Die Gartenlaube (1858)/Heft 8

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1858
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[101]

No. 8. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Der gefangene Dichter.
Von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)


Als Ludwig IX. zum ersten Male in diese öde, sandige Region kam, wo eine Gruppe von vierzehn Häusern das armselige Abbild eines Fleckens darstellte, fühlte seine Vorliebe für die Einsamkeit sich so sympathetisch von diesem Erdenwinkel angesprochen, daß er beschloß, hier „Hütten zu bauen.“ Er schuf sich hier Räume zum Wohnen für sich und sein Grenadierregiment.

Ob es ihn erfreute, daß auch andere Leute ihm hierher folgten, daß der Ort, der so unvermuthet zu der Ehre kam, eine Residenz zu sein, sich nach und nach vergrößerte, bis er statt 14 an 750 Häuser zählte, das wissen wir nicht. Jedenfalls blieb ihm seine Militair-Colonie für immer an’s Herz gewachsen, und nur selten besuchte er die Hauptstadt des Landes, wo die Landgräfin residirte, wo sie mit treuem Eifer über seine Interessen und das Wohl der Unterthanen wachte. Er selbst huldigte in Pirmasens zur Musik der Trommel, die berauschend auf ihn wirkte, in der er selbst Virtuose war, seiner einzigen Liebhaberei.

Ein Reisender jener Zeit, der dahin verschlagen wurde, gab ein lebhaftes Bild dieser militairischen Welt:

„Hier in Pirmasens,“ sagt er, „bin ich in eine ganz neue Schöpfung versetzt, unter eine zahlreiche Colonie von Soldaten und Bürgern, die kein Reisender auf einem so öden und undankbaren Boden suchen würde. Alles um mich her wimmelt von Uniformen, blinkt von Gewehren und tönt von kriegerischer Musik. Hier, wo ehemals nichts als Wald und Sandwüste war, wo ein einsames Jagdhaus blos zum Aufenthalte einiger Förster diente, und die ganze Gegend umher von Niemandem als einigen Räuberhorden besucht wurde, da legte der regierende Fürst von Hessen-Darmstadt mancherlei Wohnungen an, pflanzte Einwohner darein, versetzte den Kern seiner Kriegsvölker dahin und erkor sich den Ort, der sechzehn deutsche Meilen von seinem größeren Lande und seiner eigentlichen Residenz liegt, zu seinem Aufenthalte. Der Ort ist von mittlerer Größe, hat einige gut gebaute Häuser, aber keine vorzüglichen Straßen; der Landgraf wohnt in einem wohlgebauten Hause, das man weder ein Schloß noch ein Palais nennen kann, und das, genau genommen, nur aus einem Geschoß bestand. Nahe bei demselben, nur etwas höher, liegt das Exercierhaus. Hierin nun exercirt der Fürst täglich sein ansehnliches Grenadier-Regiment, das aus 2400 Mann bestehen soll. Schönere und wohlgeübtere Leute wird man schwerlich beisammen sehen. Allerlei Volk von mancherlei Zungen und Nationen trifft man unter ihnen an, die nun freilich auf die Länge nicht so zusammen bleiben würden, wenn sie nicht immer in die Stadt eingesperrt wären und Tag und Nacht von umherreitenden Husaren beobachtet würden. – So eben komm ich aus dem Exercierhause, von der eigentlichen Wachparade, gan parfümirt von den Fett- und Oeldünsten der Schuhe, des Lederwerks der eingeschmierten Haare und von dem allgemeinen Tabakrauchen der Soldaten vor dem Anfang der Parade. Wie ich eintrat, kam mir ein Qualm und Dampf entgegen, der so lange meine Sinne betäubte und mich kaum die Gegenstände unterscheiden ließ, bis meine Augen und Nase sich endlich an die mancherlei Dämpfe und, widrigen Ausflüsse einigermaßen gewöhnt hatten. Wer Liebhaber von wohlgeübten, aufgeputzten und schön gewachsenen Soldaten ist, wird für alle die widrigen Ausflüsse hinlänglich entschädigt.

„So wie das Regiment aufmarschirt und seine Fronte durch das ganze Haus ausdehnt, erblickt man von einem Flügel zum andern eine sehr gerade Linie, in welcher man sogar von der Spitze des Fußes bis an die Spitze des aufgesetzten Bajonnets kaum eine vorwärts- oder rückwärtsgehende Krümmung wahrnimmt. Durch alle Glieder erscheint diese pünktliche Richtung, und sie wird weder durch die häufigen Handgriffe, noch durch die vielfältigen Körperbewegungen verschoben. Die Schwenkungen und Manövers geschehen mit einer außerordentlichen Schnelligkeit und Pünktlichkeit, man glaubt, eine Maschine zu sehen, die durch Räder und Triebwerk bewegt und regiert wird. Man soll sogar öfters das ganze Regiment im Finstern exercirt und in den verschiedenen Tempo’s keinen einzigen Fehler bemerkt haben. Auf den 20. August, als dem Namensfest des Landgrafen, ist jährlich Hauptrevue, und dann wimmelt es in Pirmasens von auswärtigen Officieren und andern Fremden, die theils aus Frankreich, Zweibrücken, der Unterpfalz, Hessen und andern Ländern hierher reisen. Den Landgrafen habe ich auch dabei in aller Thätigkeit gesehen. Mit spähendem Blicke befand er sich bald auf dem rechten, bald auf dem linken Flügel, bald vor dem Centrum, bald in den hintern Gliedern, Alles war geschäftig an ihm und er scheint mit Leib und Seele Soldat zu sein. Doch läßt er hierbei keinen fremden Zuschauer aus dem Auge; es wurde sogleich bei Anfang der Parade ein Officier an mich geschickt, der sich nach meinem Namen erkundigen sollte, und nach einiger Zeit hatte ich die Ehre, den Herrn Landgrafen selbst zu sprechen, wobei er sich in den höflichsten und gefälligsten Ausdrücken mit mir unterhielt. In seinem Hause und in seinen Appartements erblickt man wenig Pracht. Man glaubt, bei einem campirenden Generale im Felde zu sein: überall leuchtet die Lieblingsneigung des Fürsten hervor.“

Aber nicht immer war der Landgraf in Pirmasens mit seinen [102] Soldaten beschäftigt. Zuweilen trieb ihn das Bedürfniß der Einsamkeit in die Ferne; er reiste fort und Niemand wußte, wo er war; monatelang war der Fürst wie verschollen.

Den auffallendsten Gegensatz nun zu diesem eigenthümlichen Charakter eines Fürsten des achtzehnten Jahrhunderts bildete die Landgräfin Caroline aus dem Hause Pfalz-Birkenfeld. In der Hauptstadt ihres Landes weilend, theilte sie ihre Zeit zwischen den Regentensorgen, deren Last sie zu großem Theile ihrem Gemahle abgenommen, und jenem Gedankenleben, jenem ernsten Streben nach vollendeter Geistesbildung, welche ihr ein tiefes Seelenbedürfniß waren. Sie versammelte um sich, was die Residenz an aufgeklärten und gelehrten Männern besaß. Mit Begeisterung folgte sie der frischen, Großes verheißenden Entwickelung der jungen Literatur jener Tage. Die ersten Gesänge des Messias, die damals erschienen waren, rissen sie zur Bewunderung hin. Sie sammelte emsig die Oden und Elegien Klopstock’s, so wie sie einzeln in den Journalen erschienen; ja, sie veranstaltete im Jahre 1771 die erste Ausgabe derselben in 34 Exemplaren, welche sie an die ihr nahestehenden Verehrer des Dichters vertheilte. Es bildete sich so eine geistige Atmosphäre um Caroline von Hessen, in welcher stets mannichfach anregende Erscheinungen in buntem Wechsel auftauchten, um wieder neuen zu weichen, in welcher nacheinander alle schöpferische Genien der Epoche erschienen. Durch Merk’s Vermittelung stand die Fürstin in geistigem Verkehre mit Herder, der sie „die große Landgräfin“ nannte, und mit Wieland, der nur einen Augenblick Herr des Schicksals zu sein wünschte, um Caroline von Hessen zur Königin von Europa erheben zu können.




In jenen Tagen wurde an den Thoren einer Residenz noch genaue Controlle geführt; der „Passagier-Zettul“ wurde jeden Morgen regelmäßig den Durchlauchtigen Herrschaften zu Händen gebracht und wenn die Landgräfin am Morgen unter dem Verzeichniß der am gestrigen Tage durch das Frankfurter Thor Einpassirten den Namen:
Dr. Juris Wolfgang Goethe, logirt in des Kriegszahlmeister Merk’s –“

(nämlich Haus) gelesen hatte, so war das Räthsel gelöst, wie sie den jungen Mann, von dessen Dichten und Trachten in ihrem Kreise so viel die Rede gewesen, erkannt hatte.

Der Landgraf war seit einiger Zeit in seiner Hauptstadt anwesend. Er beabsichtigte, sich von hier aus nach Ems zu begeben, das er jährlich besuchte. Bei der Tafel war er heute sehr liebenswürdig, und nach Tische lud er seine Gemahlin ein, mit ihm nach dem Lustschloß Kranichstein zu fahren. Er war heiter gestimmt und erklärte auch seiner Gemahlin den Grund dieser Heiterkeit – man hatte einen trefflichen Burschen, ein wahres Pracht-Exemplar von einem stattlichen Grenadier, an sein Regiment abgeliefert. Die Landgräfin nahm an solchen kleinen Freuden ihres Herrn keinen Theil. Die Art und Weise, wie man sich in jener Zeit Rekruten zu verschaffen wußte, war ihr ein Gräuel; aber sie konnte nichts daran ändern und so begnügte sie sich damit, keinen Theil daran zu nehmen und sich nicht darum zu kümmern. Trotzdem aber wurde ihre Aufmerksamkeit in hohem Grade rege, als der Landgraf hinzusetzte:

„Haben’s dem Allgeyer zu verdanken! Der hat ihn eingestellt; Ew. Liebden vermelden ihm wohl, wenn Sie ihn sehen, unsere Gnad’ und Zufriedenheit?“

„Dem Allgeyer?!“ rief die Landgräfin, überrascht aufblickend, aus.

„Dem Hofgärtner Allgeyer – so ist es!“

„Der hat den Rekruten eingeliefert?“

„Ja; der Bursche hat sich ungebührlich in seinem Hause betragen, mit der Minette, dem hübschen Ding, geliebelt, ist dabei unnütz geworden – was weiß ich – kurz, da er nicht hiesig, sondern ein Fremder ist, hat ihn der Allgeyer beim Kragen gefaßt und die Wache holen lassen, und nun ist er Rekrut!“

Der Landgraf klopfte vergnügt auf den Deckel seiner goldenen Tabatiere und nahm eine mächtige Prise. Dann setzte er hinzu:

„Haben wir die Ehre, von Ew. Liebden nach Kranichstein begleitet zu werden?“

„Mein Gott,“ fiel die Landgräfin ängstlich ein, „wie heißt der Mensch?“

„Wer, der Rekrut?“

„Wie heißt er?“

„Ist mir unbewußt,“ versetzte der Landgraf. „Das gehört in die Muster-Rolle.“

„Und es ist ein auffallend schöner, stattlicher Mensch?“

„So besagt der Rapport. Werden selben morgen gleich in Augenschein nehmen.“

„Es ist ein Fremder – er hat Unfug in Allgeyer’s Hause angestellt, mit Minetten geliebelt? – in der That, das läßt ja keinen Zweifel übrig,“ sagte die Landgräfin für sich und sehr erschrocken; „der Hofgärtner wird ihn in meiner Grotte gefunden, vielleicht für einen Liebhaber Minettens gehalten haben; es ist zu Streit und Hader zwischen ihm und dem bösen Alten gekommen, der um so zorniger geworden sein wird, weil er ein schlechtes Gewissen hatte .... kein Zweifel, dieser stattliche neue Rekrut ist Goethe, – er muß so grausam dafür büßen, daß Allgeyer und die Dirne ihre Wächterpflicht vergaßen! – Oder hätte er in der That dem hübschen Lärvchen des Gärtnermädchens nachgestellt? .... diese Herrn Poeten sind freilich unberechenbar in solchen Dingen; aber dem sei, wie es wolle, es ist eine schreckliche Geschichte, die einen Nachhall in ganz Deutschland haben wird, wenn es mir nicht gelingt, ihn noch heute aus den Händen meines Mannes zu befreien!“

Dies war die Gedankenreihe, welche augenblicklich in der edlen Fürstin aufstieg und wobei ihr die Sorge, daß es unmöglich sein würde, die Freilassung des Rekruten von ihrem Gemahle zu erlangen, centnerschwer auf’s Herz fiel. Auch machte diese Angst es ihr unmöglich, lange über die klügste und zweckmäßigste Weise nachzudenken, wie sie Ludwig den IX. dazu bewegen könne, das Unerhörte zu thun und einmal einen Rekruten frei zu geben, den er bereits in seinem „zweierlei Tuche“ stecken hatte. Sie platzte augenblicklich mit dem Ausrufe heraus:

„Wissen Ew. Liebden, wer der Rekrut ist? Das ist der junge Goethe, des kaiserlichen Raths Dr. Goethe in Frankfurt Sohn, und wenn Ew. Liebden sich nicht ärgerlichen Zerwürfnissen mit der freien Reichsstadt aussetzen wollen, möchte ich unmaßgeblich gerathen haben, denselben augenblicklich wieder auf freien Fuß zu stellen!“

„Goethe?“ sagte der Landgraf. „Nun, was verschlägt’s? Daß solch’ ein mißrathenes Söhnlein noch zu der Ehre kommt, hessischer Grenadier zu werden, kann ja dem Herrn kaiserlichen Rathe, denk’ ich, nur eine Freude sein!“

„Aber Ew. Liebden, das ist kein mißrathener Sohn – es ist ein ganz hervorragendes und wegen seiner mancherlei Versuche in der Dichtkunst bereits viel gepriesenes Talent.“

„In der Dichtkunst?“ fragte der Landgraf sehr kühl.

„Er hat eine vortreffliche Tragödie von Ritter Götzen von Berlichingen mit der eisernen Hand geschrieben!“

Der Landgraf schüttelte den Kopf.

„Ich will nichts gegen diese Leute sagen, denn Ew. Liebden sind nun einmal ihre großgünstige Gönnerin. Aber so viel ich von ihnen weiß, sind es unsichere Cantonisten allzumal und einige Jahre Militairdienst werden dem jungen Musjeh Goethe nichts schaden!“

„Ew. Liebden,“ fuhr die Landgräfin fort, „wenn meine Bitten irgend etwas bei Ihnen vermögen, so lassen sie diesen jungen Mann frei!“

Der Landgraf zog seine Stirn in Falten.

„Woher wissen Sie denn so sicher, wer der Rekrut ist?“ fragte er.

„Ich habe den jungen Mann, der von auffallend schöner Statur ist, heute Morgen im Hanse des Allgeyer’s gesehen, als ich meinen Spaziergang durch die Anlagen machte.“

„Und kennen ihn?“

„Weil er mir genau von seinen Freunden beschrieben wurde und der Nachtzettel seinen Namen hat.“

„Nun,“ versetzte der Landgraf, „um Ihres Interesses für denselben willen, und weil er wohl mit der Feder umzugehen weiß, könnten wir ihn ja als Unterofficier einstellen, sobald er das Exercitium kennt, und nachhero vielleicht gar zum Feldweibel befördern – dann kann er doch wohl zufrieden sein?“

„Mein theurer Gemahl, halten Sie mir zu Gnaden, daß ich so ungestüm bin, aber ohne daß Ew. Liebden mir die Freiheit des jungen Mannes gewähren, werde ich nicht aufhören, Sie zu bestürmen.“

[103] „Es ist gegen meine Grundsätze, Madame!“ versetzte der Landgraf kalt.

„Ew. Liebden werden in’s Auge fassen, daß hier ein ganz besonderer Fall vorliegt, der, als Sie die allgemeinen Grundsätze Ihres Handelns fixirten, unmöglich vorgesehen sein konnte. Ein junger Mann, den bereits ganz Deutschland kennt wegen seines seltenen Ingeniums und seiner bewundernswürdigen geistigen Gaben, kann nicht dazu verdammt sein, in einer niedrigen Lebens- und Thätigkeitssphäre sein besseres Selbst ersticken zu lassen. Es wäre ein himmelschreiendes Unrecht, eine Barbarei!“

Des Landgrafen Stirne erhellte sich nicht bei den Worten der immer wärmer und eifriger werdenden Fürstin. Diese sah, daß ihre Beredsamkeit hier nicht zum Ziele kommen werde; sie legte deshalb die Hand auf die Schulter ihres Gemahls und, indem sie ihm voll Innigkeit in die Augen sah, sagte sie:

„Ludwig! Quäle ich Sie viel mit Bitten? Habe ich je mit Ihnen gestritten über Ihre Weise, zu handeln und zu denken? Und nicht dies eine Mal wollen Sie mir nachgeben, nicht dies eine Mal mir eine Bitte erfüllen?“

Sie sagte das mit einer so schmelzenden Stimme, daß er sie an sich zog und überwunden antwortete:

„Du bist mein gutes Weib, Caroline, und Du sollst mit mir zufrieden sein. Wollen diesen Musjeh Goethe kommen lassen und –“

„Ihm die Freiheit ankündigen?“

Der Landgraf nickte lächelnd.

„Und dann,“ versetzte, er, „nach Befund der Sachen eine Entscheidung fällen.“

Damit wandte sich der Landgraf zur Klingel und gab sodann den Befehl, durch eine der diensthabenden Ordonnanzen den am Morgen neu eingestellten Rekruten herbeiholen und ihm vorführen zu lassen.

Die Landgräfin wandte sich zum Gehen. Um vieles in der Welt hätte sie nicht bleiben mögen, bis Goethe vor ihr erschienen wäre in der bunten Grenadier-Montur. Eine unüberwindliche Scham wäre über sie gekommen bei diesem Anblick.

„Werden Sie selbst mir Nachricht bringen, welches Ihre Entschließung gewesen, Ew. Liebden?“ sagte sie nur noch mit weiblicher Klugheit, um dem Landgrafen schwerer zu machen, ihren Willen nicht zu erfüllen, wenn er es persönlich ihr mittheilen mußte.

Er nickte gewährend.

„Werden damit in Dero Gemächern aufwarten,“ sagte er, und Caroline verschwand aus dem Saale.

Lebhaft bewegt schritt sie durch den Gang, der in ihre Wohnzimmer führte; als sie in diesen angekommen war, trat gleich darauf die Hofdame, Gräfin von Schwarzenau, ein und meldete, daß Minette, die Tochter des Hofgärtners Allgeyer, flehentlichst um Gehör bei Ihrer Durchlaucht bitte.

„Eben recht! laß sie eintreten,“ versetzte die Landgräfin.




VI.

Minette trat ein mit geschwollenen Augen, mit verweintem Gesicht, mit allen Zeichen eines Schmerzes, der an Verzweiflung grenzte. Aber es schien, daß dieser Anblick die Landgräfin durchaus nicht mild gegen Minette stimmte.

„Minette,“ sagte sie mit zornig strafendem Tone, „was muß ich erleben an Euch! Ich habe Dich und Deinen Vater mit Wohlthaten überhäuft; Ihr wißt, wie viel mir daran gelegen ist, daß Niemand auf Erden etwas von der Existenz meiner Grotte ahnt, damit ich wenigstens einen Fleck auf Erden habe, wohin man mir nicht folgt, wo ich mich sicher weiß vor den Menschen und ihren tausend egoistischen Anliegen, wo ich mir selber leben kann; Ihr wißt das – und so hütet Ihr mir das Geheimniß? Du läßt alle Thüren offen stehen und ...“

„Ach, liebe, gnädigste Durchlaucht,“ unterbrach hier Minette, die ihr Schluchzen nicht mehr zurückhalten konnte, mit vom Weinen unterdrückter Stimme; „es war abscheulich von mir, ja, ich weiß es und will auch gern alle Strafen, die Sie mir auferlegen, dafür leiden, aber es ist ja noch ein viel größeres Unglück geschehen, der Vater hat die Wache holen lassen und nun haben die Soldaten ...“

„Ich weiß, ich weiß,“ fiel die Landgraf!« ein; „er ist zum Rekruten gepreßt, worden ...“

„Und wenn Durchlaucht ihn nun nicht wieder frei machen,“ schluchzte Minette krampfhaft, „so ist es mein Tod, so spring’ ich in den großen Wog!“[1]

„Um Gotteswillen, welche frevlen Redensarten sind das, thörichtes Geschöpf!“

„Ja, ich thu’ es, ich thu’ es ganz gewiß, Gott steh’ mir bei, gnädigste Durchlaucht! O, ich bitte, ich flehe Sie an, Durchlaucht, reden Sie mit dem gnädigsten Herrn.“

Um dabei warf sich das verzweifelnde Mädchen vor der Fürstin nieder und umklammerte mit leidenschaftlicher Heftigkeit ihre Kniee.

„Ich muß gestehen,“ sagte die Landgräfin Caroline, „Deine Reue ist so lebhaft, daß sie mit Deiner Schuld versöhnen kann; stehe auf und fasse Dich, erzähle mir, wie das ganze Unglück gekommen ist .... er hat sich Freiheiten gegen Dich erlaubt, Dir zudringlich den Hof gemacht –“

„Ach, zudringlich gewiß nicht, gnädigste Durchlaucht, ganz gewiß nicht, nur in Züchten und Ehren; er war nur so thöricht eifersüchtig.“

„Eifersüchtig? wie und auf wen konnte er denn eifersüchtig sein? Du redest ja, als wenn dies eine längere Liebschaft zwischen Euch wäre?“

„Das war es ja auch,“ versetzte Minette kleinmüthig; „wir wollten uns zu nächste Ostern, wenn’s nur der Vater zugegeben hätte, heirathen!“

„Heirathen? – Dich einfältige Person wollte er heirathen? Der Doctor Goethe Dich?!“

„Der Doctor – wer?“ fragte Minette verwundert.

„Nun, der junge Goethe, den man unter die Soldaten gesteckt hat.“

„Aber, gnädigste Durchlaucht, ich rede ja von keinem Doctor, sondern von meinem Wilhelm!“

„Wilhelm? Dem Wilhelm?“ rief die Landgräfin aus.

„Dem Wilhelm, dem Gärtnergehülfen!“

„Das ist etwas Anderes!“

Die Landgräfin lachte laut auf, ebenso sehr aus Freude über diese plötzliche Entdeckung, daß all’ ihre Sorge um das Schicksal des jungen Dichters eitel gewesen, als über das Komische des Mißverständnisses.

„Also Dein Wilhelm ist es, den man zum Rekruten gemacht hat?“ hub sie wieder an.

„Kein Anderer!“

„Nun, dann ist ja“ ... „Alles gut,“ wollte sie ausrufen, aber sie besann sich, daß die Sache für Minette darum keineswegs gut stand, und so sagte sie nur: „Aber so erkläre mir, wie ist denn Alles zugegangen?“

„Nun sehen Sie, gnädigste Durchlaucht,“ erzählte Minette, „wie ich Sie diesen Morgen auf unser Haus zukommend erblickte, da war just ein fremder Herr da, der stand auf der Hausflur und schwätzte allerlei daher und wollte nicht weichen, und als ich plötzlich zwischen den Gebüschen Durchlaucht daher kommen sah; da war es zu spät, ihn fortzusenden, denn er wäre Ihnen begegnet; ich weiß doch, daß Sie nicht gesehen werden wollen, wenn Sie zu uns kommen, um in die Grotte zu gehen, und deshalb sandte ich den Fremden, um ihn nur rasch bei Seite zu schaffen, die Treppe hinauf, und dann lief ich, Durchlaucht die Grottenthüre aufzuschließen.“

„Ja, ich erinnere mich, Du warst in großer Aufregung und Eile, und liefst wie der Sturmwind davon, nachdem Du endlich die Thüre mir aufgeschlossen hattest, was gar lange währte.“

„In meinem Schreck hatte ich den unrechten Schlüssel ergriffen, und wußte dann den rechten gar nicht zu finden. Als ich zuletzt glücklich die Grottenthür aufgesperrt hatte und Durchlaucht eben hineingingen, eilte ich, nach oben zu kommen, um nun den fremden Herrn fortzusenden, der ganz allein oben im Hause war und sich da unnütz umhertreiben mochte – aber auf dem Flur angekommen – wen sehe ich da zur Hausthüre hereinstürzen? Den Wilhelm, und der Mensch ist ganz außer sich, er faßt mich am Arm und überschüttet mich mit Vorwürfen, mit Scheltworten –“

„Was hattest Du ihm denn zu Leide gethan?“ unterbracht hier die Landgräfin das junge Mädchen.

„Ach, auch nicht das Allermindeste, aber eifersüchtig war der tolle Mensch, eifersüchtig auf den fremden Herrn, der fürwitzig oben [104] im Hause herumgelungert war, und das hatte der Wilhelm unterdeß gesehen, und dann führte er allerlei Redensarten von einem Strauß, den der Fremde mir geschenkt, und endlich, da eilte er gar davon, um mich beim Vater zu verklagen. Einen Todesschrecken bekam ich nun, denn der Vater, wissen Euer Durchlaucht, ist so heftig und zornig, und wenn es über ihn kommt, da hört und sieht er nicht. So lief ich hinter dem Wilhelm drein, um ihn zurückzuhalten und zu besänftigen – aber das Unglück will, daß, wie wir kaum hundert Schritte vom Hause sind, der Vater vom Küchengarten her mit dem Matthes, dem Jungen, angeschritten kommt, und plötzlich vor uns steht. Da hat’s eine schöne Bescheerung gegeben. Der Vater wußt’ ja noch nichts davon, daß wir uns das Wort gegeben, der Wilhelm und ich, und wie er nun Alles hört, was der Wilhelm in seinem blinden Eifer hervorsprudelt, ganz rabiat ist er da geworden, der Vater, und:

„„Ei, du schlechter, abscheulicher Bube, du Landstreicher du,“ hat er geschrieen, „ist das der Dank, daß ich dich zu mir genommen habe, als du nicht wußtest, wo aus noch ein, du Ausreißer, daß du mir der losen Dirne den Kopf verrückst, und mit solchem Scandal daher kommst, und daß ihr euch balgt, wie die Narren, – ein sauberes Früchtlein ist’s schon, aber für dich sind solche Früchtlein doch noch nicht gewachsen, Cumpan;“ und damit hat er den Wilhelm gefaßt, der Vater, und ihn nach der Wache gezerrt, und der Matthes hat laufen müssen, den Posten herbeizuholen, und weil der Wilhelm daheim ist Soldat gewesen und ist davon gelaufen von den Schwäbischen weg, haben sie ihn gleich angenommen auf des Vaters Wort, und so hat er mit den Soldaten gehen müssen, und da hat nichts geholfen, und nun ist’s mein Tod, gnädigste Frau Landgräfin, wenn der Wilhelm verloren ist, und nicht wieder frei wird!“

Die Landgräfin blickte jetzt sehr ernst auf das vor Schmerz ganz fassungslose Mädchen und sagte dann voll tiefer Theilnahme:

„Das ist schlimm, sehr schlimm, Minette; wie sollte der Wilhelm wieder frei werden? Der Landgraf wird ihn nicht herausgeben, einen so stattlichen Burschen ...“

„Aber um Gottes Willen, gnädigste Durchlaucht ...“

Die Landgräfin schüttelte den Kopf.

„Was soll ich Dir einen eitlen Trost oder Versprechungen geben, die ich nicht erfüllen kann? Ich darf mit einer solchen Bitte dem Herrn gar nicht kommen!“

Minetten’s Verzweiflung stieg auf’s Höchste; sie versuchte Alles, um der Landgräfin Herz zu erschüttern, aber diese konnte beim besten Willen ihr keine Beruhigung geben. Einen fremden Ausreißer, einen Burschen, stattlich, wie den Gärtnergehülfen, den sein eigener Brodherr abgeliefert hatte, weil er sich unnütz gemacht – den gab der Landgraf nicht frei um eines verliebten jungen Mädchens willen! Um so weniger, als ja auch Meister Allgeyer von dieser Liebschaft gar nichts wissen wollte. Und doch strengte die Landgräfin sich mit allen Kräften ihres Geistes an, um etwas zu entdecken, womit man den unglücklichen jungen Mann, den sie kannte, dem sie gewogen war, aus seiner verzweifelten Lage befreien und Minetten’s Kummer enden könne; und so sagte sie endlich:

„Ein einziges Mittel möchte es geben, armes Geschöpf, aber Du wirst es nicht ausführen können –“

„O sprechen Sie, liebste, gnädigste Durchlaucht, ich thue Alles, Alles, was nur menschenmöglich ist – ich würde dem lieben Herrgott seine Sonne vom Himmel herunterbitten, wenn’s etwas hülfe!“

„Sieh,“ sagte die Landgräfin, „ich glaubte, es sei der junge Goethe aus Frankfurt, den man unter die Grenadiere gesteckt habe; das ist ein berühmter Dichter und aus einem angesehenen Hause in der Reichsstadt; über den habe ich mit dem Herrn eben noch geredet, und der Landgraf ist so gütig gewesen, mir zu versprechen, daß er ihn frei geben wollte. Er wollte ihn sofort sich vorführen lassen, mit ihm sprechen und sodann ihm seine Freiheit ankündigen. Wenn man nun dem zuvorkäme, daß der Rekrut nicht gleich vor den Landgrafen geführt würde; wenn Du Dich unterdeß aufmachtest, und den Doctor Goethe aufsuchtest – Du wirst ihn beim Kriegszahlmeister Merk finden; wenn Du ihn bewögest, ihn, der ja das ganze Unheil eigentlich angestiftet hat, es dadurch wieder gut zu machen, daß er bei dem Offizier du jour sich als Stellvertreter für den Wilhelm meldete ....“

„Würde der ihn annehmen statt des Wilhelm?“

„Das steht in seinem Belieben und Schwierigkeiten würde er keine machen, wenn ich ihn mit einigen Zeilen schriftlich darum ersuchte.“

„O Sie gütigste Durchlaucht!“ rief Minette frohlockend aus.

„Dann,“ fuhr die Landgräfin fort, „hätten wir gewonnen Spiel; der Doctor Goethe würde dann als Rekrut dem Landgrafen vorgeführt, und der Landgraf würde ihn entlassen – das hat er mir versprochen!“

(Schluß folgt.)




Die im Hafen von Sebastopol versenkten russischen Schiffe.
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Ein russisches Linienschiff auf dem Meeresgrunde.

Im Anfange des Krimfeldzuges versenkten die Russen bekanntlich eine Anzahl großer, aber alter Kriegsschiffe am Eingange des Hafens von Sebastopol, um denselben der Flotte der Westmächte zu sperren. In dem ungeheuren Sturme, der bald darauf in dem schwarzen Meere wüthete und den dort befindlichen englischen und französischen Schiffen so verderblich war, wurde auch die Reihe jener russischen Versenkten so sehr erschüttert, daß die feindlichen Flotten, wäre ihnen dieser Umstand bekannt gewesen, ungehindert hätten in den Hafen hineinfahren können. Die Russen sahen sich dadurch veranlaßt, hinter jener ersten Reihe, nach der Mitte des Hafens zu, eine größere Anzahl Schiffe in einer zweiten Reihe zu versenken. Endlich, als man erkannte, daß Sebastopol trotz aller [105] Anstrengungen nicht lange mehr sich werde halten können, entschloß man sich, auch alle von der Flotte noch übrigen Schiffe in das Meer zu senken. Es lagen nun in demselben fünf Linienschiffe, siebzehn Fregatten, sechs Corvetten, zehn Kriegsbriggs, sechs Kriegsschooner, fünfzehn Kriegsdampfer, dreiundzwanzig Transportschiffe, neunzehn Kauffahrteischiffe und mehrere kleinere Fahrzeuge, die im Ganzen einen Werth von etwa einhundert Millionen Thalern hatten, abgesehen von den Schiffen, welche die Russen in Kertsch versenkten.

Natürlich hatte, man aber keineswegs die Absicht, die Schiffe und alles Material auf denselben für immer zu vernichten und zu opfern. Im Gegentheil, man dachte schon damals daran, nach Wiederherstellung des Friedens so viel als möglich zu retten. Man ergriff deshalb auch Maßregeln, das Werthvollste vor dem Verderben in dem Meerwasser so viel als möglich zu schützen; man bestrich z. B. alle Maschinentheile von den Kriegsdampfern mit einer dicken Talgschicht, um sie vor dem Rosten zu schützen.

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Der Taucher auf dem Meeresboden.

Das war bekannt und nach dem Frieden machten dreizehn Privatpersonen oder Vertreter von Gesellschaften, darunter auch der Pariser Credit mobilier, der Regierung in Petersburg Vorschläge und Anträge, die in dem Hafen von Sebastopol versenkten Schiffe wieder heraus zu schaffen, selbstverständlich, weil sie ein gutes Geschäft dabei machen zu können glaubten. In ernstliche Unterhandlungen ließ sich die russische Regierung nur mit dem Amerikaner John E. Gowan ein und mit ihm schloß sie bald auch wirklich einen Contract.

Gowan ist ein noch ziemlich junger Mann, steht an der Spitze der Submarine Company (unterseeische Gesellschaft) in Boston, hat sich ausschließlich mit dem Studium der Mittel beschäftigt, gesunkene Schiffe an die Oberfläche wieder herauszubringen, und von seiner in diesem eigenthümlichen Fache erlangten außerordentlichen Geschicklichkeit bereits mehrfach Proben abgelegt. Abgesehen davon, daß er mehrere (gegen dreißig) Schiffe, die im Mississippi und Hudson gesunken waren, emporgehoben, machte er sich in weitern Kreisen bekannt, als er vor einigen Jahren ein amerikanisches Schiff in der Bai von Gibraltar mit ziemlich leichter Mühe von dem Meeresgründe heraufhob, nachdem die Versuche englischer und anderer Ingenieure gescheitert waren, das Wrack des Schiffes emporzuheben oder wenigstens zu zerstören.

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Taucher in einem gesprengten Schiffe.

Die Vorrichtungen und Maschinen, die Gowan anwendet, sind an sich staunenswerth und Wunder der Mechanik, vorzugsweise eine ungeheuere neuerfundene Pumpmaschine. welche, mit aller Kraft [106] arbeitend, tausend Tonnen Wasser in einer Minute entfernen kann, so daß es mittelst derselben leicht ist, ein selbst achtzig Fuß tief im Wasser liegendes Schiff (der Hafen von Sebastopol hat nur 66 Fuß Tiefe) auszupumpen, mit Luft zu füllen und dann unbeschädigt emporzuheben. In gleich riesenhaftem Maßstabe sind die andern Maschinen und Werkzeuge eingerichtet. Die Kette z. B., welche man anwendet, die Schiffe emporzuziehen, ist gegen dreihundert Ellen lang; jedes einzelne Glied oder Gelenk daran wiegt dreihundert Pfund und ist einzeln durch eine Last von 2000 Centnern geprüft worden.

Nachdem Gowan an Ort und Stelle, im Hafen von Sebastopol, die genauesten Besichtigungen gehalten hatte, auch in einem Taucheranzuge dort selbst auf den Meeresgrund hinabgestiegen war, um die da liegenden Schiffsleichen zu mustern, wiederholte er gegen die russische Regierung, daß die versenkten Schiffe theils ganz, theils in Stücken heraufgebracht werden könnten. Nach dem Contracte, den er abgeschlossen, sollte Gowan gegen zweihundert amerikanische erprobte Arbeiter, darunter mehrere der besten Taucher, die Taucheranzüge und alle nöthigen Maschinen liefern, während ihm die russische Regierung vier- bis fünftausend Arbeiter zur Beifügung stellt, sowie alles nöthige Material, dessen Kosten sich auf mehr als zwei Millionen Thaler berechnen, und ihm gewisse Procente an dem Werths der geretteten Schiffe und Schiffsmaterialien gewährt.

Die Amerikaner sind mit ihren Maschinen im vorigen Sommer in Sebastopol angekommen, und haben ihre Operationen fortgesetzt, bis der Eintritt des Winters sie unterbrach. Wir hatten Gelegenheit, einen Brief von einem dabei beschäftigten Ingenieur zu lesen und theilen die Hauptsachen daraus mit, weil er einen Einblick in das Verfahren bei diesem bewundernswürdigen und riesenhaften Unternehmen gibt.

Man vermuthete oder vermuthet vielleicht, heißt es in dem Briefe, daß die Schiffe ganz, nicht zerstört, emporgehoben werden würden; da sie aber bereits so lange im Wasser gelegen haben und von den Würmern sehr zerfressen sind, ist es zweifelhaft, ob sie bei dem Emporheben zusammenhalten. Würden sie aber auch wirklich ganz an die Oberfläche heraufgebracht, so dürften sie doch als Kriegsschiffe keinen Werth haben, und die Kosten der Ausbesserung so bedeutend sein, daß man neue dafür würde bauen können. Es kann also nur auf den Werth des Materials gerechnet werden. Einige eiserne Dampfer und einige wenige von Holz wird man allerdings ganz herausheben; die andern werden unter dem Wasser gesprengt. Das ist bereits mit drei Schiffen von 120 Kanonen, z, B. den „zwölf Aposteln“ und einigen andern geschehen.

Das Zersprengen ist von höchstem Interesse, erfordert aber die größte Vorsicht und Genauigkeit. Vor allem wird ein erfahrener Taucher hinuntergeschickt, der das Schiff zu besichtigen und über den Befund zu berichten hat. Das Taucherboot wird dann gerade über das Schiff gelegt oder doch so nahe als möglich. Von dem Boote reicht bis hinunter auf den Meeresgrund eine Strickleiter, auf welcher der Taucher auf- und niedersteigt, der überdies ein Tau um den Leib geschlungen hat, das im Boote oben befestigt ist, mit dem er Signale gibt und durch das man ihm auch heraufhilft. Auf dem Kopfe trägt der Taucher eine Art Helm, der eine gewisse Luftmenge enthält, welche immer frisch erhalten wird durch eine Luftpumpe in dem Boote und einen Gutta-Percha-Schlauch. Manchmal bleibt ein solcher Taucher acht bis zehn Stunden ununterbrochen unten auf dem Meeresboden oder im Schiffe, und verrichtet da schwere Arbeiten, indem er z. B. starke eiserne Ketten mit Meißel und Hammer zu trennen, Balken zu zersägen, starke Bolzen herauszutreiben hat und anderes, was man unter solchen Umständen fast für unmöglich halten sollte. Alles Bewegliche, Ketten, Anker, Geschütz u. s. w. wird von dem Taucher unten, wie man auf der Abbildung sieht, an ein Tau gebunden und dann von der Mannschaft oben im Boote hinaufgewunden. Ist Alles bereit das Schiff zu sprengen und das Pulver zu legen, so bringt man ein großes Pulverboot mit zehn bis zwanzig Gutta-Percha-Pulversäcken in die Nähe. Diese Pulversäcke, die natürlich wasserdicht sind, haben an dem einen Ende einen Holzpflock, durch welchen zwei Kupferdrähte bis in die Mitte des Pulvers gehen, wo sie durch ein ganz kleines Platinastückchen verbunden sind. Der Taucher trägt einen solchen Pulversack hinunter in den Theil des Schiffes, der zuerst gesprengt werden soll, und steigt dann wieder hinauf in das Pulverboot, welches etwa zehn Mann und die galvanische Batterie trägt. Bringt man die Drähte oben in Verbindung, so entzündet sich unten das Pulver, es erfolgt die Explosion, das Wasser wird aufgewühlt und Holzstücke schwimmen empor (nebst einer großen Anzahl todter Fische). Gewöhnlich dauert es drei bis vier Stunden, bis das Wasser wieder so ruhig und hell geworden ist, daß der Taucher von Neuem hinuntersteigen und seine Arbeit fortsetzen kann. Alles Werthvolle, was emporgeschleudert oder sonst von dem Schiffe unten losgerissen worden ist, wird geborgen und der Versuch wird so lange fortgesetzt, bis das Schiff gänzlich zerstört ist.

Bisher sind alle diese Sprengungen sehr glücklich von statten gegangen, die Arbeiten aber nicht gleich leicht. Einige der Fahrzeuge liegen unten auf festem Boden und sie bieten gar keine Hindernisse; andere aber sind tief in Schlamm gesunken und sehr schwer zugänglich.

Ein Unglück ist doch auch schon vorgekommen, wenn auch nicht unter dem Wasser. Es mußte an dem einen Ufer ein Schuttdamm aufgeräumt werden. Dabei gelangten die Arbeiter auf gefüllte Bomben und, aus welcher Ursache es geschehen, weiß man nicht, sie platzten. Sechs der Arbeiter blieben auf der Stelle todt und viele andere wurden verwundet.




Die Wasserleitung in Newyork.

Die Menschen der Neuzeit lieben es, auf die Vergangenheit hinzuweisen, als die Erzeugerin alles Großartigen, mit welcher die jetzige Welt nicht in Concurrenz treten könne. So geschieht wenigstens immer, wenn von Bauten die Rede ist, und hier gelten hauptsächlich die Römer als ein Muster, das gar nicht übertroffen werden könne. In der That, sie haben auch Großartiges geleistet und die Ruinen ihrer Werke weisen auf eine Entfaltung von Kräften, auf einen Aufwand von Geld hin, worin neuere Völker es selten ihnen werden gleichthun können. Daß es aber doch möglich ist, das hat die Stadt Newyork durch ihre Wasserleitung bewiesen.

Es ist ein immenses Werk.

Etwa siebzig Meilen oberhalb der Stadt Newyork, nur wenige Stunden vom Hudson entfernt, da wo Westchestercounty aufhört, in einer von Anhöhen durchschnittenen Gegend, entspringen dem felsigen Boden einige mächtige Quellen, die sich nach kurzem Laufe einigen und früher als nicht unbedeutender Bach dem Hudson zuflossen, um sich nach einem kurzen Laufe mit diesem zu vereinigen. Dieser Bach fließt Sommer und Winter fast gleich stark und sein Wasserquantum ist so mächtig, daß er einen Kessel von 1000 Fuß Durchmesser und 10 Fuß Höhe in weniger als einer Stunde bis obenauf füllen würde. Auch süß ist das Wasser und fast chemisch rein, so daß es wegen seiner Weichheit zu jeglichem Zwecke verwendet werden kann. Diesen Bach, diesen kleinen Fluß hat die Stadt Newyork gefaßt und bis nach Newyork geführt, und dieser Fluß ist es, der jetzt die ganze Stadt mit einer Einwohnerzahl von 800,000 Menschen, die ganze Stadt mit all’ ihren Fabriken und Werkstätten mit Wasser versieht und – in Hülle und Fülle versieht!

Es war ein riesenhaftes Werk! Und doch war es in wenigen Jahren vollendet! Es war ein Werk, das Millionen und nochmals Millionen kostete und doch leistete Alles die einzige Stadt Newyork. Siebzig Meilen weit über Berg und Thäler, über Flüsse und Ströme, über Felsen und Moräste ward der Fluß in seinen riesenhaften Teicheln geführt, und trotz alle dem, – so fest ist der Unterbau, so gut ist das Material der Teichel, so meisterhaft ist Alles geleitet, daß nur selten, beinahe gar nicht ein Ausbruch des Wassers stattfindet oder überhaupt nur eine Reparatur nöthig ist! – Die alten römischen Wasserleitungen sind heute noch in ihren Trümmern ein Gegenstand der Bewunderung, und doch dürfte die Frage entstehen, wo Größeres geleistet wurde, in Rom oder Newyork! Jedenfalls ist die Highbridge über den Harlemfluß, [107] sind die zwei großen Wasserbehälter oder Reservoirs, von denen der eine so groß ist, daß man eine gute Viertelstunde braucht, ihn zu umgehen, – Denkmäler der Baukunst, die sich mit jedem anderen messen können. Und Hunderte von Carossen und leichten Wägelchen fahren täglich nach der (etwa 10 Meilen von dem Rathhause in Newyork entfernten) Highbridge, d. i. der hohen Brücke, über welche die ganze Wassermasse in fünf Teicheln geführt ist, und weiden sich nicht blos an der Pracht der Aussicht von diesem hohen Standpunkte aus, sondern auch an der Kühnheit des Baumeisters, der den schiffbaren Harlemfluß mit einem Bogen von einem Ufer zum andern überspannte! Und Tausende wallfahrten zum großen Reservoir zwischen der 99. und 100. Straße und noch mehr zum kleinen Reservoir an der 44. und 45. Straße und staunen über diese Ringmauern, welche so stark sind, daß sie den Druck einer solchen immensen Wassermasse aushalten!

Doch, lieber Leser, ich will Dich nicht mit der Beschreibung der Newyorker Wasserleitung ermüden; ich will Dir nicht hererzählen, wie viele Millionen Quadersteine dazu verwendet worden sind und was jeder Quaderstein kostete; die Aeußerlichkeiten dieses großartigen Baues kannst Du in jeder Reisebeschreibung von Amerika und am Ende in jedem Conversationslexicon lesen. Ich will Dich aber mit etwas Anderem bekannt machen, was Du vielleicht sonst nirgends lesen kannst, mit den Wirkungen dieser Anstalt.

Kommt man in eine deutsche Stadt, so ist es gar lustig mit anzusehen, wie überall auf allen freien Plätzen, in den Hauptstraßen und vor allen öffentlichen Gebäuden die „laufenden“ Brunnen ihr süßes Wasser aussprudeln. Ja sogar in jedem Dorfe oder Dörflein findet man laufende oder „fließende“ Brunnen, denn Deutschland mit seinen Bergen und Thälern ist gar reich an Quellen, die tief unten in der Erde ihr Wasser sammeln, bis die geheimen unterirdischen Behälter so voll sind, daß sie einen Ausweg suchen und dem hellen Tageslicht zuströmen. Man setzt auch einen Stolz darein, in solche Quellen und Brunnen, und manche Stadt und manches Dorf erhielt seinen Namen von dem „Brunn“ oder „Born“, der innerhalb seiner Markung entsprang. Und unsere Vorväter haben sie hochgehalten, diese Brunnen mit dem nie versiechenden kühlen Trunke, und haben sie verziert auf kunstvolle Art und sie mit Denkmälern der Baukunst umgeben, die jetzt noch vielfach auf öffentlichen Märkten, hochbewundert vom Kenner und Laien, zu sehen sind. Man darf nur an die Brunnen in Nürnberg denken!

Auch die Neuzeit hat viel hierfür gethan; nur sind die Verzierungen jetzt selten mehr von Stein und Marmor, sondern von fein gegossenem Eisen. Aber eine Freude ist’s immer, vor einem solchen Brunnen zu stehen, und im Sommer stärkt schon der bloße Anblick des kühlen „Nasses.“ – Wie ganz anders in Amerika und besonders in Newyork! Gehe die Straßen auf und ab und links und rechts, betrachte Dir alle öffentlichen Plätze und alle die großen Prachthäuser, – von einem Brunnen, von einem laufenden Brunnen mit „fließendem Wasser“ kannst Du nirgends etwas erblicken. Man sollte meinen, die ganze große Stadt sei dazu verurtheilt, den Tod durch Verdursten zu sterben! – Wohl liegt sie zwischen zwei mächtigen Strömen, von denen jeder so tief und breit, daß er die größten Kriegsschiffe trägt; aber die Wasser dieser Ströme sind salzig, wie das Meer, in das sie sich bei Newyork münden. Ebbe und Fluth wechseln ja täglich zwei Mal und führen ihre Salzwasser viele Meilen weit den Strom hinauf. –

Wohl findet man auch hier und da in einer Seitenstraße einen alten hölzernen Pumpbrunnen, so plump und einfach aufgerichtet, wie er im ärmsten Neste Deutschlands nicht plumper und einfacher sein kann; aber das Wasser, das Du mit vieler Mühe heraufpumpst, schmeckt hart und scharf und läßt schon nach wenigen Minuten einen tiefen Satz in dem Gefäße zurück, in welches Du dasselbe gegossen. Und wie viel solcher trauriger Pumpen gibt es? Nicht so viel in der ganzen großen Stadt mit ihren 800,000 Einwohnern, um nur für wenige Tausende genügend Wasser zu liefern! Die „Manhattan-Insel“, auf die Newyork gebaut ist, und deren ganzer Flächenraum in wenigen Jahrzehnten von Häusern bedeckt sein wird, hat keine Quellen. Nirgends sprudelt das Wasser von der Tiefe herauf; die ganze Insel ist im obern Theile ein starrer blauer Fels und im untern ein vielleicht Hunderte von Fuß tiefes Lager des feinsten Meersandes. Der Sand sowohl als der Fels fangen das Regenwasser auf und halten es, bis es sich gesammelt, in künstlichen oder natürlichen Cisternen, um wieder durch Pumpen an’s Tageslicht gefördert zu werden; aber Meersand und blauer Fels theilen ihm von ihrem „Geschmacke“ mit und erzeugen die sandig-klebrigen Bestandtheile, die sich zwar nach kurzer Zeit in den Gefäßen niederschlagen, aber doch das Wasser hart, fast ungenießbar machen. Was sollte aus Newyork werden, wenn es von diesem Wasser leben müßte? – Und nirgends auf der Insel ist ein Berg oder ein Wald, daß man hoffen könnte, mit der Zeit doch noch Quellen zu entdecken. Nichts von alle dem! Je tiefer man gräbt, um so gewisser stößt man endlich auf – Salzwasser. – War’s da nicht nothwendig, die Wasserleitung anzulegen, die jetzt die große Stadt überflüssig mit Wasser versieht und noch versehen wird, auch wenn die Stadt später drei Mal so viel Einwohner zählen wird, als sie jetzt zählt?

„Mit all’ dem Wasser aber, das jetzt der Stadt zugeführt wird, konnte man doch der Brunnen eine Masse errichten?“

Vollkommen richtig; aber der Amerikaner ist praktischer; er will Alles bei der Hand haben, so auch das Wasser. – Sind Brunnen „händig“?

Sieh’ einmal nach, wie ist’s in Deutschland? Müssen da die Leute nicht an den Brunnen gehen, wenn sie Wasser wollen? Müssen nicht besondere Dienstboten gehalten werden, nur um das Wasser herbeizuschleppen? Und stehen nicht diese Dienstboten oft viertelstundenweise und noch länger am Brunnen und warten, bis wieder eine Gelte oder ein Gefäß gefüllt ist, damit dann für sie Raum ist? Stehen sie nicht viertel- und halbestundenweise, um sich köstlich miteinander zu unterhalten? Ja, hat nicht diese Brunnenunterhaltung zu einer eigenen Art Literatur geführt, der Magd- und Marktbrunnenliteratur? – Sollte man diesen Schlendrian in Amerika auch einreißen lassen? Ja, war es überhaupt nur möglich, das Ding auf dieselbe Art zu betreiben? Wo sollte man nur die Dienstboten herbekommen? – Von hundertundfünfzigtausend Familien, die in Newyork wohnen, haben es noch bei weitem nicht dreißigtausend so weit gebracht, für sich einen Dienstboten ernähren und besolden zu können; und wenn auch vielleicht viertausend Familien – die Reicheren und Vornehmeren – nicht mit einem Dienstboten zufrieden sind, sondern deren fünf und sechs halten, so müssen die anderen hundertundzwanzigtausend um so mehr sich so einrichten, daß sie auch eines einzelnen Dienstboten entbehren können. – Und dafür ist gesorgt! Durch die Wasserleitung gesorgt!

Jedes Haus in Newyork, es mag einstöckig oder zehn Stock hoch sein; es mag in der obern oder untern Stadt liegen, in der Mitte der Stadt oder am Wasser, – jedes Haus hat das Trinkwasser im Hause. In der Yard, d. h. im Hofe, ist das Crotonwasser (das durch Röhren herbeigeleitete Wasser); im Basement, d. h. in der Kellerwohnung, ist es; im Parterre, in der ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften und sechsten Etage ist’s ebenfalls. Durch die Mitte der Straßen, bergauf und bergab, kreuz und quer und links und rechts führen große Röhren, und von den großen Röhren kleinere in jedes Haus, in jede Etage, in jedes Zimmer, wie man’s haben will. Oft sind dreißig, vierzig, ja fünfzig Wohnungen in einem Hause; das sind die Tenanthäuser, die Häuser, worin die Arbeiter wohnen, die Häuser für die, so sich mit einem Wohn- und Schlafzimmer zufriedengeben müssen, weil sie keine größeren Räumlichkeiten bezahlen können, ohne sich wehe zu thun; – aber von all’ den fünfzig Wohnungen hat jedes das Wasser im Wohnzimmer. Man braucht nur den Hahn zu drehen, so sprudelt’s fast armdick und sprudelt fort, Stunden, Tage und Wochen lang, bis man den Hahn wieder zudreht. –

Ohne diese Einrichtung, – glaubst Du, die hundertundzwanzig- bis dreißigtausend Familien, die keine Dienstboten halten können, würden auskommen, fertig werden? – Gott bewahre; rein unmöglich! – Auf der Hausfrau ruht Alles, denn der Mann ist im Geschäft. Sie hat zu waschen und zu bügeln; sie hat zu nähen und zu kochen; sie hat die Kinder anzuziehen und zu erziehen; sie hat zu scheuern und zu putzen, – wie will sie das Alles thun, und noch dazu nebenher vielleicht Mantillen sticken und Westen nähen oder sonst ein Geld einbringendes Geschäft treiben, wenn sie an den Brunnen muß, um Wasser zu holen? Wie viel Zeit würde da nur Morgens verloren, weil sie sich doch vorher correct anziehen müßte, ehe sie an den Brunnen ginge? Ja, wie oft wäre es ihr geradezu unmöglich, zugleich ihre kleinen Kinder zu [108] hüten, an den Brunnen zu gehen und zu kochen? Das Alles ist aber möglich und sogar leicht möglich dadurch, daß man das fließende Wasser im Zimmer hat.

Siehst Du nun, wie praktisch der Amerikaner ist! Die Wasserleitung hat Millionen gekostet, aber nur allein hundertunddreißigtausend weibliche Dienstboten werden durch sie erspart! Und wie hoch, glaubst Du wohl, müsse man einen Dienstboten in Newyork anschlagen? Fünf Thaler im Monat baar ist der geringste Lohn, und unter zehn Thalern kannst Du ihn nicht nähren, thut monatlich fünfzehn Thaler und – bei hundertunddreißig Tausenden jährlich mehr als 20 Millionen Thaler! – Die ganze Wasserleitung macht sich somit, wenn nicht direct, doch indirect in einem Jahre bezahlt. – Freilich, mit der Poesie der Marktbrunnengeschwätze ist’s zu Ende; aber was will der Amerikaner von Poesie? praktisch muß man sein. Poesie trägt kein Geld ein.

Noch großartiger zeigt sich die Wirkung der Wasserleitung bei allen Fabrikgeschäften und Maschinenwerkstätten, bei den Bierbrauereien, bei den Gerbereien und Schlächtereien, bei allen großen Geschäften, wo Wasser nicht entbehrt werden kann. Nimm nur eine Bierbrauerei an. Wäre nicht – z. B. bei einem Pumpbrunnen – ein eigener Mann nöthig, um das Wasser aus der Tiefe heraufzuholen? Wäre nicht wieder ein Mann nöthig, um das Wasser in die Pfanne oder den Kessel zu tragen? Und dann das Putzen und Ausschwenken der Maischbütte, der Kühle, der vielen Fässer? Und wenn der Pumpbrunnen, wie so oft und viel geschieht, nicht ausreichte, müßte man nicht einspannen und das Wasser in großen Fässern von „laufenden“ Brunnen holen? – Und jetzt? Hast Du nicht das Wasser im Keller, das Wasser am Kessel, das Wasser an der Maischbütte? Kannst Du nicht an dem nächsten besten Hahne einen Schlauch anlegen, und das Wasser auf die „Kühle“ hinauf laufen lassen, oder wohin Du sonst willst? Drei Männer zum mindesten sind in einem nur mittelgroßen Geschäft erspart und was an Zeit erspart wird, das ist noch mehr werth. Freilich – gespart wird das Wasser nicht, das wird mit einer Verschwendung angewandt, als ob das Meer auszuschöpfen wäre. In jedem Geschäft, wo man vielleicht fast täglich mit zehn Eimern voll auskäme, wenn man es fahren oder pumpen müßte, braucht man nun fünfzig und hundert! Man hat’s ja! – Und trotz dieses immensen Wasserverbrauchs, trotz dieser Verschleuderung sogar, ja und trotz der oft wahnsinnigen Hitze, die Menschen und Vieh auf den Straßen umfallen macht, als wären es Fliegen, trotz alledem gab’s noch keinen Sommer in Newyork, wo – nicht etwa Wassermangel eingetreten wäre, nein, wo man nur hätte sparen müssen! Nur wenn einer der großen dicken Teichel, eine der Hauptröhren, die über die Highbridge führen, beschädigt wird, nur dann, wenn man denken muß, die Ausbesserung könnte einige Wochen in Anspruch nehmen, und die großen Reservoirs sich entleeren, nur dann wird den Leuten angesagt, mit dem Wasser ein wenig schonender umzugehen! Das Höchste, was vorkommen kann, ist, daß größere Geschäfte veranlaßt werden, ein oder zwei Mal in der Woche auszusetzen, bis die Reparatur vorüber ist. So vortrefflich aber ist das ganze Werk, die ganze Leitung, daß in den fünf Jahren, die ich in Newyork verlebte, nur einmal dieser Befehl erging.

Doch nicht blos nützlich und vortheilhaft ist die Wasserleitung für Newyork; sondern – Newyork hätte ohne sie gar nicht werden können, was es geworden ist.

Im Hafen von Newyork liegen täglich im Durchschnitt zweitausend Schiffe und Schiffchen. Hunderte kommen heute an und Hunderte gehen morgen ab. Es ist ein Wald von Masten, eine Stadt von Schiffen. Wie meinst Du nun, könnten diese Schiffe, die täglich auslaufen, mit Wasser versehen werden, wenn die Wasserleitung nicht wäre? Wie viel tausend Tonnen Wasser müssen täglich gefüllt werden, und wie viel Menschen, wie viel Pferde, wie viel Fuhren wären nöthig, um diese Wasserquantitäten vom Brunnen herbeizuschleppen? Jetzt, so wie es nun ist, dreht man den Hahn in den Wasserröhren des Docks, legt den Schlauch an und in wenigen Stunden sind alle Fässer voll und ist Alles geschehen, ohne daß auch nur mehr als ein Mann nöthig gewesen wäre, der Füllung beizustehen!

Es ist ein großartig Ding, diese Wasserleitung. Für die Frauen so bequem und händig, für die Gewerbe so nützlich und zeitsparend, für die Schifffahrt so unentbehrlich! – Wie nun aber erst für den Luxus!

„Das Wasser unentbehrlich für den Luxus?“ So fragst Du verwundert; denn wenn wir, Du und ich, Luxus treiben wollen, so trinken wir kein Wasser, sonder Champagner. Aber vom Trinken ist auch gar nicht die Rede; wohl aber vom Baden.

Wie viel Städte in Deutschland gibt’s nicht, wo auch nicht eine Badeanstalt existirt; von Dörfern und kleinen Städtchen gar nicht zu reden! Und wie weit entfernt ist nicht oft der nächste Fluß, der nächste See! Hunderte, ja Tausende kennen ein „Bad“ nur vom Hörensagen, und Zehntausende kommen in ihrem Leben blos einmal dazu, ein Bad benutzen zu können. Ja sogar in größeren Städten ist das Baden ein Luxusartikel; denn es gibt vielleicht nur eine, höchstens zwei Badeanstalten und diese sind theuer, ja sogar, wenigstens für den gewöhnlichen Mann, zu theuer! – Wie ganz anders in Newyork! Nicht blos hat man da die beiden großen Ströme, den Northriver und den Eastriver und die großartigen Badeanstalten an denselben; nicht blos bestehen in der Stadt selbst Hunderte von Badehäusern, von Barbieren errichtet und gehalten; nein, der Luxus wird viel weiter getrieben, denn jedes gentile Haus, jedes Privathaus ohne Unterschied, das nicht zu einer Arbeiterwohnungscaserne eingerichtet ist, hat seine eigene Badeanstalt. – Es ist gar weit, von manchem Punkt der Stadt aus, bis an den Fluß, und die Leute in Newyork haben nicht immer Zeit, einen halben Tag zu opfern, um ein Bad zu nehmen. Und umgekehrt, es ist gar leicht, in einem Hause eine Badeanstalt einzurichten, da man ja das fließende Wasser bis in’s oberste Stockwerk hinauf hat. Man darf ja nur eine Röhre aufschrauben an die Hauptwasserröhre und sie in einen Badzuber richten, so hat man wenigsten« ein – kaltes Bad. Und wie leicht ist’s nicht im Winter, wo doch im Kochofen den ganzen Tag gefeuert wird, weil er zugleich Stubenofen ist, einen blechernen Wassercylinder am Ofen anzubringen, der eine ganze Familie tagtäglich mit warmem Wasser zum Bade versorgt! und im Sommer, – nun ist da das Crotonwasser an sich schon nicht warm genug? Vielleicht nur zu warm! – So kann Jeder, der nur halbwegs ordentlich wohnt, sich seine eigene Badeanstalt mit ganz wenigen Kosten herrichten; der Vermögliche aber, der ein eigenes Haus oder Häuschen oder auch nur die Hälfte davon für sich allein bewohnt, der braucht sich auch nicht einmal die Mühe zu geben, denn es wird in Newyork kein Familienhaus gebaut, ohne daß zugleich ein Badecabinet darinnen eingerichtet wird. Die ganz Reichen haben deren drei oder vier: für Vater, Mutter, Kinder und die Gäste. Und wie sind diese eingerichtet! –

Aber auch der Arbeiter, der Arme entbehrt nicht des Bades. Die Barbierbadeanstalten sind ja so wohlfeil, daß sie fast Jeder benutzen kann; und wem diese noch zu theuer sind, der gehe in eine der Armengesellschaftsbadeanstalten, wo er für drei Cents denselben Comfort hat, als der Reiche in Deutschland für seinen halben Gulden. – Man hat’s ja, das Wasser!

Doch einen Hauptnutzen der Newyorker Wasserleitung hätten wir fast vergessen: wir meinen den Feuersbrunstlöschungsnutzen. Und wie groß ist dieser Nutzen!

Es gibt keine Stadt in der ganzen Welt, wo es so oft brennt, als in Newyork. Kein Tag vergeht, wo nicht zwei oder drei Mal Feuerallarm wäre! Viele, sehr viele Tage aber gibt’s, wo zehn oder zwölf Mal das Feuerzeichen gegeben wird; und um den ersten Mai herum geschieht’s oft dreißig Male und noch mehr. Und so sehr haben die Menschen dorten sich hieran gewöhnt, daß keine Seele nur daran denkt, vom Bett aufzustehen, wenn es nicht gerade im Nebenhause brennt. Ja, Viele sind so kaltblütig geworden, daß sie vorerst an die Wand fühlen, ob diese schon heiß ist, und erst, wenn dieses der Fall, bequemen sie sich dazu, sich anzukleiden.

Woher diese oftmaligen Feuersbrünste kommen, ist schwer, vielleicht aber auch nicht schwer zu sagen. Eine Ursache mag darin bestehen, daß gar viele Häuser noch von Holz, oder wenn auch äußerlich von Backstein, doch im Innern wie von Schwefelhölzern zusammengeflickt erscheinen. Wo’s da einmal Feuer gefangen hat, da brennt’s gleich lichterloh! Eine zweite Ursache mag im Leichtsinn liegen, wie mit dem Feuer umgegangen wird. Man geht allüberall mit dem brennenden Lichte hinein und denkt an keine Laterne. Man feuert das Jahr hindurch und keinem Menschen fällt es ein, auch nur einmal nach dem Schornsteinfeger zu senden. Man häuft brennbare, sich selbst entzündende Stoffe übereinander und von Vorsichtsmaßregeln ist keine Rede. Eine dritte und Haupt- [109] aber mag darin liegen, daß die Leute dem Feuer an die Hand gehen. „Anzünden,“ „Brandstiften“ nennt man’s im prosaischen Leben. Woher käme es denn sonst, daß es um den ersten Mai, den großen Movingstag, d. h. den Tag, wo allgemeiner Wohnungsumzug stattfindet, den Tag, an den man allein einen Miether zwingen kann, ein Haus zu verlassen, – woher käme es, daß um diese Zeit keine Stunde vergeht, wo nicht die Glocken ein oder zwei Male Allarm schlagen? Die Leute finden es bequemer, ihre alten Möbels verbrennen zu lassen, als sie in’s neue Quartier zu schleppen; die Feuerversicherungsgesellschaften mögen den „Stoff“ zu neuen Möbeln liefern. Bei Kaufleuten, die halb banquerott, aber gut versichert sind, brennt's auch nicht selten, und noch öfter bei Fabrikanten, deren Fabrikate keinen Abgang finden wollen. Doch – mögen die Feuersbrünste kommen, woher sie wollen; Thatsache ist, daß sie da sind.

Wie nun, wenn die Crotonwasserleitung nicht da wäre? – Erinnerst Du Dich noch, lieber Leser, des großen Brandes in Newyork von 1835? Oder erinnerst Du Dich des großen Brandes von Hamburg? Alle Jahre hätte man von Newyork ein gleiches Unglück zu berichten, wenn die Wasserleitung nicht wäre! Denn außerordentlich groß ist das Brennmaterial, das in den großen Waarenhäusern angehäuft ist; so leicht sind die Häuser gebaut und so strohhalmmäßig die Zwischenwände in den Wohnungen, daß, wenn einmal zwei Häuser brennten, ein einziges Viertel unrettbar verloren wäre, besonders da es selten windstill ist in dem seeumgürteten Newyork. Aber, laß es nur getrost brennen; beim ersten Allarm stürzen die Feuermannschaften herbei, die einen mit den Spritzen, die andern mit den Leitern und Schläuchen. In zwei Minuten sind die Crotonwasserröhren geöffnet und die Schläuche angeschraubt. In zehn Minuten arbeiten schon sechs Feuerspritzen und ein halbes Hundert verwegener Feuermänner steht oben auf dem brennenden Hause und läßt die Schläuche mitten in’s Feuer hineinspielen. Laß es nur brennen, laß es nur knistern und krachen, das Feuer wird nicht Meister; es kann nicht Meister werden, denn eine Wassermasse wird über das brennende Haus ausgegossen, daß Du glaubst, das Weltmeer entleere sich. Es ist kein Löschen, es ist ein „Unterwassersetzen.“ – In einigen Stunden ist Alles vorüber; in den Straßen, die zum Brandplatz führen, steht das Wasser oft einen Fuß hoch; so stark war die Wasserverschwendung. Die nächsten Häuser sind oft von oben bis unten wie in Wasser getaucht; aber – der Brand ist meist gelöscht, ehe noch ein zweites Haus Feuer fangen konnte.

Weißt Du nun, warum man trotz allen Feuerlärms so ruhig schläft in Newyork?

Weißt Du nun, warum, wenn eben eine Auction im ersten Stock ist und es im vierten brennt, die Auction ruhig ihren Gang fortgeht, als ob nichts Ungewöhnliches passirte?

Solcher Art sind die Wirkungen der großen Newyorker Wasserleitung. Und wenn die hohen Herren daselbst etwas weniger praktisch und sparsam wären, so könnten sie mit dem Nützlichen auch das Schöne verbinden. – Oder böte nicht diese unendliche Wasserkraft, die nicht einmal eines künstlichen Druckes bedarf, um in die höchsten Häuser hinaufgeleitet zu werden, sondern deren natürlicher Druck durch die Höhe der Reservoirs über der Stadt all’ diese Wunder bewirkt, böte nicht diese Kraft die Mittel zu den herrlichsten Fontainen und Springbrunnen? Könnte nicht jeder öffentliche Platz, jeder Park mit solch’ einem Wasserwerke geziert werden? Aber solche Spielwerke mögen wohl schön sein und das Auge bezaubern, doch – „sie tragen nichts ein,“ denkt der Newyorker. Deswegen haben die Reichen in ihren Palästen in der fünften Avenue zwar hier und da einen kleinen Springbrunnen, aber so dünn und schwach, daß man meint, es sei ein Kindlein, das erst wachsen müsse. Und die Stadt, die jährlich zehn Millionen, wenn nicht verschwendet, doch ausgibt, hat eine Fontaine vor Cityhall und diese läßt ihre Wasser blos dann und wann, bei festlichen Gelegenheiten, springen.

„Sparen muß man,“ sagt der Newyorker.

Etwas Unangenehmes hat das Newyorker Trinkwasser. Im Winter ist’s gar kalt und im Sommer zu warm. So kalt ist’s im Winter, daß man Vorsichtsmaßregeln ergreifen muß, damit die Röhren in den Häusern nicht einfrieren; am besten ist’s, man läßt das Wasser immer ein klein wenig laufen, wenn auch nur so dick wie ein Strohhalm, dann gefriert’s nie. So warm aber ist’s im Sommer, daß vom „Purtrinken“ des Wassers keine Rede ist. Es würde Dir übel machen. Eis muß darunter und, damit das Eis nicht schade, ein klein wenig Brandy, d. i. Franzbranntwein. Für den Deutschen thut’s statt Brandy auch Wein.

Th. Gr.




Rosa Heisterberg.
Vom Verfasser der „neuen deutschen Zeitbilder.“
(Fortsetzung.)

„Ich mußte mich damit begnügen, die Heisterberg zu fragen, ob sie heute Abend während meiner Abwesenheit in meiner Wohnung gewesen sei.

„Sie antwortete ruhig:

„Nein. Seitdem ich Sie verließ, habe ich keinen Schritt wieder in Ihre Wohnung gesetzt.“

„Und wo waren Sie diesen Nachmittag, Fräulein, und den Abend?“

„Sie verwunderte sich mehr.

„Darf ich bitten, gnädige Frau, wozu diese Frage?“

„Beantworten Sie sie mir.“

„Wohl denn. Um drei Uhr verließ ich Sie. Ich kehrte unmittelbar hierher in meine Wohnung zurück. Ich habe diese Stube seitdem nicht wieder verlassen.“

„Bis jetzt nicht?“

„Bis jetzt nicht. Aber nun muß ich in der That bitten, daß Sie die Güte haben, mir mitzutheilen, was mir die Ehre Ihres Besuches verschafft, mich aber auch zum Gegenstande eines so sonderbaren Inquirirens macht?“

„Diese Ruhe, dieser halbe Spott, der Gedanke, daß sie doch die Diebin sei, das Alles regte mich wohl mehr auf, als es hätte der Fall sein sollen.

„Soll ich es Ihnen sagen,“ rief ich heftig, „was mich so spät noch hierher führt? Man hat mich in meiner Abwesenheit bestohlen, und Sie – und auf Sie ist mein Verdacht gefallen.

„Ah, Sie wollen mich zu einer Diebin machen!“

„Sie sprach die Worte mit einer so stolzen Entrüstung, als wenn sie eine Fürstin wäre. Aber sie sollte sehr bald keinen so hohen Ton mehr anstimmen. Ihre Frechheit hatte mich empört.

„Wir werden sehen, Mademoiselle,“ sagte ich. „Sie wollen den ganzen Abend Ihre Stube nicht verlassen haben? Sollte Niemand im Hause wissen, daß Sie doch fort waren?“

„Ich riß die Thür ihrer Stube auf.

„Jungfer,“ rief ich in den Gang hinein, nach irgend einem weiblichen Dienstboten. Ein Mädchen erschien.

„Seit wann ist das Fräulein wieder zu Hause?“

„Seit etwa einer Viertelstunde,“ antwortete das Mädchen.

„Ah, Mademoiselle, wir haben jetzt halb neun Uhr: seit sechs Uhr war der Februarabend dunkel genug, daß Jedermann ihn für einen Abend halten konnte. Und Sie wollen den ganzen Abend zu Hause gewesen sein?“

„Noch einmal wollte die unverschämte Person ihren Trotz zeigen.

„Madame,“ rief sie, „wer gibt Ihnen ein Recht, mich so in meiner Wohnung zu überfallen und mich zu insultiren?“

„Aber der Polizeicommissarius war unterdeß herbeigekommen. Er hatte bei den andern Bewohnern, freilich vergeblich, Erkundigungen eingezogen.

„Mademoiselle,“ sagte ich zu der Diebin, „ich habe mit Ihnen nichts mehr zu schaffen, dieser Herr wird das Weitere mit Ihnen ausmachen. Herr Polizeicommissarius, die Mamsell will den ganzen Abend ihre Stube nicht verlassen haben; dieses Mädchen versichert, daß sie kaum vor einer Viertelstunde nach Hause gekommen sei. Das Uebrige ist Ihnen bekannt. Was Ihre Pflicht unter diesen Umständen von Ihnen fordert, müssen Sie wissen.“

[110] „Da war sie doch verlegen geworden. Ihr Gesicht wurde blaß; sie holte schwer Athem.

„Wer sind Sie?“ fragte der Polizeicommissarius das Mädchen.

„Ich bin das Stubenmädchen der Frau Generalin.“

„Wann, sagen Sie, ist das Fräulein nach Hause gekommen?“

„Auf die Minute kann ich die Zeit nicht angeben. Ich rechnete, daß es ein Viertel auf neun Uhr sein könne. Die Uhr in der Stube der Frau Generalin hatte schon vor einer guten Weile acht geschlagen!“

„Wie überzeugten Sie sich von der Rückkehr des Fräuleins?“

„Ich war im Vorzimmer der Frau Generalin mit Plätten beschäftigt, als ich die Entreethür sich öffnen hörte. Die Thür des Vorzimmers, in dem ich mich befand, war nur angelehnt, so daß ich, ohne sie weiter öffnen zu müssen, hinausblicken konnte. Ich sah in den Gang hinein, in dem Gange brannte, wie auch noch, die Laterne; ich erkannte deutlich das Fräulein, die in den Gang eintrat und geradewegs in ihre Stube ging.“

„Der Polizeicommissarius wandte sich an die Diebin.

„Und wann wollen Sie nach Hause gekommen sein, mein Fräulein?“

„Sie war in hohem Grade verwirrt geworden. Sie schwankte offenbar, ob sie bei der Lüge, die sie gegen mich vorgebracht hatte, daß sie den ganzen Abend zu Hause gewesen, verbleiben, oder ob sie sie widerrufen sollte. Sie sah ungewiß bald den Einen, bald den Andern von uns an, bald vor sich hin. Ihr Hochmuth, ihre Frechheit siegten.

„Ich war zu Hause,“ sagte sie. „Das Mädchen irrt sich, oder spricht die Unwahrheit.“

„Nun aber wurde das Mädchen offen.

„Fräulein,“ hielt sie der Verbrecherin vor, „geirrt habe ich mich nicht, und wenn hier Jemand die Unwahrheit spricht, so sind Sie es. Ich habe Sie ganz deutlich erkannt, und ich muß es jetzt auch heraussagen, daß Sie leise genug hereinkamen, damit Niemand Sie hören und sehen sollte. Gerade das, daß die Thür so leise aufging, hatte mich neugierig gemacht, zu sehen, wer da sei, und als ich Sie erkannte, dachte ich noch bei mir, auf welchen Wegen Sie gewesen sein möchten, daß man Ihre Rückkehr nicht gewahr werden solle. Und auch das muß ich jetzt sagen, daß Sie um sieben Uhr schon nicht mehr in Ihrer Stube gewesen waren. Die Frau Generalin schickte um die Zeit mich zu Ihnen, um Sie zu bitten, ob Sie nicht den Thee mit ihr trinken wollten. Aber Ihre Thür war verschlossen, und ich klopfte und rief vergebens davor.“

„Das sagte das Mädchen ihr in’s Gesicht.

„Sie bleiben dennoch dabei,“ fragte der Polizeibeamte sie, „zu Hause gewesen zu sein?“

„Sie blieb dabei.

„Ich kann nicht anders,“ sagte sie. „Machen Sie mit mir, was Sie wollen.“

„Sie sagte es mit ihrem vollen Trotz.

„Der Beamte forderte sie demnächst zuerst auf, ihm ihr vorräthiges baares Geld vorzuzeigen. Sie war allerdings sofort bereit dazu. Sie zeigte in einer Lade ihres Secretairs etwa sechzig Gulden vor. Darunter waren zweiunddreißig einzelne Guldenstücke. Gerade dreißig einzelne Guldenstücke waren mir am Abend entwendet worden. Wiedererkennen konnte ich natürlich die einzelnen Stücke nicht. Aber das ziemlich nahe Uebereinstimmen der Summe der Stücke war auffallend.

„Der Polizeicommissarius befragte sie nach dem Erwerbe des Geldes. Sie weigerte sich trotzig, Auskunft darüber zu geben. Man sollte ihr beweisen, daß sie es gestohlen habe.

„Der Polizeibeamte erklärte ihr darauf, daß er sie arretiren müsse. Sie erwiderte ihm nur, daß er seine Pflicht kennen müsse.“

Dies war die Aussage der Bestohlenen. Die Frau von Waldheim schloß ihre Aussage mit dem Bemerken, daß sie am Morgen, bevor sie zum Criminalgericht gekommen, bei der Generalin, die am gestrigen Abend nicht mehr zu Hause gewesen, vorgefahren sei, und diese ihr bestätigt habe, am Abende vorher um sieben Uhr das Stubenmädchen zu der Heisterberg geschickt, aber die Antwort erhalten zu haben, das Fräulein sei nicht in ihrer Stube und müsse ausgegangen sein.

Das Benehmen der Dame hatte den unangenehmen Eindruck, den schon ihr erstes Erscheinen auf mich gemacht hatte, wie ich bereits bemerkte, nicht gemildert. Die Thatsachen, die sie vorbrachte, hatten allerdings überall den Stempel innerer Wahrscheinlichkeit; auch die Art, wie sie sie vortrug, entbehrte im Ganzen des Ausdrucks der Wahrheit nicht. Allein desto mehr mußte die Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit, von der sie während des ganzen Verhörs beherrscht wurde, den Verdacht mancher Uebertreibung gegen sie erregen. Dazu kam, daß ihr Verfahren gegen die Angeschuldigte, namentlich der Umstand, daß sie selbst sich sofort zu dieser begeben und in ungestümer Weise gegen sie inquirirt hatte, wenig weiblich, gar roh war, und zudem kaum durch den Verdruß über den Diebstahl und den Verdacht gegen die Heisterberg allein sich erklären ließ, vielmehr höchst wahrscheinlich auch noch aus einem anderen Motive hervorgegangen sein mußte. Welches war dies?

Jedenfalls erschien in solcher Weise der ohnehin nur entfernte Verdacht gegen die Angeschuldigte sehr geschwächt. Hätte sie die Lüge ihrer Anwesenheit zu Hause nicht vorgebracht, so wäre ein Grund zu einem gerichtlichen Einschreiten gegen sie nicht vorhanden gewesen. Konnte sie sich deshalb rechtfertigen, so fiel auch der Grund zu einem ferneren Einschreiten gegen sie, jedenfalls für ihre fernere Haft, fort. Dies auch selbst, wenn man ihre Persönlichkeit in’s Auge faßte, den nicht vortheilhaften Eindruck, den auch ihre Erscheinung gemacht hatte, die Rolle der Abenteurerin, welche die Bestohlene ihr beilegen wollte und für welche in der That ihr auch gegen mich an den Tag gelegtes Heimlichthun nicht geringen Beleg geliefert hatte. Daß die Frau von Waldheim wirklich bestohlen war, konnte trotz jenem Uebertreiben in ihrer Aussage nicht wohl bezweifelt werden. Auch mochten ihre Angaben über die Treue ihrer Dienstboten richtig sein. Allein einerseits ging aus diesen nur hervor, daß man mit ihr nicht ohne Weiteres einen Verdacht auf ihre Dienstboten werfen dürfe. Dies konnte man aber auch eben so wenig gegenüber der Angeschuldigten, gegen deren Redlichkeit im Grunde, und abgesehen gerade von den in Frage stehenden Diebstählen, durchaus nichts mehr vorlag. Andererseits konnte es außer der Angeschuldigten noch mehrere Personen geben, die gleich dieser mit den Einrichtungen und Gewohnheiten der Bestohlenen bekannt, gar in ähnlichen Verhältnissen früher bei ihr gelebt hatten.

Ich stellte in dieser letzteren Beziehung eine ausdrückliche Frage an die Bestohlene. Sie wollte sich aber keiner Person erinnern können, auf welche sie den geringsten Verdacht werfen dürfe. Wie viele Personen, entlassene Dienstboten u. s. w. mochten gleichwohl in ihrem Hause gewesen sein, von denen, auch ohne daß sie die leiseste Ahnung hatte, Unredlichkeiten begangen sein konnten!

Der Polizeicommissarius, den ich gleich nach der Frau von Waldheim vernahm, konnte, wenigstens über die Diebstähle selbst, keine nähere Auskunft geben. Er bestätigte nur die Aussagen der Bestohlenen. Er war am Morgen in deren Wohnung gewesen, und er beschrieb die Einrichtung derselben, so wie speciell die Lage und Beschaffenheit des Schreibsecretairs und des Wandspindes ganz so, wie die Bestohlene. Er bestätigte auch die Vorgänge des gestrigen Abends in der Wohnung der Angeschuldigten, daß diese trotz des Widerspruches der Stubenmagd dabei geblieben, ihre Stube nicht verlassen zu haben, daß sie freilich dabei auch verlegen und verwirrt geworden sei.

Nur in einem Punkte wich er erheblich ab.

Die Frau von Waldheim hatte in dem Benehmen der Beschuldigten nur frechen Trotz finden wollen. Der Polizeibeamte erklärte dagegen ausdrücklich:

„Ich habe in dem Betragen der Verhafteten nichts weniger als Frechheit oder Trotz wahrgenommen. Sie zeigte allerdings Stolz, aber dies schien mir eher der Stolz eines guten Gewissens zu sein. Dies wurde mir beinahe zur Ueberzeugung, als ich sie aufforderte, sich über den Erwerb des bei ihr gefundenen Geldes auszuweisen. Und als ich sie befragte, ob sie, ungeachtet der entgegenstehenden bestimmten Versicherung des Hausmädchens, dabei verbleibe, das Haus nicht verlassen zu haben, hatte ihr Stolz gar eine solche Beimischung von Verachtung gegen die Frau von Waldheim, daß ich den Gedanken nicht zurückweisen konnte, zwischen den beiden Damen müsse ein ganz eigenthümliches, unbekanntes Verhältniß bestehen, auf welches gerade wahrscheinlich die Entfernung der Heisterberg aus ihrer Wohnung sich bezogen habe. Die Frau von Waldheim selbst schien dies insofern zu bestätigen, als sie plötzlich nachdenklich wurde, und darauf eine besondere Heftigkeit und Bitterkeit gegen die Andere an den Tag legte.“

Ich fragte den Polizeicommissarius, ob er keine Ahnung über die Natur dieses Verhältnisses habe. Er hatte nicht die geringste.

[111] Ueber die Hausgenossen der Bestohlenen wußte er gleichfalls nichts Nachtheiliges. Er konnte auch sonst, wenn die Heisterberg nicht die Thäterin sei, auf keinen Menschen irgend einen Verdacht wegen der Diebstähle werfen.

Dagegen brachte er Nachrichten über die persönlichen Verhältnisse der Angeschuldigten, die, wenn sie auch ohne directe Beziehung auf die Diebstähle waren, doch jedenfalls auf ihren Charakter ein zweideutiges Licht werfen mußten.

Sie hatte sich bei der Frau von Waldheim als Fräulein von Heisterberg vorgestellt. Auch ihr Paß, den sie von dem holländischen Gesandten erhalten und gegen den Empfang einer Aufenthaltskarte bei der Polizei deponirt hatte, trug ihren Namen: Rosa von Heisterberg. Man hatte indeß auf der Polizei früher keine Veranlassung gehabt, näher oder gar mit mißtrauischen Augen den Paß zu prüfen, der ganz frisch von dem Gesandten ausgestellt und von der Gesellschafterin der in den höchsten Cirkeln lebenden Majorin von Waldheim überreicht war. Jetzt hatte er aufgesucht werden müssen, um zu den Untersuchungsacten gebracht zu werden, und als man ihn nun genauer betrachtete, entdeckte man bald, eine sehr fein ausgeführte, aber desto erheblichere Fälschung darin. Zwischen den Namen Rosa und Heisterberg war das Wörtchen von an die Stelle anderer, dort befindlich gewesener und ausradirter Buchstaben später hinzugeschrieben. Genau konnte man die ausradirten Buchstaben nicht erkennen. Wahrscheinlich hatte der Paß aber gelautet: Rosalie Heisterberg, und die drei letzten Buchstaben des Namens Rosalie hatten dem Wörtchen von Platz machen müssen.

Die Bürgerliche hatte also als eine Adlige erscheinen wollen. Es stimmte dies vollkommen zu jenen mysteriösen Erzählungen und Andeutungen über ihre Herkunft, ihren Stand, ihre künftigen glänzenden Verhältnisse. Es zeigte aber zugleich klar, selbst wenn es aus bloßer Eitelkeit geschehen war, einen Charakter an, der Intriguen, Ränke, selbst offenbare Gesetzübertretungen nicht scheute. Daß eine Paßverfälschung strafbar war, mußte sie wissen, selbst ohne jene genaue Gesetzkunde, die sie schon mir gegenüber geflissentlich dargelegt hatte. Dabei war die Fälschung sehr fein, mit großer Gewandtheit ausgeführt, zeigte also schon eine Leichtigkeit und Festigkeit der Angeschuldigten in solchen Dingen. Freilich das Alles vorausgesetzt, daß eine wirkliche Fälschung vorlag und diese von der Beschuldigten ausgegangen war. Daß das Wörtchen von durch eine andere Hand geschrieben worden, war keineswegs mit Sicherheit zu erkennen; unzweifelhaft erkennbar war nur ein späteres Zuschreiben an Stelle anderer ausradirter Buchstaben. Das konnte auch von dem Gesandten selbst geschehen sein, der anfänglich den Namen unrichtig geschrieben hatte.

Der Polizeibeamte hatte sich mit dem Passe schon sofort auf die holländische Gesandtschaft begeben; dort hatte man aber sogar von dem Passe selbst nichts gewußt. Er fand sich in keinem Register eingetragen; er war ganz und gar, allerdings unverkennbar, von der Hand des verstorbenen Gesandten allein geschrieben.

Indeß blieb der Paß immer ein an sich verdächtiges Document und war in diesem verdächtigen Zustande von der Angeschuldigten der Polizei überreicht worden. Dachte man an ihre geheimnißvollen Prahlereien zurück, so konnte man auch an einer Fälschung, und daß diese von ihr herrühren müsse, kaum zweifeln.

Außerdem theilte der Polizeicommissarius noch folgenden Umstand mit, der gleichfalls ein zweifelhaftes Licht auf die Angeschuldigte werfen mußte. Diese wohnte seit drei Wochen bei der Generalin. In den ersten acht Tagen war sie fast immer zu Hause gewesen; seitdem aber hatte sie beinahe täglich Ausgänge gemacht, immer allein, immer ohne vorher zu sagen, wohin, und ohne bei ihrer Rückkehr sich darüber auszulassen, wo sie gewesen sei. Sehr häufig war sie auch des Abends ausgegangen und mehrere Male erst nach acht Uhr – es war im Monat Februar, also schon vor sechs Uhr dunkel – zurückgekehrt. Einmal wollte das Mädchen der Generalin gesehen haben, wie eine Mannsperson sie bis an die Hausthür begleitet habe.

Der Polizeibeamte hatte diese Mittheilungen von der Generalin selbst, einer im höchsten Grade achtbaren Matrone, welche die Angeschuldigte bei der Majorin von Waldheim kennen gelernt und die junge Dame, als sie sich von der Letzteren getrennt, bis zu einem anderweiten Unterkommen gegen eine geringe Vergütung bei sich aufgenommen hatte. Die würdige Frau hatte sich über das späte Ausgehen und Ausbleiben ihrer Einwohnerin um so ungehaltener gezeigt, als diese über ihr Treiben außer dem Hause ein hartnäckiges, geheimnißvolles Schweigen beobachtet hatte.

Ich erkundigte mich bei dem Polizeibeamten nach dem jungen Manne, der gleich nach der Verhaftung der Heisterberg das Bett gebracht hatte.

Er wußte nichts von ihm; er hatte auch keine Ahnung, wer er sein könne. Gleichwohl schien die Ermittelung des jungen Menschen von Erheblichkeit zu sein. Woher hatte er sofort von der Verhaftung der Heisterberg Kunde erhalten? In deren Wohnung war er nicht gewesen, weder bei noch nach der Verhaftung; wenigstens hatte dem Beamten Niemand etwas von seiner Anwesenheit gesagt.

Der Beamte versprach, ihm nachzuforschen. Vielleicht, wahrscheinlich stand er in Verbindung mit jenen häufigen Entfernungen der Angeschuldigten aus ihrer Wohnung.

Ungeachtet des mangelnden Beweises durfte ich, bei dem großen Dunkel, das über der Sache noch schwebte, die Beschuldigte nicht sogleich entlassen. Zunächst mußte ich sie selbst jetzt ausführlich vernehmen.

Ich ließ sie noch denselben Abend zum Verhör vorführen. Als ich in die Verhörstube trat – sie war noch nicht da – fiel mein erster Blick auf ein ziemlich starkes versiegeltes Paquet, das auf dem Tische lag; es war an mich adressirt und enthielt Bücher. Oben auf lag ein von einer fremden Hand geschriebener und nicht unterzeichneter Zettel, der mich bat, dem verhafteten Fräulein von Heisterberg die beiliegenden Bücher zukommen zu lassen.

Ich kann nicht leugnen, ich erstaunte nicht wenig, als ich die Bücher öffnete. Es waren nur classische Schriften der Italiener, Engländer, Franzosen und Deutschen, sämmtlich in der Ursprache. Tasso’s befreites Jerusalem, Alfieri’s Tragödien, Milton’s verlorenes Paradies, der ganze Shakespeare, die Tragödien und die geschichtlichen Werke von Voltaire, die Tragödien von Racine und Corneille, Schiller’s und Goethe’s Werke, so wie die Schriften von Baco und neuere geschichtliche und philosophische Werke der Franzosen und Engländer.

Das war eine Lectüre für einen Gelehrten. Verstand die junge Dame nicht blos alle diese Sprachen, hatte sie auch Bildung und Kenntnisse genug, um namentlich die philosophischen und geschichtlichen Schriften zu verstehen?

Sie erschien im Verhörzimmer. Sie trat vollkommen so ruhig, unbefangen und heiter ein, wie am Morgen. Sie erschien beinahe wie in einem Salon, wo sie eine heitere Gesellschaft, eine angenehme Unterhaltung finden solle. Hatte noch so eben, bei dem Anblicke der für sie bestimmten Bücher, die ungewöhnliche Bildung, die ich bei ihr voraussetzte, mich zu ihren Gunsten eingenommen, diese Ruhe verdroß mich unwillkürlich wieder; ich konnte, gegenüber ihrer Lage, gegenüber den schweren, den im höchsten Grade verletzenden Beschuldigungen, die ihr gestern in doppelt verletzender Weise gemacht waren, nur entweder Mangel an allem Gefühl und an aller Ehre oder aber die gemachte Unempfindlichkeit des Schuldbewußtseins darin finden. Aber sie hatte heute Morgen bei der Erinnerung an den jungen Menschen, der ihr das Bette gebracht, Gefühl, Rührung gezeigt. Ich zweifelte nicht, daß auch von diesem die Bücher herrührten. Ich wollte, ich mußte sie studiren.

Ich hatte die Bücher vor ihrem Eintreten zugedeckt. Bevor ich zum Verhör schritt, deckte ich sie wieder auf. Sie fuhr bei ihrem Anblick zusammen. Sie kannte also schon die Einbände und verbarg das auch nicht. Ihre Gesicht zeigte eine stille, innige Freude.

„Er war wieder hier?“ fragte sie rasch.

Ueberraschung und Freude waren völlig natürlich gewesen, denn wie sie kaum die Worte gesprochen hatte, fiel es ihr schwer auf das Herz, daß sie sich verrathen habe. Sie forschte ängstlich in meinen Augen.

Waren das nicht wieder Zeichen eines Herzens, das unmöglich ganz verdorben sein konnte?

Ich zeigte ihr statt einer Antwort den Zettel, mit dem die Bücher gekommen waren. Sie athmete wieder freier, als sie ihn las.

„Haben Sie mir nichts zu sagen?“ fragte ich sie.

Auf einmal war sie wieder vollkommen ruhig.

„Ich hatte Sie, für den Fall, daß meine Haft längere Zeit dauern sollte, um Lectüre bitten wollen; ich brauche Sie jetzt nicht zu belästigen.“

Ich knüpfte das Verhör sofort an den Zwischenfall an.

[112] „Fräulein, Sie wollten mir heute Morgen den Namen des jungen Mannes, der gestern hier war, von dem auch unzweifelhaft diese Sendung herrührt, nicht nennen. Ich hatte damals kein besonderes Interesse, seinen Namen zu erfahren; jetzt bedarf ich seiner für die Zwecke der Untersuchung. Ich muß Sie bitten, mir seinen Namen zu nennen.“

Hatte ich erwartet, daß sie verlegen oder ängstlich werden würde, so hatte ich mich getäuscht.

(Schluß folgt.)




Blätter und Blüthen.

Schicksal neuer Ideen. „Es gibt nichts Neues unter der Sonne!“ ist ein eben so oft citirter, als bewährter Satz; er sollte auch hinsichtlich einer der angestauntesten Errungenschaften des Zeitgeistes: der Idee der Anwendung des Dampfes als fortbewegende Kraft, nicht ohne Geltung bleiben. Während man nämlich bisher den Engländer James Watt als den Schöpfer jener Idee anerkannte, ist jetzt unwiderleglich bewiesen, daß, was die Priorität derselben anbelangt, die Spanier schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts durch Blasco de Garay auf die Erfindung von Dampfmaschinen geführt wurden, daß indeß die spanische Regierung die Kenntniß und somit die Anwendung dieses großartigen, kulturhistorischen Gedankens bisher der Welt engherzig entzog. Die Originale der Beweisstücke für diese Anklage des spanischen Gouvernements befinden sich im königlichen Archive zu Simancas, aus denen erst vor etwa 30 Jahren durch Thom. Gonzalez einige Stellen veröffentlicht wurden, die unser verdienstvoller, gelehrter Külb der deutschen Literatur in einem Auszuge zuführte. Diesen Quellenangaben zufolge machte im Jahre 1543 ein Schiffscapitain, Namens Blasco de Garay, dem Kaiser Karl V. das Anerbieten, eine Maschine zu bauen, welche im Stande wäre, die größten Schiffe und selbst bei völliger Windstille „ohne Segel und Ruder“ fortzubewegen. Trotz der Hindernisse und Widersprüche, welche dieses für die Anschauungen der damaligen Zeit so abenteuerliche Unternehmen fand, willigte Karl V. doch in einen Versuch, der denn auch am 17. Juni 1543 stattfand. Da Garay sich beharrlich weigerte, seine Maschine und deren nähere Einrichtung Jemandem zu zeigen, so konnte man nur wahrnehmen, daß dieselbe in einem großen Kessel mit siedendem Wasser, sowie in zwei von letzterem in Bewegung gesetzten, an den beiden Außenseiten des Schiffs befindlichen Rädern bestand. Der Versuch, mittelst eines mit Getreide beladenen Fahrzeuges von 200 Tonnen angestellt, ergab das Resultat, daß die zur Prüfung bestellten Personen, sowie viele Seeleute, welche nebst einer großen Menge Volks dem seltsamen Experimente beiwohnten, sich mit Begeisterung für die Erfindung erklärten und insbesondere die Schnelligkeit, mit der die verschiedenen Wendungen des Schiffs gehandhabt wurden, hervorhoben. Nach Beendigung des Versuchs nahm Garay seine Vorrichtung wieder aus dem Fahrzeuge, brachte das Holzgerüste in das Arsenal von Barcelona, die anderen Bestandtheile der Maschine aber vorsichtig in seine Wohnung,

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß wir in der Garay’schen Maschine das heutige „Dampfschiff“ in seinem ersten Entwürfe, seinem Rohbaue vor uns haben.

Wiewohl dem Kaiser die Wichtigkeit der neuen Erfindung nicht entging, so ward doch seine Aufmerksamkeit durch zu wichtige politische Angelegenheiten von diesem Gegenstände abgelenkt und blieb somit die Realisirung derselben einer spätern, Zeit vorbehalten. – Was aber James Watt anbelangt, so läßt sich wohl mit Sicherheit annehmen, daß derselbe von jener weit früheren Erfindung Spaniens keine Kenntniß hatte und er in der That zwei Jahrhunderte später, als Biasco de Garay, auf dieselbe Idee kam: eine Erscheinung, die bekanntlich in der Geschichte nicht ohne Analogon dasteht.

Ein tief beklagenswerthes Schicksal tritt uns aber entgegen, wenn wir den Blick auf den Schöpfer eines mit dein Vorstehenden in unmittelbarer Verbindung siebenden Gedankens richten, nämlich der Idee: das Dampfschiff durch Anwendung der Schraube zu verbessern. Der erste Schraubendampfer wurde im Jahre 1843, also gerade drei Jahrhunderte nach der Garay’schen Erfindung von einem Mons. Normand auf Kosten der französischen Regierung gebaut; gleichwohl war der Erfinder desselben ein Anderer, nämlich Friedrich Sauvage, jener unglückliche Sauvage, der, wie unlängst die Zeitungen berichteten, im Irrenhause verstorben ist.

Ein französisches Journal, die „Guépes“, brachte seiner Zeit über das Leben und Streben dieses „gebornen Mechanikers“, dieses gleich genialen, als verkannten Mannes, einige zwar nur flüchtig hingeworfene, gleichwohl inhaltsschwere Worte, die die innigste Theilnahme jedes Denkenden in Anspruch zu nehmen geeignet sind. Es heißt in jenem Blatte:

„Die Fluth kehrte zurück, die Sonne tauchte in die See, als am Horizonte die Silhouette eines Fahrzeuges von edler, majestätischer Form erschien. Es war der „Napoleon“, der nach Havre zurückkehrte, – der „Napoleon,“ d. h. das erste Schrauben-Dampfboot, die Verwirklichung eines lange Zeit geleugneten Problems, das man als Absurdität und Narrheit behandelte. Woher kam der „Napoleon?“

„Am nächsten Tage las man in mehreren Journalen: „Der Dampfer nach neuem Modell, „Napoleon,“ welcher von Herrn Normand für Rechnung des Staates gebaut wurde, kam Mittwoch den 21. Juni (1843) nach siebenstündiger Fahrt von Havre in Cherbourg an. Es ist das erste Schiff, das mit einer Schraube versehen ist, welche der Dampf bewegt und die, am Hintertheile des Schiffes unter dem Wasserspiegel angebracht, sich mit Schnelligkeit herumdreht und das Schiff bei günstigem Wetter 10 bis 11 Knoten zurücklegen läßt. Am Bord des „Napoleon“ befanden sich Herr Cante, General-Director der Posten, der See-Präfect, die Ingenieure, Marine-Officiere u. s w. Nachdem der Dampfer Cherbourg berührt hatte, begab er sich vor Portsmouth und Southampton. Er salutirte die Forts; seine Saluts wurden erwidert.“

„Ein Mann war aber nicht aus dem „Napoleon,“ ein Mann war zu dieser Triumph-Fahrt nicht eingeladen worden, einen Mann nannten die Journale nicht; dieser Mann war ganz einfach Friedrich Sauvage, der Erfinder der Schraube, Sauvage, der dreizehn Jahre arbeitete und kämpfte, zwei Jahre, um seine Schraube zu finden, und elf Jahre gegen Unglauben, Neid und Böswilligkeit.

„Ich wußte,“ erzählt Alphonse Karr, „daß Sauvage wegen einer elenden Schuld im Gefängnisse von Havre saß. Ich besuchte ihn. Er hatte sich in seiner Zelle, so gut er konnte, eingerichtet, da er aber in einem geschlossenen Zimmer fast erstickte, so ließ er des Nachts das Fenster offen. Als die Hunde wüthend gegen dieses geöffnete Fenster bellten, wurde ihm befohlen, es geschlossen zu lassen. Er versuchte es, mußte dasselbe jedoch bald wieder öffnen und der Lärm der Cerberuse begann von Neuem. Da griff der Mechaniker zu einem Messer und machte aus einem Stück Holz eine Maschine, die Wasser, Erde und Kugeln nach den Hunden schleuderte und sie zwang, sich knurrend in ihre Hütte zurückzuziehen. Er war über diesen Triumph glücklich, wie ein König. Seit Sauvage im Gefängniß ist, spielt er (wie Paganini) Violine. Aus den zerreißenden Saiten macht er in geistreicher Weise allerlei Maschinen. Auf seinem Fenster-Gesimse fand ich ein Bassin aus einem Stück Zink; in diesem Bassin schwamm ein Fahrzeug, welches er mit seinem Messer construirt hatte.

„Aber unter all’ den reichen Männern, die stolz waren, den Engländern diese Erfindung Frankreichs zu zeigen, war nicht einer, welcher Sauvage die Summe anbot, um ihn in Freiheit zu setzen. Der Marine-Minister und der König von Frankreich ließen ihn seit Monaten im Gefängniß!“ – –

Einige Tage später druckte der Siècle den Artikel der „Guêpes“ ab und nach wenigen Tagen war ein Theil der Schuld bezahlt, für das Uebrige hatte der Gläubiger eine Frist eingeräumt und Herr Baucher de Perthes, Präsident der königl. Aufmunterungs-Gesellschaft von Abbeville, stellte sich Herrn Sauvage zu Diensten. Ein englisches Journal, der „Dailer,“ entrüstet über Frankreichs Undankbarkeit, schlug eine englische Subscription vor. Dieses Project unterblieb indeß in Folge der Weigerung Sauvage’s, etwas anzunehmen. Der Erbauer des „Napoleon,“ Herr Normand, wurde von der Hand Louis Philipps decorirt. Erst später erlangte man für Sauvage eine Pension von 2500 Francs. – Das Patent, welches Sauvage im Jahre 1832 von der französischen Regierung gelöst hatte, scheiterte an dem Berichte der betreffenden Commission unter dem Vorsitze des Admirals, die ihm eröffnete, „daß die Anwendung der Schraube im Großen nicht ausführbar wäre.“[2]

Die Ansicht jener Commission und ihres Vorsitzenden hat ihre Erledigung gefunden; das Schicksal von Friedrich Sauvage aber wird ein Schandfleck bleiben für die Zeit und die Regierung Louis Philipps, auf’s Neue jenes anscheinende Paradoxon vertheidigend:

„Auf dem Genie lastet der Fluch!“
Fskw.     
  1. Ein Teich in der Nähe der Stadt.
  2. Vergleiche: Kölnische Zeitung, Beilage zu Nr. 232., Jahrg. 1857.


Das Thierleben im äußersten Norden Europa’s. „Jemehr wir uns dem Ende des Vorgebirges näherten,“ erzählt Bayard Taylor in der Reise um das Nordcap, „welches den Parsanger- vom Laxe-Fjord trennt, um so steiler wurden die Felsen und wie mit Gewalt zersprengt. Vom Gipfel herabgestürzte ungeheuere Massen umlagerten den Fuß der Felsen und bildeten höhlenartige Bogen, die Wohnstätte von Myriaden Möven. Der Felsen von Svaerhalt-Klub, der Spitze gegenüber, glich einer in Ruinen liegenden steinernen Festung. Die glatt gemauerten Wände schienen auf drei ungeheuren Gewölben zu ruhen, deren schräg abfallende Grundpfeiler gleich Streben von andern Felsstücken gestützt wurden. Die Wälle, an der einen Stelle unversehrt, waren an der andern Stelle eingesunken, und man glaubte, in den Rissen und Spalten der riesigen Steinmassen noch die Spuren der Geschosse zu erblicken, welche diese grausige Zerstörung einstmals bewirkt hatten. Tausende von weißen Möven, bereits zur nächtlichen Ruhe gegangen, saßen auf jedem Felsenrande, jedem Vorsprunge. Die Vorbereitungen zur Störung ihres Schlummers waren getroffen und die Kanone unseres Dampfers, gegen das größte Gewölbe gerichtet, ward plötzlich abgefeuert. Im furchtbaren Wiederhall erbebte die Festung, ein Schrei, so wild, durchbohrend, verwirrend, vieltausendstimmig, daß er mir noch heute in den Ohren gellt, folgte ihm und mit ihm kam ein Rauschen, wie von einem Sturmwinde in Balda. Eine weiße Wolke brach gleich dem Rauche eines antwortenden Geschützes aus dem hohlen Thorweg hervor, und im Nu war die Luft von Vögeln erfüllt, wie der Rasen im Herbste von Blättern bedeckt ist. Ein gellendes Gekreisch umschwirrte uns. Dem zweiten Schusse folgte ein zweiter Aufschrei und eine allgemeine Flucht aus den andern Höhlen. Die Luft verfinsterte sich fast und das Schwirren, Rauschen und Schreien der Vögel, die über unsern Häuptern herumkreisten oder gleich dicken Schneeflocken in das Wasser niederfielen, war wahrhaft entsetzlich. Es konnten kaum weniger als 50,000 auf einmal die Luft erfüllen, während eben so viele an der Außenseite des Felsens hingen oder tief aus dem Gewölbe hervorkreischten.“


Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.