Die Gartenlaube (1855)/Heft 30

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1855
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[391]

No. 30. 1855.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteur Ferdinand Stolle.
Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.

Elsje.
Eine niederländische Geschichte von W. O. v. Horn.
(Schluß.)


Es war ihm schon aufgefallen, daß das Abendbrot des Gefangenen noch so unberührt auf dem Tische des Vorgemachs stand, wie er es am Abende vorher niedergesetzt hatte. Der Gedanke, der Gefangene sei krank, lag ihm nahe. Als er das Frühstück hingestellt auf den mit Büchern bedeckten Tisch, die er leise wegschob, sah er die Kerze tief herabgebrannt. „Der hat wieder die halbe Nacht studirt!“ sagte er zu sich. „Mußt doch einmal nach ihm sehen!“

Er schlich leise zum Himmelbette, schob die damastenen, steifen Behänge zurück und – stieß einen Schrei des Erschreckens aus, denn da lag in ihren dunkeln Gewändern, in reizender Stellung, sanft schlafend, eine wunderschöne Frau!

Als sich Maria de Groot erschrocken aufrichtete, sprang der Soldat einen Schritt zurück und rief: „Hebe dich weg, Satanas!“ – Aber dann ergriff ihn eine Todesangst. Er rannte hinaus und spornstreichs zum Commandanten. Der saß ruhig und friedlich beim Frühstücke, als der Adjutant meldete, der Soldat, welcher de Groot aufwarte, wolle durchaus den hochmögenden Herrn Commandanten sprechen, dieweil er behaupte, der Teufel befinde sich in des de Groot’s Gemach in Gestalt einer bildschönen Frau.

„Ist er denn närrisch geworden, der Blexemskeerl?“ fragte der Commandant.

„Das scheint nicht!“ versetzte der Adjutant.

„So laßt ihn kommen!“ lautete darauf der Befehl, und Soldat trat bleich und zitternd ein und berichtete, was er gesehen und erlebt hatte.

„Halt!“ rief der Commandant und sprang auf, „da ist’s jedenfalls nicht richtig!“ Er eilte hinaus und der Adjutant, und von ferne und scheu auch der Soldat, der sich aber stets umsah und auf jeder Stufe anhielt, um im Augenblicke der Gefahr sich salviren zu können.

Als der Commandant hereinstürzte, saß Maria de Groot, die ihren Anzug etwas geordnet hatte, ruhig am Tische und erhob sich, ihn zu begrüßen.

Der Commandant fuhr entsetzt zurück, denn er kannte die Gattin des Rathspensionärs von Rotterdam aus früheren Zeiten.

„Was ist das, Mevrouw?“ fragte er voll Schrecken. „Wie kommt Ihr hierher? Wo ist Euer Gemahl?“

„Gestattet mir, Euch zu antworten,“ sagte mit Würde, und doch so demüthig, das heldenmüthige Weib. „In der Bücherkiste, darin mein Eheherr entflohen, kam ich hierher, ihn mit Aufopferung meines Lebens zu retten. Er ist, so der Herr mein Gebet erhört hat, längst auf brabantischem Boden und in Freiheit und Sicherheit, und ich bin Eure Gefangene!“

„Mein Gott, was habt Ihr gethan?“ rief außer sich der Commandant. „Euch und mich habt Ihr unglücklich gemacht!“

„An mir liegt nichts,“ erwiederte gottergeben die edle Frau. „Von Eurem Haupte, der Ihr unschuldig seid, wird des Herrn Gnade das Unglück abwenden!“

Der Commandant erinnerte sich plötzlich seiner Pflicht. Er wandte sich zum Adjutanten und sagte: „Schnell drei Kanonenschüsse! Ein Detachement von 25 Mann sofort zur Verfolgung nach Gorkum“! Darauf verließ er das Gemach und schloß selbst die Thüre ab.

Drüben am Fenster des Gärtnerhäuschens saß Elsje und ließ ihr weißes Tuch gegen Löwenstein wehen, aber Niemand gab dort ein Zeichen, daß das ihre verstanden worden sei. Endlich sah sie das wehende Tuch und wußte nun, daß sie verstanden worden war. Ihr Zeichen sagte der Herrin, daß de Groot’s Flucht ungefährdet ausgeführt worden sei.

In diesem Augenblicke ertönten die drei sich rasch folgenden Schüsse, welche die Flucht eines Gefangenen ankündigten. Ganz Gorkum kam in Bewegung. Alles müssige Volk rannte nach dem Hafen, wo alsbald das Detachement landete.

Der bei den Booten zurückbleibende Soldat erzählte den Hergang einfach und wahr.

Nun stürmten Viele den Soldaten nach, um anzuzeigen, daß Daatselaar um die Flucht wisse.

Daatselaar war klug genug, jede Spur des Kastens zu vertilgen, so wie er die Kleidung de Groot's ebenfalls den Flammen übergeben hatte. Niemand hatte eigentlich das Hineintragen der Kiste gesehen, noch weniger Jemand die Flucht aus dem Hause; er kam also blos mit dem Schrecken weg. Nach Piet van Halver wurde indessen gesucht, und als man ihn nicht fand, Elsje wie eine Verbrecherin nach Löwenstein gebracht, wo sie ihre liebe Herrin wiedersah, die dem ängstlich gewordenen Mädchen Trost und Muth zusprach.

Vergebens fahndete man nach dem Entflohenen in Gorkum und der Umgegend.

Piet war sogleich abgesegelt als de Groot sein Boot betreten hatte. Wie ein Pfeil schoß das Boot durch die Wellen. So lange es noch hell war, wurde Piet’s Seele von Angst vor Verfolgung nicht frei; aber als nun die Nacht kam und der Mond mit seinem Lichte den Strom beglänzte, da wuchs ihm der Muth.

[392] Bei einer Insel legten sie an, um sich wärmer für die Nacht zu kleiden, denn in dem Schließkorbe waren Kleidungsstücke für Piet und de Groot und Lebensmittel und Wein. Tiefer unten sah Piet Hemden und allerlei nothwendige Dinge. Er kannte die Hand, die das Alles gesendet.

Sie erquickten sich, und in wärmere Kleidung gehüllt, konnten sie der Kühle der Nacht schon widerstehen. An Schlafen durfte Keiner denken, und im Boote wäre auch kein Plätzchen gewesen.

Erst als sie an dem brabantischen Ufer eines Canals ein Dorf erreichten, sagte de Groot: „Frage doch, Piet, wo wir sind? So lange sind wir schon gefahren, ohne daß wir wußten, wo wir uns befänden, daß es einmal Zeit ist, darnach uns zu erkundigen.“

Sie legten an.

Es war allerdings ein brabantisch Dorf, und als sich Piet erkundigte, wie weit sie noch bis Walwijk hätten, sagte der Bauer: „Ihr erreicht’s in zwei Stunden!“

„So nimm zwei Ruderer,“ sagte de Groot. „Du hältst es nicht mehr aus, Piet!“

Das geschah denn auch, und das Boot glitt leicht über die ruhige Fläche des Wassers, und in weniger als zwei Stunden landeten sie in Walwijk und – waren gerettet.

Erst jetzt fühlte Piet, wie er im Uebermaße seine Kräfte angestrengt hatte, und wie Noth ihm die Ruhe und Pflege sei, wenn er nicht erkranken solle.

Auch de Groot, der Mann, welcher leibliche Anstrengung nicht kannte, hatte das Ruder oder den Riemen nach Piet’s Anweisung wacker geführt, theils um sich zu erwärmen in den drei Nächten, welche sie durchgefahren waren, theils um die Entfernung von dem Orte schnell zu vergrößern, von dannen ihm der Arm eines ungerechten Urtheils Gefahr drohete. Er fühlte sich, trotz weniger Arbeit und Anstrengung, dennoch nicht weniger angegriffen, als Piet auch.

Hugo de Groot fehlte es nicht am Gelde. Sein heldenmüthiges Weib hatte ihm das gebracht, was ihn auf lange Zeit vor allen Nahrungssorgen bewahren konnte. Sie blieben daher in Walwijk, wo Piet sein Boot gut verkaufte.

Aber erst hier fiel es Hugo de Groot recht auf die Seele, was aus seiner Gattin werden würde. Erst hier, wo er in voller Ruhe Alles überdenken konnte, begriff er die Größe des Opfers, das ihm Maria gebracht; erst jetzt konnte er die Thatkraft, die Macht treuer Liebe erwägen, deren größte und schwerste Probe sie abgelegt. Mit dieser Reihe der Vorstellungen kam dann auch die quälende Ungewißheit über ihn, was ihr möchte geschehen sein.

Nicht minder war Piet’s Seele wegen Elsje, wegen seiner Mutter, wegen des Gärtners und seiner Familie besorgt. Er hatte van Houwening gebeten und dieser es ihm auch versprochen, Nachricht über Alles zu geben. Anfangs hatte der Gärtner gehofft, es werde der Sturm an ihm vorübergehen, ohne ihn mehr, als durch seiner Tochter Verhaftung zu berühren; allein darin hatte er sich geirrt. Auch er und sein Sohn Niels wurden verhaftet, verhört, aber nach einem Zeitraume von einigen Wochen wieder frei gegeben. Ueberhaupt schien es, als wolle man der ganzen Sache nicht den strengen Nachdruck geben, wie es zu erwarten gewesen wäre. Vielleicht sahen es manche der Richter de Groot’s nicht einmal ungerne, daß er ihr strenges Urtheil durch seine Flucht gemildert hatte.



VIII.

Als der erste Schreck und Zorn des Commandanten vorüber war, trat bei ruhiger Ueberlegung auch die volle Bewunderung für das edle Weib bei ihm ein. Mit aller der Ehrerbietung, welche jetzt sein Herz gegen sie erfüllte, behandelte er sie, und gleiche Gesinnung athmete der Bericht, den er abstattete, ob er gleich bekennen mußte, daß er auf eine ihn bloßstellende Weise überlistet worden sei. Die einfache Darlegung des Sachverhalts, der durch die einzelnen Verhöre, welche der Fiskal in Gorkum erhoben, sich herausstellte, bewies allerdings, daß man in Löwenstein etwas sorglos und sicher geworden war; allein der Glanz der rettenden That Maria’s de Groot, deren Kunde rasch das Land nach allen Richtungen durchflog, das man bald überall pries und selbst auf den Straßen sang, lähmte den Arm strenger Gerechtigkeit, verstopfte den erbitterten religiösen Feinden de Groot’s den Mund und ließ den Commandanten straflos. Selbst unter der Besatzung der Festung herrschte eine wahre Begeisterung für die beiden Frauen im Gefängniß, deren Schönheit vollends zu ihren Gunsten das ganze, nicht kleine Gewicht geltend machte.

Eines Tages war es eben jener Soldat, den Piet Lips genannt, und der ihm bei seinem Verkehre mit Löwenstein befreundet worden war, welcher die Bedienung der Gefangenen zu besorgen hatte, da sonst im Schlosse sich kein weiblich Wesen befand. Als Elsje in das Vorgemach trat, erkannte sie ihn.

Beide sahen sich einen Augenblick bestürzt an.

„Armes Kind,“ sagte der ehrliche Friesländer, „Dir ging es schlimmer als mir; freilich warst Du betheiligt; aber was ist aus Piet geworden? Ich hab’s wohl bemerkt, daß Ihr Zweie einander näher angehet!“

Elsje erröthete, aber sie erwog schnell, daß ihr eine Offenheit, wie sie der Ehrlichkeit des Menschen gegenüber eigentlich geboten war, mehr nützen könne, als eine mädchenhafte Scheu.

„Ich weiß nichts von ihm,“ sagte sie mit einem tiefen Seufzer, „seit er mit Herrn de Groot entflohen ist.“

„Aber, nicht wahr, Du möchtest etwas von ihm wissen?“ fragte mit listigem Lächeln der Soldat, „oder ihm doch irgend eine Kunde senden. Weißt Du, wo er ist?“

„Ja, Lips, guter Lips!“ rief das Mädchen. „Ich weiß, wo er ist. Er lebt in Warwijk in Brabant, aber wie sollt’ ich ein Briefchen dahin bringen?“

Lips ging zur Thüre und sah sich überall um. Als er wiederkehrte, flüsterte er ihr zu. Ich glaube nicht, daß ich eine Sünde thue – wenn ich Dir meine Hülfe anbiete, ein Briefchen an ihn zu bringen. Ich behalte heute den Dienst bei Euch. Willst Du bis diesen Abend, wenn ich Euch den Thee bringe, ein Brieflein schreiben, so bring’ ich es Deinem Vater morgen. Der mag’s weiter besorgen!“

„Lips,“ sagte Elsje feierlich, „kann ich auf Euch zählen? Ist es ehrlich und treu gemeint? Wollt Ihr mir vor Gott geloben, mich nicht zu betrügen?“

„Geh’,“ sagte Lips, gekränkt von dem Mißtrauen, „geh’, Kind, es ist mir leid, daß ich Dir Etwas gesagt habe! Ein Friese bricht sein Wort nicht. – Doch – ich vergebe Dir, weil ich Deine Lage kenne. Wohlan, ich gelobe Dir’s vor Gott dem Allwissenden, ich will’s treu besorgen!“

„Dank, Dank!“ rief Elsje und drückte die derbe Hand, daß dem ehrlichen Friesen ein seltsam Gefühl prickelnd bis in die Fingerspitzen drang.

„Es bleibt also dabei? Diesen Abend geb’ ich Euch ein Briefchen!“ Er nickte freundlich und ging.

Schnell eilte sie in das Gemach zu Mevrouw Maria, und ohne die Speisen zu berühren, eilten Beide zu schreiben. Der Brief wurde geschlossen, gesiegelt und am andern Tage war er in den Händen van Houwening’s, der bereits wieder aus seiner kurzen Haft entlassen war.

Auch manchen mündlichen Auftrag richtete Lips aus, der Sorge und Kummer scheuchte.

Nach manchen Kreuz- und Querzügen gelangte der Brief nach Walwijk und in Piet’s Hände. Darin lag einer an Herrn de Groot. Die Freude Beider war unbeschreiblich.

Nun erst verließ de Groot Walwijk und zog an andere Orte Brabants. Piet begleitete ihn als sein Diener, denn er durfte nicht nach Gorkum zurückkehren.

Der Ruf Hugo de Groot’s war längst über die Grenzen Niederlands hinaus gedrungen, und seine Verurtheilung und auf’s Neue seine wunderbare Befreiung hatten die Augen seiner Verehrer auf ihn gelenkt. Von Paris aus erhielt er Einladungen an den Hof Ludwig’s XIII., und der Wunsch nach irgend welcher geordneten Thätigkeit, die Schätze, welche die erste Büchersammlung Frankreichs ihm bot, gaben ihm Veranlassung, dorthin zu gehen, was freilich Piet’s Seele mit Kummer erfüllte, weil er, der nie von Gorkum weggekommen war, mit Entsetzen an eine solche Entfernung dachte. Indessen blieb ihm nichts übrig, als seinem Herrn zu folgen, der mit großen Ehren aufgenommen wurde, und von Ludwig XIII. einen Jahrgehalt von 3000 Livres erhielt.

Von hier aus schrieb de Groot und er an van Houwening, der wohl Mittel finden konnte, die Einlagen an Mevrouw Maria, und Elsje gelangen zu lassen.

Als diese Briefe dort anlangten, hatte sich bereits das Schicksal Beider entschieden, daß nämlich Elsje’s und ihrer edlen Gebieterin.

[393] Selbst die kalten Herzen der hochmögenden Herren wurden durch ihre Heldenthat erwärmt, aber mehr wirkte die freundliche Gesinnung des Prinzen Friedrich Heinrich von Oranien, dessen Einfluß auch die zur Milde stimmte, die im Hasse kein Ziel kannten und unedel genug waren, das edle Weib büßen zu lassen für ihre Liebe und Treue. Sie konnten am Ende den laut geäußerten Ansichten des Prinzen nicht Trotz bieten, und stimmten ein in das Urtheil, welches ihre sofortige Befreiung aussprach. Sie kehrte mit Elsje nach Gorkum zurück in das Stübchen, wo sie in so großem Leide ausgeharrt, wo aber auch mit Elsje’s Beirath der Plan zu des theuern Gatten Befreiung zur Reife gediehen war. Wo sich ihr Gatte befand, das wußte sie nicht, hoffte aber, daß an van Houwening gewiß eine Nachricht gelangen werde.

Monate flossen indeß dahin, ehe jener Brief aus Paris in ihre Hände kam.

Während dieser Zeit erkrankte Piet’s gute Mutter schwer. Sie zählte siebzig Jahre und hatte des Leides viel erfahren und getragen mit frommem, gottergebenem Herzen. Sie hatte in die That ihres Sohnes gewilligt, weil sie eine gottgefällige Handlung, die Errettung eines Glaubensgenossen aus den Banden eines ungerechten Urtheils darin erkannte, obwohl sie wußte, sie würde hienieden ihren Sohn nicht wiedersehen. Das war viel für ein Mutterherz! Sie trug aber eins jener seltenen und wahrhaft großen Herzen in der Brust, die das schwerste Opfer für eine heilig erkannte Sache zu bringen fähig sind. Frau de Groot’s Beispiel hatte sie und Elsje’s weiche Mutter begeistert und zu Heldinnen gemacht. Der Abschied Piet’s hatte ihr freilich fast das Herz abgedrückt, aber sie hatte ihn ja gesegnet und droben im Vaterhause sah sie ihn wieder: der Glaube war in ihrer frommen Seele fest wie ein Fels.

Frau de Groot und Elsje wichen nicht von ihrem Bette, und was der Reichthum vermag, Leiden zu mildern, das wurde in einem Maße geboten, wie es dem Herzen der edlen Frau nur irgend zureichte; allein nichts vermag die Grenze hinauszurücken, die der Herr der Tage dem menschlichen Leben gesetzt hat. Sie hauchte stille und friedlich ihre Seele aus und Piet war ihr letztes Wort, zu dem als göttlichen Trost Frau de Groot die Worte sprach:

„Jesus spricht: Ich will Euch wiedersehen und Eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.“

Da überflog ein wunderbarer Schein der Verklärung die Züge der Sterbenden und verließ sie selbst dann nicht, als der Tod sein sonst so erschütterndes Siegel völlig dem Antlitze aufgedrückt hatte. Elsje hatte sie den letzten Mutterkuß für ihren guten Piet anvertraut. Auch in Bezug auf Piet’s irdische Zukunft starb sie ohne Sorgen. Frau de Groot gab ihr die Versicherung, daß sie so für ihn sorgen würde, daß er als wohlbehaltener Mann werde leben können. Daß das dem Mutterherzen eine schwere Bürde abnahm, zumal sie die feste Hoffnung nähren durfte, daß Piet so straflos zurückkehren dürfe, wie Elsje von Löwenstein heimgekehrt war, war gewiß.

Frau de Groot machte nun auch Anstalten, ihr Wort zur That zu machen. Kaum war Piet’s Mutter zur irdischen Ruhe im Grabe gebettet, da begann sie, das Häuschen unter der Linde niederreißen und neu aufbauen zu lassen. Es wurde größer, geräumiger, stattlicher. – Durch Vermittelung des, wenn auch nicht muthvollen, doch aalgewandten Daatselaar, der ohnehin seine Schuld auf irgend eine Weise vergessen machen wollte, kaufte sie alle die Güter an sich, welche einst Piet’s Vater besessen hatte; ja, sie vergrößerte das Gütchen noch um ein Bedeutendes, fast mehr als die Hälfte. Darauf mußte van Houwening den Garten ansehnlich vergrößern; ihn anlegen und ein Treibhaus einrichten, wie es sich Piet oft so warm gewünscht hatte. Und als dies Alles betritten war, da ließ sie, die aus ihrem Vermögen dies Alles bestritten hatte, eine Schenkungsurkunde für Piet und Elsje aufsetzen, und gab sie dem entzückten und doch in jungfräulicher, heiliger Scham erglühenden, dankbaren Mädchen.

Als van Houwening so recht mitten in der Arbeit war, welche sie ihm reichlich lohnte, erhielt sie und Elsje die Briefe von Paris.

„Gelobt sei Gott!“ rief Maria in seliger Freude aus, als sie den Brief gelesen.

Elsje schien weniger erfreut durch den Ihrigen, und das kam daher, daß Piet eine heiße Sehnsucht nach ihr, der Mutter, der Heimath – mit einem Worte, jenes tiefe Weh der Sehnsucht aussprach, welches die deutsche Sprache mit dem wunderbar weich tönenden Worte Heimweh bezeichnet. Das Leben und Treiben in der großen, geräuschvollen Stadt schien den guten Jungen zu erdrücken. Trotz der wimmelnden Welt, die ihn umgab, fühlte er sich vereinzelt. Die Stunden wurden immer seltener, in denen er mit seinem theuern Herrn von der Heimath reden konnte, denn der war in alle hohen Kreise hineingezogen. Piet mußte ihn in vornehmer Livree oft begleiten, und verstand keine Sylbe Französisch, wodurch er, der ohnehin eckig und ungewandt war, in die für ihn unangenehmsten Lagen kam; das Stichblatt der verfeinerten und verdorbenen Bedientenwelt wurde, und so von einem Widerwillen erfüllt wurde, den der grundehrliche Junge nicht mehr tragen konnte. Den ganzen Brief durchwehte eine leise Schwermuth. Man las es zwischen den Zeilen, wie er am Gemüthe, am Herzen litt, wie er sich unglücklich und elend fühlte, und wie er sein Häuschen unter der Linde, sein Leben auf dem Werfte von Gorkum, im Garten van Houwening’s, in seinem, leider verlorenen, theuern Boote, als das Ziel aller seiner Wünsche ansah, als ein stilles Paradies, dahin er fürchtete, nicht mehr zurückkehren zu dürfen.

Elsje trocknete sich eine stille Thräne und reichte dann, als ihre Herrin darum bat, dieser den Brief. Sie aber ging hinaus in den Garten, um das belastete Herz zu erleichtern.

Nach einiger Zeit kam Mevrouw de Groot und suchte Elsje auf.

„Suche Deine Thränen nicht zu verbergen, Kind,“ sagte die edle Frau. „Der Brief hat mir selbst welche ausgepreßt. Das ist ein am Heimweh leidendes Gemüth, das so wahr, so natürlich, und darum so ergreifend sein Leid ausspricht. Leider wird ihn nun der Mutter Tod noch mehr ergreifen, noch tiefer beugen. Und dennoch muß er getröstet werden. Niemandem wird das besser gelingen als Dir, meine Tochter!“

„Ach,“ sagte Elsje, „ich will ihm schreiben –“

„Nein, Kind, so mein’ ich es nicht,“ fuhr Maria de Groot fort, „so nicht, vielmehr ist es meine Meinung, Du sollst ihn mündlich trösten!“

„Ach. Ihr scherzet grausam, gnädige Frau!“ seufzte das Mädchen und sah zur Erde.

„Scherzen, Kind? Ich scherze nicht!“ sprach Frau de Groot. „Willst Du mich allein nach Paris reisen lassen, wenn ich schon Uebermorgen dahin aufbreche?“

Elsje erschrak heftig. Sie sah ihre Herrin mit starren Blicken an.

„Nun, antworte mir,“ sagte lächelnd mit ihrer jedes Herz bezwingenden Freundlichkeit Frau de Groot. „Wirst Du mich verlassen auf dieser Reise, Du, die Du meine Rechte, mein Verstand, mein Wille warst als ich den Gatten rettete? - Kind, willst Du mich allein gehen lassen?“

Da sprang Elsje auf und eilte in die geöffneten Arme der Herrin, die ihre Freundin war. Sie ruhte an der treuesten Brust, die sie lieb hatte, wie die eigene Mutter.

„Ja, ich begleite Euch!“ rief sie, und eine Reihe Bilder eilte im Fluge an ihrem Geiste vorbei, wie sie das Gefühl nur hervorzaubern konnte, welches Piet’s Brief so mächtig geweckt.

Beide gingen in das Haus, um der Aeltern Einwilligung zu holen. Sie empfingen sie, und rasch wurden die Vorbereitungen zur weiten Reise betrieben, und diese endlich am bestimmten Tage angetreten, begleitet von den Segenswünschen treuer, liebender, besorgter Herzen.



IX.

Es war eine geraume Zeit später, als an einem Abende, da Hugo de Groot bei Hofe war, Piet zu Hause am Kamine saß, darin ein lustig Feuer brannte. Der arme Junge war krank; aber leiblich war die Quelle der Krankheit nicht; sie saß tief im Gemüthe. Und dennoch war er leiblich krank. Er fühlte sich so matt, so kraftlos; er hatte gegen Speise und Trank einen Widerwillen und fast immer war sein Auge voll Thränen, denn seine Gedanken waren daheim, bei seinen Lieben.

Herr de Groot hatte kaum Zeit, sich um den Zustand Piet’s zu kümmern, so war er von allen Seiten in Anspruch genommen. Da war der arme Junge sich selbst, seinen Gedanken, seinem Heimweh preisgegeben, und der Arzt, den ihm de Groot hielt, schüttelte den Kopf und meinte, aus dieser Krankheit werde er nicht klug, sie sei in Frankreich nicht zu Hause.

Piet hörte, als er am Kamine saß, außen Tritte. Er ging [394] langsam zur Thüre und – Frau de Groot stand vor ihm. War er schon bleich an und für sich, so machte ihn der Schrecken der unerwarteten Erscheinung jetzt noch bleicher. er glich wirklich einer Leiche.

„Piet!“ sagte sie, „erschreckst Du vor mir, so denke ich, erschreckst Du nicht vor dieser!“ Und mit diesen Worten zog sie Elsje, die hinter ihr stand, hervor.

Wie gelähmt, sanken Piet’s Arme herunter im ersten Augenblicke, aber dann hoben sie sich rasch, das erglühende Mädchen zu umarmen, und dann sank in fast lautem Weinen sein Kopf auf Elsje’s Schulter. Sie wollte ihn aufrichten, aus Scham vor ihrer Herrin.

„Laß ih, Elsje, laß ihn,“ sagte gerührt Frau de Groot, „diese Thränen sind ihm Wohlthat und führen zur Genesung!“ Sie trat in die innern Gemächer der prunkvollen Wohnung und ließ die beiden allein.

Erst gegen Abend kehrte Herr de Groot von Hofe zurück. Elsje sah er zuerst. Sie saß bei Piet am Kamine. Er weinte heftig, denn er hatte so dringend nach seiner Mutter gefragt, daß Elsje nicht mehr ausweichen konnte, ihm ihren Tod kund zu thun.

De Groot starrte Elsje an. „Kind,“ rief er, „Du bist nicht allein, wo ist meine Maria?“ Aber die Antwort des Mädchens wartete er nicht ab und eilte in die Gemächer, wo er die ihn sehnsüchtig Erwartende und auch seine Sehnsucht ihr beglückendes Ziel fand.

Gar Vieles gab’s zu erzählen, doch hatte Mevrouw Maria weniger zu verschweigen als Elsje, die ihrer Herrin gelobt hatte, Piet Alles zu verschweigen, was sich auf sein Haus und Garten irgend bezöge. Von der Mutter besonders erzählte sie Piet, und das war Balsam für seine Seele.

Wohl war er tief betrübt, aber dennoch ging eine Veränderung in ihm vor. Sein Auge war klar und seine Wangen begannen nach wenigen Tagen sich wieder zu röthen. Lächelnd bemerkte der Arzt gegen Herrn de Groot, das schöne Mädchen scheine die Heilkunde zwar nach einem andern System, aber mit einem so überraschenden Erfolge auszuüben, daß er sich mit der seinen ganz zurückziehen müsse, zumal die Krankheit, wie sie Piet gehabt, so eigenthümlicher Art gewesen sei, wie ihm Aehnliches in seiner langen Praxis in Frankreich noch nicht vorgekommen sei.

„Eins aber, sag’ ich Dir, Elsje,“ sprach in einer vertraulichen Stunde Piet, „wenn ich leben und genesen soll, muß ich aus diesem abscheulichen, wälschen Lande; muß wieder niederländische Luft athmen.“

Elsje seufzte tief. „Wirst Du denn heimkehren dürfen?“ fragte sie.

„So hab’ ich mich auch gefragt,“ sagte darauf Piet, „aber Deine und Mevrouw’s Freiheit reden ja dafür. Haben sie Euch frei gegeben, warum sollten sie mich strafen, warum allein mich verfolgen?“

Herr de Groot hörte im Nebenzimmer diese Worte. Er trat zu ihnen heraus.

„Piet,“ sagte er, „sei geduldig noch eine kleine Zeit. Ich selbst hoffe in’s Vaterland zurückzukehren, denn mir geht’s wie Dir, hier gefällt mir’s nicht!“

Zu dieser Aeußerung hatte er zureichenden Grund. Er hatte dem mächtigen Richelieu nicht genug geschmeichelt, nicht genug sich gebeugt vor dem stolzen Manne, dessen Launen Frankreich zitternd sich fügte, der König war, ohne es doch zu sein, weil er den König am Gängelbande leitete und nur sein Wille, nicht der des Königs geschah.

Manche Kränkung bereitete de Groot der mächtige Minister; entfremdete ihn dem Könige und entzog ihm selbst den Gehalt von 3000 Livres. Hugo de Groot fühlte sich tief gekränkt, und würde augenblicklich Paris und Frankreich verlassen haben, hätte er nicht gehofft, der edle, ihm wohlwollende Prinz Friedrich Heinrich von Oranien bewirke seine Zurückberufung in’s Vaterland. Diese erfolgte zwar nicht, aber ein Brief voll Wohlwollen und Hochachtung, den ihm der Prinz in dieser Zeit schrieb, bewog ihn zu einem raschen Entschlusse.

Er verließ plötzlich Paris und Frankreich, und betrat mit sichern Hoffnungen den Boden des Vaterlandes wieder. Nach Gorkum drängte Mevrouw Maria. Dort wollte sie ihm das Stübchen zeigen, wo sie getrauert, wo der Plan gereift war, der seine Befreiung erzielte, und – dort wollte sie die Menschen belohnen, die ihr so treu und wacker zur Seite gestanden und ihr so große Opfer gebracht hatten.

Unaussprechlich war die Freude im Hause van Houwening’s, groß die Theilnahme in Gorkum und die Liebe und Ehrerbietung, welche man dem großen Manne bewies. Piet war völlig genesen, ehe er Frankreich verließ. Des Doctors Wort war bewährt worden. Dennoch war er traurig, als er am Abend Gorkum erreichte und wußte, daß er das treue Mutterherz nicht mehr fände. Er wollte noch am Abend in sein Haus eilen; allein das wußte Herr de Groot zu verhindern, und am Morgen begleiteten sie ihn alle.

Betroffen stand er da, als er das neue, schöne Haus sah, das doch unter der herrlichen Linde stand; noch betroffener machte ihn der Garten mit dem Treibhause, das neu eingehegte Feld, das noch eine weitere Ausdehnung hatte, als es jemals Eigenthum seines Vaters gewesen war.

„Was ist hier geschehen?“ rief er ganz erschrocken aus. „Ist das Alles confiscirt, versteigert worden und in fremde Hände gelangt?“

Da reichte ihm Elsje die Schenkungsurkunde. Er las sie durch und dann stand er da und sah bald Herrn, bald Mevrouw de Groot an. – Er wollte reden – aber er konnte nicht. Die Lippe bebte, und endlich trat ihm eine Thräne in das Auge, die den Bann löste.

„Ach,“ sagte er, „gnädiger Herr –“

„Piet,“ rief de Groot , „danke mir nicht, sonst beschämst Du mich. Ich bin und bleibe Dir und Elsje zu ewigem Danke verpflichtet. Freiheit, Heimath – Alles, was dem Herzen theuer ist, habt Ihr mir zum Opfer gebracht: das läßt sich nicht belohnen, nicht vergelten. Nimm das als Beweis unsrer nie erlöschenden Liebe und Dankbarkeit; aber Vater van Houwening ,“ wandte er sich an diesen, „laßt uns in den wenigen Tagen, die wir hier weilen, ein frohes Fest feiern, die Hochzeit Piet’s und Elsje’s!“

„In Gottes Namen!“ sprach der Gärtner.

Da war die Freude voll und alle gingen in das schöne, neue Haus, das einfach und bescheiden, wie es zu Elsje’s Sinn paßte, eingerichtet war, so daß sie es Morgen schon beziehen konnten.

Das Alles hatte im Auftrage der Frau de Groot der alte Gärtner besorgt.

Hand in Hand durchstreifte das glückliche Paar Haus, Garten und Feld. Ihre Freude, ihr Glück hatte kein Maß, und dennoch sagte Piet, die Hand auf das Herz legend. „Hätte das doch meine liebe Mutter noch erlebt!“

Elsje blickte ihn liebevoll an und sagte: „Lieber Piet, sie sieht vom Himmel auf uns nieder und freuet sich unseres Glückes.“

Piet drückte innig ihre Hand, und blickte hinauf in das reine Blau des frühlinglichen Himmels lange Zeit und mit einem Gefühle, dessen Ausdruck sein Antlitz verklärte.

„Es ist Gottes Wille so gewesen, daß ich sie nicht wieder finden sollte,“ sagte er dann. „Ich will mich in Demuth beugen; aber in unserer Liebe wird sie bleiben, nicht wahr, Elsje?“

„Und wir in der ihrigen,“ sagte das Mädchen, „und das ist ein Band, das Himmel und Erde verbindet!“

Dieser Ton einer geläuterten Liebe eines lebendigen Glaubens und eines heiligen Ernstes war auch über die Hochzeitsfeier ausgegossen, die sie in der Stille begangen, bei der, außer dem Ehepaare de Groot, nur die Frau Daatselaar und ihr Bruder, der Maurer, anwesend waren, denn Baas Daatselaar hatte eine Abhaltung. – Freilich – es war die Scham über seine Muthlosigkeit und Unfähigkeit, ein Opfer der Treue zu bringen, was ihn aus dem Kreise bannte, der sich um das glückliche Paar schloß.

Hugo de Groot und seine Gattin begaben sich nach dem Haag; aber ihre Ankunft war das Zeichen für die feindliche Partei, sich mit aller Macht gegen den verhaßten Remonstranten zu erheben, dessen Ansehen, dessen Gelehrsamkeit man fürchtete. Der Prinz vermochte nicht zu hintertreiben, daß der Urtheilsspruch einer ewigen Verbannung aus dem Vaterlande den vielgeprüften, edlen Mann traf: Mevrouw Maria theilte sein Loos. Als sie sich nach Hamburg begaben, weilten sie noch einmal einige Stunden bei Elsje und Piet, und verließen, von ihren Segenswünschen begleitet, das theure Heimathland. Beide Familien blieben in einer stäten Verbindung, und manches Zeichen dauernder Liebe empfingen Elsje und Piet von Schweden aus, wohin de Groot sich begab. Wie groß auch die Ehre und das Ansehen war, welches er in Stockholm empfing, so überwog dennoch die Liebe zum Vaterlande, [395] als bessere Gesinnung ihm dort entgegen kam. Aber er sollte Holland nicht wiedersehen. Er wurde auf der Heimreise, als ihn ein Sturm nach Pommern verschlagen hatte, in Rostock krank, und starb dort. Und sein treues Weib kehrte Heim in’s Land der Väter, aber allein. – In dem Gartenhause unter der Linde bei Gorkum weilte sie oft und lange Zeit und freute sich des Glückes zweier Menschen, deren Liebe und Treue die schwerste Probe bestanden hatte. Um Piet und Elsje blühte ein lieblicher Kinderkreis, und als Elsje’s Vater auch das Zeitliche gesegnet hatte und ihre Schwestern glückliche Frauen braver Männer geworden waren, zog die Mutter zu ihr in das Haus unter der Linde, und Jan übernahm die Gärtnerei des Vaters. Claas hatte sich bei dem kinderlosen Cornelis von Breigem so beliebt gemacht, daß er ihm das Schiff het Lammetje vermachte. Niels und der jüngste Bruder wurden wackere Schiffszimmerleute, und es zeigte sich hier, wie überall, daß das Wort eine unzerstörbare Wahrheit ist: Der Segen frommer Aeltern bauet den Kindern Häuser. Wo aber der Name Maria de Groot genannt wurde, und heute noch wird, da nennt man auch den: Elsje’s van Houwening und Piet’s van Halver, und Niederland weiß die Treue zu schätzen.




Von Schön.
Königlich preußischer Staatsminister und Burggraf von Marienburg.
Ein Charakterbild von Alex. Jung.
Die Gartenlaube (1855) b 395.jpg

Das ständische Leben Deutschlands sollte und wird sich auch nach der Seite allgemeiner Bildung hin in solcher Art wieder erweitern, daß die einzelnen Stände auch wirklich einander kennen lernen, daß die hervorragenden Individuen in ihnen dem Volke allmälig so vertraut werden, als hätte es sie aus seinem eigenen Fleisch und Blute erzeugt, wie es sie auch in Wahrheit erzeugt hat. Einige Charaktere unserer Geschichte erfreuen sich bereits einer solchen Popularität. Jeder aus dem deutschen Volke erkennt sie in [396] Bildwerken schon aus ihren Gesichtszügen, wenn auch kein Name dem Bilde unterzeichnet wäre. Dahin gehören unter andern: Luther, Friedrich der Große, Schiller, Blücher, Alexander von Humboldt. Der immer schnellere Umschwung unserer illustrierten Zeitungen, unserer litho- und photographischen Anstalten, selbst unsrer parodirenden und carikirenden Blätter ist im Begriff, eine zahllose Menge von Persönlichkeiten dem allgemeinen Bewußtsein ebenfalls zu überliefern. Aber auch die Presse einer umfassenderen Literatur und die Geselligkeit sollen nicht zurückbleiben, und wenn die letzte noch viel zu wünschen übrig läßt, so wird das immer mehr erleichterte Reiseleben, so werden Dampfschiffe und Eisenbahnen, so werden Erfindungen, die schon an die Thüre klopfen, das Ihrige dazu beitragen, den Wechselverkehr zu erhöhen, die trennenden Räume und Zeiten verschwinden zu lassen, die verschiedensten Stände und Persönlichkeiten einander näher zu bringen. Es ist nicht in Abrede zu stellen, das letzte Jahrzehnt unseres laufenden Jahrhunderts hatte der höheren Geselligkeit zu Gunsten der Nationalität schon weitere Bahnen eröffnet. Das Vereinswesen, welches in Deutschland zum Zwecke einer umfassenderen Gedankenäußerung Aller an Alle aufblühete, hatte der zunehmenden Bildung ganz neue Gebiete erobert. Leider verlor man sich wieder in einseitige, ja sogar in bedenkliche Richtungen, um es zu Grunde zu richten , und an dessen Stelle traten Gesellschaften, welche die Stände wieder ängstlich absonderten, oder, indem sie sie zusammenbrachten, den Argwohn hervorriefen, statt die Unbefangenheit zu mehren und zu nähren.

Wir unsrerseits sehen in all’ dem und wie die genannte Ausbildung in den mittlern und höhern Ständen seiner gewissen Gedankenlosigkeit Platz macht, einen bedeutenden Rückschritt, eine traurige Verkümmerung und Verödung unserer gesellschaftlichen Zustände und wie wir überzeugt sind, daß es hohe Zeit ist, auch in dem gedruckten Wort über der jetzt so beliebten Natur, ihrer Wissenschaft und ihren bildlichen Darstellungen nicht den Menschen zu vergessen, sondern ihn der Natikon immer wieder vorzuführen, so wollen wir in dem Folgenden das Bild eines Mannes entwerfen, welcher zu den ausgezeichnetsten unsrer Gegenwart gehört. Möchte unsere Darstellung hinter dem Leben nicht zu weit zurückbleiben! Da dieses Bild einen Mann betrifft, welcher schon durch Geburt, mehr aber noch durch das, was er aus sich gemacht, was er für das Gemeinwohl geleistet hat, den höheren und höchsten Kreisen angehört, so werden wir durch diese Skizze auch dazu mitwirken, daß die Stände und Individuen der Gesellschaft einander näher treten. Der gesunde und fröhliche Herzschlag eines Volkes wird erst dadurch ermöglicht, daß die obern und die unteren Theile des Gesammtkörpers, der nationalen Constitution zu einem lebendigen Ganzen zusammenwirken. Daraus erst springt als Ergebniß die Nationalität als solche hervor. Deutschland würde, ungeachtet seiner Vielgetrenntheit durch Glaubens- und Staatenunterschiede und die daraus folgende Vielspaltigkeit seiner Ansichten, Maßregeln, Interessen, dennoch seiner höheren Einheit sich stets bewußt sein, wenn es sie in der Bildung zu finden wüßte, in der Gewißheit, daß alle seine geistigen Größen, seine gediegenen Charaktere einem und demselben Vaterlande gehören, welches seine Marken nur durch die gemeinsame Sprache vom Auslande abgrenzen kann. doch – wir gehen auf unsern Zweck ein.

Heinrich Theodor von Schön wurde geboren den 20. Januar 1773, auf dem Landsitze seines Vaters, zu Löbegallen in Litthauen. Der Vater machte den der Familie gewährten Adel wieder geltend, da er die Absicht hatte, vier seiner Söhne dem Militärstande zu widmen. Daß Litthauen das Land ist, in welchem unser Held geboren wurde, erachten wir sogleich von guter Vorbedeutung, denn es ist eine Gegend von trefflicher Bodenbeschaffenheit, gesundem Klima, von einem Menschenschlage bewohnt, der, lettischen Ursprungs, kräftige Eigenthümlichkeit in Sprache und Sitte, Vaterlandsliebe, Rührigkeit im Frieden und Tapferkeit im Kriege zu erkennen giebt, und dem forscher sogar in poetischer Beziehung reiche Ausbeute gewährt. Gründliche wissenschaftliche Vorbildung erhält Theodor von Schön durch Hauslehrer, so daß er in einem Alter von siebzehn Jahren die Universität zu Königsberg bezieht. Hier ist es sogleich charakteristisch und für den ganzen Lebenslauf von heilsamer Entscheidung, daß Herr von Schön, wie das sonst so beliebt ist, sich keineswegs mit denjenigen Wissenschaften begnügt, welche zum Amte führen, sondern daß er sich aus ganz besonderer Vorliebe auch philosophischen Studien ergiebt. Kant und Kraus sind die Männer gewesen (zumal der erste), deren Geister in dem Geiste ihres eifrigen Zuhörers große Bewegungen veranlaßt, und ihn später, man darf geradewegs sagen, zu einer staatsmännischen Einzigkeit gemacht haben. Wir kommen auf diesen Punkt wiederholt zurück, da er auch für die deutsche Nation und ihre Folgezeit, bis in die fernste Zukunft, von außerordentlicher Wichtigkeit ist, nur dieses müssen wir ausdrücklich schon jetzt bemerken: Nie wird sich Deutschland ungestraft der Philosophie abwenden, die auch die Erfüllung seines politischen Beruft, der für die Zukunft ein so großer ist, mit einbedingt. Die wahre Philosophie, nicht die der bloßen Mode und Scheinbildung, sollte daher in ihren Hauptergebnissen, so wie in der Zucht des Denkens, sowohl den höheren Ständen, wie dem Bürger schon auf Schulen, wie in populär gehaltenen Schriften, zugänglich gemacht werden. Die Klarheit, die Schärfe und Richtigkeit der Gedankenentwickelung, die Jeder für’s Leben, auch für’s Staatsleben braucht, die Liebe zum Licht und nicht zur Finsterniß, die Aufgeschlossenheit aller Sinne zu um so größerer Aufgewecktheit der Seele nach allen Seiten hin, bis in’s höchste Alter; alles das ist der Segen philosophischer Bildung, welcher sich an dem Manne, den wir hier in Betracht ziehen, bis auf diesen Tag vollauf bewährt hat.

So ausgerüstet, von eigenem Geiste auf’s lebhafteste beseelt, mit tüchtigen positiven Kenntnissen erfüllt, lebensfrisch in jedem Betracht, konnte Herr von Schön, nach vollendeten akademischen Studien, nichts Glücklicheres ausführen als eine Reise nach England, um daselbst einen längeren Aufenthalt zu nehmen. Dieses Land solider, kerngesunder Praxis, und doch in seiner Verfassung, in seiner ganzen Bildung und Geistesart, auf Theorien beruhend, welche wahrlich aus der Tiefe geschöpft sind, sich durch die Erfahrung bewährt und und bereichert haben; dieser Staat, welcher seinen Bürger- und Stände-Verband historische gewonnen, ein Organismus, welcher seine Festigkeit unter dem Anbranden von Revolutionsstürmen und Parteikämpfen nur noch mehr abgerundet und gestählt hat, wie mußte er unsern jungen Reisenden beschäftigen, erregen, zu Folgerungen, Vergleichungen, Anwendungen auf sein Vaterland veranlassen! Vielleicht machte auch der Zug dieses Inselland ihm so lieb, daß der Weltweise von Königsberg, daß sein geliebter Lehrer Kant, in seinen Schriften hier eine solche Aufmerksamkeit und sogar eifriges Studium gefunden hatte. Die vielfache Verwandtschaft zwischen Engländern und Deutschen, bei eben so großer Abweichung, mußte ohnehin reizen. Kurz, Herr von Schön benutzte seine Tage in England so weise und umsichtig, er studirte die politischen und ökonomischen Einrichtungen der englischen Nation so gründlich, er lernte die vornehme Welt wie das Volk in ihrem besonderen Bestehen wie in der Gegenseitigkeit ihres öffentlichen Verkehrs, ihrer Verfassung, so bis auf jede Lebensfaser kennen, daß er mit den seltensten Schätzen bereichert in seine Heimath zurückkehrte. Wir hören, daß Herr von Schön damals eine Schrift abfaßte, die auch dem Druck übergeben wurde, in welcher er über sein Verweilen in England Bericht giebt. Wir wünschten sehr, daß diese Aufzeichnung auf’s Neue der Oeffentlichkeit mitgetheilt würde. England wird hier, von einem so scharfen, stets zu eigenthümlichen, fruchtbaren Bemerkungen aufgelegten Beobachter gesehen, die interessantesten Vergleiche zwischen einst und jetzt darbieten, und das Werden des Mannes, der nun ehestens in seinem Vaterlande eine so weltwichtige Stellung und Bedeutung erhalten sollte, in ein noch helleres Licht setzen.

Schon in nächster Zeit war Herr von Schön als Beamter beschäftigt „bei der Regierung zu Königsberg.“ Er wurde sodann Kriegs- und Domainenrath an der Regierung zu Bialystock („damaligem Neuostpreußen“). Herr von Schön verheirathete sich 1802 mit „der Tochter des Präsidenten dieser Provinz,“ Lydia von Auerswald (ein Name, der in der preußischen Geschichte bis in die neueste Zeit hin vom reinsten Klange ist, indem sich an denselben die seltensten Verdienste knüpfen). Darauf wurde von Schön 1806 Geheimer Finanzrath am General-Directorium zu Berlin. Welche Schmerzen mußten durch eines solchen Mannes Brust gehen unter den Demüthigungen, welche Deutschland, welche Preußen damals erlitt von dem immer drückender werdenden Joche der Fremdherrschaft! In demselben Jahre 1806 kam der Genannte, indem er seinem Hofe folgte, nach Königsberg, wo er „als Geheimer [397] Staatsrath zum Director einer Sektion des Ministeriums ernannt wurde.“ Sodann sehen wir ihn als Regierungs-Präsidenten zu Gumbinnen. Von immer größerer Wichtigkeit wird in der nächsten Zeit das Verhältniß des Herrn von Schön zu dem Freiherrn von Stein, und harrt einer noch specielleren Beleuchtung für die Zukunft. Beide Männer mit außerordentlichen Kräften gerüstet, von der gleichen, glühenden Vaterlandsliebe erfüllt, ergänzen einander, indem jener auf dem Gebiete des Staates eine mehr schöpferische, von Ideen bewegte, dieser eine das Empfangene mehr ausführende Macht zu erkennen giebt, so jedoch, daß Beide in der schnellen, kräftigen Ausübung dessen, was noth thut, auch wieder zusammentreffen. Herr von Stein war, obwohl an Jahre 1807 bekanntlich entlassen, schon nach dem tilsiter Frieden wieder in den Staatsdienst getreten. Von Schön und von Stein sind von jetzt ab zwei Haupt-Faktoren in der sich vorbereitenden Wiedergeburt Preußens, indem unter der Unablässigkeit ihres Wirkens jetzt überall die Kräfte treiben, welche eine neue Zeit auch wirklich herbeiführen. Auch der Tugendbund ist hier in höchsten Ehren zu nennen,

Die Aufhebung der Erbunterthänigkeit, der Vorrechte des Adels ist das große Werk, welches Herr von Schön zur Reife bringt. Derselbe hochverdiente Mann hilft die Städteordnung (19. Novemder 1808) hervorrufen. Nicht Stein, sondern Schön ist der eigentliche Schöpfer des „politischen Testaments,“ welches jener nur unterzeichnet hat. Wir vermuthen fast, daß Herr von Schön, bei seiner scharfen Beobachtung und großartigen Beweglichkeit nach allen Seiten hin, in dieser Zeit auch mit Fichte zusammengetroffen ist, der damals nach Ostpreußen kam. Fichte, ohnehin Philosoph, ideenvoll, rasch, von eiserner Willenskraft, von unerbittlicher Ausführung, kräftig an Wort, unerschrocken an That, war ganz der Mann für Herrn von Schön. Fichte war ja der Hauptanführer jenes Heeres deutscher Ideen, welches Napoleon I. vor allem fürchtete. Noch dazu glühte auch Fichte nicht blos für den Gelehrten-Stand, nein auch für den Bürger, für die deutsche Nation, der er in seinen berühmten Reden Weckstimmen in das schlafende Gewissen geschleudert hatte. Fichte hatte der deutschen Jugend die Macht des freien Willens früher in’s Bewußtsein gerufen, als es eine Heeresmacht von Freiwilligen gab, früher eine Ideen-Wehr aufgestellt, als eine Landwehr unter die Fahnen gerufen werden konnte. Klar zu wissen, was man wolle, diesen Willen ohne Aufschub, ohne Menschenfurcht in’s Werk zu richten, war von je her einer der Grundsätze des Herrn von Schön. Dies bewies er unter andern durch sein rücksichtsloses Auftreten gegen den König von Neapel 1812, den 18. December zu Gumbinnen. Der bloße Hinweis unseres Helden auf die Sturmglocken der Stadt war hinreichend, den Sturmschritt der andrängenden Bayonnette zum Stillstand und Rückschritte zu bringen. In ähnlicher Weise, mit der kurzen, handelnden Entschlossenheit des Patrioten, des Mannes, der keinen Fuß breit einzuräumen gewillt war, komme was da wolle, trat Herr von Schön auf, als von russischer Seite Gefahr für Ostpreußen drohte. So überlegte, so handelte er in dieser bedenklichen Zeit, in welcher dem Preußenlande von entgegengesetzten Seiten her Beeinträchtigungen nahe kamen, so bewies er sich bei tausend anderen Gelegenheiten, und setzte durch, was er wollte, denn so gereifter Einsicht und so unbeugsamem Muthe konnte nichts widerstehen. Preußen war jetzt zur Schlagfertigkeit gelangt, und auch diese Landwehr, diese in ihrem Begeisterungsfeuer kaum zu zügelnden Schaaren Freiwilliger zu Fuß und zu Pferde, aus den höheren, mittleren und niederen Ständen zusammengetreten, sie waren durch das unauslöschliche Verdienst unseres Patrioten von Ostpreußen hervorgerufen worden.

Mit dem Anfange der Freiheitskriege finden wir Herrn von Schön, „nach der Besetzung Sachsens,“ als „Gouverneur von Dresden.“ - Der Krieg ging für die Verbündeten so glorreich vorwärts, jedes Scharmützel, jede Schlacht überhäufte sie mit solchen Siegestrophäen, daß Herr von Schön auf diesen Feldern, wie er für deren Eroberung vorausgewirkt hatte, Genugthuung fühlen konnte, und in seine Heimath zurückkehrte, um andern, nicht minder ruhmgekrönten Zielen entgegenzueilen. So sehen wir ihn wieder in Gumbinnen wirken, immer Derselbe und doch voll neuer Pläne, voll Werdelust und Thatendurst sich der neuen Zeit entgegenstreckend, um die Wiederverjüngung, die große Reform des preußischen Staates, und wo möglich ganz Deutschlands herbeiführen zu helfen.

Im Jahre 1816 begann Herr von Schön seine Thätigkeit „bei der Negierung zu Danzig“ als Oberpräsident von Westpreußen; 1823 („nach erfolgter Vereinigung West- und Ostpreußens zu einer Provinz“) als „Oberpräsident von ganz Preußen.“ Herr von Schön hatte von jetzt ab seinen Sitz zu Königsberg, und diese Zeit seiner amtlichen Thätigleit als Oberpräsident über die Provinz Preußen war die ununterbrochene, reiche Aussaat eines Segens, dessen Früchte wir alle jetzt genießen.

Die „edelste Uneigennützigkeit“ war der Grundzug, der durch die ganze Verwaltung des ausgezeichneten Mannes ging. Die Art, wie Herr von Schön die „Kriegsentschädigungsgelder vertheilte und verwendete,“ nimmt schon allein die höchste Anerkennung der Mit- und Nachwelt in Anspruch. Herr von Schön „hob das landschaftliche Creditsystem“ Ostpreußens. Er gab der Industrie einen ganz neuen Umschwung, erweiterte ihr Gebiet, munterte die Interessenten auf. Hier ist besonders der Verbesserung der Schafzucht zu erwähnen, hier des in Angriff genommene Chausseebaues, der jetzt seiner Vollendung nach allen Seiten hin mit starken Schritten sich nähert. Herr von Schön rief eine Reform „der bäuerlichen Verhältnisse“ hervor, desgleichen eine des „Volksschulwesens;“ „Lehrerseminarien“ wurden gegründet. Ein so nie rastender, stets Neues ersinnender Menschenfreund, dabei auch für sich, und doch zum Wohle Anderer, stets neuen Studien obliegend, mußte weit über seine Provinz hinausdenken und walten, mußte seinen alten Lieblings-Plan, die Reform auch des Staats zu einem alle Stände durchdringenden Gesammtleben, unablässig im Auge haben.

Auf die Nothwendigkeit allgemeiner Ständevertretung hat wohl Niemand kräftiger, bündiger, erfolgreicher hingewiesen als Herr von Schön. Hier ist denn auch seiner Schrift, „Woher und Wohin?“ rühmlichst zu gedenken. Wie klein ihrem äußeren Umfange nach diese Schrift ist, so ist sie hervorgegangen aus dem tiefsten Grunde des Nachdenkens über den Staat, sie hat sein Wohl bis in die fernste Zukunft hin zum Ziele. Inhaltreich, gedrungen, befruchtend, Ursache (Mittel) und Zweck bestimmt angebend, dem Ohre sich markirend, wie der Titel schon ist, also ist jeder Satz, jedes Wort; ein Styl, der keinen Ausdruck, geschweige den einen Gedanken verschwendet, und jenes Römisch-Cäsarische: „Kommen, Sehen und Siegen“ zum Schlüssel seiner Tonart hat. - Wir sehen denn auch einen solchen Staatsmann im großartigsten und zugleich solidesten Sinn des Wortes nach Berlin zur „Mitberathung im Staatsrathe“ berufen.

Die wahre Weisheit - und wir wissen bereits, Herr von Schön war stets um Weisheit bemüht, und wußte seine Philosophie stets im Erwirken für Andere, im Entsagen für sich zu bewähren - die wahre Weisheit aber besteht in der seltenen Kunst, zur rechten Zeit anzufangen, zeitgemäß fortzufahren, jedoch auch zur rechten Zeit aufzuhören. Auch der Weise und der Staatsmann, nicht blos der Künstler, sollten den Ausspruch des Dichters immerdar beachten und ausüben: „an der Beschränkung erkennt man den Meister.“ Herr von Schön beobachtete dieses, indem er um seinen Abschied einkam. Ein „neuer Beweis seiner Uneigennützigkeit, da ihm ein Jahr später sein voller Gehalt als Pension zu Theil geworden sein würde.“ - Es wurde ihm dieser Abschied durch „Cabinetsordre vom 3. Juni 1842 bewilligt,“ mit dem „Titel eines Burggrafen von Marienburg wegen „„des ausgezeichneten Verdienstes, welches er sich nebst diesen andern im Laufe seiner Dienstzeit auch um die Erhaltung des Schlosses zu Marienburg insbesondere erworben, und des Feuers einer schönen Begeisterung, das er damals für die Wiederherstellung dieses edlen Denkmals einer großen Vergangenheit zuerst entzündet und fortdauernd genährt hat.““

Aber - der Schüler Kant’s, der Miterwecker seines Vaterlandes, der Verfasser von „Woher und Wohin“, der warme Verehrer einer gesunden Religion, der Wissenschaften und Künste, der Freund einer höheren Geselligkeit, der sich auch als Oberpräsident zu Königsberg [ungeachtet Geschäfte auf Geschäfte nach außen drängten, die alle gründlichst und pünktlich vollzogen wurden] stets mit den Vertretern der Intelligenz, mit den hervorragenden Geistern der Stadt umgab, er konnte unmöglich sein Amt niederlegen wollen, um sich der Ruhe und der Einsamkeit zu überlassen. Wir werden im Folgenden anzudeuten uns bemühen, wie geistesfrisch und arbeitsam, wie abwechselnd zwischen Zurückgezogenheit und Umgang auch der Lebensabend des außerordentlichen Mannes ist. Jener [398] geselligen Cirkel vom feinsten Geschmack, die der Oberpräsident von Preußen abendlich in seiner Familie so gern versammelte, müssen wir noch in kurzem hier gedenken.

Herr von Schön hatte sich schon vor längerer Zeit zum zweiten Male verheirathet. Man muß Zeuge auch nur eines solcher Abende gewesen sein, an denen Herr von Schön, nebst seiner würdigen Gattin und den erwachsenen Töchtern, einer so ausgesuchten Gesellschaft vorstand, um jenen geselligen Zauber erfahren zu haben, der alles ausschließt, was ungehörig und langweillg ist, alles aufnimmt, was fördert und unterhält, und, indem er durch Takt bindet, jedem Einzelnen doch die volle Freiheit der Gedankenäußerung verleiht. In diesen Abendkreisen fanden sich die verschiedensten der gebildeten Stände ein, der Militär, der sich durch Kenntniß und Geist auszeichnete, der Philosoph, der Historiker, der Naturforscher, der Arzt, der Theolog – wiefern er nicht einer engherzigen Bigotterie huldigte – der Rechtsgelehrte, der Schriftsteller als solcher, der Künstler, der Kaufmann. Mitglieder der ausgebreiteten Familie, die aus der Ferne einsprachen, der Gutsbesitzer aus der Provinz, der Reisende des In- und Auslandes, alle fanden sich hier zu schönster Eintracht vereinigt, die, wenn auch oft durch lebhafte Differenzen des Gesprächs modulirt, doch die Harmonie als durchgreifend empfinden ließ. Dieses einfache Mahl einer solchen Abendgesellschaft, mit der feinsten Würze des Gedankens, konnte dem Theilnehmer jene berühmten Mahlzeiten vergegenwärtigen, welche der Weltweise von Königsberg, Kant, einst so liebte, nur hier mit der Ergänzung und Bereicherung durch die Familie, durch den lebhaften Antheil der gebildetsten Frauen, denn Kant war unverheirathet. Herr von Schön wußte aus der Massenbildung die gewichtvolleren Geister, die durch ideellen Gehalt wogen, stets herauszuerkennen. Daher er denn auch einen so durchweg liebenswürdigen, geistreichen Philosophen wie Karl Rosenkranz stets gern zu seiner Seite hatte.

Zum Schlusse dieses Abschnittes erwähnen wir noch des Denkmals, welches die Stadt Königsberg, irren wir nicht, im Jahre 1844, in demselben, in welchem die Universität ihr dreihundertjähriges Jubiläum beging, ihrem einstigen Oberpräsidenten, Herrn von Schön, setzte; es ist ein einfacher Obelisk, welcher sich in der Königstraße vor dem Museum erhebt. Dieses Monument, wie sehr es der einmüthige Ausdruck von Tausenden ist, wird freilich bei weitem übertroffen werden durch das großartigste Denkmal, welches der Burggraf von Marienburg sich selbst als den Schlußstein seines Lebens setzen wird, in den „Denkwürdigkeiten,“ an denen er seit Jahren schreibt, und bei deren Abfassung wir ihn auf seinem Landsitze belauschen wollen. Oder vielmehr, wir wollen dem hochverdienten Manne, dessen die deutsche Nation stets eingedenk sein wird, dort einen Besuch abstatten, wo er in der stillen Umfriedigung der Natur, unter dem Säuseln uralter Bäume, unermüdet thätig feiert, aber dem Besuchenden auch so gern Rede steht.

(Schluss folgt.)




Die Cochenille.

Wie im Alterthume der Purpur, welchen verschiedene im mittelländische Meere lebende Arten der Purpurschnecke (Murex) lieferten, für die schönste rothe Farbe galt und allgemein geschätzt war, so hat in neuerer Zeit, seit der Eroberung von Mejico, die Cochenille große Berühmtheit erlangt und noch jetzt gilt dieselbe, und zwar mit vollem Recht, für die schönste und feinste hochrothe Farbe, die man kennt. Dazu kommt, daß das Cochenilleroth ein sehr dauerhaftes, zugleich aber auch ein sehr theures ist, zwei Umstände, welche seinen Werth noch bedeutend erhöhen. Viele meiner Leser werden wissen, daß dieser schöne und kostbare Farbstoff ebenfalls aus dem Thierreiche stammt; dagegen dürften die Naturgesetze des die Cochenille liefernden Thieres und die Art und Weise, wie man dasselbe züchtet, nur Wenigen genau bekannt sein.

Die in den Handel kommende Cochenille, welche den rothen Farbstoff enthält, besteht aus kleinen, länglichrunden, der Quere nach gerissenen Körnern, von 2 bis 3 Linien Länge und graubrauner Farbe. Schon eine schwache Vergrößerung genügt, um selbst den Unerfahrensten zu belehren, daß diese Körner nichts Anderes sind, als Insectentheilchen. Das Cochenilleinsect gehört zu der Gattung Schildlaus (Coccus), deren Arten sämmtlich von Pflanzensäften leben. Die Weibchen dieser Thiere haben immer einen linienförmig zusammengedrückten, rundlichen Körper ohne Flügel, an dessen Bauchfläche sich die sechs Gliederstücke, ein kurzer Saugrüssel und über demselben die beiden sehr kleinen Augen befinden. Der Kopf ist vom Körper nicht gesondert und erscheint daher, wenn man das Thier von der Rückenseite sieht, blos durch die zwei kurzen gegliederten Fühlhörner, die über den Augen eingefügt sind, angedeutet. Ganz anders sind die Männchen gestaltet. Diese bestizen nämlich im vollständig ausgebildeten Zustande einen langgestreckten, in Kopf, Brusttstück und Hinterleib deutlich gesonderten Körper, zwei häutige Flügel und am Ende des Hinterleibes zwei lange, stachelartige Borsten. Am Kopf befinden sich zwei große kugliche Augen und zwei ziemlich lange, aber ebenfalls gegliederte Fühlhörner. Übrigens sind die Männchen um Vieles kleiner als die Weibchen, und daher mit bloßen Augen kaum wahrzunehmen. Die weiblichen Schildläuse legen ihre Eier auf irgend eine Stelle der jungen Rinde ober auf die Blätter der Pflanzen, von deren Säften sie leben, und bleiben nun an dieser Stelle bis zu ihrem Tode unbeweglich sitzen, beschäftigt mit ihrem in das Gewebe der Pflanze eingebohrten Saugrüssel den ihnen nöthigen Nahrungssaft einzusaugen. Sie sterben endlich über den Eiern und ihr Körper bildet über denselben, ja sogar noch über den bereits ausgekrochenen jungen Larven ein schildförmiges Dach, woher diese Thiere ihren Namen erhalten haben. Meine Leser werden dergleichen gewöhnlich weißlich gefärbte Schildchen schon oft an der Rinde junger Aeste und Zweige oder an Blättern bemerkt haben; namentlich pflegen Gewächshauspflanzen sehr häufig mit Schildläusen bedeckt zu sein. Daß die Schildläuse, wenn sie sich in großer Anzahl an einer Pflanze entwickeln, wie dies oft wegen der außerordentlichen Fruchtbarkeit der Weibchen binnen Kurzem geschieht, durch das Aussaugen des Saftes das Erkranken, ja zuletzt das völlige Eingehen der Pflanze herbeiführen können, bedarf wohl kaum der Erwähnung. Man muss daher die Schildläuse von Zeit zu Zeit zu entfernen suchen, was sich mittelst Bürsten der Zweige und Blätter bewirken läßt. Dabei bemerkt man häufig, daß sich unter den todten Weibchen ein flockiges, weißes Gewebe befindet, welches sich, wenn man das todte Thier losreißt, in lange Fäden ausdehnt.

Die meisten Schildlausarten sind eine jede auf eine bestimmte Pflanzenart angewiesen. Das ist auch mit der Cochenilleschildlaus der Fall, und zwar lebt diese von den Säften einer in Mejico einheimischen Cactusart, der Opuntia coccinellifera, weshalb sie in der Wissenschaft den Namen Coccus Cacti führt. Der prachvoll rothe Farbstoff dieses Thierchens war bereits den alten Mejicanern bekannt, und mit Cochenille roth gefärbte Mäntel die Abzeichen ihrer Könige und Häuptlinge. Nach der Eroberung Mejico’s lernten die Spanier diesen kostbaren Farbstoff kennen und schätzen, und von da an ward die Cochenillezucht in Mejico in großartigem Maßstabe betrieben und sammt dem Cochenillehandel zu einem Monopol der Regierung gemacht, welches Spanien drei Jahrhunderte lang alljährlich sehr bedeutende Summen eingetragen hat. Die getödteten Thiere kamen zuerst unter dem wahrscheinlich mejicanischen Namen „cochonilla“ (sprich: Kotschonilja), den sowohl das Thier als der Farbstoff noch jetzt bei den Spaniern und Portugiesen führt, in den Handel; aus demselben entstand der französische, auch bei uns gebräuchliche Namen „cochenille“. Nach der Unabhängigkeitserklärung Mejico’s ward von den Spaniern (im Jahre 1820) der Versuch gemacht, die genannte Cactusart in den südlichsten Gegenden Spaniens zu acclimatisiren und die Cochenillezucht nach Spanien zu verpflanzen; und siehe da, der Versuch gelang in ausgezeichneter Weise. Ein Zeitraum von dreißig Jahren hat genügt, um die Cochenillezucht in Spanien vollständig einzubürgern. Sie hat daselbst, obwohl sie bis jetzt nur um Malaga, Velez-Malaga und Motril an der Küste von Granada im Großen betrieben wird, bereits einen solchen Aufschwung genommen, daß im Jahre 1850 nicht weniger 801,915 Pfund roher Cochenille nach England verkauft wurden, welche, da das Pfund durchschnittlich

[399] 75 Realen oder 5½ Thaler kostet, dem spanischen Handel weit über vier Millionen Thaler eingebracht haben. Die Cochenillezucht bildet folglich bereits einen bedeutenden Zweig der spanischen Landwirthschaft. Da ich dieselbe in den verschiedensten Perioden in Malaga und Motril beobachtet habe, so dürfte eine genauere Schilderung derselben hier nicht am unrechten Platze sein.

Der Cochenillecactus, in Mejico und Spanien Nopal genannt, gehört zu den sogenannten „indianischen Feigen“ und sieht der gemeinen indianischen oder Wundfeige (Opuntia vulgaris), welche bei uns häufig zur Zierde als Topfgewächs gezogen, in ganz Südeuropa aber zur Einfriedung der Felder und überhaupt zu Bildung von Hecken benutzt wird, ungemein ähnlich. Gleich der Wundfeige besitzt der Cochenillecactus einen aufrechten, von der Basis an regelmäßig verästelten, aus fleischigen, plattgedrückten, rundlichen oder länglichen Gliedern zusammengesetzten Stamm, und läßt sich eben so wie die Wundfeige durch abgeschnittene Stücke junger Glieder, die man mit der Schnittfläche in den Boden steckt, sehr leicht vermehren. Diese blattartigen Glieder, welche lange Zeit grün und saftig bleiben, endlich aber verholzen und dann eine grauliche, rissige Rinde bekommen, sind mit Büscheln kurzer Stacheln besetzt. Auf den Rändern der jüngern brechen im Juni die großen gelb gefärbten Blüthen hervor, welche eine saftige feigenartige, äußerlich ebenfalls mit Stachelbüscheln besetzte Frucht erzeugen. Dieselbe ist bei diesem Cactus ungenießbar, während die der gewöhnlichen indianischen Feige gegessen werden kann. Gleich allen übrigen Cactusarten verlangt auch der Cochenillecactus viel Wärme und eine feuchte Luft, sowie einen wenig feuchten, aber lockern, sandigen Boden. Die Kultur des Cochenillecactus kann daher nur in warmen Küstenländern, wo die Luft wegen der Nähe des Meeres fortwährend reichlich mit Wasserdampf erfüllt ist, mit Erfolg betrieben werden. In Spanien pflanzt man die Cactusstecklinge in den gut durchgearbeiteten und stark mit Sand vermengten Boden in Reihen, so daß die Pflanzen ungefähr sechs Fuß von einander entfernt sind. Und zwar hat die Erfahrung gelehrt, daß die Plantagen gegen Norden gelegen sein müssen. Die Anlegung neuer Felder geschieht im Mai und Juni; dieselben werden aller drei Tage einmal künstlich bewässert. Dasselbe muß während der heißen, meist völlig regenlosen Jahreszeit auch mit den älteren Cactuspflanzungen geschehen. Die Pflanzen wachsen sehr rasch, doch können sie vor dem vierten Jahre nicht zur Zucht der Cochenille benutzt werden, weil sie bis dahin nicht kräftig genug sind, um den zur Ernährung der Schildläuse nöthigen Saft herzugeben, ohne darunter zu leiden. Vierjährige Cactuspflanzungen sind bereits drei bis vier Fuß hoch und bieten wegen des hellen Grüns ihrer Aeste und der zahlreichen großen schwefelgelben Blüthen einen sehr anmuthigen Anblick dar. Vom vierten Jahre an liefert eine gesunde Cactuspflanze jedes Jahr durchschnittlich drei castilianische Unzen[1] Cochenille, und da ein spanischer Morgen Landes 1250 Pflanzen ernähren kann, so beträgt die jährliche Ernte eines Feldes über 234 Pfund und wirft folglich einen Bruttogewinn von 1287 Thalern (nach dem oben angegebenen Durchschnittspreise der Cochenille) ab! Freilich erfordert die Zucht der Cochenille sehr große Vorsicht und Geduld, wenigstens in Spanien. Denn außer der Mühe, welche die gleich näher zu schildernden Manipulationen des Bevölkerns der Cactuspflanzen mit Cochenilleschildläusen, des Einsammelns der Schildläuse u. s. w. machen, müssen die Cactuspflanzen auf das Sorgfältigste vor Spinnen, Ameisen und verschiedenen den Cochenilleschildläusen nachstellenden Käfern und Vögeln gehütet und daher täglich durchgesehen und von den genannten kleinen Thieren, sowie auch von Staub und schmarotzenden Pilzen (Schimmel- und Staubpilzen) mittelst Pinsel gereinigt werden. Nicht selten vernichten die Ameisen und Käfer, oder auch ein plötzlich und unerwartet zur Zeit des Eierlegens der weiblichen Schildläuse eintretender Regen, oder der an der Südküste Spaniens bisweilen wehende, unter dem Namen „Solano“ bekannte afrikanische Glutwind die ganze Ernte eines Jahres. Diese Umstände machen es erklärlich, weshalb sich die so einträgliche Cochenillezucht an der Süd- und Südostküste Spaniens noch nicht weiter verbreitet hat.

Die Cochenilleschildlaus lebt gesellig in den jungen saftigen Gliedern des beschriebenen Cactus. Die kaum eine Linie langen Männchen sind dunkelroth und haben zarte weißliche Flügel, die zwei bis drei Linien langen und fast ebenso breiten Wetbchen dagegen sind blos an der Bauchfläche roth gefärbt, am Rücken dagegen dunkelbraun und mit einem feinen, sammet- oder baumwollenartigen Ueberzug von weißlicher Farbe bedeckt. Die Eier sehen den Ameiseneiern ähnlich, nur sind sie viel kleiner. Die ausgekrochenen Larven sind sehr klein, eiförmig, mit sechs Füßen und zwei Fühlhörnern versehen und am Hinterleibe borstig. Die Weibchen entwickeln sich aus den Larven unmittelbar, die Männchen dagegen erst nach geschehener Verpuppung. Diese erfolgt 30 oder 35 Tage nach dem Ausbrüten der Larve und besteht darin, daß sich die Larve mit einem feinfädigen, baumwollenartigen Geflecht umgiebt, welches zuletzt einen kleinen Cocon bildet, der an der Oberfläche des Cactus befestigt ist. Nach wenigen Tagen schlüpfen die fertigen Männchen heraus, schwärmen nun eine Zeit lang um die Pflanzen herum und sterben, sobald sie sich begattet haben. Bis zur Verpuppung bleiben die Larven an dem Orte, den sie sich nach ihrem Ausbrüten aus dem Eie zu ihrer Ernährung ausgesucht haben, unbeweglich sitzen, und die Weibchen verharren in diesem Zustande bis gegen ihren Tod hin, welcher bald nach dem Eierlegen einzutreten pflegt. Gewöhnlich fallen sie unmittelbar vor ihrem Tode ab, wodurch sich die Cochenilleschildlaus von andern Schildläusen unterscheidet. Sowohl das Weibchen als sämmtliche Larven sitzen unter feinen, spinnwebartigen Geflechten von weißer Farbe, welche weißliche Flecken an der grünen Oberfläche der Cactuspflanzen bilden.

Die Männchen enthalten viel weniger, doch ebenso guten Farbstoff als die Weibchen. Die todten Männchen und die nach dem Eierlegen eingesammelten Weibchen bilden die unter dem Namen „Sacatillo“ bekannte Cochenille, welche in geringerem Ansehen steht als die eigentliche „Cochonilla,“ die aus den vor dem Eierlegen eingesammelten Weibchen besteht. Da das Leben der Weibchen bereits nach 70 bis 90 Tagen beendet ist, so können alljährlich mindestens zwei Ernten gehalten werden, indem die im Frühling ausgelaufenen Weibchen schon Ende Juni, und die im Juli und August ausgelaufenen Weibchen schon zu Anfange des Winters Eier legen. Das Eierlegen dauert jedesmal funfzehn bis achtzehn Tage. Da die Weibchen außerordentlich fruchtbar sind, so braucht man blos eine geringe Menge derselben zur Fortpflanzung leben zu lassen und kann die bei weitem größte Anzahl vor dem Eierlegen, wo die Weibchen den weißen Farbstoff enthalten, einsammeln und tödten. Das Einsammeln der „Cochenille“ ist sehr mühsam. Die lebenden Weibchen sitzen nämlich gleich allen weiblichen Schildläusen so fest, daß sie durch bloßes Schütteln der Cactusäste von denselben nicht abgetrennt werden. Letztere müssen daher abgebürstet werden, und wegen der zahlreichen Stachelbüschel ist dies natürlich eine sehr zeitraubende Manipulation. Die abgebürsteten Schildläuse läßt man in eine Papierdüte oder irgend ein Gefäß fallen und tödtet sie hierauf entweder durch Anwendung künstlicher Hitz oder durch Entziehung der Luft. Im ersten Falle schüttet man sie in dreiseitige Blechnäpfe oder in weite irdene, glasirte Töpfe und stellt dieselben in einen eisernen Ofen, der hierauf so weit erhitzt wird, daß ein hinein gehaltenes Papier verkohlt oder verglimmt, ohne Flammen zu fangen. Sobald die Thiere ihre ursprüngliche Farbe verändern, kann man darauf rechnen, daß sie erstickt sind. Will man dieselben durch Entziehung der Luft tödten, so thut man sie in eine gläserne Flasche, welche man, nachdem man sie hermetisch verschlossen hat, in einen Brunnen hängt. Nach vier Tagen pflegen die Thiere todt zu sein. Die getödtete „Cochenille“ wird hierauf auf Espartomatten ausgebreitet, und so lange der Sonne ausgesetzt, bis sie vollkommen trocken ist. Sodann siebt man sie, um sie von Staub und andern ihr anhängenden Unreinigkeiten zu säubern, und um die größeren Körner, die Weibchen, von den kleineren, den Larven, zu sondern, worauf man sie in Schachteln verpackt.

Eine ganz eigenthümliche und Mühsame Operation ist die Uebertragung lebender Cochenille auf eine frische Cactuspflanze, ein Verfahren, das die Spanter „anidar“ nennen. Man wählt dazu die ausgewachsenen Weibchen, welche sich anschicken, Eier zu legen. Diese Periode steht nahe bevor, wenn sich ein kleiner, ursprünglich rosenroth gefärbter Fleck am Hinterleibe der Weibchen gelb zu färben beginnt. Um die hochschwangeren Weibchen von den Aesten ihrer Nährpflanze abzutrennen, ohne ihnen Schaden zuzufügen, berührt man ihren Saugrüssel mit einem fein zugespitzten Holzstäbchen. Dann ziehen sie nämlich den Saugrüssel ein und fallen ab. Die abfallenden fängt man mit einer Papierdüte auf und vertheilt sie in Portionen von 6 bis 8 Stück, welche man in [400] kleine Säckchen von Palmblattfasern oder grober Leinwand thut. Diese Säckchen, „nidos“ genannt, hängt man hierauf an die jungen Aeste der zu bevölkernden Cactuspflanzen, die zuvor mit einem Pinsel von allem Schmutz gereinigt werden müssen. Nach 15 bis 18 Tagen sind die Larven aus den von den Weibchen in den „Nestern“ gelegten Eiern aus- und auf die Cactusäste gekrochen, und man findet in den Säckchen blos noch die todten Weibchen, welche als „Sacatillo“ benutzt werden. Bei der Bevölkerung einer frischen Cactuspflanze muß man sorgfältig darauf achten, daß weder zu viel noch zu wenig Schildläuse darauf kommen. Im erstern Falle nämlich wird entweder das Eingehen der Cactuspflanze herbeigeführt, oder die jungen Schildläuse bekommen nicht genug Nahrung und sterben in Folge davon. Im zweiten Falle nehmen die jungen Thiere häufig zu reichliche Nahrung auf und werden davon krank. Das Bevölkern frischer Cactuspflanzen wird gewöhnlich zu Anfang des Sommers vor dem Blühen des Cactus vorgenommen, weil dann die Pflanzen den kräftigsten und nahrhaftesten Saft besitzen. Um denselben längere Zeit in diesem Zustande zu erhalten, bricht man alle Blüthenknospen von den zu bevölkernden Pflanzen ab, bevor man die Nester daran hängt.

Vor der Einführung der Cochenillezucht trieb Spanien einen ziemlich einträglichen Handel mit einer andern, ebenfalls einen schönen rothen Farbstoff spendenden Schildlausart. Es war dies die Kermesschildlaus (Coccus Quercus), welche von dem Saft der Blätter und Zweige einer kleinen strauchartigen, in Spanien und überhaupt in den Umgebungen des mittelländischen Meeres häufig wachsenden Eichenart (Quercus coccifera) lebt und in Spanien „Grana“ genannt wird. Gegenwärtig wird dieses nützliche Thierchen kaum mehr gesammelt. Gezüchtet hat man dasselbe meines Wissens niemals.
Dr. Willkomm.




Ein Dichterblick.
Skizze von Elise Polko.

In der sogenannten Lößnitz, diesem lieblichen Weingarten Dresdens, wo Villa an Villa sich reiht, und dio ganze Landschaft, von der frischen, lebendigen Elbe durchströmt, uns an das Gesicht eines glücklichen Kindes gemahnt, iiegt ein weißes Haus mit einem kleinen Thürmchen, unten am Fuße der Berge. – Etwas zurückgeschoben zwischen den Weinhügeln liegt es da, so umrankt von Rosen, so versteckt in Buschwerk, so tief beschattet von hohen Bäumen wie Dornröschen in seiner süßen Einsamkeit. – Ueber sein schlichtes Dach sind schon viele, viele Jahre hingezogen, an seinen Fenstern hat schon mancher Sturmwind gerüttelt, liebliche Gestalten, die schon längst begraben und vergessen sind, wandelten unter dem Schatten der alten Kastanien auf und nieder und doch schaut das Haus noch so jugendlich aus dem Grün hervor, als erlebe es den ersten Frühling. Vor der Hausthür steht eine breite Steinbank, woselbst sich eine bezaubernde Aussicht aufschließt auf Elbflorenz und die fernen Berge der sächsischen Schweiz. Auf diesem Plätzchen eben saß einst ein Mann, von dessen ewiger Jugend vielleicht ein Hauch hinüberwehete zu dem kleinen Hause; Der Man hieß Jean Paul Friedrich Richter.

Die Nachricht, der Dichter des „Titan“ wird Dresden besuchen, setzte im Mai des Jahres 1822 die höheren Kreise der Bevölkerung der Hauptstadt in freudige Bewegung. Jean Paul’s Name flog von Lippe zu Lippe, man redete von seiner Ankunft wie von einem Staatsereigniß, man sah der Erscheinung des schlichten Schullehrersohnes aus Wunsiedel mit einer Spannung entgegen, die ihren Ausdruck in tausend belustigenden Extravaganzen fand. Besonders waren es die Frauen, die sich darnach sehnten, dem neuen begeisterten Frauenlob Gruß und Dank entgegenzutragen; eine Unruhe und Erwartung hatte die Schönen ergriffen, ähnlich jenen fieberhaften Ballgefühlen siebenzehnjähriger Mädchen. Diese Aufregung durchzitterte das friedlichste Familienleben und erpreßte manchem Vater und Ehemann tiefe Seufzer. Einige der begeistertsten Verehrerinnen des großen Dichters verließen viele Tage lang am frühen Morgen schon das Haus, um sich auf der leipziger Straße aufzustellen, und jeden Wagen zu untersuchen, der des Weges daher kam.

Unglücklicher Weise kam der Ersehnte in der Nacht an und schaute eines Morgens sehr behaglich im großblumigen Schlafrock und langer Pfeife zum Eckfenster des zweiten Stockwerks der Stadt Wien heraus. Von Stunde an verwandelte sich die Wohnung Jean Paul’s in eine Festung, die eine Schaar junger und alter Belagerinnen zu stürmen versuchte.

Man begnügte sich nicht mehr mit dem Anblick des gefeierten Mannes, man verlangte ihn reden zu hören, von ihm bemerkt zu werden, ihm zu gefallen. Der erste Sturmlauf galt freilich dem alten Stiefelputzer des Gasthauses, der Mann sollte allerlei wunderbare Dinge ausliefern, als da sind: Läppchen von einem gewissen großblumigen Schlafrock, Stückchen von einer gewissen Federfahne, geweihte Asche aus einer gewissen Pfeife u. dgl. mehr. Zahllose Kugeln in Gestalt kleiner und großer Briefe flogen in die Festung, sie waren unterzeichnet mit „Lina“, „Beate“, „Liane“, „Klothilde“ oder „Giulia“, nur fand sich keine „Lenette“ vor. Blumen und Kränze bildeten das schwere Geschütz, und der intelligente Stiefelputzer legte bald sein mühseliges Geschäft nieder, um einen sehr einträglichen Kleinhandel zu eröffnen mit welken Blumen und vertrockneten Blättern.

Der Aufenthalt Jean Paul’s in Dresden glich einem ununterbrochenen Feste. Die Bevorzugten, in deren Häuser der große Dichter sich einführen ließ, gaben ihm zu Ehren die glänzendsten Gesellschaften. Man schleppte ihn von einem Gastmahl zum andern, besang und bekränzte ihn, wo er sich nur blicken ließ, und die Wahl seiner Tischnachbaren und besonders die Wahl seiner Tischnachbarinnen gab gar oft Veranlassung zu Familienzwistigkeiten, die dem bekannten Streite der Montecchi’s und Capuletti’s an Bitterkeit wenig nachstanden. Die Gegenstände, die der Gefeierte berührte, waren, insofern sie sich bewegen ließen, keinen Augenblick vor Entführung sicher, Löffel Teller, Messer und Gläser konnten nur durch ganz besondere Energie der Bedienung oder persönliche Ueberwachung der Hausfrau geschützt werden; die vornehmsten Gäste scheuten sich nicht, nach dergleichen Reliquien die Hand auszustrecken.

Der einfache, kindliche Jean Paul wurde von all diesem Treiben ermüdet und gelangweilt. Die ewigen Citate aus seinen Werken, mit denen man ihn bewirthete, die überschwenglichen Lobsprüche und zierlichen Phrasen, die man ihm in’s Gesicht warf, peinigten ihn. Nirgends begegnete er dem Ausdruck einer natürlichen Begeisterung, alle die Mienen, alle die Worte, alle die Bewegungen erschienen ihm gemacht, geschraubt. Er sehnte sich schon nach kurzer Zeit hinweg aus den glänzenden Sälen und prachtvollen Boudoirs und folge mit wirklichem Entzücken der Aufforderung eines Freundes, die Lößnitz mit ihm zu besuchen. –

Es war ein unvergleichlich schöner Maitag. Der Frühling selbst schien den Mann feiern zu wollen, der seine Reize mit so unnachahmlichen Farben gemalt, der seine Schönheit so oft und so begeistert gepriesen. Die blühenden Bäume standen in den Gärten und an den Wegen wie geputzte Kinder und streckten ihm ihre Riesenbouquets entgegen, und auf der Erde waren die Blumen so dicht gestreut wie noch nie. Des Dichters Herz ging in heller Freude auf, er konnte sich nicht satt sehen an dem Zauber der Landschaft. Zurückgelehnt im bequemen Wagen rollte er heiter jener Villa zu, die wir am Anfang dieser Skizze beschrieben, und die den lieblichen Namen Friedstein trug. Die große Gesellschaft, die ihn beim Aussteigen umringte, entlockte ihm aber einen tiefen Seufzer, also auch hier sollte er sich anstaunen lassen! Der Besitzer der Villa trat ihm mit seiner wunderschönen Frau voll dankbarer Freude entgegen, und führte ihn in den Kreis der Gäste.

Jean Paul ließ seine Augen sanft grüßend von einer Gestalt zur andern gehen, zerstreut hörte er allerlei Namen an sein Ohr schlagen, zerstreut erwiederte er die feierlichen Begrüßungen. – [401] Da sank sein Blick plötzlich auf seiner langsamen Wanderung in ein blaues Augenpaar, in die Augen einer blonden, zarten Frau, die ganz allein seitwärts von den Andern stand. In demselben Augenblick stieß sie einen hellen Schrei aus, es war fast der Jubelruf eines Kindes, die leichte Gestalt flog schneller als Worte zu sagen vermögen, auf den Dichter zu, schlang die Arme um seinen Nacken und drückte lachend und weinend zugleich einen feurigen Kuß auf seine Lippen. Jean Paul umschlang unwillkürlich das liebe Geschöpf und drückte es an seine Brust, dann bog er das jugendliche Antlitz der Schwärmerin sanft zurück, sah sie lange an und sagte mit seelenvoller Innigkeit: „Kind! soll ich sagen, liebes oder böses Kind, was thust Du mir an?“ - Da riß sich die Hocherröthende plötzlich los von ihm, sah ihn noch einmal an, und lief dann dem Hause zu, Niemand hielt sie zurück.

Auf Jean Paul’s Frage nach dem Namen dieses holden Wesens, flüsterte man ihm zu, daß es die etwas excentrische jüngere Schwester der liebenswürdigen Wirthin sei, dann aber vermied man sichtlich jenen Vorfall wieder zu berühren, redete viel, war geistreich nach Kräften, streifte durch den Garten und setzte sich endlich zum Souper nieder. Auch hier erschien die junge Enthusiastein nicht. Des Dichters Gedanken suchten sie, und doch wagte er nicht, nach ihr zu fragen. Aber er wurde immer zerstreuter und unruhiger. Seiine Tischnachbarin, eine längst verblühte Rose, bemühte sich auf alle erdenkliche Weise seine Aufmerksamkeit zu erregen. Hatte sie nicht ein Recht bemerkt zu werden von Dichteraugen, sie – selbst Dichterin, die so manches Lied von Frühling und Liebe im Musenalmanach gesungen, sie, die den Titan und Hesperus fast auswendig herzusagen wußte. In ihrer Verzweiflung ließ sie endlich die letzte Mine springen und redete ihren gefeierten Nachbar in Versen an. – Das schien zu wirken. – Jean Paul zuckte auf, wendete sich zu ihr, fuhr einige Mal mit seiner rechten Hand in sein Haar, blickte seine Nachbarin starr an, seufzte tief, schlug endlich mächtig auf seine Brust und sagte: „Rathen Sie, meine Gnädigste, wie viel mich diese gelbe Weste gekostet!“

Dem Donnerschlag dieser Frage folgte eine gewitterschwüle Pause. Die Gefragte sah beleidigt aus. Die Nahesitzenden flüsterten das Gehörte den Ferneren zu, Alle nahmen diese Jean Paul’schen Worte mit feierlichen Mienen auf, die Unterhaltung stockte. – Da rief ein junger Mann von bescheidener Haltung, der dem Dichter gerade gegenüber saß, der Nachbarin des Gefeierten heiter lächelnd zu: „Das war mehr als ein Jean Pau’scher Sprung, wie Sie ihn so oft im Titan und Hesperus bewundert, gnädiges Fräulein, das war sogar ein Jean Paul’scher Fall. Bemitleiden Sie ihn, er stürzte aus dem Himmel Ihrer Augen in einen Zeugladen in der Neustadt, wo man billige Westen kauft!“

Der Dichter rief „Bravo“ und lachte herzlich, die ganze Tischgesellschaft stimmte ein, die verblühte Rose aber nickte dem freundlichen Trostspender holdselig zu.

Die schöne Hauswirthin hob die Tafel auf, Jean Paul nahm Abschied mit seinem Begleiter, der Wagen fuhr vor. Kurz vor dem Einsteigen zog aber der Dichter jenen jungen Mann, der ihm bei Tische gegenüber gesessen, auf die Seite und sagte sehr aufgeregt: „Sie wurden mir, dächt’ ich, als Bruder der Hauswirthin genannt. Sie haben ein gutes Herz und einen hellen Blick, das hab’ ich gesehen und gehört. Ich habe eine Bitte an das gute Herz und Vertrauen zu dem hellen Blick. – Sie müssen mir noch einmal den Anblick jener Schwester verschaffen, die dem glücklichen Dichter den schönsten Lohn so süß und und voll an’s Herz warf! Das war Natur, reiches, köstliches Ueberwallen eines Frauenherzens! – Ich will, ich muß sie noch einmal sehen, bald sehen und reden hören! Der liebe Kopf weicht mir nicht aus den Gedanken und die liebe Gestalt nicht aus dem Arm. Sie müssen mir helfen und Sie werden es thun. Bringen Sie mir die Antwort morgen in mein Zimmer, wir können hier nicht länger ungestört mit einander reden.“

Eine halbe Stunde nach diesen hastig ausgestoßenen Worten rollte Jean Paul an der Seite seines Freundes dem anmuthigen Dresden wieder zu.

Am folgenden Tage erhielt er einen gar reizenden Strauß von frischen Wald-, Feld- und Wiesenblumen und dazu folgende Zeilen:

„Will unser lieber Jean Paul, dessen großem Herzen und schlichtem Sinne, die einfachen Wald- und Feldblumen näher stehen als die prunkenden Blüthen fremder Zonen, eins der frischesten dieser Frühlingskinder noch einmal an seinem Herzen blühen sehen, so lenke er seine Schritte am folgenden Montage wiederum nach dem kastanienumschatteten Friedstein. Dort wird ihm eine Frau entgegentreten, die am gestrigen Abend das Dichterauge und den Himmel darin nicht ertrug, ohne sich hineinzustürzen mit Leib und Seele, eine Frau, die der Unterzeichnete mit Stolz – nicht seine Schwester – wohl aber sein Weib nennt.

Der Mann mit dem guten Herzen 
L. P. . . “ 

Hier die Antwort des Dichters, die eben auf einem sehr vergilbten Blättchen vor der Erzählerin dieser Skizze liegt und folgendermaßen lautet:

Dresden, den 17. Mai 1822. “ 

„Sie sind ein Mann von Geist und Liebe. Erst auf dem Rückwege wurd’ ich über meine irrige Voraussetzung belehrt, denn sonst hätt’ ich mir meine Bitte nicht so kühn erlaubt. In Friedstein – das bei mir den Königstein überagt – werd’ ich Ihnen zum zweiten Male danken und länger. Am Montage wird gewiß die Schönheit des Himmels sich zur Schönheit der Erde gesellen; und meine ganze Seele freut sich auf diesen Tag der Liebe und Schönheit, und meine Lippen freuen sich auf die Wiederholung des neulichen Empfangs. Grüße an Alle.

Der Ihrige 
Jean Paul Fr. Richter. “ 

Ob ihm dieser ersehnte Empfang geworden? – O, gewiß’ und noch mehr als dies, er gewann an jener begeisterten Frau eine treue geistvolle Freundin, die noch bis zu ihrem Tode mit einem bezaubernden Lächeln, das ihr seelenvolles Gesicht wunderbar verjüngte, gar zu gern von jenem blauen lichten Himmel erzählte, der ihr einst, aus den Augen des warmherzigsten Dichters aller Zeiten, so überwältigend entgegen gestrahlt.




Blätter und Blüthen.

Die Flaschenpost. Man findet jetzt häufig in den Zeitungen Berichte von in der See aufgefundenen Flaschen, deren Inhalt, da der Zweck desselben der größeren Menge unbekannt ist, nur von geringem Interesse scheint, dem Institute aber, für welches er bestimmt, von höchster Wichtigkeit ist.

Diese Flaschenpost ist schon seit etwa einem halben Jahrhundert errichtet und wurde in letzterer Zeit in ein bestimmtes System gebracht. – Der Kapitain eines Schiffes giebt von dem Punkte, wo er sich befindet, Nachricht, er legt den Streifen Papier in eine leere Flasche, versiegelt sie und übergiebt sie den Wellen in der Hoffnung, daß sie irgendwo aufgefangen und ihr Inhalt veröffentlicht werde. – Dieses geschieht aber nicht, um sich einen Scherz mit der Neugier des Finders zu machen, sondern auf Veranlassung jenes Instituts und zu einem belehrenden Zweck. Es muß jedem Seefahrer von größter Wichtigkeit sein, die Stärke und die Richtung der Strömung des Oceans genau zu kennen, und um diese auszumitteln, verfiel man unter andern auf den Gedanken, jene Anstalt zu gründen.

Obgleich man nun nicht mit Sicherheit nach dem Ziel, das eine solche in’s Meer gesenkte Flasche erreicht, noch nach der Zeit bis zu ihrer Auffindung die Richtung und Stärke der Strömung berechnen kann – denn wie oft kann sie nicht hin- und zurückgetrieben sein, oder an einer unbesuchten Küste wer weiß wie lange gelegen haben, bis neue Wellen sie wieder hinweggespült – so ist die Frage doch für die Wissenschaft von zu großer Bedeutung, um irgend ein Mittel, Aufschlüsse zu erhalten, unversucht zu lassen. Gesetzt, eine Flasche sei am ersten Januar bei der Insel St. Helena in’s Meer geworfen und erst am letzten Tage desselben Jahres in der Nähe der Insel Wight aufgefischt worden, so wird sich daraus keineswegs folgern lassen, daß sie die gerade Richtung verfolgt, noch, daß sie während eines ganzen Jahres zwischen beiden Inseln auf den Wellen getrieben habe; allein wenn man verschiedene Flaschen an verschiedenen Tagen von demselben Punkte absendete, so würde die Vergleichung der verschiedenen Punkte wo, und des Zeitraums, bis zu welchen sie aufgefunden, zu einem Resultate führen, welches von großem Nutzen sein dürfte.

Kapitain Beecher, der Redakteur des „Nautical Magazine“ beschäftigt sich schon seit zehn Jahren damit, alle Berichte zu sammeln, welche die in der See aufgefundenen Flaschen enthalten. Er entwarf eine bemerkenswerthe Seekarte, welche genau die Reisen angiebt, die jede solcher Flaschen [402] von ihrem Abgangspunkte bis zu dem ihrer Auffindung gemacht, indem beide Punkte durch eine Linie verbunden sind. Sie zählt deren 119 Flaschen und umfaßt nur den Theil des atlantischen Oceans, welcher zwischen den Orkney-Inseln und Guinea liegt. Viele Flaschen, welche nahe der afrikanischen Künste in’s Meer geworfen wurden, fanden ihren Weg nach Europa, und diese Thatsache stimmt gewissermaßen mit dem überein, was man bisher über die Strömung des atlantischen Oceans in Erfahrung gebracht hat. Eine dieser Flaschen scheint die Austral-Panama-Route zu anticipiren; denn sie beginnt ihre Reise am Panama-Isthmus und landet an der irischen Küste; eine andere kreuzte den atlantischen Ocean von den canarischen Inseln bis nach Nova Scotia. Drei bis vier, von Grönlandsfahrern an der Davisstraße entsendet, gelangten an die Nordwestküste von Irland. Eine andere machte eine seltene Reise; sie gang vom südlichen atlantischen Ocean aus, schwamm nach der westlichen Küste von Afrika, passirte die Straße von Gibraltar, ging längs der portugiesischen Küste, passirte die Bay von Biskaja, nahm ihren Weg längs Frankreich in der Nähe von Brest, und wurde bei der Insel Jersey gefunden; wenigstens berührt die gerade Linie, welche von ihrem Ausgangspunkte bis zu dem ihrer Landung gezogen ist, alle diese Orte, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie erst gegen Nordwest und dann gegen Nordost getrieben ist, um rund um die afrikanische Küste zu gelangen und die europäische zu erreichen.

Dieser Seekarte ist eine Tabelle beigedruckt, auf welcher die Berichte, welche die Flaschen enthielten, die Namen der Abgangs- und Ankunftspunkte, die Zeit, wie lange sie unterwegs, und die Namen ihrer Absender und Finder zu lesen sind. – Eine Flasche wurde erst sechzehn Jahre nach ihrer Absendung aufgefunden, eine andere war vierzehn Jahre und zwei dergleichen zehn Jahre unterwegs. Die meisten trieben nicht über ein Jahr, und der kürzeste Zeitraum, den eine Flasche in See war, ist fünf Tage. Sie wurde von dem Kapitain des Schiffes „Racehorse“ am 17. April in der Caribbean-See entsendet und schon am 22. desselben Monats aufgefischt; sie hatte in dieser kurzen Zeit drei Längengrade in westlicher Richtung zurückgelegt.

Diese Flaschenberichte beginnen gewöhnlich auf folgende Art:

Ich schreibe diese Zeilen in der Absicht, den Lauf der Strömung auszumitteln, laßt mich wissen, wenn und wo ihr sie gefunden. Dann folgt der Name des Schiffes, seine Richtung, und je nach der Bildungsstufe des Schreibers sonstige Bemerkungen über den Wind, den Zustand des Schiffes und zuweilen sogar Verse. Kapitain Marshall schrieb, um ganz sicher zu gehen, seinen Bericht in drei verschiedenen Sprachen, und bat den Finder im Namen der Wissenschaft, seinen Fund sogleich in den Zeitungen zu veröffentlichen.

Die Flaschenpost im Nautical-Magazine wird von den Seefahrern mit dem höchsten Interesse gelesen. Sir John Roß bewies, wie vieler Aufmerksamkeit es erfordere, die Strömung des Oceans nach dem Lauf dieser Flaschen zu berechnen, weil oft eine leichte Flasche vom Winde gegen die Strömung getrieben werde. Er gab einem flachen Stücke Holz die Form einer Flasche, beschwerte den Rücken desselben mit Blei, damit es nur zur Hälfte oberhalb des Wassers trieb, und warf sie zugleich mit einer gewöhnlichen Flasche vom Bord des „Actäon“ in die See. Der Wind war westlich, und man bemerkte, wie die Flasche vom Winde getrieben wurde, während das Holz ruhig mit der Strömung ging.

Wir verdanken der Flaschenpost manche wichtige Berichte in Betreff der Nordpol-Expeditionen. Im Jahr 1848 wurde von Kapitain Bird am Bord des „Investigator“ ein Kästchen mit Papieren den Wellen übergeben und von dem huller Schiff: „Prince of Wales“ aufgefunden. Es benachrichtigte die Admiralität von der Richtung, welche dieses Schiff, so wie das Geleitschiff, die „Enterprize“ zu jener Zeit verfolgte. von demselben Schiffe, aber unter dem Commando Kapitains M’Clure, welcher seitdem durch Auffindung der Nordweststraße so berühmt geworden, wurde auf der Fahrt nach der Behringstraße im Jahr 1850 eine Flasche entsendet; sie schwamm in 206 Tagen über 3600 Meilen weit, und wurde an der Hondura-Küste aufgefischt. Eine Flasche von Kapitain Collinson, welcher das Geleitschiff, die „Enterprize“ commandirte, in See geworfen, machte denselben Weg und fand ihren Ruheplatz neben der andern, aber unter sehr verschiedenen Umständen. M’Clure’s Flasche ging von einem Punkt nahe den Cap-Verde-Inseln ab, während die des Kapitain Collinson 600 Meilen weiter südlich und neun Tage später ihre Reise antrat.

Im Jahr 1852 erschien durch Kapitain Beecher eine neue Flaschen-Karte, welche die Reisen von 62 Flaschen angiebt, und diese beiden Karten geben sehr wichtige Aufschlüsse über besondere Strömungen in verschiedenen Meeren, sowie über merkwürdige Verhältnisse, in welchen sich gewisse Schiffe befunden haben. Wie manches Schiff ging in den letzten Jahren verloren, von welchem eine Flasche die einzige noch mögliche Nachricht überbrachte und uns von der unglücklichen Mannschaft bis fast zum letzten Augenblick ihres Lebens Kunde gab. Wir erwähnen der Geschichte einer sehr ungewöhnlichen Flaschen- oder vielmehr Tonnenreise, obwohl sie schon früher irgendwo erzählt wurde, und welche vor einigen Jahren großes Aufsehen erregte.

Kapitain D’Auberville von der Barke „Chieflain“ von Boston, erreichte Gibraltar am 27. August 1851. Er ging mit zweien seiner Passagiere nach dem Berge Abylus an der afrikanischen Küste. Auf dem Rückwege begriffen, hob der eine seiner Gefährten einen Gegenstand von der Erde auf, welchen er für eine besondere Art von Stein hielt, und den man bei näherer Untersuchung für ein Fäßchen aus Cedernholz erkannte, welches ganz mit Muscheln überkrustet war. Es fand sich darin eine Cocosnuß mit einer gummiartigen Substanz überzogen. In der Schale dieser Cocosnuß lag ein Pergamentstreifen mit alter, unlesbarer Schrift. Ein amerikanischer Kaufmann in Gibraltar entzifferte sie, es war ein kurzgefaßter Bericht von der Hand Christoph Columbus, im Jahr 1493 geschrieben. Er enthielt die Entdeckung von Amerika und war an Ferdinand und Isabella adressirt. Columbus schrieb: „Er glaube, daß die Mannschaft nicht den nächsten Tag überleben werde, daß die Schiffe sich zwischen den westlichen Inseln befänden, und daß er außer diesem Bericht noch zwei ähnliche den Wellen übergäbe, in der Hoffnung, daß sie von einem Schiffe aufgefunden werden könnten.“ – Es ist nicht unwahrscheinlich, daß dieses Fäßchen wirklich von Columbus entsendet worden sei, an der wenig besuchten Küste zwischen Felsen eingeklemmt, und durch die Kruste von Muscheln vor Zerstörung geschützt, seit 358 Jahren gelegen habe, dennoch darf man dieser Geschichte nicht unbedingten Glauben schenken. Es erhoben sich auch manche Zweifel an ihrer Aechtheit, doch gewann sie auf folgende Weise einige Wahrscheinlichkeit: Als Kapitain D’Auverville seinen merkwürdigen Fund in den „Louisville Varieties“ veröffentlicht hatte, erschien bald darauf eine Copie dieser Anzeige in der „Times,“ und schon nach wenigen Tagen erhielt der Redacteur dieser Zeitung eine Zuschrift von Mr. Morier Evans des Inhalts: daß er im Besitz eines Werkes von alten Reisebeschreibungen sei, in welchem unter andern die Reise Christoph Columbus vom Februar desselben Jahres und die augenscheinliche Gefahr, in der er sich nahe den Azoren befunden, erzählt werde. Ein Auszug aus diesem Werke lautet wie folgt: „Der Admiral, als er den Tod vor Augen sah, wünsche, daß die Kunde seiner Entdeckung zur Kenntniß ihrer katholischen Majestäten gelangen möchte, in dieser Absicht schrieb er den Erfolg seiner Unternehmung auf ein Stück Pergament, umwickelte es mit Wachstuch, legte es in ein hölzernes Kästchen und senkte es in Gegenwart der ganzen Mannschaft, welche dieser Handlung mit religiöser Feierlichkeit beiwohnte, in die See.“ – Jedenfalls bleibt dieses Fäßchen ein merkwürdiger Fund, und es verdiente wohl in einem Museum aufbewahrt zu werden.

Die Flaschenpost hat in neuester Zeit sehr an Interesse gewonnen, ja, sie erhob sich, möchten wir sagen, seit dem Ereigniß, dessen wir schließlich erwähnen, zu einer jetzt obschwebenden Flaschenfrage.

An der nordöstlichen Küste Sibiriens wurde jüngst eine Flasche aufgefischt. Da das russische Gouvernement den Befehl gegeben, ein wachsames Auge auf jene Küste zu richten, in der Hoffnung, einige Nachricht über Sir John Franklin’s Expedition zu erhalten, so wurde die Flasche an die Behörde gesendet. Sie enthielt Nichts – und man konnte nicht begreifen, zu welchem Zwecke sie abgesendet sein mochte; nach einiger Zeit entdeckte man, daß diese Flashe eine von denjenigen sei, welche die norwegischen Fischer statt des Korks an ihre Netze befestigen, um sie flott zu erhalten. Da nun die norwegischen Fischer ihre Netze schwerlich bis an die Küste von Sibirien ausspannen, so ist es wahrscheinlich, daß die Flasche längs der lappländischen Küste und um das Nord-Cap bis Novo-Zembla geschwommen. In diesem Fall würde sie eine Strömung in dieser Richtung bestätigen, und dies möchte der Behauptung Mr. Peterman’s, daß eine nordöstliche Straße in das Polarmeer führt, einige Wahrscheinlichkeit geben.

Dies sind freilich nur Muthmaßungen, keine Beweise, allein wir verdanken doch der einfachen grünen Flasche das Dasein jenes Gedankens.




Schätze im Hungerland. Wie Märchen aus Tausend und eine Nacht hört sich’s an, was aus dem Lande des Hungers, aus Oberschlesien, erzählt wird von goldenen Schätzen, die mit Füßen getreten worden sind, von Arbeitern, die über Nacht zu Millionären wurden, von Töchtern der Arbeiter, um deren schöne und goldene Hand sich Fürsten umsonst beworben haben. Die Wissenschaft ist es, die solche Schätze heben gelehrt hat. Da ist z. B. die berühmte Galmeigrube bei Scharlei. Vor 30 Jahren war die Grube für 30 Ducaten verpachtet, heute hat eine belgische Compagnie für den halben Antheil vier Millionen Thaler geboten und solchen nicht erhalten. Damals wurde sie auf Blei mit etwas Silber bearbeitet, jetzt auf Zink, das die Wissenschaft erst nützen lehrte; erst jetzt versteht man dem erdigen, lehmartigen Galmei seine goldenen Schätze zu entringen. Die Millionen wurden bisher mit Füßen getreten. Grubenantheile, die früher mit 800 Thaler Capital gekauft wurden, ergeben jetzt einen Jahresbetrag von 12-14,000 Thaler. Daher die Möglichkeit, in kurzer Zeit ungeheuere Besitzthümer zu erwerben. Ein gewöhnlicher Hüttenarbeiter, Winkler, erwarb ein Vermögen, welches über eine halbe Million Einkünfte trägt, die er einer einzigen Tochter hinterließ, um deren Hand sich reiche Fürsten vergeblich bewarben, die aber seit sechs Monaten ein hannover’scher Lieutenant Theile geheirathet hat, der nur seine Gage besaß. Eine andere junge, erst 14jährige Erbin, Gudulla, die angenommene Tochter eines Hüttenarbeiters und jetzt dessen erbberechtigte Waise, hat schon 600,000 Thaler Einkünfte. Bis sie das heirathsfähige Alter erreicht, kann das Vermögen leicht um mehrere Millionen wachsen. Penelope auf Ithaka zählte nicht so viele Freier wie die Tochter des Hüttenarbeiters. Oberschlesien ist durch Gruben und Eisenbahnen das deutsche Californien geworden, unter den Webern das deutsche Irland.




Literatur. Von dem wackern Altmeister deutscher Sage und rheinischen Lieder, von Karl Simrock (derzeit Professor an der Universität zu Bonn), sind wieder zwei neue Werke seines zwiefach reichen Schaffens erschienen: „Legenden“ (Bonn bei Ed. Weber) und „Handbuch der deutschen Mythologie, mit Einschluß der nordischen“(Bonn, bei Ad. Marcus). Dort ist es der volksthümliche, ebenso einfache als kerngesunde Dichter, hier der gründlich-gelehrte und doch immer warm-lebendige Forscher, den wir auf’s Neue in Simrock lieben und achten lernen. Wenige Dichter haben so glücklich den ächt naiven Ton der Legende getroffen wie Simrock, und wenn wir auch das große Verdienst Grimm’s um die deutsche Mythologie hochachten, so müssen wir doch bekennen, daß Simrock’s Werk anschaulicher, klarer und faßlicher und mithin auch allgemein zugänglicher ist. – Seien beide Werke unsern Lesern bestens empfohlen.

Meyer’s Universum zeichnet sich neuerdings durch wirklich vortreffliche Stahlstiche aus und sticht namentlich sehr vortheilhaft gegen andere ähnliche Unternehmen ab, deren sogenannte Stahlstiche auf Kunstwerth auch nicht den kleinsten Anspruch machen können. Wie frisch, keck und anziehend der alte Meyer den Text zu den Abbildungen zu schreiben versteht – eine Aufgabe, die nicht zu den leichtesten gehört – ist bekannt und bedarf keiner besondern Erwähnung.


  1. 16 Unzen machen ein castilianisches Pfund, welches gleich 4/5 eines deutschen Zollvereinspfundes ist.