Die Gartenlaube (1855)/Heft 24

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1855
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[309]

No. 24. 1855.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle. Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 121/2 Ngr. zu beziehen.


Die Doppelgängerin.
(Fortsetzung.)

Der Freund hielt Wort: um fünf Uhr hatte George seinen Wechsel eingelöst. Er eilte in den Park zu der Eremitage, wo er den armen verliebten Dermont, seiner unbekannten Schönen harrend, träumend antraf.

„Möchten Sie so glücklich in der Liebe sein, wie ich es wünsche!“ rief er aus. „Sie haben meine Ehre gerettet und mich vor einer Gefangenschaft bewahrt, die mir gerade jetzt eine Höllenpein gewesen wäre. Meine Dankbarkeit, Dermont, kennt keine Grenzen, ich bin fähig, Ihnen selbst meine Marquise abzutreten –“

„Graf,“ unterbrach ihn Dermont, „Sie gehen zu weit! Frau von Beaulieu ist Ihre Zukunft, und ich müßte wahrlich eine arge Wucherseele sein, wollte ich auf solche Zinsen rechnen.“

George schwieg bestürzt, denn er erinnerte sich, daß ihm Ehre und Freundschaft die Pflicht auferlegten, das Verhältniß mit der reichen Wittwe aufrecht zu erhalten. Er wußte ja, Dermont hatte ihm ein Opfer gebracht, dessen Schwere ihn erdrücken würde, wenn er es allein tragen mußte. Eine Hälfte war nur dadurch zu erlangen, daß er sich sobald als möglich verheiratete. In einer schmerzlichen Stimmung, die der Gedanke an das seltsame und reizende Blumenmädchen erzeugt, verließ er den Freund. Dermont blieb zurück, er gab die Hoffnung nicht auf, daß seine Schöne ihr Lieblingsplätzchen in der Eremitage aufsuchen würde.

In seiner Wohnung trat dem Grafen Adam entgegen.

„Herr Graf, Sie haben Glück gemacht bei der Schönen.“

„Wie?“

„Hier ist ein Billet von ihr.“

George erbrach hastig das zierliche Briefchen. Er las folgende Zeilen:

„Mein Herr!“

„Es war mir unmöglich, Ihnen beim Scheiden durch Worte den Dank auszusprechen, den ich Ihnen für den geleisteten Dienst schulde. Sie vergrößerten meine Schuld durch die Begleitung Ihres Dieners, denn nur seinem Beistande verdanke ich es, daß ich vor einem großen Unfalle bewahrt wurde. Gerührt ergreife ich die Feder, um Ihnen meinen herzlichen Dank auszusprechen. In diesem Augenblicke bin ich unfähig, mehr zu schreiben, und bitte, aus dem Berichte Ihres wackern Dieners zu ermessen, wie groß meine Verpflichtung gegen Sie ist. Der Frohnleichnamstag dieses Jahres wird mir unvergeßlich bleiben.   Amely.“

„Mit dem Briefe händigte sie mir drei Goldstücke ein“. fügte Adam hinzu.

Der Graf war erstaunt über das reiche Geschenk eines dem Anscheine nach einfachen Mädchens.

„Die Schreiberin spricht von einem Unfalle – was ist geschehen?“

„Schon bei der Abfahrt hatte ich die Bemerkung gemacht, daß unser Kutscher, wahrscheinlich zur Feier des Fronleichnamsfestes, ein wenig betrunken war. Er hieb wie rasend auf sein Pferd, nachdem ich ihm einen Franc in die Hand gedrückt. Durch dieses Geschenk wollte ich mir die Erlaubniß erkaufen, neben ihm zu sitzen, er aber hielt es für eine Aufforderung, rasch zu fahren. Die Sache ging gut, bis wir an das Thor kamen, wo ein Altar mit einer weißen Fahne stand. Ein leichter Wind ließ die Fahne flattern, das durch die Peitschenhiebe aufgeregte Pferd wird scheu, der betrunkene Kutscher wird toll, er will seine ungehorsame Bestie bestrafen, Hieb fällt auf Hieb und wir fliegen über Stock und Stein davon. Ich wollte dem wüthenden Pferdebändiger die Zügel abnehmen – umsonst, ohne Bewußtsein hieb er auf das flüchtige Pferd. In reißender Schnelle passirten wir Gräben und Steinhaufen, und mehr als einmal schwebte der Wagen in Gefahr, umzustürzen. Die in Todesangst schwebenden Frauen jammerten laut und riefen um Hülfe, und wahrlich, die Gefahr war nicht klein, denn vor uns zeigte sich ein Teich. Ich gab dem Kutscher einen derben Faustschlag in das Gesicht, daß er zurücktaumelte, ergriff die Zügel, und brachte das Pferd, dicht am Ufer des Teichs, zum Stehen. Eine Menge Leute, die das Schauspiel mit angesehen, versammelten sich nun. Alle stürmten mit Drohungen und Verwünschungen auf den Kutscher ein, der ein so großes Unglück hätte anrichten können. Man wollte ihn arretiren lassen. Ohne mich um den Tumult weiter zu kümmern, führte ich die leichenblassen Frauen fort. Die jüngere bezeichnete mir ein freundliches Landhaus in der Nähe als ihre Wohnung. Sie war so angegriffen, daß sie sich an meinen Arm hängen mußte. In dem Hause fragte sie mich, wer ich wäre. Ich bin der Diener des Herrn, der Sie aus der Kirche geleitete; auf seinen Befehl mußte ich den Wagen begleiten, er wollte die Gewißheit haben, daß Sie glücklich zu Hause angelangt wären.“

„Fragte sie nicht nach meinem Stande und Namen?“

„Nein; aber sie sagte mit Thränen in den schönen Augen: die Aufmerksamkeit Ihres Herrn hat mich vor einem großen Unglücke, vielleicht vor dem Tode gerettet. Warten Sie, mein lieber Freund, ich gebe Ihnen ein Billet mit, um Ihrem Herrn zu danken. Dann kam die Magd, gab mir drei Louisd’or und das Briefchen. Ich ging, nachdem ich mir das Haus genau gemerkt hatte. Das junge Mädchen ist so von Dankbarkeit gegen Sie durchdrungen, daß sie es gewiß hoch aufnehmen wird, wenn Sie sich morgen [310] nach ihrem Befinden erkundigen. Der Zufall hat so vortrefflich mitgespielt, daß wir es nicht besser wünschen können.“

Die reizende Amely schwebte dem Grafen wie eine himmlische Erscheinung vor. Er zitterte bei dem Gedanken, daß ein Zufall dieses Meisterwerk der Schöpfung zerstört haben könnte. In seiner Liebe zu der Marquise war er nicht vollkommen glücklich gewesen, das zärtliche Verhältniß war durch Umstände erschaffen, an denen mehr die Eitelkeit als das Herz Theil hatte. Die junge Wittwe hatte seine Bewunderung erregt, seinen Sinnen geschmeichelt – jetzt fand er in einer Sphäre, die der seinigen fern lag, ein Wesen, das für ihn etwas unaussprechlich Heiliges und Geweihtes besaß. Es eröffnete sich ihm eine Gefühlswelt, die er bis dahin nicht gekannt hatte. Ein Versprechen band ihn noch nicht an die Marquise, und er glaubte kein Verbrechen zu begehen, wenn er den günstigen Umstand benützte, das Wesen näher kennen zu lernen, das einen so seltsamen Eindruck auf ihn ausgeübt. Es ist ja möglich, führte er zur Entschuldigung an, daß der Nimbus, der sie aus der Ferne gesehen umgiebt, in der Nähe schwindet.

Gegen Abend des folgenden Tages ließ er sich nach dem Landhause führen, das in einem von einer blühenden Hecke umschlossenen Garten lag. Alles war einfach und geschmackvoll, und verrieth wohlhabende Besitzer. Durch die Blätter einer Laube unfern des Hauses schimmerte ein weißes Frauengewand. Der Abend war schön, und George konnte wohl annehmen, daß er die Gesuchte im Freien antreffen würde. Er ging der Laube zu. Bei seinem Eintritte erhob sich Amely, die eine Stickerei vor sich hielt. In einer reizenden Verwirrung empfing sie den Besuch, den sie sofort erkannte. George zitterte, als er ihre Hand an seine Lippen drückte.

„Die Besorgniß um ihr Wohl mag mich entschuldigen, wenn ich mich, der Fremde, selbst bei Ihnen einführe. Ich preise den Zufall, der mich so glücklich machte, mittelbar einen Unfall abzuwenden – –“

„Der leicht traurige Folgen hätte haben können, wenn Ihre Aufmerksamkeit mich ohne Begleitung gelassen. Gestatten Sie mir, daß ich noch einmal meinen Dank ausspreche –“

„So schmeichelhaft es für mich ist, Sie mir verpflichtet zu sehen, so wenig Ansprüche mache ich auf Ihren Dank. Hätte ich noch tausendmal mehr gethan, so würde ich den schönsten Lohn darin finden, daß Sie im Stande sind, mich heute zu empfangen.“

Sie verneigte sich und flüsterte lächelnd:

„Dann spreche ich mit Freuden die Versicherung aus, daß ich mit dem Schrecken davon gekommen bin.“

Amely bot ihrem Gaste einen Sessel an. In der nun folgenden Unterhaltung entwickelte die junge Dame eine geistige Liebenswürdigkeit, die der ihrer äußern Erscheinung völlig entsprach. Das war Anmuth, natürliche Grazie und und Naivetät! George war wie geblendet, so daß er seine Gewandtheit in dem Umgange mit Frauen beeinträchtigt fühlte. Er suchte nach ihren Familienverhältnissen zu forschen; sie kam ihm offenherzig mit der Erklärung entgegen:

„Meine Mutter, mit der ich allein dieses Haus bewohne, lebt von einer bescheidenen Rente, die indeß immer noch groß genug ist, unsern Ansprüchen zu genügen. Die alte Frau ist streng gottesfürchtig, und wenn Sie mich bei der Prozession ein kleines Amt bekleiden sahen, so erfülle ich ein Gelübde, das ich einst gethan, als meine gute Mutter schwer krank darnieder lag. Sie hängt mit zärtlicher Liebe an mir, und mehr als einmal hat sie nach meinem großmüthigen Beschützer gefragt. Aber was konnte ich ihr sagen?“

„Sagen Sie ihr, daß der Graf von Montlosier die Schönheit und Frömmigkeit ihrer Tochter bewundert!“ rief George, seiner kaum noch mächtig.

Amely’s Hand erzitterte, die er in der seinigen hielt. Als ob sich ihrer eine jähe Bestürzung bemächtigt, duldete sie unwillkürlich, daß der junge Mann seine Lippen auf ihre Fingerspitzen drückte.

„Herr Graf,“ sagte sie nach einer Pause, „der Abend ist angebrochen. Meine Mutter ist seit einiger Zeit leidend; kann sie Ihnen auch heute ihren Dank nicht aussprechen, so hofft sie auf eine spätere Gelegenheit – –“

„Sie gestatten mir, daß ich meinen Besuch wiederhole?“

„Besuchen Sie meine Mutter!“ flüsterte sie kaum hörbar.

„Und Sie –?“

„Ich werde den Frohnleichnamstag nie vergessen!“

Sie grüßte und verließ die Laube, in der bereits eine tiefe Dämmerung herrschte. George sah der weißen Gestalt nach, die flüchtig wie ein Schatten dem Hause zu schwebte und in der geöffneten Thür verschwand. Er begriff, daß Amely nicht anders handeln konnte. Sinnend verließ er den Garten. Draußen stand Adam, der ihn anredete.

„Geh, erwarte mich zu Hause!“ befahl er dem Diener.

„Wo werden Sie speisen, gnädiger Herr?“

„Sorge für Thee – fort!“

Adam schlug den Weg nach der Stadt ein. George begann einen Spaziergang zwischen den Gartenhecken. Alle seine Gedanken waren mit Amely beschäftigt, denn aus der kurzen Unterhaltung hatte er die Erkenntniß geschöpft, daß kein blendender Nimbus sie umgab, daß sie vielmehr alle Eigenschaften besaß, um dauernd zu fesseln. George hatte früher über ernste Leidenschaften gelächelt, und die Schwärmerei Dermont’s für seine unbekannte Leserin war ihm wie eine romantische Schwäche erschienen; jetzt befand er sich selbst in einer Verfassung, die allen jenen Ansichten Hohn sprach. Vergebens suchte er den empfangenen Eindruck durch die Erinnerung an seine traurigen Vermögenszustände zu paralysiren, vergebens rekapitulirte er die Siege bei der Marquise, um die sich die ganze aristokratische Männerwelt bewarb – der berechnende Verstand erlag dem Herzen, das hartnäckig die reizende Amely nicht aufgeben wollte. An den Stamm einer Linde gelehnt, betrachtete er das freundliche Landhaus, in dessen erstem Stocke sich Licht zeigte.

„Welch ein Glück müßte es sein, mit ihr unter diesem friedlichen Dache ein ruhiges Leben zu führen!“ flüsterte er vor sich hin. „Die wahre Liebe ist sich selbst genug, sie allein bietet dauernde Freuden, während das glänzende Leben der großen Welt nur einen flüchtigen Sinnenreiz gewährt! Hier empfindet man die Poesie der Liebe; dort wird sie durch Leidenschaften, von äußern Umständen erzeugt, vertrieben – sie sinkt zu einer glänzenden, aber kalten Prosa herab.“

Das Geräusch von Schritten weckte den Grafen aus seinen Träumereien. Zwischen den Hecken erschien die Gestalt eines Mannes, der sich langsam dem Orte näherte, wo George im Schatten der Linde stand. Er verhielt sich ruhig, um den Mann vorüber gehen zu lassen. Aber der Fremde, in einen leichten Mantel gehüllt, blieb stehen und betrachtete das Landhaus, an dessen erleuchtetem Fenster in diesem Augenblicke Amely erschien, um einen Rosenstock zu tränken, der auf einem Blumenbrette stand. Bei dem Lichte, das aus dem Zimmer hervordrang, ließ sich die reizende Gestalt des jungen Mädchens deutlich erkennen. Zugleich hörte man ihre Stimme, denn sie unterhielt sich mit einer Person, die sich in dem Zimmer befand. Nachdem sie ihr Geschäft vollbracht, schloß sie das Fenster, und gleich darauf erlosch das Licht.

Der Mann im Mantel verblieb regungslos an seinem Platze, und unverwandt hafteten sein Blicke auf dem Landhause. George begann zu zittern, denn es war nicht schwer zu begreifen, daß den Spaziergänger eine bestimmte Absicht leitete, und daß sein Ziel das Landhaus sein mußte. Die Eifersucht mit allen ihren Qualen erwachte in der Brust des armen George, und dieses bittere Gefühl belehrte ihn, daß er für das Blumenmädchen eine ernste Leidenschaft hegte. Da wandte sich plötzlich der gefürchtete Nebenbuhler, und schritt der Linde zu, ohne Zweifel in der Absicht, von dem verborgenen Plätzchen aus seine Beobachtungen fortzusetzen. Der Graf trat ihm entgegen.

„George!“

„Dermont!“ rief bestürzt der Graf.

„Still, Freund, still! Man hört jedes Wort, und dort –“

„Wer wohnt in dem Landhause?“ flüsterte George mit gepreßter Stimme.

„Meine Leserin aus der Eremitage.“

„O Himmel!“ rief George unwillkürlich.

Dermont starrte den Freund an. Bei dem Mondenlichte konnte er den Schrecken bemerken, der sich in seinem bleichen Gesichte aussprach.

„Sie hier, Graf?“ fragte Dermont, den eine Ahnung durchbebte, denn er erinnerte sich, daß ihm George von dem tiefen Eindrucke erzählte, den ein Mädchen auf ihn ausgeübt hatte. „Was führt Sie um diese Stunde in diese einsame Gegend? Ich glaubte Sie auf der Reise nach Scheveningen!“ fügte er in einem Tone hinzu, der fast vorwurfsvoll klang.

Der Graf ergriff hastig den Arm des Freundes und zog ihn mit sich fort. Als Beide das Landhaus hinter sich hatten, blieb George stehen.

[311] „Dermont“ begann er, „wir sind Freunde, Ihr letzter Dienst, den Sie mir leisteten, hat das Band der Freundschaft so innig um uns geschlungen, daß ich es für eine Infamie halte, irgend ein Geheimniß vor Ihnen zu bergen. Ich preise den Zufall, der uns hier zusammenführte, denn er giebt Anlaß zu Erörterungen, die vielleicht dann erst stattgefunden hätten, wenn es zu spät gewesen wäre.“

„Mein Gott, George, eine Ahnung steigt in mir auf, die mich zittern macht!“ flüsterte Dermont.

„Zittern Sie nicht, Freund, ich kenne meine Pflicht. Antworten Sie mir offen: lieben Sie die Dame ernstlich, die Sie in der Eremitage des Parks kennen gelernt haben?“

„Ich bekenne offen, daß sie das Glück oder Unglück meines Lebens ausmachen wird!“

„Und Sie wissen genau, daß sie in jenem Hause wohnt?“

„Gewiß, denn ich sah sie, als sie die Blumen tränkte.“

„Dermont, Sie lieben ein himmlisches Wesen! Gelingt es Ihnen, Amely’s Gegenliebe zu erringen, so werden Sie so glücklich werden, als Sie es zu sein verdienen.“

„George, Sie kennen die junge Dame?“

„Ich suchte sie kennen zu lernen, denn Amely ist das Blumenmädchen, von dem ich Ihnen erzählt habe, daß es mich mit Begeisterung erfüllt. Aber noch kann ich das kaum erwachte Gefühl bekämpfen, und die Marquise soll mir helfen, Ihnen einen Freundschaftsdienst als ein redlicher Freund zu vergelten. Bewerben Sie sich um Amely, diese Nacht noch reise ich ab, und wenn ich zurückkehre, stelle ich Ihnen meine Gattin vor. Leben Sie wohl, Dermont, und – viel Glück in der Liebe!“

Hastig schloß der Graf den Freund in die Arme, dann eilte er davon.

„George, George!“ rief Dermont.

Aber der Graf hörte nicht, er verschwand zwischen den Hecken.

„Das ist ein seltener Freund!“ murmelte Dermont bewegt vor sich hin. „Leider muß ich sein großmüthiges Opfer annehmen, wenn ich der Leidenschaft zu meiner Schönen nicht erliegen will.

Der junge Mann ging nach dem Landhause zurück. Ein alter Mann stand im Begriffe, das Gitter in der Hecke zu schließen.

„Valentin, bist Du es?“ flüsterte der junge Mann.

„Ja, Herr. Es ist die höchste Zeit, daß Sie kommen, denn ich muß nun schließen„ Zehn Uhr ist vorüber.“

„Wo ist das Fräulein?“

„Sie macht mit ihrer Mutter, wie jeden Abend vor dem Schlafengehen, eine Promenade durch den Garten, und darum darf die Thür nicht offen bleiben.“

„Nimm dieses Goldstück.“

„Wo ist der Brief?“

„Hier. Du wirst ihn besorgen, wie wir gestern verabredet haben. Morgen Abend hole ich mir Antwort.“

„Versäumen Sie den Augenblick nicht, wo ich das Gitter schließe. Ziehen Sie sich zurück, denn ich sehe die beiden Damen den Weg kommen, der hierher führt.“

Valentin schloß geräuschvoll die Thür. Dermont eilte nach der Stadt zurück. Am nächsten Morgen war sein erster Weg der zu George. Der Graf hatte, wie er versprochen, vor Sonnenaufgang seine Reise angetreten.



II.
Die Geliebte.

Das holländische Bad Scheveningen hatte für diesen Sommer kaum Raum genug, um alle Gäste aufzunehmen, die dort Erholung und Zerstreuung suchten. Bei seiner Ankunft mußte George ein Dachstübchen in einem der Wirthshäuser bewohnen. Unempfänglich für das äußerliche Leben, fügte er sich gern dieser Unbequemlichkeit, ihm war es gleich, ob er in einem glänzenden Saale oder in einer engen Kammer um das Mißgeschick seines Herzens trauern konnte. Von dem Umgange mit der blendenden Marquise hoffte er Heilung seines kranken Gemüths, er wollte sich den Freuden der großen Welt rückhaltlos hingeben. Nachdem er am nächsten Morgen eine sorgfältige Toilette gemacht, stattete er der Marquise von Beaulieu, die ein reizendes Landhaus bewohnte, seinen Besuch ab. Die junge Wittwe hatte sich bereits durch ein Seebad erfrischt und saß beim Frühstück. Sie empfing den Geliebten nicht mit der gewohnten Herzlichkeit, und George schrieb dies seiner um acht Tage verzögerten Ankunft zu.

„Henriette, was ist Ihnen?“ fragte er besorgt.

„Lieber Graf, erwarten Sie, daß ich Ihnen wie ein jubelndes Kind entgegen fliege, wenn ich sehe, daß alle meine Aufmerksamkeiten mit Kälte angenommen werden?“ fragte sie mit jenem ausdruckslosen aristokratischen Lächeln, das den ausgesprochenen Hohn mildern sollte. „Sie kennen den Grund meiner frühen Badereise, Sie wissen, daß es für mich nichts Langweiligeres auf der Welt giebt als ein Seebad – und dennoch wagen Sie, mir volle acht Tage den Umgang zu entziehen, der allein mich für das Opfer einer solchen Reise entschädigen kann. Es giebt keinen hinreichenden Entschuldigungsgrund!“

„Verzeihung, Henriette!“

„Ich wiederhole es, es giebt keinen, weder meinem Herzen noch der Welt gegenüber, die an diesen Umstand bereits ihre Mutmaßungen geknüpft hat.“

Schmollend warf sich die Wittwe in den Sopha. George betrachtete sinnend die Frau, von der seine Zukunft abhing. Sie war vierundzwanzig Jahre alt, schön und reich, also mit Eigenschaften ausgerüstet, die sie einem Manne wünschenswert erscheinen ließen, aber wie wenig war sie mit Amely zu vergleichen! Die Schönheit der Marquise blendete die Sinne – das Herz blieb kalt. Der Gedanke an Dermont gab ihm den Muth, eine Lüge auszusprechen. Er ließ sich auf ein Knie nieder und ergriff die schneeweiße Hand der jungen Frau, indem er sie an seine Lippen drückte.

„Sie verdammen mich, ehe Sie mich gehört haben, Henriette. Ihre Liebe macht mich stolz und glücklich, und indem ich sie erwiedere, folge ich dem Drange meines Herzens.“

„Wahrhaftig, George?“ fragte sie mit einem Blicke, der deutlich ihre Leidenschaft für den Grafen verrieth und die Geneigtheit, ihm zu verzeihen.

„Ich habe auf Anordnung meines Arztes die Reise aufgeschoben.“

„Mein armer Freund!“ rief sie in einem plötzlich veränderten Tone.

„Einige Tage der Ruhe haben mich wieder hergestellt.“

Henriette sah ihn einen Augenblick an, dann küßte sie ihm die Stirn.

„Mein Gott, es ist wahr – Sie sind bleich und eine Melancholie spricht sich in Ihrem ganzen Wesen aus, die mich auf eine körperliche Indisposition schließen läßt. Armer George, Scheveningen und meine Fürsorge werden Sie heilen. Wie fühlen Sie sich? Hat die Reise Sie angestrengt? Haben Sie irgend einen Wunsch, so sprechen Sie ihn aus – –“

„Henriette, ich habe einen Wunsch!“

„O, zögern Sie nicht!“ rief sie eifrig.

„Haben Sie Nachsicht, wenn dem Reconvalescenten das muntere Wesen gebricht, das er bisher zeigte. Bald werde ich völlig genesen sein, und wenn wir im Herbste nach Brüssel zurückkehren –“

„So öffnen Sie den Freunden Ihre Säle, um ihnen die Gattin entgegenzuführen. Also, George, verfügen Sie von diesem Augenblicke an über die Morgengabe Ihrer Braut!“

Der junge Graf drückte die schöne Frau an seine Brust. Henriette’s lebhafte Laune war wiedergekehrt, und während des Frühstückes unterhielt sie den Geliebten mit der Aufzählung der im Bade anwesenden Gäste. Lord Darnley's erwähnte sie nicht, obgleich George wußte, daß er sich in Scheveningen befand.

„Und nun, mein Freund, werde ich den Beweis liefern, daß ich für Sie gesorgt habe.“

Mit diesen Worten verließ sie den Tisch und klingelte der Kammerfrau. Nach zwei Minuten hatte sie Hut und Shawl angelegt.

„Herr Graf,“ sagte sie mit einer graziösen Verbeugung, „Ihren Arm!“

Beide verließen das Landhaus. Henriette schlug einen Seitenpfad ein der von der Hauptallee zu einem Gebüsche führte. Zwischen den Bäumen erhob sich eines jener holländischen Bauernhäuser, die sich durch eine fest übertriebene Reinlichkeit auszeichnen. Das lange, ein Stock hohe Gebäude schien hellbraun lackirt zu sein. Die Jalousien an den glänzenden Fenstern waren mit grüner Oelfarbe angestrichen. Ueber der Thür wölbte sich eine dichte Epheulaube. [312] Aus einem der Fenster sah ein alter Holländer, der gemüthlich seine Thonpfeife rauchte.

„Termöhlen,“ rief Henriette, „hier bringe ich Euch den Gast!“

Der Holländer verschwand, um gleich darauf in der Thür zu erscheinen. Freundlich grüßend empfing er das Paar, und führte es denn die weißgescheuerte Treppe hinan. Eine musterhafte Ordnung herrschte auf dem bäuerlichen Vorsaale. Der Greis öffnete eine Thür, und man trat in ein Zimmer, das mit künstlichem Luxus ausgestattet war. Wäre die niedere Decke nicht gewesen, nichts hätte an ein holländisches Bauerhaus erinnert. Henriette öffnete ein Fenster. Es bot sich eine prachtvolle Aussicht über das Meere, dessen Ufer in kurzer Entfernung begann. Dann zog sie den Geliebten zu dem gegenüberliegenden Fenster, das sie öffnete. Ein reizender Garten breitete sich aus bis zu einem eleganten Landhause.

„Dort sind meine Zimmer!“ flüsterte Henriette lächelnd. „Wir können unbeobachtet eine Correspondence unterhalten. Sie sehen, daß ich bei der Wahl Ihrer Wohnung ein wenig eigennützig verfahren bin.“

„Henriette, wie soll ich Ihnen danken!“

„Dadurch, daß Sie Ihre Genesung beschleunigen, und – die Morgengabe Ihrer Frau nicht vergessen.“

Der Graf unterdrückte einen Seufzer, lächelte und küßte die Hand der Marquise, dieselbe Hand, die ihn so künstlich für das ganze Leben gefangen genommen hätte. Wäre sein Herz frei gewesen, er hätte sich glücklich preisen müssen. Denselben Tag noch bezog er das Haus Termöhlen’s, eines Schiffers, der einige Boote zur See hatte. Die folgende Zeit verfloß dem Grafen im Dienste der Marquise. Man sah Beide täglich in den Promenaden und pries das Glück des Grafen, der Erwählte der reichen und schönen Wittwe zu sein. George fand einige Zerstreuung in den Lustbarkeiten, die der belebte Badeort bot, und selbst Henriette, die sich bemühte, seine Melancholie zu verscheuchen, gewann in seinen Augen an Liebenswürdigkeit. Um diese Zeit näherte sich Lord Darnley der Marquise wieder, und wenn sie auch mit dem Takte der fein gebildeten Dame seine Aufmerksamkeiten empfing, so feierte George dennoch den Triumph, sich von dem englischen Krösus, der ihm vor kurzer Zeit noch mit dem Schuldgefängniß gedroht, beneidet zu sehen. Der Lord erinnerte ihn an Dermont, und Dermont mahnte ihn an die Pflicht, die er der Freundschaft zu erfüllen hatte. Trotzdem aber wich das Bild Amely’s nicht aus seiner Seele, und jemehr er sich Mühe gab, sie zu vergessen, jemehr mußte er um ihren Verlust trauern.

Der Monat Juni war verflossen. Da schrieb ihm Dermont von Brüssel aus, daß er seine angebetete Leserin fast täglich spreche und in seinen Bewerbungen glücklich zu sein glaube. Er wußte keine Worte zu finden, um dem Freunde seinen Dank und sein Glück auszusprechen. Amely schilderte er als einen Engel, der in menschlicher Gestalt zur Erde herabgestiegen sei. Dieser Brief erschwerte dem armen George die Bemühungen, seinen vorigen Gemüthszustand wieder herzustellen, so daß er nur eine geringe Genugthuung in den Zärtlichkeiten Henriette’s fand, die stets auf neue Zerstreuungen für ihren Geliebten sann. So hatte sie einst eine Spazierfahrt auf dem Meere veranstaltet. Vater Termöhlen rüstete ein leichtes Boot dazu aus, und er selbst übernahm die Führung desselben. In der Gesellschaft, die dazu eingeladen war, befand sich auch Lord Darnley. Gegen Abend bestieg man das elegant und bequem ausgerüstete Boot, und damit Nichts fehle, hatte der Holländer auch für Erfrischungen gesorgt, die seine Tochter den Gästen präsentirte. Margarethe befand sich im Hintertheile des Boots neben ihrem Vater, der das Steuerruder in der Hand hielt. Sie trug die Kleidung der reichen Holländerinnen: eine weiße Mütze mit Goldspangen, die sich eng den Schläfen anschmiegten, ein schwarzes Sammetmieder mit kleinen silbernen Knöpfen und ein Röckchen von blauem Thibet. Den niedlichen Fuß bekleideten schneeweiße Strümpfe und leichte Zeugschuhe.

Die Fahrt begann bei klarem, wolkenlosen Hímmel. Das Boot schaukelte wie ein Schwan auf dem ruhigen Meere. George und Henriette saßen auf einer Bank im Vordertheile, umgeben von der aus sechs Personen bestehenden Gesellschaft. Ein junger Franzose sang Barcarolen zur Guitarre, in deren Refrain die ganze Gesellschaft mit einstimmte. Die Natur begünstigte das Unternehmen, und eine heitere Laune hatte sich Aller bemächtigt, selbst von George war die Melancholie gewichen, und Henriette, die wie eine Königin strahlte, erfreute sich der zärtlichsten Aufmerksamkeiten ihres Geliebten.

„Ein reizendes Kind!“ flüsterte der Lord seinem Nachbar zu, indem er auf Margarethe deutete, die in einem großen Korbe die Speisen und Getränke ordnete.

„Man nennt sie die Perle von Scheveningen,“ war die Antwort; „ich habe sie bereits im vorigen Jahre gesehen. Vater Termöhlen ist stolz auf dieses Kleinod.“

„Eine pikante Holländerin!“ murmelte Darnley. „Schade, daß sie eine Bäuerin ist.“

„Ah, mein Freund, darauf ist sie stolz! Diese Holländer sind bizarre Menschen. Ich wette, daß dem Alten ein Edelmann nicht zu gut ist für sein Mädchen. Man erzählt, daß ein junger reicher Bauer sich das Leben genommen, weil ihn Margarethe verschmäht hat. Daß sie heute die Gäste bedient, ist eine Eitelkeit des Vaters der unsere Bewunderung provociren will. Bemerken Sie, wie wohlgefällig er sie betrachtet?“

„Mein Kind,“ rief der Lord, „reiche uns Erfrischungen!“

Margarethe warf einen Blick auf ihren Vater, als ob sie dessen Erlaubniß einholen wollte. Vater Termöhlen zog seine Uhr, betrachtete einen Augenblick das Zifferblatt und sagte dann: „Es ist Zeit, bediene die Gäste!“

„Und wenn es nach Eurer Uhr noch nicht an der Zeit wäre?“ fragte Darnley verwundert.

„Dann würden Sie noch ein wenig warten müssen!“ antwortete der Alte mit der größten Ruhe, und indem er dem Ruder einen leichten Stoß versetzte.

„Scheint es doch, als ob uns der gute Mann tyrannisiren will!“

„Die Schiffsordnung will es so, Mylord!“ sagte der Greis mit derselben Ruhe. Dann winkte er seiner Tochter, und Margarethe trat mit einem großen Präsentirteller heran.

Jetzt erst richtete sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf die niedliche Holländerin. Erröthend versah sie die Obliegenheiten des ihr zugetheilten Amtes. Zuerst bediente sie die Damen. Henriette vermochte kaum ihr Erstaunen zu unterdrücken, als sie ein Glas Eis von der lieblichen Dienerin empfing. Jetzt trat sie dem Grafen näher, und forderte ihn durch eine leichte Verneigung auf, von den Delikatessen zu wählen. Aber George verstand diese Aufforderung nicht, starren Blicks sah er das junge Mädchen an, er schien seine Umgebung darüber zu vergessen.

„Graf, was ist Ihnen?“ fragte Henriette, die vor Zorn am ganzen Körper zitterte. „Das Schwanken des Bootes greift Ihre Nerven an.“

George raffte sich gewaltsam zusammen. Bebend ergriff er einen Teller, der mit den Stücken des zerlegten Huhns gefüllt war. Die ganze Gesellschaft brach in ein lautes Lachen aus, als man sah, wie der zerstreute George sich des ganzen Geflügelvorrathes bemächtigte, anstatt mit der Gabel ein Stück davon zu nehmen.

„Die Seelust hat dem Grafen Appetit gemacht!“ rief Darnley höhnend, der diese Gelegenheit benutzte, um seinem lang gehegten Grolle Luft zu machen. „Die hübsche Bäuerin hat Vorrath. Ach, mein Kind, hierher, uns will es besser geziemen, über Dein schmuckes Gesicht zu staunen!“

Mit diesen Worten umschlang er die Taille Margarethe’s und zog sie, als ob er Rücksicht für die Marquise nähme, nach dem Hintertheile des Bootes zurück. George begriff, daß er eine große Unvorsichtigkeit begangen, indem er den Eindruck verrathen, den eine Aehnlichkeit Margarethe’s mit Amely hervorgebracht. Zornig über sich selbst, warf er den Teller in das Meer.

„George, was beginnen Sie?“ flüsterte ihm Henriette zu, die sich ihrer Situation schämte. „Sie machen sich zum Gegenstande des Gelächters.“

„Das hübsche Kind ist gefährlich!“ rief der Lord. „Aus Rücksicht für die Frau Marquise, setzt uns an das Land, Alter!“

[313]
Birmanische Spiegelbilder.

Der östliche Theil der von den Engländern beherrschten Halbinsel Ostindien bildete bis vor kurzer Zeit ein selbstständiges Kaiserthum, das birmanische Reich. Jetzt hat sich die ostindische Compagnie den fettesten und besten Theil desselben am Meere entlang mit dem untern Theile des ungeheuern, fruchtbaren Irawaddi-Flußbettes mit einer am siamesischen Reiche sich streckenden langen Spitze genommen, ohne irgend ein anderes Recht dazu, als jeder Eroberer bisher geltend machte, die Gewalt, sein Interesse, seinen Besitz. Allerdings kommen mit den Engländern Baumwollenballen und Bibeln, Missionäre und ordentliche Steuereinnehmer, d. h. mit einem Worte Civilisation, aber diese als Zweck aufzustellen, ist eine der vielen Heucheleien, an denen England eben so reich ist, wie an civilisirten Backenbärten.

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Der Staatswagen des birmanischen Kaisers.

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Mendoh-men, Kaiser v. Birmanien (König v. Ava).

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Orgoni, Generalfeldmarschall des birmanischen Kaisers.

[314] Bei alledem müssen wir zugeben, daß die Birmanier durch den Verlust ihrer Freiheit, als selbstständigen Staatsbürgerthums, nur gewinnen. Die Engländer brauchen Steuern, Absatzquellen für Produkte und Waaren, und sorgen daher für Schutz der Personen und des Eigenthums, für Schutz gegen wahnsinnige Bürgerkriege und brutale Insurrektionen der einzelnen herrschsüchtigen Großen, wodurch das einst blühende Land nach und nach so verwüstet ward, daß z. B. die Hauptstadt des südlichen, jetzt den Engländern gehörenden Theils, Pegu, in einem Umfange von beinahe sechs deutschen Meilen kaum noch 50,000 Einwohner, kaum ein Zwanzigstel seiner frühern Bevölkerung haben soll. Diese einst wimmelnde, glänzende Hauptstadt des selbstständigen Reiches gleiches Namens ist jetzt zu drei Vierteln ein Labyrinth von Ruinen von Verwitterung und von Verwesung, worin reißende Thiere, Schlangen und Amphibien, riesige Eulen und andere Nachtraubvögel hausen. Seitdem die Engländer dort herrschen und regieren, verschwinden die Einöden und Ruinen zusehends und Eingeborene und Einwanderer bauen und bilden, schaffen und schürfen nach Herzenslust.

Revolutionen und Kriege mit dem avanischen Reiche (dem jetzigen birmanischen) haben Land und Leute soweit heruntergebracht, daß die englischen Eroberer als neue Lebensquelle erschienen. Die Herrschaftskriege der Avaner und Peguaner gehören zu den grausamsten und blutigsten in ganz Asien. Um nur neuere Daten zu erwähnen, empörten sich die Avaner 1740 gegen ihre Abhängigkeit von Pegu, und führten einen Revolutions- und Bürgerkrieg der blutgierigsten Art bis zum Jahre 1752, als die Peguer Ava vollständig unterjochten und ihren Kaiser nebst Familie gefangen nahmen. Kurz darauf trat ein Birmanier (Avaner) von niederer Herkunft, Alompra, als Rächer und Empörer auf und gründete durch Unterjochung Pegu’s das neue birmanische Reich. Er fing bescheiden in einem entlegenen kleinen Dorfe an, wo er nach und nach hundert Anhänger gewann, mit denen er das Dorf in eine Festung verwandelte, in welcher er sich eine kleine Armee schulte, und bis auf einen besonders grausamen Akt der Tyrannei wartete. Jetzt trat er mit seiner Schaar hervor, schrie Rache und Freiheit und sammelte so in kurzer Zeit eine Schaar von Revolutionärs um sich, mit denen er direkt in die Hauptstadt Pegu marschirte, das dortige Militär theils ermorden, theils in die Flucht schlagen ließ, das peguanische Reich stürzte und dafür das birmanische schuf. Spätere Empörungsversuche konnten nur durch die unbarmherzigste Strenge und Grausamkeit niedergehalten werden. So hielt sich das birmanische Reich äußerlich unter der Alompra-Dynastie zusammen, bis am 20. December 1852 der jetzige Kaiser Mendohmen den Thron bestieg. Sein Vorgänger und Bruder Pagham war gezwungen worden, wegen Unfähigkeit vom Throne zu steigen, ein Akt, der in Europa nicht vorkommen kann. Freilich bestand seine Unfähigkeit in nichts Geringerem, als in der Annahme englisch-ostindischer Truppen zur Unterdrückung subversiver Tendenzen in Pegu. Als die Engländer einmal drin waren, sagten sie: wir wollen gleich hier bleiben, damit wir gleich da sind, wenn Unzufriedene wieder Versuche machen sollten, Handel und Gewerbe zu stören. Und so blieben sie und nahmen allmälig Kopf, Hals und Brust des ganzen birmanischen Reiches, da Mendohmen mit seinen Truppen und seinem französischen Generalfeldmarschall sich nicht stark genug zeigten, die „ehemaligen Freunde in der Noth“ wieder zu vertreiben.

Der jetzige Kaiser des birmanischen Rumpf-Reiches wird als ein gutmüthiger, nobler, gerechter, der Civilisation und dem Christenthume geneigter Herrscher geschildert, nicht stark und barbarisch genug, die Einflüsse der Civilisation und des Fremden abzuweisen, so daß er unlängst nur auf gütlichem Wege durch eine Gesandtschaft an die ostindische Regierung versuchte, wenigstens Rangoon, die mercantile Hauptstadt und den Haupthafen des birmanischen Handel, zurückzubekommen. Die Engländer behandelten die Gesandtschaft mit ersterbender Ehrfurcht, meinten aber beiläufig, Rangoon würden sie so gut behalten, wie das ganze alte peguanische Reich.

Es wird nun mit Grund gefürchtet, daß der birmanische Kaiser von seinem Lande und seinem kühnen französischen Generalfeldmarschall genöthigt werden könnte, seinem Reiche wieder Zutritt zum Meere zu erkämpfen und daher die Waffen gegen die ostindische Compagnie zu ergreifen, die außerdem Grund hat, die Staaten auf der andern Seite ihrer Besitzungen in der großen Bucharei, in denen sich nicht nur russischer Einfluß, sondern auch russische Truppen eingefunden haben, zu fürchten. Persien ist schon ganz für Rußland gewonnen, so daß den Engländern nur der kriegerische alte Herrscher der Afghanen, Dost Mohamed, bleibt, den sie jetzt auch mit allen zu Gebote stehenden Mitteln auf ihre Seite zu bringen suchen. –

Der erwähnte Generalfeldmarschall des „Königs von Ava“ (wie die Engländer jetzt den birmanischen Kaiser nennen) ist ein Franzose oder vielmehr ein Landsmann des großen Napoleon, nämlich von Geburt ein Corsikaner, Namens Orgoni. In seinem 22sten Jahre, damals schon Oberst eines Cavallerie-Regiments, ließ er sich von jugendlicher Sehnsucht nach romantischer Fremde in das älteste Kulturland, Indien, treiben. Unter den Herren der ostindischen Compagnie war er bald als „der kühne Franzose“ („the daring Frenchman“) allgemein bekannt. Wie er in das birmanische Reich kam, ist noch nicht ermittelt. Er blieb eine Zeit lang verschollen, bis er als kühner Heerführer der Birmanen und neuerdings als höchster Chef des ganzen Heeres von 40,000 Mann und als Mitglied der Kaiserfamilie, als Prinz und Fürst alle Zeitungen des englischen Ostindiens beschäftigte. Eine derselben, „Rangoon Chronicle“ vom 28. Januar dieses Jahres giebt eine Schilderung der Aufnahme Orgoni’s in die birmanische Herrscherfamilie nebst seinem Staatsornate und ganzer Figur im Bilde, ebenso Abbildungen des Kaisers und seines Staatswagens.

Am 4. Januar begab sich Orgoni zu dem Kronprinzen Ageh und mit diesem in den Palast des Kaisers, genannt: Der Palast von Gold. Die Procession giebt ein Bild von der raffinirten Pracht, welche den birmanischen Hof vor allen andern prunkenden Höfen Asiens auszeichnet. Dem Prinzen folgten mit Orgoni in voller nationaler in der Mitte die vier Attawons oder Staatsminister, dann die fünf Präsidenten der höchsten Gerichtshöfe und einige hundert höchste Hofbeamte, alle in Gold und Silber, Diamanten, Edelsteinen und Elephantenorden an goldenen Bändern glänzend. Die Procession ließ Orgoni in einer marmor- und alabastergeschmückten Vorhalle und rief sie dann vor den Thron des Herrschers. Der Weg führte durch eine große Menge Passagen, Hallen und Zimmer, die alle mit Doppelreihen von Hofleuten und Offizieren ausdecorirt waren. Die Majestät empfing ihn sitzend auf dem Throne unter einem mit Diamanten besternten Himmel und winkte ihm, nach den Ceremonien der Begrüßung, auf einen Platz neben den Thronerben. Nach einer lautlosen Stille von fünf Minute hielt die Majestät eine Lobrede auf den Franzosen und machte ihm mit dem in seinem Reiche noch nie vorgekommenen Ereignisse bekannt, daß er nicht nur zum Haupt seiner Armee ernannt, sondern er auch der erste Europäer sei, der hiermit in die Familie der Majestät „mit den goldenen Füßen“ aufgenommen werde. Hierauf trat ein Herold in die Mitte und schrie mit der ganzen Kraft seiner Lunge: „Orgoni! Neh - mia t-hi zeh-ah!“ welches heißt: „Orgoni, Herr von schöner Erscheinung, siegreicher Heerführer.“ Diese Worte wurden mit aller Kraft vom ganzen versammelten Hofe wiederholt und pflanzten sich draußen fort von Halle zu Halle, bis über 20,000 Mann Truppen, vor dem Palaste aufgestellt, im hundertfach verstärkten Echo sie der ganzen Residenz verkündigten, so daß sie aus weiterer und immer weiterer Ferne heran schwollen. Hierauf wurden ihm drei goldene Becher, gefüllt mit den kostbarsten Silbermünzen, gereicht, Symbole der Macht und des Reichthums. Hiermit endete die Ceremonie. Doch der Zug Orgoni’s in Begleitung der höchsten Staatsbeamten durch die Stadt und die vorgeschriebene Procession zurück auf dem weißen Elephanten der Krone, der wie eine Art Gott verehrt wird, hielten die Bevölkerung noch lange in festlicher Aufregung. Der weiße Elephant machte bei dieser Gelegenheit seinem Reiter und sich selbst alle Ehre. Er trug den neuen „Vetter des Kaiser“ mit eben so viel Würde als Grazie, und beschenkte zuletzt den Reiter mit höchst eigenhändigem Rüssel mit einem silbernen Ebenbilde und einer goldenen Sonne darüber, an reich verzierten Goldketten, dem weißen Elephanten-Orden.

Die weißen Elephanten spielen in Birmanien eine eigenthümliche Rolle. Sie sind sehr selten, und jeder, wo er auch gefunden wird, gilt nicht nur als ein höheres Wesen, sondern auch als Privateigenthum der Krone. Einer wird immer bei Hofe als Repräsentant aller andern gehalten. Außerdem sind immer einige in Bereitschaft als würdige Belohnungen großer Verdienste um den Staat, d. h. um die Person des Herrschers.

Komischer, aber natürlicher Weise wird ein solches Geschenk [315] auch oft zur qualvollsten Strafe. So nahm z. B. der vorige Kaiser einem armen Lieutenant seine Geliebte weg und entschädigte ihn durch einen weißen Elephanten. Der Beschenkte war nun staats- und religionsverpflichtet, das furchtbare Thier mit den mächtigen Verdauungs-Apparaten standesgemäß einzumiethen und zu füttern, obgleich die in aller Welt schmale Lieutenants-Gage kaum für seinen eigenen Magen hinreichte. Zwar gab er seine meublirte Stube auf und zog mit dem Elephanten zusammen, doch war noch immer an kein Auskommen zu denken. So magerte er ab in Hunger und Liebe, bis die treue Geliebte es möglich machte, die aufgedrungene Gunst des Herrschers zu fliehen, sehr werthvolle Kostbarkeiten „mitgehen zu heißen,“ den Unglücklichen im Elephantenstalle aufzusuchen und mit ihm in das Gebiet der englischen Herrschaft zu fliehen.

„Rangoon Chronicle“ giebt noch eine Abbildung des Staats-Wagens, in welchem der Kaiser bei officiellen Angelegenheiten vierzigspännig (mit expreß dazu gehaltenen Menschen) ausfährt. Vor und hinter dem Wagen folgen dann alle höchsten Staatsbeamte zu Fuße und eine Menge Cavallerie. Der Wagen beteht aus einer ungeheuer hohen Pyramide, überall massiv vergoldet und von einem sammetnen Regenschirm überspannt. Auf dem Wagen selbst stehen vorn und hinten Kammerherren mit ungeheuern Sonnenschirmen. Die Hof- und Offizier-Costüme gehören zu den prächtigsten in der Welt: Kopfbedeckungen von blauem Sammet mit Gold und eigenthümlicher Form mit hervorstehenden, symbolischen Decorationen, und in Roben von Seide mit der kostbarsten Stickerei und Verzierung. Auch die Fußverzierungen und Schnabelschuhe (ein Monopol der höchsten Beamten, das Volk hat Monopole auf Lumpen und Barfußigkeit) sind so kostbar, daß man mit einem einzigen Paar eine halbe Bude kalauer Stiefeln würde kaufen können.

Da aber in allem diesem Prunke kein lebenskräftiger Inhalt steckt, wird er überall in Asien, wo sich europäische Civilisation mit ihren Erfindungen und Fleiße angesiedelt hat und immer weiter eindringt, allmälig verschwinden und verfallen, wie in Birmanien und Indien und Chrina umher zahllose Tempel des Foh und des noch trägeren, sinnlos und sinnlich faullenzenden Buddah zu Ruinen verbröckeln, zu Höhlen von Raubthieren, oder wie in China von dem eingeschmuggelten abendländischen Geiste revolutionär zerstört oder in Hospitäler, Schulen, Kasernen und Waarenhäuser verwandelt werden.

Die halbbarbarischen Völker Asiens machen jetzt alle eine Krisis durch, aus der die Geschichte etwas herausprocessiren wird. Orgoni ist der Omer Pascha Birmaniens. Er soll das Land vertheidigen und die Herrlichkeit des Reichs wieder herstellen, aber im Kampfe mit civilisirten Feinden wird diese Herrlichkeit vollends ab- und aufgerieben. Ueberall haben sich schon Repräsentanten des civilisirten Westens in Asien Macht und Einfluß verschafft. Die russische Macht wird wesentlich von Deutschen zu einem Ziele geführt, das vielleicht noch Niemand ahnt. Ein deutscher Missionär säete die Revolution in China. Orgoni, der Franzose, führt die Truppen in Birmanien. Franzosen commandiren die Armeen Persiens. Ostindien ist Englisch. Ein Preuße und ein Engländer vertheidigen Silistria. Ein Engländer, Polen und Ungarn herrschen in der asiatisch-türkischen Armee. Engländer commandiren die Dampfschiffe des Sultans. Die bloße Thatsache, daß Fremde in jenen exclusiven Reichen Staatsämter bekleiden, ist Beweis genug, daß sie sich der Civilisation geöffnet haben und nicht mehr fähig sind, ihre barbarische Selbstständigkeit und feindseligen „Nationalitäten“ gegen die Menschheit verbindende und rund um die Erde pulsirende Circulation der Kultur zu halten.




Die verschiedenen Methoden der Heilkunst.
Die Homöopathie.
Aufforderung an die Homöopathen.


Der leidenden Menschheit fehlt es nicht an allen möglichen Wegen, aus welchen man ihr die Wiederherstellung ihrer Gesundheit anbietet. Denn außer kurirenden Schäfern, Hufschmieden, alten Weibern, Apothekern, Buchhändlern, Thierärzten, Magnetiseurs und Elektrisirern giebt es eine allopathische, homöopathische und isopathische, hydropathische, dynamische, schroth´sche, radermacher´sche, sympathische, mystische und gymnastische Heilmethode (s. Gartenlaube Jahrg. I. S. 192). Alle stellen sich brüstend hin und rufen (oder lassen es durch Zeugnisse in den Zeitungen bekannt machen): „Unsere Kranken werden durch unsere Mittel gesund." Natürlich! Die günstigen Resultate (sagt Steudel ganz mit Recht), die meist die unverwüstliche Natur hervorbrachte, die aber die Heilkünstler immer nur sich selbst und ihren Mitteln zuschreiben, waren von jeher das Schlagwort für jeden Unsinn, der in der Geschichte der Medicin so reichlich zu finden ist. Jede Partei behauptet immer, ihre Vorgänger seien Narren und Mörder gewesen, und sie allein habe den wahren Stein des Weisen entdeckt und wisse die Kranken zu heilen. Wir kennen das! Und wenn es auch nur ein einziges Mal wahr gewesen wäre, die Weit müßte längst ausgestorben sein, da nach diesem Grundsatze alle Heilkünstler bis auf die neueste Zeit Giftmischer und Todtschläger gewesen wären. Da aber von jeher das Verhältniß der Genesenden und Sterbenden bei den verschiedenartigsten Behandlungsweisen unter den Kranken im großen Ganzen so ziemlich dasselbe blieb, so kann der denkende Mensch nicht anders, als annehmen, daß zu allen Zeiten die Genesung von ganz andern Ursachen abhängig war, als von den medicinischen Lehrsätzen und ihren sich stets widersprechenden Heilmitteln und Heilmethoden. Diese Ursachen finden sich aber im menschlichen Körper selbst vor und sind die von Natur ihm innwohnenden Gesetze, durch deren Kenntnisse wir uns vor Krankheiten zu schützen und beim Kranksein selbst zu helfen im Stande sind.

Die Homöopathie (s. Gartenlaube Jahrg, II. Nr. 24), welche die Naturheilkraft trügerisch und unzuverlässig nennt, behauptet, für eine große Anzahl der häufigsten Krankheiten bestimmte Heilmittel zu besitzen, die Jedem, der seine Sinne zu brauchen versteht und frei von vorgefaßten Meinungen ist, verständlich und zugänglich sind und ihn in den Stand setzen, in den meisten Erkrankungen sich selbst zu helfen. - Der Unterzeichnete , welcher hiermit gegen die Homöopathie in die Schranken tritt und die Leser der Gartenlaube zu unparteiischen Richtern in diesem Kampfe auffordert, erläßt zuvörderst den folgenden Aufruf:

An die Homöopathen des In- und Auslandes.

Obschon die medicinische Wissenschaft mit der homöopathischen Heilkunst und den homöopathischen Heilkünstlern längst im Klaren ist, so scheint dies doch nicht umgekehrt der Fall zu sein, wie aus den Worten des Hrn. Dr. Clotar Müller in Leipzig hervorgeht, welcher behauptet, daß die physiologische Medicin die personificirte Impotenz in der höchsten Potenz sei. - Der Unterzeichnete, ein eifriger Anhänger dieser Medicin (deren reeller Boden die Naturwissenschaften sind) und der ärgste Feind aller unnützen Quacksalberei und Charlatanerie (ebenso wohl der allopathischen, wie der hydropathischen, gymnastischen, radmacher´schen u. s. w.) fühlt sich nun verpflichtet, das homöopathische Heilverfahren einer öffentlichen Beleuchtung zu unterwerfen. Diese Verpflichtung fühlt er aber ja nicht etwa seiner wissenschaftlichen Stellung wegen, sondern nur deshalb, weil er seit einiger Zeit durch populär-medicinische Aufsätze und Vorträge das Volk über den menschlichen Körper, sowie die Erhaltung und Wiedererlangung der Gesundheit auf naturgemäße Weise, so weit es in seinen wissenschaftlichen Kräften steht, aufzuklären sucht. Es versteht sich von selbst, daß diese Beleuchtung nicht, wie es so oft schon geschah, in animose und persönliche Zänkerei ausarten, sondern in nüchternen, hoffentlich auch den Laien überzeugenden Versuchen und Beweisen bestehen wird.

Ehe der Unterzeichnete die scheinbar heilsame Wirkung homöopathischer Heilmittel in vielen Krankheitszuständen in das gehörige Licht setzt und auf den großen Schaden, welches das homöopathische Heilverfahren in manchen Krankheiten bringt, aufmerksam macht, will er zuvörderst festgestellt wissen, ob der oberste Grundsatz, auf welchen sich die ganze Homöopathie gründet, auch [316] </noinclude> wirklich ein richtiger und ächter sei. Herr Dr. Cl. Müller schreibt. „Der Oberste Grundsatz der Homöopathie ist das Aehnlichkeitsgesetz (simila similibus, Aehnliches heilt Aehnliches); jeder Krankheitsfall wird am schnellsten und sichersten durch dasjenige Arzneimittel geheilt , welches im gesunden Körper möglichst ähnliche Erscheinungen hervorbringt! Hahnemann entdeckte dieses Gesetz bei Prüfung der Chinarinde, denn an sich selbst machte er zuerst die Erfahrung, daß ein Loth dieser Rinde, dieses sichern Heilmittels des Wechselfiebers , im gesunden Körper Symptome erzeugt, die einem Wechselfieberanfalle höchst ähnlich sind. - Der unterzeichnete behauptet nun aber, und zwar ebenfalls gestützt auf Versuche, daß auch nicht ein einziges homöopathisches Heilmittel im Stande ist, im gesunden Körper diejenigen krankhaften Erscheinungen hervorzurufen , gegen welche es empfohlen wird. Um dies den homöopathischen Aerzten und den Laien klar und deutlich zu beweisen, stellt sich der Unterzeichnete selbst, und eine größere Anzahl seiner Freunde, für deren Ehrenhaftigkeit und Wahrhaftigkeit er bürgt, den Homöopathen zur Verfügung und verlangt ernstlich, im Interesse der Aufklärung des Volkes, daß ihm oder einem seiner Freunde durch homöopathische Heilmittel irgend eine, auch dem Laien sichtbare (objective) Krankheitserscheinung ankurirt werde (denn von Empfindungen oder sogenannten subjectiven Symptomen kann wohl nicht die Rede sein). Das Resultat dieser Versuche, welche natürlich nicht zu weit von des Unterzeichneten Wohnorte (Leipzig) vorgenommen werden dürfen, soll dann seiner Zeit gewissenhaft veröffentlicht werden.[1]

Es sollte dem Unterzeichneten leid thun, wenn die Herren Homöopathen durch Nichtbenutzung des, mit dem entschiedensten und nicht so leicht ablassenden Ernste gestellten Verlangens, ihm nicht blos seine Beweisführung vor ihren eigenen Augen unmöglich machten, sondern zugleich auch den Beweis des Mißtrauens in ihre eigene Sache geben würden.

Dr. Bock
Professor der pathologischen Anatomie in Leipzig.





Ein Abend im königlichen Institute zu London.


Das königliche Institut (Royal Institution) von Großbritannien ist eine Association von Personen der Wissenschaft und Freunde derselben zur Beförderung wissenschaftlicher Bildung Zu diesem Zwecke werden regelmäßig jeden Freitag Abend öffentliche Vorträge gehalten, die durch ein Laboratorium, eine Bibliothek von 27000 Bänden, einen großen Lesesaal, einen Zeitungssaal und ein Museum unterstützt werden. Das Laboratorium des Instituts ist von europäischer Wichtigkeit, da in demselben Davy und nach ihm Faraday ein halbes Jahrhundert lang experimentierten und arbeiteten, und manche ihrer Resultate wissenschaftlichen und praktischen Wert für die ganze Welt bekamen. Die Freitags-Versammlungen der Mitglieder, deren jedes zwei Freunde mitbringen kann, haben und erfüllen den speciellen Zweck, Männer von wissenschaftlichen und literarischen Verdienste zusammenzubringen und deren verschiedene Kenntnisse und Entdeckungen durch Unterhaltung und Discussion zum Gemeingute zu machen. Ein besonderes Theater im Auditorium giebt zugleich Mittel und Gelegenheit, neue Entdeckungen und Erfindungen durch Experimente und sonstige Illustrationen deutlich zu machen.

Anfangs Mai hatte ich die Gelegenheit, eine der Freitags-Versammlungen des Instituts (eines stattlichen Gebäudes in Albemarlestreet, Piccadilly) zu besuchen und einen sehr interessanten und wichtigen Vortrag Dr. Stenhouse „über ökonomische Anwendung gebrannter Kohle für Gesundheitszwecke“ mit anzuhören. Eine große Treppe spaltet sich oben in zwei Theil, deren einer in die Bibliothek, der andere in das Theater des Auditoriums führt. Ich besuchte zuerst den Bibliothekssaal, de voll von Damen und Herren war, welche alle mögliche auf den Tischen umherstehende Kuriositäten und Apparate besahen, besonders die ausgezeichneten Buxbaumschnitzwerke, welche für pariser Ausstellung bestimmt sind. Im Auditorio waren die Plätze schon ziemlich dicht besetzt und zwar ebenso reichlich von Damen, als von Herren, so daß unter ersteren mehr Freundinnen der Wissenschaft sein mögen, als gewöhnlich angenommen wird. Auf dem Tische des Vortragenden lagen verschiedene Stücken Kohle und andere unansehnliche Dinge. Vor dem Tische standen mehrere irdene Gefäße mit Kohle gefüllt. Mit dem Glockenschlage Neun hörte das Gesumme der Unterhaltung auf, da der Herzog von Northumberland, Präsident des Instituts, mit Dr. Stenhouse hereintrat, letzteren vorstellte und neben Faraday Platz nahm, worauf Dr. Stenhouse sofort seinen Vortrag ohne Komplimente begann. Er sagte, daß es drei Arten von gebrannten Kohle gäbe, die hier in Betracht kämen, Holz, Braun- und Thierkohle. Alle drei Arten habe die charakteristische Eigenschaft, unersättlich vom Winde zu leben, d. h. Gase zu verschlucken. An der schwarzen Tafel hinter ihm waren die Quantitäten oder Raumtheile der verschiedenen Gase, die eine gegebene Quantität Kohlen verschlucken kann, in Zahlen angegeben, welche tatsächlich an Pharao’s Traum erinnern, der sieben fette Kühe von sieben magern verschlingen sah, ohne daß letztere dadurch im Geringsten dicker und fetter wurden. In früheren Experimenten (fuhr er fort) war nicht gehörige Rücksicht auf die verschiedenen Gas-Appetite der drei Kohlenarten genommen worden; er habe durch sorgfältige Untersuchungen gefunden, daß Holzkohle bei weitem das meiste Gas verschlucke, nach ihr kämen Braun- und dann Thierkohle. Die hochweise englische Regierung wisse davon freilich nichts und habe deshalb erst unlängst 600 Centner Braunkohlen für’s Hospital nach Scutari gesandt, um die Krankheitsgase wegsaugen zu lassen. Das sei ein ächtes Stück Krim-Verwaltung, es hieße thatsächlich Kohlen nach Newcastle (oder Sand nach Berlin) fahren, da in der Türkei Holzkohle das gewöhnliche Heizungsmaterial ausmache. Dr. Stenhouse war zuerst durch John Turnbull in Glasgow, Fabrikanten chemischen Düngers und von Holzkohle, auf die wundervolle Tugend der Kohle, schädliche Gase zu verschlucken, aufmerksam gemacht worden. Er hatte in zwei Gefäße zwei Hunde in geriebene Holzkohle begraben, so daß diese höchstens drei Zoll bedeckt waren, und sie in sein warmes Arbeitszimmer gestellt. Hier standen sie Monate lang, ohne daß jemals die geringste Unannehmlichkeit gerochen ward. Nach fünf Monaten besah er sich seine beiden Stubenburschen bei Lichte: sie waren vollständig verweset. Dr. Stenhouse machte dasselbe Experiment mit demselben Erfolge. Nach fünf Monaten fand er nur noch etwas unzersetztes Fett von den todten Hunden. Hierauf machte er auf den Irrthum in den meisten chemischen Büchern aufmerksam, welche der Holzkohle eine Widerstandskraft gegen Verwesung zuschreiben, im Gegentheil befördere sie dieselbe, da der in den Millionen Poren der Kohlen lauernde Sauerstoff di durch die Verwesungsprozesse frei werdenden Gase uns Substanzen immer sofort fasse und mit ihnen Verbindungen eingehe, so daß die schädlichen Gase durchaus nicht über das Bereich der Kohlen hinaus kämen. Dieser Prozess gehe in’s Unendliche fort, da die Kohlen nie satt würden. (Ich berichte Dr. Stenhouse’s Behauptung, obwohl ich in Paranthese bescheiden an der unendlichen Unersättlichkeit der Kohle zweifle.)


Er ging hierauf auf sein specielles Verdienst, den von ihm erfundenen, höchst einfachen, höchst wichtigen Luftfiltrirbeutel, die vollkommenste Luftreinigungsmaschine, über. Diese Maschine besteht aus zwei engen Drahtgitterwänden, gefüllt mit Holzkohle. Dieser Filtrirbeutel kann natürlich jeder Art von Öffnung, durch welche Luft eindringt oder eingelassen werden soll, angepasst werden, so daß jeder um seinem Hause, so ungesund es auch liegen mag, ein wohlfeiles, sicheres und vollkommenes Mittel hat, sich stets mit frischer Luft von Außen zu versorgen. In Mansionhouse, wo der Lord-Mayor residirt und zugleich zu Gericht sitzt, gehen die Fenster des Gerichtslokales in eine enge, mit einer Uriniranstalt decorirten Straße, die deshalb die Nase der Gerechtigkeit oft so arg beleidigte, daß die Verurtheilten dafür büßen mußten und die höchsten Grade von Strafen diktirt bekamen. weil mildernde Umstände durch dir schlechte Luft absorbiert wurden. Seitdem sich der Lord-Mayor einen Sternhouse’schen Luftfiltrirbeutel in ein Fenster des Gerichtslokales hat machen lassen, riecht man nichts mehr von der Straße

[317] draußen, und in reiner Luft wird nun reinere und humanere Gerechtigkeit gesprochen.

Dr. Stenhouse zeigte dann mehrere Arten seiner Holzkohlenluftfiltrirbeutel für einzelne Nasen und Lungen, Respirators.

Die gewöhnlichen Respiratoren von Draht geben in höchster Vollendung nur warme Luft, reinigen sie aber nicht, die Kohlenrespirators, beiläufig blos ein Drittel des Preises kostend, reinigen und wärmen die eingeathmete Luft zugleich. Auch sprach er sich gegen eine Patentirung seiner Erfindungen aus: er wolle die Preise von simpeln Mitteln zum Schutze gegen Krankheiten und Lungengifte aller Art nicht vertheuern, eine Erklärung, die mit großen Beifallsäußerungen aufgenommen ward. Er machte besonders auf den wohlthätigen Gebrauch dieser Respiratoren für Aerzte und Krankenwärter in Hospitälern und bei ansteckenden Seuchen aufmerksam, für alle Personen, die in Aquaducten, Cloaken, Minen u. s. w., in Industrien zu thun haben, die lungenverderbliche Gase absetzen. Dabei gab er wieder von der Krim-Regierungsweisheit ein hübsches Beispiel. Sein Freund, Dr. Sutherland, sei nach dem Hospitale zu Scutari abgegangen und habe die Regierung um fünfhundert solche Respirators gebeten, von den verschiedenen Departements aber einzeln dieselbe Antwort erhalten, daß die Pflicht, Respirators zu besorgen, nicht zu diesem Departement gehöre, also Summa Summarum zu keinem. Die Regierung wird auch die letzte Instanz sein, welche sich dazu versteht, reine Lust zu athmen oder sie wohl gar für Andere zu besorgen.

Für überfüllte Hospitäler, Auswanderungsschiffe, enge, überfüllte Straßen in London und andern großen Städten, feuchte und ungesunde Gegenden überhaupt werde der Holzkohlen-Respirator ein wahrer Heiland werden. Und so hoffe er schließlich, daß die Zeit nicht mehr fern sei, wenn auch die empfindlichste und schwächste Person ohne Nachtheil für die Gesundheit das Bett des an bösartigen Krankheiten Leidenden besuchen, Jeder ohne Nachtheil durch die giftigsten Sümpfe und die tödlichsten Klimate der Erde wandern und Jeder seine kostbare Lunge vor den Billionen Feinden, die überall gegen sie umher schwärmen, verassecuriren werde. Vorläufig kann Jeder seine Wohnung dadurch um Hunderte von Procenten verbessern, daß er eine Fensterscheibe einschlägt und sie nicht vom Glaser, sondern vom Drahtflechter wieder ganz machen läßt und zwischen zwei Scheiben von Drahtgaze Kohlen schüttet. Hält er dann die übrigen Zugänge der Luft ziemlich verschlossen, so daß alle Luft durch die Kohlen marschiren muß, ist er der Reinheit seiner Atmosphäre um so sicherer, vorausgesetzt, daß für gehörigen Abgang der schon zum Athmen verbrauchten, des Sauerstoffs beraubten und mit Kohlensäure u. s. w. versehenen Luft gesorgt wird, wofür in England das stets im offenen Kamine brennende Feuer der beste Ausfeger ist.

Nach dem Schlusse des Vortrages drängte ich mich etwas nach dem Centrum, um mir die Helden Faraday, Tyndall u. s. w. näher anzusehen und den ersteren zu fragen, was die großen Kohlenbecken eigentlich enthielten.

„Das eine ist das Grab eines großen Katers,“ sagte er, „in dem daneben schlummern einige Ratten, ohne sich vor ihrem Nachbar zu fürchten. Der Tod versöhnt selbst diese bittern Feinde.“

Ich habe hier als Laie nach einem einmal gehörten Vortrage berichtet. Die Sache ist aber so interessant und so wichtig für die große menschheitliche Grundbedingung des Wohlseins, daß ich die Herren Sachverständigen, die an diesem Organe mitarbeiten, bitte, sie aufzunehmen, sie bestimmter zu erklären und der Menschheit mundrecht zu machen. Das Beste, Nützlichste, Einfachste, Wichtigste, Notwendigste, Wohltätigste muß man immer noch sehr oft erklären und empfehlen, in sofern es neu ist, denn der Mensch hat im Allgemeinen eine wunderbare Ausdauer und einen unüberwindlichen Heldenmuth, sich gegen Alles zu wehren, was sich ihm als Wohlthat bietet, falls diese Wohlthat das Unglück hat, sich als früher noch nicht dagewesen darzustellen, als junger Anfänger, als paßloser, polizeilich nicht approbirter, von der Großmutter nicht geerbter, vor des deutschen Bundes schützenden Privilegien nicht decorirter Fremder aus dem fabelhaften Lande der Wissenschaft. Man filtrirt in ehrwürdiger Erbweisheit den Kaffee, um ihm die beste Blume zu nehmen und ihn zu verderben, aber ehe sich der Mensch einen Filtrirbeutel in’s Fenster macht oder wohl gar vor die Nase bindet, um sich die Luft, die er athmet und von der er ganz wesentlich lebt, zu filtriren und sich so eine wesentliche Lebensversicherungsanstalt in die Physiognomie zu stecken, ehe er das thut, stirbt er lieber, obgleich er hinterher aus reiner Faulheit und Gedächtnißschwäche vergißt, wieder aufzustehen und es mit einem filtrirten Leben zu versuchen. Daß der Mensch blos einmal stirbt, ist auch eine bloße alte, schlechte Angewöhnung. Wenn die Leute todt sind, denken sie, sie mußten die Mode auch mitmachen und todt bleiben, so langweilig dies auch sein muß. In der That stirbt der Mensch gar nicht, sondern fängt sofort, nachdem der Doctor den Todtenschein geschrieben, in allen möglichen Richtungen und Geschäftszweigen der Natur erlaubte und unerlaubte Gewerbe an, nur daß er der alten Mode wegen die Leute immer in dem Glauben läßt, er sei todt. Vielleicht weiß er’s auch nicht besser , aber Factum ist, daß die meisten Menschen, wenn sie todt sind, sich mehr Freiheit nehmen, sich mehr Theilnahme am Leben erlauben als vorher. Namentlich machen sie viel in Luft und Gas und mehr, als den Leuten von Fleisch und Blut gut ist. Letztere bedürfen daher der Respiratoren, damit erstere uns mit ihren Produkten nicht übermäßig versorgen.




Der Kampf vor Sebastopol.
Mit einer Abbildung des Kampfplatzes vom Fort Konstantin aus.

Das Drama auf der Halbinsel ruft in seinem blutigen Wechsel immer neue Darstellungen der Scenen und Situationen hervor, die geeignet sind, uns ein möglichst klares Bild der dortigen Ereignisse zu geben.

Wir nehmen bei der heutigen Abbildung einen Standpunkt ein, wie er bis jetzt noch von keinem Berichterstatter gewählt, von keinem Blatte bildlich dargestellt worden ist, im Fort Konstantin selbst, von dessen Krone man die kleine Scholle Erde überblickt, um deren Besitz sich jetzt Franzosen, Engländer, Russen, Türken, Sardinier, Aegypter, Polen, Griechen, Araber und Tscherkessen schlagen. Die Zeichnung ward während eines der Bombardements der Flotte aufgenommen und dürfte unsern Lesern wegen ihrer Uebersichtlichkeit sehr willkommen sein. Von hier aus finden wir leicht das Terrain der Angriffsobjekte, die in den letzten Tagen von den Alliirten in den eisernen Gürtet gezogen worden sind, der sich enger und enger um die Seefeste schließt. Wir haben kaum nöthig, den Blick des Lesers auf die hervorragendsten Parthien unseres Bildes zu lenken, die mit Hülfe der beigegebenen Noten schnell gefunden werden können, und wir beschränken uns daher nur auf die Bemerkung, daß die am 6. und 7. erstürmten Verschanzungen der Belagerten theils seitwärts, theils hinter dem Malakoffthurm (Nr. 16 und 19) gelegen sind, deren Besitz die Alliirten in den Stand gesetzt hat, die bedeutenderen Befestigungen des Malakoffthurms etc. jetzt mit aller Energie und leichter als zuvor anzugreifen. Die Erstürmung dieses Thurmes würde eine Wendung in dem Riesenkampfe herbeiführen, die über das Schicksal der im Hafen ankernden russischen Flotte und der Stadt Sebastopol selbst, besonders aber über die zu ihren Füßen sich befindenden Zeughaus und Pulvermagazine entscheidend wäre, denn jetzt schon, nach Erstürmung des grünen Mamelon ist, wie alle Nachrichten übereinstimmen, die russische Flotte sehr gefährdet und kann jeden Augenblick durch die Geschütze der Alliirten vernichtet wenn nicht, wie zu vermuthen steht, die Russen es vorziehen, dieses Zerstörungswerk selbst zu verrichten. Nach den neuesten Nachrichten sind bereits die Schiffe aus dem Kriegshafen entfernt. Aber selbst im Besitz des so sehr gefürchteten Malakoffthurmes

[318]
Die Gartenlaube (1855) b 318.jpg

Sebastopol und der Kampfplatz vom Fort Konstantin aus gesehen
1. Fort Konstantin. 2. Alliierte Flotte. 3. Fort und Cap Alexander. 4. Quarantaine-Fort. 5. Fort und Batterien von Sebastopol. 6. Fort Nikolaus. 7. Fort St. Paul. 8. Fort Katharina. 9. Handelshafen. 10. Kriegshafen. 11. Stadt. 12. Große Straße. 13. Runder Thurm 14. Mast-Tuhrm 15. Festungsmauer. 16. Malakoff-Thurm. 17. Zeughaus und Pulvermagazine. 18. Vorstadt.19. Marmelon-Hügel und russische Vorwerke vor dem Malakoff-Thurm. 20. Schlucht zwischen engl. und franz. Lager. 21. Versenkte russische Schiffe 22. Französische Batterien. 23. Franz. Batterien im Kirchhof. 24. Englische Batterien. 25. Batterien d. franz. Marine. 26. Englisches Lager. 27. Eisenbahn von Balklava. 28. Thäler von Tschernia und Baidar. 29. Türkisches Lager. 30. Französisches Lager. 31. Kamiesch-Bai. 32. Französische Magazine. 33. Cap Cherson. 34. Strelitzen-Bai 35. Bai von Chersones. 35. Quarantaine-Hafen.

[319] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [320] steht den Alliirten noch ein furchtbarer Kampf bevor, da die Stadt von den verschiedenen Forts, namentlich von Fort Konstantin vollständig beherrscht, mit vortrefflichen Vertheidigungswerken nach Angabe des bekannten Generals Tottleben versehen ist, und von einer Armee vertheidigt wird, die sich an Tapferkeit und Ausdauer wohl mit den Alliirten messen kann. Die nächsten Tage werden entscheidend sein, aber auch viel Blut kosten.




Blätter und Blüthen.

A. Soyer und die Kochkunst. Von allen naturwissenschaftlichen und philosophischen Theorien und Ansprüchen, die bisher über die Gattung „Mensch“ veröffentlicht wurden, ist keine Definition so schlagend, als die des Franzosen, der da sagte: „Der Mensch ist ein Thier, das kocht.“ Noch nie und nirgends hat man Thiere gefunden, die ihre Nahrung kochen, geschweige braten, schmoren, einpökeln und räuchern. Diese Definition ist also die richtige. Wie eine eherne Mauer stehen Küche und Keller zwischen dem Menschen und dem Thiere. Hier entwickelt sich seine specifische höhere Abkunft und Bestimmung.

Wenn aber die Kochkunst die specifische Eigenschaft ist, wodurch sich der Mensch vom Thiere unterscheidet, was folgt daraus? Daß der beste Koch an der Spitze der Menschheit steht, respective die Köchin, und daß namentlich A. Soyer, der Franzose, der große kosmopolitische Koch der Industrie-Ausstellung aller Völker zu London im Jahre 1851, der glorreiche Verfasser des Schillingkochbuchs für England und der Heiland englischer Hospitale auf dem Kriegsschauplatze, das Muster aller menschlichen Größe und Würde sein muß.

In allem Ernste hat dieser große Künstler sich in den Hospitälern der englischen Krim-Armee Verdienste erworben, für welche man in den Zeiten Homer’s die erhabenste Sprache der Poesie gefunden haben würde. Wenn Ceres, welche die Menschen den Ackerbau lehrte, in Schiller („Fest der Ceres“) einen würdigen Sänger ihrer Verdienste fand, müßte für Soyer expreß ein Goethe erstehen. Er segelte hinter in die Türkei wie ein Gott, um rohen Barbaren zu zeigen, wie sie es machen müßten, um sich den specifischen Unterschied vom Thiere zu erwerben. Er drückte das göttliche Siegel der Vollendung auf die Wissenschaft, welche einst die Göttin Ceres lehrte, als sie den mordenden Speer in Leben bringende Pflugschaare verwandelte. Von allen den durch Gicht, Geburt und Kopflosigkeit ausgezeichneten Notabilitäten Englands, welche den Kreuzzug gegen den Osten anführten (an die ersten Kreuzzügler erinnernd, die sich bekanntlich von Gänsen den Weg zeigen ließen), ist Soyer der einzige, der nicht nur einen Kopf, sondern auch ein Herz hat für die leidende Menschheit, ist Soyer der einzige Künstler, der Einzige, an welchem der specifische Unterschied des Menschengeschlechts gegen die Thiergattungen deutlich und göttlich hervortritt. In Scutari und Kululi, später auch in Balaklava, erschien er als der wahre Erlöser, als Ritter Georg gegen den grimmigsten Feind der englischen Armee, den Hunger, für täglich sieben bis zehn Thaler pro Mann. Er lud die Häupter der „rothborstigen Barbaren“ (wie die Engländer von den Chinesen genannt werden), die Beamten der Hospitäler und selbst den Commandanten in die von ihm total revolutionirte Küche ein und stellte zwei Schüsseln voll Suppe vor sie hin, die eine nach englischer, die andere nach seiner Manier gekocht und sagte, sie möchten selbst kosten und urtheilen. Beide Suppen waren von gleicher Quali- und Quantität Fleisch zubereitet worden. Man kostete, sah und staunte. Man glaubte an Hexerei und Humbug, aber er hatte seine Zeugen und gab stärkere Proben. Er zeigte den geborenen Notabilitäten und Schrecken der Feinde in Gichtstiefeln fünf Nösel Reis- und fünf Nösel Gerstengrütze zum Getränke für die Kranken und fünf Pfund Reispudding. Diese zehn Nösel und fünf Pfund schmackhafte und für den schwächsten Kranken verdauliche Erquickung, die für sechs bis acht Mann für einen Tag hinreichend sein konnte, kostete nicht mehr als 91/2 Penny, etwa 71/2 Silbergroschen. Im Durchschnitt wurde für jeden Kranken täglich 1/2 Loth Thee verabreicht. Die Engländer, gesunde und kranke, sind in ihrem Egoismus gewohnt, jeder für sich zu kochen, so daß man sich das Walten dieses Egoismus im Lager bei einem nothdürftigen Feuer sich denken kann, diese Zeit-, Nahrungs- und Gesundheitsverschwendung. Soyer kochte eine Portion Thee von einem halben Lothe, dann von sechs Portionen einen viel aromatischeren, erquickenderen Thee für zehn Peronen vollkommen hinreichend. Aehnliche Resultate zeigte er den Weisen des Abendlandes von Gemüse und Fleisch und Kaffee, so daß die Weisen staunten und sehr dumm dazu aussahen.

„Wir fürchten in der That“, sagt die Times in ihrem Soyer-Leiter, „daß wenn wir auch bisher eigentlich nicht blos von Eicheln gelebt haben, wir doch in dieser Beziehung nur sehr geringe Ansprüche auf die Tugend der Civilisation machen können. Die Chinesen schlagen uns total in der Kunst, geringe Materialien nutzbar und nahrhaft zu machen. Zartes Bambusrohr und lustige Ratten und Mäuse bilden bei ihnen gute Hausmannskost, aber sie essen diese nicht halb roh und ohne das Fegfeuer der Kochkunst wie wir. Ihre Köche verwandeln Bambusrohr (in Lebensgröße zur Einbläuung von Unterthanentreue gebraucht) in alle mögliche Arten von Gemüse, die in Farbe und Geschmack eine ganze Gaumen-Tonleiter durchlaufen. In England dagegen stehen wir trotz des besten Fleisches, der besten Fische, des feinsten Geflügels, der gerühmten Ackerbaukunst, in der wir alle Völker zu überstrahlen wähnen, noch auf dem Standpunkte der Helden vor Troja oder der Nibelungenrecken, die ihre rohen Keulen am Wachtfeuer halb brieten (der englische Kamin ist nichts als das in Zimmer versetzte Wachtfeuer nomadischer Völker). Wir verstehen nichts von der Kunst, aus Nahrungsmitteln die möglichst größte Masse von Nahrungsstoff zu ziehen oder ihnen den möglichst würzigsten Geschmack zu geben (Gemüse kommt überall in bloßem Salzwasser gekocht auf den Tisch). Die Kochkunst lehrt, wie man Speisen am nahrhaftesten, verdaulichsten, schmackhaftesten zubereiten kann, daß sie körperliche Kraft und geistige Belebung geben, ist uns fremd.“

Ein Hauptgeheimniß der großen Erfolge Soyer’s und der Kochkunst überhaupt besteht darin, daß man von doppelten Quantitäten eines gekochten Stoffes nicht die doppelte Masse Nahrungsstoff und Schmackhaftigkeit bekommt, sondern viel mehr. Ein Pfund Fleisch zur Suppe verkocht, schmeckt wie ein Pfund Fleisch zu Suppe verkocht, zwei Pfund aber schon wie drei. Wer es daher nicht dazu hat, zwei Pfund für einen Tag zu bestreiten, der koche auf einmal für zwei Tage. Dasselbe gilt von Gemüsen und Getränken. Noch besser wär’s, wenn 3–5–10 Familien sich zu gemeinschaftlichem Kochen und Essen associirten vorausgesetzt, daß die Polizei darin nicht Kommunismus wittert.

Ein weiteres Hauptverdienst besteht darin, aus wohlfeilen, verächtlichen, wohl gar durch Mode und Gewöhnung geächteten Stoffen kostbare Delikatessen zu componiren und zu combiniren. Die jetzt sehr kultivirte organische Chemie lehrt mit mathematischer Bestimmtheit, was für und wie viel Nahrungs- und Erwärmungsstoffe die thierischen und vegetabilischen Produkte um uns enthalten. Darnach richte man Küche und Keller und Tisch ein, nicht nach Großmutter und Tante oder wohl gar nach Art der sogenannten Vornehmen, welche frische Schoten um Weihnachten, frische Weintrauben im Frühjahre und alle Dinge essen, wenn sie gar nicht da sind. Tief im Norden Schwedens ißt man Fichtenrinde als Brot, im Innern Südamerika’s Lehmkugeln, in China Ratten und Mäuse, Ausklopfe- und Spazierstöcke und bei uns, wenn man’s zu etwas Ausgezeichnetem im Leben gebracht hat, indische Vogelnester und Schnepfendreck. Wir wollen diese Delikatessen nicht gerade zum Nachessen empfehlen, wohl aber damit angedeutet haben, daß wir zwischen Lehmkugeln und Ausklopfestöcken an der Hand der organischen Chemie unendlich viel neue Nahrungsmittel ausfindig machen und durch die göttliche Kunst Soyer’s wenn nicht zu Delikatessen, so doch zu gesunden und schmackhaften Gerichten erheben können. Es ist des Menschen würdig, in der Kunst, die ihn speciell über das Thier erhebt und zum Halbgott stempelt, frei und wissenschaftlich Fortschritte und Eroberungen zu machen und nicht zu warten, bis die Bestialität des Hungers ihn zum Kannibalen erniedrigt. Man bedenke, daß der Mensch Mensch und kein Thier ist, weil er kocht und sich eine Köchin hält und demnach Beförderung der Kochkunst Förderung der Humanität und Civilisation genannt werden muß. Man suche deshalb die großen Männer der Menschheit nicht in Schlachten, Kammern und an Höfen, sondern unter den Köchinnen.

Und wer ein Weiser genannt werden will, der schicke diesen Artikel in die Küche und empfehle ihn den Restaurateurs der unverheiratheten Menschheit zu besonderen Studien in goldener Morgenstunde.




Literatur. Das liederreiche Schwaben ist noch immer der Hort ursprünglicher Poesie; so lernten wir jetzt wieder zwei wackere, ächte Poeten dieses Landes kennen: J. G. Fischer (Gedichte im Cotta’schen Verlag) und Jos. Victor Scheffel („Der Trompeter von Säckingen.“ Ein Sang vom Oberrhein, Verlag von J. B. Metzler in Stuttgart.) Die Gartenlaube ist eben nicht freigebig mit der so oft mißbrauchten und so bedeutungsvollen Bezeichnung „ächter Poet;“ um so mehr aber freut sie sich, wenn sie dieselbe mit gutem Gewissen geben kann und das ist bei den genannten Dichtern der Fall. Seien sie damit – auch ohne weitere Kritik – bestens empfohlen; ihre Dichtungen sind so gesund und frisch, wie wir derselben in unserer Zeit der Puttlitze, Scherenberge, Redwitze und Konsorten wenige kennen. – Von interessanten Neuigkeiten sind in den letzten Tagen noch erschienen: Gervinus Geschichte des 19. Jahrhunderts. 1. Bd., ein Buch, das großes Aufsehen erregt. – Theodor Mundt, der Kampf um das schwarze Meer. – Keller, der grüne Heinrich. 4. Bd. – Moleschott, Kreislauf des Lebens. Zweite Auflage, und von Arnold Schloenbach, dem Verfasser des neulich in unserer Zeitschrift abgedruckten Artikels: „Schillers Frau“ ein historisches Buch: Tausend Jahre Thüringer Geschichte. Angekündigt ist noch der 2. Theil des in Brüssel erschienenen Memoire über die Krimexpedition, dessen 1. Theil bekanntlich dem Prinzen Napoleon zugeschrieben wurde, überall großes Aufsehen erregte und namentlich in Frankreich streng verboten ward.


  1. Wir wir soeben in der Deutschen Allgemeinen Zeitung lesen, ist das Anerbieten des Herrn Prof. Bock von einem Leipziger homöopathischen Arzte, Herrn Doctor Cl. Müller, angenommen worden.
    D. Redakt.