Die Gartenlaube (1856)/Heft 37

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1856
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[493]
Weihnachts-Heiligerabend.
Vom Verfasser der „neuen deutschen Zeitbilder.“
(Fortsetzung)

Der Offizier lachte laut auf. „Ihr lebt wohl idyllisch! Er, und gar Du? Nun, da hört Alles auf, nach Deinem eignen Lieblingssprüchworte. Aber das muß aufhören.“

„Lieber Herr von Münchhoff – “ Die Dame sprach leiser. Auch der Offizier redete nicht mehr laut.

Das Mädchen hörte nichts mehr.

Nach einigen Minuten entfernte sich der Offizier.

Was die Magd gehört hatte, erfuhr sofort die Magd in dem Nachbarhause, in welchem eine Rathsfamilie wohnte. Von ihrer Magd erfuhr es sofort die Frau Räthin. Sie ließ ihren Mann aus der Sitzung rufen. Während er gehorsam sich nach Hause verfügte, rief den Vorbeigehenden der Gastwirth an. Er erfuhr von diesem das, was in dem Gasthofe sich zugetragen hatte; später aber auch von seiner Frau das Weitere. Er flog zurück in die Sitzung, und konnte nur mit Mühe deren Ende abwarten. Nachdem sie beendet war, ging er mit dem ersten Präsidenten auf die Seite, und theilte ihm mit, was er erfahren hatte; und er theilte es ihm entsetzt, entrüstet mit. Hier läge eins der schwersten Attentate vor gegen die Sitte, gegen das Familienleben, gegen die Collegialität, gegen die Stadt, gegen den Justizdienst.

Der Präsident überlegte sich die Sache während des Mittagessens, ruhig, ohne ein Wort zu sprechen. Nach dem Essen ließ er den Assessor zu sich rufen.

Der Assessor trat völlig unbefangen bei ihm ein.

„Herr Assessor, ich habe Sie in einer sehr ernsten Angelegenheit zu mir bitten lassen.“

„Halten Sie sie in der That für ernst, Herr Präsident?“

„Sie wissen also schon? Und die Thatsache ist wahr?“

„Vollkommen wahr.“

„Die Dame ist nicht Ihre Frau?“

„Gott bewahre!“

„Was ist sie denn?“

„Mein Gott, Herr Präsident, wären Ihnen denn solche Verbindungen der Residenz unbekannt?“

„Aber wir leben hier nicht in der Residenz; und dann besteht ein anderer Unterschied. Wie durften Sie wagen, die Person in das stille, heilige Leben so mancher Familie hier einzuführen?“

„Herr Präsident, ich mache mir nur einen Vorwurf darüber, sie auch in Ihr Haus gebracht zu haben.“

„Was haben Sie vor?“

„Die Sache ist ruchbar geworden. Die Dame wird noch heute abreisen.“

„Und Sie?“

„Ich, Herr Präsident?“

„Ich sehe, Sie sind leichtsinniger, als ich glaubte. Sie wollten hier bleiben? Nach der Beleidigung, die Sie so manchen Familien zugefügt haben? Unter dem Geschrei und Skandal der ganzen Stadt?“

„Pah!“

„Sie mögen für sich darüber denken, wie Sie wollen. Im Interesse des Dienstes muß ich anders denken und handeln. Ich gebe Ihnen daher hiermit einen Urlaub von vier Wochen, von heute an. Verstehen Sie?“

„Ich verstehe.“

„Sie haben damit, zumal bei Ihren Verbindungen in der Residenz, ausreichende Zeit für Ihre Arrangements.“

„Ich verstehe auch das, Herr Präsident. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“

„Leben Sie wohl.“

Eine Stunde darauf war der Assessor mit seiner „Frau“ abgefahren.

Noch eine Stunde später rasete ein wilder Aufruhr durch alle Straßen und durch alle Häuser der kleinen Stadt; es war ein Aufruhr alles sittlichen und geselligen Lebens. Eine wirklich gemeine Person hatte der freche Mensch als seine Frau in die Familien einzuführen gewagt; sie war die Freundin der Geheime- und anderer Räthinnen, und der Geheimeraths- und anderer Räthinnen Töchter gewesen! Eine größere Frechheit, eine größere Unverschämtheit ließ sich nicht denken.

Ich konnte den Leuten wahrlich nicht Unrecht geben, wenngleich die Motive des Schreiens bei Manchem nicht besser waren, als das Verfahren des Herrn von Grauburg.

Am Abend ging ich zu der schönen Therese. Ich war sehr neugierig, wie ich die stolze Präsidententochter finden werde. Ich fand sie in Thränen.

„O, mein Freund, ich bin sehr unglücklich!“

„Unglücklich? Sie sprachen ja schon gestern aus, daß sie nicht seine Frau sei.“

„Nicht darüber, das wußte ich, das hatte mein Herz, meine Liebe schon längst gesehen. Sie konnte seine Frau nicht sein. Aber er ist fort; er kommt nicht wieder.“

Sie erzählte mir die Unterredung ihres Vaters mit dem Herrn von Grauburg.

„Durfte er wiederkommen?“ fragte ich.

[494] Sie verhüllte ihr Gesicht.

„Und,“ fuhr ich fort, „ist es nicht namentlich für Sie ein Glück, daß er nicht wiederkommen darf? Verdient sein Betragen nicht eine schärfere Bezeichnung, als die des bloßen Leichtsinns?“

„Ich liebe ihn.“

„Das gerade wäre Ihr Unglück, wenn er zurückkehrte.“

„Auch jetzt?“

„Sie werden ihn vergessen.“

„Nie, nie!“

Dabei blieb sie. Es war wirklich eine unbegreifliche Liebe, die dieses reine Herz für den leichtsinnigen, für den mehr als leichtsinnigen Menschen fühlte. Liebe und Schmerz wuchsen mit jedem Tage.

Der vierwöchentliche Urlaub des Assessors von Grauburg lief zu Ende; niemand hatte daran gedacht, daß er zurückkehren werde. An dem Tage des Ablaufs brachte des Morgens um neun Uhr der Postwagen den Assessor; er kam allein zurück, aber frisch, munter und unbefangen, wie immer. Es war kein Sitzungstag. Er begab sich sofort, wie der Dienst es forderte, zu dem Präsidenten.

„Herr Präsident, ich melde mich von meinem Urlaub zurück.“

„Sie hatten mich also doch nicht verstanden, Herr Assessor?“

„Ich konnte nicht anders.“

„Mein Herr, wo es sich um die Ehre handelt, muß man Alles können. Sie hätten nicht hierher zurückkommen dürfen.“

„Herr Präsident, darf ich mir eine Bitte an Sie erlauben?“

„Was wünschen Sie?“

„Ich bitte um die Erlaubniß, um die Hand Ihrer Fräulein Tochter anhalten zu dürfen.“

Der Präsident stand sprachlos. Erst nach einer Weile konnte er Worte finden.

„Auf unsere Kosten,“ rief er entrüstet, „mit der Ruhe, dem Glücke, der Ehre meines Kindes wollen Sie Ihre Ehre wiederherstellen?“

„Ich liebe Ihr Fräulein Tochter.“

Der junge Mann sprach diese Worte im Tone des wahren Gefühls.

Der Präsident war ein alter, schon etwas hinfälliger Mann; er konnte auf ein langes Leben nicht mehr rechnen. Arm in den Dienst getreten, in dem er „von der Pike an“ gedient hatte, war der redliche, uneigennützige Mann arm geblieben. Nach seinem Tode stand seine Tochter ohne Vermögen, ohne Stütze da; sie hatte nichts, als was sie sich selbst erwerben konnte, als Gouvernante, als Gesellschafterin, oder in ähnlicher Weise. Der Herr von Grauburg war ein Mann von Talent und Kenntnissen; schon das mußte ihm eine gute Carrière verschaffen. Er war von Adel, seine Familie war mit den ersten Adelsfamilien am Staatsruder liirt; das mußte ihm eine „glänzende Laufbahn“ eröffnen. Er war leichtsinnig gewesen, mehr als leichtsinnig; aber das holländische Sprüchwort sagt: wer geraset hat, raset nicht mehr. Auch der Präsident kannte das Sprüchwort. Er sah den Assessor durchdringend an, und er las in seinen Augen die Bestätigung des Gefühls, mit welchem der junge Mann seine letzten Worte gesprochen hatte.

„Das geht meiner Tochter an,“ sagte er.

„Sie machen mich glücklich.“

Der Assessor ließ sich durch den Bedienten sofort bei dem Fräulein anmelden.

Die stolze Präsidententochter empfing ihn mit allem ihren Stolze, den sie vielleicht mühsam genug hatte zusammennehmen müssen.

„Mein Fräulein, ich befinde mich in einer so eigenthümlichen Lage, daß ich nur ohne alle Umschweife zu Ihnen reden kann.“

„Ich denke, Sie machen diese schon, mein Herr.“

„Fräulein, ich liebe Sie. Ich bitte um Ihr Lerz und ihre Hand.“

Er nahm ihre Hand; sie ließ sie ihm; er drückte die Hand an sein Herz, an ihr Herz; sie litt auch das. Sie war verwirrt, betäubt, dann unglücklich, zuletzt glücklich. Sie waren Brautleute. Sie wurden Eheleute; sie waren glückliche Eheleute geworden, wenigstens so lange, als ich von ihnen gehört hatte.

Noch ein Jahr blieb der Herr von Grauburg Assessor bei dem Oberlandesgerichte in dem kleinen Städtchen; dann ging er zu der Verwaltung über, nach einer andern, weit entferntern Provinz des Staates.

Bald nachher hatte ich mein weiteres Examen gemacht, und auch ich wurde in eine andere Gegend versetzt.

Von dem Herrn von Grauburg und seiner Gattin hörte ich seitdem nichts mehr.

Freilich mußte ich noch oft an die schöne Therese zurückdenken, und wie sie im Mondschein ihre Thränen an meiner Brust ausgeweint hatte. Sie hatte sie zwar für einen Andern geweint, aber es durchzog dennoch ein süßes Weh mein Herz, wenn ich an sie dachte. Jedesmal aber auch, wenn ich dabei zugleich an den Mann denken mußte, für den sie die Thränen vergossen hatte, überfiel mich eine schwere Sorge um ihr Schicksal. Hatte nicht mindestens gegenseitiger Leichtsinn ihr Band geknüpft?

Zehn Jahre waren seit den erzählten Begebenheiten vergangen: ich wurde wieder in eine andere Provinz der Monarchie versetzt, und zwar als Mitglied eines Provinzialgerichtshofes, bei dem ich hauptsächlich Criminalsachen zu bearbeiten hatte. Ich kam in der zweiten Hälfte des Decembers an dem Orte meiner neuen Bestimmung an. Es war wiederum eine kleine Stadt, eine jener kleinen Beamtenstädte, in denen beinahe mehr Regierende, als Regierte wohnen. Es gab dort neben dem Obergerichte ein Regierungscollegium; ein Kavallerieregiment lag dort als Besatzung; eine große Menge von „Civil- und Militair-Unterbehörden“ gruppirte sich um diese Herren herum.

Ich war unverheirathet und quartirte mich für die erste Zeit in einem Gasthofe des Städtchens ein, an dessen Tafel ich auch speisete. Einige jüngere Leute, gleichfalls Beamte, Assessoren und Referendarien, waren bereits Tischgäste. Die Gespräche an der Tafel erstreckten sich meist nur über Geschäftsangelegenheiten. !

Der Beamte muß viel arbeiten, schon vom Referendarius an; das Klagen über viele Arbeiten wird ihm dadurch zur Gewohnheit; es gehört zum guten Ton in der Beamtenwelt, schon der Referendarius übt sich darin. Ueber Politik wurde selten gesprochen; nur die Skandalchronik des Städtchens brachte manchmal eine Abwechselung in die Unterredung.

Es war damals eine merkwürdige Zeit. Dem Könige war alles politische Treiben nach außen, jede Neuerung nach innen verhaßt. Gleichwohl ist keine Regierung mehr als die seinige von den Wechselfällen der europäischen Politik und von Neuerungen im Innern betroffen worden. Selbst noch nach 1815, in den langen fünfundzwanzig Jahren, in denen er nur mit Männern sich umgab, die jeder Veränderung der Regierung und Verwaltung noch mehr abhold waren, als er selbst. Der Geist der Zeit trieb die Widerwilligen rastlos vorwärts, bis sie zuletzt selber trieben. Indessen geschah das Alles, wie eben meist widerwillig, so fast unmerklich, nie wurde Geräusch davon gemacht, nie durfte Geräusch davon gemacht werden, man durfte nicht einmal sagen, daß es eine Neuerung ist, die man gemacht habe.

Der Grund lag klar vor; man fühlte, daß man immer mehr und mehr zum Umsturz des Bestehenden hingetrieben wurde und treiben mußte; das durfte nicht zum Bewußtsein der Menge kommen; der Unterthan durfte es nicht einmal ahnen. In dem Ahnen wurde schon dieser Umsturz selbst gefürchtet; in dem Sprechen darüber wurde die Revolution schon gefunden.

Deshalb gab es auch schon damals eine geheime Polizei gegen die Burschenschaften und andere „Demagogie“. Namentlich gab es vielfach im Lande geheime Agenten des Polizeiministeriums, die ihrem Chef Alles berichten mußten, was sowohl über äußere als innere Politik, besonders in den höheren Gesellschaften gesprochen wurde. Wo man sie erkannte, waren sie damals der allgemeine Gegenstand des Hasses und der Verachtung. Jedermann haßte und verachtete sie um ihres Metiers willen. Die Beamtenwelt, namentlich die höhere, haßte und verachtete sie noch ganz besonders aus einem andern Grunde. Es wurde jenen Leuten ostensibel ein anderes Amt überwiesen; bald waren sie Regierungsräthe, bald Richter, bald Steuerbeamte, bald selbst nur Subalternbeamte bei höheren Kollegien. So konnte einerseits der ehrenwerthe Beamte vermöge des „Dienstes“ nicht umhin, vielfach mit ihnen zu verkehren und die allgemeine Verachtung, die auf dem Verräther lastete, fiel nothwendig theilweise mit auf die Beamten, die mit ihm verkehrten. Andererseits waren sie eben Allen zu Aufpassern gesetzt, selbst den Präsidenten, Direktoren [495] und Räthen der Collegien, deren Mitglieder oder gar Subalternbeamte sie nur waren.

Sie führten fast in der ganzen Monarchie ein und denselben Spottnamen; man nannte sie „Demagogenfänger.“

Ich war seit ungefähr acht Tagen an dem Orte meiner neuen Bestimmung. Bei meiner Ankunft hatte ich eine große Menge Amtsgeschäfte vorgefunden, Rückstände meines Amtsvorgängers. Stadt, Gegend und Menschen hatte ich daher noch wenig kennen gelernt. Von den letzteren beinahe nichts als meinen Präsidenten und Kollegen, die ich in der Sitzung des Gerichtshofes gesehen, und denen ich die üblichen Besuche gemacht hatte; dabei lernte ich kaum die Gesichter unterscheiden. Es bestätigte sich auch dort ein Vergleich eines Bekannten, der zu sagen pflegte: „Kommen Sie einmal in eine Gesellschaft deutscher Beamten und deutscher Gelehrten, und sehen Sie sich die Gesichter an; es wird Ihnen jedesmal sein, als wenn Sie in eine Schüssel mit getrocknetem Obst sehen; Sie können nicht einmal unterscheiden, ob Sie vertrocknete Aepfel, Birnen oder Pflaumen vor sich haben.“

Außerdem hatte ich flüchtig ein paar junge Assessoren kennen gelernt, mit denen ich an der gemeinsamen Tafel des Gasthofes speisete.

Ich sollte Alles, was zur Gesellschaft des Orts gehörte, mit einem Male, wenn auch nur sehr äußerlich, kennen lernen.

In dem Städtchen war eine „Kasinogesellschaft,“ die im Winter alle vier Wochen einen großen Ball gab. Es war einer dieser Bälle. Ich hatte mich noch nicht in die Gesellschaft aufnehmen lassen. Der erste Präsident des Gerichts hatte mir trotzdem eine Einladungskarte zu dem Balle geschickt; ich mußte hingehen, und machte dem Präsidenten und seinen Damen mein Kompliment, und mischte mich dann in die Gesellschaft, um mir dieselbe zu besehen.

Es war wirklich eine glänzende Gesellschaft in dem prachtvoll hergerichteten Lokale. Man sah, daß die hier an einem entlegenen Ende der Monarchie versammelte Welt, wenigstens zu einem großen Theile, in den Cirkeln der Residenz sich bewegt hatte. Toilette und Haltung der Damen wie der Herren von Civil zeigte das; die Uniformen und die Tournüre der Offiziere müssen ja auf Commando aus der Residenz geholt werden.

Einer von meinen Wirthshausbekannten nannte mir die Namen der Anwesenden, und theilte mir ihre Geschichte wie ihre Verhältnisse mit. Es war meist eine Skandalchronik. Junge Frauen der Räthe mit den vertrockneten Obstgesichtern und junge Kavallerielieutenants spielten eine Hauptrolle darin. Sodann ein paar Adjutanten, die von den schmachtenden Augen der Frauen ihrer corpulenten Vorgesetzten mit einer fast mehr als militairischen Strenge gegen jeden Blick auf hübsche „Civilisten“-Frauen und Töchter bewacht wurden.

Mein Berichterstatter wurde unterbrochen. Die muntere Laune der ganzen Gesellschaft in unserer Nähr schien auf einmal gestört zu sein. Es entstand plötzlich eine fast unheimliche Stille um uns, freilich nur auf kurze Zeit.

In unsere Nähe war ein Herr getreten, den ich vorher noch nicht bemerkt hatte. Es war ein Mann etwa in der Mitte der dreißiger Jahre; er war ziemlich wohl gebaut. Sein Gesicht machte einen desto unangenehmeren Eindruck; es hatte einen plumpen jüdischen Schnitt, stark gebogene, dicke Nase, aufgeworfene Lippen. Das war es aber nicht, was das Gesicht unangenehm machte; es war darin zugleich ausgeprägt der Ausdruck des unterwürfigen Kriechens gegen Höhere und des rohen Uebermuths gegen Niedere. Verrath und Tücke schienen in dem Auge zu lauern. Das Alles konnte mir nun freilich nur halb die unheimliche Stille erklären, die der Mann durch sein bloßes Erscheinen um sich her verbreitete. Ich sah ihn beobachtender an. Mein Berichterstatter bemerkte meine Neugierde.

„Haben Sie nie von einem Doctor Feder gehört?“

„Nein.“

„Auch nicht in B.?“

„Auch dort nicht.“

„Der Mann ist für unsere Provinz eine Berühmtheit.“

„Das will nicht viel sagen. Sie wissen, jedes Regiment hat den besten Reiter in der ganzen Armee, und doch weiß kaum das dritte Regiment von ihm.“

„Das ist wahr. Aber –. Freilich, jede Provinz hat auch solche Burschen.“

„Dieser ist?“

„Früher ein Jude, jetzt ein Christ.“

„Das heißt?“

„Sie wissen, der verstorbene Staatskanzler begünstigte die Juden. Herr Feder studirte, wurde Doctor der Philosophie, hoffte im Bureau des Staatskanzlers seine Carrière zu machen und blieb Jude. Der Staatskanzler starb; man wollte von dem Juden nichts mehr wissen; er wurde Christ. Man wollte auch von dem Convertiten nichts mehr wissen; er bot sich zu allerlei Diensten an und wurde lange Zeit zurückgewiesen; er wurde Literaturjude, versteht sich als Christ. Diesmal hatte er richtig spekulirt. Wir haben im Staate Leute genug, die einen vortrefflichen, unübertrefflichen Bureaustyl schreiben; aber die Regierung hatte keinen Menschen, der nur erträglich als Publizist auftreten konnte. Dieser Mensch bot seine publizistische Feder an; sie wurde angenommen ; er wurde nach der Hauptstadt geholt und dort in den verschiedenen Ministerien gebraucht, wenn Artikel für auswärtige Zeitungen zu schreiben waren. Nur für auswärtige, für den inländischen beschränkten Unterthanenverstand war der Bureaustyl gut genug; aber er wurde mager bezahlt, und durfte nicht einmal mit einer Miene andeuten, daß und wie er gebraucht wurde. Das behagte ihm auf die Dauer nicht. Er pochte auf seine Verdienste und drohete außer Landes zu gehen und dort die Geheimnisse zu verrathen, die man ihm oft hatte anvertrauen müssen. Er wollte selbst eine Zeitung gründen; die Regierung sollte ihm das Geld dazu geben, und man gab es ihm endlich. Nach anderthalb Jahren hatte seine Zeitung das Geld verbraucht und das Doppelte dazu. Kein Mensch wollte die Zeitung lesen, geschweige kaufen. Er forderte und drohete von Neuem und darüber kam vor etwa einem halben Jahre der jetzige Minister an das Staatsruder. Dieser hat ihn besser zu benutzen gewußt. Er wurde hierher versetzt.“

„Und er ist jetzt?“ fragte ich.

„Offiziell Regierungsassessor und im Geheimen Demagogenfänger.“

„Ach!“

„Er ist aber schon nicht mehr zufrieden. Er strebt nach etwas Höherem und ich fürchte, daß er sein Ziel erreichen wird.“

„Dieses Ziel?“

„Eine Domainendirektion, die mehr Geld einbringt. Er ist vor einigen Tagen von einer Reise nach der Hauptstadt zurückgekommen; soll dort viel denuncirt und intriguirt, und deshalb viel Hoffnung hierher zurückgebracht haben. Es spielen dabei eigenthümliche Verhältnisse mit; ich erzähle sie Ihnen ein ander Mal. Sehen Sie sich jetzt einmal jene Dame an, mit der der Bursche spricht.“

Ich sah mich um. Der häßliche, unangenehme Mensch stand im vertraulichen Gespräche mit einer jungen Dame, einem feinen, blassen, sehr leidenden Gesichte. Man konnte keinen auffallenderen Kontrast sehen, als dieses zarte, unglückliche Mädchengesicht, und diese plumpe, rohe, gemeine Physiognomie des Polizeiagenten. In den Bilderbüchern für Kinder findet man zuweilen das Bild eines großen, zottigen blutgierigen Fleischerhundes, gegenüber einem feinen, ängstlichen Lämmchen. Dieses Bild, passend oder nicht passend, kam mir bei dem Anblicke unwillkürlich in das Gedächtniß. Der Mensch schien, nach dem Ausdrucke seines Gesichtes, nur gleichgültige Worte mit der jungen Dame zu sprechen, vielleicht nur über den Ball, über die Toiletten der Damen oder dergleichen. Man konnte gleichwohl deutlich bemerken, wie sie ihm nur gezwungen, mit innerem Widerstreben zuhörte, und wie dieser Zwang sie unglücklich machte.

„Wer ist die Dame?“ fragte ich meinen Bekannten.

„Seine Verlobte.“

„Unmöglich!“

„Ist Ihnen unter Ihren Collegen der Geheimerath Gamkow aufgefallen?“

„Ich habe wenig auf ihn geachtet; er scheint sehr unbedeutend zu sein.“

„Das ist er. Die junge Dame ist seine Tochter. Sie ist desto ausgezeichneter an Geist und Herz.“

„Und dennoch die Braut dieses gemeinen Menschen?“

„Sie sehen, wie unglücklich sie ist. Ihr eigener Vater hat sie dazu gezwungen.“

[496] „Er scheint mir ja beinahe schwachsinnig zu sein.“

„Eben darum.“

„Ich verstehe Sie nicht.“

„Der alte Geheimerath Gamkow ist eigentlich eine eben so gute, ehrliche, wie dumme und einfältige Haut. Aber er hat eine schwache Seite, der er Alles zum Opfer bringt; selbst dieses herrliche Mädchen hat er ihr aufgeopfert.“

„Ist der Mann wahnsinnig?“

„Nur ein Narr, oder, wenn Sie wollen, ein echter Beamter. Aber sehen Sie, er kommt auf uns zu. Seine Augen scheinen gerade Sie zu suchen, und ich möchte fast errathen, warum. Sie kommen von B.; Sie haben den Justizminister gesprochen; Sie werden bald die unglückliche Narrheit kennen lernen, für die er sein Kind dem Moloch dahinwirft.“

Der Geheimerath Gamkow näherte sich und seine Augen suchten mich in der That. Es war ein kleines vertrocknetes Actenmännchen. Auch das höchst unbedeutende Gesicht war vertrocknet; man konnte nur einen Ausdruck darin erkennen, den einer großen Aengstlichkeit. Diese Aengstlichkeit zeigte er auch in seinem Thun und Lassen. Ich hatte ihn bisher in den Gerichtssitzungen kennen gelernt. Bei jedem Worte, das er dort sprach, sah er sich furchtsam um, was für einen Eindruck es im Collegium hervorbringen werde; jeder Widerspruch brachte ihn in Verwirrung. Eine besondere Narrheit, von der mein Bekannter sprach, hatte ich an ihm nicht bemerkt. Ich war neugierig auf ihre Entdeckung. Mein Bekannter verließ mich, als das ängstliche Männchen sich näherte.

„Ah, ah, Herr College, sehen sich wohl unter den Töchtern des Landes um?“

„Ja, Herr Geheimerath!“

„Sind schön, recht schön. – Sind noch unverheiratet, Herr College?“

„Ja, Herr Geheimerath.“

„Auch noch nicht verlobt?“

„Nein.“

„Ah, schön, schön! Müssen sich hier verloben; meine Tochter, meine Marie soll die Brautwerberin machen; hat ohnehin mit Ihnen zu sprechen; soll Sie zu ihr führen; ist selbst schon verlobt mit einem hoffnungsvollen jungen Manne; gilt viel in B.; hat großen Einfluß bei allen Herren Ministern. A propos, Herr College, sind auf Ihrer Reise hierher durch B. gekommen. Auch bei Sr. Excellenz dem Herrn Justizminister gewesen?“

„Der Minister hatte mich ja zu sprechen gewünscht.“

„Ah, waren gar befohlen! Hohe Ehre! Großes Vertrauen! Seine Excellenz haben Ihnen gewiß auch von dem hiesigen Collegium gesprochen?“

„Einiges.“

„Ah, ah, auch von einigen Personen? Gewiß, gewiß.“

„Es ist möglich.“

„Haben Excellenz nicht gesagt, daß unser Vicepräsident bald abgeht? Ein würdiger Mann, verdienter Beamter; muß nothwendig bald versetzt werden, als Chefpräsident. Glauben Sie nicht auch?“

„Es ist nicht unwahrscheinlich.“

„Also wahr. Sehen Sie, also wahr. Und haben Seine Excellenz Ihnen nichts über seinen hiesigen Nachfolger gesagt?“

„Der Minister sprach über die Sache gar nicht.“

„Ah, Sie wollen mit der Sprache nicht heraus. Sie sind amtsverschwiegen; das ist brav; aber einem alten Collegen gegenüber, den die Sache so nahe angeht –. Ja, ja, man kann mich jetzt nicht mehr übergehen; man muß mir bei der nächsten Vacanz die Stelle des Vicepräsidenten geben; man hat mich lange genug übergangen, man hat mich ungerecht behandelt, meinen Patriotismus, meine Verdienste verkannt, meine großen Verdienste um das Vaterland. Man kann, man darf das nicht mehr. Ich habe mich jetzt unmittelbar an Se. Majestät den König gewandt; Ihnen im Vertrauen kann ich es sagen. Und mein künftiger Schwiegersohn, der in der Hauptstadt viel gilt, hat mich dort kräftig unterstützt, noch in diesen Tagen. Er hat auch wiederholt, was ich in der Supplik an Se. Majestät vorgetragen habe. Es ist nicht recht, daß die großen Verdienste und Aufopferungen eines alten, treuen königlichen Dieners so lange unbelohnt bleiben. Wissen doch, Herr College, wie ich mich für das Vaterland geopfert habe?“

„Ich bin nicht so glücklich. Ich bin fremd in der Provinz.“

„Ich werde es Ihnen erzählen. In dem unglücklichen Jahre (er meinte das Jahr 1806) wurde diese Stadt hier belagert. Ich war damals schon hier; bin hier geboren und erzogen, und auch immer geblieben; habe mich nie versetzen lassen; habe mein Eigenthum hier. Also in dem unglücklichen Jahre Belagerung der Stadt durch die Franzosen; fiel Bombe auf Bombe in die Stadt; eine schwerer und glühender als die andere; war damals junger Rath; war an keine Sitzung zu denken, auch an keine Instruktionstermine; saß Alles furchtsam unten in den Kellern und wagte sich nicht heraus. Ich allein hatte Muth und blieb in meiner Schreibstube und arbeitete; decretirte fleißig ab alle meine Nummern, lauter Cassensachen und Contumacialbescheide. Auf einmal, während ich mitten im Arbeiten saß, fiel eine schwere Bombe auf mein Haus, schlug durch Dach, Boden und Decke des Zimmers, neben mir nieder, zum Glück auch durch den Parquetboden in ein großes Sandloch und krepirte dort, ohne Schaden zu thun. Aber welch’ großes Unglück hätte da entstehen können; mein Haus zerstört, ich zerrissen. Wurde in der That todtkrank vor Schreck, lag sechs Wochen in Lebensgefahr. Und Alles unbelohnt geblieben! Alles! Bin noch Rath, wie damals. Nur Titel Geheimerath; muß endlich Präsident werden.“

Da hatte ich die volle Narrheit des alten Mannes. Er hatte schon seit 1806 daran gezehrt. Aber war es eine besondere Narrheit des Mannes? Will nicht in der Bureaukratie eben Alles Carrière machen? Und wird nicht jedes Mittel dazu in Bewegung gesetzt? Welche ganz andere Sachen werden da als Verdienste geltend gemacht! War nicht der alte närrische Mann, der nur die krepirte Bombe und seinen Schreck als Verdienst um den Staat aufrief, eine tausend Mal edlere Natur, als Hunderte von Subjekten, die Lakaien und Kammerjungfern den Hof machen und auf Bedienten- und Schergendienste sich berufen und nur berufen können, um befördert zu werden? Wie hoch stand er über seinem künftigen Schwiegersohne! Freilich, er wollte auch dessen Gemeinheit benutzen; er opferte für diese sogar sein Kind. Aber das war nur Folge seiner Narrheit, die ihn hier zurechnungslos machte. Ich hatte auch den Schlüssel zu der Verlobung und dem leidenden Gesichte seiner Tochter. Mir fiel ein, daß er mir gesagt hatte, sie wolle mich sprechen.

„Der wahre Verdienst,“ erwiederte ich ihm, „bleibt nie unbelohnt.“

„Gewiß nicht, gewiß nicht.“

„Aber wenn ich nicht irre, Herr Geheimerath, so sagten sie, Ihre Fräulein Tochter wünsche mich zu sprechen. Darf ich Sie bitten, mich ihr vorzustellen?“

„Sehr obligirt.“

Er führte mich zu seiner Tochter.

(Fortsetzung folgt.)




Land und Leute.
Nr. 6. Die Zigeuner an der Donau.

Wie die Raubthiere allmälig vor dem Fortschritt der Civilisation verschwinden, so gehen auf gleiche Weise die wilden Racen des Menschengeschlechts ihrem Ende entgegen. Wüstes Land wird eingehegt, Wälder werden niedergehauen, die Polizei tritt jährlich mehr in Wirksamkeit und die Pariahs verschwinden sammt ihren Subsistenzmitteln. In England gibt es höchstens noch 1500 Zigeuner, in Frankreich findet man sie fast gar nicht mehr; in Spanien schätzt der letzte Census ihre Zahl auf 30,000, die sich fast alle bereits in Städten angesiedelt haben. Vor Ende dieses Jahrhunderts werden sie wohl aus dem Westen Europa’s verschwunden sein.

Um sie in ihrem wahren Charakter und ihrer originellen

[497]
Die Gartenlaube (1856) b 497.jpg

Lagernde Ungarn und Zigeuner.

[498] Kleidung zu sehen, muß man sie in den Wäldern und Steppen Ungarns oder Südrußlands aufsuchen. Dort findet man sie noch zu Zehn- und Hunderttausenden als einen bedeutenden Theil der Bevölkerung. Sie führen ungehindert dasselbe Nomadenleben, wie ihre Voreltern, als sie vor vier und einem halben Jahrhundert nach Europa kamen. Die Zahl der ungarischen Zigeuner betrug nach der Zahlung unter Maria Theresia 53,000; in Transylvanien rechnet man gegen 17,000; in der Walachei und Moldau waren vor zehn Jahren 37,000 Familien, welche zu fünf gerechnet 185,000 Seelen geben, so daß in diesen Fürstenthümern jede achtzehnte Person ein Zigeuner ist. Im südlichen Rußland ist ihre Zahl vielleicht eben so groß, doch läßt sich keine genaue Berechnung anstellen, da sie stets ein wanderndes Leben führen, im Sommer ihr Vieh auf den Wiesen weiden und im Winter sich in die Tiefen der Wälder zurückziehen.

Von den Zigeunern Ungarns und der Donaufürstenthümer hat sich etwa der vierte Theil in Städten und Dörfern niedergelassen, und lebt gleich ihren Brüdern im Westen vom Wahrsagen, Betrügen und Stehlen und scheinbar als Ein- und Verkäufer von Pferden und Maulthieren oder als Kesselflicker und Straßenmusikanten. In der letzten Eigenschaft haben sie Ruf erlangt; in der Musik sind sie Genies, sie wird mit ihnen geboren.

Die ersten Zigeuner des Ostens traf ich in den Karpathen, an der mährischen Grenze. Es war Markt in der benachbarten Stadt gewesen, und von allen Seiten kehrten Ungarn und Zigeuner in den verschiedenartigsten Trachten nach Hause zurück, dann und wann mit ihren Pferden und Karren Halt machend und sich lagernd. Ich habe nie ein malerisch schöneres Bild gesehen, als diese kleinen Lager, wovon ich das eine in beifolgender Skizze möglichst treu wiedergebe. Die stolzen, gemessnen Ungarn mit ihren kleidsamen Trachten sind leicht von den Zigeunern zu unterscheiden. Es wurde gespielt und getanzt, getrunken und gejauchzt. Später sah ich auf einem Hofe auf einem Haufen Stroh mitten in der brennendsten Sonnenhitze vier Ziegeuner allein.

Sie waren alle vier groß und stark gebaut. Schmutziges, zottiges, rabenschwarzes Haar von afrikanischem Schwarz fiel über ihr Gesicht; und wie sie so schlafend da lagen, erschien ihr Körperbau gigantisch. Ihre Kleidung, wenn man es so nennen will, war eine Sammlung der schlechtesten Lumpen, ein grober türkischer Shawl um den Leib gegürtet, in welchem jeder ein großes zweischneidiges Messer hatte. Ihre Instrumente lagen neben ihnen, denn sie waren Musikanten, und als der Abend hereinbrach, begannen sie zu spielen. Zwei spielten Violine, einer Trompete und der Vierte die ungarische Cymbel, ähnlich einer Guitarre, welche gewöhnlich mit zwei kleinen, mit Haut überzogenen Stäbchen gespielt wird. Ihr Spiel war eben so wild als sie selbst. Sie hielten sich nur an die alten ungarischen Volkslieder, jene einfachen, melancholischen Arien, aber mit einer Leidenschaft und einem Vertrag, die in die Seelen der Zuhörer zu greifen schienen. Später fanden wir zu Pesth diese Banden bei jedem Tanz und Concert der niedern und Mittelklassen. Ihre Musik ist immer dieselbe und für einen Fremden wird sie zuletzt eintönig, aber die Zuhörer wurden sie nie überdrüssig. Es gereicht ihnen zur Ehre, daß sie die alten Nationallieder aufrecht halten. Obgleich sie gewöhnlich für arme Leute gehalten werden, kommen sie doch leicht in Ansehen und in respektable Gesellschaft, ja selbst zu bedeutendem Wohlstand. Die Zahl derjenigen, welche sich in die Städte, um Beschäftigung zu suchen, begeben und gewissermaßen als gezähmt betrachtet werden können, ist bedeutend unter den Zigeunerfamilien, welche die fast unbewohnbaren Gegenden bis zur Theiß durchwandern.

Zigeuner werden selten in einem Hause geboren, und besitzen niemals eins. Die großen unkultivirten Ebenen des Banat und der Walachei, wo sie unbeschränkte Weide für ihr Vieh haben und das Gesetz selten bei der Hand ist, um schwierige Fragen zu entscheiden, sind ihr Lieblingsaufenthalt. Hier halten sie sich in Banden von 20–200 und oft noch mehr, bleiben, wenn die Weide gut, vier Wochen auf einem Fleck, und ziehen zuweilen plötzlich nach einem ganz entfernten Theile des Landes. Ein Zigeunerlager in solch einer Wildniß ist stets ein malerischer Gegenstand. In den unermeßlichen Ebenen des Banat, ohne Hügel, Haus oder Baum, welche die wüste Fläche unterbrächen, bietet ein auf der Reise begriffenes Zigeunerlager einen unvergeßlichen Anblick. Zuerst sieht man das Hornvieh und die Schafe, denn da die Weide nichts kostet, so trachten die Zigeuner besonders nach Reichthum in Vieh, das demnach bei Gelegenheit gekauft, geschachert oder gestohlen wird. Schmutzige Knaben, schwarzhaarig und schwarzäugig, mit dem auf ihrem jungen, aber schönem Gesicht liegenden Ausdruck großer Nichtswürdigkeit, treiben das Vieh. Dann kommen die Pferde; gebräunte, kräftige Weiber reiten auf Eseln mit ihren Kindern vor sich im Sattel; Karren mit Waaren und Raub angefüllt und mit Alten und Kranken beiderlei Geschlechts. Leute zu Fuß, Esel und Lastthiere treibend, und ein Nachtrapp auf robusten Pferden, mit Gewehren und Säbeln an der Seite.

Der Reisende wird in der Mitte eines solchen Trupps von einem wunderlichen, mit Furcht gemischten Gefühle ergriffen, und mit heiler Haut davon zu kommen, ist stets problematisch. Wenn die Straße sehr belebt und er dem Anscheine nach wohlhabend ist, läßt man ihn vielleicht ohne einen größeren Verlust als einen Gulden für einige schwarzäugige Prophezeihungen weiterziehen. Im andern Falle bedarf es nur eines Stichs oder Schlages, der Körper wird schnell verscharrt und der Erschlagene ist verschwunden. Im Winter, wenn die Weide schlecht und die Lebensmittel schwer aufzutreiben sind, nähern sich die Zigeuner den kultivirteren Theilen des Landes. Wenn eine solche Rotte sich in der Nähe eines Dorfes der Walachen oder Sachsen niederläßt, können die Einwohner sicher darauf rechnen, daß alles Genießbare und Bewegliche binnen Kurzem verschwindet. Alle Zigeuner sind ausgefeimte Pferdediebe, und die Streitigkeiten zwischen ihnen und dem Volke kommen hauptsächlich vom Bestehlen der Heerden. Des Nachts in einen Pferdestall zu schleichen, ohne den Wächter zu wecken, das beste auszusuchen und sicher fortzubringen, ist die größte Heldenthat eines Zigeuners, und verleiht ihm zugleich bedeutendes Ansehen. Wenn das Pferd in Sicherheit ist, wird es zuerst beschnitten und zurecht gestutzt, so daß sein eigentlicher Besitzer es nicht wieder erkennen kann. So umgewandelt, geht das Thier von Bande zu Bande, bis es endlich Hunderte von Meilen weiter verkauft wird. Die ruhigen, friedlichen Sachsen Transylvaniens werden von diesen professionellen Dieben am meisten heimgesucht. Um die Magyaren und Szekler bekümmern sie sich selten, denn diese handeln eben so gesetzwidrig als sie selbst, und sind weit streitsüchtiger. Die sogenannten Egypter wissen sehr wohl, daß wenn der Magyarenhirt bemerkt, daß seine Heerde bestohlen, und vermuthet, durch wen, er nicht zögert, sich zu rächen, indem er den ersten besten Zigeuner, der ihm in den Wurf kommt, niederschießt oder durchbohrt. Vor den Serbiern, die immer bewaffnet gehen, und ihre Waffen zu gebrauchen wissen, fliehen sie sogar; die Rumänen dagegen liefern ihnen beständig Beute.

Während des letzten Bürgerkrieges, wo Dörfer sich gegen Städte erhoben und in Transylvanien allein 1100 Städte und Weiler niedergebrannt wurden, hingen die Zigeunerbanden gleich Geiern an den Ueberbleibseln.

Die Abneigung einiger Völkerschaften gegen sie drückt sich lebhaft in Volkserzählungen und Liedern aus. In denen der Serbier und Magyaren werden die Zigeuner nur mit Verachtung erwähnt. Die stolzen Ungarn halten sie für zu gering, als daß sie sie unterdrücken sollten. Was sie auch immer begehen mögen, man verachtet sie wegen ihrer grenzenlosen Nichtswürdigkeit. Vor der neuen Reform waren der Adel und die Zigeuner die einzigen beiden Klassen, welche nicht besteuert waren, da die ersteren über, die letzteren unter dem Gesetz standen. Für den Zigeuner gab’s weder ein Gesetz noch eine Rechtshülfe, wenn ihm auch das größte Unrecht geschehen war, da man ihn als einen Geächteten betrachtete. Auch in der Türkei wird ein Zigeunerpostillon oder Courier oft erschossen oder erschlagen, mit oder ohne Recht, ohne daß der Mörder verfolgt wird, denn „es ist nur ein Zigeuner.“

Es ist merkwürdig, wie verschieden sie in den walachischen Legenden geschildert werden, die durch Schott gesammelt sind. Der Zigeuner wird stets als der böse Geist der Geschichte dargestellt. Wenn die Fürstin mit ihrem Liebhaber im Mondschein zusammenkommt, so ist es ein Zigeunerweib, welches zum Herrscher läuft, um ihm das Geschehene zu hinterbringen, der alsdann mit der Krone auf dem Haupt und dem Zepter in der Hand davon läuft, um das unglückliche Paar zu überraschen; es ist wieder eine Zigeunerin, die die Schöne in eine Kuh, einen Vogel oder Fisch verwandelt, wie es seine Majestät wünscht. Der Zigeuner dagegen [499] spielt den Jago im Schauspiel und liefert ohne Gewissensbisse das gräßlichste Gewebe von Verbrechen. Dies Volk scheint in der That das einzige ohne alle religiösen Gefühle und nur darauf bedacht zu sein, den Augenblick zu befriedigen. Der Tod ist ihnen nichts als ein ewiger Schlummer. Und doch sind sie für ihre Begräbnisse besorgt, und lassen ihre Kinder taufen. Oft wiederholen sie diese Ceremonie wohl zwölf Mal, um recht oft Pathengeschenke zu erhalten. In jeder Lage zeigen sie sich als wirkliche Heiden, und wenn sie Kummer zum Beten treibt, so weicht dies Bedürfniß mit dem Kummer.

„Ein Zigeuner,“ sagt eine von den Erzählungen, „fuhr einst mit seinem Karren, der mit seiner ganzen Familie und Gütern beladen war, auf einem schmalen Wege bis an die Axe im Schmutz. Langsam und schwerfällig drehten sich die Räder, bis sie endlich ganz in’s Stocken geriethen. Das Pferd zog, der Mann peitschte es und schwor und fluchte, wie nur ein Zigeuner schwören und fluchen kann. Alles war vergebens, der Wagen blieb unbeweglich. Beim letzten furchtbaren Peitschenhiebe sank das arme Thier in die Knie und fiel auf die Nase. Der Fall des Thieres richtete den Blick des Zigeuners plötzlich himmelwärts, und in seiner Noth rief er beständig die heilige Jungfrau an.

Obgleich er in seinem Leben nicht gebetet hatte, nahm er jetzt die Miene eines Betenden an und brauchte alle Worte, die er von Christen gehört hatte. „Hilf, heilige Jungfrau, hilf, und ich will Dir eine Kerze schenken, so dick wie mein Leib!“ Das Pferd hatte sich inzwischen einen Augenblick erholt, und beim nächsten Peitschenhiebe bewegte sich der Karren ein paar Schritte weiter. Der Heide glaubte sich schon aus aller Noth, als er plötzlich wieder fest saß. Er fing sogleich wieder an, zu beten. Da indeß der halbe Weg zurückgelegt und das Wachs theuer war, so gelobte er diesmal eine nur armdicke Kerze. Er hatte nicht Zeit, um Amen zu sagen, hieb aber noch stärker mit der Peitsche. Der Karren bewegte sich langsam, bis er beinahe aus dem dicksten Schmutze heraus war. Um ganz sicher zu gehen, wiederholte der Zigeuner sein Gelübde, aber der gute Weg war jetzt so nah, daß er sich mit einer nur noch fingerdicken Kerze begnügte. Endlich befand er sich auf dem guten Wege und kam nach einigen Minuten bei einer Kapelle der Jungfrau vorbei. Während er vorüberfuhr, entblößte er sein Haupt und sprach: „Die gnädige Jungfrau hat mehr zu thun, als auf einen armen Teufel, wie mich, zu achten.“

Bei aller Schurkerei und allem materiellen und moralischen Schmutze, in welchem sie mit Liebe leben, sind sie doch sehr schön, besonders die Frauen. Die brennende Sonne dörrt ihr Antlitz mehr, und sie sind daher weit dunkler in Ungarn, als in England. Das freie Leben, welches sie führen, gibt ihnen ein ungezwungenes Gepräge, welches jedoch die Constables, der Stock und das Gefängniß ihren Inselbrüdern längst benommen haben. Die kühnen, braunen, schönen Frauen und Mädchen versetzen uns in Staunen, wenn man denkt, wie solche Augen, Zähne und Gesichtszüge in der stinkenden Atmosphäre ihrer Zelte existiren können. Sie sind in der That schön und ihre Schönheit hat oft zu Verbindungen geführt, die sich meist in Unglück aufgelöst haben.

Stephen B., ein junger und sehr reicher Besitzer im Banat, war auf der Jagd vom Wege abgerathen und brachte die Nacht unter einem Zigeunerzelte zu. Hier sah er ein junges, schönes Mädchen mit tiefschwarzen Augen und dem verführerischen Lächeln ihres Stammes. Ihre Eltern wandten jene Zigeunerlist an, um die keimende Leidenschaft ihres Gastes noch mehr anzufachen. Er war reich, verliebt, elternlos und selbstständig und in einer Woche war die Zigeunerin seine Frau und nach Verlauf einiger Tage im vollen Besitz seines schönen Schlosses am Ufer des Temes. In zehn Tagen hatte sie ein fabelhaftes Glück gemacht. Aus der verräucherten Hütte ihres Vaters war sie, wie durch Zauber in ein schönes Besitzthum übergesiedelt, umgeben mit Luxus, einer Schaar von Dienern und einem ihren Wünschen willfährigen Gemahl. Dessenungeachtet fühlte sie sich unglücklich. Das regelmäßige, ruhige Leben, die Bequemlichkeiten, welche sie genoß, schienen sie niederzudrücken. Wenn ihr Gatte sie nach der Ursache ihrer Blässe und ihres veränderten Aussehens fragte, schaute sie in’s Freie und versuchte zu lächeln. Doch ihr Lächeln war ein bitteres. Ihre einzige Beschäftigung war, Stunden lang über die weite Oede hinzustarren, welche sie so oft barfüßig aber freudig in den Tagen ihrer Armuth durchstreift hatte. So saß sie eines Tages, als ihr scharfes Ohr das Geräusch einer vorüberziehenden Zigeunerbande vernahm. Durch die Bäume erblickte sie die vorüberziehenden Männer- und Weibergestalten, die Esel und beladenen Karren. Jetzt schlug eine fröhliche Stimme den Lieblingsgesang der Zigeuner an:

Der Wind durchsauset Pußt’ und Wald,
Der Mond lenkt hoch sein Steuer,
Darunter macht der Zigan (Zigeuner) Halt,
Und kocht sein Mahl am Feuer.

5
Frei ist der Lachs in Fluß und Meer,

Frei ist der Hirsch aus Hügeln,
Frei ist der Aar am Himmel mehr:
Noch freier wir von Zügeln.
          Hurrah!

10
Noch freier wir von Zügeln!


Jung Mädchen komm mit mir in’s Schloß:
Ich geb’ Dir güldne Ringe
Und seidne Kleider, Dienertroß
Und andre schöne Dinge.

15
Der Geier will für Draht von Gold

Sein hohes Nest nicht missen;
Das wilde Pferd war nimmer hold
Vergoldeten Gebissen.

Nein, frei zu zieh’n durch Flur und Feld,

20
Zu ruh’n beim Waldesfeuer,

Die Welt als Haus, den Himmel als Zelt –
Solch’ Leben ist uns theuer!
          Hurrah!
Solch’ Leben ist uns theuer!

Bei der letzten Note sprang die Lauscherin durch das offene Fenster, und verschwand hinter den Bäumen. Als ihr Gatte nach Hause zurückkehrte, wollte sie Niemand gesehen, noch eine Nachricht über sie haben. Zwei Tage lang suchte er sie vergebens; als er am Morgen des dritten den entfernten Feuerschein eines Zigeunerlagers erblickte, sagte ihm sein Herz, daß er dem Gegenstände seines Suchens nahe wäre. Durch die Büsche schleichend, näherte er sich unbemerkt ein paar Leuten, welche beim Feuer saßen und plauderten. Es waren der Sänger und seine Gattin, welche von den lästigen Stunden in dem glänzenden Elende ihres Schlosses erzählte. Stephan B – kehrte gebrochenen Herzens zurück nach seinem Hause, welches er bald darauf für immer verließ. Im nächsten Jahre brach die ungarische Revolution aus und er fand, was er suchte, einen frühzeitigen Tod vor Temesvár.






Sadleir, der Fälscher einer Million und – seiner selbst.

Wie unumstößlich wahr erscheinen oft zwei ganz entgegengesetzte Ansichten von ein und derselben Sache. Was der eine wissenschaftlich schwarz nennt, ist nach dem klaren Beweise eines andern Professors schneeweiß. Solche Kontraste kommen sehr oft vor im Leben, besonders vor Gericht. Anklage und Beweise des Staatsanwaltes oder Klägers erscheinen oft so unerschütterlich und überführend, daß man denkt, der Vertheidiger oder Angeklagte brauche sich gar keine Mühe zu nehmen, den Mohren weiß zu waschen. Aber gib Achtung, wie der Mohr unter der Wäsche des Vertheidigers Glied für Glied bis auf die Nägel weiß wird und die gelehrten Argumente des Staatsanwaltes wie schmutziges Wasser ablaufen!

Wissenschaft und Leben, besonders Gerichtsverhandlungen sind voll von Beispielen dafür. Aber daß die unumstößlichen Beweise für den Tod und das Leben einer und derselben Person vor unsern Augen unumstößlich bleiben könnten, das kommt nicht alle Tage vor, wiewohl auch nicht zu selten. Wir haben jetzt ein großartiges Beispiel aus dem englischen „Hochleben“ vor uns, [500] aus der Gesellschaft Palmerston’s, denn der Todte und Lebende zugleich ist niemand Geringeres, als Sadleir, Mitglied des palmerston’schen Ministeriums, Fälscher einer Million Pfunde und – seiner selbst, dessen großartige Schwindeleien vor einigen Monaten alle Zeitungen durchliefen.

Am 18. Februar, Sonntag Morgens ward auf den Hampstead-Höhen im Norden von London, einer künstlich erhaltenen, gefunden, wilden Gegend von Hügeln, Thälern, Teichen und Bäumen, ein männlicher Leichnam gefunden. Ein silbernes Milchtöpfchen und eine große Flasche, mit einem Zettel beklebt, auf dem „Essenz von bittern Mandeln“ (Blausäure) gedruckt stand, lagen neben dem Leichname. Er war ganz kalt und der „rigor mortis“ vollständig erkannt. Man trug ihn sofort in’s nächste Arbeitshaus, wo ihn einige Minuten darauf ein Arzt besichtigte, Man fand bei ihm ziemlich 100 Thaler in verschiedenen Geldsorten, ein weißes Taschentuch, ein kleines Taschenmesser, einen Hausschlüssel, ein paar Handschuhe, ein Kästchen mit zwei Rasirmessern und ein Stückchen Papier, worauf Name und Wohnung des Todten geschrieben war, wie sich wenigstens nachher bestätigte.

Die übliche Todtenschau ward in Gegenwart eines Bevollmächtigten seiner Familie gehalten. Dabei stellten sich folgende Thatsachen heraus: 1) Der Tafeldecker des Verstorbenen erkannte in dem Leichnam die Person seines Herrn und sagte aus, daß er das Haus zwischen 11 1/2 Uhr, als er ihn zum letzten Male sah, und 12 1/4 Uhr, als er das Haus mit dem Hauptschlüssel verschloß, verlassen haben müsse, und daß er einen schweren Ueberzieher, den er selten trug, mitgenommen.

2) Ein Arbeiter sagte aus, daß er den Leichnam auf dem Rücken liegend zuerst entdeckt habe, mit dem Kopfe gegen einen Ginsterbusch gelehnt und mit den Füßen herabgestreckt nach einem Sumpfe. Er trug alle seine Kleider, die der Arbeiter wieder erkannte, blos der Hut lag neben ihm. Die Haut fühlte er nicht an, so daß er nicht sagen konnte, ob der Leichnam damals schon kalt gewesen.

3) Ein Policeman deponirte, daß am Orte, wo der Leichnam gefunden worden war, nur zwei Stellen bemerkbar gewesen, die eine Bewegung mit den Hacken verriethen; sonst sei keine Spur eines Todeskampfes zu entdecken gewesen. Das Sahnentöpfchen, mit noch etwas Blausäure lag rechts, die entkorkte Flasche links neben ihm.

4) Der Hauptarzt von Hampstead sah den Leichnam 20 Minuten vor 10 Uhr ganz kalt und steif mit starkem Gerüche nach Blausäure am Munde, doch sonst ohne Zeichen, daß der Todte als Selbstmörder gelten müsse.

5) Der ein zweites Mal citirte Tafeldecker erkannte das Milchtöpfchen als dasselbe, welches sein Herr den Sonnabend Abend vorher zum Thee gehabt habe. Auch sagte er aus, daß die betreffende Blausäure von dem Apotheker, wo Sadleir seine betreffenden Bedürfnisse holen zu lassen pflegte, mit einer schriftlichen Ordre des Verstorbenen geholt worden sei. Zeuge wußte nicht, daß es Gift war, sondern glaubte, es gehöre zu einem Haaröl, das sich der Verstorbene selbst mischen zu wollen geschienen habe. „Der Verstorbene war mäßig und nüchtern und trank blos ein oder zwei Gläser Sherry zu Mittag. Keine merkliche Veränderung in seinem Wesen, stets sehr-geschäftig, nicht geklagt vorher über Schlaflosigkeit oder Kopfschmerz, nicht unter ärztlicher Behandlung. Kam Sonnabends unerwartet zu Tische nach Hause, speiste sonst in der Regel in seinem Klubhause. Verließ das Haus am Sonnabend Morgen in einer Droschke mit vielen Papieren, wie gewöhnlich. Ehe er einstieg, kehrte er noch einmal in sein Zimmer zurück, als ob er etwas vergessen. Einige Minuten, nachdem er weggefahren, kam er noch einmal zurück und blieb einige Momente in seinem Zimmer, fuhr dann wieder weg und kehrte erst Abends zum Diner zurück.

6) Ein Advokat, sehr genau bekannt mit dem Verstorbenen, sah ihn kurz vor 11 Uhr Sonnabend Abends. Er schien niedergeschlagen durch seine Unternehmungen und kam ihm überhaupt abgemagerter vor. Besonders während der letzten Woche hatte er sich verändert. Er sah ganz niedergedrückt aus über den Umfang seiner Geschäfte, besonders über Vorfälle der letzten Woche. Verluste und pecuniäre Verlegenheiten hatten sich plötzlich eingestellt. Seine Augen waren blutunterlaufen und er verrieth ganz ungewöhnliche Unruhe, wie nie zuvor. Zeuge, einmal des Nachts unerwartet zu ihm kommend, fand ihn überrascht, ganz gegen seine Gewohnheit im Zimmer auf- und abschreitend. „Ich glaube, seine Augen roth gesehen zu haben, als wie nach Weinen.“ Gefragt, ob er nicht zu ihm gesagt habe, daß er sich nicht wundern würde, wenn er (Sadleir) sich erschieße, gab er dies zu: „Ich machte diese Bemerkung deshalb, weil ich ihn sonst als einen außerordentlich klaren und willensfesten Mann kannte, der nun gebrochen durch die plötzlichen Entdeckungen vom Mittwoch vorher auch ganz zusammenbrechen werde. Ich hörte, seine Verluste seien ungeheuer. Wir sprachen darüber in meinem Bureau und er gab es zu.“

Der Vorsitzende der Todtenbeschauer sagte, nichts könne klarer sein, als die Ursache des Todes. Es sei vollkommen erwiesen, daß er sich selbst getödtet. Leider sei ihm das Gift ohne Mühe zugekommen, aber die beiden Rasirmesser bei ihm bewiesen, daß er sich unter allen Umständen das Leben genommen haben würde u. s. w.

Auch ergab sich, daß er in ungeheuern pecuniären Verlegenheiten gewesen. Als „Finanzier im gigantischen Maßstabe“ hatte er nicht weniger als die ungeheure Summe von einer Million Pfund Sterling erschwindelt, unterschlagen und durch Betrügereien und falsche Wechsel erlogen. Die Entdeckung einer Hauptbetrügerei war eben unvermeidlich vor der Thür, so daß, wenn er den Montag erlebt hätte, sich sein Palast geschlossen und das Zuchthaus geöffnet haben würde.

Angesichts dieser Thatsachen und Beweise erschien kein Zweifel an dem Selbstmorde des palmerston’schen Collegen möglich. Der Tafeldecker, zwei seiner Brüder und mehrere persönliche Freunde und Bekannte, bei der Todtenschau anwesend, erkannten in dem Leichname den Körper Sadleir’s.

Und doch lösen sich alle diese Thatsachen in Nichts auf vor folgenden Beweisen und Folgerungen.

In einer Zeitung Irlands (Dublin Nation) erschien am 29. März ein Artikel, dessen Hauptinhalt folgender ist:

1) Was ist aus den ungeheuern Geldsummen geworden, die der Verstorbene erschwindelte und die zum Theil baar noch während der letzten Tage in seine Hände kamen? Ein Herr hatte just an dem Sonnabende des Todes 1300 Pfund baar in dessen Hände gezahlt. Davon sei bis jetzt keine Spur gefunden worden. Eine Banknote von 1000 Pfund, die er nachweislich noch an dem Sonnabende besessen, sei nicht aufgefunden. Zu diesen 2300 Pfund baar waren in der letzten Zeit noch andere Baarzahlungen gekommen. Nichts davon sei entdeckt worden. Am Rande des Grabes soll der Selbstmörder alle diese Gelder gesammelt und mit in die Ewigkeit genommen haben?

2) Seine letzten Briefe beweisen, daß er 8 Tage lang mit Selbstmord umging. Während dieser Zeit war er stets damit beschäftigt, sich Geld zu borgen, als ob die Reise in die Ewigkeit sehr viel koste.

3) Die als erwiesen angenommene Todesstarrheit (rigor mortis) wird als Unmöglichkeit nachgewiesen, insofern der aufgefundene Todte der Leichnam Sadleir’s gewesen wäre. Je plötzlicher der Tod, desto länger bleibt die Lebenswärme zurück und verhindert die Leichenstarrheit wenigstens 12 Stunden lang. Der Verstorbene konnte frühestens um 12 Uhr die Hampstead Höhen erreichen. Der Selbstmord kann also nur nach 12 Uhr stattgefunden haben. Und 9 3/4 Uhr Morgens wird der Leichnam kalt und steif gefunden mit entschiedenem rigor mortis. Und dies nach höchstens 8 1/4 Stunden!

4) Dr. Guy sagt in seiner „Gerichtsmedizin“: „Wir sollten uns für gerichtliche, sichere Beweise niemals blos auf das Zeugniß unserer Sinne verlassen (und eben so wenig für jede andere Behauptung oder gar wissenschaftliche Annahme). Es reicht durchaus nicht hin, etwas gesehen, selbst wirklich gesehen zu haben. Das Zeugniß des Auges kann blos gelten, wenn es durch sichere wissenschaftliche Thatsachen und Proben bestätigt wird. Die augenscheinliche Ursache eines Todes ist nicht immer die wirkliche.“ In Bezug auf den Ort heißt es: „Es ist ein ganz gefährlicher Irrthum, zu glauben, daß der Ort, wo ein Leichnam gefunden wurde, auch der Ort sei, wo er um’s Leben gekommen. Gegen das Erkennen eines Lebenden in einem Todten wird Dr. Beck’s Autorität angeführt: „Bald nach dem Tode verändern sich [501] die Gesichtszüge so wesentlich, daß es oft den nächsten Angehörigen unmöglich wird, den Lebenden darin wieder zu erkennen.

5) Kein aufgefundener Leichnam sollte berührt werden, ehe er von Sachverständigen genau untersucht ward. Die Lage des Todten reicht oft allein hin zu entscheiden, ob er sich selbst oder von Andern gemordet worden sei.

6) Der betreffende Leichnam ward in ein Arbeitshaus gebracht, ehe er von einem Sachverständigen gesehen ward.

7) Der betreffende Leichnam ward von keiner einzigen Person, die irgend eine Eigenthümlichkeit an Gestalt und Bau desselben als nur ihm, dem Verstorbenen, eigen, entdeckt hätte, untersucht und mit dem etc. Sadleir wirklich als identisch nachgewiesen. Der einzige Zeuge, der diese Identität beschwor, war der Tafeldecker, derselbe, der keine Veränderung an seinem Herrn wahrgenommen, während der intime Geschäftsfreund und Advokat positiv behauptete, daß der Verstorbene sich ungeheuer verändert gehabt habe während der letzten Tage und hager geworden. (Ueber das Falsche der erwiesensten, beschwornen Identität nachher noch einige drastische Beispiele.)

8) Vor seinem angeblichen Selbstmorde hatte er einen Brief an seine Schwester geschrieben und sie mit feinem Vorhaben bekannt gemacht. Ist dies psychologisch wahrscheinlich?

9) Warum ging er um Mitternacht zu den entlegenen Hampstead-Höhen, um sich das Leben zu nehmen? Wie unwahrscheinlich, daß er mit dem Vorhaben, sich durch augenblicklich wirkendes Gift zu tödten, erst vorher sich die schwere Mühe eines so fernen mitternächtlichen Spazierganges gegeben haben sollte! Und damit die Leute gleich erfahren sollten: ich bin Sadleir, der die Leute um eine Million betrog, steckte er seine geschriebene Adresse vorher in die Tasche, nicht einmal eine gedruckte oder lithographirte Karte. Hätte er zu Hause das Sahnentöpfchen geleert, würde man eher gerechtfertigt sein, den Todten für Sadleir zu halten. Diese ganze Geschichte hat keinen Sinn.

10) Unter den 2,500,000 Lebenden in London war es leicht genug, jederzeit einen Leichnam für jeden Zweck zu kaufen und ihn theatralisch etwas zu sadleiren. –

Dieser Artikel lief sofort durch alle die unzähligen Zeitungen und Journale Englands. Zwar versicherten der Vorsitzende, der Todtenbeschauer und ein Arzt, es könne kein Zweifel an der Identität des Leichnams und Sadleir’s aufkommen; die Presse nahm aber die Thatsachen und Beweise dagegen mit neuen Illustrationen auf. Die Hast und Eile, womit er am Sonnabende seine Papiere zusammenraffte und weshalb er öfter zurückkehrte, deuten auf Flucht mit der nöthigen erschwindelten Habe, nicht auf Selbstmord. Sein ungeheuer ausgedehntes Schwindelgeschäft mit nachweislich ihm während der letzten Tage gezahlten und geborgten Summen müßten ihn in Besitz einer großen Menge Geldes gesetzt haben, womit eine Flucht sehr leicht ward. Der Mann, dessen Leben die ausgedehnteste Virtuosität im Schwindeln und Fälschen war, setzte zuletzt dieser Virtuosität nur die Krone auf – durch eine Fälschung seiner eigenen Person.

Die Unruhe vorher gegen seine Freunde, die Briefe mit der Meldung, daß er sich selbstmorden wolle, die schriftliche Ordre auf Gift, das silberne Sahnentöpfchen, die romantische Placirung des Leichnams auf die Hampstead-Höhen um Mitternacht – Alles ganz hübsche, melodramatische Erfindungen. Aber eine ganz unscheinbare Kleinigkeit hatte man übersehen. Und diese ganz unscheinbare, aber doch sehr glänzende Kleinigkeit – nämlich reine, gewichste Stiefeln an den Füßen des Leichnams – ist gerade der Hauptbeweis, wie in Mordgeschichten ja überhaupt sehr oft die unbedeutendsten, ganz unbeachteten Nebenumstände eine ganze Kette von Beweisen bilden und sich dem Verbrecher selbst um die Glieder legen, ehe der Häscher des Gefängnisses die staatlichen anlegen kann. Ein Mann, der im Februar um feuchte, schmutzige Mitternacht bis nach Hampstead ging, über feuchten Rasen, über sumpfige Thäler und sich dicht an einen Morast hinlegte, um so den letzten Becher zu leeren, mußte nothwendig schmutzige Stiefeln haben, sehr schmutzige Stiefeln. Der Regisseur dieses Melodrama’s hatte aber diese Grundlage aller Illusion übersehen, und dem gefälschten Sadleir ganz reine Stiefeln angezogen. Oder sollte Einer der Stiefelwichserbrigade, die uns auf der Straße um alle Ecken herum meuchlings anfallen, um uns die Stiefeln zu wichsen, um Mitternacht auf Hampstead-Höhe erschienen sein, um dem Leichnam die Stiefeln zu wichsen?

Diese reinen Stiefeln sind vom Boden her der Kopf und die Krone aller Beweise für die genialste, großartigste, aber doch stümperhafte Selbstfälschung. Der Wiederschein dieser reinen Stiefeln liefert die Spiegelbilder der Wahrheit. Wer daran noch zweifelte, wurde durch einen Brief aus Louisiana in den vereinigten Staaten, an einen Engländer in Tipperary (veröffentlicht zuerst im Cork Examiner) dahin belehrt, daß das Original des gefälschten Selbstmörders in Amerika gesehen worden sei, und sich den Umständen nach wohl befinde.

Aber die Beweise für den echten, todten Sadleir sind ebenfalls unumstößlich und respektabel außerdem! Wer ist nun der wahre Fälscher einer Million, der lebende in Amerika oder der in London begrabene? Wir sagen, wir wissen’s noch nicht: für beide Fälle sind noch andere, sehr starke Beweise da aus andern merkwürdigen Fällen irrthümlicher Identität. Im Jahre 1839 ward in England ein gebundener, in einen Sack gesteckter, mit Wunden bedeckter Leichnam im Wasser gefunden und öffentlich ausgestellt. Er ward von drei verschiedenen Familien als einer der Ihrigen in Anspruch genommen. Dies gab zu scharfen Untersuchungen Anlaß, aus denen sich endlich klar herausstellte, daß der Leichnam ein Vierter war, und keiner der drei Familien angehörte.

Dr. Beck erzählt von einem „Auferstehungsmanne“, wie man die professionellen Ausgräber und Räuber an Leichen nennt: „Er wurde wegen Ausgrabung eines weiblichen Leichnams in Stirling vor Gericht gestellt. Es war neun Wochen nach dem Tode. Aber die Verwandten der Verstorbenen erkannten sie noch sicher, zumal da ein besonderes Kennzeichen (sie war lahm gewesen auf dem linken, kürzeren Fuße) nicht mißverstanden werden konnte. Der Angeklagte ward also verurtheilt, zwar mit Recht, aber doch aus einem ganz andern, dem Gerichte unbekannten Grunde. Der Auferstehungsmann hatte nämlich, wie sich später ganz speciell herausstellte, auch in Falkirk einen weiblichen, ebenfalls auf dem linken, kürzeren Fuße lahm gewesenen weiblichen Leichnam ausgegraben. Wegen dieses letzteren (nicht des ersteren, den man als den letzteren beschworen hatte) war der Mann vermöge eines wenigstens 30fachen, ganz gleichen Irrthums verurtheilt worden.

Noch merkwürdiger ist ein Fall aus Canada. Ein aufgefundener Leichnam wird als der eines ermordeten Mannes, Namens William Morgan erkannt. Seine Frau, sein Hausarzt, intime Freunde und mehrere Andere – Alle beschworen: ja, das ist William Morgan. Er ward also als William Morgan begraben. Kurz darauf erschien ein Aufruf, in den Zeitungen: 100 Dollars Belohnung für den, der den Leichnam des im Niagaraflusse ersäuften Timothy Muaroe entdeckt und abliefert! Die Beschreibung der Kleider und anderer Umstände machten es höchst wahrscheinlich, daß der als William Morgan begrabene Leichnam der Timothy Muaroe’s sein könne. Nach Ausgrabung des Leichnams ergab sich denn auch durch Auffindung der vorher ganz genau angegebenen Kennzeichen, daß William Morgan nicht William Morgan, sondern Timothy Muaroe von Ober-Canada war.

Diese Beispiele beweisen wenigstens, daß die Zeugnisse für die Identität des auf Hampstead gefundenen Leichnams und Sadleir’s von gar keiner sichern Geltung sein können, zumal da alle andern Umstände sehr stark zu dem Verdachte berechtigen, daß der englische Minister und Fälscher einer Million sich selbst gefälscht habe, um im Original sich drüben in einer irdischen bessern Welt noch eine Zeit lang der Früchte seines Schweißes und seiner ministeriellen Verdienste um’s Vaterland incognito zu erlaben.



[502]

Lieben und Leben in Persien.


Keimst Du das Land, wo die Rosen von Schiras heißen rothen Liebesduft für die Nachtigallen glühen, jene Ebenen ewiger Sonnenglut und die Gebirgshäupter ewigen Schnees, den alten zoroaster'schen Kampfplatz zwischen dem Lichtgotte Ormuzd und dem Beherrscher der Finsterniß Ahriman, von wo einst vor anderthalb Jahrtausenden Cyrus und Cambyses und Darius Hystaspis und Xerxes drei Welttheile eroberten, über deren Weltreich der große Alexander erobernd und zerstörend hinzog, und über dessen Weltreich wieder andere Eroberer hinzogen, und so ein Reich über das andere begruben, bis endlich das lebendige Grab aller dieser Kulturen und Völker, das jetzige Persien, das Land unendlicher Liebe und unaufhörlichen Borgens und Bettelns, übrig blieb? Niemand kennt es, denn es gehen keine Chausseen und Schlagbäume, keine Paßbureaux, keine Flüsse und Kanäle, keine Eisenbahnen, nicht einmal Feldwege hindurch. Man kann hundert Meilen ohne Weg, ohne Wasser, ohne Grashalm auf glühendem Salze hinwandern, ehe man eine schattige Stelle, einen dunkeln, frischen Gebirgspaß mit Blumen und Leben findet. Aber dann ist das Leben auch Tod. Aus den Schluchten stürzen Räuber hervor und pumpen Dich höflich an, und schlagen Dich dann todt, weil sie Niemandem etwas schuldig sein wollen. Die Sitte des Pumpens, ohne je wieder zu bezahlen (womit man sehr viel Geld verläppern kann), ist überhaupt die herrschende in Persien. Zwar herrscht auch ein Schach, der sich aber gegen Schach-Matt nur dadurch wehrt, daß er als wirklicher Vater seiner Landeskinder dieselben fortwährend anpumpt, um sich ernähren zu können. Die Landeskinder pumpen sich das Geld für ihren gemeinschaftlichen Vater ebenfalls, und so ist das jetzige persische Leben ein ewiges Pumpwerk ohne Wasser. Warum gingen alle die weltbeherrschenden Reiche, die von Persien und dem Oriente aus erobert wurden, so schnell hintereinander wieder unter? Wegen des ewigen Pumpens, bis das Wasser alle war, wegen des unersättlichen Durstes der Soldaten und Satrapen, auf welche sich die Herrscher verließen. Ich denke bei solchen Militär- und Satrapenwirthschaften immer an den, weisheitlichen Fibelvers, den ich schon im fünften Jahre aus meinem A-B-C-Buche lernte und nie wieder vergessen habe:

„Xerxes verließ sich auf sein Heer;
Darauf ward er geschlagen sehr.“

Die Gartenlaube (1856) b 502.jpg

Thronzimmer des Schach von Persien.


Er wurde sogar ermordet, der große Perserkönig Xerxes, nachdem er an der Spitze eines Weltreiches und einer Million Soldaten von einem Häuflein Griechen fünf-, sechsmal total geschlagen worden war. Er wurde ermordet und seine Nachfolger wurden ebenfalls alle ermordet.

Was hilft es jetzt dem Schach von Persien, daß er in des Wortes verwegenster Bedeutung Landesvater ist? Er ist und bleibt matt, und muß sich stets an das starke Rußland lehnen und von ihm leihen, bis er verfallen ist. Die Engländer, welche gern einen bequemen, sichern Landweg nach Indien über Persien haben möchten, sehen diesem Verfalltage mit großer Besorgniß entgegen, und möchten gern mit ihrer allmächtigen Flotte dazwischen fahren, wenn nur das Wasser in Persien nicht zu knapp wäre. Ohne Wasser hilft ihnen die Flotte nichts. Aber Wasser thut’s freilich auch noch nicht. Das Unten muß ein Oben, einen Kopf haben. Für die englische Flotte fehlt es aber seit langer Zeit an einem Kopfe. So haben sie’s seit langer Zeit auf trocknem, d. h. diplomatischem Wege versucht, den Russen in Teheran, der Residenz des persischen Landesvaters, den Rang abzulaufen. Aber es ging bis jetzt nicht. Die Köpfe der englischen Aristokratie, der geschlossenen Regierungskaste, werden erwiesener Maßen immer kleiner und verlieren sich mit der Zeit wohl ganz und gar, so daß die rothen Republikaner, welche sie ihnen abschlagen wollen, am Ende gar nichts abzumähen finden; während sich Rußland ohne alles Ansehen von Geburtsschein und Nationalität aus allen Ständen und Nationen fortwährend mit den tüchtigsten Köpfen versieht, und sie in Staats- und gelehrten Sachen tüchtig anstellt, bezahlt, und für seine Zwecke Früchte treiben läßt. Unter diesen Umständen können die Engländer mit ihren verschwindenden Kasten-Köpfen und zusammenschrumpfenden, exclusiven Gehirnkasten auch an, Hofe von Teheran nichts ausrichten. [503] Sie haben ihren früheren Gesandten Sheil abberufen und einen andern exklusiven Kleinkopf hingeschickt, um mit ihrer Geburts- und Standespolitik gegen die russische des Talents und der Rücksichtslosigkeit zu concurriren, aber was Sheil nicht verstand, kann Schale auch nicht. Sie sollten Damen als Minister und Gesandte anstellen ; denn die englischen Damen zählen noch die meisten Männer unter sich. So ist auch Lady Sheil eine ganz resolute, kluge, gebildete Dame, die nur deshalb in Teheran nicht durchgreifen konnte, weil ihr Mann zu hartnäckig auf sein exclusiv ihn, angebornes Talent pochte.

So schrieb Lady Sheil aus Langeweile und Verzweiflung ein Buch über „Leben und Sitten in Persien“, das sehr unterhaltend und belehrend ist, und von eben so klarer Beobachtungsgabe, als gefälligem, oft witzigem Darstellungstalent zeugt. Wir geben aus freier Erinnerung an die Lektüre dieses Werkes einige charakteristische Züge aus dem Leben und den Sitten des jetzigen Persiens zum Besten.

Um geographisch nichts vorauszusetzen, bemerken wir, daß Persien hinter der asiatischen Türkei anfängt, sich nördlich an Rußland und das caspische Meer, südlich an das arabische oder persische Meer anlehnt und östlich in der Richtung nach Indien, von welchem es durch mehrere große und kleine despotische Staaten (Afghanistan, Beludschistan u. s. w. getrennt wird) in unbegrenzte wüste und Räubergegenden ausläuft. Ueberhaupt hat es keine bestimmte Grenzen, wenn man nicht Wüsten, die von Räubern und Gebirgen durchzogen sind, als solche gelten lassen will. Was die türkische und russische Grenze betrifft, so sind weder die Geographen noch die betreffenden Herrscher darüber ganz einig. Neuerdings hat es große Strecken an Rußland abtreten müssen, das außerdem andere Provinzen und im Grunde bereits das ganze Land, für früher geleistete Dienste als Pfand betrachtet. Als Grenze gegen die arabische Türkei ziehen sich die alten berühmten Flüsse Euphrat und Tigris, an denen einst die Kultur der Menschheit europawärts heraufkletterte, in den persischen Meerbusen hinunter. Die Engländer geben als vermuthliche Größe des Landes 500,000 ihrer Geviertmeilen und die Einwohnerzahl auf 9 bis 10 Millionen an, Abkömmlinge der alten Parsen, noch immer ein schöner, schlanker Menschenschlag und natürliche Aristokratie des Landes, tüchtige Reiter, Waffenkünstler, Juweliere, Teppich- und Shawlfabrikanten, die „Franzosen des Ostens“, dann Mischlinge auf Dörfern, Hirten, Nomaden, wie weiland Abraham, und zuletzt wandernde Stämme und Familien türkischen, afghanischen, arabischen, mongolischen Blutes, die noch ganz so leben, wie sie in der Bibel figuriren oder in „Tausend und einer Nacht“, weidend, kriegerisch, räuberisch, brav, gastfreundschaftlich, roh und zänkisch, je nachdem es Geschäft und Reizung mit sich bringen.

In den Städten ist eine besondere Klasse von Künstlern und Gelehrten charakteristisch, die unsere Literatur, Dichter, Sänger, Buchhändler und Drucker vertreten, die Abschreiber von Büchern, Kriegsgesängen und Liebesgedichten, an denen die persische Literatur so reich ist. Gedruckt wird nichts, Alles abgeschrieben und so fortgepflanzt. Zwar hat der Schach in Teheran eine Art Druckerei, aber nur für Privatzwecke. Im Lande und für’s Land wird nur geschrieben und zwar von der betreffenden Künstlerklasse wunderbar schön und zierlich. Am Meere leben etwa 30,000 Personen als Taucher und Perlenfischer. Die dünne Bevölkerung auf dem großen Hauptplateau, 3–4000 Fuß über der Meeresfläche, durchzogen von Gebirgen, Salzseen und Salzwüsten, aus deren Trostlosigkeit manchmal die duftigsten Oasen hervorblühen, lebt wie sie eben kann, von etwas Viehzucht, Früchten, Luft und Sonne und am herrlichsten des Nachts unter dem klaren, tiefblauen, mit blendend goldleuchtenden Sternen geschmückten, stillen Himmel, unter welchem das Mährchen und süße Lied ihres alten Hauptdichters Hafis gar traulich weithin klingt, und Alt und Jung geistig sättigt und erquickt die ganze stille, funkelnde Nacht hindurch.

Die höheren Klassen leben vom Leihen und Liebe, vom Soldat- und Beamtenspielen, von Intriguen, Heirath und Scheidung, vom Morden und Ermordetwerden. Kultur, Sittlichkeit, Bildung in unserm Sinne gibt es nicht. In einem Lande der raffinirtesten Despotie ist das nicht möglich. Das Interesse des Despoten verschlingt alles Gedeihen außerhalb seines Kreises. Deshalb finden wir in der Hauptstadt Teheran (welche in einem früheren Jahrgange der Gartenlaube geschildert wurde) neben dem größten Luxus des Hofes gleich Schmutzhütten und Erdlöcher, in denen die nicht am Hofe schmarotzenden Leute ihr Elend verstecken.

Der Luxus persischer Köuige war stets sehr groß, doch liegen die Denkmäler ihrer Herrlichkeit in den Ruinen von Persepolis, Ekbatana u. s. w. vergraben. Die Paläste des jetzigen Schachs sind ein luxuriöses, geschmackloses Gemisch alter Parsenarchitektur und russischer, französischer und englischer Luxusindustrie. Am Berühmtesten ist die Citadelle von Teheran mit der hallen- und zimmerreichen Residenz des „Landesvaters.“ Um eine Anschauung von dieser innern Herrlichkeit zu geben, finden wir hier eine Abbildung des Hauptsaales im „Jmaret Khurscheed“ oder dem „Palaste der Sonne“. Es ist das Thronzimmer, in welchem des Herrscher zuweilen Audienz gibt oder, wie es in Persien officiell ausgedrückt wird, „das Licht seines Antlitzes auf den Staub der Erde ergießt.“

Diese Thronhalle ist berühmt und schon oft überschwenglich besungen worden, ungemein geräumig und kirchenschiffhoch mit Receffen an jedem Ende und russischen Bildern an den Wänden, die mit Marmor und alten Arabesken ornamentirt sind. Die eine ganze Seite der Halle ist offen und wird hier von 30 Fuß hohen schwarz marmornen Säulen getragen. Auch der Thron ist von Marmor und, wie unzählige Stellen an Wänden und der Decke, mit arabischen Koransprüchen bedeckt. Durch die schwarzen Säulen lacht und duftet ein ewiger Frühling herein: Gulistan, der Rosengarten mit sprudelnden Fontainen und „Rosen, deren feuriges Roth und deren sinnberauschender Duft nie auf Staub herabsah, der ewige Lenz, den nie ein kalter Hauch in seiner warmen Blüthenfülle traf.“ Draußen freilich fängt schon nicht weit von dieser üppigen Herrlichkeit der Schmutz elender Hütten und unterirdischer Löcher, in denen Menschen logiren, an und hört selten wieder auf durch’s ganze weite Land hindurch.

Das ist das Bild des Despotismus überall, eine Masse üppig glänzender, ummauerter Isolirtheit, sich aufthürmend über Armuth, Elend, sittlicher und materieller Verwahrlosung und Alles ausbeutend, niederwerfend, vergiftend oder mit den grausamsten Qualen ermordend, was sich in eigener, schöner Menschlichkeit daneben erheben will. Der persische Despotismus bekommt nur durch seine ungeheure Landesväterlichkeit noch eine ganz eigene tragikomische Färbung, wie das ganze höhere Luxusleben sich nach dem Muster des Landesvaters durch die leichtsinnigste und luxuriöseste Vielweiberei auszeichnet. Hier wollen wir Lady Sheil selbst sprechen lassen.

„Das vom Urgroßvater des jetzigen Schach, Fetteh Ali erbaute Jagdschloß Suleimaiija enthält unzählige Höfe und Zimmer, worin der große Harem des jetzigen Monarchen residirt, der sich den König Salomo zum Muster genommen zu haben scheint. Man schätzt die Bewohnerinnen desselben auf mehrere Hunderte.

An Söhnen haben Se. Majestät etwa achtzig, aber die Zahl seiner Töchter ist so groß, daß man sie nicht addiren kann, zumal da mehrere gänzlich in Armuth verschollen sind. Die Zahl der weiblichen Geburten übersteigt in Persien durchweg die der männlichen bedeutend. Dies führt man als eine Anweisung der Vorsehung zur Vielweiberei an. Die Söhne Sr. Majestät folgten dem Beispiele des Vaters, so daß einige Prinzen bereits je 40 bis 50 Kinder haben. Die direkte Familie des Monarchen besteht so aus einigen Tausend Personen, die nur natürlich nicht alle auf so hohem Fuße leben können, als es ihr Rang anderswo mit sich bringen würde. Es fehlt an Moneten für alle die Majestäten. Einige der Prinzen und Prinzessinnen sind bis zur Bettelarmuth herabgesunken. Einer der Hoheiten pflegte selbst auf den Markt zu gehen und Brot für seine Familie zu kaufen (was noch sehr vernünftig ist); außerdem kenne ich mehrere, die unsere Missionäre um Geld anbettelten, da sie nichts für ihre Familie zu essen hätten. Die Prinzessinnen leben in noch bedauerlicheren Verhältnissen.

„Die ganze Nation scheint vom Schach an, der dem Kaiser von Rußland beinahe den Werth des ganzen Landes schuldig ist, (er ließ sich mehrmals gegen empörte Unterthanen „retten“) bis herunter zum niedrigsten Maulthiertreiber, bis über ihre spitzen Mützen in Schulden zu stecken. Das Wunder ist nur, wer der ganzen Nation Geld borgt. Einige Teppichflechter und Juweliere mögen allerdings Geld haben, aber auch wer reich ist, stellt sich arm und bettelt und borgt, um so den schweren, unersättlichen [504] Fäusten der schachlichen Steuereintreiber, die nehmen und rauben, wo sie etwas finden, zu entwischen. Heute präsentirte sich uns Malik Miirza Beg, unser Pferdejunge, gehörig aufgeputzt, aber mit traurigen Blicken und jämmerlich bittender Haltung und erklärte, daß seine Schulden schwer auf ihm lasteten und wir verpflichtet wären, ihn durch einen Vorschuß von 12 Pfund wieder aufzurichten. Als Gründe für die Anleihen figuriren erstens eine neuhinzugekommene Frau, dann eine starke Familie, der Tod des Vaters, die Fallsucht des Hauses oder eine schon eingefallene Wand und ein Loch im Dach, im Aermel oder in der Tasche. Aber, wie gesagt, eine Vermehrung des Harems und eine frische Eroberung, ein neuer Herzensschatz ist in der Regel die Veranlassung zu Angriffen auf den Geldschatz Anderer. Unser Tafeldecker Mahommed Agha nahm sich eine zweite Frau, sobald er in unsere Dienste getreten war. Dem Tafeldecker (eines englischen Gesandten) mochten viele Neigen vom Tische und manche Gelegenheiten, seine Finanzen zu verbessern, zugefallen sein, so daß er wohl dachte, auch eine dritte Schönheit lasse sich mit durchbringen. Wir erfuhren dies nicht ohne Besorgniß, da die drei Schönheiten und deren mögliche Nachkommenschaft alle auf unsere Kosten zehren mußten. Als uns daher ein Gerücht zukam, Mahommed Agha gehe für eine vierte Lebensgefährtin auf Freiers Füßen, ließen wir ihn kommen und gaben ihm den ernstlichen Rath, daß, wenn er bei uns Tafeldecker bleiben wolle, er die für’s künftige Leben versprochene Anzahl von Huri’s im Paradiese nicht schon in diesem irdischen Zustande nehmen dürfe.

„Auch unser Kammerdiener Suleiman Agha (Agha heißt fast Jeder in Persien, wie bei uns Schulze oder Müller) hatte sich in viel Liebe und noch mehr Schulden gestürzt. Eines Tages fehlte er uns auf der Reise. Er hatte einen Abstecher in das benachbarte Tabreez gemacht und sich dort geschwind verheirathet. Als wir nach Teheran zurückkamen, ließ er sich von seiner bisherigen Frau, die blind geworden war, scheiden. Später reis’te er mit uns nach Ispahan und verschwand sofort auf längere Zeit, um, wie er nach seiner Rückkehr sagte, seine nach ihm schmachtende Frau zu besuchen. Er schien in jeder Stadt, wohin wir kamen, immer schon eine Frau vorräthig zu haben. In ähnlicher Lage ist der größte Theil der – Gebildeten – überall in Schulden und in Harems.“

Sie verkommen im Uebermaß des Ausgebens gegen Einnahme und Enthaltsamkeit und haben bereits alle moralische Kraft verloren, wie der große vielweiberische und frauenehrlose Muhamedanismus. Nur zuweilen glühen sie noch zu einem Dschihad (Glaubenskrieg, Krieg gegen Verrath) auf und ermorden mit Ingrimm ihre Feinde, zu denen manchmal auch der Schach gerechnet wird, so daß dieser Landes und starke Familienvater nicht zu beneiden ist. Der Muhamedanismus sinkt dem russischen Reiche in die Arme, besonders nachdem England und Napoleon die Türkei „gerettet“ haben. Der palmerston-napoleon’sche Krieg der „Civilisation“ hat diesen Prozeß nur in beschleunigten Gang gebracht. Das Leben der Perser ist todt, selbst ihre Todten morden noch. Die Maulthierkaravanen, welche die Todten in verschiedenen Ortschaften sammeln und auf Kirchhöfe bringen, warten immer hübsch lange auch in der größten Hitze, bis sich eine gute Zahl Leichname angesammelt hat. Dann binden sie die engen Leichnamskisten, schlecht verschlossen, auf ihre Maulesel und ziehen so langsam von Ort zu Ort und endlich auf den Begräbnißplatz. Viele Leute sterben schon, während solche Karavanen in heißer, stiller Sonnenglut vorbeiziehen, von dem Gerüche.

Und wie viele läßt der Landesvater im Interesse der Ruhe und Ordnung todtpeitschen, vergiften oder lebendig begraben? Auch privatim thut die Bastonnade den Sohlen und Seelen viel Schaden. Lady Sheil ward einmal während einer mäuschenstillen Nachtreise durch ein tiefes Stöhnen und Jammern aufgeschreckt. Auf nähere Erkundigung erfuhr sie, daß ihr Reisegefährte, ein persischer Khan oder Adeliger, in der Betrunkenheit mit seinem Koch unzufrieden geworden war und ihm die Bastonnade geben ließ.

Sie sah den Koch in einen „Fellek“ gespannt, ein langes, starkes Holzstück mit zwei Aushöhlungen in der Mitte, in welche die Hacken des Schuldigen gebunden und dann von zwei Ferashes (Polizeibeamten) so hoch gehalten werden, daß der Gebundene beinahe aus dem Kopfe steht. Zwei andere Ferashes bearbeiten nun die nach Oben gefesselten Fußsohlen mit Ruthen – zuweilen Stunden lang. Früher war kein Stand vor diesem Sohlenkitzel eximirt und nach dem letzten russischen Kriege ließ der Schach den General, der eine Schlacht verloren hatte, auf diese Weise auf dem öffentlichen Platze von Teheran besohlen, nur daß ihm die Ehre zu Theil ward, auf einem persischen Teppiche auf dem Kopfe zu stehen, während die Sohlen gen Himmel schrieen, und daß der Kronprinz Abbas Miirza höchsteigenhändig den ersten Schlag that.

Auf so besohlten Füßen kann Persien unmöglich vorwärts kommen oder auch nur festen Fuß fassen auf eigenem verschuldeten Boden.

Selbst die strenge Ministerverantwortlichkeit, die in Persien herrscht und ganz anders practicirt wird, als in England, wo die Minister stets unverantwortlich handeln, kann . nichts mehr helfen, da die Herren immer todt gemacht werden, ehe sie sich verantworten können. Amir Miirza, Staatsminister und Schwager des Schach, war in Ungnade gefallen und suchte viele Monate Schutz in dem unverletzlichen Privatzimmer seiner Frau, der Schwester des Monarchen. Endlich kam eine Hofdame mit der freudigen Botschaft, daß der Schach seinen Zorn bereue und der Khelat (Ehrenkleid, Staatsuniform) für den gefallenen Minister schon unterwegs sei. Er möge sich deshalb durch ein Bad zur Anlegung des Ehrenkleides vorbereiten. Amir Miirza eilte nach dem lang entbehrten Bade, wo ihm eine Horde Ferashes die Wahl ließen, welchen Tod er sterben wolle. Sterben müsse er. Amir Miirza ließ sich im Bade die Adern öffnen und so sein Leben schließen.






Eine gute Fee.


Matt schlich ich Mittags auf der Höhensteppe,
Wo ringsum weder Haus, noch Busch, noch Quell.
Ob ich mich niederleg’? Ob weiter schleppe?
So frug ich, ein verzweifelnder Gesell.

      Da war mir’s, als ob unfern etwas rauschte:
      Wie Flüstern klang’s dazu, und als mein Ohr
      Begierig diesen Lispeltönen lauschte,
      Riß auch dem müden Auge flugs der Flor.

Es stand nicht weit von mir, am Bergeshange,
Ein feenhaften Wesen, zart und schlank;
Sie winkte mir; ich zögerte nicht lange:
Frohlockend ich zu ihren Füßen sank.

      Da lag ich lange, bis des Durstes Qualen
      Mich jagten auf, und bis zum Wahnsinn wild
      Küßt’ ich den weißen Leib zu tausend Malen,
      Bis labend mir daraus sein Blut entquillt.

Und gnadenreich, wie alle gute Feeen,
Ließ mit Gekos’ indeß die meine auch
Mir über’m Haupt den grünen Schleier wehen,
Mich schützend vor der Sonne Glutenhauch. –

      Gesegnet sei für das, was ich genossen,
      Einsame Birke Du aus wüstem Raum!
      Hab’ Dank, daß mir Dein Labesaft geflossen,
      Dein Schatten mich erquickt, Du trauter Baum!

Wilhelm Künstler.


Nicht zu übersehen!

Alle Einsendungen von Manuskripten, Büchern etc. etc. für die Redaktion der Gartenlaube sind stets an die unterzeichnete Verlagshandlung zu adressiren.

Leipzig.
Ernst Keil.

Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Hierzu eine Extrabeilage.