Die Gartenlaube (1856)/Heft 21

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1856
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[273]  Der Fall Freibergs.[1]

Was schimmert auf dem Berge im goldnen Sonnenlicht?
Was ist’s, das aus dem Walde, dem dunkeln, quillt und bricht?

Seht ihr die Panzer blitzen, der Helme Büsche weh’n?
Ist solch ein reisiger Zug nicht hochherrlich anzuseh’n?

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Das sind Herrn Friedrich’s Mannen, die zieh’n zur Hülf’ heran;

Der Markgraf hoch zu Rosse führt selbst die Seinen an.

Zu spät! Zu spät! Herr Markgraf! Verloren ist die Stadt,
Nicht durch der Bürger Zagheit, durch tückischen Verrath!

So tritt dem Greis entgegen ein Greis im Silberhaar,

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Wer weiß, ob’s nicht Herr Weighart, der Bürgermeister war!


Zwar hält der edle Haugwitz die Burg noch unversehrt,
Und sie entsetzen wäre fürwahr der Mühe werth;

Doch schwöll’ im Nu auch zehnfach jetzt Euer Streitheer an,
Ihr könntet sie nicht retten mit zwanzigtausend Mann.

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Auch kann sie sich noch halten nur weniger Tage Frist,

Weil sie von aller Nothdurft beinah’ entblößet ist.

Dazu hat König Adolf den Schwur gen uns gethan:
Bei längerm Trutz soll sterben die Burgwehr Mann für Mann;

Und sollen alle Häupter der Stadt ihr folgen nach,

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Soll treffen alle Glieder noch nie erhörte Schmach.


Doch wenn die Burg bis morgen sich giebt in seine Macht,
So will in Gnade wandeln er die verhängte Acht.

Und dennoch trotzt Herr Haugwitz und will nicht geben sich,
Es sei denn, Ihr beföhlt es, Herr Markgraf Friederich –

25
Ja freilich, wohl befehl’ ich’s, wenn so die Sache steht –

Gott sei dem Sünder gnädig, der’s also hat gedreht!

Mein Freiberg ist gefallen, die Perl’ aus meiner Kron’,
Was hätt’ ich von der Burg noch für Ehre und für Lohn?

Ja, jeder Tropfen Blutes, den sie noch kostete,

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Fiel’ auf mein Schild, daß Niemand es mehr entrostete.


Mein Stern hat sich verhüllet, Gott hat es so gewollt;
Er kann auch wieder lassen ihn glüh’n wie Sonnengold.

Nimm diesen Ring, mein Alter, bring’ Haugwitz den Befehl:
Ich bind’ ihm auf die Seele auch des Geringsten Seel’;

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Gen ehrenvollen Abzug und Gnad’ für jeden Stand

Geb’ er, der Ehrenfeste, die Burg in Adolf’s Hand.

Geh’, grüß mir alle Bürger, bring’ ihnen meinen Dank,
Ich will der Treuen denken in Lieb’ mein Leben lang.

Da sinkt in seine Kniee der silberlockige Greis,

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Und Thränenbäche rollen ihm von der Wange heiß.


Er schluchzt: mag Jener brüsten mit seiner Herrschaft sich –
Ihr herrscht in unsern Herzen, Herr Markgraf, ewiglich.

Der Markgraf hat geschüttelt dem Biedermann die Hand,
Und dann mit nassen Augen sich von ihm abgewandt,

45
Und hat emporgeschauet, gemurmelt in den Bart:

Auch das muß sein ertragen – doch hart ist’s, Vater, hart.

Zum Rückzug fällt das Zeichen, die Schaar schwenkt in den Wald,
Zurück mit seiner Botschaft der Greis gen Freiberg wallt.

 __________

Und noch ist’s nicht verloren mein werthes Meißenland,

50
Gehst du mit deiner Lausitz, mein Diezmann, mir zur Hand,


Und steht ihr edlen Herren, bisher so standhaft treu,
Auch ferner mir in Treuen nach euern Kräften bei.

Noch blieb mir manche Feste im Herzen meiner Mark,
Noch stehen Grimma, Rochlitz und Leisnig stolz und stark.

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Drum nicht verzagt, ihr Herren, Gott kann es wenden bald,

Ein jähes Ende nimmt oft tyrannische Gewalt.

So klang Herrn Friedrich’s Rede im hohen Fürstensaal
Auf seiner Burg zu Meißen nach frohgenoßnem Mahl.

Sie klang in vieler Edlen, von ihm Geladnen Kreis –

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Da trat herein ein Bote, bedeckt mit Staub und Schweiß.


Was ist das für ein Rabe? denn eine Taub’ ist’s nicht,
Ihm steh’n des Unheils Lettern zu deutlich im Gesicht! –

Ja Unheil, mehr als Unheil, Herr Markgraf, trägt mein Mund,
Säh’ lieber ihn verschlossen seit meiner ersten Stund’.

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Den Frevel ohne Gleichen, That, die zum Himmel grinst,

Schwarz, wie des Abgrunds Münzer noch keine ausgemünzt;

Die Sonne, Mond und Sterne verfinstert grauenvoll,
Ist’s was mein armer Mund Euch, Herr Markgraf, künden soll.

Ihr wißt, wie sich Herr Haugwitz, als Freiberg unterlag,

70
Auf Eurer Burg gehalten noch manchen heißen Tag,


Und wie nur Euerm Willen er endlich gab Gehör:
Mit Ehren aufzugeben fruchtlose Gegenwehr.

Mit Freuden gab der Kaiser sein Wort zum Unterpfand,
An keiner jener Tapfern zu legen Hand noch Band.

[274]
75
So thut denn ohne Zögern sich nun das Burgthor auf,

Und arglos zieht zum Marktplatz der kleine Heldenhauf,

Stolz, wie’s für Unbesiegte und Freie sich gehört,
Doch ach vom grimmen Nothwolf zu Schatten abgezehrt.

Die Ihren strecken schluchzend die treuen Arme aus,

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Sie an ihr Herz zu schließen, sie leiten froh nach Haus.


Da fährt, wie Geier fahren auf sanfte Taubenbrut,
Gen sie ein Schwabenhaufe, im Blicke Schergenmuth;

Reißt von der Gattin Busen den Gatten mitleidsbar,
Aus seines Kindes Armen den Greis im Silberhaar;

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Und schleppt sie ohn’ Erbarmen zum Kerker alsogleich –

Und auf Befehl des Kaisers geschah der Bubenstreich.

Empört, Ihr könnt’s Euch denken, war jegliches Gefühl –
Doch war dies nur das Vorspiel zum ganzen Heldenspiel.

Denn als wir heute kaum noch begrüßt das Tageslicht,

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Durchfuhr wie eine Schlange die Straßen das Gerücht:


Es seien sechzig Häupter von jener Höllenwacht
Und zwar die edelsten, gefallen in der Nacht.

Und was wir schaudernd hörten und doch nicht glaubten dann,
Es ward nach wenig Stunden, uns offen kundgethan.

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Zum warnenden Exempel, so hieß es, und mit Fug

Sei an den Hochverräthern vollzogen solch ein Spruch;

Und also sei des Kaisers ausdrückliches Gebot,
Daß alle die Gefangnen erlitten gleichen Tod;

Dafern in dreien Tagen sie nicht die Ihrigen

100
Mit vielen tausend Marken fein Silber löseten.


Doch da nun solch ein Lösgeld uns unerschwinglich ist,
So werden die drei Tage zur leeren Galgenfrist – –

Mit Nichten! fällt der Markgraf dem Boten in das Wort,
Nicht Einer mehr soll sterben – ich löse sie sofort!

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Und müßt als Wanderritter aus meinem Land ich geh’n,

Ich will die treuen Männer dem Tod entrissen seh’n!

Auf, ehrenwerthe Herren! Wer will mein Bote sein? –
Gleich meldet sich ein Schönberg samt dem vom Kriebenstein.

Die jagen mit der Botschaft zum Kaiser alsofort –

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Doch dieses war des Grimmen so erst als letztes Wort:


Es trifft die Hochverräther das tödtliche Gericht,
Der Herr Wettiner leiste denn auf die Mark Verzicht! –

 _________

Und Friedrich hat gelöset mit deutscher Treu’ sein Wort:
Er zog aus seinem Lande als Wanderritter fort.[2]




Wie gefällt Ihnen meine Braut?
Von Heinrich Smidt.

I.

Peter Liebener war ein glücklicher und ein unglücklicher Kerl zu gleicher Zeit. Im gewissen Sinne winkten ihm alle Güter des Lebens vollauf und wieder im gewissen Sinne hatte er nicht einen überflüssigen Groschen.

Onkel Bastian und Tante Emerentia waren die beiden Pole, zwischen denen er sich bewegte, denn von ihnen hing sein Schicksal ab, das sich sehr glänzend gestalten konnte, da Beide mit Glücksgütern gesegnet waren. Onkel war ein alter Junggeselle, Tante eine alte Jungfer, und obgleich leibliche Geschwister, konnte es doch kaum zwei Personen von verschiedenerer Sinnesart geben.

Onkel Bastian war früher viel gereist, und auf diesen Reisen mit vornehmen und lebenslustigen Leuten zusammen gekommen. In seiner Heimath wieder angelangt, beschloß er, es ihnen gleich, wenn nicht zuvor zu thun, und traf sofort alle Anstalten, um ein Haus zu machen. Herrschaftliche Wohnung, brillante Equipage, kostbare Tafel, fürstlicher Wein, was brauchte es mehr, um dies neueste Haus der Residenz zugleich zu einem der vielbesuchtesten und berühmtesten zu machen? Onkel Bastian befand sich wohl, wie der Fisch im Wasser, ließ seine zahlreichen Gäste in Champagner schwimmen und schwamm gelegentlich mit.

Tante Emerentia war von alledem das Gegentheil, und darum harmonirte sie mit ihrem Bruder ganz und gar nicht. Sie war gerade so häßlich, als schielende Augen und citronengelber Teint ein Frauenzimmer machen können. Da sie klug genug war, zu begreifen, daß die Männer, welche sich um ihre Gunst bewarben, dies nur ihrer harten Thaler wegen thäten, beschloß sie, auch ihr Herz zu verhärten und ledig zu bleiben. Etwas aber muß der Mensch haben, woran sein Herz, und sei es noch so verknöchert, hängt. Da sich für Tante Emerentia kein anderer Gegenstand finden wollte, so liebäugelte sie mit ihrem Golde, und sann darüber nach, wie sie es möglichst rasch verdoppele. Darum wurde sie von allen Menschen für einen Geizteufel gehalten, und Jeder wiederholte es so oft und so laut, daß sie selbst es endlich glaubte und so lebte, als ob sie oft den Groschen zu Brot oder Holz nicht für sich selbst, geschweige denn für Andere im Hause hätte. Nebenbei pflegte sie auch wohl – und dies war ihre eigentliche und einzige Ergötzlichkeit – armen, nothleidenden Mitbrüdern und Mitschwestern kleine Summen darzuleihen, versteht sich, gegen dreifache Sicherheit, und wenn die Empfänger sich verpflichteten, den erwiesenen Liebesdienst durch zweifache Zinszahlung zu vergelten.

Trotz dieser verschiedenen Sinnesart fand sich doch ein Moment in dem Leben der Geschwister, wo diese vollständig mit einander übereinstimmten, und das war in ihrer Abneigung, um nicht zu sagen, ihrem Widerwillen gegen den Bruder Robert.

Bruder Robert war der Aelteste der Geschwister. Kein Schlemmer und Prasser, wie Onkel Bastian, kein Geizteufel und keine Wucherseele wie Tante Emerentia. Robert war durch und durch eine Künstlernatur. Seine Malerwerkstatt, die herrliche freie Natur und ein frohes Zusammenleben mit Gleichgesinnten waren seine Welt. Er fand ein schönes, liebenswerthes Mädchen und heirathete sie, ohne viel nach Herkunft und Vermögen zu fragen. Er vertraute einem Freunde, der ihm goldene Berge versprach, den größten Theil seiner Habe, und als dieser das Geld in gewagten Spekulationen verlor, hatte der Leichtsinn es in wenigen Wochen vergessen. Obgleich arm geworden, blieb er doch reich und nur, als sein Weib ihm starb, brach auch sein Herz und er ließ den Geschwistern seinen einzigen Sohn, den kleinen Peter, als ein unerwünschtes Erbe zurück.

Er wurde nicht besonders freundlich angesehen, der arme Junge. Zu Hause wollte ihn Keiner haben, weder der Onkel noch die Tante, also mußte er anderweitig untergebracht werden. Die Geschwister besaßen ein gemeinsames Eigenthum, ein kleines Gut, welches als eine Familienstiftung nicht veräußert werden durfte, und daher verpachtet war. Zu dem Pächter dieses Gutes wurde der Peter geschickt, und hatte bei demselben eine harte Lehrzeit durchzumachen. Aber auch das Schlimmste findet ein fröhliches Ende. Der Pachter war ein strenger, aber zugleich ein gewissenhafter Mann. Peter hatte auf dem Pachthofe keine Freudentage verlebt, aber er war ein tüchtiger Landwirth geworden. In einem Anfall verwandtschaftlicher Schwäche gestatteten Onkel und Tante, daß, als der Pachter dem Peter ein glänzendes Zeugniß ausstellte, diesem die Pacht übergeben wurde, und er war nun der gehorsame Diener seiner Verwandten.

Peter war Tag und Nacht auf den Beinen und sorgsam ohne Aufhören. Aber auch der eifrigste Landwirth kann sich nicht stets mit Knechten und Mägden herumzanken; er muß zeitweise mit andern Menschenkindern verkehren, die nicht seine Knechte und Mägde sind. Dann ging Peter in den nahen Wald spazieren, wo unter den uralten Bäumen die Försterwohnung gar anmuthig lag. Und da der Förster, der über den jungen, anstelligen Nachbar ein rechtes Vergnügen hatte, ihn stets freundlich grüßte, so [275] kehrte er zuweilen bei demselben ein, und ward immer willkommen geheißen.

Der Alte, der viele Jahre als Jäger in der hochfürstlichen Leibcompagnie gedient, und dann ein beschauliches Waldleben geführt hatte, wußte viel zu erzählen von Krieg und Frieden. Peter hörte aufmerksam zu und schwatzte gern mit dem Alten. Noch lieber aber sprach er mit des Försters holdseligem Töchterlein, der schönen Johanna, die ein lebenslustiges, fröhliches Waldkind war und von städtischen Manieren, so wie von den guten und schlimmen Begleiterinnen derselben keine Ahnung hatte.

Johanna zeigte für den Peter eine gleiche Vorliebe, und kaum konnte sie die sechste Abendstunde erwarten, zu welcher Zeit der junge Herr Nachbar sich täglich einzufinden pflegte. Der Förster, der trotz seiner vorgerückten Jahre noch ein paar gesunde Augen hatte, merkte bald, wie hoch es an der Zeit sei, und daß die Stunde seines Töchterchens geschlagen habe. Darum, als sie einst traulich neben einander saßen, Hand in Hand, Auge in Auge, keines Wortes mächtig, ihre tiefinnersten Gefühle mit leserlicher Schrift in allen Mienen ausgeprägt, trat der Förster hinzu, legte seine Hände auf ihre Häupter und sagte:

„Gott segne Euch, Kinder. Und wenn eines alten Mannes Fürbitte etwas gilt, werdet Ihr glücklich bei einander sein. Mir kommt es vor, als müßte ich bald von hinnen und da ist es mir eine Beruhigung, meine liebe Johanna von treuer Hand beschützt zu wissen.“

Und als ob der alte Herr mit prophetischer Zunge gesprochen hätte, traf ihn mit dem Beginn des Jahres das Schicksal, von einem Wilddiebe hinterrücks erschossen zu werden. Kummer und Trübsal herrschten im Forsthause.

Das Begräbniß war vorüber und Johanna begriff, daß sie nicht im Forsthause bleiben und die Besuche ihres jungen Freundes annehmen dürfe. Zur rechten Zeit erinnerte sie sich, in der Residenz eine alte Muhme zu haben. Diese willigte ein, die Verwaiste bei sich aufzunehmen, bis eine Versorgung für sie gefunden wäre und Peter, der gerade dahin wollte, um seinen Verwandten den Pacht zu zahlen, und über den Zustand des Gutes den gewohnten Jahresbericht abzustatten, bot sich zum Begleiter an. Kaum war dies besprochen, als er sowohl an den Onkel, als an die Tante schrieb, daß er ihnen seine Braut vorstellen werde, und sie bat, ihm ihren Segen zu seiner ehelichen Verbindung zu geben. Es erfolgte darauf mit wunderbarer Uebereinstimmung der Bescheid, daß man eine solche Zusage nicht ohne Weiteres ertheilen könne, sondern dies erst geschehen werde, wenn man die Braut kennen gelernt, und sie ihnen gefallen habe. Der Neffe möge ihnen deshalb das junge Mädchen zuführen, worauf der Bescheid seiner Zeit erfolgen werde. Peter theilte diese Nachricht seiner Geliebten mit, und die Reise, welche demnächst angetreten wurde, verursachte Beiden ein nicht geringes Herzklopfen, das immer beängstigender wurde, je näher sie der Residenz kamen.

Onkel Bastian hatte gerade mit seinem alten Diener die wichtige Frage erledigt, welche Arrangements für die künftige Woche zu treffen wären, und begab sich, mit der Aussicht auf sieben anderweitige fröhliche Tage in sein Garderobezimmer, als Peter sich melden ließ, um den Pachtzins zu bringen, und zugleich seine Braut vorzustellen.

Johanna war in einer neuen Welt. Der Glanz, die Pracht, welche sie hier umgaben, und von der sie nicht die entfernteste Ahnung hatte, verblendeten sie. Es wurde ihr unter dieser Fülle von Sammet und Seide, diesen Statuen und Bildern fast unheimlich, und sie sah dem Eintreten des Onkels mit großer Angst entgegen.

Herr Bastian kam. Ein kleiner, zierlicher Herr, wohl frisirt, toupirt und mit großer Sorgfalt gekleidet. Er musterte die fortdauernd knixende ländliche Schöne durch das Augenglas, und hörte nicht darauf, daß sein Neffe mit steigender Ungeduld zwei bis drei Mal nach einander fragte:

„Wie gefällt Ihnen meine Braut?“

„Hm! Hm!“ sagte Onkel Bastian nach einer Pause. „Sie sind willkommen, mein liebes Kind. Und da wir, wenn es Gottes Wille ist, nahe mit einander verwandt werden sollen, ist es nicht mehr als billig, daß wir uns genauer kennen lernen. Darum, Neffe, gehe getrost Deiner Wege und besorge Deine Geschäfte; ich werde unterdessen schon auf die Unterhaltung der jungen Dame bedacht sein.“

Peter ging mit schwerem Herzen, denn er fürchtete, daß die Unterhaltung mit dem Onkel möglicherweise schlimm ausfallen könne. Unterdessen fand diese vorerst gar nicht statt, denn Johanna vermochte vor lauter Respekt kein Wort hervorzubringen. Als aber die erste Scheu überwunden war, holte sie das Versäumte redlich nach. Sie horchte den Mittheilungen des Onkels, der ihr einen hohen Begriff von seiner glänzenden Lebensweise beibringen wollte, und mit seinen Beschreibungen stets das totale Gegentheil erreichte. Johanna schlug vor Verwunderung die Hände zusammen und lachte aus vollem Halse, als sie hörte, daß man hier statt früh mit der Sonne aufzustehen, bis gegen Mittag im Bette bleibe, und wenn man auf dem Lande abgegessen hätte, den Morgenkaffee trinke, wobei man Bilderbücher lese und sonstige Possen treibe. Sie begriff nicht, wie man sich beim Dunkelwerden zum Mittagessen begeben, drei bis vier Stunden am Tische sitzen bleiben und von zwanzig Gerichten essen könne. Am Lächerlichsten aber kam es ihr vor, daß zu der Zeit, wenn im Forsthause schon Alles längst eingeschlafen war, die Damen und Herren große Toilette machten und sich anschickten, Gesellschaften zu besuchen, die oft erst mit dem anbrechenden Morgen endeten.

Onkel Bastian hatte Unglück. Was er auch vorbrachte, um Johannens Theilnahme zu erregen, schlug in das gerade Gegentheil um. Er war außer aller Fassung, wußte nichts weiter zu sagen und hielt inne, indem er in stummer Verzweiflung mit der flachen Hand auf der Stirn trommelte.

Das that Johanna leid. Sie hielt den Onkel für krank und indem sie ihn trösten wollte, schüttete sie, ohne es zu ahnen, eine Fluth von Oel in das ohnehin hell aufprasselnde Feuer.

„Das kann ich mir wohl denken, lieber Herr,“ sagte sie freundlich, „daß Sie bei einer solchen Lebensweise elend und miserabel werden müssen. Man sieht es Ihnen ja auch auf den ersten Blick an.“

„Was?“ rief Onkel Bastian und machte eine gewaltige Anstrengung, um den aufsteigenden Zorn niederzukämpfen. Der alte, eitle Herr, der gern noch für einen Stutzer gelten wollte, der hinreißend und unwiderstehlich sei, sollte so miserabel und elend sein, daß eine hergelaufene Bauerndirne ihm das Siechthum bei dem ersten Blicke von der Stirn abläse? Johanna, die den zornigen Schreckensruf für einen Schmerzenslaut hielt, legte, wie beschwichtigend, ihre Hand auf seinen Arm und sagte begütigend:

„Da wollen wir bald Rath schaffen. Wenn es Gottes Wille ist, daß der Peter und ich ein Paar werden, machen Sie sich von allem hiesigen Wirrwarr los und ziehen zu uns auf das Gut. Da will ich Sie hätscheln und pflegen, daß es eine Lust ist. Sie erben meines Vaters großen Sorgenstuhl. Wenn Sie allein nicht fort können, will ich Sie führen. Sie dürfen sich getrost auf mich stützen, denn ich bin gesund und stark. Sie sehen vom Kohlgarten aus, da wo die blau angestrichene Bank steht, die Sonne über den Berg aufgehen, und des Abends spielen Sie mit dem Peter eine Parthie Deutsch-Solo, wie er es früher mit meinem seligen Vater gethan. So treiben wir es einen Tag wie alle Tage, außer des Sonntags, wo wir mitsammen zur Kirche gehen, und bald bei dem Herrn Pastor, bald bei dem Herrn Schulzen, oder diese bei uns das Mittagsbrot essen. Das soll ein Leben werden.“

Johanna hielt erschreckt inne, denn der Onkel fuhr so plötzlich vom Stuhl auf, als sei er von einer Tarantel gestochen. Länger hielt er es nicht aus. Er rasete im Zimmer auf und ab, und rief ein Mal über das andere:

„Tollheit! Wahnsinn! Verrücktheit in optima forma! Und das will in die Familie hinein? Alter Balthasar, wo bist Du? Ich ersticke! Balthasar! Balthasar!“

„Hier, Herr!“ rief der alte Diener, erschrocken herbeieilend, und Johanna rief händeringend:

„Ach Gott! Was ist doch nur das! Ich habe es so herzlich gut gemeint.“

In diesem Augenblicke kam Peter, der es nicht länger hatte aushalten können, zurück, und mit Mühe den auf- und abrennenden Onkel festhaltend, fragte er mit versetztem Athem:

„Wie gefällt Ihnen meine Braut?“

„Ganz und gar nicht!“ platzte der Alte heraus. „Ganz und gar nicht, Monsieur Peter. Und wenn Er noch irgend Etwas auf Seinen Onkel giebt, wenn Er in der Verwandtschaft bleiben und den fetten Pacht behalten will, schlage Er sich diese Heirath aus [276] dem Sinne, zu der ich nun und nimmer meine Einwilligung gebe. Da hat Er Seinen Bescheid.“

Mit diesen Worten rannte der alte Bastian aus dem Zimmer, und Peter, der selbst nicht wußte, wie ihm geschah, hatte alle Mühe, die lautweinende Johanna zu beruhigen, und sie von dem Onkel Bastian weg, zu der Tante Emerentia zu bringen.

Es war vierundzwanzig Stunden später und noch zu ziemlich früher Tageszeit, als Tante Emerentia sich heimlich selbst gestehen mußte, daß sie, wenn es so fortginge, einen sehr glücklichen Tag habe. Zwei böse Schuldner, die nach und nach so viele Zinsen bezahlt hatten, als das ursprüngliche Anlehen betrug, hatten auch das Anlehen selbst zurückgegeben. Ein Dritter hatte gegen Hergabe eines Pfandes, welches dreihundert Thaler werth war, Einhundert von ihr empfangen. Sie lächelte der alten Dienerin zu, was sie sonst nie that, und gab dieser den Befehl zur Bereitung einer Milchsuppe; welche ungewohnte Freigebigkeit die Dienerin in ein solches Erstaunen setzte, daß der Befehl ihr eigens mit dürren Worten wiederholt werden mußte. Kopfschüttelnd ging die alte Barbara hinaus, fest überzeugt, es sei mit der Herrschaft nicht recht richtig.

Zu dieser höchst glücklichen Stunde traf Peter mit seiner Johanna bei der Tante ein. Er stellte ihr das junge blühende Mädchen vor und fragte bedeutender zaghaft als gestern bei dem Onkel: „Wie gefällt Ihnen meine Braut?“

Die alte Dame nickte zum Gruße mit dem Kopfe und sagte dann:

„Reden wir zuerst von Geschäften und lassen die Windbeuteleien einstweilen bei Seite. Wo ist der Pachtschilling? Wo sind die Rechnungen und Beläge? Wie steht es draußen auf dem Gute? Eines nach dem Andern, umständlich und deutlich.“

Peter mußte mit der größten Ausführlichkeit berichten. Tante Emerentia erließ ihm nicht das Geringste. Als endlich der kleinste Umstand erschöpft, und die Quittung für den gezahlten Pacht unterschrieben war, wiederholte Peter schüchtern seine Frage:

„Wie gefällt Ihnen meine Braut?“

„Wie kann ich das jetzt schon wissen?“ entgegnete die Tante fast verdrießlich. „Um das zu sagen, müssen wir erst einen Scheffel Salz mit einander verzehrt haben.“

Barbara, die eben durch das Zimmer ging, bekreuzte sich ob solcher Verschwendung und die Tante fuhr fort:

„Ich will der Mamsell schon auf den Zahn fühlen, und dabei braucht der Herr Neffe nicht zu sein. Gehe Er Seinen Geschäften nach. Unterdessen werde ich discursive erfahren, was ich erfahren will, und Ihm dann meine Meinung ganz offen sagen.“

Peter mußte, wohl oder übel, seines Weges gehen, was nicht ohne schwere Seufzer geschah, denn er war des gestrigen Auftrittes bei dem Onkel eingedenk und fürchtete, derselbe könne sich hier, wenn auch in etwas anderer Weise wiederholen, und dann sei all’ und jede Hoffnung für immer verloren.

Ehe aber noch das inquisitorische Frage- und Antwortspiel beginnen konnte, war die Barbara mit der Suppe fertig, und Tante Emerentia mußte, wohl oder übel, die Fremde zum Mitessen einladen, was die Barbara sehr ungnädig aufnahm, weil sie dabei den Kürzeren zog, denn das Bereitete reichte nicht für Zwei, geschweige denn für eine Dritte.

Man setzte sich zum Essen. Tante Emerentia, welche scharf beobachtete, fragte mit aufgeworfenen Lippen:

„Ist Ihr etwas an der Suppe nicht recht?“

„Nehmen Sie es mir nicht übel,“ sagte Johanna, nur mühsam das Lachen bezwingend, „aber Ihre Köchin muß sich das Lehrgeld wiedergeben lassen. Sie hat die Suppe ordentlich zu salzen vergessen und Butter hat sie auch nicht hinein gethan.“

Barbara schrie laut auf. Die Tante aber erwiederte:

„Butter und Salz! Warum nicht gar Zimmt oder Vanille und Marzipan zum Zubeißen. Wie müßte denn die Suppe nach Ihrem Recept gekocht werden? Ich setze voraus, daß Sie überhaupt eine Suppe kochen kann.“

„Ob ich das kann!“ sagte Johanna, vor Freude strahlend, denn nun war sie in ihrem Elemente. Sie entwickelte ihre Ansichten von der Kochkunst mit überraschender Sicherheit, und war von ihrem Gegenstände so sehr erfüllt, daß sie gar kein Arges daraus hatte, welche Wirkung diese Offenbarungen auf ihre Zuhörerinnen hatte.

Barbara wäre vor Entsetzen fast taub geworden und wünschte es ganz und gar zu werden, denn sie schnitt jämmerliche Gesichter und hielt sich beide Ohren mit den Händen zu. Tante Emerentia aber lehnte sich immer weiter vor, den Kopf seitwärts gebogen, damit der Zornesblick ihrer schielenden Augen das junge Mädchen desto tödtlicher treffe; sie wechselte die Farbe zu dreien Malen und kreischte ihr endlich zu:

„Halte ein! Halte endlich ein, unseliges Geschöpf. Das ist die offenbarste Verschwendung, die, mit dem weißen Stocke in der Hand, in’s Elend führt.“

„O, nicht doch!“ entgegnete Johanna unbefangen. „Das Gesinde darf nicht verkürzt werden, sonst leidet die Herrschaft selber Noth. Arbeiten, wenn es nöthig ist, vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht, dafür aber auch Krug und Schüssel allezeit; bis zum Rande gefüllt. Was haben denn Knecht und Magd für ihr mühseliges Dasein, wenn nicht das Bischen Essen und Trinken? Sie müssen ja für uns arbeiten, also müssen wir auch den Ueberfluß mit ihnen theilen.“

„Bettelpack!“ stöhnte die Tante, welcher der Zorn die Sprache raubte.

„Ach ja!“ entgegnete Johanna, die den Sinn dieses Wortes mißdeutete. „Armuth giebt es, Gott sei es geklagt, übergenug, und man weiß nicht, wie man dem Uebel steuern soll. Da thut denn Jeder nach Kräften das Seine. Das hätten Sie sehen sollen, wie es Sonnabends bei uns auf der Försterei zuging. Vom frühen Morgen an kamen die Armen von den umliegenden Dörfern. Der Vater gab Jedem einen Dreier, Sechser oder Groschen, die Mutter stand am Herde und hatte für die Kranken und Gebrechlichen stets ein Näpfchen bei der Hand; die Kinderchen kamen zu mir, denn sie wußten, daß sie da wohl aufgehoben waren. Ja, meine liebe Madame, es ist wohl schön bei uns draußen, wenn wir Sonntags in der Kirche sitzen und der Herr Pastor uns mit ernsten Worten das Christenthum predigt, aber es ist noch schöner, wenn man die Hungrigen gespeist, die Durstigen getränkt, die Kranken gepflegt hat, und sie nun mit hundert Segenswünschen auf den Lippen getröstet von dannen ziehen. Das ist die köstlichste Erinnerung, die ich aus dem Vaterhause mit mir genommen habe, und die ich, wenn es Gottes Wille ist, daß ich den Peter bekomme, in seinem Hause wieder herstellen will.“

„Will Sie das?“ fragte scharf die Tante.

„Ja, gewiß will ich es;“ sagte Johanna treuherzig, „denn das bringt dem Hause Heil und Segen für Kind und Kindeskind. Wie sollte ich das meinem lieben Peter nicht gönnen?“

„Noch habe ich keinen Athem wieder,“ sagte Tante Emerentia im vollen Zorn, „sonst würde ich Ihr meine Meinung sagen, daß Sie zittern und beben sollte. Mit solchen Ansichten ist Sie im Stande, Millionen, ja, ein ganzes Königreich zu vergeuden, geschweige denn ein kleines Gut, welches nicht einmal dem Herrn Liebsten gehört, sondern der Familie, und welches er nur aus Gnade und Barmherzigkeit verwalten darf. Versteht Sie mich? Der Familie, in welche Sie sich gern drängen möchte, aber zu der Sie keinen Zutritt haben soll, so lange ich noch den Mund bewegen und die Zunge rühren kann. Sie gewissenlose Verschwenderin, Sie!“

„Du mein himmlischer Vater, was ist doch nur das?“ rief in Thränen ausbrechend, die geängstigte Johanna. „Dort werde ich verstoßen, weil ich eine dumme Gans bin, die spart und auf Ordnung hält und hier – O, Peter! Peter! Wo bist Du? Komm doch und bringe mich von hier weg!“

Peter, der von seiner Ungeduld getrieben, eben eingetreten war, eilte auf Johanna zu und schloß sie in seine Arme. Obgleich Alles ihm zeigte, daß hier nichts Tröstliches vorgefallen sei, fragte er doch, wenn auch mit großer Zerknirschung:

„Wie gefällt Ihnen meine Braut?“ !

Da brach die Tante los. Unaufhaltsam, wie eine Schleuse ergoß sich ihr Zorn. Sie verbot dem Neffen auf das Strengste jede Fortsetzung eines Verhältnisses, das nicht nur eine Familie, sondern Land und Leute zu Grunde richten könne, und verlangte, daß die schreckliche Person, welche solche verderbliche Grundsätze predige, ihr Haus sogleich verlassen solle.

(Schluß folgt.)
[277]
Alexandria und die englisch-indische Ueberlandpost.

„Ich verzeihe den Herren diesen unheilvollen Krieg, wenn sie nun nur die eine Bedingung des Friedens wirklich ausführen und halten – wenn sie der Donau wirklich eine Mündung verschaffen.“ So sagte mir neulich ein gescheidter Engländer. Und er hat Recht. Von allen Flüssigkeiten, die über die Erde pulsiren, sind die Flüsse die allerwichtigsten, segensreichsten und spirituösesten. Was hilft mir aber der Wein ohne Mund? Der Fluß ohne Mündung? Deutschland hat die schönsten Flüsse, aber die Flüsse leiden entweder an Verstopfung oder Mangel an Mündung, oder an beiden Gebrechen. Die Deutschen wissen nicht, was ein Fluß ist, sonst würden sie eher Alles dulden, als daß der Rhein seinen Kopf in den Sand steckt, die Oder ganze Kreise überschwemmt, die Elbe versandet, die Weichsel am Weichselzopf festgehalten wird, die Spree stinkt und als Schwan nach Berlin kommend, immer als Schwein wieder herausschleicht. Kein individuelles Leben ohne Pulsschlag der Aderflüsse, kein Völkerleben, keine Freiheit, keine Bildung, kein Wohlstand, kein Gedeihen der Arbeit, keine sichere und richtige Verwerthung derselben im Verkauf und Einkauf ohne Flüsse, ohne freie Mündungen, ohne Meerwasser.

Die Gartenlaube (1856) b 277.jpg

Die englisch-indische Ueberlandpost von Alexandrien nach Suez.

Wir sprechen von der Donau, der Spree, von Deutschland, meinen aber diesmal eigentlich den Nil damit. Der Nil ist nämlich der Hauptbeweis für die Gegenseitigkeit von Kultur und Wasser, und enthält in dem faulen Witze: Aut Caesar aut Nil („entweder der Erste im Lande oder gar nichts“), übersetzt mit: „Entweder Kaiser oder der Nil,“ da letzterer mindestens eben so mächtig sei als der Kaiser, eine Wahrheit. Am Nil hinauf blühte die älteste, erste Vater-Kultur der Menschheit. Das große, reiche Kulturland Egypten ward mehrmals von Eroberern und Barbaren todt gemacht und stand immer wieder auf. Ohne Nil wäre es keinem Mehemet Ali gelungen, sich vom Sultan loszumachen und mit Lord Palmerston Verträge zu schließen, während letzterer ersterem versicherte, daß Alles, was für ihn gemacht werden könne, gemacht werden solle, worauf unter Anderem die türkische Flotte zerstört ward. Ohne Nil wäre Mehemet Ali nicht als Rebellen-Häuptling „respektabel“ bei Palmerston, sondern als Rebell abgethan worden. Egypten war das erste Kulturland der Menschheit durch den Nil, Egypten ward mehrmals todt gemacht, ohne das Auferstehen zu verlernen wegen der Lebenskraft des Nil. Die Türkei zerbröckelt, Egypten lies’t seine zerstreuten Gebeine wieder zusammen und zieht frisches Fleisch und Leben darüber aus der unverwüstlichen Schöpfungskraft seines großen Musterflusses.

Der Hauptkulturplatz des neuen Egypten ist und wird mit jedem Tage mehr Alexandria an der westlichsten, besten Mündung des Nil. Alexander der Große baute es aus dem Grunde. Es wuchs bald zu einer Hauptresidenz, zum eigentlichen Träger und Arsenal einer ganzen geschichtlichen Periode empor, der glänzenden „Ptolomäerzeit der „alexandrinischen Bildung,“ wovon wir noch Spuren in den Alexandriner-Versen finden. Nach Alexandrien flüchtete sich die Bildung, die in den ersten christlichen Jahrhunderten nirgends in der Welt eine günstige Stätte mehr fand.

Ptolomäus Soter, „der Retter,“ verschaffte 400,000 Flüchtlingen von Büchern ein Asyl im Serapistempel. Seine Nachfolger vermehrten diese berühmte alexandrinische Bibliothek auf 700,000 Bände. Das Schwert des Propheten Muhamed, welches hernach [278] als Rache gegen die diplomatisch-mißbrauchte „christlich-germanische“ Kultur über drei Welttheile wüthete, zerstörte auch diese alexandrinische Bildung und Bibliothek. Alexandrien und die ganze Kultur am Nil herauf behielt aber Lebenskraft genug, sich auf’s Neue in die Geschichte heraufzuarbeiten. Das neue Egypten wird, trotz sinnloser Despotie, zusehends mit jedem Tage eine mächtigere, thätigere Völkermasse. Der alte und der jetzige Vicekönig importirten nach allen Kräften europäische Industrie und Wissenschaft und wissen dafür auch zu exportiren. Der neue Welthandel, mit der englisch-indischen Ueberlandpost, mit den Handelsinteressen der Levante, Oesterreichs, Frankreichs und selbst Amerika’s durchschneidet die Landenge von Suez (s. Gartenlaube Nr. 8) und führt so neue Lebensadern zum Nil, der großen Schlagader des ältesten, dauerhaftesten Kulturlebens. Alexandrien, vor zwanzig Jahren noch eine traurige, verschüttete orientalisch-muselmännische Perle mit kaum 10,000 müssigen, schmutzigen Prophetengläubigen, zählt jetzt schon über 30,000 Bewohner aller Völker und Farben, unter deren geschäftigem Treiben die Stadt immer voller, frischer und weltstädtischer wird. Handlungsreisende und Kaufleute von London, Paris, Berlin, aus dem Innern Afrika’s und Asiens, Schiffskapitaine aus allen Weltgegenden sitzen, Cigarren rauchend, auf den Balkons französischer Hotels und blasen im Anblick der „Nadel Kleopatra’s,“ der Pompejus-Säule und anderer Ruinen des fünf Mal gestorbenen, sechs Mal wieder auferstandenen Egyptens Havannadüfte in den klaren, trostlose Sandflächen und einzelne Palmen und Oasen überspannenden Himmel hinein. Durch die Entdeckung des Weges nach Indien um das Cap der guten Hoffnung herum, verlor Alexandrien das Emporium des indisch-europäischen Handels; aber noch blieb es Hauptsammelplatz der Kaufleute, die zwischen Asien, dem Innern Afrika’s und dem mittelländischen Europa Güter austauschen. Und als eine Hauptstation der englisch-ostindischen Ueberlandpost gewann es doppelt wieder, was es durch Entdeckung des Caps der guten Hoffnung verloren.

Die Ankunft dieser Post ist jedesmal die Periode großer Aufregung und bunter Lebendigkeit in Alexandrien. Sobald das Dampfschiff heranbraus’t, wimmelt der Hafen von malerischen Booten, unter denen die rothbewimpelten, vierundzwanzigruderigen des Pascha’s mit den ganz weißgekleideten, glänzend braunen Ruderern ganz besonders zwischen den dunkeln Kriegs- und den Handelsschiffen aller Völker malerisch hervorstechen. Dampf- und Segelschiffe fliegen ab und zu, und bienenschwärmige Leute aller Farben wuseln und schreien ladend und löschend durcheinander. In die Stadt hinauf führen helle, glatte Trottoirs zwischen hohen, stattlichen Häusern, des Nachts beleuchtet, wie die beste europäische Residenzstadt. Uniformirte Jungen schreien den Fremden an, daß er sich die Stiefeln wichsen lassen möge, eben so munter und diensteifrig wie in London. Omnibus, Postwagen, Privatkutschen, Lastwagen unter Waarenballen schwer rasselnd, bedecken die buntbelebten Straßen. Die indische Post und die australischen Brieffelleisen kommen und gehen auf Kameelen zu Lande über die Wüste von Suez.

Indische Passagiere füllen den Omnibus, der Reisende und Handelsspeculanten bringt und nimmt. Die in Abbildung gegebene Scene stellt das Postamt und östlich die britische Kirche und das französische Consulat dar. Die Kisten auf den Kameelen enthalten die Briefe und Güter der indischen Post. Die Kisten sind sehr stark aus zolldicken Bretern gefügt, damit sie ohne Verletzung von den hohen Rücken der Kameele fallen und den gelegentlichen Angriffen coptischer und arabischer Kameeltreiber und Räuber in der Suezwüste Widerstand leisten können. Die große, breite Frankenstraße Alexandriens kann sich mit den stolzesten Häuserreihen europäischer Städte messen.

Diese kulturhistorische und kommerzielle Bedeutung hat Alexandrien vorzugsweise dem Engländer Thomas Waghorn zu verdanken, welcher sich durch Wiederherstellung des alten Ueberlandswegs von Europa nach Ostindien unter Anwendung der Dampfschifffahrt berühmt gemacht hat. Er hatte die Ueberzeugung gewonnen, daß das rothe Meer der in jeder Beziehung vorzüglichste Weg nach Indien sei, berichtete in diesem Sinne an die englische Regierung und brachte es zu Stande, daß zur Beförderung der indischen Post eine regelmäßige Dampfschifflinie von Marseille über Malta nach Alexandrien und von Suez nach Bombay errichtet wurde, während er zugleich eine Wüstenpost über den Isthmus von Suez errichtete und eine Dampffchiffcommunication auf dem Nil und dem Kanal von Alexandrien in’s Leben rief.




Aerztliche Strafpredigten.
Nr. I.
Gegen die Unwissenheit der Menschen in Bezug auf ihre Gesundheit.

Unverschuldetes Unglück nennt Ihrs, – nothwendige Folge Eures Thuns und Treibens, also wohlverdiente Strafe, nenne ichs, wenn Ihr oder Euere Angehörigen von Krankheit oder wohl gar von frühem Tode heimgesucht werden. – Denn nicht ohne Ursache wird man krank und stirbt vor der Zeit, und gar nicht so schwierig ist es in den meisten Fällen, die krankmachende und tödtende Ursache (Noxe, Schädlichkeit) oder doch ihre nachtheiligen Folgen zu vermeiden und zu mildern. Aber freilich muß man, um dies zu können, – und dies sollte doch eigentlich jeder vernünftige, richtig gebildete Mensch können, – mit jenen Schädlichkeiten und ihren Folgen, so wie mit der Einrichtung des menschlichen Körpers bekannt sein und nicht dem unsinnigen Glauben anhängen, daß dies nur des Arztes Sache sei, wie das Stiefelmachen die des Schuhmachers. Frage Dich doch einmal, Leser, was Du eigentlich von Deinem Körper und seiner ordentlichen Pflege, von Entstehung, Verhütung und naturgemäßer Behandlung seiner Krankheiten weißt? Nichts! Was für unnützes Zeug hast Du dagegen während Deines Lebens in Deinen Kopf gestopft, blos um es wieder zu vergessen. Und was Deinen Arzt betrifft, hast Du den etwa schon danach gefragt, was Du zu thun hast, um nicht krank zu werden? Und gerade darin besteht doch das rechte Wissen des Arztes, daß er Krankheiten zu verhüten versteht. Du läßt ihn nur rufen, wenn Dir’s schlecht geht, und zwar zum Gesundmachen. Ob und in wie weit dies aber der Arzt überhaupt kann, ob es dieser Arzt besser kann als jener, ob diese oder jene Heilmethode die vernünftigere, darüber suchst Du Dich gar nicht weiter zu unterrichten, obschon durch eine solche Unkenntniß Dein körperliches Wohl so sehr gefährdet ist. Von was für kleinlichen Umständen ist außerdem oft die Wahl des Arztes abhängig? Der Eine nimmt den Arzt, welcher gerade am meisten in der Mode ist; der Andere oder auch seine Frau wählt sich einen Heilkünstler mit angenehmem Aeußern, eleganter Kleidung und zarten Manieren; ein Dritter erbt gewissermaaßen seinen greisen Hausdoctor oder dessen Sohn und behält dieses Erbstück aus Pietät; ein Vierter holt sich einen wohlhabenden, nicht sehr beschäftigten Arzt, um ihn nicht zu bezahlen; Manchen wird der Arzt von den Schwiegereltern octroyirt, Andere verfallen einem Arzte aus verwandtschaftlichen oder gesellschaftlichen Rücksichten u. s. f. Die Meisten fühlen sich aber, ihrer Unwissenheit und ihres Aberglaubens wegen, zu Charlatanen, die weder vom gesunden, noch vom kranken Menschenkörper Etwas wissen, sowie zu solchen Heilkünstlern hingezogen, die angeblich auf unnatürliche, übersinnliche Weise kuriren, den Kranken irgend einen Hokuspokus vorgaukeln und lächerliche Versprechungen schneller Heilung machen. Und was für unbillige, inhumane Anforderungen werden nicht, trotz deö gewöhnlich erbärmlichen Honorares, von den Kranken an den Arzt gestellt! Stundenlang muß er sich, obschon er dabei wie auf Kohlen sitzt, wegen versetzter Blähungen von Hypochondristen und Hysterischen vorlamentiren lassen; nervöse, reizbare Dämchen, fortwährend in Thränen schwimmend, soll er wo möglich aus zehn Schritt Entfernung lispelnd und bücklingend examiniren und kuriren, aber ja nicht anrühren; die Frau vom Hause wünscht Neuigkeiten erzählt, die Mutter ihre leidenden, in der That aber ungezogenen Kinder (die man durchprügeln möchte) bemitleidet und sogar bei schmutziger Nase und beschmiertem Munde geküßt zu haben; bei Tag und Nacht, bei Wind und Wetter werden seine sofortigen Dienste, oft rücksichtslos gefordert, sobald es dem Kranken oder seinen Angehörigen gerade beliebt; Besuche, Arznei und Diät [279] wollen die Patienten nach ihrem Behagen eingerichtet haben, nicht aber nach den jedesmaligen Erfordernissen; über jeden außergewöhnlichen Stuhlgang möchte der Arzt genaue Rechenschaft ablegen und einen gelehrten Vortrag halten; die Dienstleute soll er ja so schnell und auch so billig als möglich herstellen, die Madame aber nach ihrem Wunsche nach Süden, ihren Herrn Gemahl dagegen nach Norden in das Bad schicken, und nebenbei muß sie nach seiner, er nach ihrer vertraulichen Mittheilung behandelt werden. Schließlich werden sodann hinter dem Rücken des Arztes neben anderen Heilkünstlern auch noch Quacksalber und Charlatane zu Rathe gezogen, und die von der Natur vermittelte Heilung natürlich nur diesen letzteren zugeschrieben. Kurz, was der wissenschaftlich gebildete Arzt in seinem Berufe zu leiden und zu ertragen hat, abgesehen von der Undankbarkeit der Geheilten, das ist wahrlich arg. Freilich geschieht ihm schon ganz Recht, warum bemüht er sich nicht, die Menschheit über ihren Körper und dessen Leiden gehörig aufzuklären; nur die crasse Unwissenheit in diesen Zweigen der Naturwissenschaft erzeugt bei so vielen Menschen einen des Menschenverstandes unwürdigen Aberglauben und Inhumanität. Wissen macht human. Daß der unwissenschaftliche und nur Geld machende Heilkünstler gegen alle jene Plagen von Seiten der Kranken nicht blos abgehärtet und unempfindlich ist, sondern ihr geduldiges Ertragen sogar als Geschäftssache und ärztliches savoir-vivre und savoir-faire betrachtet, läßt sich eben nur durch seine Unwissenschaftlichkeit erklären.

Belauscht man heutzutage das Raisonnement der meisten Laien über Aerzte, Heilmethoden, Krankheiten und Heilungen, so glaubt man wirklich Verrückte oder wenigstens zum richtigen Denken Unfähige vor sich zu haben. Man sollte sich darüber freilich nicht verwundern, denn die Meisten urtheilen über Medicin, wie der Blinde über die Farben, ohne auch nur die geringste Kenntniß davon zu haben, ja häufig mit vorgefaßter Meinung. Aber betrübend ist es, sonst verständige Menschen über die wichtigsten Interessen ihres Körpers solch’ unverständiges Altweibergeschwätz machen zu hören. – Es darf nach Anwendung des unsinnigsten Hokuspokus und des lächerlichsten Zeuges oder Gebahrens eines Charlatans zufällig eine Aenderung im Befinden eines Patienten zu Stande kommen, gleich soll das Angewendete Schuld daran sein. Tritt nun gar Gesundheit danach, deshalb aber doch noch gar nicht dadurch, ein, dann wird die Heilmächtigkeit jenes Hokuspokus oder Charlatans in alle Welt ausposaunt, und die unwissende, abergläubische Menge glaubt so fest daran, daß sie sich, sollten auch nur wenige Fälle solcher Heilungen existiren, doch nicht einmal dann von der Nichtsnutzigkeit jener heilenden Mittel und Künstler überzeugen läßt, wenn später Hunderte und Tausende jene vergeblich in Gebrauch ziehen. Von vernünftiger Belehrung über den unvernünftigen Charlatanismus kann bei den meisten abergläubischen Laien natürlich keine Rede sein, da ihnen ihr Glaube weit über dem Wissen steht. Deshalb kann man noch so oft wiederholen, daß es die Naturheilungsprocesse sind, welche die allermeisten Krankheiten, und zwar ohne alle Medicamente, aber besonders bei passender Lebensweise zur Genesung führen, es hilft nichts, dies kann immer nur das gerade Angewendete gethan haben, wäre es auch nur ein Hauch oder ein Handstrich eines Magnetiseurs, ein homöopathisches Streukügelchen oder ein Riech an den Stöpsel einer homöopathischen Verdünnung gewesen. Ebensowenig läßt sich auch der großen Menge mit Gründen auseinander setzen, wie nur gewissenlose oder unwissende Heilkünstler Kranke, die sie nicht gesehen und nicht ganz genau untersucht haben, aus der Entfernung behandeln können. – Kommt Einer mit einem kranken Müller oder Schulze zusammen, bei dem die Krankheitserscheinungen einige Ähnlichkeit mit denen von Hinzens oder Kunzens Uebel haben, gleich werden von ihm dieselben Mittel, die Bäder, Heilmethoden und der Heilkünstler anempfohlen und in Gebrauch gezogen, welche jene scheinbar kurirt haben. Daß ganz dieselben Erscheinungen den verschiedenartigsten und oft gerade den entgegengesetzten Krankheiten zukommen können, danach wird nicht gefragt und das wird nicht geglaubt. – Daß ein und dasselbe Geheimmittel, dieselbe Heilmacht eines Charlatans, die unwissenschaftlichste und einseitigste Heilmethode (wie die homöopathische, isopathische, hydropathische, rademacher’sche, schroth’sche, gymnastische, sympathische, magnetische u. s. w.), und derselbe Firlefanz eine Menge der allerverschiedenartigsten innern und äußern Uebel heilen können, selbst wenn dies die Wissenschaft sogar nicht kann, finden die meisten Laien gar nicht auffällig. Man findet es deshalb heutzutage ganz in der Ordnung, wenn ein altes dummes Bauerweib oder ein Schäfer u. dgl. Leute zum Nachtheile wissenschaftlich gebildeter Aerzte und zum Hohne des Menschenverstandes mit Kuriren und Arzneiverkauf ihren Mitmenschen an der Gesundheit und am Beutel Schaden gesetzlich zufügen dürfen. – Kurz in Beurtheilung von Gesundheits- und Krankheitsangelegenheiten muß bei den meisten Menschen der gesunde Menschenverstand geradezu bezweifelt werden. Wie ganz anders würde dies sein, wenn die Menschen von Jugend auf mit den in der Natur und im menschlichen Körper herrschenden Erscheinungen und Gesetzen bekannt und vertraut gemacht würden; dann gebe es sicherlich ein ganz anderes, ein kräftigeres und schöneres Menschengeschlecht als jetzt, welches sich nicht wie das heutige von Charlatanen ausbeuteln und auslachen lassen würde.

Fragen wir nun noch, ob sich nicht wenigstens Diejenigen, welchen ihr Beruf und ihre Beschäftigung, wenn sie gewissenhaft sein wollen, Vorsicht und Umsicht in Bezug auf ihre eigene Gesundheit und das körperliche Wohl der Ihrigen auferlegt, solche Kenntnisse anzueignen suchen, mit deren Hülfe sie ihren und der Ihrigen Körper vor den umgebenden Schädlichkeiten und ihren Folgen schützen könnten? Die Antwort auf diese Frage ist, daß solche Gewissenhaftigkeit und Humanität nur äußerst Wenige besitzen. Wann wäre wohl eine Jungfrau in die Ehe getreten, welche sich vorher oder als junge Frau um die Gesetze bekümmert hätte, nach denen Kinder in der ersten Jugend, wo sie ganz den Händen der Mutter anvertraut sind und so sehr leicht verwahrlost werden können, erzogen werden müssen? Wissen etwa Handwerker und Geschäftsleute, welche mit schädlichen Stoffen umgehen, die Einwirkung derselben auf ihre Gesundheit gehörig zu verhüten oder unschädlich zu machen? Verstehen überhaupt die Menschen sich vernünftig gegen die Schädlichkeiten der Außenwelt abzuhärten und zu schützen? – Wenn ein Staats- und Stadtbürger die ihm als solchen vorgeschriebenen Gesetze nicht beachtet und befolgt, so wird er, und ganz mit Recht, bestraft, verstößt der Mensch aber als Welt- und Erdbürger gegen die in der Welt und auf der Erde herrschenden Naturgesetze, so hält er seine ganz nothwendig folgende Bestrafung durch körperliche Leiden und den Tod für unverdientes Unglück. Ist das Menschenverstand? Leider schaden nun aber diese Unkenntniß der Naturgesetze und die daraus folgenden vielfachen Verstöße gegen dieselben nicht blos den Einzelnen, sondern werden nach und nach dem ganzen Menschengeschlechte verderblich. Dies zeigt sich denn auch jetzt schon Jedem, der nur die Augen gehörig öffnen will, auf den ersten Blick. Wer die Menschheit unserer Tage, vorzugsweise aber die Frauen und Kinder, hinsichtlich ihrer körperlichen Beschaffenheit einer genauern Betrachtung unterwirft, muß wahrnehmen, daß sich dieselbe in einem wahrhaft betrübenden Zustande befindet. Oder sprächen nicht ganz laut und deutlich dafür: die fortwährend und überall hörbaren Klagen über Unwohlsein (besonders über Brust- und Unterleibsbeschwerden, Verdauungsschwäche, große Nervenreizbarkeit, Hypochondrie und Hysterie, Hämorrhoiden, Gicht u. dgl.); der von Jahr zu Jahr steigende Besuch altbekannter und neuentdeckter Mineralquellen; die täglich wachsende Zahl der Charlatane und Geheimmittel, der Kaltwasser- und anderer Heilanstalten, unter denen die Irrenanstalten nicht den letzten Platz einnehmen; die Untauglichkeit eines großen Theiles der männlichen Jugend zum Soldatendienste; die Unfähigkeit der meisten Mütter zum eigenen Säugen ihrer Kinder; die Abneigung der Jünglinge und Männer gegen Beschäftigungen und Thaten, welche Willenskraft und Ausdauer erfordern, dagegen deren Vorliebe für körperliche und geistige Ruhe; das Ueberhandnehmen des tollsten Aberglaubens, der schimpflichsten Furchtsamkeit und der gemeinsten Heuchelei?

Berühren wir schließlich mit wenig Worten noch den Dank, welcher dem gewissenhaften Arzte in sehr vielen Fällen von Seiten seiner Kranken wird. Gewisse Patienten kennen gewöhnlich nach ihrer Heilung ihren Arzt gar nicht mehr; Andere machen auf der Straße einen großen Bogen, wenn sie ihn von Weitem sehen; noch Andere trösten ihn mit den Worten: „Ich werde Sie nächstens besuchen,“ oder: „Schicken Sie mir gelegentlich Ihre Rechnung.“ An langwierigen Krankheiten Leidende, die schon Hunderte und Tausende für Badereisen und Charlatanerien ausgaben und endlich von einem rationellen Arzte durch ein vernünftiges diätetisches Verfahren geheilt wurden, finden sich bei demselben mit ein Paar Thalern ab, die sie ihm wie ein Trinkgeld in die Hand [280] drücken; während die Kranken die Dienste des Arztes mit der größten Pünktlichkeit und Schnelligkeit, bei Tag und bei Nacht geleistet haben wollen, beeilen sie sich dagegen nach Rückkehr ihrer Gesundheit gar nicht mit ihrem Danke. Wehe nun aber dem Arzte, wenn während seiner Behandlung ein Kranker nicht gesundet, was soll er da nicht Alles versäumt und versehen haben, zumal wenn das Uebel später, in Folge der allmäligen Besserung durch die Naturheilungsprocesse, unter den Händen eines andern Heilkünstlern schwindet. Daß Charlatane für ihren Hokuspokus und ihre nichtsnutzigen Heilmittel noch vor der Behandlung und Heilung von Kranken tüchtig bezahlt sein wollen, findet man dagegen ganz natürlich, verliert auch nicht so leicht die Geduld beim wiederholten Zahlen und Warten, selbst wenn sich das Uebel nicht bessert. Ja es läßt sich behaupten, daß je blödsinniger und kostspieliger eine Charlatanerie ist, desto mehr Anklang findet sie beim Publikum. Und das wäre keine Schmach für unseren jetzigen Kulturzustand?

Bei so bewandten Umständen ist es wohl natürlich, daß Der, welcher ohne persönliche Vortheile dabei im Auge zu haben, seine Mitmenschen ihres leiblichen Wohles wegen aus den Fesseln der Unwissenheit und des Aberglaubens befreit zu sehen wünscht, nicht ruhig abwarten kann, bis jeder Einzelne erst durch Schaden klug gemacht wird, sondern sucht, so viel in seinen Kräften steht, durch Wort und Schrift zur Aufklärung der Menschheit beizutragen. Auch der Unterzeichnete hegt diesen Wunsch, und will durch seine ärztlichen Strafpredigten die Gesunden zur Vermeidung von Krankheiten, die Kranken zur Wiedererlangung ihrer Gesundheit auf naturgemäße Art, antreiben. Sollte dies nicht auf so zarte Art geschehen, wie man heutzutage aufzutreten pflegt, so möge dies der Leser mit dem Aerger entschuldigen, welchen der Verfasser täglich über die Dummheit der Menschen in Gesundheitsangelegenheiten zu verschlucken hat und mit dem alten Grundsätze: „Krebsschäden kurirt man nicht mit Rosenwasser.“
Bock. 




Pariser Bilder und Geschichten.
Der junge Dichter.

Herr Roger de Beauvoir wohnt in einem und demselben Hause mit einem Papierfabrikanten, dessen Familie aus einer Frau und zwei Kindern, einem Knaben von ungefähr fünfzehn Jahren und einem Mädchen von zehn Jahren besteht. Herr Beauvoir ist ein Schriftsteller von gewöhnlichem Talent und geringem Namen, der durch seinen Charakter sowohl als seine geordneten Verhältnisse eine recht angenehme Stellung in der literarischen Welt einnimmt und Verbindungen mit Berühmtheiten, wie A. Dumas, V. Hugo, Lamartine u. s. w. unterhält. Und in dem Hause, das er bewohnt, genießt er eines Rufes, dessen er sich in der ganzen übrigen Welt nicht zu erfreuen hat, was er lediglich dem Concierge und dessen Gemahlin verdankt, von welchen es alle Einwohner, die es interessirt und nicht interessirt, zu hören bekommen, daß Herr Beauvoir ein ausgezeichneter Mann der Feder sei, da er sonst wohl nicht von den ersten Notabilitäten Frankreichs Besuche erhielte; ein Argument, das für die Logik der meist von bürgerlichen Beschäftigungen in Anspruch genommenen Inwohner vollkommen genügend ist. Herr Beauvoir seinerseits nimmt nur wenig Antheil an seinen Nachbarn, deren Beruf und Streben von dem Seinigen so sehr abweicht, und bemerkt es kaum, daß er ihnen ein Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit ist.

Eines Morgens pocht es an seine Thüre, und auf den üblichen Zuruf tritt der junge Sohn des Papierfabrikanten in die Stube des Schriftstellers. Er grüßt mit ehrfurchtsvoller Höflichkeit und sieht sich verlegen um, wie Jemand, der ein Anliegen vorzubringen hat und nicht weiß, wie er das anfangen soll. Herr Beauvoir hilft sogleich mit französischer Zuvorkommenheit seinem jungen Gaste aus der Bedrängniß.

„Womit kann ich Ihnen dienlich sein?“ fragt er sanft aufmunternd.

„O, Monsieur,“ sagt der Knabe; „ich weiß nicht, ob ich es wagen darf, Sie mit einer Angelegenheit, die bis jetzt nur mich betrifft, zu belästigen.“

„Immerhin, wenn Sie glauben, daß Ihnen die Mittheilung nützlich sein könnte.“

„Sie sind ein ausgezeichneter Schriftsteller.“

„Sie thun mir sehr viel Ehre an.“

„Ich weiß es. Herrn Janelot, der Concierge, der gewiß ein reifes Urtheil durch lange Erfahrung gewonnen, hörte ich sagen, daß Sie ein ausgezeichneter Mann in Ihrem Fache sein müßten, weil Sie sonst gewiß nicht Besuche von Männern mit Orden der Ehrenlegion, von Männern, die den Ruhm Frankreichs ausmachen, erhielten.“

„Das ist Alles recht gut und schmeichelhaft für mich,“ sagte Beauvoir. „Allein in was für einem Zusammenhange steht meine Fähigkeit mit Ihrem Begehren?“

„Sehen Sie, Monsieur, ich finde es so schön durch den Ausdruck von erhabenen Gedanken, von Gefühlen und Leidenschaften, Geld, Ehre und ein genußreiches Leben zu gewinnen.“ Bei diesen Worten glänzten die Augen des Knaben, und der Andere sah ihn mit großer Verwunderung an.

„Geld, Ehre und genußreiches Leben,“ wiederholte er. „Wie alt sind Sie, Monsieur?“

„Funfzehn und ein halb Jahr.“

„Und schon so reif, so fertig!“

„Nun, da ich Sie so theilnehmend sehe, habe ich den Muth, es vor Ihnen auszusprechen: sehen Sie, Monsieur, ich habe mich in einer literarischen Arbeit versucht.“

„So!“

„Und ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich sie Ihnen zur Beurtheilung vorlegen dürfte;“ und bei diesen Worten zog der Knabe mit einer krampfhaften Hast ein Manuskript aus der Tasche.

„Geben Sie, ich will es recht gern lesen und Ihnen meine Meinung darüber aufrichtig sagen.“

„Wann darf ich mir die Antwort holen?“

„Kommen Sie gefälligst Morgen früh zur selben Stunde, wie heute.“

Der Knabe, dessen ganzes Wesen in der heftigsten Aufregung war, was sich durch ein Zittern der Glieder, durch eine gesteigerte Röthe der Wangen kund gab, verbeugte sich sehr tief und verließ die Stube des Schriftstellers. Und dieser las folgende Scenen, ohne Titel, von dem jungen Verfasser, die Herr Beauvoir einigen Freunden mitgetheilt, und ich ganz treu in’s Deutsche übertragen, mit Hinweglassung der Orthographiefehler, die sich in dem Manuscripte finden und die der Leser sich hinzudenken mag. Ueberhaupt bitte ich wohl zu beachten, daß ich in dieser Skizze keine Erfindung gebe, sondern leider nur die volle Wahrheit.

Erster Akt.

Die Bühne bietet den Anblick eines Parks, rechts und links zwei Statuen; im Hintergrunde mehrere Bäume und ein Wasserfall. – Beim Aufziehen des Vorhanges sieht man einige Edelleute sich ergehen, von denen einer auf der Vorderseite stehen bleibt und sagt: Sie wissen, meine Herren, daß wir bald das Fest unseres Königs feiern werden? Wie wäre es denn, wenn wir diesen Tag in einem Spielhaus verbrächten, um recht lustig zu sein, wie wir es gewöhnlich thun?

Alle Edelleute antworten: Ja wohl, ja wohl!

Graf St. Ernest. Also Morgen im Spielhause des Grafen von Saimpter.

(Die Edelleute entfernen sich. St. Ernest giebt Einem von ihnen ein Zeichen, daß er bleibe, um mit ihm zu sprechen.)

St. Ernest. Guten Abend, mein lieber Graf Monizelle.

Monizelle. Guten Abend, mein lieber Graf St. Ernest. Zu welchem Behufe rufen Sie mich?

St. Ernest. Ich war es, welcher das Fest angekündigt, das Morgen stattfinden wird.

Monizelle. Nun denn, Du erblassest, was hast Du denn? Ist Dir etwas zugestoßen?

St. Ernest. Ich habe nichts – wenn ich aber etwas hätte, säße ich nicht so niedergeschlagen auf dieser Bank.

[281] Monizelle. Ich verstehe Dich nicht recht!

St. Ernest. Ich wollte Dir sagen, daß ich Geld brauchte, als ich das Fest ankündigte, und daß ich keines habe.

Monizelle. Wie kommt es, daß Du, der sich immer für reich ausgegeben, nun arm bist? Ein Fest ankündigen und ihm nicht beiwohnen können!

St. Ernest. Ich werde dabei sein; dafür bürge ich Dir.

Monizelle. So wirst Du also nicht bezahlen; denn auf die Ausgabe von einigen Tausend Franken bei dem Feste müßtest Du jedenfalls rechnen. Wir Andern sind nicht wie das Gesindel, welches bisweilen vierzehn Tage arbeiten muß, um die Ausgabe von etwa vierzig Franken wieder einzubringen.

St. Ernest. Ich muß Geld haben, Monizelle!

Monizelle. (denkt nach). Ich werde Dir behilflich sein.

St. Ernest. Du kennst den Grafen von Wisemberg als einen gutherzigen Greis. Ich bin sehr gut bekannt mit ihm. – Er hat mir ein Geheimniß anvertraut. Er trägt bei sich eine Brieftasche, welche ihm am Tage seiner Vermählung geschenkt wurde. Diese Brieftasche enthält 25,000 Franken in Bankbillets. Wenn wir ihm dieselben auf eine geschickte Art entwenden könnten, hätten wir Jeder 12,000 Franken. Was sagst Du dazu?

Monizelle. Ja! Allein es wird schwierig sein, ihm das Geld zu entwenden.

St. Ernest. Was Du da faselst! Ich werde ihm schreiben, daß ich ihm etwas von Wichtigkeit zu sagen habe; ich werde trachten, daß er sich auf diese Bank setzt; und Du, mit einem Dolch bewaffnet, wirst Dich hinter diese Statue verbergen und in dem Augenblicke, da ich das Zeichen geben werde, kommst Du von rückwärts und erdolchst ihn.

Monizelle. Ja. Wenn aber das Verbrechen entdeckt wird, enden wir später auf dem Schaffot!

St. Ernest. (schreibt auf der Bank). Mein lieber Graf von Wisemberg, ich bitte Sie, sogleich in den Park zu kommen; ich habe sehr große Eile, und bitte daher, mich nicht lange warten zu lassen.
St. Ernest.

St. Ernest entfernt sich, Monizelle, allein, spricht: das erste Mal in meinem Leben werde ich ein Verbrechen begehen! Und warum? Um Geld zu erlangen. Vielleicht stürzt Gott mich in einen Abgrund. Armseliges Geschöpf, das ich bin. Ich vernichte meinen Nächsten und an mir schimmern die Diamanten. Ich sage „Pfui!“ von denjenigen, welche keine haben. – An wem ich vorübergehe, der zieht vor mir den Hut; und ich habe kein Herz! Ich begehe die unsinnigsten Streiche. Schon naht die Stunde!

St. Ernest tritt auf und sagt mit fröhlicher Miene:

In zehn Minuten werden wir die Ehre haben, ihn zu sehen – da ist er schon. Acht gegeben! (Monizelle verbirgt sich hinter der Bildsäule.)

Der Graf von Wisemberg tritt auf, sich auf einen Stock stützend und setzt sich auf die Bank.

St. Ernest. Guten Tag, mein lieber Graf; wie steht es um Ihre Gesundheit?

Wisemberg. Leidlich gut in diesem Augenblick, mein theuerer Freund. Ich habe mich nicht zu beklagen.

St. Ernest. Ich habe Sie hierher beschieden, mein lieber Graf, weil mir ein zahlbarer Wechsel vorgewiesen wurde, den ich nicht erwartet habe, dessen Summe 25,000 Franken beträgt.

Wisemberg. Ich bin bereit, es Ihnen zu leihen, allein Sie müssen mir einen Empfangschein geben.

St. Ernest giebt das Zeichen, Monizelle kommt von rückwärts auf den Greis zu, und in dem Augenblick, als er den Dolch, erhebt, versetzt ihm St. Ernest einen Streich mit dem Stocke. Monizelle wirft seinen Dolch weg und sinkt in Ohnmacht, indem er ausruft: „Verräther!“ Der Greis erhebt sich und sagt:

Du hast mir das Leben gerettet. Hier hast Du die 25,000 Franken zur Belohnung.

St. Ernest nimmt die Noten, indem er sagt: Danke, danke. Es ist nöthig, daß man das Gericht von dem Vorfall benachrichtige. Ich will ihn überwachen, gehen Sie, die Häscher zu holen.

Wisemberg geht ab. St. Ernest spricht: Er ist fort. Allein Monizelle könnte mich verrathen; ich ermorde ihn. (Er nimmt ihm den Dolch aus der Hand, den er ihm in’s Herz stößt und geht ab. Die Häscher treten auf und nehmen den Leichnam, um ihn wegzutragen. Der Vorhang fällt.)


Zweiter Akt.

(Die Bühne stellt ein Spielhaus vor. Der Graf von Saimpter sitzt in einem schönen Lehnstuhl.)

Der Graf St. Ernest tritt auf und sagt: Guten Tag, Graf. Sie rühmen sich, ein guter Spieler zu sein; spielen wir doch eine Parthie mit einander.

Der Graf von Saimpter. Mein lieber Freund, ich kann nicht mit Ihnen spielen; denn ich würde Schlag auf Schlag gewinnen.

St. Ernest. Daran kann Ihnen wenig gelegen sein; ich werde bezahlen. Spielen wir um 1000 Franken.

Sie spielen Karten. St. Ernest verliert und sagt: Hier, meine Börse; (er wirft sie zu Boden und fügt hinzu:) ich werde meine Rache haben.

(Eine Uhr schlägt acht. Die Edelleute treten auf und setzen sich an den Spieltisch. Auf beiden Seiten tanzen Tänzerinnen und gehen gleich darauf ab. Verwandlung bei offener Bühne. Die Bühne stellt einen Salon mit mehreren Lehnstühlen vor. In einem sitzt der Herr Notar. Alsbald tritt der Graf von Saimpter auf.)

Saimpter. Guten Tag, mein lieber Notar; wie befinden Sie sich?

Notar. Sehr gut, mein lieber Graf.

Saimpter. Ich komme, Dich um Rath zu fragen. Ich habe diesen Morgen mit dem Grafen von St. Ernest gespielt; er verlor und sagte, daß er sich rächen werde. Wie fange ich es an, um mich mehr an ihm zu rächen?

Der Notar denkt einen Augenblick nach und sagt: Ich weiß ein Mittel. Du weißt von der kleinen Schäferin, die so schön ist. Er liebt sie bis zum Wahnsinn. Verheirathe Dich denn mit ihr, und wenn Du verheirathet sein wirst, stelle ich Dir einen Wechsel von 100,000 Franken aus, die ich als dem Herrn Saimpter schuldig anerkenne.

Saimpter. Warum denn aber diesen Wechsel ausstellen?

Der Notar. Das sollst Du gleich sehen. St. Ernest wird noch heute zu mir kommen und gewiß nicht ermangeln, mir die Geschichte zu erzählen. Darauf werde ich ihm sagen, daß Du Dich mit der kleinen Schäferin vermählest und daß Du gleich nach der Hochzeit eine weite Reise zu machen gezwungen bist; ich werde ihm rathen, in Dein Haus zu gehen und Deiner Frau den Hof zu machen. Du aber, anstatt abzureisen, bleibst in der Nähe. Wenn Du ihn in Dein Haus treten siehst, bewaffnest Du Dich mit ein paar Pistolen und begiebst Dich leise in Dein Haus. Und wenn er bei Deinem Weibe sein wird, nimmst Du ihn beim Kragen; mit der andern Hand nimmst Du die Pistolen und zwingst ihn, den Wechsel zu unterzeichnen!

Saimpter. Ich gehe; auf Wiedersehen, theuerer Notar. Ich danke Dir sehr. (St. Ernest tritt auf.)

Der Notar. Guten Tag, Herr von St. Ernest.

St. Ernest. Sagen Sie mir doch, mein lieber Herr Notar, ich habe dem Grafen von Saimpter Rache geschworen; wie fange ich es an, mich zu rächen?

Der Notar. Er wird sich mit der kleinen Schäferin verheirathen, und nach der Hochzeit muß er auf’s Land gehen. Während dieser Zeit machen Sie seiner Frau den Hof, und das wird eine große Rache sein.

St. Ernest. Ich danke Ihnen. So werde ich mich denn rächen können. (Der Vorhang fällt.)


Dritter Akt.

(Beim Aufziehen des Vorhanges sieht man ein großes Haus. Saimpter und seine Frau im Brautkleid treten auf.)

Saimpter. Meine theuere Freundin. Nun sind wir mit einander verbunden. Allein ein Brief ist angekommen, und ich muß sogleich auf vierzehn Tage abreisen; nach dieser Zeit komme ich wieder.

Schäferin. Schon mich verlassen! O nein, das werde ich nicht zugeben. Wenn Du so lange abwesend bist, könnte Dir leicht etwas Uebles begegnen.

Saimpter. Ich sage Dir ja, daß ich unbedingt abreisen muß, daß ich dazu gezwungen bin. Ich werde Dich in unsere Wohnung führen, wo Du vierzehn Tage zubringen und meine Rückkunft erwarten wirst.

Madame Saimpter. Nun denn, ich willige ein.

[282] Saimpter. Gehen wir. (Er ergreift die Hand seiner Frau und nun Verwandlung. Das Zimmer eines Hauses.)

(Herr und Frau Saimpter treten auf.)

Saimpter. Hier sind wir nun, jetzt reise ich ab. Er ruft einen Diener und sagt ihm leise: So wie Du Jemanden in’s Haus treten siehst, steigst Du zu Pferde und kommst in den Pachthof, um mich zu holen. Sei wohl bedacht Deiner Pflicht.

Saimpter nimmt seinen Mantel, sagt seiner Frau: „Auf Wiedersehen!“ und geht ab. Seine Frau bleibt allein, setzt sich auf ein Kanapee, und bald darauf erscheint St. Ernest. Er nimmt seinen Hut ab, nähert sich mit einschmeichelnder Miene der Frau Saimpter und setzt sich an ihre Seite.

St. Ernest. Nun sind Sie verheirathet, reizende Frau. Es ist schon so lange, daß wir uns kennen, nicht wahr? Erinnern Sie sich der kleinen Spaziergänge in den Wald, die wir mit einander machten?

Frau Saimpter. Wohl erinnere ich mich derselben. Doch jetzt sind wir weit entfernt, solche zu machen.

St. Ernest. Warum denn?

Frau Saimpter. Weil ich jetzt verheirathet bin und weil das nicht erlaubt wäre, allein mit einem jungen Manne in den Wald zu gehen.

St. Ernest. Darin sehe ich kein Hinderniß. Man ist verheirathet und hat einen Liebhaber. Er umarmt sie. Herr Saimpter stürzt herbei, faßt ihn ungestüm am Kragen und sagt ihm: Dein Leben gehört mir, wenn Du nicht diesen Wechsel unterschreibst – Wähle!

(Madame Saimpter zieht sich indessen zurück, St. Ernest unterzeichnet den Wechsel.)

Saimpter. Und nun Geld her, sogleich, oder Du endest Deine Tage im Gefängniß.

St. Ernest. Gnade!

Saimpter. Keine Gnade! Du besitzest Grund und Boden und Actien. Ich kaufe Dir Alles ab. Deine Landgüter nehme ich für 40,000 Franken, Deine Actien für 10,000 Franken, Deine Kleidungsstücke für 10,000 Franken. Das macht 60,000 Franken. Du mußt 40,000 Franken noch darauf bezahlen oder in’s Gefängniß mit Dir!

(St. Ernest fällt zu den Füßen des Grafen von Saimpter.)

Saimpter. Kein Erbarmen, noch 40,000 Franken!

St. Ernest. Ich habe ja nichts mehr, als was ich auf dem Leibe trage!

Saimpter. Her damit, für 5000 Franken.

St. Ernest. Was soll ich anziehen?

Saimpter. Lumpen, die ich Dir reichen will. St. Ernest entkleidet sich und erhält ein altes Beinkleid und eine alte Blouse, die er anlegt.

Saimpter. Für das Uebrige steht es mir immer frei, Dich in’s Gefängniß werfen zu lassen. – Nicht Du hast, sondern ich habe meine Rache. (Der Vorhang fällt.)
(Ende.)


Der Franzose, wiewohl gewohnt an die Moral der pariser Gesellschaft, schauderte, als er diese Kinderarbeit las. Dieses Puppenspiel mit seinen Motiven und Handlungen, mit den empörenden Gräueln, welche einer jungen Seele entsprungen, die noch unberührt sein sollte von dem Jammer, von der Gemeinheit, von dem Schmutz des Lebens, erfüllte den Leser mit Entsetzen. Wenn die Begeisterung eines Kindes diese Richtung nimmt, wenn die Phantasie, statt von schönen heitern Bildern erfüllt, von Frühling angehaucht zu sein, solche Gestalten und Verbrechen abspiegelt, dann steht es am Schlimmsten um eine Gesellschaft, aus welcher heraus solche fünfzehnjährige Poeten wachsen. Herr Beauvoir, wiewohl nichts weniger als ein strenger Charakter, konnte den ganzen Tag den schlimmen Eindruck nicht los werden, er erwartete des andern Morgens mit einer gewissen ungeduldigen Neugier den jungen Autor, der sich, wie man wohl denkt, pünktlich zur bestimmten Stunde einfand. Diesmal betrachtete Herr Beauvoir mit mehr Aufmerksamkeit seine neue Bekanntschaft. Auf dem blassen Angesichte des Knaben war eine dürre Verstandesfähigkeit zu bemerken; es fehlte den frühreif entwickelten Zügen alle Jugendlichkeit, jene Traumhaftigkeit, die sich ihr Glück mit eigenen Farben malt und von der Erkenntniß nur hier und da flüchtigen Besuch erhalten; in den dunkeln Augen fiel wohl ein unstätes Funkeln auf, aber nichts von frommer Unschuld und Unwissenheit, von heiligen Ahnungen eines kindlichen Herzens. Die Stirn war hoch und bewies allerdings Ausdauer im Nachdenken. Die braunen Haare waren auf dem Haupte des fünfzehnjährigen Jungen dünn gesäet, als könnten sie auf dem ausgetrockneten Boden nicht gedeihen. Im Ganzen war die Bildung nicht ungünstig. Nur der Mund und das zusammengezogene Lächeln, welches gelbe, vernachlässigte Zähne sehen ließ, waren unangenehm und dazu gemacht, eine etwa gewonnene Sympathie zu vernichten. Der Anzug war ziemlich anständig, aber die Haltung unedel.

Herr Beauvoir betrachtete eine ziemliche Weile schweigend seinen Besuch, der in Ungewißheit über die Natur dieser aufmerksamen Beobachtung sich verlegen, erröthend derselben unterzog. Endlich brach Herr Beauvoir das Schweigen und frug etwas schroff:

„Wie heißen Sie?“

„Jean.“

„Wo leben Sie denn?“

„Bei meinen Eltern.“

„Werden Sie von Ihren Eltern nicht geliebt?“

Der Knabe sah den Fragenden verdutzt an. „Ich habe mir hierüber keine Rechenschaft gegeben. Mein Vater ist Papierfabrikant; meine Mutter hilft das Geschäft besorgen, und ich arbeite mit ihnen, das ist unser Verkehr. Doch Sie lassen mich in Ungewißheit über meine Arbeit. Und Sie können sich nicht denken, Monsieur, wie gespannt ich bin, Ihren Ausspruch zu hören. Ich konnte nicht schlafen vor Aufregung. Die vierundzwanzig Stunden, welche ich zu warten hatte, dünkten mir eine Ewigkeit. Ich bitte, säumen Sie nicht länger, mir Ihre Meinung wissen zu lassen.“

„Es ist fürchterlich, mein lieber Jean, was Sie in einem so zarten Alter ausgesonnen und aufgeschrieben haben.“

„Es ist also schlecht, untauglich?“ frug der Knabe, bis auf die Lippen erblassend.

„Ich werde Ihnen die Wahrheit sagen, junger Mann. Es ist weit schlimmer als schlecht und untauglich; es ist verwerflich, es ist unsittlich; es beweist – es beweist, daß Ihr Herz leer und ausgetrocknet, Ihre Seele lahm, ohnmächtig geworden, bevor sie Flügel, bevor sie die Reife der Männlichkeit gewonnen. Sie kennen ja nur einen Gott, ein Herrliches, ein Würdiges, ein Edles, ein Hohes, ein Wünschenswerthes: Geld! Mein armes Kind, Sie sind ein Bettler an allen Gefühlen und an Illusionen, und man muß ein König, reich an diesen Gütern sein in Ihrem Alter; man muß Ueberfluß haben, verschwenden können, damit man seine Ausgaben zu bestreiten vermag, wenn man später durch Enttäuschungen bestohlen wird, was keinem Menschen ausbleibt. Wie wollen Sie mit dieser geistigen Abzehrung, mit dieser trostlosen Verödung ein Künstler, ein Dichter sein? Trachten Sie, ein ehrlicher Mann zu bleiben.“

Diese Worte wurden mit großer Heftigkeit, wie etwas tief und schmerzlich Empfundenes gesprochen, so daß der Knabe den Sprecher ängstlich und bestürzt anblickte, wie Jemand, der sich eine gegen ihn gerichtete Entrüstung nicht zu erklären weiß.

„Ich habe Ihnen ja nichts gethan, was Sie in Zorn versetzen könnte,“ sagte er halb weinerlich.

„Ich bin nicht zornig, mein Kind,“ erwiederte der ältere Schriftsteller; „wenn ich mich ereifre, ist es nicht gegen Sie, ich kann Sie nur bedauern und nicht anklagen. Was können Sie dafür, daß man Ihnen die junge Seele vergiftet? Ein Kind ist wie ein weißes, reines Papier, auf das man Alles hinschreiben, Alles Hinzeichnen kann, Gebete und Lästerungen, Mahnbriefe und Beileidsbezeugungen, Gott und den Teufel, das Schöne und das Häßliche. Sie hat man arg gemißhandelt, armes Kind, man hat Ihr reines Kinderherz besudelt, man hat darauf Schuldbriefe und Criminalprozesse geschrieben, und nicht ein Wort von Tugend, von Aufopferung, von Hingebung und Treue, von Heldenthum im Wirken und Entsagen, von Liebe, stiller Neigung und Freundschaft, von Muth, Kraft und Ehre, das Alles ward vergessen.“

Der Knabe neigte erröthend das Haupt, denn durch die letzten Worte wurde ihm erst ein wenig klar, was eigentlich die ihm gemachten lebhaften Vorstellungen zu bedeuten haben.

„Ich verstehe Sie nicht ganz,“ versetzte er halblaut. „Sie sprechen zu unverständlich für mich, Monsieur.“

„Sie haben Recht. Ich will mich deutlicher, einfacher ausdrücken. Sie sollten Schlechtigkeiten und Niederträchtigkeiten, wie Sie sie dargestellt haben, weder kennen noch begreifen; Sie sollten, von Menschen, wie Sie sie vorgeführt, keine Ahnung haben, statt [283] dessen zeichnen Sie diese Schufte und Bösewichter mit solcher Sicherheit, mit einer Geläufigkeit, die mir Grauen einflößt. Sie sollten gar nicht wissen, was Geld bedeutet, und zu welchen Freveln es niedrige Naturen hinzureißen vermag; statt dessen ist es das Interesse, das Sie erfüllt und bewegt, das Sie zum Bilden drängt, ist es die Seele, die Sie den Gestalten einflößen, die Ihre überwältigte Phantasie hervorbringt. Sie spielen mit dem Entsetzlichsten ohne Bangen, ohne Schrecken. Wie kommen Sie nur dazu, unglückliches Kind, diese finstern Abgründe, diese gähnenden Tiefen des Lebens zu kennen? Wie kommen Sie zu solchen Bildern, solchen Begriffen, zu dieser schaudererregenden Vertraulichkeit mit dem Ungeheuersten?“

Der Knabe schien tief ergriffen von den Worten, deren Sinn er nun faßte. Er sann eine Weile nach, wie um sich genaue Rechenschaft über das Gehörte zu geben, und nach einigen Augenblicken anhaltenden Schweigens rief er: „Beim lebendigen Gott, Sie haben Recht. Ich habe nichts schätzen, nichts hochhalten gelernt, als Geld und wieder Geld. Doch ist das nicht meine Schuld, Monsieur; hören Sie, wie und unter welchen Verhältnissen ich erzogen worden, welche meine Wiegenlieder, welche meine ersten Eindrücke, welche die Blumen waren, die man dem Kinde auf den Weg gestreut, dann werden Sie, dem ich dankbar bin, daß er mich an dem Rande des Abgrunds aus dem Schlafe geweckt, Nachsicht mit mir haben, denn ich habe den Verfall meines Wesens nicht verschuldet.“

„Das glaube ich Ihnen,“ versetzte Herr Beauvoir in einem mildern Tone, zufrieden mit der Wirkung, die seine Worte auf den Knaben hervorgebracht, „denn ich kenne Paris. Ich weiß, was man im Theater, zu Hause, im Bureau und auf der Straße, in Magazinen und Läden zu hören bekommt; freilich sind Sie nicht Schuld, armes Kind, an dem Verfall, wie Sie es nennen; allein Sie müssen sich retten, wenn Sie nicht ganz verloren sein wollen.“

„Ich bin,“ sagte der Knabe, „wie fast alle pariser Kinder, zwei Tage nach meiner Geburt einer Amme übergeben und aufs Land geschickt worden, wo ich bis zu meinem vierten Jahre blieb, und nur selten meine Mutter zu sehen bekam, um sie lieben zu lernen. Ich lernte von meiner Ziehmutter und ihrer Umgebung den größten Werth auf Sous legen, und als ich zu meinen Eltern zurückgebracht wurde, gab man mich in eine Pension, aus der ich nur alle Sonntage ein Mal nach Hause kam, um von meinem Vater, der ein guter arbeitsamer Mann, zu hören, wie schwer und lästig ihm die Ausgabe von sechshundert Franken jährlich für meine Erziehung sei. Kaum hatte ich das zehnte Jahr erreicht, so meinte mein Vater, daß es Zeit sei, daß ich etwas verdiente, statt Geld zu kosten, und er hielt mich zur Arbeit in der Fabrik an, wo auch meine Mutter den ganzen Tag über beschäftigt ist, so daß ihr gar keine Zeit bleibt, die geringste Sorgfalt auf ihre Kinder zu verwenden. Ihre Gesundheit leidet unter der anhaltenden anstrengenden Arbeit; allein mein Vater denkt nicht daran, ihr eine Erleichterung zu verschaffen, wiewohl das für kaum tausend Franken jährlich zu bewerkstelligen wäre, indem er für diese Summe eine aushelfende Person annehmen könnte; denn mein Vater sagt, daß er es so weit bringen müsse, um von seinen Renten leben zu können, und meine Mutter werde dann Zeit genug haben, von der beschwerlichen Arbeit auszuruhen. So sehe ich denn den Gesundheitszustand meiner Mutter sich täglich verschlimmern, und dennoch bei der Arbeit beharren, die der Grund des Uebels ist. Wiewohl das Geschäft ein Bedeutendes abwirft, herrscht bei uns im Hause die größte Einschränkung. In zwei finstern Stuben, deren Fenster in den Hof führen, fünf Treppen hoch, sind wir alle vier Personen untergebracht, aber Magazin und Bureau sind auf’s Glänzendste hergerichtet. Das gehört zum Handwerk, sagt mein Vater. Zwischen meinem Vater und meinem Großvater (dem Vater meiner Mutter) kam es zum Prozesse, Staatspapiere betreffend, welche die Mutter als Mitgift erhalten, welche jener unangetastet wissen, dieser aber verwerthen wollte, weil er mit dem Kapitale höhere Interessen zu erzielen sich getraue. Während des Prozesses mußte die Mutter den Unmuth des Vaters ertragen, und als der Tod des Großvaters ihm ein Ende machte, sagte mein Vater triumphirend: Nun habe ich doch den Prozeß gewonnen. Wenn ich sonst meinen Vater bat – jetzt käme mir eine solche Zumuthung nicht mehr in den Sinn – daß er mir ein Buch kaufe, welches ich gern hätte lesen mögen, da gab er mir barsch zur Antwort, daß dieses unnütz sei, da es nichts einbringe, sondern im Gegentheile Geld koste. Seine Brüder haßt mein Vater der Art, daß wir in seiner Gegenwart niemals ihrer erwähnen dürfen, und warum? Weil er sich von ihnen in einer Geschäftsangelegenheit um 2000 Franken verkürzt glaubt. Von Zärtlichkeit unserer Eltern kann keine Rede sein, denn sie sind zu sehr beschäftigt, um an dergleichen denken zu können. Wenn Uneinigkeit zwischen meinem Vater und meiner Mutter eintritt, sind es jedesmal einige Franken, um die es sich handelt.

„In’s Theater erlaubte mir mein Vater ohne Bedenken öfters zu gehen, weil ihn ein Verwandter, der in der Theaterkanzlei der „Porte Saint Martin“ angestellt ist, öfter mit Freibillets bedachte. Wieder fand ich, daß sich Handlung, Leidenschaft, Intrigue um Armuth und Reichthum drehten. Ueberall, wohin ich blickte, sah und hörte ich, daß Geld die Hauptsache sei, Geld den Mann mache, Geld zu verdienen, einerlei auf welche Weise, das einzige Streben eines vernünftigen Menschen sein müsse. Geld – Geld – war mein erster Gedanke am Morgen, mein letzter am Abend, und da ich Freude am Dichten fand, habe ich es versucht, die Macht desselben zu schildern. Daß ich die meisten niedrigen Leidenschaften kenne,“ setzte er mit niedergeschlagenen Augen hinzu, „werden Sie bei einem Pariser und meiner Erziehung natürlich finden.

„Hier haben Sie, Monsieur, einen flüchtigen Umriß meines Lebens und zugleich meine Entschuldigung. Doch ich schwöre Ihnen, daß ich auf andere Dinge meinen Sinn lenken will, die besser und edler als Geld sind; glauben Sie, daß ich dann ein Dichter werden kann?“

Herr Beauvoir hörte die flüchtige Skizze des Knaben wie etwas Bekanntes an; denn eingeweiht in das Familienleben zu Paris, konnte ihn das, was er täglich in etwas veränderter Form vor sich sieht, unmöglich überraschen; aber das bessere Naturell, verbunden mit einem lebhaften Geiste, das der Knabe an den Tag legte, erfreute ihn, und das naive Versprechen und die naive Frage, mit welchen das Kind die Schilderung beendete, rührte ihn, und er erwiederte: „Sie können noch ein ganz tüchtiger Mensch werden. Arbeiten Sie. Was? Das bleibt sich gleich, nähren Sie sich redlich, seien Sie gewissenhaft in allen Dingen. Halten Sie sich fern von der Gemeinheit und Niedrigkeit, die in Paris auf allen Wegen lauern. Das Geld ist mächtig, mein junger Freund, und gefährlich; damit Sie es unschädlich machen, damit Sie es verhindern, Ihren Glauben zu vergiften, Ihre Träume zu beunruhigen, lernen Sie arbeiten und Ihren Unterhalt gewinnen. Die Laufbahn des Dichters ist eine gewagte. Was Sie als Künstler erzeugen, ist keine gangbare Waare, wie Papier, Tuch und Leinwand, die Jedermann zu schätzen weiß, weil er ihrer benöthigt. Hegesippe Moreau war ein großer Poet und starb im Hospital. Legen Sie Ihrer Charakterstärke nicht diese Prüfung auf. Bleiben Sie bei Ihrem Gewerbe und widmen Sie die Mußestunden Ihren Lieblingsgedanken. Dichten Sie, um sich von der Arbeit zu erholen.“

„Ich danke Ihnen, Monsieur, und wenn Sie erlauben, daß ich Sie von Zeit zu Zeit besuchen darf, werden Sie sehen, wie treu ich Ihre wohlmeinenden Rathschläge befolgen werde.“

„Ich werde mich stets freuen, Sie bei mir zu sehen, um Ihnen, wo ich kann, dienlich zu sein,“ sagte, zu seiner früheren Höflichkeit zurückkehrend, Herr Beauvoir.

Jean verbeugte sich und ging, durchdrungen, erschüttert von der Warnung, von der Weisung des Schriftstellers und fest entschlossen, sich zu einem ediern Menschen durchzuarbeiten. Wird er seinen heilsamen Vorsätzen treu bleiben in Paris? Nur die Zukunft kann diese Frage beantworten.

Wir haben hier keine Dichtung, sondern die lautere Wahrheit erzählt. Und diese Wahrheit ist entsetzlich! Welche Erziehung, wenn ein Kind von fünfzehn Jahren, dessen Inneres nur von heitern, schönen Bildern erfüllt, dessen Herz von aller Gemeinheit und dem Schmutz des Lebens noch unberührt sein sollte, wenn dieses Kind, sagen wir, Verbrechergestalten mit einer Sicherheit zeichnet, wie sie eben nur ein Kenner der großen Welt oder ein ausgefeimter Roué malen kann! Welche Zukunft, welche gesellschaftliche Zustände stehen uns bevor, wenn ein Kind in den Jahren, wo es noch reich an Gefühlen und Illusionen sein sollte, die Geheimnisse des Spiels und des – Ehebruchs als Motiv in seinen ersten dramatischen Spielereien gebraucht. Es ist entsetzlich!

[284]
Blätter und Blüthen.

Das Heer der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Es dürfte den Lesern der „Gartenlaube“ nicht unwillkommen sein, über das Heer der Vereinigten Staaten von Nordamerika aus der Feder eines Militärs die nähern Angaben kennen zu lernen, die wir einem größern Artikel einer wiener militärischen Zeitschrift in geeignetem Auszuge entnehmen.

Die ganze Stärke dieses Heeres beträgt nur 17,000 Mann, wovon 12,000 Mann aus zwölf Infanterieregimenter, 2000 Mann auf die Artillerie, in zwei Regimenter formirt, und 3000 Mann auf die Cavallerie kommen. Letztere zählt vier Dragonerregimenter, wozu noch die in Texas befindlichen berittenen Ranchos kommen. Obercommandant dieser Armee ist Generalmajor Winfield Scott; derselbe hängt jedoch in Allem von dem jedesmaligen Kriegssecretär in Washington ab, der im Namen des Präsidenten die Befehle ertheilt.

Was den Zweck dieses Heeres betrifft, so ist es der, die westlichen und südwestlichen Ansiedler gegen die Indianer zu schützen, sowie die nördlichen und östlichen Plätze besetzt zu halten.

Die Armee ergänzt sich durch freiwillige Werbung; die Dienstzeit beträgt fünf Jahre; nach Ablauf derselben kann der Mann sich wieder anwerben lassen, und dann noch ein drittes Mal. In letzterem Falle kann er dann nicht wegen Alters oder Gebrechen entlassen werden, und die Regierung ist verpflichtet, ihn lebenslänglich zu versorgen.

Die Verpflegung und Bezahlung ist äußerst splendid. Bei der Infanterie erhält der Mann bei seiner drei Mal täglich verabreichten Kost, die früh in Kaffee, Speck und Brot, Mittags in Suppe, Rindfleisch und Brot, Abends in Kaffee und Brot besteht, monatlich an ordinärer Löhnung 11 Dollars (1 Dollar – 1 Thlr 13 Sgr.). Von diesen wird ihm monatlich ein Dollar zurückbehalten, um ihm, falls er bei Ablauf seiner Dienstzeit sich auf einer Außenstation befindet, die Rückunkosten bis nur ersten Hauptstation zu sichern. Außerdem erhält er für eine solche Reise für jeden Tag eine bestimmte Quantität Nahrungsmittel. Von der Löhnung werden noch 21 Cents (1/4 Dollars) für das Hospital und 50 Cents für die Reinigung der Wäsche abgezogen.

Trotz dieser günstigen Stellungen sind Desertionen doch sehr zahlreich, wozu hauptsächlich die schlechte geringschätzende Behandlung durch die Offiziere und Unteroffiziere veranlaßt.

Die Ausrüstung des nordamerikanischen Soldaten besteht in dem gewöhnlichen percussionirten Gewehr, welches jetzt der Miniébüchse weichen wird. Die Armatur ist schwarz, von wasserdichtem gepreßten Filz. Statt den Bayonnets hat man eine Art Hirschfänger, welcher, wie auch die Patrontasche, in welcher vierzig scharfe Patronen geführt werden, nebst einem schwarzledernen, vorn befindlichen Täschchen, in welchem die Kapseln sind, an einem Gurt um die Mitte des Leibes getragen wird.

Der Waffenrock ist von dunkelblauer Farbe mit hellblauen Aufschlägen und Epauletten; die Beinkleider sind hellblau mit dunkelblauen Streifen. Kopfbedeckung ist der Czako. Der Tornister ist von gepreßter Wachsleinewand. Während der fünf Dienstjahre erhält der Mann drei Kotzen.

Zu den Schießübungen werden so viele Patronen verabreicht, bis der Mann darin vollkommen eingeübt ist. Es wird in dieser Beziehung nichts gespart.

Die Kasernen in den Depots sind vortrefflich; ebenso die Spitäler. Auswärts hat jeder Posten sein Marodehaus.

Zur Versorgung alter ausgedienter Leute dient das Invalidenhaus zu Washington, welches, für 12,000 Mann berechnet, noch seiner Vollendung entgegensieht. Wer im Verwundungsfalle nicht in’s Hospital gehen will, erhält monatlich zwischen 8 bis 11 Dollars Pension.

Die Löhnung der Unteroffiziere ist folgende: der Color oder erste Sergeant erhält 20, der Sergeant 17, der Korporal 15 Dollars für jeden Monat.

Die Auszeichnung der Unteroffiziere ist folgende: der Color trägt drei lichtblaue Streifen mit einem dito Viereck oberhalb der Streifen; der Sergeant hat drei, der Korporal zwei Streifen, sämmtlich am linken Oberarm.

Jedem Soldaten steht es frei, sich zu verheirathen, doch sind die Verheirateten in zwei Classen geschieden. Auf die erste Classe, wozu die specielle Erlaubniß des Compagniecommandanten erforderlich ist, können nur fünf Mann Anspruch machen. Ein solcher Mann bezieht für sein Weib eine, für jedes Kind eine halbe Ration, bei freiem Quartier, welche letztere jedoch der Frau entzogen werden kann, wenn sie sich unordentlich aufführt. In die zweite Classe gehören alle verheiratheten Soldaten, deren Frauen vom Staate gar nichts beansprechen dürfen und auch außerhalb der Kaserne wohnen.

Bei Bestrafzufällen entscheiden von Offizieren zusammengesetzte Garnisons- und Generalkriegsgerichte.

Das Garnisonskriegsgericht ist kompetent bei Trunkenheit, Subordinationsvergehen im mindern Grade, Ausgehen nach dem Zapfenstreiche etc. Es kann Strafen bis zu 30 Tagen einsamer Haft, mit ganzem, halbem oder noch geringerem Löhnungsabzug für diese Zeit verhängen.

Das Generalkriegsgericht entscheidet bei Nichtbefolgung der Befehle, Subordinationsvergehen in höherm Grade, habitueller Trunkenheit, Meuterei, Desertion, Verkaufen der Montursstücke, auch wenn es die eigenen sind.

Das Generalkriegsgericht erkennt mindestens zu zwei Monaten einsamer Haft, mit 20–30 Dollars Löhnungsabzug, verschärft durch harte Arbeit bei Wasser und Brot, mit Decken und Mantel im Arrest; sechs Monat Arrest mit 24- oder 45pfündigen eisernen Kugeln an den Beinen; dann 50 Hiebe auf den bloßen Rücken.

Zu Offizierstellen können ausschließlich nur Amerikaner, hoher, guter Familien erst dann gelangen, wenn sie als Kadetten den fünfjährigen Kursus in der Militärschule zu Westpoint mit gutem Erfolge zurückgelegt haben. Die Bezahlung der Offiziere ist folgende: ein Generalmajor erhält monatlich 265 Dollars, ein Brigadegeneral 135, der Oberstlieutenant 115, der Major 95, der Kavalleriekapitain 85, ein Kapitain der Artillerie und Infanterie 75, ein erster Lieutenant der Kavallerie 65. ein erster Lieutenant der Artillerie und Infanterie 57, ein zweiter Lieutenant der Kavallerie und Infanterie 47, ein Kadett 33 Dollars bei freiem Quartier, Licht, Feuerung, und für die Subalternen Bedienung.

Jeder Offizier ist verpflichtet, in einer der Außenstationen seines Regiments zu dienen; nach Ablauf dieser Zeit ist er zu zwei Jahren Urlaub mit Fortbezug der Gage nach irgend einem Theile der Union berechtigt.

Jedes Regiment führt die Regimentsnummer an den Rockkragen; zwei Bataillone bilden ein Regiment, fünf Kompagnien ein Bataillon, hundert Mann mit Einschluß der Chargen und Spielleute eine Kompagnie.

Die Musikchöre sind größtentheils aus Deutschen gebildet und zählen zwischen 18 und 24 Mann.

Das Exercirreglement ist das französische. Das divisions- und compagnieweise Exerciren ist gut, das Zielen und Treffen der Soldaten vortrefflich und im Tirailliren sind sie Meister.



Naives Bekenntniß. Bei einer öffentlichen Gerichtsverhandlung, welche vor einigen Tagen in Wien stattfand, erklärte der Angeklagte, der Redakteur des „Teufels“ in Wien, Anton Töger, wörtlich: „Die erbärmliche Wirthschaft der hiesigen Theater hat mir die Lust des Theaterlebens verleidet und ich wendete mich der Journalistik zu. Ich trat mit einem Blatte in Verbindung und schrieb für dasselbe einen Roman. Nach der achten Fortsetzung kam ich zu dem betreffenden Redakteur, und er sprach mich barsch an: „Sie müssen den Roman abbrechen, acht Fortsetzungen schon und noch keinen Mord! Ich muß ja zu Grunde gehen, wir verlieren unsere Abonnenten! Sie müssen morden!“ – Ich schrieb demnach anstatt wie verabredet vier Bände nur zwei und mordete! Das hatte mir aber einen solchen Ekel vor der wiener Literatur beigebracht, daß ich mich entschlossen habe, gegen sie zu Felde zu ziehen. – Ein Seitenstück passirte vor einigen Jahren in Leipzig. Ein leipziger Buchhändler bestellte bei einem namhaften Schriftsteller ein Geschichtswerk, worin das Leben einen berühmten Generals geschildert wurde, der als Feldherr ganz brav, als Staatsmann aber ein Pfuscher war. Der Historiker hatte sich streng an die Geschichte gehalten und ein treues Bild aller Vorzüge und Fehler des Feldherrn geliefert. Der Buchhändler aber war anderer Meinung. Er verlangte vom Autor den alten General auch als ausgezeichneten Staatsmann geschildert, und als dieser empört ob dieses Frevels an der Geschichte, ihm das Manuscript vor die Füße warf, ließ er ruhig einen andern Schriftsteller kommen, der weniger gewissenhaft war, und beauftragte diesen mit der Vollendung des Werkes, das nun mit vollen Backen den alten General als ausgezeichneten Staatsmann lobt. Es frägt sich nun, wer dabei gewissenloser dasteht, der Buchhändler oder der willige Literat.


Ein Buch für Alle.

Bei Ernst Keil in Leipzig ist in Zweiter Auflage erschienen und in allen Buchhandlungen zu haben:

Das
Buch vom gesunden und kranken Menschen.
Von
Dr. Carl Ernst Bock,
Professor der pathologischen Anatomie in Leipzig.
32 Bogen, geh. 12/3 Thaler., geb. 1 Thlr. 27 Ngr. Mit 25 feinen Abbildungen.

Aus der Fremde“ Nr. 21 enthält:

Achtmonatliche Gefangenschaft zweier russischer Fürstinnen in Schamyl’s Harem. – Bei einer Tänzerin in Egypten. – Bunte Bilder. II. Am Stillen Meere. Von Julius Fröbel.Aus allen Reichen: Garnisonleben an der Indianergrenze. – Allerlei Neues.


Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Wir entnehmen dieses Gedicht dem größern Epos von Elfried von Taura, welches so eben unter dem Titel: „Friedrich der Freudige“ zum Besten der Nothleidenden im sächsischen Erzgebirge in Freiberg erschienen ist. Der Dichter, selbst ein Erzgebirger und bekanntlich augenblicklich noch Staatsgefangener, feiert in diesem Liede, das viel Schönes enthält, den wackern Fürsten und gleichzeitig seine armen Landsleute, für die er selbst im Gefängniß noch schaffen und helfen möchte.
  2. Es ist dies vielleicht einer der großartigsten Züge, welche die Geschichte von den Gewaltigen dieser Welt aufzuweisen hat. Wie erhaben steht durch diesen einen Zug unser Held über den Eroberungsfürsten Friedrich II. und Napoleon, die Millionen Menschen ihrer Herrsch- und Ruhmgier opferten, während jener, um wenige Menschenleben zu retten, seinen angestammten Landen entsagte und arm und bloß in die Fremde wanderte.