Die Gartenlaube (1855)/Heft 25

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1855
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[321]

No. 25. 1855.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle. Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 121/2 Ngr. zu beziehen.


Die Doppelgängerin.
(Schluß)


„Mylord, Sie sind ein Unverschämter!“ fuhr George auf.

„Herr Graf, erinnern Sie sich, daß ich nachsichtig bin, wenn es sich um eine Wechselschuld handelt. Beleidigungen lasse ich durch meine Jockei’s rächen.“

Der Graf erbleichte vor Zorn, einen Augenblick saß er wie erstarrt auf seinem Platze, die Lippen zitterten und die Hände ballten sich krampfhaft zusammen. Dann erhob er sich und versetzte dem Lord eine laut schallende Ohrfeige.

„Auch diese?“ fragte er mit vor Wuth bebender Stimme.

„Auch diese!“ antwortete nach einer Pause der Lord. „eine englische Hetzpeitsche ist geschmeidig genug, um einen brutalen Abenteurer zu züchtigen. Die Damen werden es mir Dank wissen, daß ich sie nicht zu Zeugen einer Dressur mache. Nach dem Lande!“ befahl er dem Steuermann.

Ein peinliches Schweigen herrschte in dem Boote, das seinen Lauf nach dem Strande zurücknahm. Die Marquise verhüllte ihr Gesicht; George stand aufrecht, den Rücken der Gesellschaft zugewendet. Margarethe saß neben ihrem Vater, sie hielt ihre weiße Schürze vor die Augen und schien still zu weinen. Lord Darnley lächelte ruhig vor sich hin, und richtete von Zeit zu Zeit einige Worte an seinen Nachbar. Vater Termöhlen beeilte sich, das Land zu erreichen, das man nach einer Viertelstunde schon betrat, da der Wind günstig war. George reichte der Marquise den Arm. Zögernd nahm sie ihn an. Die Gesellschaft trennte sich nach einer kurzen und kalten Begrüßung. An der Treppe des Landhauses schied George von Henrietten.

„Wann geben Sie mir Aufklärung?“ fragte sie pikirt.

„Sobald ich kann.“

„Warum nicht neute noch?“

„Henriette, fordern Sie wirklich, daß ich mich gegen Sie vertheidige?“

„Das wäre zu viel! Denken Sie zunächst an den Lord, er hat Ihnen mit seinen Jockei’s gedroht. Sorgen Sie dafür, daß ich nicht compromittirt werde.“

„Das heißt?“

„Reisen Sie nicht ab, ohne ein Rendez-vous mit dem Lord gehabt zu haben.“

Sie grüßte und verschwand in dem Hause. George ging nachdenkend seiner Wohnung zu. Er erwartete, daß ihm der Lord eine Herausforderung zum Duelle senden würde, es war ihm lieb, sein Leben den Chancen eines Zweikampfs auszusetzen. „Das also war die Liebe der Marquise!“ dachte er. „Aus Eitelkeit will sie mir angehören, und nicht aus Neigung. Ihr Stolz ist gekränkt durch diesen Auftritt – Dermont, ich kann das Opfer nicht bringen, es ist zu groß!“

Denselben Abend noch schrieb er einen langen Brief an den Freund in Brüssel, worin er ihm ein anderes Arrangement der Schuldangelegenheit vorschlug, als das ursprünglich projektirte durch die Heirath mit der Marquise. Den folgenden Tag verbrachte er in seinem Zimmer, aber es kam kein Bote von dem Lord. Und was hatte er im Grunde genommen dabei verloren? Der Engländer hatte auf der Stelle seinen Lohn für die Verhöhnung empfangen – wollte er die Schmach der empfangenen Ohrfeige ungerächt lassen, so blieb dies seinem eigenen Urtheile unterstellt. Die Aehnlichkeit Margarethen’s mit Amely, die er so großmüthig dem Freunde abgetreten, lag ihm jetzt mehr am Herzen, als der im Boote stattgehabte Auftritt und seine Folgen. Gegen Abend besuchte er zum ersten Male den Garten hinter dem Hause. Seine Hoffnung, Margarethen zu sehen, sollte in Erfüllung gehen, denn er traf sie auf einer von Hollunder überhangenen Bank. Wie gestern, trug sie auch heute die reiche holländische Kleidung. Sie war beschäftigt, die Namen von Blumen auf kleine Täfelchen zu schreiben.

Als George herantrat und sie grüßte, fuhr sie erschreckt zusammen. Aber auch der junge Mann erzitterte, als er in das wunderliebliche Gesicht sah, das Zug für Zug Amely anzugehören schien. Es fehlten nur die schwarzen Locken, um das Bild des reizenden Blumenmädchens zu vervollständigen. Schüchtern blieb sie neben dem Tische stehen und erwartete seine Anrede.

„Margarethe,“ begann George, „Sie waren gestern Zeugin eines Scene, die ich Ihretwegen wünschte, daß sie nicht vorgefallen wäre.“

„Meinetwegen?“ flüsterte sie, indem sie das Auge aufschlug.

George war seiner kaum noch mächtig, denn derselbe Blick war ihm jetzt begegnet, der einst aus Amely’s Auge tief in sein Herz gedrungen war. Mit übermenschlicher Anstrengung erhielt er seine Fassung aufrecht.

„Ja, Ihretwegen,“ fuhr er mit bewegter Stimme fort, „denn die Beleidigungen des übermüthigen Engländers trafen auch zum Theil Sie. Verzeihen Sie, daß ich meiner so wenig Herr war, um Sie vor dem Ausbruche jener stolzen, vornehmen Leute zu wahren.“

„Herr Graf, ich bin der Ansicht meines Vaters, “ antwortete sie leise. „Es giebt Dinge, die ein Kluger nicht bemerkt.“

„O, Ihr Vater hat Recht! Es giebt aber auch wieder Dinge, die ein Kluger scharf in’s Auge faßt. Dazu rechne ich das Benehmen [322] der Dame, die Sie neben mir im Boote erblickten. Ist sie Ihnen bekannt?“

„Die Frau Marquise von Beaulieu – ich sah sie schon im vorigen Jahre.“

„Margarethe, die Frau hatte mich verblendet, und als ich Sie erblickte –“

„Mich?“ fragte sie zitternd.

„Ja, Sie rissen eine Wunde in meinem Herzen auf, die ich hier im Bade zu heilen hoffte."

„Mein Gott, ich bin ein Landmädchen!" stammelte sie, und eine flammende Röthe verbreitete sich über ihr ganzes Gesicht.

„Margarethe, haben Sie eine Schwester?“

„Nein!“

Der Graf ergriff ihre Hand. Er fühlte, wie sie heftig zitterte.

„Margarethe,“ fuhr er fort, „es giebt in Brüssel ein Mädchen, das Ihre Doppelgängerin sein muß, wenn nicht – Sie selbst! Erklären Sie sich nun meine Bestürzung, als ich Sie in dem Boote erblickte? Jenes Mädchen ist für mich verloren, obgleich sie mein Ideal auf dieser Welt, obgleich sie die Gottheit ist, zu der ich bete. Mein Verhältniß zu der Marquise ward durch Umstände bedingt, die ich – –“

„Margarethe, Margarethe!“ rief die Stimme des alten Termöhlen aus dem Hause.

„Verzeihung, Herr Graf, ich muß fort!“ stammelte das bestürzte Mädchen.

Sie entwand ihre Hand der seinigen, und flatterte wie ein bunter Schmetterling durch die Wege des Gartens, gehorsam dem väterlichen Befehle. Das war ein seltsames Spiel der Natur, ein Wunder, wenn beide Erscheinungen sich nicht als eine Person zeigten. Und wie war dies möglich? Wie konnte die Bäuerin mit der hochgebildeten Städterin, die den Telemaque las, identisch sein? George war es gleichviel, er fühlte, daß Margarethe im Stande war, ihm Amely zu ersetzen. Und so ward die Holländerin die gefährlichste Feindin der Marquise. Gedankenvoll blieb er auf der Bank unter dem Hollunderbusche. Nach einer halben Stunde erschien Vater Termöhlen, der an diesem Orte sein Abendpfeifchen zu rauchen pflegte. Der Holländer ließ sich ohne Umstände neben dem Grafen nieder. Es fiel George nicht schwer, das Gespräch auf Margarethen zu lenken, und Vater Termöhlen ging mit sichtlichem Wohlbehagen darauf ein.

„Ja, Herr Graf,“ sagte er, dichte Rauchwolken aus seiner Pfeife emporblasend, „das Mädchen ist meine einzige Freude auf dieser Welt. Ich habe mich tüchtig abgemüht im Leben, aber der Gedanke an mein Kind hat mir jede Arbeit versüßt.“

„Wie kommt es,“ fragte George, „daß ich sie gestern zum ersten Male gesehen, und ich wohne doch schon so lange in Ihrem Hause.“

„Das ist sehr einfach: weil Margarethe vorgestern erst angekommen ist.“

„Wie, sie war nicht immer in Scheveningen?“ fragte George in großer Spannung.

„Seit zwei Jahren befindet sie sich in einer Pension in Leiden. Jetzt ist ihre Erziehung vollendet, und sie wird nun bei mir bleiben.“

„In Leiden war Margarethe?“ wiederholte der Graf.

„Gewiß! Sie wundern sich wohl, daß ein Schiffer aus Scheveningen seiner Tochter eine städtische Erziehung geben läßt? Ach, darüber habe ich schon manchen Spott hören müssen; aber was kümmert mich die Welt? Ja, Herr Graf, wie Sie mich hier sehen, habe ich schon traurige Erfahrungen gemacht. Es giebt nach meiner Ansciht nichts Abgeschmackteres auf der Welt, als einen Menschen, der reich, aber so dumm ist, daß er nicht weiß, was er mit seinem Vermögen anfangen soll. Wer die schöne Gottesgabe nicht ordentlich anwenden kann, verdient sie auch nicht. Man sehe nur die Bauern in unserem Dorfe an: die Kerls sind fast alle steinreich, aber sie führen ein jammervolles Leben. Warum? Weil ihnen die Aufklärung fehlt. Der Sohn wird wie der Vater, der Enkel wie der Sohn, und so geht das Ding fort, während das Vermögen sich von Jahr zu Jahr mehrt. Und fällt es so einem dummen Teufel einmal ein, seinem Stolze zu folgen und in einen etwas höher gelegenen Kreis überzugreifen, so wird er geprellt wie ein Fuchs. Ich mache keinen Hehl daraus, daß ich in diesem letzten Falle gewesen bin.“

„Sie, Vater Termöhlen?“

„Ja, ich, wie Sie mich hier sehen!“ sagte der Greis, indem er den Gast mit großen Augen ansah. „Der gestrige Vorfall in meinem Boote hat mich abermals belehrt, daß meine Ansicht vom Leben die richtige ist. Der Engländer hatte zwei Ohrfeigen verdient, das ist auch so ein Bursche, der mehr Geld als Verstand besitzt. Doch lassen wir das, bleiben wir bei der Sache, das heißt bei mir. Wie Sie mich hier sehen, war ich der einzige Sohn meiner Aeltern, die mir dieses Grundstück und ein hübsches Vermögen hinterließen. Als sie starben, war ich ein reicher Mann, aber ein dummer, aufgeblasener Teufel. Da lernte ich in Amsterdam die Tochter eines bankerotten Kaufmanns kennen, sie war schön, gebildet, ich bewarb mich um ihre Hand, und sie nahm den reichen Schiffsrheder zum Manne. In der ersten Zeit ging das Ding sehr gut, und als uns der Himmel unsere Margarethe schenkte, da schien es, als ob wir ganz glücklich sein sollten. Aber nach und nach trat eine Veränderung ein, denn wir genügten einander nicht mehr. Die Frau war eine hochtrabende Dame und der Mann ein dummer Schiffsrheder, der bei jeder Gelegenheit auf seinen Geldsack klopfte. Es entstanden Mißhelligkeiten, Zank und Streit, und das Ende vom Liede war eine freiwillige Trennung, die nicht schwer werden konnte, da beide Eheleute Protestanten waren. Meine Geschiedene erhielt eine jährliche Rente und ich behielt meine Tochter. Da haben Sie die Bescheerung, mein Herr! Nun war ich klug geworden, aber zu spät. Margarethe, dachte ich, ist ein reiches Mädchen, und damit sie ihr Vermögen genießen kann, muß sie eine demselben entsprechende Bildung erhalten, dann wird ihr auch ein Mann nicht fehlen, mit dem sie glücklich lebt. So ist sie nun drei Jahre in der Pension gewesen, und sie hat alle meine Hoffnungen erfüllt. Gestern machte sie die Spazierfahrt mit, damit sie den Ton der vornehmen Gesellschaft keinen lernen sollte – mir scheint, sie hat ihn kennen gelernt, und danach mag sie sich richten. Ich bin nicht stolz, Herr Graf, aber einen reichen, aufgeblasenen Bauer kann ich nicht leiden. Dieses Jahr noch verkaufe ich meine Grundstücke und ziehe in die Stadt. Das Uebrige, hoffe ich, wird sich finden. Ja, hätte mein Vater für mich gesorgt, wie ich für mein Kind gesorgt habe, ich hätte eine zufriedene Ehe führen können.“

„Sie haben Recht,“ murmelte George, „die materiellen Mittel müssen mit der Bildung harmoniren. Es ist eben so schlimm, wenn die Verhältnisse umgekehrt sind. Der Gebildete empfindet den Mangel doppelt.“

Der Holländer hatte still vor sich hingelächelt. Plötzlich hob er den Kopf empor und flüsterte:

„Ich glaube, das Wettermädel hat schon eine Liebschaft! Wenn ich nur dahinter kommen könnte, wen sie auf dem Rohre hat. Es muß wohl so ein Herrchen sein, das sie in Leiden kennen gelernt hat. Nun, ich habe nichts dagegen, wenn er der gebildeten Klasse angehört und sonst ein anständiger Mensch ist. Aber einen Bauer oder Schiffer – daraus wird nichts! Die Freude soll meine Geschiedene nicht erleben, daß Margarethe, weil ich sie erzogen habe, eine Bäuerin bleibt. Von morgen an darf sie mir die Landkleider nicht mehr tragen! Ich will ihr gleich meinen Willen zu erkennen geben, damit sie sich darnach richten kann!“

Der sonderbare Alte stand auf und entfernte sich, ohne zu grüßen. George machte einen Spaziergang am Ufer des Meeres. Am folgenden Morgen überschlug er seine Kasse; sie war so schlecht bestellt, daß er bestürzt die Feder niederlegte. Ihm blieb nicht einmal soviel, um die Rückreise nach Brüssel zu bewerkstelligen. Was sollte er beginnen? Eine Annäherung an Henriette, die ohne Zweifel darauf gerechnet hatte, hielt er für eben so unmöglich als ein längeres Verbleiben in seiner gegenwärtigen Lage. Ein bitteres Gefühl bemächtigte sich seiner, als er bedachte, wie dringend ihm die kokette Marquise ihre Morgengabe empfohlen hatte. Sie kannte seine Abhängigkeit von ihrem Vermögen. George war der Verzweiflung nahe, als er nun noch seiner Verpflichtung gegen Dermont gedachte. Lange überlegte er, und gegen Abend hatte er einen Beschluß gefaßt, den er auf der Stelle zur Ausführung brachte. Den ersten Anlaß dazu hatte die Unterredung mit Vater Termöhlen gegeben. Er ging in den Garten zu dem Hollunderbusche, und dort traf er Margarethen, wie er gehofft hatte. Sie trug heute einfache Bauernkleider, die ihr reizend standen. Nachdem er sich zu ihr auf die Bank gesetzt, ergriff er ihre Hand.

„Margarethe,“ begann er, „ich bitte um die Erlaubniß, unser gestern angefangenes Gespräch fortzusetzen. Von Ihnen hängt das Glück meines Lebens ab.“

[323] „Von mir?“ fragte sie verwirrt. „Sie treiben einen argen Scherz mit mir. Doch, lassen Sie hören, was kann ich für Sie thun?“

„Meine Fragen unumwunden beantworten.“

„So fragen Sie!“

„Sie kommen so eben aus der Pension in Leiden?“

„Ja!“ flüsterte sie verlegen.

„Auf die Grundsätze Ihres Vaters gestützt, die Sie ohne Zweifel kennen, wage ich die Frage, ist Ihr Herz noch frei von einer Neigung zu einem Manne?“

Wie mitleidig lächelte Margarethe, während eine hohe Röthe auf ihren Wangen erschien; dann fragte sie:

„Welches Interesse können Sie dabei haben?“

„Das größte von der Welt, Margarethe! Ich finde in Ihnen die Geliebte wieder, die ich verloren, an der meine ganze Seele hängt. Fast möchte ich an ein Wunder glauben, wenn ich Ihnen in das Auge schaue, wenn ich Ihre Züge sehe und Ihre Stimme höre! Mir ist, als ob ich Sie seit lange kenne, als ob ich nie eine andere geliebt habe!“

„Das ist allerdings ein Wunder, Herr Graf! Aber Sie vergessen die Frau Marquise –“

„Ich habe nie eine wahre Zuneigung für sie[WS 1] empfunden. Ich wiederhole es, daß ich der Freundschaft ein Opfer brachte, indem ich eine Liaison mit der Marquise einging.“

„Aber, wenn nun meine Doppelgängerin wieder erschiene, wenn ein zweites Wunder geschähe und Ihnen gestattet wäre, um sie zu werben – was würde mit mir geschehen, die es gewagt hat, ihre Stelle einzunehmen?“

„Margarethe!“

„Sie verzeihen, Herr Graf, daß ich Alles reiflich erwäge, ehe ich in dieser wichtigen Sache eine entscheidende Antwort ertheile. Ich wage viel!“ fügte sie mit einem himmlischen Lächeln hinzu. „Aber Sie wagen noch mehr.“

„Sie können es wagen!“ rief George begeistert. „Indem Sie Alles vereinigen, was meine Liebe nur fordern kann, bleibt mir kein Wunsch mehr! Bei Ihnen ist ja Alles vergessen, denn ich finde in Ihnen die erste und letzte Geliebte. Erklären Sie sich nun mein sonderbares Benehmen in dem Boote? Mag es Ihnen Bürgschaft dafür sein, daß ich die Wahrheit gesagt habe. Margarethe, entscheiden Sie über mein Schicksal! Gestatten Sie mir, daß ich mit Ihrem Vater sprechen darf.“

„Bravo, Herr Graf!“ rief in diesem Augenblicke die Stimme der Marquise, die hinter dem Fliederstrauche hervortrat. „Die Bäuerin paßt für den Edelmann, der seinen Rang vergißt. Werben Sie nur, der alte überspannte Schiffer wird den gräflichen Schwiegersohn nicht abweisen. Reichen Sie mir Ihren Arm, Mylord; ich bin Ihnen zu Danke verpflichtet, daß Sie mir die Augen über einen Unwürdigen geöffnet haben.“

Lord Darnley trat heran, und bot der Marquise höhnisch lächelnd den Arm. Zugleich sagte er:

„Der Herr Graf von Monlosier ist hier nicht minder an seinem Platze als in dem Schuldgefängnisse. Die niedliche Margarethe ist gut genug, um die Schulden eines Edelmannes zu bezahlen. Ah, der Herr Graf ist ein Spekulant! Vielleicht erinnert er sich des armen Dermont, wenn er die holländische Mitgift einkassirt hat!“

Die Marquise und der Lord gingen durch den Garten dem Landhause zu. Man hörte noch einige Zeit ihr lautes Lachen. George saß bleich und bestürzt neben Margarethen. Die schamlose Frechheit des Engländers hatte ihn völlig niedergeschmettert. Plötzlich fühlte er seine Hand ergriffen; als er aufsah, stand Margarethe vor ihm. In ihren Augen erglänzten Thränen, als sie mit bebender Stimme zu ihm sagte:

„Herr Graf, in einer Stunde erwarte ich Sie bei meinem Vater – ich gehe, um mit ihm Rücksprache zu nehmen. Werden Sie diese kurze Zeit das Gefühl bekämpfen können, das die erlittene Kränkung angeregt hat?“

„Sie wollen es, Margarethe?“

„Ich bitte Sie darum!“ sagte sie mit einem schmerzlichen Lächeln, und indem sie seine Hand sanft drückte.

„Wohlan, in einer Stunde sehen Sie mich bei Ihrem Vater!“

Margarethe ging dem Wohnhause zu. Einige Minuten später befand sich George in seinem Zimmer. Wir übergehen die peinliche Stunde, die er unter tausend Gedanken und Zweifeln verbrachte. Die große Uhr auf der Hausflur kündete summend die neunte Stunde an, als er die Thür der Wohnstube öffnete. Vater Termöhlen, sein Abendpfeifchen schmauchend, ging langsam auf und ab. Durch die blanken Fenster schimmerte das letzte Abendroth.

„Ich habe Sie erwartet, Herr Graf!“ sagte ernst der Greis. „Ihre Hand, und sehen Sie mir offen in das Gesicht. Was halten Sie von meiner Tochter?“

„Daß sie ein liebenswürdiges Mädchen, ein Engel ist!“ sagte George in einem Tone, der seine volle Ueberzeugung verrieth.

„Gut, wir sprechen als Männer, und darum glaube ich Ihnen. Wie stehen Sie mit der Marquise?“

„Ich habe sie nie geliebt; jetzt verachte ich das kokette Weib!“

„Auch gut! Ich habe es vorhin herausgebracht, wen meine Tochter auf dem Rohre hat. Und was glauben Sie wohl, wen?“

„Nun?“ fragte George in großer Spannung.

„Den Grafen von Montlosier! Ah, mein Bester, reißen Sie nur die Augen nicht so weit auf – mein Mädchen lügt nicht, es sagt stets die Wahrheit.“

„Vater Termöhlen!“

„Ruhig, ruhig, Herr Graf! Die Herzensangelegenheit mögen Sie mit ihr selbst besorgen; für jetzt habe ich, wie Sie mich hier sehen, noch etwas zu ordnen. Margarethe soll nicht nur einen Grafen heirathen, sie soll auch als Gräfin leben. Wieviel braucht sie wohl jährlich dazu?“

„O, mein Gott, sprechen wir doch in diesem ernsten Augenblicke nicht von Angelegenheiten – “

„Die zur Sache gehören. Es muß Alles festgestellt werden. Wenn Sie nicht fordern, so muß ich bieten. Wie Sie mich hier sehen, gebe ich meiner Tochter eine runde Summe von einer halben Million Gulden mit. Kann ein gräfliches Ehepaar davon leben? Heraus mit der Sprache! Wenn das nicht angeht, können Sie meine Tochter nicht bekommen, denn über eine größere Summe zu verfügen, ist mir nicht möglich. Element, auf einen Grafen hatte ich nicht gerechnet!“

„Margarethe ist mir lieb und werth wie ich sie bekomme! Ich liebe sie, und darin beruht mein ganzes Glück!“

„Gut, wiederholen Sie ihr das selbst! Margarethe!“ rief der Alte, indem er eine Seitenthüre öffnete. „Bist du fertig, so komm heraus, der Herr Graf ist da!“

Einen Augenblick verschwand der alte Holländer, dann erschien er wieder, seine Tochter an der Hand führend.

„Amely! Amely!“ rief George.

Das reizende Blumenmädchen in weißem Kleide und in schwarzen Locken stand vor ihm. Wie berauscht sank er zu ihren Füßen nieder und drückte ihre Hände an sein klopfendes Herz. Dann plötzlich stand er auf und starrte bestürzt die Jungfrau an.

„Großer Gott,“ flüsterte er, „ich darf wohl Margarethen, aber nicht Amely lieben! Ein gräßliches Geschick macht mich zum Verräther an dem Freunde – “

„Dem Sie leichtsinnig ein Versprechen gegeben, das Sie zu meinem Glücke nicht erfüllen können!“ flüsterte Amely. „Der Zufall machte mich zur Zeugin des letzten Gesprächs, das Sie mit dem Freunde hatten – Ich befand mich in dem Garten und war nur durch eine Hecke von Ihnen getrennt. Damals achtete ich den Mann schon, dem ich zu so hohem Danke verpflichtet war – als ich seine hochherzigen Gesinnungen kennen lernte, mußte ich ihn auch lieben. Dermont näherte sich später mir, und ich habe ihm bereits Aufklärung gegeben. Sie sind Ihres Versprechens gegen den Freund entbunden, Herr Graf. Auf den Antrag, den Sie Margarethen gestellt, antwortet Ihnen Amely.“

Sie trat ihm entgegen und reichte ihm die Hand. George zog sie sanft an seine Brust und küßte ihre weiße Stirn.

„Element, was ist denn das?“ rief Termöhlen, der bisher in stummer Verwunderung zugehört hatte. „Wovon sprecht Ihr denn? Habt Ihr Euch denn hier nicht zum ersten Male gesehen?“

Margarethe trat zu dem Greise und legte ihr glühendes Gesicht an seine Brust.

„Vater,“ flüsterte sie, „bist Du ganz zufrieden mit Deiner Tochter? Entspricht sie allen Erwartungen, die Du von mir gehegt hast?“

„Element, das will ich meinen!“ rief der Alte stolz und gerührt, indem er die Stirn des jungen Mädchens küßte. „Man möchte glauben, Du wärst eine geborene Gräfin.“

„Dann, Vater, zürne meiner Mutter nicht mehr – ihrer [324] sorgfältigen Erziehung verdanke ich größtentheils, was ich bin. Sie wollte ihr Vergehen gegen Dich ausgleichen, indem sie meine Erziehung zur Aufgabe ihres Lebens machte. Und meiner Kindesliebe verzeihst Du an diesem glücklichen Tage, daß ich ein kleines Geheimniß vor Dir hatte: ich war nicht in Leiden, ich war in der Pension bei meiner Mutter, die meinetwegen Brüssel zum Aufenthaltsorte gewählt hat.“

„Mädchen! Mädchen! Das ist ein Betrug –“

„Bin ich nicht die Tochter der armen Frau? Gott wird es mir nicht zur Sünde anrechnen, daß ich dem Drange meines Herzens gefolgt bin. Vater, Du kannst ihr nicht immer zürnen!“

Man sah, wie der Greis mit der Rührung kämpfte, die sich seiner bei dem Anblicke des reizenden Mädchens bemächtigte, das mit gefalteten Händen vor ihm stand und ihn bittend ansah.

„Vater Termöhlen,“ rief der Graf, „wenn Ihnen der Himmel eine solche Vermittlerin sendet, können Sie Ihren Dank nicht anders bethätigen, als daß Sie den Bitten dieses Engels Gehör geben.“

„Laßt mich, laßt mich, ich weiß was ich zu thun habe!“ rief der Alte, dem die Thränen über die braunen Wangen rannen. „Nehmen Sie Ihre Frau hin, Herr Graf, und sagen Sie der dort in Brüssel, daß sie zu Margarethe’s Hochzeit kommen könne!“

Dann verließ er hastig das Zimmer. Die beiden jungen Leute sanken sich einander in die Arme.

„Nun bist Du im Besitze Deines Blumenmädchens, George!“ flüsterte sie.

„Und zugleich im Besitze des höchsten Glücks, das ich kaum zu fassen wagte. Ich würde stolz auf den Neid der Welt sein, wenn Dermont – –“

„Beklage ihn nicht, er ist mit Mathilde wieder ausgesöhnt. Ein Zufall setzte mich von dem unglückseligen Mißverständnisse in Kenntniß, das den Bruch herbeigeführt – Dermont heirathet seine Mathilde, die mir eine Freundin geworden ist und das Geheimniß meines Herzens kennt.“

Am nächsten Morgen zeigten sich die beiden Verlobten in den Promenaden von Scheveningen. Sie begegneten Henrietten, die der Lord Darnley führte. Die stolze Frau erzitterte als sie die junge elegante Dame an George’s Seite erblickte. Einige Tage später erzählten sich die Badegäste, daß die Marquise von Beaulieu in einem Anfalle von Wuth sich mit dem Lord verlobt habe und nach England abgereist sei.

Vater Termöhlen hielt Wort: er stattete seine Tochter mit einer halben Million aus und begleitete das junge Paar nach Brüssel, wo er sich mit seiner geschiedenen Gattin wieder aussöhnte.




Eine pariser Geschichte.
Nach wahren Thatsachen mitgetheilt von Feodor Wehl.

In der Nacht vom siebenzehnten zum achtzehnten September 1819 hatte man in der Rue des trois frères zu Paris, nahe dem in dieser Straße belegenen Hotel desselben Namens ein so entsetzliches Jammergeschrei vernommen, daß die Einwohner der umliegenden Gebäude davon aufgescheucht, im Nu in den abenteuerlichsten Nachtbekleidungen ihre Betten verließen, und an die Fenster oder auch gleich aus den Thüren hervorgeeilt kamen, um sich von der Ursache desselben zu überzeugen. Die ersten mit der Nachtpolizei ziemlich zugleich an Ort und Stelle gelangenden Neugierigen fanden einen in seinem Blute schwimmenden Mann, um den ein anderer in größester Angst und Verwirrung beschäftigt war. Auf das von allen Seiten auf diesen eindrängende Forschen und Fragen gab er zuerst gar keine und nach und nach nur eine sehr unklare und nicht eben allzu faßliche Auskunft. Er sei mit seinem Freunde Alfred Gautier, erzählte er in abgebrochenen Sätzen, von einem Festgelage nach Hause gehend, hier im Dunkel der Straße von einem vermummten Menschen angefallen, und jener in der Brust, wie es schien, durch einen Dolchstoß verwundet worden. Welchen Grund der Angreifer zu seiner That gehabt, fügte er bei, könne er nicht errathen, denn Alfred Gautier sei ein harmloser, guter Mensch, der Niemandem etwas zu Leide gethan. Es muß hier ein unglückseliger Irrthum, ein unerklärliches Mißverständniß herrschen!“ rief er mit weinender Stimme, indem er dem herbeigeholten und eben anlangenden Arzte seine flehend gehobenen Arme entgegenstreckend, jammernd bat: „O kommen, retten Sie, mein Herr, noch wird es Zeit sein!“

Der Arzt, der den von einigen mitleidigen Seelen in die Höhe gehaltenen blutenden Mann, der allerdings noch Spuren von Leben zeigte, aber das Bewußtsein und den Gebrauch seiner Kräfte lange verloren hatte, untersuchte und verband, schüttelte, als dies geschehen, und man den Verwundeten auf die von der nächsten Wache requirirte Tragbahre legte, bedenklich den Kopf, ein bedauerliches: „Zu spät!“ leise vor sich hinmurmelnd.

Als die Bahre, um in das Hospital getragen zu werden, aufgehoben ward, und der Kamerad des Ueberfallenen Miene machte, seinem armen Freunde zu folgen, trat plötzlich ein höherer Polizeibeamter auf ihn zu, mit dem bescheidenen aber ernst ausgesprochenen Ersuchen, ihm zur nächsten Wache behufs weiterer Aussagen und Erklärungen über den räthselhaften Vorgang zu folgen.

Der auf diese Weise Angeredete, der sich schon mehrfach unaufgefordert genannt und mit dem Namen Graf von Luckner bezeichnet hatte, schien über dies Verlangen stutzig und im ersten Moment geneigt, dagegen Einwendungen machen zu wollen. Allein nach kurzer Ueberlegung mochte er doch wohl anderen Sinnes geworden sein, denn mit den Worten: „Ich stehe zu Ihren Diensten, mein Herr,“ schloß er sich dem Polizisten an, der nun rasch und in Eile nur noch einen seiner Untergebenen beordernd, bis zu Tagesanbruch und für den Zweck einer weiteren Untersuchung des Schauplatzes, auf welchem die ruchlose That geschehen, an Ort und Stelle zu verbleiben, mit seinem Arrestanten davonging.

In der nächsten Wache gab derselbe das von uns bereits Gemeldete zu Protokoll, was denn natürlich nicht eben mehr Licht auf die schauderhafte That zu werfen, oder den Schleier zu lüften vermochte, mit dem sie bedeckt war. Nach einer Legitimation seiner Person gefragt, zeigte der räthselhafte Fremde sich außer Stande, sie zu geben. Er hatte weder eine Visiten- noch Aufenthaltskarte, statt deren aber eine sehr bedeutende Summe Geld in englischen Banknoten und einen Paß in’s Ausland bei sich, der auf den Namen Miadschinski gestellt, seltsamer Weise in der Personalbeschreibung ziemlich auf ihn selbst zu passen schien.

Gefragt, was es mit diesen Dingen auf sich habe und wie er dazu gekommen, gab er an, daß Gautier sie ihm zur Verwahrung überantwortet und er im Uebrigen sonst keine Auskunft darüber zu geben vermöge. War nun dies schon im hohen Grade verdächtig, so wurde es noch mehr ein Dolch, den der auf der Bühne des Mordanfalls zurückgelassene Wächter beim Morgengrauen des Tages gefunden und an die Untersuchungsrichter abgeliefert hatte. Dieser Dolch, der genau in die Wunde paßte, an der Alfred Gautier noch in derselben Nacht, in der er sie erhalten, gestorben war, trug nämlich nicht nur die Grafenkrone und das Wappen der Luckner’schen Familie, sondern wurde auch förmlich von dem Grafen als der seinige anerkannt.

Hatte man sich genöthigt gesehen, ihn schon wegen der ersten Indizien gefänglich eingezogen zu behalten, so blieb nun kein Zweifel, ihn allen Ernstes in strenge Untersuchungshaft zu nehmen. So viel und so oft er auch seine Unschuld betheuerte, der Anschein war doch gar zu sehr gegen ihn, als daß man ihn hätte frei lassen können. Er mußte sich darein finden, den Prozeß gegen sich gemacht zu sehen.

(Schluß folgt.)
[325]
Album der Poesien.
Die Gartenlaube (1855) b 325.jpg

     Die Kaiserin von Trapezunt.
 (1461.)
 Von Ludwig Storch.

Wer wandelt in des Tages erstem Grau
Durch’s Thor der Sultanstadt? – Der hohen Frau
Wird feucht der Fuß vom Morgenthaue.
Der Wind durchwühlt ihr härenes Gewand,
Und eine Haue trägt sie in der Hand.
Was will die Zarte mit der Haue?

Das ist kein Weib, das früh zu Acker geht!
Das ist ein Weib voll ernster Majestät!
Dort oben giebt’s kein Feld zu graben.
Sie klimmt so still und düstern Angesichts
Den Felsenpfad zur Statt des Hochgerichts,
Umkreist von Hunden und von Raben.

Im Westen hoch der Berge kahler Kranz,
Im Osten tief die Thürme von Byzanz
Und der Propontis blauer Spiegel.
Im Norden wälzt der enge Bosporus
Durch’s Felsenthor des Pontus schwarzen Fluß
Vorbei der Stadt der sieben Hügel.

Sie steht am Ziel. Hier starrt das Blutgerüst,
Auf dem ein Kaiserhaus erloschen ist,
Zwei hohe Männer und acht Knaben.
Am Boden liegt der Leichen bleiche Zahl.
Dazwischen Haupt und Haupt, ein kostbar Mahl
Der gier’gen Hunde und der Raben.

[326]

Das Griechenreich und das von Trapezunt,
Die Mutter und das Kind, vereint im Bund,
Zerschlug die Türkenfaust in Scherben.
Das ungeheure Trauerspiel ist aus,
und der Erobrer ließ das Kaiserhaus
Vom Beil des Henkers elend sterben.

Hier David, der zuletzt den Purpur trug,
Den nach Johannes’ Tod mit List und Lug
Dem Bruderssohne er entwendet;
Alexios, sein Bruder, Beide feig,
Verräther am Altar und Thron zugleich,
Wie würdig haben sie geendet!

Und dort der Kaisersöhne reiche Zahl,
Der, dem der Ohm des Vaters Krone stahl,
und Davids eigner Söhne sieben,
So liegen sie umarmt vom Todesschlaf. –
Wie gestern sie der Schlag des Eisens traf,
So sind sie unberührt gebliehen.

Denn Mohammed, der Mann der blut’gen That,
Der dies Geschlecht mit stolzem Fuß zertrat.
Verbot die Leichen zu begraben.
Bei Todesstrafe, daß des Mitleids Hand
Auf sie nicht wirft die fromme Schaufel Sand!
Den Hunden sind sie und den Raben.

Wie hat der Tod sie friedlich doch vereint,
Nur von der Nacht mit Thränenthau beweint,
Auf hartem blutgetränkten Bette!
Des Sultans Spruch, dem Alles stumm sich beugt,
Hat jeden Menschenfuß von hier verscheucht.
Nur Hund und Rabe sind zur Stätte. –

Wer wandelt in des Tages erstem Grau
Am öden Felsenberg? – Der stillen Frau
Wird feucht das Haupt vom Morgenthaue.
Der Wind durchwühlt ihr härenes Gewand,
Und eine Haue trägt sie in der Hand.
Was will die Düstre mit der Haue?

Das ist kein Weib, das früh zu Acker geht!
Das ist ein Weib voll hoher Majestät!
Hier oben giebt’s kein Feld zu graben.
Sie klimmt so schwer und trüben Angesichts,
Den rauhen Pfad zur Statt des Hochgerichts,
Umkreist von Hunden und von Raben.

Des Kaisers Ehgemahl von Trapezunt
Ist dieses Weib. Wie herrlich thut es kund
Ihr stolzes Auge ohne Thräne!
Sie, die die blüh’nde Kinderschaar gebar,
Die Treue hielt dem Throne, dem Altar,
Sie ist’s, die Kaiserin Helene!

Sie tritt heran und wirft den trocknen Blick
Auf’s Leichenfeld, auf ihr gemordet Glück,
Auf ihre kalten stummen Knaben.
Sie reihet Haupt an Haupt und Leib an Leib.
Die Raben schrein; die Meute heult. Das Weib
Verscheucht die Hunde und die Raben.

Die hohe Frau im fahlen Morgenlicht
Nun mit der Hau’ die harte Scholle bricht
Und hackt und wühlet Stund’ um Stunde.
Kein Zucken ihres Munds verräth ihr Weh.
Sie gräbt ein Grab, die neue Niobe,
Und scheucht die Raben und die Hunde.

Die Sonne steigt und wirft den Strahlenbrand
Ihr auf das Haupt. Sie schaufelt mit der Hand
Die Erde aus der Gruft, die heiße.
Die Meute schnappt und fetzt ihr das Gewand,
Sie schützt die Leichen mit der treuen Hand
Und nimmt nicht Trank und nimmt nicht Speise.

Da naht die Nacht, um die erhabne Frau
Mit weichem Hauche und mit kühlem Thau
Mild zu erquicken und zu laben.
Sie schließt kein Aug’, nur kräft’ger ficht ihr Arm,
Denn größer wird und toller schreit der Schwarm
Der gier’gen Hunde und der Raben.

Sie schaufelt wieder, eh’ der Morgen graut,
Sie hackt und gräbt bis daß der Abend thaut
Und fertig sie das Grab gegraben.
Dann legt die Leichen sie zur ew’gen Ruh
Und schaufelt mit der müden Hand sie zu,
Und kämpft mit Hunden und mit Raben.

Von seinen Schergen hat der Padischah
Erkundet, was das Volk am Berge sah.
Er schweigt und wagt nicht sie zu stören.
Denn eine Mutter, eine Kaiserin
Begräbt ihr Haus. Solch hohem Frauensinn
Vermag selbst Mohammed nicht zu wehren.

Weich auf den Todten liegen Erd’ und Nacht.
Helene hat die letzte Pflicht vollbracht.
Was wär’s, das ihr zu thun noch bliebe? –
Sie senkt das Haupt und haucht die Seele aus. –
So starb in Schuld und Schmach ein Kaiserhaus,
Verklärt vom Abendroth der Liebe.

[1]




Kertsch und das asow’sche Meer.

Wissenschaft und Handwerk des Krieges sind für uns Kinder des Friedens, die wir in den letzten vierzig Jahren aufwuchsen, seltsame Dinge. Wir verstehen sie im Grunde genommen gar nicht. Was wir als Gerechtigkeit, Gesetz, Eigenthum, Polizei, Nächstenliebe oder nur als unser eigenes Interesse respectiren und heilig halten, kommt in dieser Wissenschaft und Kunst gar nicht vor. Städte, Länder, Menschen, Personen und Sachen jeglicher Art stellen sich zu einander in ganz verkehrte Gesichtswinkel. Wenn ein Mensch, der sehr hungrig ist und kein Geld hat, für’n Dreier Semmel stiehlt, wird die Heiligkeit des Eigenthums feierlich und umständlich [327] an ihm gerächt. Nimmt er’s wohl gar mit Gewalt, können kaum die Richter ihre Entrüstung unterdrücken und das Publikum ruft Bravo zu seiner Verurtheilung. Nimmt er nun gar einen ganzen Sack voll Korn, steckt er wohl gar eine volle Scheune in Brand, sprengt er wohl gar sein eigenes Kornmagazin in die Luft, so sträuben sich unsere Haare über solche Verwahrlosung der menschlichen Natur. Stellen sich aber nun dergleichen moralische und rechtliche Verirrungen ganz im Großen und durch das Teleskop des Krieges dar, so zucken die Telegraphen aller Welt entzückt unerhörte Großthaten der Glorie und des Ruhmes in die Ministerial-, Zeitungs- und Börsenlokale, und die Völker der Erde lesen, horchen und sprechen begeistert von einem Siege des Rechtes, der Ehre u. s. w., je nachdem die Nachrichten lauten.

Nehmen wir z. B. die Großthaten von Kertsch und im asow’schen Meere.

Die Engländer und Franzosen verbrannten und versengten so und so viel hunderttausend Wispel Getreide und so und so viel Dutzend Schiffe der Russen. Die Russen selbst sprengten ihre vollen Vorrathsmagazine in die Luft, verbrannten Häuser und vernichteten so und so viel von ihren eigenen Schiffen. Wir wissen zwar genau, weshalb man sich vereinigte, um diese großartigen Werke der Zerstörung zu vollbringen, wegen der noch nicht geordneten „vier Punkte“ nämlich; aber warum hört hier nun aller Maßstab des Rechtes und Gesetzes auf? Warum geben sich die Gesetzgeber unter einander nicht solche Gesetze, die wirklich halten und gehalten werden? Wenn Schulze gegen Müller privatim nicht Krieg führen darf, sondern der Angreifende zum Justizcommissarius gehen muß, warum durften England gegen Frankreich, Frankreich gegen Deutschland, Rußland gegen den Westen, der Westen gegen den Osten u. s. w. Krieg führen? Kein Schulze und kein Müller dürfen in irgend einem dieser Länder in Streitigkeiten um eine Grenze sich gegenseitig beschießen und die Scheunen und Ställe in die Luft sprengen, damit der, welcher am Meisten ruinirt hat, endlich Recht bekomme. Warum gilt aber diese „alte Gerechigkeit“ gerade unter den Rechtshütern und Gesetzgebern nicht? Sie haben sich allerdings für alle mögliche Fälle Gesetze gegeben und gegen jede Verletzung „Verträge“ geschlossen. Warum halten sie dieselben nicht? Gewaltsame Empörung gegen geltende Gesetze tritt, wenn in Masse vorgenommen, allemal als Revolution auf. In Revolutionen von Unterthanen ist jeder Patriot verpflichtet, sich niederwerfen zu helfen. Jeder Krieg ist aber, da Gesetze und Verträge dadurch gewaltsam und im Großen verletzt werden, wesentlich Revolution. Warum geben die größten Feinde aller Revolutionen so schlechtes Beispiel?

Seltsame, naive, gemüthliche Fragen und Raisonnements. Ja wohl. Aber in einem „gemüthliche Familienblatte“ konnten wir unmöglich ohne Weiteres an die versenkten, verbrannten, in die Luft gesprengten Schiffe und Getreidevorräthe von Kertsch und des asow’schen Meeres herantreten, ohne uns unterwegs erst etwas zu wundern über diese merkwürdigen Versuche, die sogenannten „vier Punkte“ durch gegenseitige Beförderung von Hungerkur annehmbar, verdaulich und wohl gar appetitlich zu machen. Und nun können wir den erweiterten, neuen Kriegsschauplatz zunächst auch nur als ein aufgetragenes Gericht der Geographie genießen.Wie seiht er aus? Wie groß ist er? Was hat er für Handel und Gewerbe, für die Kultur-Interessen, für die Kriegsentscheidung, für Rußland, für die Alliirten zu bedeuten? Zur Beantwortung dieser Fragen gehört vor allen Dingen eine Karte, die wir unsern geehrten Lesern später bieten werden. Das asow’sche Meer ist die Vorhalle des schwärzen für Rußland, das erst während der letzten 70 Jahre Schritt für Schritt sich bis an’s schwarze Meer und ganz und gar um das asow’sche herum ausgedehnt hat. Vor hundert Jahren noch fielen die russischen Grenzen weit jenseits Cherson, die Krim und das asow’sche Meer. Dieses hat als Vorhalle zu dem schwarzen und als große Verkehrsstraße fßr die umliegenden, äußerst getreidereichen Ufer eine große Wichtigkeit nicht nur für den Unterhalt der Truppen auf der Krim, sondern auch für alle kornausführenden Häfen des schwarzen Meeres.

Die unzähligen Getreideschiffe, welche bis zu dem Kriege und selbst bis zum 24. Mai dieses Jahres den bis dahin völlig unbekannten Rücken des asow’schen Meeres bedeckten, wirkten wohlthätig auf die Größe unserer Viergroschenbrote. Die große Theuerung des Brotes durch ganz Europa und zwar nach einer gesegneten Ernte (in England bis über das Doppelte der Preise von 1851) ist hauptsächlich der abgeschnittenen Zufuhr vom schwarzen und asow’schen Meere zuzuschreiben. Die Engländer, welche sofort nach ihrem blutlosen Siege mehr als zweihundert russische Schiffe, größtentheils kleinere Getreideschiffe, theils zerstörten, theils nahmen, werden die Folgen dieses Sieges noch lange beim Bäcker bezahlen müssen und wir auch. Der ausgeführte Ueberfluß an Getreide von den Ebenen und Steppen und Flußufern am asow’schen Meere war während der letzten zehn Jahre um Hunderttausende von Wispeln gestiegen. Besonders reich waren die Zufuhren am Don, Bug, Boristhenes und etwa dreizehn andern Flüssen herunter, deren Namen wir noch nicht einmal alle kennen, wie denn überhaupt alle die ungeheuren Steppen und Thäler, die sich um das asow’sche Meer herum dehnen und strecken (zum Theil bis China) zu den unbekanntesten der Erde gehören. Wir haben nur allgemeine Bilder davon. Gegen das Meer hin und an den Flußufern Ackerbau und Viehzuchk als Eigenthum großer adeliger Grundbesitzer, weiterhiu einsame Kosakendörfer zwischen ungeheuern Steppen, durch welche der Pferdehirt einsam reitet, einsam, oft Monate und Jahre lang, nur zuweilen gegen Wölfe jagend.

Zwischen den Flüssen Sal und Manitsch (die sich in den Don ergießen) treiben sich noch ganz nomadisch ohne feste Wohnorte kleinäugige, breitknochige Kalmücken umher, die während jedes Winters, wie die Zugvögel, weithin nach südlicheren Gegenden wandern. Am Manitschflusse finden wir deutsche Ansiedler und mancherlei Kultur. Davon bei einer spätern Gelegenheit. Die bevölkertste und kultivirteste Strecke am asow’schen Meere zieht sich von Taganrog (wo der Kaiser Alexander starb) nach dem Don und daran hinauf, wo zunächst die Städte Asow, Nakhitschevan und Tscherkask als Getreidesammler für Ausfuhr wichtig geworden sind. Im Ganzen erscheinen die Ufer des asow’schen Meeres eben, öde und traurig. Das Wasser selbst ist träge und gilt für sehr ungesund, da Sümpfe und stagnirende Landseen ihre giftigen Dünste von allen Seiten hierher führen. Als besonders gefährlich gilt das Klima auf der Halbinsel Kertsch, dem großen östlichen Flügel der Krim, dessen Spitze jetzt die siegreichen Alliirten einnehmen.

Cobden hat bereits auf Grund der Aussagen eines asow’schen Kaufmannes den Siegern einen furchtbaren Tod durch wegzehrende Fieber prophezeiht. Zwar ist das „faule Meer“ ziemlich fern, aber den Quartieren der Sieger dicht gegenüber, wälzt sich das feuchte, heiße, labyrinthische Ungehener der Halbinsel Taman im Schlamme und Sande vom Kaukasus herunter bis dicht vor Yenikale, so daß zwischen der Sandbank und dem andern Ufer nur eine sehr enge Straße für Schiffe in’s asow’sche Meer bleibt.

Von der merkwürdigen Eroberung des asow’schen Meeres, der Hauptquelle für den Proviant der russischen Krim-Armee, haben wir schon mancherlei Berichte von Augenzeugen. Wir geben auf Grund derselben ein Bild davon. Die Expedition bestand aus 10,000 Franzosen, 5000 Türken und 3500 Engländern, wornach die englischen Blätter sehr wenig Berechtigung zu dem majestätischen „Wir“ haben. Die Schöpfer und Armee der Expedition waren Franzosen. Wenn’s nach den Engländern gegangen wäre, würde man die Furcht vor den 40 in der Straße von Kertsch versenkten Schiffen fortgesetzt haben, obgleich sie längst von Grundeis und Strömung weggeschwemmt worden waren. Die ganze Macht belief sich auf zwölf große Linienkriegsschiffe, 50 Fregatten und eine Menge kleinere Fahrzeuge und Kanonenboote unter dem Haupt-Commando des französischen Admirals Bruat, der englischen Abtheilung unter Sir E. Lyons. Am 24. Mai, dem Geburtstage der Königin von England, den Lord Raglan vor Sebastopol durch doppelte Portionen Fleisch für sich und die Armee feierte, von 1 Uhr Mittags an zogen sich die Schiffe in der Straße von Kertsch zusammen, die an ihren engsten Stellen bis etwa 11/4 deutsche Meile, bei Yenikale freilich durch eine weit ausgestreckte Sandbank aus kaum 1/2 Stunde sich verengt.

„Als wir,“ schreibt ein Augenzeuge, „etwa um 3 Uhr um die Taklispitze herum in die Straße von Kertsch einfuhren, hatte ich eine gute halbe Stunde Gelegenheit, das links hingestreckte Land zu studiren, Ebenen, rücken und Runzeln und Hügel zwischen dem üppigsten, saftigsten, blüthenreichsten Grün des Mai’s, dazwischen zerstreute ärmliche Häuser und Hütten und schwarze, traurige Salzsümpfe. Aber bald zog sich unsere Aufmerksamkeit ausschließlich hinauf nach Kertsch, von wo ferne Donner und weiße Rauchwolken den begonnenen Kampf verkündigten, der freilich eigentlich blos als das großartigste Feuerwerk gelten kann. Plötzlich erhob sich eine [328] ungeheure weiße Rauchsäule wie ein gigantischer Ballon. Es folge ein dumpfes Gekrach: ein Magazin war in die Luft gesprengt worden. Kurz darauf dasselbe Phänomen; einige Minuten später zitterte das Schiff unter unsern Füßen, das Meer bedeckte sich mit zitternden Wellen, die Erde bebte, ein unbeschreibliches, dumpfes Krachen wälzte sich durch die Luft: ein Pulvermagazin war in die Wolken geschleudert! Nicht lange darauf wiederholte sich dieses donnernde Krachen dreimal auf einmal, ein dreifaches Donnern in einem großen Athemzuge: drei Magazine in die Luft geschleudert! – Später steigen hier und da Flammen mit schwarzen Rauchwolken auf, hier auf dem Lande, dort auf dem Meere. Häuser und Dörfer und Magazine und Schiffe brannten. Letztere wälzten sich rathlos und gleichsam von zweifachem Tode, dem Ertrinken und dem Feuer, schmerzhaft gequält, lange umher, bis sie halb sinkend, halb vom Feuer vernichtet allmälig mit ihren Flammen versanken. Und als nun der bleiche Mond am klaren Himmel aufstieg und bald zwischen schwarzem Rauche heller, bald über aufflackernden Flammen bleicher, bald hinter neuen und sich die ganze Nacht hindurch wiederholenden Explosionen ganz unsichtbar zu werden schien, aber doch immer ruhig blieb, ohne sich um diese furchtbaren Feuerwerke der Zerstörung zu bekümmern, kam uns das Gefühl, daß wir eine Kriegsscene erlebten und spielten, wie sie in der Geschichte wohl niemals so großartig, so unblutig und doch so gewaltig in ihrer Erscheinung, so wichtig in ihren Folgen vorgekommen sein mag.“ (Jedenfalls ist dadurch den Russen ihre Hauptlebensmittelquelle abgeschnitten und das Ministerium Palmerston, das schon im vollständigen Falle war, noch auf eine neue Frist gerettet worden.) „Wir landeten, wie die meisten Truppen, zwischen einem Salzsee und den Klippen von Ambulaki, einem Dorfe zwischen zwei vollständig verlassenen Batterien (Kamiesch- und Pavlovska- oder Pauls-Batterie), von wo aus die Hauptarmee ohne Widerstand in Kertsch eingedrungen war. Kertsch ist das alte Panticapäum, von dessen griechischen Alterthümern eine gute Sammlung im britischen Museum sich befindet, besonders interessant wegen eines alten, vollständig erhaltenen Stuhlbeines, dem thatsächlichen Beweise, daß die Griechen die Vergoldung gut verstanden und ihre andern Kunstwerke (Statuen) auch vergoldet haben mögen.

„Wir bivouakirten die erste Nacht auf dem Hügel von Ambulaki, das, wie alle umliegenden, zerstreuten Hütten und Höfe, ganz menschenleer war. Nur später zeigten sich einige zurückgebliebene tartarische Familien, die um Schutz baten, der ihnen auch zugesichert ward. Das Land sieht hier wunderschön aus. Der üppigste blühende Rasen steigt von duftigen Hügeln dicht bis an das Meer herunter und spiegelt schwere Blumen in dessen Wellen. Etwa 200 Yards vom Meere steigt das Land bis zu 100 Fuß. An diesem Saume hin, am Meere entlang verzetteln sich unabsehbar einzelne Gehöfte und Ackerwirthschaften noch ganz nach demselben Schnitt, wie wie Virgil vor 2000 Jahren besang. Die muntern Franzosen waren uns hier überall zuvorgekommen und hatten die verlassenen Häuser weit und breit durchplündert, obwohl sie größtentheils nur alte Schuhe und Kleidungsstücke, saures Schwarzbrot und stinkendes Oel zwischen den nackten, weißen Wänden in dumpfer, stinkender Atmosphäre fanden. Das Vieh war weggetrieben, die Meubles zerstört worden. Nur Enten und Gänse wurden von den Franzosen noch in ziemlicher Menge gefangen und gebunden unter fürchterlichem Gegacker und Gekreisch weggeführt und zum Theil an englische Soldaten verkauft. Auch ein Schwein hatte man aufgetrieben. Es wurde als Communaleigenthum gleich von allen Seiten mit so viel Säbeln, als heran kommen konnten, zerhackt und so brüderlich getheilt.“

Und wie sieht diese plötzlich Haupt der Tagesgeschichte gewordene, bis vor vierzehn Tagen kaum dem Namen nach bekannte Stadt aus? Merkwürdig genug. Ehe die Alliirten kamen und die Russen selbst die größten Schönheiten und Schätze der Stadt in die Luft sprengten, war sie eine der modernsten architektonischen Schönheiten Rußlands, mit circa 12,000 Einwohner, befohlen und geschaffen durch einen strengen, gradlinigen Ukas des vorigen Kaisers. Sie streckt sich an der nördlichen Küste der geraden, durchgehenden, schön gepflasterten Hauptstraße und einem erhabenen „Bürgersteige“ in der Mitte. Sie wird in rechten Winkeln von andern schönen Straßen durchschnitten und mündet in ein Polygon, Viereck, aus, um welches eine Arcade läuft, welche den Marktplatz einschließt. Die Häuser glänzen alle in militärischer Ordnung mit ihrem weißen Kalkstein, wie Odessa. Der Marktplatz nimmt den alten türkischen Bazar ein und die Stadt selbst den Platz des alten Panticapäum, der Hauptstadt des einst gewaltigen Pontusreiches, das über ganz Kleinasien herrschte, und unter Mithridates VII. die eroberte Römerweltherrschaft fünfzig Jahre lang (121 bis 64 vor Christi Geburt) auf das Blutigste und Wüthendste bekämpfte. Vom Marktplatze führt eine gigantische Treppe auf einen Felsen, wo die Hauptkirche steht. Der Bauplatz dazu wurde in den Felsen gehauen, der noch heute Mithridates-Berg heißt. Hier zeigt man noch ein Grabmal, welches die irdischen Ueberreste der einstigen „Geißel Roms“ enthalten soll. Ein roh ausgehauener Sitz auf der Spitze des Felsens wird als der Lieblingsplatz bezeichnet, von wo Mithridates seine ungeheueren Flotten dem cimmerischen Bosporus (dem asow’schen Meere), damals der Schrecken des „civilisirten Westens“, überwacht und dirigirt haben soll. die jetzige Kirche ist ein imposantes Bauwerk im griechischen Style, doch soll die Treppe hinauf mit ihren gigantischen Vasen und Greifen, dem Symbole des Mithridates, noch viel schöner und neben dem „Museum“ die größte Merkwürdigkeit sein. Ueber das Museum, eine reiche Sammlung von Antiquitäten aus den zahlreichen Grabhügeln umher, die noch jetzt in großer Menge die Höhen der Halbinsel schmücken, erwarten wir bestimmtere Berichte. Die Sammlung im britischen Museum ist aus diesem angekauft worden. Weiter in’s Land hinein giebt es oft meilenlange unabsehbare Steppen mit Höhenzügen, deren traurige Eintönigkeit nur durch zahlreiche Ausrufungszeichen der alten mithridatischen und späteren tartarischen Herrlichkeit, durch regelmäßige, viereckige Grabeshügel und Todtensäulen unterbrochen wird.

Schilderungen des Landes und der Stadt und der Gegenden des asow’schen Meeres wird es bald in Hülle und Fülle geben. Wir beschränken uns hier nur noch auf ein Bild des Marktlebens in Kertsch, wie es ein Augenzeuge aus der Zeit vor dem Kriege gab: „Zwanzig verschiedene Racen ellbogen und stoßen sich hier auf dem Markte, Russen, Tartaren, Nogaïten, Juden, türkische Matrosen, Genueser, Ragusaner, Kosaken, Kalmücken, Griechen, deutsche Kornmäkler von Odessa, Armenier u. s. w., alle agitirt und getrieben von mercantiler Gewinnsucht. Nach den Geschäften rumpeln sie davon in die Ebenen hinunter auf Wagen, die jeder eine Geschichte des Volks sind, die Russen in „Teleka’s“, die Tartaren auf ihren Karren, die auf großen, rohen Holzscheiben, statt der Räder, von trägen Ochsen davongezogen werden, die Nogaïten in ihren „Modgyars“, geflochtenen Körben auf Rädern, Andere reitend auf Kameelen, Andere auf Pferden, Andere auf den Wogen und in elenden Booten und Schiffen.

„Während der Markttage ist Alles Fülle und buntes Leben. Im Uebrigen hält sich die Stadt ruhig und reinlich, kämpft viel gegen Elemente und Witterungswechsel und ist für feindliche Angriffe leicht zugänglich.“

Als Hafen ist Kertsch, obgleich mit einer langen Reihe von Steinbollwerk, ziemlich unbedeutend. Die immer mehr zurücktrentenden Gewässer der Meerenge von Yenikale machen es tiefer gehenden Schiffen ganz unmöglich, heranzukommen. Völlige Unbekanntschaft mit den verschiedenen Tiefen hatte die merkwürdige Expedition der Alliirten (obgleich sie längst wußten, daß der Weg nach Sebastopol wesentlich über Kertsch führte) so lange verzögert. Die Art, wie man zu der nöthigen Kenntniß kam, ist merkwürdig. Ein englischer Seeoffizier nahm ein russisches Schiff, auf welchem sich eine Privatequipage des Gouverneurs von Kertsch befand. Er schickte höflich eine Botschaft an denselben, daß er ihm sein Privateigentum nicht vorenthalten möchte und es ihm zur Verfügung stüunde. Das Anerbieten ward angenommen, und so liefen die Boote des englischen Schiffes mit der Equipage in den Hafen von Kertsch ein und peilten und sondirten das Wasser unterwegs sorgfältig. So fand man, daß es einen Weg für kleinere Dampfschiffe bis ganz nahe an die Küste gäbe. diese Entdeckung führte zu der merkwürdigen Expedition, an welche die Russen durchaus nicht gedacht zu haben scheinen, so daß sie im panischen Schrecken überall landeinwärts flohen und sich nur Zeit nahmen, alle die ungeheuern Lebensmittelvorräthe, Magazine und Gebäude, die dem Feinde Vortheil gewähren könnten, durch Brand und Explosionen zu vernichten, eine Art Moskau-Patriotismus. Wir können uns wohl kaum denken, wie die Stadt nun aussehen mag und werden deshalb wohl gut thun, dem merkwürdigen Platze, der Garantie der Alliirten für die Herrschaft über das asow’sche Meer und vielleicht auch über die Krim, später einen neuen Besuch abzustatten.

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Die Gartenlaube (1855) b 329.jpg

Anapa.

Nicht minder wichtig als die Eroberung von Kertsch ist die Einnahme von Anapa durch die Tscherkessen. Die Russen haben auch diese Festung verlassen, ohne sich auf eine Vertheidigung einzulassen und jetzt steht die ganze asiatische Küste wieder der Zufuhr vom schwarzen Meere offen und die Kaukasier sind wie zuvor Herren derselben. Anapa, auf einem Vorsprung des Gebirges Kysilkaija gelegen, war die stärkste jener zahlreichen Küstenfestungen, durch welche Rußland bis vor Kurzem die Völker des Kaukasus vom schwarzen Meere abzusperren versuchte. Sie hat einen guten Hafen und unter seinen 8000 Einwohnern befinden sich viele reiche Kaufleute, die einen besonders wichtigen Handel mit den Bergvölkern treiben. Die dort mit vielen Kosten aufgebauten Kriegsmagazine sind wahrhaft großartig und werden, wenn die Russen nicht Zeit und Gelegenheit gehabt, die großen Vorräthe zu bergen, den Tscherkessen eine sehr willkommene Beute bringen.




Die Naturheilkraft.
Warum Krankheiten ohne und trotz Arzneien und Heilkünstler heilen.


Es ist eine Thatsache, daß kranke Menschen und Thiere wieder gesund werden ebensowohl wenn sie ganz ohne Arzneien bleiben, als auch bei Anwendung der verschiedenartigsten Heilmittel und Heilmethoden. Recht deutlich sieht man dies bei Behandlung derselben Krankheiten durch mittelsüchtige, blutdürstige Allopathen, woei durch ächte Homöopathen, deren Heilmittel, wie bekannt, gleich Nichts sind. – Aechte Homöopathen, sagte ich, weil die meisten derselben zur Zeit unächte und schon von Hahnemann im Jahre 1832 Bastard-Homöopathen getauft worden sind, die da, wo sie mit ihrem Nichts nicht mehr auskommen können, zu solchen großen Gaben von allopathischen Mitteln (Opium, Jodkali, Chinin u. s. w.) greifen, wie die richtigen Allopathen. – Ebenso erlangen aber auch Kranke nicht selten ihre Gesundheit durch Sympathie und ganz unwirksame Geheimmittel wieder, ja diese geschieht sogar bei der schimpflichsten aller Heilmethoden, bei den Rademacherschen, wo dem Kranken immerfort und so lange Arzneimittel verschiedener Art eingegeben werden, bis er stirbt oder gesund wird. [Rademacher’s eigene Worte sind: „Ueberzeugt, daß die Natur der Krankheiten auf keine andere Weise, als durch Probemittel zu erkennen ist, mache ich keinen gelehrten Heilplan; ich denke nie, das gegebene Heilmittel wird und muß helfen, es kann auch vielleicht nicht helfen. Wenn sich aber das erste Probemittel nicht bewährt, so wird ein anderes genommen und so fort, bis die Krankheit sich löst oder besser wird.“]

Wie kommt es nun, daß Kranke ebensowohl bei keiner, wie bei der verschiedenartigsten Behandlung genesen? Dies hat seinen Grund in der Einrichtung unseres Körpers, vermöge welcher alle Veränderungen in der Ernährung und Beschaffenheit der flüssigen oder festen Körperbestandtheile (d. s. Krankheiten) solche Processe nach sich ziehen, durch welche jene Veränderungen entweder vollkommen, bald schneller bald langsamer, gehoben werden, oder in bleibende Entartungen übergehen, oder auch die vollständige Ertödtung des kranken Theiles ausarten. Hiernach kann also auch eine jede Krankheit drei Ausgänge nehmen; sie kann nämlich in vollkommene Genesung übergehen; sie kann sogen. organische, mehr oder weniger sichtbar und beschwerliche, niemals aber wieder schwindende Fehler nach sich ziehen; sie kann zum Tode des erkrankten Theiles (Brand) oder, wenn dieser zur Unterhaltung des Lebens sehr nöthig ist, zum Tode des ganzen Körpers führen. Im erstern Falle, wenn bei einer Krankheit vollständige Genesung eintritt, pflegte man früher von der Wirksamkeit einer besondern Kraft, der sogen. Naturheilkraft (Selbsterhaltungstrieb) zu fabeln, die sich Manche sogar als einen, mit Verstand begabten, irgend wo im Körper residirenden und von da aus regierenden Geist (Arzt im Menschen) dachten. Diese kindliche Ansicht herrscht natürlich jetzt, nachem man den Stoffwechsel im Körper (s. Gartenl. Jahrg. III. Nr. 6) genauer kennen gelernt hat, nicht mehr; wohl kann man aber die einen kranken Theil in seinen [330] gesunden Zustand zurückführenden Processe als naturheilkräftige bezeichnen. Glücklicher Weise kommen nun bei den allermeisten Krankheiten solche Processe ganz von selbst, ja sogar trotz des ärztlichen Eingreifens, und zwar nach ganz bestimmten, im Körper herrschenden Gesetzen zu Stande und deshalb können auch die allermeisten Krankheiten recht gut sich selbst überlassen bleiben, am besten freilich mit der Vorsicht, daß man alle stärkeren und störenden Eindrücke vom Körper und besonders vom erkrankten Organe abhält und Ruhe, mäßige Wärme, reine Luft und leicht verdauliche Speisen und Getränke anwendet (d. s. nämlich die zur Unterhaltung des Lebens unentbehrlichen Bedingungen). Allerdings führen dies naturheilkräftigen Processe manchmal, in Folge verschiedener, uns zur Zeit noch nicht genau bekannter Umstände, nicht zur vollständigen Genesung, sondern hinterlassen bleibende Veränderungen, die aber sehr oft ganz ohne Beschwerden sind und deshalb häufig gar nicht bemerkt werden. Leider ziehen sie aber auch unvertilgbare und beschwerliche Veränderungen nach sich, deren Heilung nur von unwissenden Aerzten und Charlatanen, gewöhnlich zum großen Nachtheile des ganzen Körpers, erstrebt wird.

Weil nun die Aerzte die im kranken Körper ganz von selbst eintretenden naturheilkräftigen Processe nicht ordentlich kennen lernen, und diese kennen zu lernen sich auch keine Mühe geben, so erzeugt sich bei den meisten dieser Herren, so wie bei allen heilkünstelnden Charlatanen, neben einem lächerlichen Hochmuthe die Ansicht, als ob das, was sie dem Kranken an Arznei verordnet haben, Ursache der Besserung und Heilung sei, nicht aber die unsern Körper von Natur zukommende Einrichtung. Manche pfiffige Mediciner jedoch, die diese Processe recht wohl kennen, halten es für weit einträglicher, dem unwissenden und abergläubischen Volke gegenüber den Schein einer Heilmacht zu behaupten. Am allerunwissendsten in Beurtheilung der naturgemäßen Heilprocesse (und desahbl auch am arrogantesten) sind die Homöopathen, welche geradezu die sogen. Naturheilkraft verhöhnen, sie trügerisch und unzuverlässig nennen und ihrem „Nicht mit Milchzucker“ eine übernatürliche Heilkraft zuschreiben. Natürlich sind auch hier wieder die pfiffigen Herren auszunehmen, welche die Dummheit und Leichtgläubigkeit des großen Haufens benutzen, um gute Geschäftchen zu machen.

In einem nächsten Aufsatze sollen die Naturheilungsprocesse weiter besproche, sowie die vortheilhaften und schädlichen Eingriffe in dieselben von Seiten der Menschen beleuchtet werden.
(Bock.) 




Der große Blumen-Congreß im Krystall-Palaste
zu Sydenham bei London.

So ein freudiger, blumenreicher Tag ist auf Erden noch nicht dagewesen, als der erste Juni-Sonnabend dieses Jahres im Krystall-Palaste zu Sydenham bei London. Es war der volle, erste Völer-Congreß aller blühenden Schönheiten der Erde. Alle Zonen und Nationen hatten ihre schönsten Vertreterinnen im duftigsten, reichsten Schmucke, den die edle Kunst und Wissenschaft des höheren Gärtners der Natur zu verleihen im Stande ist, unter diese erhabenen Krystallbogen gesandt. Die Vertretung der gemäßigten Zone versteht sich von selbst; aber auch Italien, Grahams Town, Damaskus, Schiras, Calcutta, Bengalen, Algerien, Abyssinien, China, Siam, Assam, Birmanien und selbst Japan hatten volle durftige, blühende Stimme in diesem kosmopolitischen Congreß des vegetabilischen Weltschönheitsstaates. Es war das weite Blüthenkleid unserer ganzen Kugel, die Weltkarte der Flora und der Damenflora von England obendrein. Wie oft kam ich in Verlegenheit, was ich für himmlischer halten sollte, die gazige, blühende, entzückte Vertreterin weiblicher, oder die Abgeordnete vegetabilischer Schönheit. Vor einer roth und weit blüthenübersäeten, riesigen „Epacris“ stand ein rosiger, feiner, blühender Engel, unter dessen großen, gelben, blaubebändertem Strohhute die üppigen Locken so golden quollen, als könnte man direct Goldstücke oder Epaulettes daraus schmieden, und klappte in die weißen Hände und rief mit der süßesten, entzückenüberquellenden Stimme: „Mama, da möcht’ ich mitten hineinspringen und mitblühen!“ Kein Schönheitsrichter Paris hätte sich anders aus der Verlegenheit helfen können als durch ein solches Urtheil.

„Der Mensch wird wieder zur Erde, und aus der Erde wachsen Jahr aus Jahr ein so unsäglich schöne Blumen! Wenn ich einst im Sterben liege, werde ich daran denken und mich nicht fürchten,“ sagte eine blasse Dame im tiefsten Schmerz zu ihrem Begleiter vor dem blühenden Erica-Walle.

Das sind zwei Beispiele von den Wirkungen dieser Schönheit. Wie Lessing ganz richtig beweis’t, kann man die Schönheit selbst nicht mit Worten malen. Um in Worten eine Vorstellung von ihr zu geben, muß man’s wie Homer machen und die schönheit in ihrem Reize, in ihrer Wirkung zeigen, so daß er, um zu singen, wie schön Helene war, um welche der 10jährige trojanische Krieg entbrannte, sie vor ehrwürdigen, weißhaarigen Greisen vorbeigehen läßt, welche nun ausrufen: „Das ist sie, um welche der Krieg aufloderte, der so viel Blut und so viele Thränen kostet! Aber, was er auch kosten mag, diese göttliche Schönheit ist es werth!“ So wirkte sie auf ausgebleichte Greise, die Schönheit Griechenlands. So wirkten die Blumen auf Engländerinnen, die sonst so gern kal und vornehm thun vor den Augen der Welt.

Doch das ist mitten aus der Glorie. Suchen wir in epischer Reihenfolge ein Bild davon zu geben, mit Farbe und Duft, mit Sonnenschein und einer Herrlichkeit, wie sie noch nie beisammen war.

Die ersten Vorboten des Festes waren allerlei Wagen, vom „Cab“ und „Brougham“ an bis zur schwersten Familienkutsche alter Oberhausfamilien. Die „Cabs“ für die Blumenschau waren sofort zu erkennen. Die Kutscher trugen ja gewaschene Handschuhe, obgleich es Sonnabend war, und die neuen, leichten, gehauchten Hüte der Damen darin und die steifen Vatermörder und wundervollen Westen der Herren ihnen gegenüber und die goldenen Stockknöpfe zwischen ihren ganz neuen Handschuhen hervorkokettirend, verkündeten laut: Heute ist etwas Ungeheueres los! Die gewöhnlichen Familienkutschen vergaßen heute ihre Würde und suchten mit plebejer Leidenschaft durch das Gedränge zu rumpeln, obgleich sie dadurch ihr Ungeschick nur deutlicher verriethen und inwendige mit ihren in Vornehmheit fet gefrornen Paaren aussahen als wären sie nur aus Versehen und Vergessenheit aus unerreichbaren Höhen und vergangenen Jahrhunderten in die Gegenwart gerathen. Erst nach 12 Uhr erschienen die Flugmaschinen der jungen Welt- und Pferderennen-Aristokratie, durch die Straßen schießend wie Feuerspritzen und Wind machend, wie Palmerston, daß die Blätter von den Geraniums in den Knopflöchern der Kutscher davonstoben.

Es wäre Vieles zu singen und zu sagen von den Blumen-Congreß-Equipagen, deren nicht weniger als siebentausend, wie die Times angab, vor den Thoren des Krystall-Palastes erschienen, um die feinste Sahne der ganzen englischen, versauerten Gesellschaft unter die Blumen zu gießen, aber wir müssen uns kurz und an die Sache halten. So erwähnen wir nur noch, daß die Eisenbahn den ganzen Tag athemlos in langen überfüllten Zügen ununterbrochen hin- und herschnaubte, ohne jemals aufzuräumen und ganze Massen zu Fuß und zu Pferde ersetzen mußten, was der Dampf und die 7000 Equipagen an sich fehlen ließen.

Der Vormittag war trübe, so daß die Damen mit ihren elfenbeinerenen, reich umfranzten Sonnenschirmen und Parapluies ängstlich Wache hielten, um die ersten Tropfen aufzufangen; aber um 1 Uhr trat die Sonne, wie auf ein Trompeten-Signal, hinter den Wolken hervor und sagte strahlend und die wonnevollste Scene verklärend: Ich will das Meinige auch dazu beitragen zu diesem Ehrenfeste für meine Lieblingskinder auf der Erde. Und so schien sie wie noch nie vorher. die Blumen-Armeen, welche bisher außer unter dem Krystall- noch unter einem unabsehebaren Gazehimmel dunkel und trübe gestanden, bekamen alle klare, heitere Gesichter wie die Figuren eines alten Gemäldes unter einem neuen Lack. Der Gaze-Himmel wurde Duft und Aether, und Eisen und Glas des ganzen Tempels verwandelten sich in architektonisch geformte Sonnenstrahlen, [331] die nur dazu dienten, die schwellende Freude von mehr als 100,000 Menschen zusammenzuhalten, daß sie sich nicht in Seligkeit und Himmel auflöse. Die großen runden Geflechte mit den Schlingpflanzen hingen wie Kronenleuchter herunter, statt der Lichter mit seltsamen Blumen in ihren langen phantastischen grauen Armen. Draußen wurde der Durchbruch der Sonne durch ein allgemeines: „Präsentirt’s Gewehr!“ von Seiten der Damen gefeiert. So wie der erste Sonnenstrahl herabschoß, schossen unzählige Tausende von Sonnenschirmen in die Höhe und spannten sich auf zu dem buntscheckigsten Hut-Himmel. Man hörte das Knackern der Drähte inwendig bis in die weiteste, verschwimmende Ferne. Mehrere für ihre Teints zartfühlende Herren spannten sogar ihre Regenschirme auf.

Die Racen und Geschlechter der Blumen waren in einzelnen Regimentern und Bataillonen an grünen Kunsthügeln aufwärts aufgestellt, zwar in merkwürdiger Anarchie, wie sich das in England von selbst versteht, theils nach Klassen, theils nach Verhältniß ihrer Eigenthümer, aber das störte die unaussprechliche Schönheit und Großartigkeit des Schauspiels nicht. Jede Pflanze war ein Muster ihrer Art, ringsum mit vollentwickelten und knospenden Blumen, dicht bekleidet, so daß man sich am Meisten über die unbegreifliche Gärtnerkunst wundern muß, die es vermochte, solche Blüthenmassen gleichzeitig rings herum zu entwickeln. Jede Pflanze trug ein zusammenhängendes Festkleid, gewoben aus ihren eigenen Blumen, so daß sich Zweige, Stämme und Blätter oft ganz dahinter bargen. Einige wiegten sich hoch über der Menge zwischen den prismatischen Farbenspielen der rauschenden, riesigen Krystall-Fontaine und schienen mit den Vögeln zu kosen, die sich in diesen ewigen Frühling verirrt hatten und von Damen und Kindern mit dem größten Interesse überall hin verfolgt, größtentheils aber da gesucht wurden, wo sie nicht waren.

Besonders viele Freundinnen erwarb sich eine Amsel, die fortwährend überall in höchster Lust neckisch zu pfeifen schien und gleichzeitig überall gesehen und gehört ward, so übermüthig lustig schoß sie umher, um sich alles zu besehen und Loblieder zu extemporiren. Könnt’ ich diese Lieder der Amsel übersetzen, wär’ ich vielleicht im Stande, diesen Universal-Blumen-Congreß zu schildern. Als Mensch ohne Flügel vermag ich nur einzelne Wunder namhaft zu machen, vor allen die Azalias. Hier in einem glühenden Berge so roth, so feurig, daß man schwarze Flecke in die Augen bekam wie vom Sehen in das glühende Roth der untergehenden Sonne, dort in einem rosigen Weiß, so transparent und zart, wie das Fleisch auf einem jungen Busen, dort wie ein alter König, durchweg in Scharlach oder Purpur, dort blau, wie ein leuchtendes Auge treuer Liebe, oder weiß, wie Hauche lichter Lämmerwölkchen auf dem hellen, saftigen, grauen Grunde der Blätter. Es waren die Farbenspiele in blühendster Fülle, aber auch die Rundung und Größe und fleckenlose Gesundheit dieser Tausende von Azalien, die ein immerwährendes Feuer von Ausrufungen des Staunens und Entzückens unterhielten. Wie graciös und grandios thronten die vasenartigen Blüthen der Riesenlilie (Lilium Giganteum). Nie sah man ein reineres Weiß als in den Blüthenkelchen der Phalaeopsis grandiflora. Von Dendrobium hingen die Dolden wie glühende Trauben bei Tokay oder Madeira. Und die Erica-Versammlung? Perlenmeere wie Wachs, wie ächte Korallen, wie Pyramiden von blauen, rothen, violetten, gelben und mischfarbigen Perlen. Zitternd vor jedem Schritte hingen die rothen Blumenhauche von den Zweigen der Boronia. Eine Distel vom Cap der guten Hoffnung blühte wie Gläser voller „Kirsch mit feinem Pomeranzen.' Auf der Vinca rosea alba mit blos vier großen weißen Blättern saßen zwei Blüthen wie Schmetterlinge. Eine Ananas erhob sich zwischen ihren zweischneidigen Blättern, wie gezogenen Riesenschwertern, um sich vor der Menge der Anbeißlustigen zu schützen, wie ein dichter goldener Stab. Ein Dendrobium Pierandii califolium war in Blüthen gekleidet, wie ein persischer Prinz, und doch erklärten einige Herren von Fach (erkenntlich an ihrem würdevollen Gange, ihrer festlichen Haltung und ihren Jägerröcken, aus denen sie stolz auf weiten, rauschenden Sammet und Meere von Seide und durchsichtige Sommerzeuge blickten), daß der Kopf ziemlich nackt aussähe. Wie muß denn ein Exemplar im vollen Ornate erscheinen?

- Und diese Geraniums, diese fleischigste aller blüthentreibenden Pflanzen! Eine Pyramide wie ein ungeheuerer Getreideschober, rundherum alles Blüthe in allen Farben, und jede Pflanze rund wie gedrechselt und rund herum mit Blüthen bedeckt. Hier traf uns eine Luftwelle voller Erdbeergeruch. O, Erdbeeren, Erdbeeren in dieser erschöpfenden, heißen Freude! Alle wurden wir von einem unsichtbaren Zauberstabe berührt. Alle Arten von Nasen erhoben sich und trauerten, um dann die Spur zu verfolgen. Erdbeeren? Kinderköpfe waren’s, runde Runkelrüben, Kürbisse, wenigstens zum Theil größer als Gänseeier. O, wie sie sogen und schnüffelten, und die Kinder ihre runden, geringelten Händchen ausstreckten und, wenn sie weggepatscht wurden, sich erinnerten, daß sie früher Daumenlutscher gewesen und nun doch etwas in den Mund zu stecken fanden! Später traf eine Dame eine ihrer Freundinnen, die sehr kränklich aussah: „Meine Theure, hast Du die Erdbeeren gesehen? O geh, geh, es wird Dir unendlich gut thun!“ - So schön, so erquickend war das Aroma, daß die Dame im vollen Ernste an deren Heilkraft für ein krankes Herz glaubte. Blasse, kranke Gestalten, in eleganten Handwagen umhergefahren, verweilten hier länger, und ein sehr bleicher, abgezehrter Mann mit dem großen, unlängst von der Königin eigenhändig vertheilten Orden: „Balaklava,“ mit seinem noch einzigen Arme schwer auf einen Führer gelehnt, stand hier besonders lange und holte tief, tief Athem. Diese Erdbeeren waren gleichwohl der gottloseste, tantalisirendste Theil der Ausstellung, da keine ausgestreckte Hand es wagen durfte, diese duftigsten Wunder von Fruchtblüthen nur zu berühren.

Vom Erdbeer-Departement stürzten sich dann auch die Meisten mit wilder Gier unter das unabsehbare Gläsergeklirr Eis löffelnder Damen und hindurch bis in die Gegenden des berühmten Labster-Salates mit kaltem Geflügel, ich allein blieb ein freier Mann und aß aus - der Tasche und guckte dabei der goldgespickten Aristokratie stolz in die Physiognomien, wohl wissend, daß Niemand diesen Grad von Unabhängigkeit erreicht hatte, wie ich.

Plötzlich hieß es: the fountains! the fountains!die Fontainen! Das Eis- und Labstersalat- und Erdbeerdepartement - Alles ward plötzlich Einsamkeit. Ueber 100,000 Menschen im feinsten Staate gruppirten sich draußen auf dem grünen, grünen Sammet des Parkes um die Bassins, die heute zum ersten Male ihr Meisterstück machen sollten. Da standen sie in unabsehbaren Gruppen voller Sammet und Seide unter flatternden Schirmen und Schleiern zwischen den weißen Statuen unter den malerischen Bäumen von der großen, weiten, offenen Landschaft, offen bis zu der dreißig Meilen entfernten, noch sichtbaren Buchholz-Höhe. Still, still warteten Hunderttausende auf die erste Entfaltung von mehr als hundert Wasserstrahlen in den verschiedensten Spielarten, des großen Ehrenpunktes, ob Paxton nun zeigen werde, daß er die berühmten Wasserkünste von Versailles übertreffe. Das Zeichen ward gegeben. Die schließenden Hähne wurden von einer kleinen Armee von Dienern zugleich gedreht, es zischte, es prodelte und plätscherte, silberne, dicke Arme wuchsen auf und höher und höher Fuß für Fuß. Und nun rauschte und donnerte und sprühte und glänzte es plötzlich in allen Richtungen in den blauen Himmel und die regenbogenspielenden Sonnenstrahlen hinein, hundertarmig sich kreuzend und wieder kreuzend und seltsam stehende und doch stets flüssige und sich wandelnde Figuren bildend. Der Wind griff in die leichten Wasserfiguren hinein und sprühte sie bald in dieser, bald jener Richtung auf die zartesten Kleider und Hüte. Kreischend hoben die Damen Röcke und Regenschirme auf und stoben nach allen Seiten aus- und übereinander. Mit der ersten vollen Entfaltung der Wasserkünste setzten 60 Mann ihre glänzenden Blasinstrumente an und schmetterten, daß sie braun und blau wurden, und die Menge platzte vocal in ein freudiges Jubelgeschrei aus, ohne den kleinen, kurzen Mann zu bemerken, der immer noch seinen weißen Hut trägt und so recht seelenvergnügt schmunzelte, Sir Joseph Paxton, der Erfinder des Krystall-Palastes und der Wasserkünste, der jetzt einen 8 englische Meilen langen Krystall-Palast als Fahr- und Eisenbahnweg zwischen dem Ost- und Westende Londons bauen will.

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Blätter und Blüthen.

Die Honigbiene. Es ist nicht minder bemerkenswert, daß seit tausendjähriger Uebung der Bienenzucht die Naturgeschichte der Bienen immer noch Zweifel enthält, als daß es überhaupt den Menschen einfiel, dieses kleine Insekt zum Hausthiere, zum Genossen von Pferd, Schaf und Rind zu machen.

Kaum eines dieser drei wichtigen Zucht-Säugethiere hat eine größere Literatur aufzuweisen, als die Honigbiene und keine hat so viel Anlaß zu literarischen Kämpfen gegeben, als eben dieses kleine Thier.

Es ist vielleicht manchem meiner Leser neu, zu erfahren, daß wir Vieles von dem, was wir jetzt sicher über die Lebensweise der Honigbienen wissen – einem Blinden verdanken. Franz Huber, ein Franzose, war es, der, nachdem er lange mit den Augen seines Sohnes, Franz Burnens Huber, den Haushalt derselben belauscht hatte, im Jahre 1796 seine „Nouvelles observations sur les abeilles“ herausgab. Ihm verdanken wir mehrere der sinnreichen Vorrichtungen, deren man sich jetzt noch bedient, um mit dem beobachtenden Blicke bis in die finsteren wohlverwahrten Räume des Bienenstaates zu dringen.

Aber schon lange vor Huber hatten Swammerdam und Réaumur, deren anatomische Arbeiten noch heute unübertroffen sind, mit ihren noch sehr mangelhaften Instrumenten einen sichern Grund zur Kenntniß der Honigbienen und ihrer Lebensweise gelegt; nachdem bis dahin seit Aristoteles, der an die Fabel der Entstehung der Bienen aus verwesenden Rindern glaubte, die Naturgeschichte dieses noch immer räthselvollen Wesens ein buntes Zweierlei von Fabel und Wahrheit gewesen war.

Das neueste Werk über die Honigbiene ist ohne Zweifel zugleich auch das vorzüglichste von allen bisher erschienenen, denn es giebt eine vollständige Uebersicht dessen, was in diesem Augenblicke über das Leben und den Haushalt der Bienen stichhaltig ist, ohne sich sehr in die Lehren über Bienenzucht zu verlieren. Es ist das Buch darum auch besonders allen denen zu empfehlen, welche – und von wem gälte dies nicht in höherem oder minderem Grade – von jeher diesem Symbol des Fleißes und der Ordnung ihre Aufmerksamkeit zugewendet haben und das begreifliche Mißbehagen fühlen, nicht zu wissen, ob das über die Bienen Gehörte und Gelesene Dichtung oder Wahrheit sei.

Das Buch heißt: Die Honigbiene. Eine Darstellung ihrer Naturgeschichte in Briefen; von F. B. Busch. Gotha, bei Hugo Scheube. 1855.

Auf jeder Seite findet man Belege für die interessante Wahrnehmung, welcher Beharrlichkeit nicht nur, sondern auch welchen Scharfsinnes es bedurfte, um das Leben und die Gewohnheiten dieses Thierchens zu erforschen, welches sich so sehr der Beobachtung entzieht, sei es in dem wohlverwahrten und mit tausend Waffen vertheidigten Korbe, sei es in dem unermeßlichen Luftocean, in welchen eine ausfliegende Biene schnell dem Auge entschwindet. Man ist gewöhnlich geneigt, da man einmal alles Wunderbare von den Bienen glaubt, anzunehmen, daß sie aus weiten Fernen mit ihrer süßen Beute in ihre Wohnung zurückkehren; während sie nicht weiter als eine halbe Stunde Wege ausfliegen. Und dennoch fallen sie – ein jedem Bienenvater willkommenes Zeichen – oft noch vor dem Flugloche ermattet zu Boden, wenn sie in den Blüthen eine besonders reiche Ernte gemacht haben. Bei solcher Lastträger-Unverdrossenheit kann man es trotz der kleinen Tracht jeder einzelnen Biene glaublich finden, wenn der Verfasser erzählt, daß ihm einmal ein starker Stock in einem Tage – dreizehn Pfund Honig eingetragen habe, zu welchem der an diesem Tage von den Bienen als wohlverdienter Lohn verzehrte noch hinzuzurechnen ist. Doch auch eine Menge lehrreicher und interessanter Thatsachen erzählt der Verfasser aus dem Leben der Bienen. Daß dabei diese auch als Vor-Erfinderinnen von manchen Dingen, auf deren Erfindung wir Menschen uns viel einbilden, glänzen, kann man wohl denken. Sie erfanden, vielleicht lange bevor es Menschen gab, den luftdichten (hermetischen) Verschluß. Herr Busch fand einmal auf dem Grunde einen Stockes eine verfaulte Maus, welche sammt ihrem pestilenzialischen Hauche in einem luftdichten Sarge von Wachs verschlossen war. Fehlte den kleinen Thierchen auch die Kraft, den Leichnam des eingedrungenen, vielleicht mit hundert Dolchstößen erlegen Räubers aus dem Wege zu räumen; so fehlte es ihnen doch nicht an Scharfsinn, dessen Verwesung unschädlich zu machen.

Doch es sollte hier blos auf ein mit Bienenfleiß geschriebenes Buch über die Bienen aufmerksam gemacht werden, nach dessen Anleitung wir vielleicht später einmal einige Mittheilungen aus der Naturgeschichte derselben geben.


An die Deutschen.


Der fünfzigjährige Todestag unsers Friedrich von Schiller hat in allen Gauen des Vaterlandes dankbarste Erinnerung an den Zufrühvollendeten und an vielen Orten gemeinsame Huldigung durch Gesang, Bild und Rede geweckt. Ein Kreis von Ehrenmännern unserer Stadt trat mit dem Unterzeichneten zusammen, um einer solchen auch hier veranstaltet gewesenen Erinnerungsfeier durch Gründung einer Stiftung einen noch umfassenderen Ausdruck zu geben. Der zunächst durch einen Rückblick auf Schiller’s eignes Leben veranlaßte, sonst aber auch durch die traurigsten Erfahrungen auf dem Gebiete der Literatur immer mehr als Nationalpflicht sich aufdrängende Zweck derselben ist, solchen Schriftstellern, welche dichterischer Formen sich bedienend dem Genius unsers Volkes in edler, die Mehrung der Bildung anstrebender Treue sich gewidmet haben, für den Fall ihnen verhängter eigner schwerer Lebenssorge oder den Fall der Hülflosigkeit ihrer nächsten, auf ihr Talent angewiesenen Hinterlassenen einen thatkräftigen Beistand zu leisten. Nicht mehr die bereits unter uns organisirte Form, wohl aber das kräftigere Erblühen und zeitigere Beginnen der Wirksamkeit dieser

Schiller-Stiftung

hängt von dem Widerklange ab, den unsere Anregung in gleichgesinnten Gemüthern findet. Wir lassen deshalb an Alle, denen die Erhaltung, Mehrung und Würde der Nationalliteratur ein theurer und werther Gedanke ist, hiermit einen Aufruf ergehen zur lebendigsten Ergänzung unsers Unternehmens. Wir bitten Freunde der Literatur, aller Orten zu gleichen Schiller-Stiftungen zusammenzutreten und die Verwendung der Ergebnisse ihrer Thätigkeit mit der unserigen in einer künftig näher zu bezeichnenden Weise in Verbindung zu bringen. Wir bitten Diejenigen, die die vorherige Bildung von Schiller-Stiftungen an ihrem Wohnorte nicht abwarten wollen, die Spende, die sie unserm Beginnen für ein Mal oder periodisch entweder selbst zugebracht haben. oder durch entsprechend in Bewegung zu setzende sonstige Förderungsmittel, Concerte, Theatervorstellungen, Bildausstellungen u. s. w. zu erwirken hoffen, unmittelbar an die Herren Lötze und Thomaschke, hierselbst, gegen später erfolgende öffentliche Quittung durch die Augsburger Allgemeine Zeitung einzusenden. Nicht Hoch oder Gering, nicht der Fürst, der in der Förderung eines Augusteischen Zeitalters seinen schönsten Ruhm erblickt, nicht der Bürger, der nach Vollendung seines gesegneten Tagewerkes am reinen Quell deutscher Dichtkunst sich zu erquicken liebt, Niemand, der eine, wenn auch kleine Gabe bereit halten kann für Humanitätszwecke, die nicht sein eignes, nächstes Wohl berühren, wolle sich ausschließen, eine Stiftung zu fördern, die es durch Veranlassung und Zweck verdient, schon am hundertjährigen Erinnerungstage der Geburt Schillers, den 11. November 1859, Ergebnisse veröffentlichen zu können die auf’s Neue die Thatsache feststellen, daß unsere Nation sich am einigsten fühlt in der Pflege und Wahrung ihrer unveräußerlichen geistigen Güter.

Dresden den 10. Mai 1855.

Der prov. Vorstand der Schiller-Stiftung.

Dr. C. G. Carus, geheimer Med.-Rath.
Dr. Karl Gutzkow.
Dr. Julius Hammer.
Dr. Gustav Klemm, Königl. Sächs. Hofrath und Oberbibliothekar.
Major Serre auf Maxen.
v. Wietersheim, Königl. Sächs. Staatsminister a. D.
Hofrath und Vicedirektor Karl Winkler.


  1. Den Untergang des byzantinischen Reiches und die Hinrichtung seines verworfenen Herrscherstammes durch Mohammed II. erzählt Hammer in seiner Geschichte des Osmanischen Reiches ausführlich. Die beiden kaiserlichen Brüder, ein Neffe und die sieben Söhne des Kaisers wurden an einem Tage hingerichtet. Nur ein einziges Glied der trapezuntischen Herrscherfamilie, eine Frau, die Kaiserin Helene, litt und starb wie die Mutter der Maccabäer, standhaft und rühmlich. Trotz des Befehls des Tyrannen, daß Niemand es wage, sich den Leichnamen zu nahen, damit dieselben von Hunden und Raben zerfleischt würden, ging sie mit härnenen Kleid angethan und eine Haue in der Hand, zur Schädelstätte ihrer Kinder und Liebsten, grub eine Grube, wehrte den Tag hindurch die Hunde und das Gevögel ab, und begrub Nachts ihre zehn Liebsten, bis sie bald hernach von Schmerz überwältigt ihnen in’s Grab nachsank.  D. N.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Sie