblieben. Es giebt allerdings keine eigentliche positive Wahrheit, in sofern diese unsern Erkenntnissen entspringt, die durch Klima und Organisation bedingt werden. Nur das, was die Wissenschaft im gegenwärtigen Augenblicke als erwiesen hinstellt, dürfen wir mit diesem Namen benennen. Sollten wir nun diese Errungenschaften unsern Kindern vorenthalten, oder sie zurückweisen, wenn sie uns wißbegierig mit einer Frage entgegentreten?

Man hört so oft die Aeußerung: daß es nicht poetisch sei, der Natur in ihrem Walten nachzuspüren, man dürfe die Dinge nicht bei ihrem wahren Namen nennen, es trete jeder idealen Auffassung entgegen. Gerade Frauen sind am häufigsten mit solchen Befürchtungen bei der Hand. Was berechtigt sie zu denselben?

Ist nicht jede Wahrheit schön, hat nicht jede Wahrheit einen goldenen Boden, die sie über allen bunten Flitter des Lebens hoch erhebt, ist nicht Wahrheit die Grundbedingung zu aller Poesie, zu aller Idealität, und kann man endlich irgend etwas schön nennen, das nicht zugleich auch wahr ist? – Warum wollen wir denn durchaus den Schein verehren, und der schönen Realität stets schnöde den Rücken wenden?

Die Männer hegen sonderbarer Weise für sich und unter sich keine solche Furcht vor der Wahrheit. Diese hat bei ihnen nie des Dichters Begabung vernichtet, wie seine poetischen Träume gestört, ihn nie in einer idealen Auffassung des Lebens gehemmt. – Die Herren der Erde dulden nicht, jede Sache bei ihrem richtigen Namen zu nennen, und in allen Fächern richtige Kenntnisse zu erwerben; die Frauen aber behandeln sie, wie die ägyptischen Priester das Volk, sie hängen den Dingen einen Mantel um, und lassen sie fürchten, daß, wenn dieser abgenommen würde, das ganze Menschenleben unschön, unpoetisch, in fürchterlicher Nacktheit dastehe. und für sie nicht zu ertragen sei. – Welch eine Anklage gegen die Natur liegt in dieser Voraussetzung, welch ein Tadel aller Einrichtungen, die so weise aus des Schöpfers Hand hervorgingen, daß kein klügelnder Verstand bis jetzt etwas zu ersinnen vermochte, wodurch der Vollkommenheit des großen Uhrwerks auch nur ein Jota zugefügt werde! Und die weibliche Hälfte der Menschheit sollte hier Nase rümpfend den Rücken wenden? – Sie sollte verächtlich auf das blicken, was die Gottheit so wunderbar gefügt hat, und auch in dem Kleinsten nicht die Meisterhand verehren und anbeten, die sie, je tiefer sie blickt, zu je größerer Bewunderung hinreißt? –

Weil man die Frauen nicht unterrichtet hat, wurden sie verleitet, sich dieser Art der Gottlosigkeit häufig schuldig zu machen. Weil man keine Wahrheit für sie hatte, so hatten sie auch keine Wahrheit für ihre Kinder, und die Folge war, daß sie denselben gegenüber jenes Heiligenscheines der höchsten, unfehlbaren Autorität entbehrten, den die Mutter vor ihrem Kinde tragen soll. „Meine Mutter hat es gesagt!“ das ist für das Kind das Gesetz und die Propheten. „Meine Mutter hat es gesagt;“ bleibt eine goldene Mahnung, auch wenn sie, die dieselbe ergehen ließ, schon lange nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Die Würde der Mutter wird beeinträchtigt, sobald das Kind mit seinem Instinkte und seinem gesunden Sinne wahrnimmt, daß sie auf Täuschung ausgeht; sobald es in ihrem Auge liest – denn des Kindes Auge richtet sich stets gerade auf das des von ihm Befragten, als wolle es neben den Worten noch eine zweite Antwort aus diesem Spiegel der Seele gewinnen, – daß sie nicht ausspricht, was sie denkt; sobald es erräth, daß es Absicht sei, ihm die Belehrung vorzuenthalten, die es sucht. Und wer vermöchte [138] in das ehrliche Auge des Kindes zu blicken, indem man es unehrlich täuschen will?

Die jüdischen Gemeinden in London beten noch heute: „Ich danke Dir, Gott, daß Du keine Frau aus mir gemacht hast.“ Man kann den Männern Israels den Wunsch nicht verargen. Das ganze Leben hindurch auf Täuschungen angewiesen sein, ist sicherlich wenig begehrungswerth.

Ein besonderes Vergnügen finden die Herren der Erde noch darin, den Frauen die größte Abneigung gegen eine Kenntniß der Organisation ihres eigenen Körpers einzuflößen. Auch die innere Einrichtung von diesem ist ihnen unschön und unpoetisch, ja mehr als das, sie ist den zarten Wesen sogar häufig Ekel erregend. Und doch ist der Mensch das Meisterwerk der ganzen Schöpfung, das Vollendetste, was aus der Hand der Natur hervorging. Auch hier müssen wir die Ursache in der Unwissenheit suchen, die stets die Grundbedingung aller Verkehrtheit ist. Wäre den Frauen bekannt, wie wundervoll ihr ganzer innerer Bau ist, so würden sie die Ehrfurcht davor empfinden, die jedes vollendete Kunstwerk uns abgewinnt, und den Körper zu einem geheiligten Tempel ihrer selbst machen.




Blätter und Blüthen.


Ein Duell in Australien. In den ungeheuren, uncultivirten Strecken Australiens treiben sich ziemlich viel „Busch-Landstreicher“ herum, die den Leuten Gold und Leben abnehmen und der berittenen Polizei durch ihre Raub- und Mordthaten, ihren wilden Muth, ihre Schnelligkeit und Kühnheit viel zu schaffen machen. Vorigen Herbst ward der tapferste Polizeiritter George Flower gegen den berüchtigsten Buschmann Milligson ausgeschickt. Er fand ihn mitten in der Wildniß und nahte sich ihm als College. (Flower galt als todt, da er von andern Buschmännern mit sammt dem Pferde zu einem großen See gejagt, verschwunden war.) Aus ihrem Gespräche wurde Folgendes:

Flower. Aber wenn nun ein Policeman zu Pferde Euch hier allein träfe und Euch aufforderte, Euch zu ergeben, würdet Ihr ohne Weiteres Euer Blaserohr nehmen und ihn herunterholen, ohne ihm Gelegenheit zu geben, sich mit Euch zu messen?

Milligson. Gewiß nicht. Würde ihm sagen: Steh’! Wollen sehen, wer Recht hat!

Fl. Milligson, sprecht Ihr die Wahrheit?

M. Wozu soll ich aufschneiden?

Fl. Nun denn, ich setze den Fall, George Flower lebte noch und stünde Euch hier so gegenüber, wie ich jetzt –

M. Würde ihm sagen: Einer von uns. Steh’, wollen sehen, wer?

Fl. Würdet ihm einen ordentlichen Zweikampf gönnen, wie?

M. Na, würd’ ihm sagen: geh’ fünfundzwanzig Schritt zurück, ich thu’s auch.

Fl. Und Ihr meint, Flower würde es thun?

M. Das mein’ ich, denn Flower war ein Mann.

Fl. Ich glaub’ Euch Alles. Nun denn, hört: ich bin George Flower.

Milligson schrak auf, sein Carabiner sank ihm aus der Hand.

„Nimm auf Dein Rohr,“ sagte Flower. „Es sei wie wir’s abgemacht. Ich hätte Euch niederschießen können, wie einen Hund, aber Ihr seid ein ganzer Kerl, ein Mann, ein Verbrecher, aber sonst brav und nobel. Eure Hand, und dann fünfundzwanzig Schritt zurück Jeder.“

Milligson ergriff die Hand und seufzte schwer.

„Ergebt Euch nicht!“ sagte Flower, fürchtend, daß er schwach sein könnte.

„Ergeben?“ antwortete er mit Hohn, „niemals! Ich habe einen braven Gegner und deshalb noch eine gute Chance. Ich schieße so gut wie Ihr!“

Beide gingen mit langsamen Schritten Jeder fünfundzwanzig Schritt zurück und untersuchten ihre Karabiner. Aus der abgemessenen Entfernung rief Milligson noch: „Flower, denn nur Flower könnt Ihr sein, noch eine Bitte! Wenn Ihr mich gut trefft, begrabt mich nicht. Ich fürchte den Tod nicht, aber ich hasse das Einscharren. Laßt mich liegen in Luft und Licht, Sonne und Wetter, daß ich mit Adlern und Schakalen, die mich fressen, herumfliege und meine Gebeine die Sonne und den Mond sehen können.“

„Merkwürdig“, rief ihm Flower hinüber, „auch ich habe stets das Begraben gefürchtet. Deshalb Eure Bitte die meinige, wenn ich falle.“

„Verlaßt Euch drauf!“ Und mit diesen Worten lief Milligson noch einmal heran, schüttelte Flower leidenschaftlich die Hände, lief dann zurück, nahm das Gewehr und rief: „Ich bin bereit. Treffen wir uns nach diesem Treffen in einer andern Welt, gleichviel, ob Hölle oder Himmel, wir werden uns vor einander nicht zu schämen brauchen.“

In Beider Augen standen Thränen, als sie sich musterten und Keiner zuerst schießen wollte. Endlich schoß Milligson und schnitt Flower die eine Hälfte des Backenbartes ab. Er hatte nach dem Gehirn gezielt. Flower’s Schuß ging dem Buschmanne gerade durch Brust und Lunge, so daß er lautlos hinfiel und sein Hund heulend das Blut leckte. Flower lief auf ihn zu, um seine letzten Worte zu hören, aber er war athem- und leblos. Jämmerlich heulte der treue Hund über dem Leichname des Verbrechers, und der berühmte Polizeiritter lief jetzt wie ein Feiger, nur um diese Töne des treuen Thieres los zu werden.




Menschenzucht. Der südliche Central-Agrikultur-Verein in den vereinigten Staaten hat Preise für die tüchtigsten Säuglinge ausgesetzt. Der erste Preis besteht in einer silbernen Kanne von sechzig Dollar Werth für den stattlichsten Säugling von zwei Jahren; der zweite in einer silbernen Kanne von fünfundzwanzig Dollar Werth für das preiswürdigste Kind von zwei Jahren, und der dritte in zehn Dollar für den schönsten Säugling von sechs Monaten. – Anfangs wird man über diesen Yankee-Humor vielleicht lachen. Es läßt sich aber nicht leugnen, daß demselben ein tiefes und ganz richtiges Prinzip zu Grunde liegt. Wir wenden die größte Mühe an, um die Racen der Thiere, welche uns Nutzen bringen, zu verbessern, und haben es auch bereits dahin gebracht, daß wir die Zucht der Pferde, des Rindviehs und der Schafe so beherrschen, daß die Produktionskraft der Natur dadurch wesentlich erhöht worden ist. Ist es daher nicht auch Zeit, daß wir endlich daran denken, die Menschenzucht in solcher Weise zu pflegen, daß ein kräftiges, gesundes und schönes Geschlecht dadurch erzielt wird? Die Griechen gingen bekanntlich schon von diesem Prinzip aus, und wenn wir auch nicht so materiell verfahren können, wie die Spartaner, welche Jünglinge und Mädchen blos nach der Rücksicht auf ihren Körperbau zusammengaben, so ist es doch ganz richtig von den Yankees gehandelt, wenn sie Aeltern ermuthigen, ihre Säuglinge so zu pflegen, daß sie tüchtige und kräftige Menschen zu werden versprechen. Dazu soll offenbar das Prinzip führen, daß man die Mütter veranlassen will, ihre Kinder zwei Jahre lang zu säugen. Dies ist auch schon von europäischen Aerzten, sowie noch mehr von socialistischen Schriftstellern empfohlen worden, um sowohl die Kinder zu kräftigen, als auch den Müttern Zeit zu geben, ihre Kräfte zu ersetzen und größere Zwischenräume zwischen den Geburten hervorzurufen.




Die Nachtigall besitzt eine große Selbstliebe und ist sehr eifersüchtig. Sie will sich nie von einem Nebenbuhler übertreffen lassen, und wenn man zwei Schläger zusammenbringt, so versuchen sie ihre Singkraft so lange an einander, bis sie heiser werden, ja zuweilen soll ihnen sogar ein Blutgefäß dabei springen und sie der Schlag rühren.

Goetze erzählt in seiner europäischen Fauna folgenden Fall: „Einer meiner Freunde in Braunschweig besaß einen der besten Schläger. Ein Jude, der den Gesang der Nachtigall mit großer Vollkommenheit nachahmte, ließ sich damals öffentlich hören. Der Besitzer des Schlägers forderte ihn auf, einmal mit diesem zu wetteifern und seine Kunst auszuüben, wenn die beste Singzeit des Vogels wäre. Der Jude that es; sobald er anfing, stimmte die Nachtigall ein, der Jude sang eine Note höher, die Nachtigall folgte, so steigerte er den Ton mehrere Mal und der Vogel suchte ihn immer zu übertreffen. Als ihm die Kraft hierzu versagte, und er fühlte, daß er besiegt war, schwieg er plötzlich still und sang nie mehr. In wenig Tagen war er vor Kummer gestorben.“

Sollten wir, wenn wir dies lesen, uns nicht dazu aufgefordert fühlen, nachsichtig zu werden, wenn wir von den Launen und Capricen der Sängerinnen hören? Die menschlichen Nachtigallen sind zu diesem als höher organisirte Wesen offenbar noch mehr berechtigt.

Höhnen und lachen wir daher nicht zu arg über die Theaterdirektoren, wenn diese sich die Kunst aneignen, mit Sängerinnen umzugehen und sie zu kirren!




Der Milch-Baum. Vom Lande, wo Milch und Honig fließt, hat Jeder in seiner Jugend schon gehört. Das Land ist aber leider bis jetzt noch nicht entdeckt worden. Ein englischer Reisender, Wallace, hat dagegen kürzlich in dem herrlichen Amazonen-Thale in Brasilien, demselben, das Humboldt einst besuchte und so meisterhaft geschildert hat, einen Baum aufgefunden, der so gute Milch giebt, wie die von Thieren gewonnene. Der Baum wird sehr hoch und hat äußerst hartes Holz. Sowie man dasselbe anschneidet, fließt ein Saft heraus, der so dick ist wie Sahne. Diesen läßt man in ein Gefäß laufen und verdünnt ihn mit heißem Wasser. In dieser Form wird er zum Kaffee oder Thee genossen und Wallace fand ihn so gut wie Kuhmilch. Selbst von abgeschnittenen Zweigen, welche schon Wochen lang gelegen hatten, konnte man noch Milch gewinnen. Läßt man den Saft an der Luft trocknen, so wird er zu einer zähen elastischen Substanz, die man als Leim gebrauchen kann und fester kittet als dieser. Der Baum bringt außerdem noch eine eßbare Frucht hervor, welche die Gestalt eines kleinen Apfels und äußerst saftiges Fleisch hat. Das Holz ist so hart, daß es allen Einflüssen des Wetters trotzt und daher ebenfalls zu vielen Zwecken nutzbar ist. – Wenn wir doch den Baum in Europa hätten! Wie vielen Leuten wäre damit geholfen, wenn der Milchmann ihnen den Credit kündigt!


  1. In Mexico, dessen Bewohner durchschnittlich Katholiken sind, gehört die Enthaltung von Eis oder eisgekühlten Getränken zur Verschärfung der Fasten.
  2. Vorlage: sa
  3. So werden sämmtliche christliche Unterthanen der Pforte genannt.