Die Gartenlaube (1854)/Heft 39

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1854
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 39. 1854.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle.
Wöchentlich 11/2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 121/2 Ngr. zu beziehen.

Klementine.
(Schluß.)

Dem armen Ernst lief ein leises Frösteln durch alle Glieder. Was konnte er, der unbemittelte Mann, dem schönen Mädchen bieten? Dieses Zimmer war Klementine’s würdig. In der Brust des jungen Mannes stiegen wieder bittere Zweifel empor, und die Erinnerung an das Geheimniß, das Klementinen umgab, preßte sein Herz zusammen.

„Wird sie sich nicht von dem Glanze verblenden lassen?“ fragte er sich. „Kann einem lebensfrohen Mädchen die Wahl schwer werden zwischen Armuth und Reichthum, vorzüglich wenn es von einer spekulirenden alten Frau geleitet wird? Alle diese Vorbereitungen deuten an, daß man auf ihre Schwäche rechnet, vielleicht kennt der Junker diese Schwäche, vielleicht weiß er, was er bieten muß, um die Schöne zu fesseln.“

Unwillkürlich dachte er an die erste Ursache des ersten Argwohns zurück, und wäre seine Liebe nicht so heiß, so innig gewesen, er hätte bereuet, seine Abreise aufgeschoben zu haben. Die wahre Liebe ist stets bereit, zu entschuldigen und zu hoffen, und so unbestimmt die nächste Zukunft auch vor Ernst’s Blicken lag – ein seltsames, wunderbares Vertrauen auf Klementine’s Heiligkeit zwang ihn zu hoffen. Die trauernde Liebe, die den Glauben an ihren Gegenstand noch nicht verloren hat, gewährt einen wollüstigen Schmerz oder eine schmerzliche Freude, denn sie weiß sich von der Geliebten bemitleidet. Mit der Kraft des jugendlichen Gefühls klammerte sich Ernst an den hoffenden Gedanken, den die Aufforderung Klementine’s in ihm erregte.

„Sie will mich sehen,“ flüsterte er, „ich will mich ihr zeigen.“

Er öffnete die Thür, und trat in das angrenzende Zimmer. Klementine und ihre Großmutter erschienen von der entgegengesetzten Seite – sie hatten den Ballsaal verlassen, um hier den Junker zu erwarten. Klementine’s bleiches Gesicht überflog eine matte Röthe, und ein lebhafter Strahl blitzte aus ihren trüben Augen. Frau von Falk bebte erschreckt zusammen. Sie grüßte kalt und ceremoniell.

„Man bedauerte Ihre Abreise, Herr Baron!“ sagte sie in einem fast spöttischen Tone. „Da Sie ohne Zweifel die Absicht Ihres Onkels kennen, die dem heutigen Feste zum Grunde liegt, erlaube ich mir, Ihnen meine Freude über Ihre Anwesenheit auszudrücken.“

Ernst dankte schweigend durch eine Verbeugung.

„In diesen Worten liegt die Einladung zur Verlobungsfeier ihrer Enkelin,“ dachte er erbleichend. „Eine Aenderung der Dinge ist also noch nicht vorgegangen. Was Klementine wohl beabsichtigt?“

Er warf einen traurigen Blick auf das junge Mädchen, das sich zitternd neben der alten Dame niedergelassen hatte, und ersichtlich das Hervordringen der Thränen bekämpfte. Er erwartete, daß Klementine, da ihr die Ironie der Großmutter nicht entgangen sein konnte, einige Worte der Ermuthigung oder des Verständnisses hinzufügte; aber sie schwieg, indem sie ängstlich nach der Thür sah, als ob sie eine Person erwartete.

Ernst wollte Gewißheit haben, zugleich aber auch seinem Stolze eine kleine Genugthuung verschaffen. Obgleich sein Herz erbebte, so antwortete er dennoch mit scheinbarer Ruhe: „Hat auch ein Zufall meine Abreise um einige Stunden verzögert, den ich nicht voraussehen konnte, so ist mir diese Verzögerung dennoch nicht unangenehm, da ich meinem Onkel persönlich den Glückwunsch zu einer Verbindung darbringen kann, welche die sichersten Garantieen für das Glück des Brautpaares in sich trägt.“

„Ihrer Billigung durften wir gewiß sein!“ sagte Frau von Falck, ironisch lächelnd.

„Sie vindiciren mir ein Recht, gnädige Frau, das ich nicht beanspruche, denn ich erlaube mir kein Urtheil über eine so zarte Herzensangelegenheit. Eine Dame von Ihrer Erfahrung sieht weiter, als ein junger Mann ohne Anstellung und Vermögen. Die liebenswürdige Braut,“ fügte er mit bebender Stimme hinzu, „mag sich versichert halten, daß ich auch im fernen Lande den Segen des Himmels für sie erflehe.“

Er wollte sich entfernen. Klementine brach in lautes Weinen aus.

„Ernst! Ernst!“ schluchzte sie, ihr Gesicht verhüllend.

Entrüstet erhob sich Frau von Falk.

„Mein Herr, Sie sind indiscret genug, eine Scene herbeizuführen, die eben so überflüssig als lächerlich ist. Nicht die Theilnahme, eine kleinliche Rache hat Sie zurückgehalten!“

„Sie irren, gnädige Frau!“ rief der junge Mann, dessen Stolz erwachte. „Und damit ich Ihnen eine bessere Meinung über meine Person hinterlasse, werde ich sofort Berlin verlassen!“

„Ernst!“ rief Klementine verzweiflungsvoll, indem sie sich rasch erhob, und ihn bei der Hand zurückhielt. „Ernst,“ flüsterte sie bebend, „habe ich denn wirklich Ihr Vertrauen verloren?“

„Großer Gott – Klementine – ich habe ja kein Recht mehr, zu hoffen! Was kann ich thun?“

„Sie bleiben!“

„Was ist das?“ rief Frau von Falk mit vor Zorn erstickter Stimme. „Ich befehle Dir, Klementine, mir zu folgen! Noch stehst Du unter meiner Autorität, die ich selbst mit Hülfe der Gesetze aufrecht erhalten werde, wenn mir kein anderes Mittel bleibt. Folge mir, hier ist Dein Platz nicht!“

An der Hand ihrer Großmutter, die einen verachtenden Blick [454] auf Ernst warf, schwankte die todtbleiche Klementine der Thür zu. In diesem Augenblicke ließ sich die Stimme des Junkers in dem Boudoir vernehmen. Frau von Falk, die den Saal betreten wollte, wandte sich, schritt stolz und majestätisch an dem tief erschütterten Ernst vorüber, und verschwand mit der willesnlosen Klementine in dem Boudoir. Ernst sank wie betäubt auf einen Sessel nieder; Thränen entstürzten seinen Augen. Ihm blieb kein Zweifel mehr, daß die arme Klementine sich dem Willen ihrer hochfahrenden Großmutter fügte, und daß sie einen schweren Kampf zwischen Liebe und kindlichem Gehorsam kämpfte. Aber worauf konnte sie noch rechnen? Auf eine heimliche Flucht? Dieser Gedanke durchzuckte ihn wie ein Blitz. Seine verzweifelnde Liebe rieth ihm dazu, aber das Ehrgefühl rieth ihm davon ab. Rathlos sah er durch das stille, glänzende Gemach. Sein Kopf brannte, und seine Pulse klopften im Fieber. Er wollte hinaus in das Freie stürzen – aber das Zimmer hatte nur zwei Ausgänge, den einen in den Saal, den andern in das Boudoir. Dort mußte er sich der glänzenden, fröhlichen Gesellschaft zeigen – hier mußte er Frau von Falk und dem Brautpaare entgegentreten. Und dabei rückte der Augenblick immer näher heran, in dem der Junker seine Ueberraschung ausführen wollte; es ließ sich selbst erwarten, daß Frau von Falk die Proklamation der Verlobung beschleunigen würde. Ernst saß regungslos auf einem Sessel. Die fröhliche Ballmusik umrauschte wie Grabgesang seinen wüsten Kopf, und der Luxus, der ihn umgab, erschien ihm wie ein Trauergepränge. Beides war ja veranstaltet, um das Glück seines Lebens zu Grabe zu tragen.

Da öffnete ein Diener die Thür, die zu dem Saale führte.

Er ließ einen großen stattlichen Mann eintreten. Auf der Brust seines einfachen schwarzen Fracks trug dieser Mann zwei glänzende Orden. Das Gesicht, obwohl von Furchen durchzogen, schmückte ein voller, brauner Schnurrbart, die hohe glänzende Stirn umgab ein kurzes, krauses Haar von dunkler Farbe; die edele römische Nase und die großen, glühenden Augen gaben ihm ein strenges, ehrfurchtgebietendes Ansehen, und seine ganze Haltung war ernst und würdig.

„Wen habe ich die Ehre, meinem gnädigen Herrn zu melden?“ fragte der Diener.

„Einen Herrn von Julian!“ war die kurze Antwort.

Der Diener entfernte sich.

„Julian?“ rief Ernst unwillkürlich aus, indem er aufsprang, und den Fremden anstarrte.

Er hatte den Namen Dessen gehört, an den Klementine’s Brief gerichtet war, und von dem jene alte Frau erzählt hatte, daß sich das junge schöne Mädchen an seine Brust geworfen und geweint habe. Ein inniges, zärtliches Verhältniß zwischen den beiden Personen war bis zur Evidenz erwiesen. Ernst starrte seinen Nebenbuhler sprachlos an.

„Kennen Sie mich?“ fragte der Fremde, indem er seinen Hut auf einen Stuhl setzte.

„Ich habe den Namen Julian gehört, mein Herr – –“

„Und wer hatte die Güte, ihn sich zu merken?“ fragte Julian mit kalter Höflichkeit.

„Ein verabschiedeter Offizier!“ antwortete Ernst in einem bittern Tone, dessen er sich bei der aufkeimenden Eifersucht nicht erwehren konnte.

„Dann sind Sie der Baron Ernst von Below!“ rief rasch und bewegt der Fremde.

„Ich bin’s, mein Herr! Wie mir scheint, sind wir Beide eben nicht willkommene Gäste.“

„Wie, Herr Baron, haben Sie so wenig Vertrauen zu Klementine von Falk?“ fragte Julian lächelnd. „Bleiben Sie! Ich übernehme es, Sie einzuführen.“

„Sie? Sie? Mein Herr, ich war Offizier!“

„Auch ich!“

„Meine Ehre ist unbefleckt!“

„Auch die meine!“ ruf Julian mit sprühenden Augen. „Mein Anerbieten kann Sie nicht verletzen.“

„Und dennoch schlage ich es aus!

„Klementine wird es Ihnen nicht danken! Reclamiren Sie Ihre Rechte!“

„Sind Sie in dieser Absicht gekommen?“ fragte Ernst verachtend.

„Ich leugne es nicht, und dafür, daß meine Forderung Gehör finden wird, habe ich gesorgt!“

Diese Worte sprach Julian mit einer Gewißheit, die Ernst erzittern machte.

„Sollte sie schuldig sein?“ fragte er sich. „Sollte dieser Mann sie von sich abhängig gemacht haben? Er drängt sich in das Haus, um den Junker zu sprechen – Gott, wie wird das enden! Mein Herr,“ wandte er sich zu Julian, „ich habe Sie bereits in dem Hause der Frau Hammerschmidt aufgesucht, um Ihnen einen Brief mit Ihrer Adresse zurückzugeben. Hier ist er!“

Julian nahm den Brief. Nachdem er flüchtig einen Blick darauf geworfen, dankte er, steckte das Papier zu sich, und sagte zu Ernst: „Haben Sie die Zeilen gelesen?“

„Der Brief war offen, mein Herr – ja!“

„Dann müssen Sie wissen, daß ich zu Klementine in einer Beziehung stehe –“

„Klementine liebt Sie!“ rief Ernst hastig.

Julian ergriff die Hand des Offiziers, indem er ihm zuflüsterte: „Und weil ich sie liebe, weil mir ihr Glück am Herzen liegt, darf die beabsichtigte Speculationsheirath nicht zu Stande kommen. Der ihr aufgedrungene Bräutigam soll wissen, daß es einen Mann giebt, der ältere und heiligere Rechte besitzt, als er.“

Ernst starrte den seltsamen Mann an.

„Auch Sie, Herr Baron von Below, sind von Klementine geliebt,“ fuhr er fort; „o, ich weiß es, meinem Scharfblicke ist nichts verborgen geblieben – und darum fordere ich Sie auf, mir beizustehen. Still, man kommt!“

Noch ehe Ernst ein Wort erwiedern konnte, ward die Thür des Boudoirs geöffnet, und Klementine erschien am Arm des Junkers. Frau von Falk folgte mit stolzen Mienen; sie würdigte die beiden Männer keines Blickes. Klementine stieß einen leisen Schrei froher Ueberraschung aus. Ernst bemerkte, wie Julian bei dem Anblicke der Eintretenden heftig zu zittern begann, und wie seine großen dunkeln Augen in einem ungewöhnlichen Feuer erglühten. Klementine hing zitternd an dem Arme ihres Führers; es war ersichtlich, daß sie sich kaum aufrecht erhalten konnte. Der Fremde trat dem Brautpaare entgegen.

„Herr Baron,“ sagte er mit fester Stimme, „ich habe Sie um eine Unterredung bitten lassen; es scheint, daß meine Bitte unberücksichtigt geblieben –“

„Sind Sie zu dem Feste geladen?“ fragte der Junker in spöttischer Verwunderung.

„Nein!“

„Dann, mein Herr, hat mein Haushofmeister ein großes Versehen begangen – –“

„Daß er dem Ungebetenen nicht die Thür vor der Nase verschlossen hat?“ ergänzte Julian, ohne seine Ruhe zu verlieren.

„Oeffne die Thür, mein Freund!“ befahl der Junker einem nachfolgenden Diener.

„Diesen Dienst erlaube ich mir Ihnen zu erzeigen, Herr Baron von Below, sobald die geeignete Zeit gekommen – für jetzt bedarf ich Ihrer zu einer Unterredung, die keinen Aufschub erleidet!“ fügte Julian mit einem gräßlichen Hohne hinzu, und indem er die Thür verschloß, die zu dem Saale führte.

Alle Personen erstarrten über die Kühnheit des Fremden. Nur Klementine flüsterte freudig bestürzt vor sich hin: „Gott sei Dank, es ist ihm gelungen!“

Frau von Falk, die den Fremden aufmerksam beobachtete, entließ den Diener durch die Thür des Boudoirs.

„Was wollen Sie?“ fragte der Junker, den der Muth verlassen zu haben schien.

Julian ergriff Klementine’s Hand, und zog sie sanft zu sich herüber.

„Zunächst die geopferte Braut, mein Herr! An meiner Seite ist Dein Platz, Klementine!“

Länger vermochte sich Frau von Falk nicht zu halten; mit der Heftigkeit ihres Charakters trat sie Julian entgegen, und streckte die Hand nach ihrer Enkelin aus. Aber wie festgebannt blieb sie plötzlich stehen, die vor Schrecken starren Blicke auf den Fremden gerichtet.

„Victor!“ rief sie in einem durchdringenden Tone. Sie hatte ihren Sohn erkannt.

„Ich bin es,“ murmelte Victor bewegt; „ich wollte es dem Mutterauge überlassen, den Sohn zu erkennen.“

Ehrerbietig drückte er einen Kuß auf die Hand der alten Dame.

„Mein Sohn,“ sagte sie plötzlich, und indem sie das greise Haupt stolz emporhob, „Du brichst ein feierlich gegebenes Versprechen – hast Du mir nicht Deine Vaterrechte an Klementine übertragen? [455] Muß ich Dich an eine unglückliche Vergangenheit erinnern, die nie, nie wieder beregt werden sollte?“

Dem armen Vater traten die Thränen in die Augen.

„Sie erinnern mich, Mutter, an die unglücklichste, aber seligste Zeit meines Lebens; zugleich aber auch an einen Ihrer Grundsätze: der Verstand müsse das Herz beherrschen. Zweifeln Sie nicht, daß ich diesen Grundsatz nicht befolgt habe – hier steht Victor, der in der Schule des Lebens gereifte Mann, er tritt Ihnen nicht als ein tollkühner Knabe unter die Augen. Ich bin zu der Erkenntniß gelangt, daß es völlig gleich ist, ob man als ein Opfer des Herzens, oder ein Opfer des Verstandes fällt. Nur wenn Herz und Verstand Hand in Hand gehen, läßt sich Ersprießliches erwarten. Die kalte Berechnung tödtet nicht minder, als die heftigste Leidenschaft. Während Sie für Ihre Enkelin sorgten, sorgte ich mit Muth und Verstand für meine Tochter – ein Jeder von uns nach seiner Ansicht. Aber das Auge des Vaters sieht weiter, als das der Großmutter – –“

„Und was hat Ihr Vaterauge gesehen?“ fragte spöttisch der Junker.

Victor sah mit stolzen Blicken im Kreise um sich her.

„Hier ist weder eine Person zu viel, noch zu wenig, um einen vollgültigen Beschluß über Klementine’s Schicksal zu fassen. Der Zufall, wenn wir die Vorsehung nicht gelten lassen wollen, hat ein wunderbares Gericht zusammengeführt. Antworten Sie mir, Mutter: was bleibt von dem gnädigen Junker übrig, wenn wir ihm sein ererbtes Vermögen abziehen? Was hätten Sie gesagt, wenn Ihre Enkelin, die heute glänzend verlobt wird, morgen an der Seite dieses Mannes der Armuth preisgegeben würde? Antworten Sie mir, Mutter, nach Ihrem Gewissen! Antworten Sie mir nach Ihrem Verstande! Ist es möglich, daß es für ein junges, lebensfrohes Mädchen, auch wenn wir den Zustand ihres Herzens nicht berücksichtigen, ein gräßlicheres Loos giebt?“

„Diese Annahme, Victor –!“ stammelte Frau von Falk.

„Es ist keine Annahme, Mutter, es ist die herrlichste Gewißheit! Der Baron Edmund von Below ist nicht der Erbe seines Bruders!“

„Das Gericht hat erkannt!“ lächelte der Junker. „Ein rechtskräftiger Beschluß kann nicht angefochten werden, auch wenn Bosheit und Tücke alle Mittel anwenden.“

„Das Gericht erkennt, mein Herr Baron, wenn kein Testament vorhanden ist.“

„Ganz recht! Mein Bruder ist plötzlich am Schlagflusse gestorben.“

„Aber nicht ohne Testament, und dieses Testament hat mein Vaterauge entdeckt!“

„Victor,“ stammelte Frau von Falk, „die Sache ist zu ernst, um eine solche Mystifikation zuzulassen.“

„Hören Sie mich an, Mutter. Das Unglück und ein falsches Ehrgefühl trieben mich in die weite Welt hinaus. Ich nahm in der Fremdenlegion Dienste, die Frankreich nach Algier schickte. Wenn ein verzweifelter Muth Ehre ist, so sind hier die Beweise meiner wiederhergestellten Ehre!“ rief Victor, indem er mit der flachen Hand die beiden Orden auf seiner Brust berührte. Der Capitain von Falk, der genug erworben zu haben glaubte, kehrte mit einer kleinen Pension in sein Vaterland zurück. Er kam nach Berlin, und fragte bei dem Pathen nach seinem Kinde, da ihn ein feierliches Versprechen hinderte, die Mutter zu sehen. Der Baron Balthasar von Below empfing den französischen Capitain, wie er es erwarten durfte, und um ihn zu ehren, um ihn für die von seinem Bruder erlittene Kränkung zu entschädigen – Victor sandte einen stechenden Blick auf den Junker – lud er ihn ein, das Testament als Zeuge zu unterschreiben, das er ahnungsvoll an demselben Tage aufgesetzt hatte. Es ist für gewisse Fälle, sagte der wackere Balthasar, ich kann es immer wieder vernichten, wenn es nöthig wird. Dann verschloß er das Papier in seinem Secretair. Beruhigt über das Schicksal meiner Tochter kehrte ich nach Frankreich zurück. Die Revolution, die eine Republik schuf, beraubte mich, den Ausländer, meiner Pension, aber man ließ mir meine Orden. Die Sehnsucht trieb mich abermals nach meinem Vaterlande – ich kam an demselben Tage in Berlin an, als die Zeitungen den Erben des plötzlich verstorbenen Balthasar bezeichneten, da ein Testament nicht vorhanden sei. Durfte der einst ausgestoßene Offizier auftreten, und von der Unterzeichnung eines Testamentes sprechen? Mußte man ihn nicht einer erbärmlichen Rache zeihen und schmählich abweisen, da der Erbe derselbe Mann war, der ihn einst wegen Ausstellung eines falschen Wechsels – er hatte ihn aus Eifersucht dazu gemacht, weil er sich ebenfalls um meine theure Julie beworben – weil er ihn angeklagt, und so sein Verderben bereitet hatte? Nur mit Beweisen konnte der arme Capitain auftreten. Mutter,“ sagte Victor treuherzig, „Rache ist mir fremd, ich hätte nie daran gedacht, den Erben zu verdrängen, wenn es mir das Wohl meines Kindes nicht zur Pflicht gemacht hätte. Ich näherte mich Klementinen, sie erkannte mich wieder, und von ihr erfuhr ich, daß sie liebte, daß sie aber denselben Mann heirathen sollte, der vor zweiundzwanzig Jahren ihrer unglücklichen Mutter nachgestellt hatte. Sie besuchte mich fast täglich in meiner verborgenen Wohnung, aber sie war mir gehorsam und verschwieg Ihnen meine Anwesenheit. Jetzt galt es, mit Beweisen in der Hand hervorzutreten, um zu zeigen, daß die Rechnung eine falsche war, und daß meine Klementine an dem Rande eines Abgrundes stehe. Daß der Verstorbene das Testament vernichtet hatte, bezweifelte ich; es mußte entweder gestohlen, oder verloren gegangen sein. Ich erinnerte mich des Secretairs genau, der, wie ich gesehen, ein künstlich verborgenes Fach enthielt. Dieses Fach allein konnte mir Aufschluß geben. Wie aber sollte ich dazu gelangen? Wer würde mir gestatten, die Möbel zu öffnen? Mußte man mich nicht für einen böswilligen Verleumder halten, wenn eine offizielle Nachsuchung vergebens war? Dasselbe Mittel, das der lüsterne Bräutigam zur Verblendung der Braut anwandte, sollte mir Licht schaffen. Ich erfuhr, daß die alten Möbel des Verstorbenen verkauft werden sollten, um neuen Platz zu machen – Klementine’s kleine Ersparnisse vervollständigten die Kaufsumme – ich miethete in einer abgelegenen Straße eine geräumige Wohnung, ließ die erkauften Sachen dorthin schaffen, zertrümmerte die beiden Secretaire, die sich dabei befanden, und – hier ist das Testament, von der Hand des Verstorbenen verfaßt, und von dem Capitain von Falk als Zeuge unterzeichnet.“

Triumphirend hielt Victor ein Papier empor.

„Mutter,“ sagte er dann, „ich habe kein Recht, Ihren Anordnungen zu widersprechen; aber Ihrem Prinzipe gemäß müssen Sie von einer Verbindung Klementine’s abstehen, die der Verstand nicht billigen kann. Der Lieutenant Ernst von Below ist der Erbe – Klementine, Du kennst ihn, gieb ihm sein rechtmäßiges Eigenthum.“

Victor gab seiner Tochter das Papier; diese empfing es zitternd, und überreichte es Ernst.

„Klementine, Klementine!“ rief er im Uebermaße seiner Gefühle aus und indem er zu ihren Füßen niedersank, „jetzt ist mir Alles klar! Der Himmel selbst öffnet sich, um mich seine reinste Heilige schauen zu lassen! Kannst Du meiner heißen, maßlosen Liebe den Argwohn verzeihen?“

Er bedeckte ihre Hand mit glühenden Küssen, und sah flehend zu ihr empor. Sie neigte sich zu ihm hinab, und flüsterte weinend: „Ich habe Dir nie gezürnt, Ernst; aber ich konnte nicht anders handeln!“

In den Augen der Großmutter erglänzten Thränen, denn sie sah in diesem Augenblicke erst, welch ein Opfer von Gehorsam die liebende Enkelin ihr gebracht hatte.

„Mutter,“ fragte Victor, „darf der Capitain von Falk Sie nach Hause begleiten?“

„Mein Sohn, ich gebe Dir Deine Tochter zurück,“ sagte sie ernst. „Und Sie, Herr Baron,“ sagte sie zu dem Junker, „werden sich an den Capitain wenden müssen – ich habe keine Rechte mehr an Klementine. Ich bitte um Ihren Arm, Capitain!“

„Vergönnen Sie mir, daß ich noch ein Wort an den ersten Urheber meines Unglücks richte, bevor ich Ihnen gehorsam bin,“ sagte Victor. „Rache ist mir fremd, mein Herr,“ flüsterte er in einer gräßlichen Bitterkeit dem leichenblassen Junker zu; „aber ich halte mein Versprechen, wenn es im Reiche der Möglichkeit liegt. Ich versprach Ihnen vorhin, Ihnen zur geeigneten Zeit die Thür zu öffnen – treten Sie in den Saal, Herr Baron, ich erfülle mein Versprechen!“

Und Victor öffnete rasch die Thür. Dann bot er seiner Mutter den Arm, und führte sie durch das Boudoir auf den Corridor hinaus. Ernst und Klementine folgten Arm in Arm. Ein schnell herbeigebrachter Wagen brachte sie in die Wohnung der Frau von Falk.

Der Junker sank betäubt auf einen Stuhl. Sein Kammerdiener brachte ihn zu Bett, und die Gäste schlossen den Ball ohne den Gastgeber, von dem sich das Gerücht verbreitet hatte, daß er plötzlich krank geworden sei.

Sechs Wochen später war der Prozeß entschieden, den Ernst auf Grund des vorgefundenen und für richtig anerkannten Testaments [456] gegen den Junker anhängig gemacht habe. Laut einer darin befindlichen Bestimmung mußte der Erbe dem Junker eine jährliche Rente von sechshundert Thalern zahlen. Ernst war der legitime Besitzer eines großen Vermögens, und der glückliche Gatte der reizenden Klementine. Der Junker war verreist, als die jungen Gatten das Haus unter den Linden bezogen. Herr Thaddäus, Fritz und Doris hatten die Ausstattung vervollständigt.

An der Hand Ernst’s betrat Klementine das Boudoir. Die junge Frau begann laut zu weinen, als sie einen Blick in den kostbaren Raum geworfen hatte. Dann sank sie ihrem Manne an die Brust.

„Siehst Du den Teppich, den Ofenschirm und den Wandkorb?“ fragte sie.

„Ja, mein Kind!“ flüsterte Ernst, indem er die Stirn Klementine’s küßte.

„Als ich noch arm war, bestellte man Stickereien für eine Braut – auf diese Blumen ist manche Thräne gefallen, und manche schlaflose Nacht habe ich der Arbeit geopfert – ich dachte an Dich, Ernst, und beneidete die glückliche Braut. Die arme Klementine ahnte damals nicht, daß sie an der Ausschmückung ihres eigenen Brautgemachs arbeitete – arbeitete für Geld!“

Ernst küßte die kleinen Hände seiner Gattin.

„Jetzt wandle auf den Blumen, die Du gepflanzt, und kann die Liebe sie Dir ewig frisch erhalten, dann, Klementine, zweifele nicht daran, daß sie ewig blühen!“




Ein Asyl für die Armuth.


Wohl selten mag sich’s treffen, daß wie auf der im Untersee gelegenen badischen Insel Reichenau eine Bevölkerung von 1500 Seelen keinen einzigen Armen aufzuweisen hat, keinen Menschen, der von fremder Unterstützung leben muß. Jene Spanne Landes

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Das neue Armenhaus in Leipzig.

bildet eine Ausnahme, anderwärts werden wir überall Schritt für Schritt an Noth und Armuth erinnert, leider ist es ein betrübendes Merkmal unserer Zeit geworden, daß die Verarmung der Massen mehr und mehr zunimmt, und damit die Hülfe der Gesellschaft, des Staats, der Gemeinden von Tag zu Tag stärker in Anspruch genommen wird. Die Maßregeln, wie jener Verarmung vorzubeugen, sowie die andern, welche es mit den Folgen und Zeichen dieses Uebels zu thun haben, sind, so wenig sie in einander greifen, doch von gleich hoher Wichtigkeit. Geschah in ersterer Hinsicht bisher wenig, weil zumeist Alles erst theoretisch zurecht gearbeitet werden mußte, so wurde in zweiter dagegen desto mehr geleistet, wobei nächst der allgemeinen Menschenliebe auch verschiedene andere Motive die mitbestimmenden waren. Die Armenpflege, um welche es sich hier handelt, ist der Gegenstand der sorgfältigsten Erwägungen geworden, und die Wohlthätigkeitsanstalten bilden ein bedeutendes Departement der innern Verwaltung.

Eine der ersten Stellen in der geordneten Armenpflege nehmen die Armenhäuser ein, und wenn es an und für sich eine traurige Erscheinung ist, daß man in den Städten kolossale Bauten zur Unterbringung der Armen überhaupt aufführen muß, so ist bei der einmal erkannten Nothwendigkeit nicht weniger die systematische Trefflichkeit zu bewundern, zu welcher es dabei gebracht worden ist. So sieht man jetzt bei einem Spaziergange auf der östlichen Seite Leipzigs ein Gebäude von festen und markigen Formen sich hoch empor über seine Umgebungen erheben; auf den ersten Blick schon kündigt es sich als ein öffentliches Gebäude an, und die etwas vereinsamte Lage läßt es vielleicht auch den Beschauer bald als das errathen, was es ist: das neue Armenhaus der Stadt Leipzig, zu welchem am 29. März v. J. der Grund gelegt wurde und das jetzt in meisterhafter Vollendung dasteht.

Wir führen heute die Leser der Gartenlaube in die Hallen desselben, und wenn es auch nicht gerade ein kurzweiliger Gang [457] ist, so bietet er doch des Interessanten genug. Noch ehe wir eintreten, befinden wir uns vor einer Fronte von 95 Ellen Länge, an welche zwei Seitenflügel von je 63 Ellen Länge stoßen, jene und diese 201/4 Elle tief, das Ganze ein bildend von drei Geschossen, welche immer 63/4 Ellen lichte Höhe halten. Unser Hauptbild stellt das Gebäude nach der innern Seite dar.

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Die Küche.

Wir treten ein und beginnen unsere Wanderung, indem wir in das Souterrain hinabsteigen, das, durchgängig hoch und stark gewölbt und der Trockenheit halber mit Romancement geputzt, mehrere der interessantesten Räumlichkeiten des Hauses in sich schließt, etwa so wie die das Dampfschiff bewegende Maschine unter dem Verdeck verborgen arbeitet. Wir machen diesen Vergleich in besonderm Hinblick auf die Dampfküche (siehe die Abbildung), an welche sich hier unten in den Scheuer- und Aufwaschräumen, der Speisekammer, dem Waschhaus, der Rollkammer, der Vorrathskammer, der Brotkammer und dem Oelbehältniß, den Vorrathskellern zu Gemüse, Fleisch, Gefäße, Holz, Kohlen, Torf u. s. w. das ganze hauswirthschaftliche Departement schließt. Auch ohne in der edeln Küchenkunst und Topfguckerei bewandert zu sein, wird uns die praktische Einrichtung der Dampfküche allen ihren Einzelheiten nach schnell klar. Drei größere Kessel von je 120 Kannen, und zwei kleinere à 60 Kannen repräsentiren sich auf dem Boden stehend als das einzige Kochgeräth, und vermittelst der Dampfheizvorrichtung kocht es in den erstern binnen vierzehn Minuten, und in den

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Der Betsaal.

kleinern Kesseln bedarf es sogar nur acht Minuten, um den Siedepunkt zu erreichen. Der Dampfkessel, nebst dem sich bis über die Dachspitze des Gebäudes erhebenden Schornstein, stößt hart an die Küche, und hat außer der Heizung des Kochgeräths auch die Reinigung der Wäsche, welche ebenfalls per Dampf erfolgt, zu besorgen. Desgleichen versieht er die ebenfalls im Souterrain gelegene Badestube mit dem erforderlichen Wasser. Bei dem Dampfkessel hat auch die Wasserleitung ihren Mittelpunkt, von wo aus das Wasser in die Reservoirs, die sich unter den Dächern der Seitenflügel befinden, gepumpt wird, um von dort aus in Röhren durch alle Stockwerke sowohl zum gewöhnlichen alltäglichen Gebrauch wieder herabgeleitet zu werden, als auch bei Feuersgefahr zum Löschen zu dienen. Ein auf jeder Seite an der Außenwand unter dem Dache angebrachter Telegraph markirt dabei die Höhe des Wassers in den Reservoirs, damit diese nicht etwa zum Ueberlaufen voll gepumpt werden. – Verfügen wir uns jetzt in das Parterre, so stoßen wir in der Frontseite zunächst auf die Aufseherwohnung, das Expeditionslokal und die Zimmer für den Vorsteher, Gegenschreiber und Pförtner. In beiden Seitenflügeln vertheilt befinden sich sodann 16 Hospitalitenstuben, vorläufig für zwei Personen bestimmt, doch auch geräumig genug, um drei oder vier beherbergen zu können. Diese Stuben sind für die ältern, gebrechlichen und kränklichen Bewohner des Hauses bestimmt, so wie denn auch auf der äußersten Ecke des östlichen Flügels die zwei, nach dem Muster des hamburger Krankenhauses eingerichteten Krankensäle liegen, getrennt durch die Krankenwärterstube und die an diese stoßende Thee- und Verbandküche. Ein Zimmer für den Arzt und die unmittelbar unter demselben im Souterrain befindliche Leichenkammer, wohin die Verstorbenen, ohne daß es von den gesunden Bewohnern des Hauses kaum bemerkt werden kann, leicht zu schaffen sind, vervollständigt diesen zum Krankenhospiz eingerichteten Theil des Gebäudes.

In der äußeren Ecke des westlichen Flügels betreten wir den einfachen, jedoch äußerst geschmackvoll eingerichteten Betsaal, dessen nähere Beschreibung uns die beigefügte treue Abbildung überhebt. Durch allsonntägige Feier, wöchentlich dreimalige Betstunde und dreimalige Spendung des Abendmahls im Jahre ist damit für das religiös-kirchliche Bedürfniß der Hausbewohner gesorgt.

Die erste und zweite Etage sind beide durchaus gleicher Einrichtung und ausschließlich zu Wohnungen für Hospitaliten bestimmt. Man hat hierbei das System der Zellen und großen Säle gemischt, unter Festhaltung der Vortheile, welche beide gewähren, und mit Berücksichtigung ihres verschiedenen Zusagens des menschlichen Charakters. In jeder Etage befinden sich sonach 4 Arbeits- und Aufenthaltssäle und ebenso viel Schlafsäle, die mit drei Fenstern bei einer Breite von 20 Ellen und Tiefe von 14 Ellen für zwanzig Personen berechnet sind; ferner sind 7 Stuben à zwei Betten vorhanden, und auf jeder Flügelecke eine Stube für eine Person. Die einzelnen Bewohner der letztern genießen in der Art eine Bevorzugung, daß ihnen die Oberaufsicht über die Hospitaliten einer halben Etage obliegt, während hinwiederum in jedem einzelnen Saale die mit Nr. 1 versehene Person die Aufsicht führt. Je nach Ermessen werden die Stuben zu zwei Personen an Eheleute überlassen, die sich vertragen und sonst auch dieser Begünstigung würdig erzeigen, im Uebrigen sind aber beide Geschlechter [458] in der Weise getrennt, daß die Männer den westlichen Theil des Hauses und die Weiber den östlichen inne haben.

Um noch des Bodens zu erwähnen, so enthält derselbe, außer den schon erwähnten Wasserreservoirs, Vorrathskammern aller Art und kleinere Kammerabtheilungen zur Aufbewahrung der Utensilien jedes einzelnen Hospitaliten, denen in den Schlaf- und Aufenthaltsräumen natürlich kein Platz eingeräumt werden konnte.

So wie alle Zimmer des Hauses mit Nummern versehen sind, so sind auch die jedem Saale zugetheilten Personen nach Nummern eingetragen, die sich ebenfalls an den Bettstellen wiederholen. Die Arbeits- und Aufenthaltssäle selbst sind mit zwei langen Tafeln und der entsprechenden Anzahl Stühle möblirt, ferner findet sich ein allgemeiner Kleiderhalter angebracht und außerdem hat jede Nummer einen eigenen, an der Wand befestigten, verschließbaren Kasten zur Aufbewahrung von Gegenständen und Sachen gewöhnlichen Gebrauchs. Das sonstige Besitzthum der Hospitaliten befindet sich, wie schon erwähnt, in den ihnen zugewiesenen Bodenkammerabtheilungen.

Man mag in dem Hause die Schritte lenken wohin man will, überall stößt man auf die musterhafteste Zweckmäßigkeit in der Anlage, wobei das Friedrich-Wilhelm’s Hospital in Berlin zum großen Theil als Vorbild diente. Es ist hier nichts unberücksichtigt geblieben, und wenige Städte dürften ihren Armen eine Behausung bieten wie jetzt Leipzig den seinigen. Eine Fülle von Licht und Luft, diese beiden großen Wohlthäter des Menschen, durchwallt alle Räume des Gebäudes; breite steinerne Treppen führen bis in das oberste Stockwerk, an den Zimmern und Sälen entlang laufen fünf Ellen breite Corridors, die der Reinlichkeit wegen, wie überhaupt der gesammte hölzerne Fußboden, mit Leinfirniß eingerieben sind. Bei Anlage der Corridors ist besondere Rücksicht darauf genommen, den Wohn- und Schlafräumen in keiner Weise die Sonnenseite zu verkümmern; so liegen in der gegen Mitternacht gerichteten Hauptfronte die Corridors, entgegen der üblichen Bauweise, nach vorne zu, während die Zimmer der mittäglichen Hofseite zugekehrt sind. In den Seitenflügeln laufen die Corridors an der innern Hofseite hin und liegen die bewohnten Räume nach der Morgen- und Abendseite zu, alle mit für Leipzig reizender Aussicht. Die specielle Luftreinigung der Zimmer wird durch zwischen den Mauern hinlaufende Kanäle vermittelt; andere Röhren leiten nach sämmtlichen Corridors das zur Reinlichkeit ebenso nothwendige Wasser. Bezüglich der Feuerung mußte bei einer solchen Anstalt selbstverständlich auf die größtmögliche Ersparniß gesehen werden; die Heizung findet durchgängig von Außen statt, wobei die in der Landesanstalt zu Hubertusburg gebräuchlichen Oefen als Muster gedient haben, nicht aber ohne durch Anwendung des Treppenrostsystems eine wesentliche Verbesserung zu erfahren. Die von Außen bewerkstelligte Schließung der Oefen macht es unmöglich, daß andere als mit Heizung beauftragte Personen in Berührung mit denselben kommen können. Mit Blitzableitern wurde das Haus nicht versehen, wohl aber befindet sich ein solcher auf der das Gebäude noch überragenden Dampfesse.

Das neue Armenhaus wird erst den 11. October seinem Zwecke übergeben, und stand mithin bei unserer Wanderung noch leer, so daß wir ein lebensvolles Gemälde vorerst nicht zu sehen bekamen. Ebenso steht die Besetzung des Hofes mit Bäumen und Ruhebänken, um als Spaziergang der Bewohner zu dienen, noch bevor. Für 200 derselben sind vorläufig die Einrichtungen zur Aufnahme getroffen, da aber die Säle bis zur Aufnahme von 24 Personen berechnet sind, und auch die Stuben zu zwei Personen noch füglich eine Vermehrung um das Doppelte zuließen, nöthigenfalls auch ein Theil des hohen, hellen und luftigen Souterrains recht wohnlich eingerichtet werden könnte, so gelangt man zu einer ziemlich größern Zahl. Sollte diese in näherer oder fernerer Zeit erreicht werden, so ist bei der ganzen Anlage des Gebäudes auf leicht zu bewerkstelligende Vergrößerung Rücksicht genommen.

Es war für die Armenpflege stets eine wichtige Frage, in welcher Weise die Armen am Zweckmäßigsten unterstützt werden, und wir können hier unmöglich auf die Unvollkommenheit und Unzweckmäßigkeit der mancherlei Verfahrungsweisen eingehen. Armenhäuser allein, selbst wenn sie reich dotirt sind, thun es nicht, gegen die Verabreichung von klingenden Almosen erheben sich aber immer mehr sachkundige Stimmen. Den rechten Weg einzuschlagen mag hier schwerer als anderswo sein, zumal wenn man die verschiedenen Klassen von Armen betrachtet, von denen jede vielleicht eine andere Art der Behandlung erheischen möchte. Diese oft feinen Distinktionen ängstlich festzuhalten, kann nicht Sache einer allgemeinen Armenanstalt sein, noch weniger die einer Armenhausverwaltung, welche sich der nicht gerade leicht zu erhaltenden Ordnung wegen an einen festen Schematismus binden muß.

Wo wie in unserer Zeit so vielfach mit Humanismus und Humanität koquettirt wird, hat man auch das Recht des Individuums auf eventuelle Versorgung durch die Gesammtheit oft bis zu lächerlichen Ansprüchen hinaufschrauben wollen, wornach z. B. durch die Aufnahme in das Armenhaus erst recht die Süßigkeiten und Herrlichkeiten des Lebens begonnen hätten. Bis zur Praxis sind dieser Schlag Humanisten allerdings nie durchgedrungen, und immer noch hat der gesunde Grundsatz die Oberhand behalten, die Armenpflege im Ganzen so einzurichten, daß sie den Armen nicht in eine bessere Lage versetze, als in welcher sich die Klasse der freien Arbeiter durchschnittlich befindet. Rücksichtlich des Obdachs sind die Versorgten der Armenhäuser bereits meist besser daran als die freien Arbeiter, was wohl auch aus der von uns versuchten Schilderung des leipziger Armenhauses hervorgeht. Bleibt hiernach die Frage des Zustandes im Allgemeinen: Welches ist die Lage des Hospitaliten nach dem Schematismus des Armenhauses, und der angenommenen Hausordnung?

Die bei Gewährung nur freien Obdachs und freier Feuerung bisher den Hospitaliten stillschweigend zugestandene Erlaubniß, durch Bettel für ihre übrigen Bedürfnisse zu sorgen, fällt dahin, und gewährt die Anstalt, wie sich das bei geordneter Armenpflege auch gehört, neben dem Obdach zugleich die Beköstigung. Die großartigen Einrichtungen hierzu haben wir im Souterrain geschildert. Es wird den Versorgten des Armenhauses eine einfache gute Kost verabreicht, Sonntags mit Fleisch; so weit es nothwendig wird, werden sie mit Kleidung und Wäsche versehen, eine hölzerne Bettstelle, Strohmatratze u. s. w. bekommt ebenfalls jede Person, kurz die Anstalt sorgt in jeder Beziehung für Leibes Nothdurft und Nahrung der ihrigen. Um dem verderblichen Müßiggange vorzubeugen, werden dagegen die Hospitaliten zum Arbeiten angehalten, so die Einen zu leichten Dienstleistungen bei den im Hause vorkommenden Arbeiten, die Mehrzahl aber in den großen Sälen zu gemeinschaftlichen Beschäftigungen, wie sie bejahrten Personen noch recht wohl zugemuthet werden können, als Federschließen, Papierdütenmachen und dergleichen, wodurch zugleich der Anstalt eine kleine Einnahme erzielt wird.

Ohne besondere Erlaubniß kann kein Hospitalit das Haus verlassen, und zum gewöhnlichen Ausgang ist nur ein Tag in der Woche bestimmt. Letztere Bestimmung scheint etwas hart, dürfte aber durch die Neigungen der im alten Armenhause Versorgten zum Bettel hinlänglich gerechtfertigt erscheinen, zumal da auch die erstere Bestimmung stets wieder für ordentliche Personen Ausnahme zuläßt. Fälle der Trunkenheit und sonstigen übeln Betragens werden mit Vereinzelung bestraft, wozu im Souterrain drei übrigens recht passable Zimmer eingerichtet sind.

Bedenkt man, daß der ziemlich umfängliche Bau, mitsammt der innern Einrichtung, doch nur die Summe von 61,000 Thlrn. in Anspruch genommen hat, so muß man gestehen, daß hier mit verhältnißmäßig wenig Mitteln viel geleistet wurde, und daß die Männer, welche mit der Leitung dieses Musterbaues, der sicherlich mancher andern Stadt zum Vorbild dienen wird, betraut waren, mit seltener Umsicht verfuhren. Das Haus ist nach einem Entwurfe des Architekten Zocher aufgeführt; die Geldmittel hat die Armenanstalt beschafft, welche dabei ihre Zuflucht zu einem schnell aufgebrachten, unverzinslichen Darlehen von 25,000 Thalern in Aktien zu 100 Thalern nahm. Die mit Ueberwachung des Baues Beauftragten waren der Stadtrath Dr. Vollsack und der Seilermeister Bösenberg, welch letzterer, zumal in seiner Stellung als Vorsteher des Armenhauses die anerkennenswertheste Thätigkeit beim Bau und der Einrichtung entwickelte.

Für die menschliche Gesellschaft wäre es erfreulicher, wenn keine Armenhäuser gebaut werden müßten, und es liegt eben nicht ein Trost für die Zukunft darin, daß die Wohlthätigkeitsanstalten und das Unterstützungswesen zu immer größern Proportionen greifen müssen. Weil es aber unter den gewordenen Verhältnissen so sein muß, so beschränken wir uns auf den Wunsch, daß das neue [459] Armenhaus Leipzig, von dem wir uns übrigens einer geeigneten Wirksamkeit versichert halten, auf lange hinaus für ein so bedenkliches Bedürfniß genügen mag; und jedenfalls heißt es aber auch immer noch für das Interesse der Gesellschaft besser sorgen, wenn man ihre Schäden auf diese Weise zu heilen sucht, als wenn die öffentlichen Gelder zur Pflege von Anstalten ausgegeben werden, aus denen häufig nur die Contingente für die Armenhäuser hervorgehen.




Die Pflege der Augen.


Das Auge ist das wichtigste aller Sinneswerkzeuge und die Hauptpforte, durch welche der Verstand in unser Gehirn einzieht. Weit unglücklicher und verlassener als der Taube ist der Blinde; wie oft ist aber nicht Blindheit die Folge eigenen Verschuldens? Täglich wächst die Zahl derer, welchen Gesichtsschwäche ebensowohl die Erfüllung ihrer Berufspflichten erschwert, als auch den Lebensgenuß vermindert. Dies brauchte aber nicht zu sein, da nur Unkenntniß dessen, was zur Erhaltung des Gesichtssinnes nöthig ist, als die häufige Quelle der Augenleiden angesehen werden muß. Man trachte deshalb nach Kenntniß von der richtigen Behandlung der Sehorgane, um die Fehler zu vermeiden, die man gewöhnlich gegen die Augen begeht, und zu lernen, wie man sich bei wirklichen Mängeln des Gesichts zu benehmen hat. Zur Erlangung dieser Kenntniß empfehlen wir nun vorzugsweise die billige und leicht verständliche Schrift vom Professor Arlt in Prag (die Pflege der Augen im gesunden und kranken Zustande, nebst einem Anhange über Augengläser), welcher wir auch im vorliegenden Aufsatze folgen.

Von den sogenannten Blindgebornen sind die wenigsten wirklich blind geboren, die meisten wurden erst nach der Geburt blind. Leichtsinn und Unkenntniß dessen, was den Augen der Neugebornen schaden kann, tragen in der Regel die Schuld der Blindheit. Vorzüglich ist es die Augenentzündung der Neugebornen, welche Blindheit nach sich zieht, eine Krankheit, die sehr häufig durch Fehler in der Pflege der Neugebornen hervorgerufen und zu jenem Grade von Heftigkeit gesteigert wird, welcher die Sehkraft entweder ganz vernichtet oder doch mehr oder weniger schwächt. Diese Fehler beziehen sich im Allgemeinen auf Beleuchtung, Reinlichkeit und Wärme der Luft. Es tritt diese Entzündung gewöhnlich den dritten oder vierten Tag nach der Geburt, selten später, erst nach acht bis vierzehn Tagen ein. Sie beginnt mit Anschwellung und Röthe der Augenlidränder und mit der Absonderung einer gelblichen, dicklichen, eiterigen Flüssigkeit, welche anfangs sparsamer ist und indem sie vertrocknet, Verkleben der Augenwimpern und Augenlider bewirkt, später aber reichlich zwischen den Augenlidern hervorquillt. Sobald die Absonderung dieser Flüssigkeit und die Anschwellung der Augenlider eintritt, rufe man sofort einen Arzt oder, wäre dieser nicht sehr bald zu erlangen, so sorge man zuvörderst für mäßige Verdunklung des Zimmers (durch Vorhängen eines blauen oder grünen Tuches vor das Fenster), sowie für reine, warme Luft im Zimmer. Von der äußersten Wichtigkeit ist jedoch das Reinigen der Augen von jener eiterigen Flüssigkeit. Dieses muß so oft geschehen, als sich nur immer Flocken derselben im Auge zeigen, alle 10 bis 15 Minuten. Es geschehe aber auf folgende Weise: der Zeigefinger der linken Hand wird auf die Wange des Kindes gelegt und damit das untere Augenlid vorsichtig abwärts gezogen, ohne aber das Auge zu drücken oder das Lid sehr zu zerren; sodann werden wenige Tropfen warmen Wassers aus einem zwischen den Fingern der rechten Hand gehaltenen Leinwandläppchen in’s Auge (zwischen die Lider) geträufelt und hierauf das Auge mit einem andern weichen und reinen Leinwandläppchen abgetrocknet. Dieses Abtrocknen darf aber nicht streichend, sondern nur sanft tupfend geschehen. Sind die Augenlider schon stark geschwollen oder ist das Kind sehr empfindlich gegen das Licht, so gelingt das Oeffnen des Auges nur dann, wenn eine zweite Person den Zeigefinger der einen Hand auf die Augenbrauengegend anlegt und das obere Augenlid sanft aufwärts zieht. Um unvermutheten Bewegungen des Kopfes vorzubeugen, sichere man denselben durch Anlegen der ganzen Hand in seiner Lage. Sehr vorsichtig ist mit dem aus dem kranken Auge ausgeflossenen, eiterigen Schleime umzugehen, da derselbe, in ein gesundes Auge gebracht, hier eine ähnliche gefährliche Entzündung zu veranlassen im Stande ist. Deshalb komme man damit ja nicht an das eigene Auge und benutze auch für jedes einzelne Auge des Kindes besondere und stets frische reine Leinwandläppchen. Eine Hauptaufgabe bei Behandlung dieser Augenentzündung ist Verhütung der Ansammlung jenes zerstörenden Eiters zwischen den Augenlidern.

Der Neugeborne, dessen flach liegendes und durch kurze, zarte Wimpern und Lider weniger geschütztes Auge ja noch nicht an das Licht gewöhnt ist, darf deshalb auch nur ganz allmälig einem stärkeren Lichte ausgesetzt werden und alles grelle Licht, so wie der plötzliche Uebergang aus dem Finstern in’s Helle ist streng zu vermeiden. Es ist eine gefährliche Neugierde, wenn Aeltern den Neugebornen an das Sonnen- oder Kerzenlicht tragen, um die Farbe seiner Augen recht bald kennen zu lernen. Schwarzer Staar, also Blindheit in Folge der Lähmung des Sehnerven, ist nicht selten aus einer solchen Blendung des Kindesauges hervorgegangen. Man mäßige sonach das Licht in der Umgebung des Neugebornen, schütze denselben gegen grelles Licht (ohne denselben aber ganz dunkel zu halten) und vermeide besonders schnellen Wechsel zwischen Licht und Dunkel. Wird das Kind in der Nacht geboren, so stelle man das Kerzenlicht so, daß dessen Strahlen nicht direkt in das Auge des Kindes fallen. – Reinigung der Augen gehört ebenfalls zu den Erfordernissen, welche zum Schutze der Sehorgane dienen. Diese Reinigung darf aber nicht mit dem Schwamme geschehen, womit der Körper des Kindes gereinigt wird, sondern mit eigens für die Augen bestimmten und in lauwarmes Fluß- oder Regenwasser eingetauchten, weichen Leinwandläppchen. – Wichtig für die Augen ist ferner auch die Beschaffenheit der Luft, in welcher sich das Kind befindet. Sie muß rein (ohne Rauch, Staub und Dünste) und mäßig warm sein. Zugluft und Erkältung (durch feuchte, kühle Wäsche), besonders schneller Temperaturwechsel, bringen oft Gefahr, und ziehen nicht selten die Augenentzündung Neugeborner nach sich. Besonders aufmerksam sei man bei der Taufe des Kindes, daß nicht Erkältung und Blendung der Augen desselben zu Stande komme.

Beim Säuglinge wird den Augen sehr oft dadurch geschadet, daß das Kind liegend so ausgetragen wird, daß ihm die Sonne senkrecht in’s Gesicht scheint. Uebrigens vermeidet man in diesem Alter viel zu wenig das grelle Licht und den plötzlichen Wechsel zwischen Hell und Dunkel. – Da die Augen der Säuglinge gern leuchtenden, glänzenden oder lebhaft gefärbten Gegenständen folgen, so dürfen dergleichen nicht wiederholt und lange in einer solchen Stellung bleiben, daß das Kind dieselben nur mit Mühe und mit einem Auge verfolgen kann, weil sonst Schielen entsteht. Es müssen ferner Säuglinge nicht zu kleine Spielsachen und diese nicht zu nahe an die Augen gehalten bekommen, da sich hierdurch sehr leicht Kurzsichtigkeit und Schielen entwickelt. – Daß die Einwirkung von unreiner, kalter und Zugluft auf die Augen, zumal wenn sich dieselben kurz vorher in reiner, warmer Luft befanden, von Nachtheil sein muß, versteht sich wohl von selbst. Schon im Säuglingsalter ist übrigens das Auge durch zweckmäßige Uebungen für die Zukunft zu kräftigen und zu erziehen; doch darüber später bei der Erziehung des Säuglings.

Im eigentlichen Kindesalter muß das Auge durch eine Mütze mit großem Schirme oder einen Hut mit breitem Rande gegen das Sonnenlicht geschützt werden; es darf hell beleuchtete und glänzende Gegenstände nicht zu lange besichtigen und im Schlafe oder beim Erwachen nicht von Lichtstrahlen unmittelbar getroffen werden. Wirkt zu starkes Licht, besonders nach vorausgegangener Dunkelheit, auf die Augen der Kinder, so kann bleibende Schwäche des Gesichts, von der man lange keine Ahnung hat, die traurige Folge sein, wo nicht gänzliche Blindheit. – Da es in diesem Lebensalter nicht selten zu Augenentzündungen kommt, so möge man sich merken, daß dabei die Augen durchaus nicht verbunden werden dürfen, sondern nur mit einem Schirm zu beschatten sind. Zu diesem Zwecke nehme man ein Stück stärkeres Papier, gleichviel [460] ob weiß, blau, grün oder schwarz, so groß, daß es einfach zusammengeschlagen, etwas breiter und länger ist, als die Stirn des Kindes und befestige es mittelst eines Bandes, dam am obern Rande zwischen beiden Blättern durchläuft, so um den Kopf, daß es etwa 1/2 bis 1 Zoll über den Augenbrauen hervorragt. – Das Züchtigen der Kinder durch Schläge auf den Kopf hat schon manchmal unheilbare Blindheit zur Folge gehabt.

Die meisten Rücksichten sind auf die Augen der Kinder während der Schulzeit zu nehmen, weil sie jetzt zuerst zum genauern und anhaltenden Sehen verwendet und sehr leicht für den künftigen Gebrauch ruinirt werden. Gar oft wird das Auge schon in den Jahren des ersten Schulbesuches stumpfer, schwächer, noch häufiger aber kurzsichtig. Arlt sagt: „man sehe daher sowohl zu Hause, als in der Schule darauf, daß die Kinder beim Lesen und besonders beim Schreibenlernen den Kopf nicht zu sehr vorwärts neigen. Bei 10 bis 15 Zoll Entfernung kann jedes bis zu dieser Zeit noch gesunde Auge bequem lesen und schreiben. Bemerkt man, daß ein Kind nur bei geringerer Entfernung die Buchstaben gehörig zu unterscheiden vermag, so lasse man die Augen ärztlich untersuchen und behandeln. Leider finden sich nur in wenigen Schulen die Bänke der Größe der Kinder angemessen; in den meisten ist auf die verschiedene Größe der Kinder keine Rücksicht genommen. Die für die kleineren Kinder bestimmten sollten niedriger sein, alle aber im gehörigen Verhältnisse des Sitzes zum Pulte stehen, damit die darauf Sitzenden nicht genöthigt wären, den Kopf dem Pulte zu nahe zu halten oder aber den Körper unnatürlich zu krümmen, um die Augen in die gehörige Sehweite (10 bis 15 Zoll) zu bringen. – Beim Schreibenlernen lege man den Kindern nicht nur eine hinreichend große Vorschrift vor, sondern lasse diese auch nur in gleicher Größe nachbilden. Nie dulde man bei Kindern das Geizen mit dem Raume des Papiers, das Zusammendrängen der Buchstaben und Zeilen. – Nie dürfen Kinder bei unzureichendem Lichte lesen, schreiben oder gar zeichnen.“ Nichts verdirbt die Augen so leicht, als Fehlen gegen diese Vorschrift, und gegen keine wird häufiger gefehlt, als gerade gegen diese. So sind z. B. sehr viele Unterrichtszimmer so schlecht mit der nöthigen Menge Lichts versorgt, daß fast Dämmerung darin herrscht; wie häufig werden ferner nicht Schreib-, Lese- und Zeichnenstunden zur Dämmerungszeit und bei trüber Beleuchtung gehalten. – Das Wichtigste aber ist, daß man die Kinder nicht mit solchen Arbeiten überhäuft, welche die Augen beständig in Anspruch nehmen. Es ist gewissenlos, Kinder Stunden lang hinter einander lesen, schreiben und zeichnen zu lassen. Am Aergsten wird es hier mit den Mädchen getrieben, welche nach der Schule auch noch die, die Augen stark angreifenden weiblichen Arbeiten vornehmen. Zu den bei der heutigen Kindererziehung am Häufigsten nachtheiligen Schädlichkeiten gehört sodann vorzugsweise das viele Clavierspielen, zumal bei kleinen gestochenen Noten und Abends beim künstlichen Lichte. – Stets sei man auf die gehörige Ruhe der Augen nach Anstrengungen derselben bedacht. Uebrigens sind auch noch ähnliche Rücksichten gegen die Augen des Schulkindes zu nehmen, welche Erwachsene gegen ihre Augen zu nehmen haben.

(Fortsetzung folgt.)
B. 




Japanesische Spiegelbilder.

In den letzten Jahren war ziemlich oft von einer amerikanischen Expedition nach Japan die Rede. Sie hat nun stattgefunden und während wir hier über Japan schreiben oder lesen, wird wahrscheinlich die kleine amerikanische Expeditionsflotte wieder in einen Hafen des japanesischen Reichs gesegelt sein und sich Antwort auf ihre Anfrage vom vorigen Herbste geholt haben, ob die Herren Japanesen gutwillig ihre Erde – die Gemeingut ist, dem Handel und Verkehre der civilisirten Welt öffnen wollen. Civilisation und Handel wollen jetzt ihre enormen Lebensadern durch die ganze Erde ziehen; deshalb kann und darf sich Japan nicht länger verschließen. Ohne Stationen und Kohlen-Depots in Japan kann die neue Welt, welche sich von den westlichen Gestaden Amerika’s über das stille Meer, durch Australien und unzählige Inseln nach Asien hinüberzieht, um über Asien nach Europa zurückzukehren, nicht gedeihen. Diese neue Welt ist aber so kräftig, daß sich die seit einer Ewigkeit verbarrikadirten Japanesen nicht mehr dagegen halten können, was sie zunächst den Amerikanern auch antworten mögen. Unter allen Umständen werden wir bald mehr von ihnen hören. Es ist deshalb gut, wenn man sich darauf vorbereitet und zusammenstellt, was man etwa bisher von ihnen weiß. Eine nähere Veranlassung zu diesen Spiegelbildern ist die japanesische Ausstellung in London (in der Ausstellung der Wasserfarbenmaler-Gesellschaft 5 Pall Mall), die erste in Europa, die aus direct importirten Waaren besteht.

Japan oder die japanesische Gruppe von Inseln nimmt eine sehr lang gestreckte Lage auf der östlichen Seite Asiens ein und erinnert dadurch ganz genau an England in seinem Verhältnisse zu Europa. Es dehnt sich vom 31sten bis zum 42sten Grade nördlicher Breite und vom 157sten bis zum 175sten östlicher Länge aus, liegt also im gemäßigten Klima. Es besteht aus drei großen Hauptinseln, außer vielen kleinen, den Gestaden Asiens gegenüber, welche die Schifffahrt gefährlich und das Nahen Fremder schwer machen. Außerdem ist das Meer dort ziemlich stürmisch. Lauter Umstände, welche die Japanesen in ihrer bis zum Ideal ausgebildeten Schutzzollpolitik begünstigten. Von Außen sieht das Land größtentheils sehr kraftlos aus. Steile Klippen erheben sich plötzlich, lange Gebirgszüge blicken kahl und öde herüber. Das Innere wird freilich als ein ewig-blühender, saftiger und Früchte tragender Garten geschildert. Die Japanesen haben die ödesten Felsen mit fruchtbarer Erde und diese mit der üppigsten Vegetation bedeckt, so daß diese ungeheueren Terrassen von Paradiesen sich zuweilen bis in den Himmel zu erheben scheinen.

Die Existenz der japanesischen Inseln wurde in Europa zu Ende des 13. Jahrhunderts durch den berühmten Marco Polo aus Venedig näher bekannt. Er verließ Italien 1275, drang durch Westasien und die ungeheuern mongolischen Steppen bis China vor, wo er durch Kühnheit, Schlauheit und Wissenschaft einer der ersten Rathgeber des mongolischen Kaisers Kublai ward. Auf seinen Rath machte Kublai einen Versuch, Japan (oder Zypangu) zu erobern, durch Sturm und Tapferkeit der Japanesen vereitelte der Plan. Nun hörte man drei Jahrhunderte lang nichts wieder von Japan, bis die Portugiesen, damals die Pioniere der Civilisation, es auf’s Neue entdeckten. Ferdinand Mendez Pinto wurde 1542 an die Küste von Bungo verschlagen und brachte im nächsten Jahre abenteuerliche Nachrichten von Japan mit. Dies veranlaßte die Jesuiten, welche damals mit dem ersten Eifer arbeiteten, sich die geistige Herrschaft über die ganze Erde zu erwerben, auf das neue Land zu speculiren. Sie schickten Franz Xavier, „den Apostel der Indier,“ 1547 von Goa ab. Er ward von den Japanesen mit viel Auszeichnung empfangen und in seinem Bekehrungseifer sogar unterstützt, so daß er mit wunderbarer Leichtigkeit Schafe in seinen Stall eintrieb und Kirche auf Kirche sich erheben ließ. Doch was er gebaut, stürzte an einem Tage unter der Wuth des betrogenen Volkes. Die japanesischen Jesuiten waren durch ihren Erfolg übermüthig geworden und traten deshalb kühn mit ihren weltlichen Zwecken heraus, welche den protestantischen Holländern, die sich auch mit weltlichen Zwecken eingefunden hatten, um so mehr ein Dorn im Auge waren, als die Jesuiten durch ihre Processionen Handel und Gewerbe störten. Beide christliche Parteien benahmen sich so gegen die „Heiden,“ daß diese weder vor der einen, noch der andern Achtung bekamen. Die Holländer hatten Zutritt bei Hofe und schürten die Flamme stillen Hasses gegen die übermüthigen Jesuiten, die bereits mehr als 1 Million Anhänger zählten. Es bedurfte nur eines Funkens und die Explosion erfolgte mit einer Wuth, die ihres Gleichen in der ganzen blutigen Geschichte von Glaubenskämpfen nicht haben mag. – Die japanische Etikette verlangt die größte Unterwürfigkeit aller Niedrigeren gegen Höhere. So rief ein Bischof, der mit einer pompösen Procession vor einem Großen des Landes vorbeizog, ohne von ihm Notiz zu nehmen, (im Gegentheil verlangte er, daß sich der weltliche Große vor dem Theaterzug in den [461] Staub werfe), den größten Unwillen im Lande hervor. Und als das Staatsoberhaupt von dem Benehmen des stolzen Spaniers (des Bischofs) hörte, rief er aus: „Was, sind meine Lande gefüllt mit Verräthern?“ Diesen aufflackernden Unwillen bliesen die Holländer und ein Engländer Adams zu einer so fürchterlichen Flamme an, daß die ganze Million von den Jesuiten bekehrten Japanesen und alle Spanier und Priester, kurz alle Christen in wenig Tagen bis auf den letzten Mann auf die grausamste Weise umgebracht wurden. – Die Holländer glaubten nun Sieger auf dem Gebiete des Handels mit Japan zu sein, aber sie waren und blieben als „Fremde“ eben so verhaßt und wurden zu dem Privilegium zurückgewiesen, auf einer künstlich von Brettern auf dem Wasser gebauten Insel, genannt Decima, im Hafen von Nangasaki, eine Faktorei zu errichten. Sie steht mit dem festen Lande durch eine schmale Brücke in Verbindung, über welche Japanesen mit Waaren zu ihnen kommen können, ohne daß es ihnen, den Holländern, gestattet ist, japanesischen Boden zu betreten.

Eine englische Expedition unter Karl II. nach Japan wurde hauptsächlich durch englische Unterthanen – die ostindische Compagnie, welche sich des Handels allein bemächtigen wollte – vereitelt. Von nun an blieb Japan wieder ein versiegeltes Buch bis auf unsere Zeit, denn auch neue englische Versuche (1811 – 1813) mit dem Lande anzuknüpfen, blieben erfolglos, so kühn man sich auf dem Wege dahin der Inseln Java, Sumatra, der Molukken und vieler holländischer Besitzungen bemächtigt hatte. Die Holländer behaupten bis heute ihren privilegirten Handel auf ihrer Bretterinsel mit 40 Millionen Menschen, welche durch Kunst, Geschicklichkeit, den reichsten Boden und eine allgemeine Volksbildung im Stande wären, mit der ganzen Welt in fruchtbare Verbindung zu treten. Der holländische Handel beschränkt sich auf Ein Schiff, das jährlich von Batavia nach Nangasaki geht, wo 11 Holländer auf ihrem jämmerlichen Decima inzwischen ge- und verkauft haben, um das einzige Schiff mit einigem Vortheil zu laden und zu löschen.

Vielleicht segeln und dampfen in hundert Jahren hier Tausende von Schiffen, wie um das kleinere Japan Europa’s herum, England, dieses holländische Decima ist das Sinnbild der Krämerseelen, die Tausende englischer und amerikanischer Schiffe Symbol des Handelsgeistes. Decima ist eine Art von Fähre, 600 Fuß lang und 240 breit, bedeckt mit Häusern und Vorrathsschuppen. Der enge Weg, welcher es mit Nangasaki verbindet, wird am Ende von einer Wache beaufsichtigt, welche Japanesen beiderlei Geschlechts passiren läßt und Abends auf dem Rückwege controlirt, da Niemand über Nacht bei den Holländern bleiben darf.

Die 11 Holländer – Director, Vorraths-Inspektor, Arzt, fünf Schreiber, ein Buchhalter und zwei Hausknechte – werden den Tag über von japanesischen Dienstboten und Gehülfen unterstützt, sind aber während der zwei Jahrhunderte, seitdem sie in ihrer Gefangenschaft dort leben, (ersetzt durch einen Andern, wenn Einer stirbt) nicht vorwärts gekommen. Diesen ledernen Krämerseelen verdankt Japan seine Begriffe von den civilisirten Nationen der Erde. Wir sind den Amerikanern doppelten Dank schuldig, daß sie endlich andere Gesichter und Gesinnungen gezeigt haben. Sie haben dort bereits ein Kohlen-Depot für ihre erdumgürtenden Dampfer, deren tapferer, gebildeter Unternehmungsgeist den Japanesen bald zeigen wird, daß der materielle und ideelle Umgang aller Völker auch ihren Vortheil zu fördern weiß. Wir wissen schon, daß das Volk dort eben so gebildet, als neu- und wißbegierig ist, obgleich wir unsere Kunde von dem Innern hauptsächlich nur dem russischen Capitain Gollowin verdanken, der 2 Jahre im Lande mit verbundenen Augen umhergeschleppt ward, weil man nicht wagte, ihn den Gesetzen des Landes gemäß zu ermorden. Doch sah er unter der Binde hindurch genug für einen starken, interessanten Octavband. Er schildert das Innere als ein Paradies von Gärten und herrlichen Landschaften, blühenden Städten, seltsamen Statuen und Kunstprodukten, das Volk als gutmüthig und durchweg des Lesens und Schreibens kundig in einer wohlklingenden Sprache, die viel Literatur und Poesie aufzuweisen haben soll. Die Soldaten, welche ihn bewachten, lasen, declamirten und unterhielten sich literarisch, statt mit Schnaps, Tabak, Kartenspiel und schnöden Witzen. Die Leute sind sehr fleißig, heiter und vergnügungssüchtig, und für die geschlechtlichen Laster fand er die größten Paläste, oft von Tausenden des schwachen Geschlechts bewohnt. Die politischen und socialen Einrichtungen beruhen auf amtlicher Bureaukratie und geistiger Hierarchie. Der Kaiser hat neben sich einen Papst und außerdem eine Art von Parlament der Reichen und Großen im Lande, so daß er nicht unumschränkt herrschen kann. Doch soll die Hierarchie sehr menschlich sein und alle Arten von Glauben, selbst den Atheismus unbehindert gedeihen lassen. Aus alle dem läßt sich auf einen hohen Grad von Cultur schließen, noch mehr aus ihrer Industrie. Die in London ausgestellten Porcellan- und Broncewaaren zeugen von Geschmack und Geschick. Die japanesischen Bronce-Arbeiten sind seit Jahrhunderten berühmt gewesen. Die Kunst des Lackirens in Europa soll direkt von Japan stammen, weshalb auch die Engländer „lackiren“ mit „japan“ bezeichnen.

Um noch ein Wort über den Produkten- und Mineralreichthum Japans zu sagen, so ist es längst bekannt, daß die Hauptinsel Nipan sehr reich an Goldminen ist, die freilich von der Regierung geschlossen worden sind, weil die Weisen von Yeddo, (der Residenz des Kaisers) dachten, das vorhandene Gold werde dadurch den Werth verlieren. Ganz richtig. Wenn die alte Jacke Werth behalten soll, darf man sich keine neue kaufen. – Auch Silber und Kupfer sind im Ueberfluß da. Letzteres ist berühmt wegen seiner Feinheit und Schönheit für delicate industrielle Zwecke. An den Gestaden findet man rothe Perlen. Reis und Seide sollen besser sein, als irgendwo in Asien. Auch der Thee übertrifft den chinesischen, wenigstens der wahrhafte Kaiserthee, der auf einem Berge bei Meaco ausschließlich für den Tisch des Kaisers gesammelt wird. Die Theebäume sollen in einer herrlichen Allee den Berg hinauf- und herabführen und streng bewacht werden, damit sich kein Unprivilegirter einige Blätter abstreife. Wahrscheinlich ist der Thee so vorzüglich, weil ihn blos der Kaiser trinken darf, auch weil die Bäume mit der größten Sorgfalt gepflegt werden und kein Hälmchen in ihrer Nähe wachsen darf. Jedes Frühjahr kommen behandschuhte, geschworene Beamte mit verbundenen Mäulern und Nasen (damit nicht einmal gemeiner Athem die Blätter treffe), um auf ein Jahr für die kaiserliche Küche zu sammeln. Vor einigen Jahren wurde japanesischer Thee von der ostindischen Compagnie nach London gebracht und für 3 Guineen das Pfund (über 21 Thaler) verkauft, vielleicht nimmt der Herr Kaiser mit der Zeit Vernunft und leipziger Lerchen, potsdamer Zwieback, berliner Pfannkuchen u. s. w. an und giebt uns dafür einige Priesen von seinem Thee, auf den es uns aber weniger ankömmt, als auf die Kohlen seines Landes, die im asiatischen England in eben solcher Menge gefunden werden, wie im europäischen. Wenn der Kanal durch und die Eisenbahn über Panama fertig sind, kommt uns Japan und der ganze Osten Asiens viel über 1000 geographische Meilen näher und dann brauchen die Völker, welche für die ganze Welt arbeiten, brauchen England, Amerika und Deutschland auch japanesische Kohlen, welche die Majestät der Natur vor Millionen von Jahren machte, und nicht die Majestät von Japan. Bis jetzt verstehen die Großen des Landes blos holländisch – in der That die allermißtönigste Sprache aller civilisirten Völker – bald werden sie mit den kurzen Sätzen der amerikanischen bekannt werden und darin nicht nur die Interessen der Menschheit, sondern auch ihre eigenen mitten in derselben und durch sie ausdrücken und verstehen lernen. Mögen dann ihre Damen fortfahren, bei der Hochzeit ihre Zähne schwarz zu färben, sie werden nicht zögern, sie in Verbindung mit Europäern und Amerikanern nicht nur weiß zu lassen, sondern auch hübsch zu putzen und den Männern was weiß zu machen, wie dies das schöne Geschlecht unter allen Himmelsstrichen gelegentlich verstehen soll.

[462]
Des Agha’s Erzählung.
Aus dem türkischen Lager. Von Hans Wachenhusen.

Wir saßen zu Anfang Juni d. J. im türkischen Vorposten-Lager, hart am Ufer der unteren Donau. Es war Abend, der Mond war schon seit einer Stunde aufgegangen und spielte mit seinem blassen Schein über die Flammen des Wachfeuers. Mahmud, der On-Baschi, (Korporal) hatte bei Anbruch der Dunkelheit seine von ihm selbst fabrizirte türkische Zither zur Hand genommen und mit dem kleinen Spänchen darauf klimpernd, uns ein begeistertes Lied gesungen, von dem ich nichts verstanden und dessen näselnde Gesangsweise die gewöhnliche Wirkung aller türkischen Melodien auf mich gemacht hatte: ich war in einen Halbschlummer gesunken. Jetzt, als der Gesang schwieg, weckten mich die melancholischen, lang gedehnten Klänge der Hörner eines entfernten Zapfenstreichs im Hauptlager, ich hörte nach demselben das tausendstimmige „Allah!“ der verschiedenen Tabors, welchen der Zapfenstreich galt, richtete mich auf, schüttelte mich ein wenig, denn der Boden, auf welchem ich hingestreckt gelegen, war noch feucht von dem Gewitterschauer, der uns Nachmittags getroffen, und that das erste, was man im Orient unmittelbar nach dem Erwachen thut – ich griff nach meinem Tschibuk, der während meines „Dämmerns“ der Hand entschlüpft war.

„Bujurun, Effendim!“ hörte ich die Stimme des allzeit gegen mich, den Gast im Lager, dienstfertigen On-Baschi. Mit der Kaffeeschale in der einen und die Zange mit einer glühenden Kohle in der andern Hand stand er vor mir, denn während ich schlief, hatte er nicht nur meinen Tschibuk wieder gestopft, sondern auch den unerläßlichen Kaffee bereitet.

„Ich danke Dir,“ antwortete ich dem On-Baschi. „Wo ist denn Wefadar Agha, der Jäs-Baschi?“

„Dort liegt er neben Dir,“ antwortete Mahmud. „Masch Allah, wenn Ihr so weiter schlaft, werden die Moskow drüben leichtes Spiel haben, unsere Vorposten niederzumachen wie eine Ratte im Sack.“

Inzwischen regte sich auch Wefadar Agha, der Commandirende unsers kleinen, aus Baschi-Bosuks bestehenden Vorpostens, der sich seit drei Tagen hinter eine Schanze gelegt, die im vorigen Herbste schon durch einen Uebergang der Russen genommen, von ihnen zerstört worden war, da sie sich wieder auf das jenseitige Ufer zurückzogen, jetzt aber immerhin noch ausreichte, um hinter dem halb verwüsteten Erdwerk zu campiren. Wefadar Agha war ein Türke vom reinsten Wasser; er liebte und verehrte seinen Padischah wie einen sichtbaren Gott, las so viel im Koran, daß man ihn allenfalls für einen Hodscha hätte halten können, und besaß in den Augen der Stocktürken nur zwei Fehler: er trank gern sein Glas Rakih (Schnaps), aber nie bei Tage – Gott bewahre – immer nur Abends, eine Stunde nach Sonnenuntergang; ferner hatte er eine außerordentliche Vorliebe für jeden Franken, der, wie er sich ausdrückte, zwar ein Giaur, ein Ungläubiger, aber im Uebrigen doch ein „sehr guter Kerl,“ sei. – Gott vergelte ihm diese gute Meinung; wer sie ihm beigebracht, habe ich nie erfahren, mir aber kam sie bei ihm sehr zu Statten. Trotz dieser einen erleuchteten Richtung steckte Wefadar Agha wie die meisten Türken bis an den Hals im Aberglauben, er war ein Kind an Leichtgläubigkeit, und daß ich ihm die ehrliche Haut nicht mehr voll gelogen, als es zu unserer Unterhaltung durchaus nothwendig war, das verdankt er dem Umstande, daß ich ihn seiner vielen guten Eigenschaften, namentlich seiner Treuherzigkeit wegen aufrichtig schätzen gelernt. Der Glaube dieser ehrlichen Türken ist überhaupt so stark, daß er Berge versetzen kann, ja mitunter hören sie den Erzählungen der Franken mit so possierlich liebenswürdiger Durchdrungenheit zu, daß man es sich schlechterdings nicht versagen kann, ihnen einen kleinen Bären aufzubinden.

Der Leser wird Letzteres unredlich finden, man wird sagen, diese Aufschneidereien seien hauptsächlich daran Schuld, daß die Europäer bei dem Orientalen in so schlechten Credit gerathen, aber, du lieber Gott, wie kann man anders! Wir sind nicht so erfahren in dem süßen „Kàff machen“ des Türken, einem Vergnügen, gegen welches das dolce far niente des Italieners noch ein sehr unvollkommener Seelenzustand ist; der Türke giebt nichts aus in der Unterhaltung, deren wir doch bedürfen, wenn wir’s ihm nicht gleich machen können in der Kunst, sich in süßer, bewußtloser Schwärmerei über Zeit und Welt hinweg zu setzen. Wir müssen also die Unterhaltenden sein, um aber die Aufmerksamkeit, das Interesse der Türken rege zu erhalten, müssen wir immer ganz absonderliche Geschichten erzählen – und diese sind bekanntlich nicht immer die wahren.

Wefadar Agha hatte heute Nachmittag von dem Miralai (Obersten) den Befehl erhalten, eine Recognoscirung Donau abwärts zu machen, da ein bulgarischer Bauer die Meldung gebracht, es ließen sich Kosaken bei der Insel Kama-Ada sehen. Als Wefadar Agha diese Ordre erhielt, nahm er etwa zwanzig seiner besten Reiter, ließ sie aufsitzen und schlug mir vor, ihn zu begleiten. Mahmud On-Baschi, der natürlich mit dabei war, hatte mir in weniger als drei Minuten mein Pferd von der Wiese geholt und gesattelt, und ich schloß mich also dem Zuge an. Nach anderthalb Stunden erreichten wir das Kama-Ada gegenüber liegende Ufer. Der On-Baschi war unter dem Schutze der vorspringenden niedern Felsen eine Strecke voran geritten, kam plötzlich spornstreichs unter allerlei dem Jäs-Baschi gegebenen Zeichen zurück und rapportirte Wefadar Agha etwas, das ich nicht hören konnte. Auf das leise Kommando des letztern sprengte der Trupp um den Ufervorsprung, während des Rittes knackten tactmäßig die Hähne der langen Pistolen und ehe ich mich dessen versah, schwammen die zwanzig Pferde mit ihren Reitern in der Donau, auf Kama Ada zu.

Ich stutzte. Auch mein Pferd hielt unwillkürlich an; es schien einen zu guten Begriff von meiner Besonnenheit zu haben, als daß es hätte glauben können, ich werde mich auf dergleichen halsbrechende Dinge einlassen, die doch offenbar über das Gebiet des kriegerischen Dilettantismus hinausstreiften. In der That lag dieses Manöver außer meiner Verabredung mit dem Jäs-Baschi; zu Lande würde ich ihm durch dick und dünn gefolgt sein, ja ich wäre allenfalls zu Fuße mit ihm auch in’s Wasser gesprungen, aber zu Pferde, das war mir neu; jedenfalls hätte ich darauf vorbereitet sein müssen. – Bekanntlich wurde dieses Manöver schon in dem vorigen Kriege von den Türken häufig ausgeführt, die an mehrern Stellen schwadronenweise schwimmend über die Donau gingen und hierdurch die Russen unangenehm überraschten.

„Wohin denn, Wefadar A?“ [1] rief ich ihm nach, als ich ihn, an der Spitze seines Trupps, mit dem krummen Säbel zwischen den Zähnen und dem Pistol in der Hand der Insel zuschwimmen sah. Aber Wefadar A hörte und sah nicht und das Schnauben der Pferde überstimmte mein Rufen. Auf die Gefahr hin, in den Augen der Türken und in ihrer guten Meinung zu verlieren, beschloß ich, vom Ufer aus ruhig mit anzusehen, wie diese Wasserparthie enden werde. Nach Verlauf von kaum fünf Minuten hatte der Agha die Insel erreicht, die, überhaupt nur klein wie die meisten Inseln, mit welchen die untere Donau besäet ist, nach der bulgarischen Seite zu mit Weidengesträuch bedeckt ist. Kaum war der Agha mit der Hälfte seiner Reiter hinter dem letzteren verschwunden, als ich einen Pistolenschuß fallen hörte; diesem folgten im Nu ein Dutzend fernerer Schüsse; die Insel füllte sich über dem Weidengesträuch mit Pulverdampf, so daß es mir vollständig unmöglich gemacht wurde, zu beobachten, was dort vorgehe. Eine Pause von etwa zehn Secunden trat ein; dann fielen abermals, jedoch nicht in so schneller Folge wie vorhin, drei, vier Schüsse – Alles war ruhig; der Pulverdampf theilte sich allmälig über den Weiden, ich sah den Feß des Agha’s und die bunten Turbane seiner Reiter sich hinter dem Gesträuch hin- und herbewegen.

Wenn ich auch nichts von dem ganzen Vorgange gesehen, so wußte ich dennoch, was passirt: der Agha hatte sicherlich auf der kleinen Inselscholle ein halbes Dutzend Kosaken atrappirt, wie sie häufig auf den Inseln der Donau umherschlichen und die Lager der Türken beobachteten; ohne Zweifel hatte der Agha sie abgefangen und ihr Kaik versenkt. – Während ich mir, seine Rückkehr erwartend, eine Papier-Cigarre drehte, hörte ich etwas in’s Wasser plumpen – richtig, Wefadar Agha trat seinen nassen [463] Rückzug an, alle seine Baschi Bosutt hinter drein; – nur eins der Pferde war herrenlos geworden and wurde vom On-Baschi am Zügel geführt, während der Reiter, anscheinend leblos, über den Sattel eines seiner Kameraden gelegt war und von diesem transportirt wurde. Wefadar Agha hatte wiederum eines jener zwecklosen Scharmützel geliefert, deren während dieses Kriegs fast jeder Tag einige brachte, und für die zusammengenommen man füglich eine entscheidende Schlacht hätte liefern können, ohne (es ist dies nicht übertrieben) einen größern Verlust zu haben.

Triefend von Wasser langte Wefadar Agha wieder an; er war sehr zufrieden mit sich und erzählte mir, daß sie acht Moskows drüben abgeschlachtet; auch zeigte er mir einige Trophäen, nämlich sechs Karabiner und einige Säbel, welche man den Kosaken abgenommen.

„Und dafür hast Du einen Deiner Muselmänner geopfert?“ fragte ich, auf den Schwerverwundeten zeigend, den man leblos auf die Erde gelegt hatte. „War er Dir nicht mehr werth als diese schlechten Waffen, diese acht Moskows, die Du drüben abgethan hast? … Wefadar A,“ setzte ich vorwurfsvoller hinzu, während er sich eines Lächelns nicht erwehren konnte, als er mich in meinem Eifer mit der türkischen Sprache in die Brüche kommen sah. „Wefadar A, es ist nicht Recht, daß von Dir und allen Deines Gleichen in solchen nutzlosen Scharmützeln Eure braven Soldaten geopfert werden.“

„Thut nichts!“ antwortete er, „die Gesetze unserer Religion gebieten uns, dem Feinde zu schaden, wo wir können.“

„Das ist möglich,“ versetzte ich, „aber die Gesetze der Religion sind nicht die des Krieges, und die Klugheit hat auch ihre eigenen Gesetze; so lange Ihr diese nicht beachtet, werdet Ihr nie den Krieg führen lernen. Wir Franken folgen im Kriege immer zuerst den Gesetzen der letzteren und dann erst denen der ersteren.“

„Dafür seid Ihr auch Giaurs,“ antwortete Wefadar Agha, ein wenig gereizt dadurch, daß ich ihm die Kriegskunst abgesprochen.

„Pfui!“ rief ich, „Wefadar A, ich hätte nicht geglaubt, daß Du so boshaft sein könntest!“ – Darauf gab ich dem Pferd die Sporen und ritt voraus in’s Lager mit der festen Absicht, dasselbe morgen früh mit Sonnenaufgang zu verlassen und meinen Weg fortzusetzen.

Nichts destoweniger wußte ich, daß Wefadar Agha der gutmüthigste Kerl von der Welt, ich nahm ihm daher seine Aeußerung nicht so krumm, wie es den Anschein hatte und ehe der Abend kam, waren wir wieder versöhnt. Der Agha war einer von den leichtgläubigen Seelen, deren ich oben erwähnt; vor Beginn des Krieges war er als Jäs-Baschi der Redifs in einer der kleinern Balkanstädte stationirt gewesen und hatte dort Muße gehabt, seinen Aberglauben auszubilden; wie es kam, daß er jetzt die Redifs verlassen und einen Haufen Baschi-Bosuks kommandirte, das weiß ich nicht. Seine Lieblingsbeschäftigung bestand im Erzählen von Geschichten und Märchen, die einem Medach (Märchenerzähler) Ehre machten und selten so fabelhaft waren, daß schon sein eigner Köhlerglaube dazu gehörte, um in ihnen auch nur einige Wahrscheinlichkeit zu finden.

„Da ich morgen reisen will, so erzähle mir noch ein Märchen, Wefadar A,“ sagte ich, als wir am Abend um das Wachfeuer lagen.

„Reisen willst Du?“ rief er, mich groß anschauend. „Wenn Du nicht bleiben willst, nun denn, Allah geleite Deine Schritte!“

„Wir sehen uns wohl noch wieder!“

„Das ist Gottes Sache!“ antwortete er. „Zum Abschied will ich Dir heute nicht ein Märchen, sondern eine ganz wahre Geschichte erzählen. Hör also zu!“

Der Agha zog seine Beine unter sich zusammen, blies eine Wolke aus seinem Tschibuk, schaute träumend einige Minuten in die zahllosen Ringel der Tabackswolke, welche vor ihm in dem Mondenlicht spielten, und begann dann also:

„Ateja, die Lieblings-Kadin des Padischah (welches Padischah, das erzählt die Geschichte nicht) fühlte sich Mutter und die Sterndeuter und Hof-Astrologen stritten sich lange und heftig und konnten sich nicht über die Frage einigen, ob es ein Sohn oder eine Tochter werde. Diese Uneinigkeit machte sowohl dem Sultan als der Kadin viel Kummer, denn wie man sich denken kann, hätten Beide es gern gesehen, wenn es ein Sohn wurde. Endlich gab der Himmel selbst den Ausschlag in dieser Angelegenheit.

Ateja hatte nämlich eines Nachts einen seltsamen Traum: es erschien ihr in demselben ein Engel, welcher ihr verkündete, wenn sie zwischen heute und dem nächsten Freitag zwei Fische esse, in deren einem sie eine Gräte finde, die gestaltet sei wie ein Stern, in deren anderm aber eine Gräte sei in Gestalt einer Rose, so werde sie einen Sohn zur Welt bringen.

Ateja erzählte diesen Traum am andern Morgen dem Sultan und dieser gab sogleich Befehl, daß man die Kadin täglich dreimal mit den schönsten Fischen der Welt bewirthen solle. Natürlich wanderten, als dies den Fischern verkündet wurde, die schönsten Fische der Welt in größerer Menge denn jemals in die Küche des Serail, und wie man sich vorstellen kann, aß Ateja dreimal täglich so viel Fische als sie irgend verzehren konnte. Aber wie viel sie auch aß, sie fand in keinem die Rose und den Stern, und die Arme wurde allgemach so traurig, daß sie kaum noch im Stande war, Fische zu essen.

Da, als sie schon alle Hoffnung aufgegeben, fand sie am Donnerstag Abend in zwei wunderschönen, wohlschmeckenden rothen Barben sowohl die Rose als den Stern, ein Ereigniß, welches maßlose Freude im Haremlik verbreitete und sofort dem Sultan gemeldet wurde, der ebenfalls hoch erfreut war, denn daß die Verheißung des Engels in Erfüllung gehen werde, das zu bezweifeln wäre sündhaft gewesen. Auch die Sterndeuter und Hofastrologen freuten sich über die Maßen und meinten, sie hätten es ja immer gesagt, daß es ein Söhnlein werde.

Der Sultan beschloß nun, den Fischer, welcher die beiden rothen Barben geliefert, zu belohnen, wie er noch nie einen Unterthan belohnt habe, und befahl, diesen Fischer vor ihn zu führen; damit sich aber nicht alle Fischer heran drängten, und man den wahren finde, solle nichts verlauten, daß es sich um eine Belohnung handle, vielmehr müsse man die Fischer glauben machen, es solle Einer von ihnen bestraft werden.

Der erste Minister, welcher diesen Befehl auszuführen hatte, war nun in großer Verlegenheit, wie er den Fischer ausfindig machen könne; er wandte sich an die Köche, die denn auch täglich auf dem Fischmarkt umher streiften, aber doch nicht den Fischer wieder erblicken konnten, der ihnen die rothen Barben gebracht.

Endlich, endlich trat eines Morgens ein junger Fischer zu den Köchen, als sie auf dem Bazar dastanden, und fragte sie, ob sie nicht wieder von seinen rothen Barben kaufen wollten, die er auf dem Kopf in einem hölzernen Gefäße trug.

„Der ist’s!“ rief der Oberste der Köche. „Wir haben ihn! Bindet ihn, damit er uns nicht entkömmt!“ – Und von einigen Kavassen, die in der Nähe waren, unterstützt, band man den armen Fischer, der an allen Gliedern zitterte, und nicht anders glaubte, als daß man ihn zum Scharfrichter bringen werde. Im Serai angekommen, nahm man ihm seine Stricke ab und führte ihn vor den Patischah.

„Dieser ist’s, der uns die rothen Barben gebracht!“ sagte der Oberkoch, auf den zitternden Fischer zeigend, der selbst nicht wußte, wie ihm geschah, als ihn der Sultan lächelnd fragte, wie er heiße und woher er sei?

Der Fischer antwortete, er sei ein Grieche, Namens Nicolai, ernähre sich seit zwei Jahren vom Fischfange und wohne auf den Prinzeninseln.

„Mein Sohn“, sagte der Padischah zu ihm, „die Sonne des Glückes ist über Deinem Haupte aufgegangen, denn ich habe gelobt, Dich zu belohnen, wie ich noch nie belohnt habe. Fortab sollst Du nicht mehr auf den Fischmarkt gehen, sondern einer der Größten meines Reiches werden.“

Und der Sultan schenkte ihm drüben auf der anadolischen Seite, hinter dem schwarzen Meer so viel Land, als er in fünfzig Tagen abreiten könne und überhäufte ihn außerdem mit Gold und Edelsteinen.

Nicolai, der arme Fischer, nahm sein Land in Besitz und ließ sich zum Schah eines großen Stammes ausrufen. Und als er reich und mächtig geworden, da ward Nicolai übermüthig, in seinem Hirn nahm der Undank Platz, er empörte sich gegen seinen Herrn und Gebieter, den Padischah, und überzog das Land desselben mit Krieg. Dieser Nicolai ist kein Anderer, als der Schah der Moskow; aber Allah ist groß, und er wird ihn verderben, wie er alle seine Feinde vernichtet.“ –

[464] So weit erzählte Wefadar Agha. – „Masch Allah!“ rief ich, als er zu Ende, „Du hast Recht, Wefadar A, er hat den Undank in seinem Haupte Platz greifen lassen, und der Himmel wird ihn unfehlbar verderben, denn Gott ist gerecht und thut, was er will,“ setzte ich, mich des ewigen Refrains im Koran erinnernd, hinzu.

Die obige Sage habe ich später, wenn auch in anderer Version, mehrmals aus dem Munde des türkischen Volkes gehört. Was nun die Glaubwürdigkeit dieser mir von dem Agha erzählten „wahren Geschichte“ betrifft, so ziemt es weder mir noch Dir, lieber Leser, an derselben zu zweifeln, vielmehr ist es für eine ausgemachte Sache zu halten, daß der Kaiser aller Reußen nichts als ein Vasall des großen Padischah ist.




Blätter und Blüthen.

Das bezauberte Kind. Man hat wohl schon Geschichten von dem Zauber gehört, den gewisse Schlangen auf Thiere ausüben, auch von Schlangenbeschwörern, welche auch andere Thiere durch den bloßen Blick bändigen u. s. w., aber wohl noch nie von der geheimnißvollen Macht, den Schlangen auch auf Menschen ausüben. Um so überraschender ist ein Fall, den der „St. Louis Herald“ vom 12. Juli dieses Jahres mit der Versicherung erzählt, daß sich Alles thatsächlich so verhalte. Ein Mann, Namens O’Mara (ein eingewanderter Irländer) hatte ein zartes, schwächliches Kind von etwa 13 Jahren, welches durch den Tod einer Schlange vorige Woche unter folgenden Umständen starb. O’Mara wohnt an der Copperas-Bucht in der Grafschaft Franklin unweit dem Depot der Eisenbahn, welche zum stillen Oceane führt. Vor etwa neun Monaten fing das Kind an blaß und mager zu werden und abzuzehren, obgleich es bisher frisch und voll gewesen und keine Krankheitssymptome ausfindig zu machen waren. Während des Winters trocknete sie schmerzlos und ohne Klage zu einem bloßen Skelett Zusammen. Mit einbrechendem Froste schien sie wieder aufzuleben. Im Frühjahr fing sie an, regelmäßig jeden Tag zu einer bestimmten Stunde auszugehen und sehr hungrig zurückzukommen, obgleich sie stets Butterbrot mitnahm. Sie war nicht dahin zu bringen, zu Hause Gemüse oder Fleisch zu essen. Ihr regelmäßiges Verschwinden alle Tage zur bestimmten Stunde fiel endlich auf, so daß Nachbarn den sonst ziemlich unbekümmerten Vater vermochten, ihr eines Tages unbemerkt nachzugehen. Sie eilte nach einem entfernten Punkte der Bucht, setzte sich dort nieder und blieb regungslos mit ihrem Butterbrote sitzen, bis ihr Vater mit Schrecken eine große schwarze Schlange herankreiseln und den Kopf auf ihren Schoß legen sah. Das Mädchen fütterte jetzt die Schlange, welche jedesmal fürchterlich zischte, so oft sie selbst ein Stück zu essen versuchte, so daß sie es erschreckt wieder aus dem Munde nahm und ihr gab. Der Vater, von fürchterlichster Angst ergriffen, wagte nicht sich zu bewegen, aus Furcht, die Schlange möchte das Kind und ihn tödten. Aber ein unwillkürlicher tiefer Athemzug, den die Schlange zu hören schien, vertrieb sie. Das Mädchen sprang auf und bat zu Hause um mehr Butterbrot. Sie hatte den Vater nicht bemerkt, der ihr nun auch auf ihrem zweiten Wege unbemerkt, mit einer Flinte bewaffnet, nachging. Als die Schlange nun wieder herankreiselte, schoß er sie durch den Kopf, noch ehe sie dem Kinde nahe gekommen war. Sie wälzte und rollte sich in fürchterlichen Windungen. Das Kind fiel ohnmächtig zusammen und wurde zwar wieder zu sich gebracht, aber nur, um unter den fürchterlichsten Krämpfen und Zuckungen, welche denen der Schlange ganz ähnlich waren, in demselben Augenblicke zu sterben, als die letzten Spuren des Lebens aus dem Körper der Schlange gewichen waren. Es war eine schwarze Schlange von der unschädlichen, d. h. nicht giftigen Art, 7 Fuß 6 Zoll lang. Durch die Aussagen des Vaters hat sich herausgestellt, daß das Mädchen seit undenklichen Zeiten nichts zu Hause gegessen, sondern Alles was sie bekommen, der Schlange gegeben, so daß sie nur von dem, was sie zuweilen übrig ließ, ihr Leben gefristet haben kann.




Kleider-Revolution in Frankreich. Das neue Kaiserreich hat Leute und Kleider so verändert, daß letztere ganz andere Wesen aus ersteren zu machen scheinen. Die charakteristische Einfachheit weiblicher Moden ist ganz verschwunden. Ich sah (erzählt der Engländer Bayle St. John, der das neuste Paris sehr pikant geschildert hat) unlängst eine Dame, die in dem Rufe des feinsten, tonangebenden Geschmacks stand, in einer Soirée erscheinen, bunt aufgedonnert, als wäre sie die Königin irgend eines wilden Inselvolkes. Ihr Kleid war hellroth, ihre Armbänder und Halsketten bestanden aus Korallen, größer als Haselnüsse: über dem Haar nickten ungeheuere Federn, ebenfalls mit Korallen tapeziert. Dazu war sie selbst ziemlich häßlich und von allen Seiten übertrieben lächerlich. Die Damen, welche den Hof besuchen oder nur in großen, vornehmen Gesellschaften erscheinen, sagen, der goldene, silberne, betreßte, gestickte und besetzte Glanz männlicher Uniformen, die das neue Kaiserreich oben übertüncht, nöthige sie zu dieser kunterbunten Ausstaffirung mit schreienden Farben, sonst würden sie ganz verblassen und ersticken den Männern gegenüber. – Unter den Schmucksachen aus dem Blumenreiche spielt die große, alle Farben annehmende, prächtige, geruchlose, eitele, schwammige Georgine die Hauptrolle. In Bezug auf das männliche Kostüm hat das Kaiserreich seine Wirksamkeit besonders in Verlängerung der Leibrocksschweife, Verengerung von Aermeln, Erhöhung von Absätzen an Stiefeln und Schuhen und Feindseligkeit gegen – die Haare auf den Zähnen mit Begünstigung der Schnurrbärte an den Ohren herunter (das geschorne Gesicht mit Schonung des Backenbartes ist die Erfindung des größten Heuchlers und Tyrannen, ich glaube Ludwig’s XI.) geltend zu machen gesucht. Kaiser und Kaiserin selbst befehlen zwar keine Kleider-Ordnung, aber die „höheren“ Franzosen und Französinnen sind so servil, daß sie dem Paare Alles nachmachen, was es in Compiegne, wo es sich am Meisten gehen zu lassen scheint, in dieser Beziehung erfindet. In Compiegne aber trug der Kaiser öfter das Kostüm der Bourbonen vor der ersten Revolution (nur der Puder fehlt noch), durch dessen Glanz und Pracht er sein Hofgesinde zur luxuriösesten Nachahmung anspornt.




Smithson, ein bekannter englischer Chemiker (ein natürlicher Sohn des Herzogs Hugh von Northumberland), fing einstens die Thräne von der Wange einer Dame auf und analysirte sie, wobei er verschiedene Salze in dem Tropfen entdeckte. Welch ein großartiger Stoff für einen poetischen Chemiker! Das Räthsel zu lösen, wie viel Schmerz, wie viel Kummer, Noth und Sorge, wie viel Freude dazu gehört, eine Thräne zu schaffen, zu heben und sie fließen zu machen! Die Frage zu enträthseln, wie sie im tiefsten Dunkel des Herzens entstehen und durch die Pforte des Auges an das Sonnenlicht des Tages treten konnte? Wo ist der Chemiker, der das Wachsen des Schmerzes in dem kleinen Tropfen analysiren kann, den ganzen großen Kampf eines stolzen Herzens, der sich oft in einer einzigen kleinen Thräne concentrirt?




Bücherverbrauch in Deutschland. Wir gaben neulich in einer Notiz einige Details über den amerikanischen Buchhandel und besonders über den Absatz einzelner Autoren. Daß auch in Deutschland jetzt die bessern Schriftsteller in die Massen dringen, beweist der Absatz der Cotta’schen Volksausgabe der Classiker. Bekanntlich erscheint diese im sogenannten Schiller-, also in kleinem Format, die Lieferung circa 10–14 Bogen stark, alle acht Tage ein Bändchen. Vor einigen Tagen kamen zwei Wochen Lieferungen zusammen in Leipzig an, deren Gewicht nicht weniger als Ein Hundert Centner betrug. Wie viele tausend solcher kleinen Lieferungen gehören dazu, um dieses Quantum herzustellen! Und diese Sendung war nur für Norddeutschland bestimmt, während Süddeutschland und Oestreich von der Verlagshandlung auf direktem Wege versorgt wurden. Daß nach diesen beiden Gegenden mindestens noch 100 Centner alle 14 Tage expedirt werden, dürfen wir ohne Uebertreibung annehmen, und wir geben nun allen geschickten Rechnern das Exempel auf, auszurechnen, wie viel Exemplare dieser Volksausgabe im Ganzen wohl unter das Publikum kommen.




Vervollkommnungen der Photographie. Die dem Mr. Talbot in London patentirten farbigen photographischen Portraits werden von dem Franzosen la Roche, ebenfalls in London, bedeutend übertroffen, und im polytechnischen Institut ebendaselbst wurden unlängst zwei wahre Wunder von Photographie gezeigt: ein vollständig klares und bis auf die Poren und deren Haare genaues, lebensgroßes Portrait, neben einem photographischen Abdrucke der ersten Seite der Times auf einem Stückchen Papier von drei Zoll Länge und zwei Zoll Breite. Die Buchstaben waren dabei durchweg so klar, daß man Alles ohne Vergrößerungsglas lesen konnte, obgleich es das allerkleinste und allergefährlichste Augenpulver war.


Zur Beachtung!

Mit dieser Nummer schließt das 3. Quartal, und ersuchen wir die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das 4. Quartal schleunigst aufzugeben.


  1. Der Türke spricht den jedem höheren Militär zukommenden Titel Agha hinter dem Namen nur A aus