Die Gartenlaube (1856)/Heft 38

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1856
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1856) 505.jpg
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[505]
Weihnachts-Heiligerabend.
Vom Verfasser der „neuen deutschen Zeitbilder.“
(Fortsetzung)

Das schöne Mädchen war allein; ihr Bräutigam hatte sich schon seit einiger Zeit von ihr entfernt. Das blasse Gesicht erröthete, als ich mich ihr nahete. Es hatte ihr nicht unbemerkt bleiben können, daß ich sie während meines Gesprächs mit ihrem Vater und während ihrer Unterhaltung mit ihrem Bräutigam beobachtet hatte. Mir kam es vor, als wenn sie vor Scham erröthe, daß ich sie in der Nähe jenes gemeinen Menschen gesehen hatte.

„Ich habe einen Gruß an Sie,“ sagte sie zu mir. „Von einer Freundin, die Sie schon lange zu ihren Freunden zählt, von Therese von Grauburg.“

„Frau von Grauburg? Wo lebt sie?“

„Drei Meilen von hier, auf der Domaine Vornholz. Ihr Mann ist dort Domainendirektor.“

„Und wie geht es ihr?“

„Sie ist wohl; sie hat herrliche Kinder.“

„Und ihr Mann?“

„Sie hat mir die herzlichsten Grüße an Sie aufgetragen, als sie erfuhr, daß Sie hier seien. Sie denkt Ihrer noch mit inniger Freundschaft und hofft, Sie recht bald zu sehen.“

„Sie haben meine Frage nach ihrem Manne nicht beantwortet.“

Die Dame wurde verlegen; ich wurde neugieriger. „Er ist Domainendirektor, sagen Sie?“

„Ja.“

„Man hatte ihm eine bedeutendere Carrière prophezeit.“

„Die Stelle ist sehr einträglich.“

Sie hatte rasch geantwortet, und wurde blutroth im Gesichte, als wenn sie die rasche Antwort bereue. Ich erinnerte mich, daß mein Bekannter mir erzählt hatte, das Ziel des Demagogenfängers sei eine Domainendirektion; ich dachte noch darüber nach, als in einem Nebenzimmer des Ballsaales, das ganz in unserer Nähe war, eine Bewegung entstand; es waren dort Spieltische arrangirt. Aus der Thür des Zimmers trat rasch der Doktor Feder hervor; sein Gesicht war leichenblaß; seine Augen schossen Wuth. Hinter ihm her drängten sich mehrere Herren mit höhnischen, schadenfrohen Gesichtern; sie blieben meist in der Thür stehen und sahen ihm nach; ein junger Lieutenant folgte ihm in den Saal, laut lachend. Der Demagogenfänger mischte sich in das dichteste Gedränge des Saales und verschwand dort. Die junge Dame, mit der ich sprach, begann heftig zu zittern; sie wurde blässer, wie ihr elender Bräutigam.

„O Gott, was ist das!“ hörte ich sie leise seufzen.

Ich führte sie zu einem in der Nähe befindlichen leeren Sopha. Zum Glück hatte Niemand sie bemerkt; sie blieb auch ferner unbemerkt; freilich sollte dies ihr neuen Jammer bringen. Der junge Lieutenant ward von einer jener strengen Offiziersfrauen mit den schmachtenden Augen angehalten. Sie saß nicht weit von dem Sopha.

„Was gab es da, Herr von Borst?“

„Einen köstlichen Spaß, meine Gnädigste, auf Ehre!“

„Erzählen Sie.“

„Sie kennen den unangenehmen Menschen, den Doktor Feder?“

„Wer kennt ihn nicht!“

„Er drängt sich überall an und kriecht überall ein.“

„Mit Unterschied, Herr von Borst. Er kriecht nur gegen Adel und Offiziere; gegen alles Andere ist er grob.“

„Richtig, meine Gnädigste, auf Ehre. Adel und Offiziere können ihn aber auch zehnmal zur Thür hinauswerfen, er kommt immer wieder mit einem krummen Buckel und unterthänigen Diener zurück.“

„Schon sein Gesicht ist mir ein krummer Rücken und unterthäniger Diener. Aber erzählen Sie.“

„Sie wissen, der Rittmeister Schmettau kann ihn besonders nicht leiden; aber desto aufdringlicher und submisser ist der Mensch gegen ihn. Der Rittmeister spielt dort L’Hombre mit ein paar anderen Offizieren; der Doktor Feder stellt sich hinter seinen Stuhl; der Rittmeister hat Unglück, auf Ehre, abscheuliches Guignon, er verliert jedes Spiel, und der Doktor bedauert ihn. Der Graf Schmettau wird darüber doppelt ärgerlich; aber er hält an sich, denn er will dem erbärmlichen Menschen nicht zeigen, daß er sich über ihn ärgert und wartet auf eine günstige Gelegenheit, ihn zu züchtigen. Auf einmal bekommt der Rittmeister einen Solo mit vier Matadoren und zwei Trümpfen in Schwarz, einer Force und einer gardirten Dame; das Spiel war unverlierbar; er kündigt den Solo an; der Doktor Feder hat die Karte gesehen. Herr Graf, sagt er, wenn Sie das Spiel verlieren, so bin ich ein Hundsfott. Schreibt mir eine Codille an, sagt ruhig der Graf, wirst die Karten auf den Tisch und gibt weiter.

„Sehr gut,“ lachte die Dame.

„Superbe, auf Ehre, meine Gnädigste.“

„Und der Doktor? Fühlte er endlich!“

„Endlich. Alles lachte so fühlbar, daß er sich auf- und davon machte.“

[506] Die Dame und der Lieutenant lachten wiederholt.

Die unglückliche Braut raffte ihre letzte Kraft zusammen. Sie erhob sich von dem Sopha, nahm meinen Arm und bat mich mit einem Wink, sie aus dem Saale zu führen. Draußen erklärte sie, daß es ihr unmöglich sei, länger zu bleiben, und bat mich, sie nach Hause zu begleiten und ihrem Vater erst bei meiner Rückkehr Nachricht davon zu geben. Sie fürchtete, daß er, wenn sie ihm vorher ihren Entschluß mittheile, ihren Verlobten herbeirufen werde. Ich führte sie in ihre Wohnung und mußte wieder die Rolle eines Vertrauten übernehmen, denn sie erzählte mir unterwegs weinend ihr Schicksal. Sie war wirklich der Eitelkeit, der Thorheit ihres Vaters zum Opfer gebracht; der schwache Mann, der auch in Beziehung auf seine Wünsche dem Doktor einen Einfluß beimaß, hatte dessen Bewerbungen um die Tochter nachgegeben und die Unglückliche gequält, bis sie sich fügte. Sie erzählte mir jetzt auch mehr von der Frau von Granburg.

„Auch die arme Therese ist nicht glücklich und hat viel zu leiden und zu kämpfen gehabt, denn der Leichtsinn ihres Mannes hat ihr manche schwere Stunde bereitet; ihr Ehestand war eine fast ununterbrochene Kette von Sorge und Angst; seit einem halben Jahre haben sich diese noch vermehrt, und von einem großen Theile derselben wird sie hoffentlich in diesen Tagen befreit werden. Ihr Mann war unter dem Staatskanzler rasch befördert worden; er würde Regierungsrath und bald Abtheilungsdirigent bei der Regierung; er stand eben im Begriff, zum Präsidenten ernannt zu werden, als der Staatskanzler starb. Sein Glück hatte zu seinem Leichtsinne den Uebermuth herbeigeführt, und dadurch hatte er sich viele Feinde zugezogen. Der Nachfolger des Staatskanzlers beförderte andere Familien, andere Personen. Der Herr von Grauburg wurde nicht Präsident, wohl aber waren eine Menge seiner Feinde befördert und sogar seine Vorgesetzten geworden. Er hatte sich nach und nach von der Leidenschaft des Spieles beherrschen lassen; man hatte ihn einige Male an einer öffentlichen Spielbank sitzen sehen; dies wurde zur Veranlassung genommen, ihm seine Abtheilungsdirektion zu nehmen. Er verlor nun die bedeutende Dirigentenzulage, und konnte sich nicht einschränken. Theresens Vater war ohne alles Vermögen gestorben; er selbst war gleichfalls ohne dieses, und gerieth daher sehr in Schulden; bei den Avancements wurde er übergangen; alle seine Beschwerden waren vergebens; der jetzige Minister kam; dieser will ihm noch weniger wohl; dessenungeachtet wurde er vor einem halben Jahre auf einmal befördert, und erhielt die sehr einträgliche Domainendirektion in Vornholz. Dies war Allen unerwartet und unerklärlich; ich sollte aber leider Licht darüber erhalten; man rechnete auf seine Schulden und die Leidenschaft für das Spiel, und rechnet noch darauf, um ihn völlig zu ruiniren. Zu seinem Amte gehörte die selbstständige Verwaltung einer bedeutenden Kasse. Therese theilt meine Befürchtung und beschwor ihn deshalb, dem Spiele zu entsagen; er versprach es und hat sein Versprechen auch gehalten; sie mußte bei seinem Leichtsinne dennoch in ununterbrochener Sorge leben.

„Gottlob, sie wird in den nächsten Tagen davon befreit werden! Sie hat eine unverhoffte Erbschaft in Holland gemacht; ein Theil davon ist schon flüssig, denn sie erwartet mit jedem Tage die Zusendung einer Summe von 20,000 Thalern. In Folge dessen hat ihr Mann ihr versprechen müssen, das gefährliche Amt aufzugeben, und wieder eine Stelle als Regierungsrath zu übernehmen. Mit der Erbschaft können die Schulden bezahlt werden, und es bleibt dennoch soviel übrig, daß sie von den Zinsen und einem geringen Gehalte anständig leben können.“

Das erzählte mir meine Begleiterin.

Ich kehrte verstimmt in den Ballsaal zurück; doppelt mißvergnügt über das unglückliche Schicksal der lieben Freundinnen. Welche von ihnen war am meisten zu bedauern? Die Eine, die einem Leben voll Unglück an der Seite eines gemeinen Menschen entgegenging, oder die Andere, die schon so viele Jahre des Unglücks unter dem Treiben eines leichtsinnigen Mannes hatte verleben müssen, und kaum hoffen durfte, von einem geringen Theile ihrer Sorge für die Zukunft befreit zu werden? Die Arme sollte nicht davon befreit werden.

Ich theilte dem alten Geheimerath Gamkow die Entfernung seiner Tochter mit; sie sei etwas unwohl geworden. Er erschrak, aber nur um des künftigen Schwiegersohnes willen.

„Was wird der Herr Doktor dazu sagen? Helfen Sie ihn mir suchen, Herr College.“

Ich entschuldigte mich und ging in ein Nebenzimmer. Das Geräusch des Ballsaales, Musik, Gelächter, Tanz, Alles war mir in meiner Stimmung zuwider.

Es war gerade damals in vielen Provinzen des Staates unter den Beamten die Unsitte des Hazardspieles herrschend geworden, unter dem Civil sowohl als dem Militär, unter den Justiz- wie den Verwaltungsbeamten. Meist nehmen nur jüngere, mitunter aber auch ältere Beamte daran Theil. Ich lernte ein Gerichtscollegium kennen, dessen Direktor und fast sämmtliche Mitglieder die ganze Nacht hindurch Pharao spielten und von dem Spieltisch sich an den Sitzungstisch begaben, um eine Anzahl Bäcker- und anderer Gesellen wegen „verbotenen Hazardspiels“ zu einer namhaften Strafe zu verurtheilen. Zwischen nicht verbotenem und verbotenem Hazardspiel beruht der feine Unterschied darauf, ob der Einsatz der Spielenden ihren Vermögensverhältnissen angemessen sei oder nicht, woraus denn wieder beurtheilt werden sollte, ob sie mit oder ohne Gewinnsucht gespielt hätten.

Auch in dem Nebenzimmer des Ballsaales wurde gespielt; es war eine gemeinsame Pharaobank aufgelegt; eine solche Gemeinsamkeit sollte um so mehr die gewinnsüchtige Absicht ausschließen. Um den Spieltisch saßen eine Menge Menschen verschiedener Stände, als: Assessoren, Referendarien, Räthe, Lieutenants, Rittmeister, ein paar dicke Majore, Gutsbesitzer und Domainenbeamte aus der Nachbarschaft; auch einzelne Zuschauer standen umher. Es wurde ja ohne gewinnsüchtige Absicht gespielt, und man hatte deshalb keine Oeffentlichkeit zu scheuen.

Unter diesen Zuschauern war der Doktor Feder. Er sah, dem Anscheine nach, dem Spiele ohne besondere Theilnahme, nur wie zum Zeitvertreibe, zu. Indessen bemerkte ich bald, daß sich seine Augen meist nach einer und derselben Richtung hin bewegten, und in dem Hintergrunde seines Blickes schien mir große, wenn gleich sorgsam zurückgehaltene Tücke zu lauern. Ich folgte der Richtung seiner Augen; mein Blick traf auf zwei Herren, die an dem Spieltische neben einander saßen. Der Eine war ein großer, starker Mann, mit einem Gesichte, das eben so sehr durch seine Nöthe und seine groben Züge, wie durch platte Gemeinheit auffiel. Ich hielt ihn für einen Gutsbesitzer oder Domainenpächter aus der Gegend. Der Zweite war der völlige Gegensatz des Ersten. Er war in den mittleren Jahren, hatte ein feines, aristokratisches, geistreiches Gesicht, und machte damit fast einen noch unangenehmeren Eindruck, als sein Nachbar mit den groben, platten Gesichtszügen. Ueber die Ursache, kam man bald in’s Klare. Der Mann war weiter nichts als ein Lebemann, und dennoch schon völlig verlebt; die schönen Augen standen weit vor, die noch immer feingerötheten Wangen hingen schlaff herunter, und die hohe Stirn verlief in einen kahlen Scheitel.

Der Mann kam mir bekannt vor. Es war mir gewiß, daß ich ihn irgendwo gesehen hatte; ich meinte sogar, ich müsse näher mit ihm bekannt geworden sein. Ich konnte mich trotzdem nicht darauf besinnen, wo und wie dies geschehen sei. Er war eifrig in das Spiel vertieft, und schien nicht mit Glück zu spielen, denn er verlor fast jede Karte; er zog oft seine Börse, zählte eine bestimmte Summe heraus, und legte diese vor sich auf den Tisch. Sie war nach kurzer Zeit verspielt, und er mußte von Neuem die Börse in die Hand nehmen.

Sein Nachbar schien seine Aufmerksamkeit zwischen dem Spiele und einer andern Beschäftigung getheilt zu haben. Hinter ihm stand ein kleiner Tisch mit zwei Champagnerflaschen und zwei Gläsern. Er stand oft auf, schenkte die Gläser voll, leerte eins selbst und reichte das zweite seinem Nachbar. Dieser trank es jedesmal rasch aus, fast wie mechanisch, ohne von den Karten aufzublicken.

Mein Nachbar von der Wirthshaustafel stellte sich zu mir. Ich nahm ihn auf die Seite.

„Wer sind die beiden Herren dort?“ Ich zeigte auf den dicken und den verlebten Herrn.

„Sind Sie auch Ihnen aufgefallen?“

„Wie so?“

„Sehen Sie sich einmal das lauernde Auge des Demagogenfängers an.“

„Ich habe es bemerkt.“

[507] „Der Eine jener Beiden ist sein Helfershelfer, der Andere sein Opfer.“

Es durchflog eine furchtbare Ahnung mein Inneres.

„Erzählen Sie.“

„Der Herr mit dem feinen Gesichte ist der Domainendirektor von Grauburg aus Vornholz.

„Also wirklich!“

„Sie kennen ihn?“

„Fahren Sie fort. Der Andere?“

„Ist der Amtsrath Meier aus der Nachbarschaft. Ein reicher Domainenpachter, der jetzt die seit Jahren gepachtete Domaine vom Staate gekauft hat. Der Vertrag ist heute hier bei der Regierung abgeschlossen; ein bedeutender Theil des Kaufpreises ist sofort bezahlt worden.“

Meine entsetzliche Ahnung schien mir an Consistenz zu gewinnen.

„An wen?“ fragte ich.

„An den Domainendirektor.“

„Bezog sich darauf Ihre Aeußerung über den Helfershelfer und das Opfer?“

„Leider! Der Herr von Grauburg soll ruinirt werden, denn der Demagogenfänger spekulirt auf seine Stelle.“

„Ich weiß.“

„Sie wissen?“

„Erzählen Sie weiter.“

„Er ist mit dem Amtsrath schon aus früherer Zeit bekannt, als er noch in der Hauptstadt im Ministerium arbeitete. Der Amtsrath gehört zu den Leuten, die wissen, daß wer gut fahren will, auch gut schmieren muß. Man sagt, er habe auch jetzt bei dem Domainenkaufe den Doktor gebraucht. Ich glaube es und habe einen besondern Grund, es zu glauben. Er hat sehr wohlfeil gekauft; deshalb überliefert er auch den Herrn von Grauburg, den man in der Hauptstadt beseitigt wissen will; der Doktor hofft sein Nachfolger zu werden.“

„Aber er könnte dies ohnehin werden. Der Herr von Grauburg wünscht in das Regierungscollegium zurückzutreten; seine Frau hat geerbt.“

„Haben Sie auch davon gehört? Indessen, hier gilt es Dienst um Dienst. Wenn der Demagogenfänger den Herrn von Grauburg nicht überliefert, so bekommt er dessen Stelle nicht. Gerade um jener Erbschaft willen thut Eile noth. Morgen kann die Erbschaft erhoben sein, dann wäre es zu spät. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn wir noch in dieser Nacht von einer Kassenvisitation in Vornholz hörten. Sehen Sie nur den Eifer, mit welchem der dicke Meier den Champagner einschenkt, und die Spannung, mit welcher der Demagogen fangende Schuft lauert.“

„Hat denn der Herr von Grauburg keinen Freund, keinen Bekannten, der ihn warnt?“

„In diesem Zimmer keinen.“

„Auch nicht im Saale?“

„Ich wüßte auch dort keinen. Sein großer Leichtsinn und sein früherer Uebermuth haben ihn nie beliebt gemacht.“

Ich konnte die Kombinationen meines Bekannten nicht unwahrscheinlich finden. Mein Entschluß war gefaßt. Ich trat wieder an den Spieltisch, und wollte das Ende der Taille abwarten, dann mit dem Domainendirektor sprechen, nöthigenfalls ihn an das Versprechen erinnern, das er seiner Frau gegeben hatte. Die Leidenschaft des Spieles sollte mein Vorhaben vereiteln. Die Taille hatte erst eben begonnen; das Spiel war hitziger und mithin höher geworden. Bisher war nur Silber auf den Tisch gekommen. Man sah jetzt einzelne Goldstücke in der Bank, sowie vor den Pointirenden. Der Herr von Grauburg spielte nur mit Gold; seine Silberbörse mußte geleert sein, denn er hatte eine volle Goldbörse neben sich liegen. Das Unglück verfolgte ihn fortwährend, und noch immer verlor jede Karte; er zählte nicht mehr bestimmte Summen aus der Börse ab, sondern zog unmittelbar die Einsätze daraus hervor, und verdoppelte diese nach jeder verlorenen Karte, deren er viele besetzt hatte. Sein Gesicht war höher geröthet von der Hitze des Weines und des Spieles.

Der dicke Amtsrath schenkte ihm fleißiger ein. Ein leiser Zug widerwärtigen Hohnes trat in das glatte Gesicht desselben. Der Doktor Feder sah unverwandt mit dem unheimlich lauernden Auge auf sein Opfer. Auch die Blicke der sämmtlichen übrigen Zuschauer waren nur auf das immer eifriger und höher werdende Spiel des Domainendirektors gerichtet; selbst manche Mitspieler achteten mehr auf sein, als auf ihr eigenes Spiel.

In dem ganzen Zimmer herrschte eine fast feierliche Stille. Ich stand in großer Unentschlossenheit, und hatte das Ende der Taille abwarten wollen, um Herrn von Grauburg zu warnen, denn er konnte bis dahin einen sehr bedeutenden Verlust haben. Wollte ich andererseits während der Taille mit ihm reden, so mußte das nothwendig Aufsehen erregen, vielleicht gar das ganze Spiel stören, jedenfalls aber die Aufmerksamkeit speciell auf den Domainendirektor in einer Weise richten, die für seine Lage nur nachtheilig werden konnte. Zudem entging es mir nicht, wie der Doktor Feder schon prüfende und mißtrauische Blicke auf mich geworfen. Hatte er wirklich Pläne gegen den Domainendirektor – und ich konnte nicht daran zweifeln – so mußte mein Einschreiten nur zu einer Beschleunigung der Ausführung seiner Pläne veranlassen. Dazu kam, daß der Herr von Grauburg unzweifelhaft schon jetzt fremdes Geld, einen Theil des ihm amtlich anvertrauten Kaufgeldes für die Domainen, angegriffen und im Spiele verloren hatte. Ich durfte daher nur einen möglichst ruhigen Beobachter machen.

Das Spiel war bis zur Mitte der Taille gekommen. Der Herr von Grauburg hatte sechs Karten besetzt, jede mit drei bis vier Goldstücken, und schien auf einmal einen andern Spielplan gemacht zu haben. Der Plan schien kindisch oder von einer gewissen verzweiflungsvollen Wuth des Spieles eingegeben zu sein. Er hatte die sechs Karten in einer Reihe neben einander liegen. Die letzte in der Reihe war eine Zehn. Auf diese schien er ein besonderes Vertrauen gesetzt zu haben. So oft eine der andern Karten verlor, legte er das Doppelte des verlorenen Betrags zu dem Satze, der bereits auf der Zehn stand; die verlorene Karte zog er zurück. Zuletzt spielte er nur noch die Zehn, und auf dieser stand ein großer Haufen Goldes.

Die Aufmerksamkeit auf sein Spiel verdoppelte sich. Er selbst hielt sich äußerlich vollkommen ruhig, und wußte jede seiner Bewegungen zu beherrschen; nur eine Blässe seines Gesichts, die mehr und mehr der frühern Rothe wich, und sein starr auf die Hände des Bankhalters gehefteter Blick bezeugten die innere Unruhe, die ihn verzehrte.

Die Zehn war erst einmal herausgekommen; sie hatte verloren. Alles war gespannt darauf, wie sie zum zweiten Male fallen würde. Sie gewann. Der Herr von Grauburg bog ruhig ein Paroli. Unmittelbar kam sie wieder heraus, und gewann wieder.

Ein allgemeines Ah der gelösten Spannung, der Ueberraschung, des Erstaunens empfing die Karte. Der Herr von Grauburg bog ruhig ein Septleva.

„Brav!“ sagten halblaut mehrere Stimmen bewundernder Referendarien und Lieutenants.

Ein alter Major knurrte: „Dummes Zeug!“ sagte er. „Bei einem solchen Satze thut ein Sixleva dieselben Dienste.“ Er wandte sich an den Domainendirektor. „Warum biegen Sie kein Sixleva? Sie retten den Satz, wenn die Karte verliert. Bei dem Septleva verlieren Sie ihn.“

Der Domainendirektor sah den Offizier höhnisch an.

„Sie erlauben, daß ich das Spiel eben so gut verstehe, wie Sie.“

Der Major schwieg ärgerlich, wagte aber nicht, das Spiel zu stören.

Der Banquier zog weiter ab. Die allgemeine Aufmerksamkeit, auf das Spiel wurde gespannter. Jedes Auge hing an den Händen des Banquiers, und jede Karte, die er berührte, wurde von den Blicken Aller verschlungen. Es herrschte, während der Banquier abzog, eine Stille in dem Zimmer, daß man eine Stecknadel hätte können niederfallen hören. Auch in dem Ballsaale war gerade eine Stille eingetreten, ein Tanz hatte aufgehört, die Musik schwieg. Am Gespanntesten war die Aufmerksamkeit des Domainendirektors. Aeußerlich war er auch jetzt vollkommen ruhig, und verzog keine Miene; wie sein Gesicht, so war sein ganzer Körper, unbeweglich; aber die Blässe seines Gesichts war furchtbar geworden, und seine Augen starrten fast erlöschend nach den Karten des Banquiers. Nur zuweilen glaubte man ein leises Zucken seiner zusammengepreßten Lippen zu bemerken, wie wenn er sie plötzlich öffnen müsse, um Athem zu schöpfen, um dem eng zusammengepreßten [508] Herzen Luft zu verschaffen, denn er erwartete eine entscheidende Karte.

Es war gewiß nicht mehr die bloße Leidenschaft des Spiels, die ihn in solcher Weise aufregte. Er hatte bedeutend verloren. Die Größe seines Verlustes mußte seine Gedanken weiter getragen, mußte ihn lebendiger zum Bewußtsein gebracht haben, daß er fremdes Geld angegriffen habe, daß er, wenn er es nicht sofort ersetzen könne, verloren sei, daß von dem Fallen der nächsten Karte sein Schicksal abhing. Die Summe, die er auf sie gesetzt hatte, war, siebenfach gewonnen, groß genug, um seinen gesammten bisherigen Verlust zu decken. Gerade darum hatte er wohl so viel auf die eine Karte gesetzt. Gewann sie nicht, so war er mit seiner Familie verloren.

Er sah in seiner inneren Unruhe unwillkürlich auf; sein Blick fiel in das unheimlich lauernde Auge des Doktor Feder, der sich ihm gerade gegenüber gestellt hatte. Sein Gesicht verzerrte sich wie von plötzlichem Schreck und plötzlicher Wuth; doch faßte er sich und starrte wieder auf die Karten. Keine Zehn wollte fallen. Der Banquier zog schneller ab; er war selbst von der allgemeinen Aufregung ergriffen, und strich rasch ein, oder zahlte rasch aus, was auf die andern Karten gewonnen oder verloren wurde. Es geschah Alles schweigend. Jedermann dachte nur an Eins, an die Karte des Domainendirektors, an die entscheidende Zehn. Endlich erschien sie, eine der letzten Karten im Talon; sie gewann – für die Bank.

In demselben Moment begann die Musik in dem Ballsaale nebenan einen rauschenden Galopp.

Der Herr von Grauburg schob das Gold, mit dem die Zehn bedeckt war, der Bank zu. Der Banquier strich es ein.

Eine allgemeine Bewegung, ein allgemeines Gemurmel erhob sich in der Gesellschaft.

Vor dem Herrn von Grauburg lag eine leere Goldbörse. Er faßte in seine Tasche, zog eine zweite gefüllte hervor, und legte sie vor sich an die Stelle der leeren, die er wegnahm. Er war wieder äußerlich vollkommen ruhig, aber seine Gesichtszüge waren sonderbar verzerrt und verschoben. In seinem Innern wüthete nur der Dämon des Spieles, der die von ihm Besessenen mit jener eigenthümlichen, aber fürchterlichen äußern Ruhe zu übergießen vermag.

Die Taille war beendet; der Banquier schickte sich zu einer neuen an; aber der alte Major, der sich über das Septleva geärgert hatte, erhob sich. Es war ein ehrlicher, alter Landwehrmajor.

„Das Spiel wird Hazard,“ sagte er, „das paßt sich nicht; ich verlange Theilung der Bank. Meinen Antheil schenke ich der Armenkasse.“ Mit diesen Worten verließ er das Zimmer.

Die Spielgesellschaft erhob sich etwas still; die Worte des alten Majors hatten getroffen.

Ich hatte in der allgemeinen Bewegung den Herrn von Grauburg aus den Augen verloren, und suchte, darüber nachsinnend, ob es ein geeigneter Moment sei, ihn anzureden; jetzt nicht mehr, um ihn vor dem Spiele, sondern vor den Folgen desselben zu warnen. Als ich ihn wieder erblickte, war er schon in der Thür des Zimmers. Neben ihm ging der Amtsrath. Sein Gesicht konnte ich nicht mehr sehen. Beide verließen den Saal. Ihnen nachgehen konnte ich nicht, denn ich wußte nicht einmal, wohin sie sich begaben. Der Demagogenfänger war gleichfalls fort. Auch mich litt es nicht mehr in der rauschenden, fröhlichen Gesellschaft. Immer stand das von der Spielwuth verzerrte Gesicht des Herrn von Grauburg vor mir, und neben ihm die Jammergestalt der nicht mehr schönen und stolzen, aber der armen, unglücklichen Therese. Der Gedanke, daß die heutige Nacht sie völlig, elend machen werde, wollte mich nicht verlassen, und erst spät schlief ich mit ihm ein, und erwachte mit ihm spät am andern Morgen.

Es war der Tag vor Weihnachten. Tausend und tausend Menschen erwachten an diesem Morgen mit einem freundlichen Lächeln im Gesichte, mit Freude und Hoffnung im Herzen, Freude die Großen, Hoffnung und Freude die Kleinen. Mir entfloh Lächeln, Hoffnung, Freude. Ich suchte sie zu erzwingen, indem ich an entfernte Lieben, an die Jahre meiner Kindheit dachte. In mein Inneres zog nur mehr Trauer und Sorge ein. Immer sah ich nur das verzerrte Gesicht des Spielers, den Jammer des armen Weibes, den Schmerz ihrer Kinder. Sie hatte herrliche Kinder, hatte mir das Fräulein Gamkow gesagt.

Ich hatte mich kaum angekleidet, und meine gewöhnliche Aktenarbeit begonnen, als ich ein Billet von dem ersten Präsidenten des Gerichtshofes erhielt. Ich erbrach es mit einer traurigen Ahnung. Was ich las, konnte meine Ahnung nur bestärken. Der Präsident theilte mir mit, daß das Regierungscollegium in einer wichtigen und schleunigen auswärtigen Angelegenheit richterlicher Hülfe bedürfe, und zu dem Ende von ihm sich einen Commissarius des Obergerichts erbeten habe, zur gemeinschaftlichen Verhandlung mit den Commissarien der Regierung. Ich habe mich sofort zu dem Vicepräsidenten der Regierung zu begeben, der persönlich die gemeinsame Commission dirigiren, und mir das Nähere über den Zweck mittheilen werde, und dessen Anordnungen und Anweisungen ich in Allem, so weit es die Gesetze gestatten, nachzukommen habe. Uebrigens sei die ganze Sache mit dem größten Amtsgeheimnisse zu behandeln.

Ich war keinen Augenblick zweifelhaft, um was es sich handle. Worin anders konnte, nach der Stellung des Herrn von Grauburg, nach den gestrigen Vorgängen, nach der Wichtigkeit der Angelegenheit, von der das Billet sprach, mein Auftrag bestehen, kleiner Revision der Domainenkasse in Bornholz zum Zweck der sofortigen gerichtlichen Feststellung des Thatbestandes eines Defekts, vielleicht noch anderer Verbrechen, beizuwohnen, und zugleich zu den erforderlichen Verhaftungen und zu andern Maßregeln der Einleitung einer Criminaluntersuchung zu schreiten? Nie war mir ein peinlicherer Auftrag geworden. Was sollte ich machen? Ich konnte ihn ablehnen; ich konnte mich auf mein früheres Verhältniß zu dem verstorbenen Vater der Frau von Grauburg und zu dieser selbst berufen. Aber was war dadurch gewonnen? Einerseits war mir die Angelegenheit unter dem Siegel der Amtsverschwiegenheit anvertraut; ich konnte also, auch wenn ich den Auftrag ablehnte, kaum einen Schritt für die unglückliche Frau thun; andererseits blieb bei Annahme des Auftrags manche Möglichkeit, gar Wahrscheinlichkeit, der Armen nützlich zu sein, jedenfalls sie zu trösten, aufzurichten, ihr namentlich im Fall einer Verhaftung ihres Mannes behülflich zu sein bei ihren Einrichtungen für die Zukunft. War wirklich ein Defekt in der Kasse vorhanden und wurde er entdeckt, so war die Folge Cassation und mehrjährige Zuchthausstrafe.

Der Gerichtsbote, der mir das Billet des Präsidenten überbrachte, hatte mir gesagt, daß der Regierungspräsident schon reisefertig sei und auf mich warte. Ich mußte mich sofort auf den Weg machen.

Tausend Gedanken und Pläne, wie zu helfen, zu retten sei, durchkreuzten meinen Kopf. Unmittelbar hätte ich mir dadurch helfen können, daß ich viel Geld mitbrachte, durch welches der aufzufindende Defekt gedeckt und verdeckt werden konnte; aber durfte ich das, und konnte ich das? Ueber das Dürfen kam ich bald mit mir in’s Reine. Ein Verbrechen war für meine amtliche Stellung erst dann da, wenn ich es amtlich entdeckt und konstatirt hatte. Das war noch nicht der Fall. Bis dahin konnte noch keine meiner menschlichen Pflichten mit meinen amtlichen in Konflikt gerathen. Ueber die Sophisterei, die in diesem Raisonnement liegen mochte, setzte mein menschliches Gewissen, mein amtliches Gewissen bald hinweg. Aber woher das Geld bekommen? Es war viel Geld nöthig. Blos nach den gestrigen Verlusten des Herrn von Grauburg mußte ich beinahe tausend Thaler rechnen. Ich besaß keine hundert, hatte auch keinen einzigen Bekannten in der Stadt, von dem ich hätte borgen können; zudem fehlte es an Zeit. Ich konnte unmittelbar nicht helfen. In anderer Weise? Ich mußte es versuchen.

Ich machte einen Umweg zu der Wohnung des Regierungspräsidenten, und ging zu Maria Gamkow, erzählte ihr das Spiel des gestrigen Abends, und theilte ihr das Billet des Präsidenten mit. Ueber diese Verletzung der Amtsverschwiegenheit konnte mein amtliches Gewissen sich durch Sophismen nicht hinwegsetzen; ich mußte es nun einmal damit beschweren. Es war das einzige mögliche Mittel der Rettung, und es konnte Niemandem dadurch geschadet werden.

(Schluß folgt.)
[509]

Der Kreml.


Die Gartenlaube (1856) b 509.jpg

Der Kreml.


Die Krönungsfeierlichkeiten zu Moskau, der alten heiligen „Stolnitza“ (Hauptstadt) des großen Czarenreiches, ziehen seit Monaten schon die Aufmerksamkeit Europa’s auf sich, und die Correspondenten aller Zeitungen unterhalten uns, wie lange schon, von den gewaltigen Vorbereitungen zu dieser excellenten Haupt- und Staatsaktion. Unseren Lesern wird es daher nicht unerwünscht sein, daß wir eine Abbildung des Kreml bringen, des Schauplatzes jener Weltceremonie, welche dieser Tage vor sich geht.

Der Kreml ist eine große Feste, mitten in der Stadt Moskau und an dem Flusse Moskwa gelegen. Mehr als eine Stunde braucht man, um ihn zu umgehen; englische Gartenanlagen machen neuerer Zeit seine nächste Umgebung zu einer angenehmen Promenade. Aus letzterer hervor ragen nun die furchtbaren Mauern, was sage ich, Mauern, – die Gebirge des Kreml; denn diese weißen, ungleichen, zerrissenen Wände gleichen einer Kette von Bergen. Wenn der Riese, den man das russische Reich nennt, ein Herz hätte, so könnte man den Kreml das Herz dieses Ungethüms nennen. Der Anblick dieses Bauwunders, das eine ganze Stadt, eine Feenstadt zu umfassen scheint, ist mährchenhaft; man glaubt eine Landschaft von Stein zu erblicken. Das Terrain ist außerordentlich hügelig, die monströse Umfassungsmauer mit ihren phantastischen Thürmen, folgt mit außerordentlicher Kühnheit, große Stufen bildend, den Einschnitten des Bodens. Darüber hervor ragt nun ein Labyrinth von Palästen, Museen, Thürmen, Kirchen und Gefängnissen, welche diesen Lieblingsaufenthalt der alten moskowitischen Fürsten zum Kostbarsten des Landes und zum Nationalheiligthum machen.

Diese seltsamen Gebäude, ungeheuren Wälle, diese Menge von Spitzbögen, Gewölben, Thürmen, Zinnen, alle in Gold und den prächtigsten Regenbogenfarben erglänzend, Häuser wie riesige Blumenteppiche verziert, Thürme und Thürmchen, angeputzt wie festliche Figuren. Und nun diese ungeheure Größe aller Dinge, diese Massenhaftigkeit, die Risse in den Mauern! Das Bild gibt eine der originellsten und poetischesten Dekorationen in der Welt. Man vermag aber den Eindruck mit Worten nicht zu schildern.

Der Kreml auf seinem Hügel erscheint von Weitem wie eine Fürstenstadt, die mitten in einer Volksstadt gebaut ist. Dieses absolute Kastell, dieser stolze Steinhaufen überragt die Wohnungen der gemeinen Menschen mit der ganzen Höhe seines Felsens, seiner Mauern und Thürme, und je näher man dieser unzerstörlichen Masse kommt, diesem unvergänglichen Zeugen der erhabensten Wendungen der Weltgeschichte, dieser Endsäule der Siegeslausbahn eines großen Napoleon, desto höher steigt die Bewunderung. Der Kreml zeugt, wie die Knochen gewisser Riesenthiere, von der Geschichte einer Welt, an der wir unwillkürlich noch zweifeln, selbst wenn wir die Trümmer derselben wiederfinden.

Doch wir dürfen uns nicht mit Schilderung des unvergleichlichen Eindrucks befassen, welchen der Kreml, diese Hinterlassenschaft der Fabelzeit, auf jeden Europäer hervorbringen muß, sondern gedenken den Leser mit der innern Oertlichkeit und den Gebäuden etwas vertraut zu machen, um sich bei Erzählung der Krönungsfeierlichkeiten darnach orientiren zu können.

Drei Haupteingänge führen zum Kreml, heilige Thore; das heiligste darunter ist das des Erlösers (spas worota), die Propyläen der moskowitischen Akropolis! Es führt, wie auch das Nikolaithor vom krassnoi ploschtscad (vom rothen Platze) aus in den Kreml, dessen Mauern ein großes Dreieck bilden. Innerhalb derselben liegen nun alle die interessantesten und historisch wichtigsten Gebäude Moskau’s, die heiligsten Kirchen der Stadt mit den Gräbern der alten Czaren, Patriarchen und Metropoliten, [510] bedeutende Ueberreste des alten Czarenpalastes, neuere Paläste der jetzigen Kaiser, berühmte Klöster, das Arsenal, das Senatsgebäude etc., Baudenkmäler aus allen Zeiten der russischen Geschichte; denn jeder russische Herrscher, von uralten Zeiten bis auf die jetzigen Kaiser, war beflissen, den Kreml mit irgend einem Monument zu schmücken. Uns interessiren in den Tagen der Kaiserkrönung unter den in malerischer Unordnung an unregelmäßigen Plätzen umherliegenden Gebäuden weniger das Arsenal oder das Senatsgebäude, oder die schätzereiche Orusheinaja Palata die Rüstkammer, in welcher sich zugleich eine Art dresdner grünen Gewölbes befindet, mit allen Kronen, Szeptern, Preciosen u. f. f., die jemals ein russischer Herrscher getragen und geführt, auch nicht der Maloi-Dworetz (das kleine Schloß), von Nikolaus I. zu seiner Wohnung erbaut, – weniger diese Gebäude interessiren uns, als die Ueberreste des alten Czarenpalastes, des Kreml: die Terema und die Granowitaja Palata, jenes Gynäceum (Frauenwohnung), dieser den Krönungssaal der Czaren enthaltend. Es sind zwei Flügel des von den Franzosen gänzlich zerstörten Haupttheiles des Palastes, an dessen Stelle jetzt, von Alexander erbaut, der Bolschoi (oder Alexanderski-) Dworetz (das große, oder Alexanders-Schloß) steht. Diesem großen Palaste zur Seite und mit ihm durch Treppen und Galerien in Verbindung gesetzt, liegen nun jene alten beiden Ueberreste. Das Terema ist wunderlich gebaut, terrassenförmig ziehen sich die Etagen nach oben zurück, so daß das oberste Stockwerk nur einen Pavillon bildet und das Ganze aussieht, wie ein aufgezogenes Perspektiv.

Ueberhaupt ist der Styl, in welchem die Gebäude des Kreml errichtet sind, unvergleichbar, namentlich die Kathedralen gleichen nichts Bekanntem. Sie sind nicht maurisch, nicht gothisch, nicht alt-, nicht neu-byzantinisch, sie erinnern nicht an die Alhambra, noch an die Bauwerke Egyptens, noch an die Griechenlands aus irgend einer Zeit, nicht an Indien, nicht an China, nicht an Rom. Ein geistreicher Franzose nennt es: Czaren-Architektur.

Die Granowitaja Palata ist ein kleines ebenfalls sonderbaches Gebäude, das, ganz würfelförmig gebaut, wie ein Kasten dem großen Bolschoi-Dworetz angehängt ist. Es hat seinen Namen, der ungefähr soviel als Eckenpalast bedeutet, von der unbedeutenden Zufälligkeit, daß die Steine der einen, nach dem Kathedralenplatze zugehenden Seite sämmtlich pyramidalisch zugespitzt sind.

Von dem Kathedralenplatze aus führt die sogenannte „rothe Treppe“ (krassnoje kruilzo) zur zweiten Etage diesen Gebäudes hinauf, die nichts weiter enthält als den alten Krönungssaal der Czaren und der jetzigen Kaiser. Diese Treppe, auf welcher der prachtvolle Krönungszug, wenn er aus der Kirche kommt, wo die Salbung vorgenommen wird, hinaufgeht, hat unten einen Thorweg und steigt in drei Hauptabsätzen an. Auf dem Geländer jedes Absatzes liegt ein pudelartiger Löwe, der sein Maul aufsperrt und tausend Zähne furchtbar fletschend zeigt, mehr aber Lachen als Schrecken einflößt. Von der Treppe gelangt man zu einem Vorzimmer, mit vielen Fresken bemalt, und von da aus, durch eine kleine niedrige Thür, die sich in der einen Ecke beinahe verkriecht, in den eigentlichen Thronsaal, der wie gesagt, die ganze obere Etage des kleinen Palastes einnimmt.

Der Saal ist sehr niedrig gewölbt, und die Gewölbe vereinigen sich in der Mitte, wo sie sich auf einen dicken viereckigen Pfeiler stützen, der im Centrum des Saales steht. Um diesen Pfeiler werden am Krönungstage auf mehreren Etageren allerlei silberne und goldene Kroninsignien zur Schau ausgestellt. Die Wände ringsumher waren seit der Krönung des vorigen Kaisers mit rothem Sammet ausgeschlagen und daraus zeigte sich in Goldstickerei abwechselnd ein russischer Adler mit Blitzen und ein N. I. (Nikolaus der Erste). Vergoldete Kandalaber theilten die Felder der Wand ringsum ab. Ueber den niedrigen Fenstern des Saales erblickte man die Wappen der verschiedenen russischen Gouvernements. Zur Linken der Eingangsthüre sind die amphitheatralisch aufgethürmten Sitze der Musikanten, in der diagonal gegenüberliegenden Ecke, unter einem rothsammetnen Baldachin, steht der kaiserliche Thron. Hier pflegt denn der Kaiser, seine Gemahlin zur Seite, zum ersten Male im vollen Ornate, angethan mit allen Insignien der Majestät, Platz zu nehmen und in der Mitte seiner Großen zu tafeln. Nikolaus speiste hier mit seiner Mutter, der Kaiserin Maria, und seiner Gemahlin, der Kaiserin Alexandra. Rechts vom Throne bis zu den Musikanten sitzt die „Duchowenstwo“ (Geistlichkeit) und links bis zur Eingangsthüre die „Dworästwo“ (der Adel), oder wie man in Moskau noch nach dem alten Style sägt: „die Bojaren.“

Dies ist der Schauplatz der Kaiserkrönung von Alters her. Wie ihn die diesmalige Festordnung umgestaltet haben wird, so wie alle Einzelnheiten der großen Feierlichkeit wird unser moskauer Correspondent nicht verfehlen zu Gunsten unserer Leser uns zu berichten. Dann treffen wir uns wieder im Kreml!





Ueber die Nachteile faulender Auswurfstoffe.

(Cholera)


Krankheiten zu verhüten ist weit leichter, als Krankheiten zu heilen, und dieses Verhüten wird sicherlich auch in der Zukunft die Hauptaufgabe nicht blos der Wissenschaft, sondern jeder wahren Bildung sein. Ich sage „in der Zukunft“, denn bei unserer jetzigen sogenannten Bildung, die den Menschen fast nur zum Artigsein und Geldverdienen dressirt, steht nicht zu erwarten, daß sich derselbe gehörig um die in der Natur und im menschlichen Körper herrschenden Gesetze bekümmere, oder die Kenntniß dieser Gesetze zu seinem eigenen und seiner Mitmenschen Wohle ordentlich verwerthe. Die eindringlichsten Reden, die klarsten Auseinandersetzungen und die deutlichsten Beweise sind ja heutzutage nicht einmal im Stande, selbst bei übrigens klugen Leuten, den dümmsten, von der Urgroßmutter herstammenden Aberglauben zu vernichten. Das kann aber auch nur dann erst anders und besser werden, wenn man dem Menschen von seiner ersten Jugend an richtige Ansichten über sich selbst und über das, was um ihn herum in der Natur vorgeht, beibringt. So lange dies nicht geschieht, bleibt’s bei der alten gefährlichen Dummheit.

Um Gefahren vermeiden zu können, muß man natürlich eine Idee von diesen Gefahren haben. Besitzen denn nun wohl die Menschen, trotz dem daß sie sich vor dem Kranksein und dem Tode entsetzlich fürchten, nur die geringste Kenntniß der Gefahren, welche ihrer Gesundheit und ihrem Leben fortwährend drohen? Nein! sie leben wie unverständige Kinder in den Tag hinein, wollen sich auch das Geringste nicht versagen und jammern und wehklagen bei jedem verdienten Unwohlsein. Wäre man schadenfroh, man könnte sich über die vielen Krankheiten, welche das Menschengeschlecht zur Zeit noch heimsuchen, freuen. Doch wir sind es nicht und wollen im Gegentheil, soviel als in unsern Kräften steht, unsern Lesern Winke zum Gesundbleiben geben; vielleicht sind einzelne derselben doch empfänglich für unsere Warnungen und Rathschläge.

Eine Ursache mancher, allerdings zur Zeit von der Wissenschaft noch nicht ganz genau gekannter Krankheiten, meistens von großer Gefahr und Ausbreitung, sind die schädlichen Luftarten (Gase), welche sich beim Faulen pflanzlicher, thierischer und menschlicher Stoffe (besonders bei großer Wärme und Nässe) entwickeln. Zu diesen Krankheiten scheint die Cholera und der Typhus (das Nervenfieber), das gelbe Fieber und die Pest zu gehören, ferner das Wechselfieber, sowie die Sumpffieber in den Tropenländern u. s. w. – Am meisten dürfte aber die Zersetzung (Fäulniß, Verwesung) menschlicher Auswurfstoffe (des Harns und Kothes) zur Quelle gefährlicher und heimtückischer Krankheiten werden, zumal wenn diese Stoffe oder deren Zersetzungsprodukte in den Boden eindringen und sich hier ausbreiten, auf welchem menschliche Wohnungen stehen. Bis jetzt hat man sich noch sehr wenig darum bekümmert, was mit diesen Auswurfstoffen geschieht und nicht darnach gefragt, wie viel davon, trotz des Verbrauches zu Dünger und Guano, in dem bewohnten Erdboden zurückbleibt und sich zu schädlichen Stoffen zersetzt. Pettenkofer, Professor der Chemie zu München, welcher äußerst verdienstliche Untersuchungen [511] über die Verbreitungsart der Cholera angestellt hat, schreibt: „man rechnet unter der wirklichen Größe, wenn man durchschnittlich für einen Menschen 3 Pfund Harn und Excremente täglich rechnet; aber bereits nach einer solchen Annahme ergeben sich für eine Stadt von 100,000 Einwohnern täglich 300,000 Pfunde und jährlich 109 1/2 Millionen, d. i. über eine Million Centner. Nehmen wir nun an, daß wir dieses Gewicht von nur menschlichen Auswurfstoffen gänzlich aus einer Stadt entfernen müßten, so brauchte man dazu jährlich 54,750 Fuhren, wenn wir auf eine zweifpännige Fuhre 20 Centner laden, oder täglich 150 Fuhren. Hieraus läßt sich etwa ersehen, wie viel in der Stadt zurückbleibt; denn von diesen Stoffen wird nicht der zehnte Theil entfernt. Der ganze Rückstand muß in der unmittelbaren Nähe unserer Wohnplätze verwesen und wir ersehen, daß wir durch das Quantum von Auswurfstoffen jährlich mehr Stoff für die Verwesung in die Erde bringen, als wenn wir jährlich 50,000 Leichen in der Stadt begraben würden.“

Die in der Verwesung und Fäulniß entweder schon begriffenen oder sich doch bald zersetzenden thierischen und menschlichen Stoffe werden nun aber um so mehr Schaden anrichten, je mehr sie sich im Erdboden ausbreiten können und dies wird um so leichter der Fall sein, je lockerer, feuchter und tiefliegender derselbe ist. Daß sich dies wirklich so verhält, beweist ganz deutlich die Verbreitungsweise der Cholera und mancher anderen epidemischen Krankheit, welche auf hochliegendem, trockenem, dichtem und felsigem Boden fast gar nicht auftreten (s. später). Kurz es ist erwiesen, daß der Grund und Boden, besonders einer Stadt, in welcher organische Stoffe, namentlich menschliche Auswurfstoffe eindringen, zu einer Stätte der lebhaftesten, der Gesundheit der Menschen Schaden bringenden Verwesung und Fäulniß wird, welche sich aber an hoch und trocken gelegenen Orten weniger nachtheilig, als an tief und feucht gelegenen zeigt.

Im Angesichte solcher Thatsachen sollte man auf die Gruben, in welchen die menschlichen Auswurfsstoffe aufbewahrt werden, weit mehr als dies jetzt der Fall ist, seine Aufmerksamkeit richten, überhaupt sollte man dahin streben, daß so wenig als nur möglich von diesen Stoffen in der Nähe menschlicher Wohnungen sich im Erdboden versickern und faulen könne. So lange aber für eine gänzliche und schnelle Entfernung der Excremente nicht gesorgt ist, dient es zur Wohlfahrt, dieselben durch Desinfection (Verhinderung nicht blos des übeln Geruches, sondern der Fäulniß) unschädlich zu machen. Man desinficirt die Abtritte (sowie Leibstühle, Nachtkübel und andere Behälter mit Exkrementen) mit Eisenvitriol, der aber nicht unaufgelöst in Stücken, sondern in Auflösung (1 Theil Eisenvitriol in 10 Theilen Wasser) angewendet werden muß. Liebig hat im Interesse der Landwirthschaft, um die Excremente noch als Felddünger benutzen zu können, anstatt des Eisenvitriols die schweflige Säure (in der Form von sauren schwefligsauren Salzen in Lösungen) vorgeschlagen, Pettenkofer aber empfiehlt dafür, weil die sauren schwefligsauren Salze als Handelswaare schwierig zu handhaben sein dürften, indem sie sich rasch verändern und fortwährend schweflige Säure abdunsten lassen, ein alkalisches Kalksalz (z. B. gebrannter und gelöschter Kalk wird mit schweflicher Säure gesättigt; diesen basisch schwefligsauren Kalk zertheilt man bei der Anwendung in Wasser und vermischt ihn mit Salz- oder Schwefelsäure). Das letztere Desinfektionsmittel hat den Vorzug, daß dadurch die Phosphorsäure aus den Kloakenflüssigkeiten in einer Form erhalten wird, welche den Zwecken der Landwirthschaft am meisten entspricht. – Bei der Desinfektion ist nun aber auch auf das Mauerwerk, die Schläuche, Röhren und Rinnen der Abtritte gehörig Rücksicht zu nehmen, denn sehr oft sind diese so mit Kloakenstoffen durchzogen, halbvermodert und in Verwesung begriffen, daß von ihnen die Entwickelung schädlicher Gase ausgeht. Deshalb sollten eigentlich hölzerne Abtrittsröhren gar nicht geduldet sein, nur solche aus Stein (Bohr- oder Rinnstein) oder aus gebrannter Krugmasse (Steinzeug) oder Gußeisen.

Auch auf die Construction der Abtritte, besonders aber der Abtritt- und Düngergruben ist ganz besondere Aufmerksamkeit zu verwenden. Letztere dürfen durchaus nicht, wie bei Schwindgruben, solche Wände haben, welche den flüssigen und gasförmigen Grubeninhalt hindurch in das benachbarte, besonders lockere und feuchte Erdreich nach andern Häusern hin dringen lassen, sondern müssen aus dichtem Hausteine und nach allen Seiten hin von dem umgebenden Erdreiche durch eine Lehmschicht isolirt sein. Die Erfahrung hat ja gelehrt, daß diese austretenden und faulenden Kloakenstoffe zur Quelle intensiver Krankheitsherde (z. B. der Cholera) werden können. Ebenso sind aber auch die mit verwesenden Exkrementen Theilen imprägnirten Nachtstühle und die Stellen der Wohnungen, wo diese gewöhnlich stehen, nicht gefahrlos. Es müssen deshalb die Nachtstühle von ausgezeichneter Construction, mit Wasserschluß versehen und überaus sauber gehalten sein, wenn sie in den Wohnungen nicht Nachtheil bringen sollen. – Wo die Abtritte in Straßenkanäle und Schleusen ausmünden, da muß stets für tüchtige Ausspülung derselben mit Hülfe durchfließenden Wassers (Wasserleitung) gesorgt werden, denn das Regenwasser allein reicht dazu nicht hin.

Das Hauptaugenmerk beim Baue und Beziehen menschlicher Wohnungen, wenn sie der Gesundheit ihrer Bewohner nicht nachtheilig sein sollen, muß hiernach vorzüglich darauf mit gerichtet sein, daß sich weder schädliche Gase daselbst bilden, noch, von einem andern Orte herkommend, dort ansammeln können. Deshalb ist auf die Einrichtung der Abtritte, der Abtritts- und Düngergruben, auf die Beschaffenheit des Erdbodens und der Umgebung zu achten. Man bedenke, daß Verwesung und Fäulniß von Kloakenstoffen, die in den die Grube umgebenden Erdboden ausgesickert sind, das ganze Jahr hindurch, sowohl Winter als Sommer fortgeht, denn die Temperaturveränderungen, welche die verschiedenen Jahreszeiten begleiten, und welche etwa durch ihre Höhe oder Tiefe den Zersetzungsproceß wesentlich modificiren können, erstrecken sich in unserm Klima kaum ein paar Fuß tief unter die Oberfläche. – Wie sich aber Gase im Boden leicht verbreiten können, davon geben die Erfahrungen bei Gasleitungen die deutlichsten Beispiele. Wie oft wurden nicht Menschen in Wohnungen, worin sich nicht ein einziges Gasrohr befand, krank und selbst getödtet, blos dadurch, daß ein in der Nachbarschaft liegendes Gasrohr einen Riß bekommen hatte. – Welchen gewaltigen Einfluß nun aber die erwähnten Verhältnisse auf Entstehung und Verbreitung der Cholera haben, davon soll der nächste Aufsatz handeln.

Bock.






Füchtige Reisebriefe aus der Schweiz.

Von E. A. Roßmäßler.
Vor einem Flugloche der Schweiz.

Es ist bekannt, daß das emsige Völklein des Bienenstaates besonders geschäftiges Treiben an dem Flugloche zeigt. Wenn ich nun die Schweiz mit einem Bienenstocke und die Stadt Zürich mit einem Flugloche desselben vergleiche, so wird man von allen Seiten ausrufen, daß der Vergleich, wie jeder, aber ungleich mehr wie viele andere hinke. Denn hier in Zürich sind es ja nicht die Schweizer, die geschäftig ab und zu fliegen, sondern Ausländer, und diese sind im Gegentheile gewissermaßen Raubbienen, welche den von köstlicher Fülle strotzenden Waben der Schweizernatur den Honig wegnaschen und zu innerster Verdauung in ihren heimischen Zellen entführen. Am Ende macht sogar noch Der oder Jener geltend, daß die republikanische Schweiz doch wahrhaftig nur sehr unglücklich mit dem absolut monarchischen Bienenstaate verglichen werde. Ich muß das Alles zugeben, und dennoch halte ich meine Vergleichung aufrecht. Ich gebe das hinkende Bein derselben preis und steife mich desto zuversichtlicher auf das gesunde. Der botanische Physiolog weiß zwar meines Wissens gar nichts mit dem Honig anzufangen, wenn er sich nach dessen Bedeutung für das Pflanzenleben fragt, aber schon, indem er ihm in seiner Wissenschaftssprache den Namen Nektar gab, [512] stand er unter dem Einflüsse der Lebensauffassung, welche dem Honig, dem sprachgebräuchlichen Zwillingsbruder der Milch, die Bedeutung des Edelsten, des Geläutertsten unterlegt. Wer die Schönheit des Schweizerlandes geschaut hat, der muß mir beistimmen, wenn ich dasselbe das unerschöpfliche Nektarium Europa’s nenne. Ich errathe Euch vollkommen, liebe Leser und Leserinnen, wenn Ihr vielleicht jetzt erst recht über meinen Vergleich lacht. Aber Ihr müßt mir nicht nur erlauben, nein Ihr müßt mir das volle erweisbare Recht einräumen, das reizende Zürich ein Flugloch der Schweiz zu nennen. Dagegen will ich Euch nachgeben, indem Ihr den Bienenstock außerhalb desselben, vor demselben sucht und die nektarspendende Quelle hinter dasselbe verlegt. Streiten wir uns daher nicht darüber. Seht, ich gebe Euch darin nach, daß in unserer so eben abgeschlossenen Kapitulation der Bienenstaat gar kein Staat mehr ist, denn jede mit Honig reich beladene Biene summt nach einer anderen Himmelsgegend heimwärts und verarbeitet vielleicht in sehr einsamer Zelle, sei dies eine Stadt, eine Straße, ein Haus, ein Zimmer oder vielleicht gar blos das eigene Innere, das was sie einsammelte in dem engen von den bergenden Alpen umschlossenen Raume.

Im unverkennbarsten Gepräge des Touristen an Kleidung und Haltung stehen jetzt eben täglich Erwartungsvolle auf den beiden Limmat-Brücken oder auf der Zinne des Gasthofes „zum Storchen“ oder eines anderen und blicken, wie Columbus, westwärts. Aber die Alpenkette will sich immer noch nicht enthüllen. Nur bald silberweiße bald schiefergraue Wolkenmassen thürmen sich hinter den niedrigeren näher gelegenen Bergketten empor und erbarmen sich manchmal der sehnsüchtig Blickenden, indem sie, oft mit viel Glück, die Gestalten derjenigen nachahmen, die von ihnen verhüllt werden.

Zwischen diesen am Weiterfliegen verhinderten Ankömmlingen, die eben klareres Wetter lieber im behaglichen Zürich als auf dem unbequemen Gipfel des Rigi oder eines anderen Gasthofberges abwarten wollen, drängen und treiben sich die Abziehenden, welche von dem Wetter der letzten Woche begünstigt waren.

„Vergessen Sie nur nicht, sich durch den Telegraphen ein Bett auf dem Rigi zu bestellen!“ so ruft ein Erfahrener, einem Angekommenen noch nach; „die Depesche kostet nur einen Frank.“ Ich erkundige mich, ob das Ernst oder Scherz sei, und höre, daß nirgend so sehr wie in der Schweiz das Netz der Gedankendrähte ausgesponnen ist und daß wirklich sehr viel Fremde die eben gehörte Benutzung davon machen. Seitdem blicke ich hier mit weniger Scheu zu den feinen Drähten empor, welche sich mitten durch die Gassen Zürichs ziehen. Bisher sahe ich in ihnen immer nur das Netz der beiden bösen Spinnen, der Diplomatie und Börse. – Unter der geduldig wartenden – der ungeduldigen mögen allerdings mehr sein – befindet sich auch Ihr Freund. Während ich es ruhig dem Aeolus überlasse, seine Diener aus dem rechten Loche herausfahren zu lassen, um den Wolkenschleiern am besten beizukommen, schlendre ich durch die Gassen Zürichs, wo mir auch schon mancher bekannte deutsche Name begegnete, der nicht mehr deutsch sein darf und nicht schweizerisch werden kann, weil ihn das Vaterland, welches er fliehen mußte und welches ihn in seine Gefängnisse nicht einhaschen konnte, aus seinen Armen nicht officiell entlassen will. Die Republik will eben ihre Leute ganz, sie will sie von der Monarchie nicht blos borgen. – Neulich sagte mir ein vom deutschen Advokaten zu einem schweizerischen Tuchhändler Gewordener, „wenn Sie in einer Gemeinde nach der Schule fragen oder nach dem Gemeinde- oder nach dem Krankenhause, so suchen Sie nur nach dem größten und schönsten Hause und Sie haben das Gesuchte.“ Hier in Zürich finde ich es so. Die Blinden- und Taubstummen-Anstalt, die Canton-Schule, das Canton-Hospital sind so ziemlich die einzigen Paläste in dem rein bürgerlichen Zürich. In die Canton-Schule sehe ich täglich die älteren Schüler mit Muskete und in Uniformrock gehen. Am 2. September werden sich über 3000 solcher bewaffneter Knaben, die ältesten freilich bis 20 Jahre alt, aus der ganzen Schweiz in Zürich zu einem Manöver und Festschießen, wie ich höre sogar mit Artillerie einfinden. Daraus wird das „herrliche Kriegsheer“ der Schweizer gebildet, welches in einem Nachbarkantone Zürichs zu seinem Antheile von einem – Tuchhändler als Oberst befehligt wird. Was einem dabei für polizeiwidrige Gedanken aufsteigen! Doch da sie durch das Aussprechen ihre Zollbefreiung verlieren, so lasse ich sie unausgesprochen. Das Reisen nach der Schweiz sollte eigentlich nur Erprobten erlaubt werden, denn ich habe von fremden Europäern, die weder Frankfurter noch Bremenser, noch Hamburger noch Lübecker waren, über das, was sie in der Schweiz überall um sich sahen und nicht sahen, sehr bedenkliche Gespräche führen hören. Doch verzeihen Sie mir diese Zeilen, die eigentlich gar nicht in den Bereich meines Reisezieles gehören, von dem ich Ihnen einige kurze Berichte schreiben sollte. Das Ziel ist die schweizerische Natur, die für Alle eine res publica ist und daher auch die Kurhessen und Russen zu Republikanern machen darf. Vor meinem Fenster, aus welchem ich den villenumsäumten See überblicke, scheint sich eben das Ende des Wolken Dramas zu entwickeln, wenn es nicht wieder um einen überflüssigen Akt sich hinauszieht. Ich eile darum morgen sicher hinaus, hoffend, daß der Himmel vollends klar werden und daß endlich Jemand nach meinem guten Paß fragen werde.





Der Vierwaldstädter See.

Luzern, den 24. August 1856.

„Aber Sie werden im Rößli keine Aussicht haben!“ Mit diesen Worten wollte mich heute Mittag bei der Ankunft in Luzern mein kleiner Geleitsmann dem „weißen Rößli“ abwendig und zu einem Insassen der „Balance“ machen. Allein ich bedeutete ihn, daß ich in der Schweiz nicht auch noch im Gasthofe Aussicht verlange, oder höchstens die auf ein billiges und doch gutes Unterkommen. Seitdem ist es Abend geworden und ich setze mich zu diesem Briefe an Sie, mein Freund, und an Ihre Leser in besagtem Rößli nieder. Wer aber den Vierwaldstädter See kennt, der weiß, daß er unbeschreiblich schön und daß die begeistertste Beschreibung doch höchstens ein Schattenbild ist. Doch es sei!

Mein bewährtes Reiseglück verließ mich nicht, obgleich ich gestern in Zürich bei schlechtem Wetter das Dampfboot bestieg. Die reizende Albiskette zu meiner Rechten verschwand in ihrer obern Hälfte unter dichten Regenwolken und der niederströmende Gewitterregen bedeckte den grünen See mit weißen Glaskugeln, welche wie ein Gedanken-Wetterleuchten im Entstehen verschwanden und im Verschwinden von neuem ersetzt wurden. Ich beschreibe Ihnen nicht den milden Zauber des Züricher See’s, an dessen Gestade, buchstäblich ohne Unterbrechung, gewerbfleißige Gemeinden und einzelne Geschäfte zerstreut liegen, wegen ihrer fast durchgängig weißen Farbe wie weiße Kiesel am Ufer eines Wiesenbaches. Ich beschreibe Ihnen auch den Weg nicht, der mich nach Brunnen an den Vierwaldstädter See führte, Anfangs am hohen Ufergelände des Züricher See’s mit entzückenden Rückblicken auf dessen wieder sonnbeschienenen Spiegel, zuletzt von Schwyz an am Fuße und in der Nachbarschaft berühmter Namen: die Mythen, Lauerzer See, Roßberg, neben der tief unter mir schäumenden Muotta hin. Aber das staunende Entzücken deute ich Ihnen wenigstens an, das über mich kam, als ich in Brunnen plötzlich am Ufer des Vierwaldstädter See’s stand, der vor mir lag in seiner Bergumfassung wie ein Smaragd in einem zackigen Kleinod. Sie wissen, mein Freund, daß ich in der Schweiz das Wasser in’s Auge fassen will und hier traf ich es noch viel klarer und bestimmter als im Zürichsee in der Ausprägung des Alpensee’s. Nach einer unerquicklichen Nacht eines Gasthof-Fehlgriffs bestieg ich heute Morgen das Dampfboot, um links bis Flüelen und dann gleich wieder zurück hinunter bis Luzern zu fahren. Bis Flüelen heißt der See der Urner See und gilt als heimtückischer Sturmwinkel. Heute trug er mich sanft auf seiner Spiegelfläche und ich konnte sorglos an beiden Ufern die senkrecht in sein Wasser eintauchenden Felswände ansehen, welche ja den Tell herausforderten, der Gründer der schweizerischen Freiheit zu werden. Bald kam ich auch an seine „Platte“, wo er den kühnen Sprung aus dem Nachen that. Ihr gegenüber liegt die kleine Gemeinde Isleten und zwischen beiden der Seeboden 1000 Fuß tief unter dem grünen Spiegel. Bis Flüelen ist an beiden Ufern nur selten auch nur ein Fuß breit ebener Boden, um zu landen. Aber das Auge des kundigen oder wenigstens des aufmerkenden Freundes der Erdgeschichte landet an den senkrechten Felswänden, um sich darauf zu ergehen. [513] Nicht weit von der Tells-Platte sieht man an beiden Ufern die einander genau entsprechenden Aufrichtungen, Stauchungen, Windungen und Verwerfungen der übereinander liegenden Schichten der Kreide- und älteren Tertiärformation. Das ist ein geologischer Hörsaal! Da predigt sich in stummer, aber gewaltig eindringlicher Zeichenschrift die Geschichtsperiode jener Zeit, wo es hier bunt herging. Niemand außer mir achtete auf diese Erscheinung, obgleich das Verdeck von Reisenden wimmelte und obgleich die himmelhohen senkrechten Felswände des einen Ufers in den Schichtenlinien die getreuen Abbilder der des gegenüberliegenden waren.

Ich machte zwei Damen darauf aufmerksam und, lachen Sie nicht darüber, daß ich es erwähne, gleich nachher trat ein Herr zu mir und nannte mir meinen Namen, indem er bemerkte, daß er sich in meinem Gesicht nach dieser geologischen Hindeutung vollends wieder zurecht gefunden habe. Er hatte mich vor Jahren über ähnliche Dinge in Mainz einmal öffentlich sprechen hören. Dies gehört aber zu meinen heutigen Reisefreuden, und darum werden Sie mir die Erwähnung wohl erlauben. Beweise davon zu erhalten, daß man nicht vergeblich zu Freunden der Natur von der Natur gesprochen hat, ist der süßeste Lohn für den treuen Jünger derselben.

Bald lag in Flüelen das Ende des Urnersees vor mir und in die Oeffnung des Felsenthales, welches bis hierher der See bis zum Rande ausfüllt, trat der schneebedeckte 9466 Fuß hohe Bristenstock, ein Berg, so schön und so edel in seinen Formen, wie die Schweiz vielleicht keinen andern hat. Nach wenigen Minuten wendeten wir uns zur Umkehr, und ich genoß bis Brunnen in vollen Zügen noch einmal. Die Sonne war eben erst über die Kuppen der Uferberge getreten, von denen kaum einer weniger als 1000–2000 Fuß über dem Spiegel des See’s emporragen mag, und sendete ihre scharfen Streiflichter herab über grüne Matten und dichte Waldung, und entfaltete ein wahres Gaukelspiel der Beleuchtung. Inzwischen schwebten oben um die zackigen Häupter blendend weiße Nebelwolken, denen sich immer neue hinzugesellten, aus den finstern Schluchten an’s sonnig helle Tageslicht hervordrängend. Die mächtige Frohnalp bei Brunnen und die jenseits Brunnen auf demselben Ufer wie ein himmelhohes, steiles Dach aus dem See aufragende Hochfluh umgürteten luftige Wolkenbänder, und warfen doch tiefdunkle Schatten auf dieselben, während gegenüber dem mächtigen Ober-Bauen der Uri-Rothstock mit seinen weißen Zacken hervorlugte. Alles dies schien mir in nächster Nähe neben und hinter einander vor mir zu stehen. Die Klarheit der Luft täuscht gewaltig über die Entfernung und läßt die Alpenlandschaft wie ein frisches, fein ausgeführtes Bild erscheinen. Ja, ich möchte es fast übersättigend nennen, weil der Phantasie kaum etwas zu thun übrig bleibt. Als ich nachher am Ufer von Luzern bald links nach vom Rigi, bald rechts nach dem Pilatus emporblickte, die von hier aus nur in fünf und sechs Stunden zu ersteigen sind, so erschienen mir aus ihrer luftigen Höhe ihre Wände als ein scheinbar ganz nahes Mosaik feinster und doch erkennbarer Art, obgleich ich annehmen konnte, daß sich das feine Mosaik in der Nähe in mächtige Felsenstücke und Gebüsch ausgelöst haben würde. Der Weg des Dampfbootes bog bald rechts, bald links an das Ufer, um Reisende aufzunehmen oder zu entlassen. Die fast überall steil aus dem See aufsteigenden Felsenwände, zwischen denen eine Menge kleiner Einbuchtungen liegen, entfalten ohne Unterbrechung einen überraschenden Wechsel der immer neuen Landschaftsbilder, so daß man oft eine ganz andere Ansicht hat, als man fünf Minuten vorher hatte. Kurz vor Luzern entsendet der See links den Alpnacher und rechts den Küstnacher See, und bildet mit diesen seinen beiden Armen rechts und links je zwei Vorgebirge, auf deren einem rechten der Rigi und auf einem der gegenüberliegenden linken der zackige Pilatus thront. Wir landeten und möglichst schnell entschlüpfte ich meinem empfehlungswerthen „Rößli“ wieder, um mich im Schauen des bezaubernd schönen Seebildes zu versenken. Die sonntägliche Lebendigkeit der Luzerner und das Gewühl der Reisenden umsummte mich, und als ich erst spät am Abend mich losgerissen hatte, fühlte ich nur das eine Bedauern, diesem Briefe nicht ein in glühenden Farben gemaltes Bild beifügen zu können.







Aus einer der höchsten menschlichen Wohnungen Europa’s.

Faulhornhaus, den 27. August.

Aus dem ländlichen Meiringen geleitete mich und drei bald befreundet gewordene Begleiter der Reichenbach mit seinen abgestuften Fällen beinahe unmerklich in die Höhe. Der mittlere und der obere Fall sind auf wahrhaft unwürdige Weise dadurch verunstaltet, daß man sie durch vorgebaute Bretterhäuschen gewissermaßen eingesperrt hat, und man an die unnatürlichen Vormünder der Natur eine Steuer, ein Schaugeld zahlen muß. Ist es nicht eine Schande für die Schweizer, mit ihren Naturschätzen solch’ kleinlichen Wucher zu treiben? Nach fast zweistündigem Steigen gelangten wir an das Rosenlauibad, während zur Rechten, bald zwischen Blöcken, bald in unsichtbar tief ausgehöhltem Bett der Reichenbach schäumend und tosend brausete. Vom Rosenlauibad ist es noch eine Viertelstunde bis zum Rosenlauigletscher, dem schönsten von allen und dem erklärten Liebling aller Reisenden. Rein von allem Moränenschutt liegt die im zarten Blau schimmernde ungeheure Eismasse, zwischen den Engelhörnern und dem Wetterhorn eingebettet, vor dem überraschten und entzückten Wanderer. Senkrechte, tief eindringende Spalten bilden Eiscoulissen, in denen man im reinsten Himmelblau steht und sich in ein Zaubermährchen versetzt glaubt. Tief unter dem Gletscherfuße (dem abschmelzenden Ende des Gletschers) gähnt, von einem dunkelblau durchsichtigen Eisdome überwölbt, ein tiefer Schlund, auf dessen unsichtbarer Sohle das Gletscherwasser abströmt, und nicht weit vom Rosenlauibade mit einem vom Schwarzwaldhorne kommenden Bache sich vereinigend, die unerschöpfliche Quelle der Reichenbachfälle bildet.

Zum ersten Male befand ich mich hier an der Grenze des Knieholzes, und sah mich umringt von den noch zum Theil in Blüthe stehenden Alpenpflanzen. Letztere waren allerdings noch nicht jene niedlichen Gestalten, die ich erst später auf der Spitze des Faulhornes fand. – Weiter ging es nun der großen Scheideck zu; ein langer schmaler Kamm, verbindet sie das Wetterhorn, den Nachbar des Rosenlauigletschers, mit den dem Brienzer See entsteigenden Bergen. Aus der Zinne der Scheideck überblickten wir das herrliche Grindelwaldthal, und von Zeit zu Zeit donnerte es in den Eingeweiden des Wetterhornes und je nach unserem Standpunkte floß bald darauf aus einer sichtbaren oder durch seitliche Stellung unserer kleinen Schaar aus einer verdeckten Bergschlucht eine Lawine herab; floß, sage ich, denn der jetzt auch in der Region des ewigen Schnees auf das geringste Maaß verminderte Vorrath des sich nicht mehr ballenden Schnees bildet reizende Milchkaskaden, und diese streuen ihre sich nach allen Seiten hin leicht ausbreitende Spende als blendendweiße Schuttkegel an dem Aufhaltspunkt ihrer senkrechten Sturzlinie aus. Noch vor dem Uebergang über die Scheideck hing zu unserer Linken der kleine Schwarzwaldgletscher herab. Jenseit des Scheideckkammes folgte ihm das ungeheure Eismeer des großen und das kaum geringere des kleinen Grindelwaldgletschers, deren Firnmulden mit den dahinterliegenden ungeheuern Schneefeldern die Kuppen des Wetterhornes, des Schreckhornes und des Eighers verbinden. Bald aber verhüllten uns aufsteigende Nebel die höheren Kuppen der genannten Horne, und von ihren Nachbarn, von dem Mönch bis zur Blümlisalp sahen wir keine Spur. Nach beinahe fünfstündigem Steigen gelangten wir endlich von der großen Scheideck, zuletzt von Kälte erstarrt, auf der Spitze des Faulhornes an. Etwa die letzten Tausend von den 8261 Fuß seiner Höhe befand ich mich in einem entzückenden botanischen Garten der Alpenpflanzenwelt. War auch die eigentliche Blüthenzeit vorüber, so fand ich doch noch viele Alpenpflanzen in Blüthe, namentlich aus den Gattungen Gentiana, Phyteuma, Saxifraga, Lepidum, Arenaria, Draba, Campanula, Gypsophila. Die Region der Alpenpflanzen machte jetzt auf den Unaufmerksamen den beinahe unerquicklichen Eindruck unserer mit ganz kurzem moosweichen Rasen bedeckten Viehtriften, und man muß den Teppich genau ansehen, namentlich jetzt, wo wenig Blumen zu sehen waren, um die einzelnen moosartigen kleinen Polster der kleinblättrigen Alpenpflanzenstöcke zu erkennen. Etwas weiter unten hatte mich der prächtige blaue Sturmhut, (Aconitum napellus) erfreut, der meist in dichten Trupps in den kleinen Einsattelungen der Bergwände stand.

Um sieben Uhr kamen wir in dichten Nebel gehüllt auf der Spitze an, und mußten an manchen Stellen durch vor einigen Tagen [514] bereits frischgefallenen Schnee waten. In dem behaglich geheizten Zimmer des vor etwa zwanzig Jahren erbauten und höchstens vier Monate lang bewohnten Hauses fanden wir acht Reisegefährten, die seit Mittag vergeblich auf eine Aussicht gehofft hatten. Nach einem fast üppig zu nennenden Abendessen, was man in dieser enormen Höhe nicht erwartet, und dessen Bestandtheile nebst Holz und andern Lebensbedürfnissen täglich von zwölf bis fünfzehn Menschen tausende von Fuß hoch heraufgeschleppt werden müssen, legten wir uns im höchsten Grade ermüdet zur Ruhe. Wir waren zwölf Stunden lang beinahe ununterbrochen gestiegen und hatten dabei dann und wann die stärkende Wirkung eines kleinen Schlückchens Kirschwasser empfunden. Der freundliche Wirth machte uns auf den kommenden Morgen die zuversichtlichste Hoffnung.

Sie hat sich glänzend bewährt, und in diesem Augenblicke schweift mein Blick oft vom Papier durch das Fenster hinüber auf die in strahlender Morgensonne glänzende Kette der schneebedeckten Berner Alpen. Die Jungfrau und ihre Nachbarn, der Eigher, Mönch und die Silberhörner, schließen sich dicht an einander, während mehr links das finstere Schreckhorn und das alle überragende Finsteraarhorn sich mehr vereinzelt geltend machen. Und dabei tritt dies alles in seiner überwältigenden Majestät in der klaren Luft so nahe an uns heran, daß man mit einem Büchsenschuß eine Kugel in die glänzenden Falten des Gewandes der Jungfrau schicken zu können meint. Das Gefühl des Emporgerücktseins über das unruhige Treiben der Welt überkommt Einem hier oben mit unwiderstehlicher Gewalt. Das Auge sucht vergeblich nach dem unsichtbaren inneren Zusammenhange der es von allen Seiten umstarrenden Bergkolosse und dies vermehrt das Gefühl der eigenen Schwäche und zwingt zu Vertrauen in die kundige Führung, welche das Oben an das tiefe Unten durch verschlungene, oft kaum betretene Pfade zu knüpfen weiß. Ich überantworte mich mit meinen drei Reisegefährten dieser kundigen Führung, um mich nach Grindelwald führen zu lassen, dessen Ebene in unerkennbarer Kleinheit ihres Detail tief unter uns liegt. Mein ferneres Ziel sind die Aar- und der Rhonegletscher, welche den Charakter dieses starren Wasserlebens besonders rein ausgeprägt an sich tragen.

Ich schließe meinen Brief, nachdem ich noch einen letzten Abschiedsbesuch auf der Höhe hinter dem gastlichen Hause gemacht habe. Schwerlich dürfte es in Europa ein zweites Faulhorn geben, und meine Erinnerung an den Monserrat Cataloniens hat im Faulhorn einen gefährlichen Nebenbuhler gefunden. Während ich Obiges schrieb, hat sich der Nebel aus den Thälern gehoben und schwebt nur noch an der Nordseite des herrlichen Panorama’s als eine breite Zone lockerer blendend weißer Wolken längs dem jenseitigen Berggelände des Brienzer und des Thuner See’s, deren grüne Spiegel aus der Tiefe heraustauchten. Nach Süden das imposanteste Alpenbild, nach Norden das liebliche Durcheinander niedriger Berge und lachender Alpenseen – da ist das Zaubertheater des Faulhorns.






Besuch einer Großgeschäfts-Phalanstere zu London.

Jeder hat wohl seine Vorstellung von „London“, dem größten Städteungeheuer ohne Grenzen, gehüllt in ewigen Rauch, aus welchem die Kuppel der Paulskirche wie der Riesenkönig aller Hunderttausende von Schornsteinen hervorraucht, dem unentwirrbaren Labyrinthe von Buden und Geschäften, von Gasflammen, Backsteinen und Fenstern, Wagen, Kutschen, Karren, Droschken, Omnibussen, Spitzbuben, Ausrufern, Leierkasten, zerrissensten Lumpen und solidesten Krösusreichthums. Diese und ähnliche Ingredienzien bilden stets die Hauptbestandtheile in den verschiedenen Vorstellungen, die von London im Umlaufe sind.

Aber das ist noch lange nicht London. Man kann sich überhaupt von London eben so wenig eine Gesammtvorstellung machen, wie von Deutschland. Beide Größen, London und Deutschland, sind nichts im Allgemeinen, weil beide im Allgemeinen eben alles Mögliche sein können, sondern Alles im Besondern. Wer von London im Allgemeinen sprechen wollte, würde nicht aus der Verlegenheit herauskommen, eben so wie Jeder, der in Deutschland von einem großen, allgemeinen Deutschland spricht, nicht blos in Verlegenheit, sondern auch innerhalb neununddreißig verschiedener Grenzen in’s Gefängniß kommen kann. In Deutschland schützt die Polizei den Unterthanenverstand vor solchen Verirrungen in die Labyrinthe des Allgemeinen hinein, in London muß man sich selbst Schranken, Schloß und Riegel schaffen. Die Polizei fragt hier weder nach Stadt-, noch nach Vorstellungsmauern.

So irren und wirren sich die Straßen von London nach allen Seiten in’s Grenzenlose und bereits in ganz ferne Städte hinein, und Niemand weiß mehr zu sagen, wo es anfängt und aufhört. Aus Mangel an polizeilichen Bezirken schuf sich das Volk längst selbst Grenzen. Wie es nur den, der innerhalb der Schallstrahlen der „Bow“-Kirchenglocke in Cheapside (mitten in der City, unweit der Paulskirche) geboren ward, als „Cockney“ – oder echten Londoner anerkennt, schließt es auch, wenn es von „London“ im Allgemeinen spricht, jede Allgemeinheit aus und versteht darunter nur die „City“, den Mittelpunkt Londons, der sich mit einem Radius von etwa einer englischen Meile ziemlich kreisförmig um die Paulskirche herumlegt. Alle anderen Bestandtheile Londons haben zu ihrem allgemeinen Namen, der unter „London“ verschwindet, noch ihren bestimmten alten Dorf- oder Stadttitel beibehalten.

So gibt es ein „London Westminster“, ein „London Pimlico“, ein „London Camden Town“, ein „London Censington und Islington“ und ein Schock andere Londons, jedes eine Stadt mit 100,000 bis 3–400,000 Einwohnern. London ohne Nebentitel ist die City mit der großen, dicken, rauchverschleierten Paulskirchenkuppel in der Mitte, worin niemals Gottesdienst gehalten wird, da der Mammonsdienst in der benachbarten Börse und Bank und den umliegenden Großgeschäften auch alle unsterblichen Bestandtheile der Seelen ausschließlich in Anspruch nimmt.

Die City ist nur Großgeschäft, Weltbörse, Weltmarkt, Handel und Spekulation mit Schiffsladungen, Ernten, Produkten, Waaren und Fabrikaten großer Völker und Erdtheile. Niemand wohnt in der City außer den Katzen und den Haushälterinnen. Jeder ist blos jeden Tag von 10 bis 4 – 5 Uhr ein seelen- und herzlos getriebenes Rad (oder ein Zahn in demselben) seines Geschäfts und der Conjuncturen, in welche es durch das Eingreifen von tausend andrer Räderwerke, Kurbeln und Kolben gerissen wird. Um 5 Uhr gibt er erschöpft, seinen Schlüssel an die Haushälterin und ihre Katze ab, wirft sich in einen Omnibus, auf eine Eisenbahn, ein Dampfschiff, die alle jederzeit abgehen und ankommen, läßt sich so in seine Villa außerhalb treiben und fällt hier so über sein „Mittagbrot“ her, daß er bis 10–11 Uhr hingestreckt liegt, wie eine Boa-Constrictor, die einen großen Ochsen verschlungen. Am folgenden Morgen hat er nicht mehr Geist, als an sein Rasirmesser zu denken, sich zu schaben, in Vatermördern einzumauern und wieder in sein „Bureau“ zu eilen, wo er wieder bis 5 Uhr von der großen Geschäfts- und Welthandelsmaschine getrieben wird, daß ihm Hören und Sehen vergehen. Nur zuweilen fällt er rasend in eins der Frühstückslokale ein, um stehend mitten unter 2–300 andern stumm und stehend Essenden und Trinkenden ein fertiges, belegtes Butterbrot ungekaut zu verschlingen, ein Glas Flüssigkeit hinterher zu stürzen und dann mit verdoppelter Wuth hinter dem versäumten Geschäfte herzugapsen.

Aber um 5 Uhr schlägt ihm doch jeden Tag eine Erlösungs- d. h. eine Stunde, in welcher er sich noch zum Essen und Trinken setzen kann. Unterwegs und Sonntags bekommt er auch statt des Goldes und der Armeen von Zahlen zwischen öden, geraden Linien grüne Bäume und Blumen zu sehen und frische Luft einzuathmen.

Dieser Kaufmann und Diener des Großgeschäfts ist noch ein Glücklicher zu nennen, gegen die, welche sich in der City selbst mit Geschäft, Leib und Seele, Wohnung und Schlafstelle, polizeilicher Aufsicht und moralischer Controle mußten einschnallen lassen. Es ist eine verhältnißmäßig neue Erscheinung in der City, Großgeschäft und die Leute dazu mit Leib und Seele in [515] allumfassende socialistische Phalansteren zusammenwachsen zu sehen, für viele mehr wohlmeinende, als wohlwissende Leute eine erfreuliche Erscheinung, für uns aber, die wir Menschen gern menschlich sehen möchten, ein furchtbares, entsetzliches Grab aller Individualität, alles Charakters und moralischer wie physischer Selbstständigkeit. Die Socialisten und Communisten mögen hier einen Triumph ihrer Lehren bewundern, müssen sich aber auch zugleich gefallen lassen, den Menschen dabei untergehen und dafür einen von außen getriebenen Automaten entstehen zu sehen.

Treten wir in ein solches Großgeschäfts-Phalansteren-Automatenwerk ein, in das berühmteste Muster derselben.


Die Gartenlaube (1856) b 515.jpg

Die Phalanstere zu London.


Ungefähr in der Mitte dieser steinernen Lager- und Geschäftspaläste, der City, an einer schneidenden Straßenecke, Woodstreet (Holzstraße), fällt ein besonders stattlicher und neuer Steinkoloß auf, das Großgeschäft von John und Richard Morley, Strumpfwaaren- und Handschuhgroßhändlern, wie man ihren Titel wörtlich übersetzen muß. Das Gebäude des Geschäfts, wie wir es von außen in der Abbildung sehen, nimmt auf dem Boden, der beinahe mit dichten Goldstücken belegt werden muß, Zoll für Zoll, wenn man ihn nur nackt als Baustelle kaufen will, 8250 Quadratfuß. ein und wurde 1849 vollendet. Es ist seitdem nicht nur eins der größten Privatgebäude in der City geblieben, sondern auch das berühmteste und ausgedehnteste Geschäft seiner Art und ein social-ökonomisches Wunder geworden.

Wir treten durch große Flügelthüren ein. Ein ganzer Jahrmarkt, eine Messe rings um uns, über uns, unter uns, ein industrielles Labyrinth ohne Ariadnefaden auf den ersten Blick. Gott sei Dank, daß wir keinen Leitfaden brauchen, der uns hier wenig helfen würde, sondern uns ein grauhaariger Herr mit wohlwollendem und nicht dem so häufigen kaufmännischen, englischen Geschäftsgaunerblick in Empfang nimmt, uns führt und so das räthselhafte Geschäftsgewimmel erklärt. Wir bemerken nur flüchtig auf beiden Seiten des Haupteinganges die Hauptbureaux zum Eintragen der aus- und eingehenden Güter, die Menge Träger und Packer, unter deren Händen die verschiedensten Waarenhaufen sich mit hexereiartiger Geschwindigkeit in die regelmäßigsten Ballen und Packete verwandeln, die von Andern gezeichnet und adressirt, von Andern davon getragen, von Andern ausgerufen und von Andern gebucht werden, Alles wie von Theilen einer rastlos und seelenlos arbeitenden Maschine. Gerade vor uns dehnt sich das Muster- und Probendepartement auf endlos langen, polirten Tafeln und in eben so unabsehbaren Fachwerken und Gesimsen hin, Centnerlasten von Handschuhen, wollenen und baumwollenen Waaren aller Art, Reisetaschen, Regen- und Sonnenschirmen, Zwirnen und Schnuren und tausenderlei Kleinigkeiten, in denen unsere Frauen und Töchter so viel Geld „verposamentiren“. Und diese Massen, mit denen man anscheinend die ganze schöne Welt von Europa verposamentiren könnte, sind blos Proben und Muster der Waaren. Die eigentlichen Vorräthe derselben lagern unter uns in unabsehbaren Mauern von Ballen und Packeten. Große Kettenkrahne winden stets andere Ballen herunter, wie sie eben aus den Fabriken kamen, oder herauf zum Leben in den Kleinhandel aller Weltgegenden. Wir blicken auf, emporgelockt durch lange Reihen schlanker Eisensäulen, die durch alle Etagen des Gebäudes die verschiedenen Galerien und Abtheilungen tragen, keine schwere dorische, keine leichte corinthische Säulenordnung, sondern eine moderne, praktische Architektur und Aesthetik in eigener Melodie. Ungeheure Flaschenzüge, Schafte und Krahne knattern und raffeln immerwährend Waarenballen auf und ab, die in verschiedene Etagen vertheilt und dort geordnet und aufgeschichtet werden. Diese ganze reinliche, elegante, wimmelnde Geschäftsverkettung raffelt und rädert sich fortwährend ab, als würden alle Menschen und Waaren zugleich von einem einzigen, ungeheuren Dampfmaschinenkolben getrieben, so seelenlos und regelmäßig arbeiten die Krahne und die Arme und Beine und Federn. Es wurde mir manchmal ganz unheimlich zu Muthe, weil ich kaum unterscheiden konnte, was Mechanismus und Maschinerie und was Mensch war. Die Einzelnheiten dieser Menschen- und Sachen- Maschinerie lassen sich nicht schildern, ohne in’s Technische zu gehen. Deshalb heben wir nur noch einiges Neue und Eigenthümliche hervor.

Was soll die große Bibliothek dort in der einen Ecke? Lesen die Herren, in Musestunden Romane? Die Bibliothek besteht [516] blos aus Contobüchern. Sie sind das Geschäft schwarz auf weiß zwischen geraden Linien mit ungeheuren Summen und Transports unten und oben. Durch eine geheime Thür auf Steintreppen wurden wir in die „Festung“ des Geschäfts geführt, einem feuer- und bombenfesten Raum, in welchem jede Nacht alle werthvollen Papiere und Bücher aufbewahrt werden, obgleich das ganze Gebäude schon „feuerfest“ gebaut ist. Durch verschiedene Stockwerke hindurchgeführt, die alle wie besondere Straßen und Balkone nach der Mitte offen sind, und von dem ungeheuren Glasdache oben ihr hübsches, malerisches Licht erhalten, auf frei sich schlängelnden, geradlinig aufsteigenden und doch in bequemen Schraubenwindungen laufenden Treppen kamen wir endlich auf die oberste Galerie und sehen mit Staunen, wie ein Mann einen Waarenballen auf ein außerhalb schwebendes Brett wälzt, sich selbst darauf setzt, und geschwind und geschmeidig hinabsinkt. Unterwegs hält er einmal neben einer Etage an, ohne daß ich erfuhr, wie er’s machte, sinkt dann weiter, übergibt seine Fracht an einen andern Mechanismus, und windet sich wieder herauf, ohne daß er das Geringste dabei thut. Wenn wir heut zu Tage nicht so aufgeklärte Leute wären, würde ich mir und dem Leser weiß zu machen suchen, das Geschäft habe sich dem Teufel verschrieben, der dafür Faust’sche Zaubermäntel liefern müsse, auf welchen Menschen und Waaren auf- und abfliegen. Wie die Sachen aber jetzt stehen, glaub’ ich, daß Alles natürlich und mechanisch zuging. Ueberhaupt kann hier der Teufel schwerlich eine Seele fangen. Erstens gibt’s gar keine unter den 150 Dienern, als die des Geschäfts, und wenn sie nach dem Schlusse desselben Dinge thun wollen, wofür man in die Hölle kommt, geht’s gar nicht. Die Leute gehören dem Geschäft mit Leib und Seele und wohnen in demselben, wie die Herren Morley auch in ihrer Fabrik zu Nottingham ihre 3000 Arbeiter mit Weib und Kind in Schutz und Aufsicht nehmen.

Das ökonomische Departement des Geschäfts ist von diesem selbst nur durch eine Thür und Treppe geschieden. Es ist ein prächtiges Hotel, eine Phalanstere mit einem Speisesaale, durchweg mit einem brüsseler Teppich belegt, voller Mahagonitische und Mahagonistühle, worin die „Beamten“ des Geschäfts, vierzig auf einmal, frühstücken, diniren und soupiren, um hernach ihre Mußestunden in einer anstoßenden Bibliothek mit mehr als tausend Bänden und allen gangbaren Zeitungen und Zeitschriften zuzubringen. Wöchentlich zweimal finden Discussionen statt und werden Vorlesungen gehalten. Für die Träger und groben Arbeiter gibt’s noch eine aparte Bibliothek. Speisen, und Getränke, Teller und Schüsseln kommen und gehen durch Maschinerie von Unten. Ueber Bibliothek und Speisesaal reihen sich die Schlafstellen, mit allen Bequemlichkeiten niedlich ausgestattet, für je zwei Mann, einer besondern Abtheilung für Kranke, denen die Firma einen Arzt hält, und Anstalten für kalte, warme, Sturz- und Dampfbäder. Diener, d. h. Beamte des Geschäfts von besonderen Verdiensten haben Schlafräume für sich einzeln. Kurz, es fehlt nichts, den Bewohnern ihr Hotel so komfortabel und bequem und wohlfeil zu machen, wie sie es an einem selbstständigen Herde wohl kaum ermöglichen würden, nichts als dieser eigene Herd, das Gefühl und das Zeug der Selbstständigkeit, der Hausstand, die Familie, das freie Menschliche mit seinen Sorgen und Segnungen. Tausende fliegen jeden Tag aus der Hitze ihres Geschäfts bis zwanzig Meilen weit in lustige umgrünte Villen und ihre blühenden Familien hinaus; diese wohlthätig und wohlwollend Ummauerten aber gehen blos durch eine Thür aus der Maschinerie ihres Geschäfts in den eleganten, aber gemüthlosen Mechanismus ihrer controlirten Häuslichkeit ein. Das ist echt socialistisch, aber langweilig und geistlos, unmännlich und unmenschlich, wenn auch in der humansten Form.




Blätter und Blüthen.




Eine Scene in Afrika. Ein Beduine kehrte vor Kurzem von einer Reise nach einer fernen Gegend, wo er seinen Stamm besucht hatte, nach Algier zurück, sein Weib und zwei Kinder begleiteten ihn. Er selbst ritt auf einer prächtigen, theuern arabischen Stute, welche ihm ein englischer Reisender für mehrere ausgezeichnete Dienste auf einer gefährlichen Reise geschenkt hatte. Sein Weib ritt auf einem Kameel; ein Kind ruhte in ihrem Arm, das ältere ritt hinter ihr, sich an den ungeheuren Sattel haltend, an dessen Bügeln die großen Koch- und Trinkgeschirre, die steten Begleiter solcher Wanderungen, hingen. Der Stolz des Beduinen bestand in dem Feuer seines Pferdes, in der Gelehrsamkeit und dem Scharfsinn seines Kameels und der Schönheit seines Weibes, welches einem höheren Stamme als dem seinigen angehörte. Die kleine Familie verfolgte eine Zeit lang ihre Reise, ohne einer Gefahr zu begegnen. Sie waren so glücklich, Wasser zu finden, und ungleich dem größten Theil der Beduinen, die so zu sagen durch Erfahrungen nie klug werden, befriedigten sie sich nicht nur durch eine bloße Erquickung bei jeder Oase, sondern füllten ihre Schläuche und Gefäße bis zum Rande. Es war am Nachmittag des sechsten Tages ihrer Reise, als sie von einer großen, wüsten Sandebene in eine Bergkette gelangten, deren Abhänge und Höhen mit verkümmertem Gebüsch und einigen Tamariskensträuchern hier und da bedeckt waren. Jetzt bemerkten sie einen Hügel, welcher ein einladendes Plätzchen und ein passender Zufluchtsort für ihre Abendmahlzeit zu sein schien. Die Kinder waren müde und man beschloß, dort eine Stunde zu verweilen, weshalb die Anhöhe erstiegen wurde. Aber plötzlich bäumte sich das edle Roß von reinem Godolphinstamm und wieherte dermaßen, daß die kleine Familie von Schrecken ergriffen wurde. Fast in demselben Augenblick stieß das Kameel sonderbare, traurige Angsttöne aus, und fiel in die Kniee. Die Mutter und die beiden Kinder wurden durch diese unerwartete Bewegung hinabgeworfen. Der Beduine griff nach seinem Gewehr, ebenfalls ein Geschenk des obenerwähnten englischen Reisenden, als plötzlich ein schreckliches Gebrüll über die Wüste erscholl, dessen Echo von Berg zu Berg bis in die weiteste Ferne getragen wurde. Nur ein paar Schritte von ihnen in einer Höhle, unter deren Abhänge sie gerade ihr Mahl hatten einnehmen wollen, stand ein großer Löwe zum Sprunge auf seine Beute bereit. Ein schrecklicher Schrei ertönte von den Lippen der erschrockenen Mutter, und die Kinder klammerten sich an sie an, in athemloser Angst. Der Beduine verlor jedoch seine Geistesgegenwart nicht. Er hatte kaum sein Gewehr losgelöst, als das schreckliche Ungeheuer schon in der Luft schwebte und auf den Nacken des Kameels fiel. Im Augenblick, noch ehe der Knall der Büchse gehört wurde, färbte sich der Sand mit Blut. Der Löwe hatte seine Zähne in das Fleisch des armen Thieres eingegraben, und ein trauriges Wehklagen, beinah ähnlich dem eines Menschen, kam aus der Kehle des schwachen, geduldigen Geschöpfen. Jetzt leuchtete ein Flammenblitz aus dem Gewehr und fast zu gleicher Zeit wiederhallte das Echo der Wüste zum zweiten Mal gleich dem Donner. Der Löwe fiel von dem Nacken des Kameels und rollte in den Sand. Vom Pferde zu springen, war für den Araber das Werk eines Augenblickes. Sein schnelles Auge hatte bemerkt, daß das Ungeheuer an einer lebensgefährlichen Stelle verwundet war; seinen Dolch ziehend, stürzte er sich auf den König der Thiere. Der Stoß war gut geführt, hätte er gefehlt, so wäre es ihm schlecht ergangen, denn der Löwe besaß noch die Kraft, auf ihn loszugehen. Er war gerade zwischen den Rippen, die eine zarte Stelle bedecken, tief hineingegangen und das Ungeheuer fiel mit schrecklichem Geheul zu Boden und starb. Der Leser kann sich die Freude der geängstigten Familie über ihre Befreiung vorstellen, doch wurde ihre Freude durch den Verlust des theueren Kameels getrübt, denn es mußte, trotz aller Aufmerksamkeit, die man auf dasselbe verwandte, sich verbluten, während es langsam sterbend seinem Herrn die Hand leckte. Es ist noch zu bemerken, daß der Beduine Frau und Kinder auf sein Pferd setzte und dasselbe während des übrigen Theils der Reise durch die Wüste führte, deren Ende sie sicher erreichten.






Bei Ernst Keil in Leipzig erschien:

Hauserziehung und Kindergarten.
Vorträge für Frauen und Jungfrauen,
welche für die Familie oder den Kindergarten sich für Erzieherinnen bilden wollen. Von Auguste Herz.
Zweite wohlfeilere Ausgabe. – 24 Bogen 8. Preis 25 Rgr.

Dem weiblichen Geschlecht, welches bisher für die Hauserziehung gar keine oder doch nur eine sehr mangelhafte Vorbildung empfing, wird in diesem Buche eine nach rationellen Grundsätzen fest geordnete praktische Anleitung zur Pflege und Erziehung der Kinder bis zum sechsten Jahre, geboten. Die zweite Abtheilung des Buches beschäftigt sich ausschließlich mit der innern Einrichtung, der Leitung und Verwaltung der Kindergärten, gibt Anweisungen bei Ertheilung des Unterrichts, den Spielen, dem Turnen etc. etc.