Die Gartenlaube (1877)/Heft 31

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1877
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[515]

No. 31.   1877.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Charlotte Venloo.
Von E. Werber.
(Fortsetzung.)


Zwölf Stunden später saß ich in einem Häuschen des belgischen Dorfes Huys. Henry Flomberg saß neben mir; uns gegenüber in einer Nische lag im hochgethürmten Bett der alte Caspar Raick, der Begleiter meines „Sterns“, den die Gewalt des Wassers von mir gerissen hatte. Am Kaminfeuer saßen ein Matrose, der einzige Gerettete der Mannschaft, und Herr Delheid, ein Kaufmann aus Gent. Der Matrose saß mit gebeugtem Haupte und Thränen fielen in seinen Bart – sein Sohn lag auf dem Grunde des Meeres.

Unser Schiff war von einem plötzlichen Sturme aus seiner Linie gerissen und gegen ein anderes, schwerbeladenes, von Dünkirchen kommendes geschleudert worden; sein Vordertheil ward gänzlich zerschmettert. Das Schiff, an dem das unsrige zu Grunde ging, brachte uns, die Geretteten, bei Tagesanbruch an’s Land, fünf Meilen oberhalb Ostende. Mein Freund, welcher, nachdem ich ihn geweckt hatte, auf's Verdeck geeilt war, um sich zu überzeugen, was geschehen sei, wurde augenblicklich von der Wucht des anstürzenden Wassers zu Boden geworfen und verlor die Besinnung. Als er wieder zu sich kann, befand er sich schon auf dem andern Schiffe und mit ihm waren Caspar Raick und – mein Stern. Erst später brachte man mich zu ihnen, allein ich war noch ohne Bewußtsein. Als wir an’s Land gebracht wurden, schlug ich zum ersten Male die Augen auf; der Freund trug mit Hülfe eines Herrn, den ich nicht kannte, eine Frau, deren Gewänder und Haar trieften. Mit großer Anstrengung ging ich zu der Gruppe und blickte in’s Angesicht dieser Frau – sie war es, mein Stern, und das Leben kehrte vollströmend in mich zurück. Henry sah mich seltsam an, prüfend und dann mit einer Art von Grauen und Mitleid. Endlich sagte er stotternd: „Du bist’s, Du, Eugen?“

„Bin ich denn so verändert?“

Er antwortete mir nicht. Wir gingen nun, eine kleine, traurige Karawane von sechs Menschen, welche das Meer verschont hatte, während zwölf andere seine Beute geworden, auf dem Strande landeinwärts. Der Matrose führte Caspar Raick; ich ging neben Henry. Keiner sprach ein Wort. Der Morgen stieg hinter den Häusern des Dorfes herauf und warf ein weißes Licht auf den weißen Sand, der unter unsern Füßen knirschte. Als wir in die Stube des ersten Hauses getreten waren und meinen Stern, den ich künftig bei seinem Namen, Madame Venloo, nennen werde, der Frau des Fischers anvertraut hatten, welche sie in die obere Stube brachte, bemerkte ich einen Spiegel in einer Ecke und ging hinzu. Henry ergriff meinen Arm und sagte schmerzlich:

„Eugen, erschrick nicht! Dein Haar ist grau – –“

Die Fischerleute gaben uns Wäsche und Kleider, welche wir anzogen, während die unseren am Herde trockneten. Am Abend kam eine Kutsche, Henry, Herrn Delheid und mich nach Ostende zu bringen. Im Augenblicke, als wir uns zur Abreise rüsteten, trat Madame Venloo in unsere Stube. Ihr langes Haar floß wie ein Schleier auf den groben, faltigen flämischen Frauenmantel, in welchen sie gehüllt war. Ihre kleinen Füße bekleideten grobe blaue Strümpfe und Holzschuhe, in denen sie kaum gehen konnte. Aus dieser bäurischen Hülle trat ihr feines, seelenvolles Wesen wahrhaft leuchtend hervor.

Sie ging zu Caspar Raick und sprach leise mit ihm; dann trat sie mit bescheidener Haltung zu uns und sagte mit einer Stimme, welche wie Gesang war: „Meine Herren, ich glaube, wir sollen einander nicht fremd bleiben. – Sie reisen schon weg?“

Henry sagte, daß wir die Nachtpost in Ostende benutzen wollten, um gegen Mittag des nächsten Tages in Brüssel zu sein. „Wohnen Sie in Brüssel? Können wir Ihnen in irgend einer Weise nützlich sein?“ fügte er hinzu.

„Ich danke Ihnen. Ja, ich bitte Sie um eine große Güte. Wir werden in Brüssel morgen Mittag erwartet, Herr Raick kann aber unmöglich heute, auch morgen noch nicht reisen. Ich finde hier weder Papier noch Feder, um zu schreiben. Wollen Sie die Güte haben, der Tochter Herrn Raick’s und ihrer Tante, welche in Brüssel geblieben sind, unsere verspätete Ankunft anzuzeigen?“

Sie nannte nun die Straße und Hausnummer, die ich so gut kannte. Dann blickte sie uns der Reihe nach an und sagte: „Ich weiß nicht, war es einer von Ihnen, meine Herren, welcher Raick und mich von der Cabine auf’s Verdeck brachte?“

Henry und Delheid blickten erst sich, dann mich an; ich erröthete, und Henry sagte: „Du warst es wohl, Eugen?“

Ich verbeugte mich und verharrte gesenkten Hauptes, als sie mir ihre sammetweiche Hand reichte. Sie sagte: „Ich danke Ihnen,“ sonst nichts. Ich erhob meinen Blick und sah, daß sie mein graues Haar betrachtete. „Haben Sie auch eine Tochter, wie Herr Raick?“ fragte sie unschuldig. Ich glaubte zu sterben.

„Nein, Madame, ich habe keine Tochter,“ antwortete ich tonlos.

Ich war ein alter Mann, wie Caspar Raick – sie sagte es – sie!

„Madame, mein Freund hatte gestern noch braunes Haar; er ist über Nacht grau geworden,“ flüsterte ihr Henry zu.

Da nahm sie meine beiden Hände in die ihren, welche zitterten, und sagte: „Die Jugend liegt nicht im Haar, sondern [516] im Herzen. Verzeihen Sie mir demnach! Ich sehe jetzt, daß Ihr Gesicht jung ist. Haben Sie – haben Sie gestern die Geige gespielt?“

„Nein, dieser hier!“ antwortete ich und zeigte mit dem Blick auf Henry.

„Ich bitte Sie, meine Herren, besuchen Sie mich in Brüssel! Ich lebe still; ich sehe Niemanden bei mir, aber Sie werde ich mit Vergnügen empfangen. Wenn man mit einander Schiffbruch gelitten hat, so ist es, als ob man sich schon seit Jahren kennte.“

Nun ging sie; mein Ohr folgte dem Laut ihrer Holzschuhe, bis er sich auf der Treppe verlor.

Gleich nach unserer Ankunft in Brüssel gingen Henry und ich nach Madame Venloo’s Wohnung. Die alte Frau öffnete uns die Hausthür und führte uns durch den weiten Flur, an dessen Ende ein mit Bäumen geschmückter Hof sichtbar wurde, in eine große Stube, wo am offenen Fenster ein blondes junges Mädchen saß und Spitzen klöppelte. Als wir eintraten, erhob sie sich und sagte ahnungsvoll: „Ist meinem Vater ein Unglück begegnet?“ Wir beruhigten sie und vermieden in unserer Erzählung alle Umstände, welche sie auf’s Neue hätten in Angst versetzen können.

Die alte Frau, Denise Raick, Caspar’s Schwester, sank auf einen Stuhl, als sie den Schiffbruch vernahm, und rief ihren Schutzheiligen an. Und dann: „O, die gute Madame Venloo! O, Madame Venloo ist eine Heilige. Sie verläßt ihren alten Diener nicht; sie bleibt bei ihm; sie pflegt ihn. Marion,“ sie wandte sich zu dem jungen Mädchen – „Marion, Du wirst ihr die Füße küssen, wenn sie kommt. Ja, meine Herren, eine Heilige ist sie. Als ihr Mann in Spanien gestorben war und ihr Vater auch, da nahm sie den alten Caspar und sein Kind zu sich und sie ehrt ihn, als ob er ein Herr wäre, und er war doch nur der Gehülfe ihres Vaters. Dieser war aus unserem Lande, meine Herren, aber er ging jung nach Spanien und schliff dort die Edelsteine des Königs und der Königin und wurde ein reicher Herr und da ließ er den Caspar nach Spanien kommen. Das ist sehr weit, meine Herren, und das Land ist sehr heiß, und da wollte er die Marion nicht mitnehmen, die noch ein ganz kleines Kind war und keine Mutter mehr hatte, und so blieb sie bei mir, und mein Bruder schickte immer Geld. Ja, meine Herren, er hat alles bezahlt, alles, was die Marion gelernt hat. Und die gute Madame Venloo verlor auch ihre Mutter früh, die war eine Spanierin, meine Herren, ja, eine Spanierin, und das sind sehr stolze Frauenzimmer. Aber die gute Madame Venloo ist nicht einmal eine halbe Spanierin; sie ist ganz der Vater. Nur die schwarze Farbe hat sie von der Mutter. Und jetzt ist es schon über ein Jahr, daß sie mit dem Caspar gekommen ist, und da hat sie dieses Haus gemiethet und uns alle dann zu sich genommen. Sie ist eine Heilige und hat eine große Traurigkeit in ihrem Gemüth. Und da kommt sie manchmal mit ihren kleinen Füßen zu mir herunter und sagt: ‚Meine gute, liebe Madame Denise,‘ ja, meine Herren, immer sagt sie: ‚meine gute, liebe Madame Denise – erzählen Sie mir eine von Ihren alten Geschichten, damit ich ein wenig lachen kann.‘“

Und jetzt erst holte sie Athem, die gute, liebe Madame Denise. Die blonde Marion, die wie auf Kohlen gestanden hatte, benützte die Pause und fragte, ob sie nicht etwa Madame Venloo einige Kleidungsstücke schicken solle. Henry sagte ihr, daß die ihrigen wohl trocknen würden, daß sie Schuhe von Ostende kommen lassen werde und bis dahin Holzschuhe trage.

„Holzschuhe!“ rief Madame Denise, „das zarte, feine Frauchen Holzschuhe! Siehst Du, Marion, sie ist gar nicht so stolz und gar nicht eitel, ich hab’ es immer gesagt, und sie hat doch viel kleinere Füße als Du!“

Marion versteckte schnell ihre Füße, und da sie gleich darauf mit einer geschickten Wendung aus dem Zimmer lief, gleich einem scheuen Hasen, so konnte ich nicht schnell genug erfahren, ob ihre Füße groß oder klein waren. Wir saßen noch eine Weile bei Madame Denise, welche die Schleuße ihrer unbeschreiblichen Beredsamkeit über uns ergoß. Wir erfuhren, natürlich ohne zu fragen, daß Madame Venloo einen spanischen hohen Beamten geheirathet habe, der vor zwei Jahren gestorben sei; daß sie eigentlich nicht Venloo, sondern Huesbar heiße, aber hier in Brüssel den Namen ihres Vaters führe. Der spanische Gesandte allein kenne ihren wahren Namen und sei auch der einzige Mensch, dessen Besuche sie annehme.

„Huesbar – wo habe ich nur diesen Namen schon gehört?“ sagte Henry, als wir in meine Stube traten.

„In Spanien vermuthlich,“ bemerkte ich.

„Ja wohl, in Spanien, allein es waren besondere Umstände damit verknüpft, deren ich mich nicht mehr erinnere.“

Am nächsten Morgen ging Henry zum Director des Observatoriums und brachte mir nach zwei Stunden die erfreuliche Nachricht, daß er nun mit einem nicht unbedeutenden Gehalte dem Observatorium angehöre. Mit dieser frohen Botschaft fuhr er nach Dinant zu seiner Mutter. „Vergiß nicht, an Mistreß Stephenson zu schreiben!“ sagte ich lächelnd, als er in den Postwagen stieg. Eine auffallende Blässe überzog sein Gesicht: „Wie habe ich dies bis jetzt vergessen können?“ rief er und fuhr mit der Hand über die Stirn, auf welche eine finstere Falte trat. „Es ist merkwürdig, ich habe im Sturm, im Augenblick des Todes nicht an Harriet gedacht. – O welch schlechtes Gedächtniß hat mein Herz!“

Mein Schatz, der wohnt in Engelland
Und schaut auf’s Meer hinaus
Und über das Meer in’s Niederland –

blies der Postillon. „Hörst Du, was er bläst?“ fragte Henry, mich mit Schrecken anblickend – und fort rollte der Wagen.

Drei Tage nach Henry’s Abreise kam Madame Venloo mit Caspar Raick in Brüssel an. Sie wußte nicht, daß ich ihr gegenüber wohnte; ich hatte es auch der mittheilsamen Madame Denise verschwiegen. Am Tage ihrer Ankunft waren die Erkerfenster weit geöffnet worden und hatten mir einen Einblick in das Zimmer gestattet. Ich sah, daß es außerordentlich groß und mit einem dunkeln, tiefrothen Stoffe tapezirt war.

Mit Hülfe einer Opernlunette entdeckte ich eine rothe Ampel, welche von dem mit großen, wahrscheinlich mythologischen Figuren bemalten Plafond an messingener Kette herabhing, die blaßgrünen Gardinen eines Himmelbettes und einen hohen weißen Marmorkamin, dessen tief herabgehendes Dach von Säulen gestützt wurde, an welchen ich eine guirlandenartige Vergoldung wahrnahm.

Hier also schlief Madame Venloo; hier träumte sie; hier hatte sie, am mittelalterlichen Heerde sitzend, die „tiefe Traurigkeit im Gemüth“.

Da ich Henry in den nächsten Tagen zurückerwartete, verschob ich meinen Besuch bei ihr bis nach seiner Ankunft.

Seine erste Frage an mich war: „Ist Madame Venloo angekommen?“ und seine zweite: „Ist ein Brief von Harriet für mich hier?“

Ich konnte ihm beide Fragen mit „Ja“ beantworten.

Er öffnete den Brief und sagte: „Welch sonderbare Handschrift!“ Dann las er schnell die zwei beschriebenen Seiten; sein Gesicht wurde roth, und er steckte das Blatt in seine Tasche.

„Hast Du gute Nachrichten?“

Er antwortete nicht.

„Was schreibt Mistreß Harriet?“

„Ich weiß es nicht.“

„Du weißt es nicht? Du hast ja soeben den Brief gelesen –“

„In dem Briefe steht nichts,“ sagte er kurz.

„Sie hat Dir doch kein leeres Blatt geschickt,“ fuhr ich unbarmherzig fort.

„O – willst Du die Ueberschrift sehen? Aber nur die Ueberschrift!“

Er nahm das Blatt aus seiner Tasche und gab es mir. Unter den großen, in einer Vignette ruhenden goldenen Buchstaben H und S standen die schläfrig geschriebenen Worte: „Mein lieber kleiner Master Flomberg!“

Ich mußte lachen.

„Du findest das wohl hübsch?“ fuhr mich Henry an.

„Ich hätte nicht gedacht, daß Mistreß Harriet so originell sein könnte,“ gab ich ihm zur Antwort; „was schreibt sie wegen unseres Schiffbruches?“

„Sie ist ‚verry happy‘, daß ich nicht ertrunken bin.“

Er setzte sich und stand wieder auf und setzte sich wieder; dann trat er an’s Fenster und lüftete ein wenig den Vorhang. „Findest Du nicht,“ sagte er, „daß die blaßgrünen Gardinen da drüben außerordentlich sympathisch sind?“

„Ja, sehr sympathisch.“

„Wann werden wir Madame Venloo unsern Besuch machen?“

„Sobald Du willst.“

[517] „Wenn wir heute Nachmittag hinübergingen?“

„Gut, gehen wir heute Nachmittag.“

Die Sonne warf einen goldenen Strahl, gleich einem Kometenschweif, über die breite, wunderschön geschnitzte Treppe des alten Hauses, als wir, von Caspar Raick geführt, zum ersten Stockwerk hinanstiegen.

„Die eigentliche Façade des Hauses,“ sagte er, „liegt dem Hofe zugewandt; auf dieser Seite liegen auch alle Zimmer, mit Ausnahme des Erkersaales, welcher ursprünglich die ganze Tiefe des Hauses einnahm und späterhin durch eine Holzwand in zwei Theile getheilt wurde.“

Caspar Raick hatte eine ruhige Art zu sprechen und sprach, im Gegensatze zu seiner Schwester, sehr wenig. Sein graublaues Auge war ehrlich und verständig und seine Haltung würdig und bescheiden. Das Grauen, welches mir die Erinnerung an ihn bisher in alle Nerven schüttete, verlor sich indeß nie ganz, und Caspar Raick und ich wurden nur kühle Freunde.

Wir traten in ein Vorzimmer und von da in einen mäßig großen Salon, dessen braune Ledertapete ein hohes Alter verrieth; die Goldsternchen, mit welchen sie besäet war, hatten nur noch einen matten Glanz. Gelblich-weiße, mit bunten Blumen durchwirkte schwere Vorhänge hingen zusammengezogen von den Fenstern nieder, welchen gegenüber ein Kamin von fleischfarbenem Marmor sich erhob. Zwischen den beiden hohen Fenstern hing, vom Boden bis zur Decke reichend, ein Spiegel, dessen Rahmen aus buntem, mosaikartig zusammengesetztem Glase bestand und sozusagen hunderte von farbigen Spiegeln enthielt. „Alles dies,“ sagte Caspar Raick, „gehört zum Hause; Alles ist sehr alt. Man sagt, nach Befreiung der Niederlande sei das Haus bis Anfang dieses Jahrhunderts im Besitze der brabantischen Familie Tourstenaert gewesen und, nachdem dieselbe ausgestorben, von einem reichen Tuchfabrikanten angekauft worden, dessen Familie es längst nicht mehr bewohnt, sondern vermiethet. Es ist ein wenig melancholisch, das Haus“ – er lächelte – „aber Madame Venloo liebt das.“

Henry deutete auf die zusammengezogenen Vorhänge, welche ein köstliches Halbdunkel, ähnlich einem schwachen Gewitterscheine, im Zimmer verbreiteten. „Madame Venloo liebt die Stimmungen,“ flüsterte er mir zu; „wie sehr ist diese Frau innerlich!“

Da trat sie durch eine hohe braune Thür herein und sagte, traurig lächelnd: „Geht es Ihnen auch wie mir? Ich träume jede Nacht von unserm Schiffbruche, und am Tage kommt mir die Thatsache selbst wie ein Traum vor.“

„Manchmal däucht sie auch mir ein Traum zu sein; in diesem Augenblicke aber habe ich die Gewißheit, daß sie wirklich ist,“ erwiderte Henry.

Sie bat uns, einen Jeden, ihr zu erzählen, was mit uns vom Zusammenstoße der Schiffe bis zum Verluste unseres Bewußtseins geschehen war und was wir gedacht und empfunden. Henry wußte nicht viel zu erzählen, da er gleich das Bewußtsein verloren hatte, und da ich ihr nicht sagen konnte, was ich wirklich gedacht und empfunden, so log ich mich in eine brutale, egoistische Angst für mein Leben hinein, die nichts weniger als einen günstigen Eindruck auf sie hervorbringen konnte.

„Nun will auch ich aufrichtig sein,“ sagte sie. „Mein erster Impuls war gut und tapfer; ich dachte nur an Caspar, der eine Tochter hat, während ich Niemanden habe, Niemanden, und da ich nicht wußte, was geschehen war, und dachte, Sie, mein gütiger Herr“ – sie wandte sich zu mir – „könnten wohl eine, aber nicht zwei Personen retten, so empfand ich gar kein Entsetzen, als das Wasser mich von Ihnen losriß. Wenn nur Caspar gerettet wird, dachte ich; dann kam ein Moment der Betäubung. Als er vorüber war, wunderte ich mich, daß ich noch lebte, und dachte: Caspar ist ertrunken, Du nicht – und es war mir recht, daß nicht ich ertrunken war. Jetzt machte das Schiff eine entsetzliche Bewegung, und ich glitt nach vorn in die Tiefe. Ich empfand die furchtbarste Todesangst; ich dachte an die Qual des Ertrinkens und schrie – ich schrie, bis ich das Bewußtsein verlor. So wenig heldenhaft, so ganz jämmerlich bin ich gestorben, meine Herren. Ich versichere Sie, daß ich vor mir selbst beschämt bin.“

Wir beruhigten sie einigermaßen über diesen Punkt. Natürlich sprachen wir bei diesem ersten Besuche kaum von etwas Anderem, als dem Schiffbruche. Ich bemerkte, daß ihre Augen weniger groß waren, als ich geglaubt, und daß die Wärme ihres Blickes diese Täuschung hervorbrachte, vielleicht auch die langen schwarzen Wimpern. Ihr Lächeln hatte einen ganz besondern Reiz; ihre kleinen weißen Zähne schimmerten feucht wie Kürbiskerne zwischen den sanften Lippen. Sie trug bei unserm ersten Besuche ein Kleid von damascirter Seide, welches vom Halse bis zur Fußspitze durch hellblaue Gazeschleifen geschlossen war. Ich habe Madame Venloo nie anders, als in einem schwarzen Kleide und dem großen weißen Kragen gesehen, welcher in den zwanziger Jahren Mode war. Niemals trug sie andern Schmuck, als die große Goldnadel, mit welcher sie ihre Flechten am Hinterkopfe, ganz der Mode zuwider, aufsteckte.

„Welch reizender Gedanke!“ sagte Henry auf der Straße zu mir, „welch reizender Gedanke, ein Kleid mit Schmetterlingen zu schließen!“

„Schmetterlingen? Ich bitte Dich, es waren keine Schmetterlinge, sondern Bandschleifen.“

Ungeduldig sagte er: „Als ob solch leichte Schleifen etwas anderes wären, als fixirte Schmetterlinge! Die Schleife ist keine Erfindung; sie ist eine Nachahmung; frage Madame Venloo, ob ich nicht Recht habe.“

„Madame Venloo wäre wohl sehr erstaunt, wenn ich sie danach fragte.“

„Erstaunt? Diese Frau versteht Alles, denn sie fühlt Alles. Ich bin überzeugt, daß sie an die Bewohntheit der Welten glaubt.“

„Das ist sehr möglich.“

„Nein, das ist gewiß,“ sagte er und blieb stehen.

„Was denkt Mistreß Stephenson darüber?“ frug ich.

Er warf mir einen scheuen Blick zu. „O, ich verstehe Dich,“ sagte er; „übrigens heirathet man eine Frau nicht, um mit ihr über Astronomie zu sprechen.“

„Das ist wahr, man macht sie im Gegentheil zu einem Stern und wird ihr Trabant, besonders, wenn man so ein lieber, kleiner Master Flomberg ist,“ sagte ich.




Henry hatte stets eine fast absurde Antipathie gegen das „am Fenster sitzen“ gehabt. Die Personen, welche diese Gewohnheit hatten, waren ihm in innerster Seele zuwider; er selbst setzte sich, auch wenn er las, in möglichst große Entfernung der Fenster, und diese waren stets so vollständig verhängt, daß auch nicht die leiseste Lücke zwischen den Vorhängen sichtbar war.

Aber nun! Wenn er zu mir kam – und er kam mehr denn einmal am Tage – war seine erste Bewegung, einen Stuhl an’s Fenster zu rücken, mit einem Papiermesser oder einem Zirkel die Mousselinvorhänge auseinander zu halten und sich genau so zu setzen, daß, wenn er vom Buche, in welchem er bei mir zu lesen pflegte, seitwärts sah, sein Auge durch die Lücke der Vorhänge auf den Erker treffen mußte. Ich beherbergte so zu sagen meinen Doppelgänger. –

„Ich habe Harriet geschrieben,“ sagte er eines Tages, „daß es mir unmöglich ist, in den nächsten vier Wochen eine Wohnung zu suchen und alle zur Verheirathung nöthigen Schritte zu thun. Ich habe sie um Geduld gebeten für zwei, für drei Monate. –“

Er kämpfte.

Wir gingen öfter zu Madame Venloo und brachten in ungezwungener Weise unvergeßliche Stunden bei ihr zu. Selten saßen wir im Salon, meist in einem großen, neben dem Salon liegenden Zimmer, welches die zweite Hälfte des Erkersaales war, was ich sogleich an dem gemalten Plafond und der den Fenstern entgegengesetzten, getäfelten Holzwand errieth. Die Fenster waren ungleich; in der Mitte befand sich ein breites, aus drei Flügeln bestehendes, und zur Seite je ein schmales, die einen maurischen Aufsatz hatten, in welchen farbiges Glas gefügt war. Taubengraue Seidenvorhänge drapirten Fenster und Thüren und milderten den Tag durch einen sanften Silberschimmer. Möbel von gleichem Stoffe standen regellos in dem großen Raume, dessen Mitte ein länglicher, geschnitzter Tisch von mattem Holze einnahm. In zwei der Ecken des Zimmers standen hohe Etageren, welche blühende Pflanzen trugen; an einer der Seitenwände erhoben sich zierliche geschnitzte Bücherschränke; [518] aus der andern trat ein hoher Mantel-Kamin von blaugrüner Fayence, an welchem sich gut träumen ließ. Madame Venloo liebte es zu träumen – dies sagten ihre Augen und ihre Zimmer.

Ein Clavier hatte dieses Boudoir nicht aufzuweisen. Madame Venloo spielte nicht Clavier. Eine Frau der damaligen Zeit konnte gebildet sein, ohne Clavier zu spielen. (Ich kenne mehrere Männer, welche die Männer der damaligen Zeit unendlich, ja mit Ingrimm beneiden.)

Madame Venloo spielte ein anderes Instrument, ein Instrument voll süßer Poesie: die spanische Mandoline, welche über einem Divan an der Wand hing, von einem purpurfarbigen Bande gehalten, das über dem Perlmuttergriff zu einer bauschigen Schleife geschlungen war. Weder Gemälde noch Kupferstiche, so sehr in der Mode damals, schmückten diese Zimmer. „Wenn ich ein Bild sehen will,“ sagte Madame Venloo, „so gehe ich in eine Bildergalerie; mir scheint, man sollte Kunstwerke nicht beständig vor sich haben; man gewöhnt sich so an sie, daß man sie zuletzt gar nicht mehr ansieht.“

In diesem Raume saßen Madame Venloo und ich und lauschten Henry’s Geigenspiel, das aus einer dämmerigen Ecke, welche sein Lieblingsplatz war, geheimnißvoll erklang. Gar bald bemerkte ich, daß mein schwarzer Stern seinen Doppelstern in Henry gefunden hatte. Der Strahl ihres Auges ruhte nicht nur unverwandt auf seinem Angesicht, das, wenn er spielte, wunderschön ward, er wurde magisch – er wuchs in sein Angesicht hinein. Und ihre Züge, ihre Haltung! Sie saß wie in sich geknickt, ihre Arme ruhten ausgestreckt auf den Armen des Sessels und an ihren herabhängenden Händen spreizten sich ihre Finger ein wenig wie unter einer ekstatischen Spannung. Ja, sie horchte nicht nur mit dem Ohr, sie horchte auch mit den Augen und mit dem Munde. Wenn er dann geendet hatte, so sprach sie lange kein einziges Wort. Zuweilen rief sie die blonde Marion; diese setzte sich dann mit ihrem Klöppelkissen zu uns und warf die Spulen mit unfaßlicher Geschwindigkeit und Sicherheit herüber und hinüber. Manchmal saß Caspar bei uns und sprach über die Kunst des Edelsteinschleifens; oder er knetete aus weichem Brod allerhand Thiere und Menschenköpfe. Zuweilen – und das waren die süßesten Stunden – nahm Madame Venloo die Mandoline von der Wand und begleitete sich darauf zum Gesange alter spanischer Romanzen. Das Wort „Gesang“ ist eigentlich hier nicht richtig, denn sie sang mit weniger als halber Stimme, aber dieser schüchterne Hauch einer Stimme war so angenehm, so sympathisch, so ausdrucksvoll, daß Henry’s Bemerkung, ihre Stimme sei eine „Offenbarung“, vollständig richtig war. Die spanische Mandoline, die kleine, welche nur mittlere und tiefe Saiten hat, besitzt einen weichen, dunkeln Ton voll süßester Melancholie, ähnlich dem der Viole d'amour. Wenn man eine oder zwei nebeneinander liegende Saiten längere Zeit leise und sehr schnell anschlägt, so entsteht ein eigenthümlicher Laut, welcher an das träumerische „ronron“ der Katze erinnert. Die Begleitung jeder Strophe einer Romanze fängt mit diesem sanften „ronron“ an, und es bleibt dem Geist und der Empfindung des Sängers überlassen, es nach dem Inhalt der Strophe zu verstärken und durch volle und gebrochene Accorde zu unterbrechen. Madame Venloo verstand es, der Begleitung reiche und charakteristische Nüancen zu geben. Beim Klang ihrer Stimme und der Mandoline vergaß man Ort und Zeit; man war nicht mehr in Brüssel oder Gent, man war in Sevilla und sah die Blüthe spanischer Ritterschaft auf geharnischten Rossen durch die Straßen ziehen; man stand im Mondschein vor einem Thurme zu Cordova und lauschte den Liebesklagen einer gefangenen Zuleima und sah am Gitter ihren weißen Schleier flattern; man stand im Löwenhofe der Alhambra, wo die Wasser plätschern, und hörte Schwerter klingen und sah im Auge der Maurin Blut und Thränen funkeln; man lehnte an einer Säule der Kathedrale zu Burgos und sah Donna Inez mit niedergeschlagenen Augen vor der großen Muttergottes knieen und die Achatkugeln ihres Rosenkranzes über die weißen Finger gleiten.

Nach solchen Abendstunden hatte ich mit meinem Herzen jedes Mal einen neuen Kampf zu bestehen. „Was kann ich dafür, daß du graue Haare hast?“ sagte es zu mir.

Henry überraschte mich eines Tages durch die Frage: „Hast Du Marion schon genau angesehen? Thue es! Sie gefällt mir nicht; sie hat einen lauernden Blick und einen alten Zug in ihrem jungen Gesicht, der ein Zeichen von wenig Güte ist.“

Es war mir nie eingefallen, Marion besonders anzusehen, allein ich hatte, wenn sie zugegen war, stets ein leises Unbehagen empfunden. Jetzt, nach Henry’s Bemerkung, fing ich an sie zu beabachten. Hundertmal sah sie während des Klöppelns von unten herauf nach Madame Venloo und nach Henry hinüber, schnell und unbemerkbar für Jeden, der sie nicht aufmerksam beobachtete. Ich begann absichtlich ein Gespräch mit ihr und fand, daß ihr hellblaues Auge einen kalten, harten Glanz hatte, ähnlich einem Eistropfen.

„Glauben Sie,“ sagte ich zu Madame Venloo, „daß Marion einen guten Charakter habe?“

„Nein, das glaube ich nicht,“ antwortete sie unbefangen. „Allein sie ist noch sehr jung; ich ziehe sie durch Güte vielleicht an mich heran. Sie ist sehr begabt, sehr lernbegierig, aber ziemlich gemüthlos. Indessen hoffe ich dennoch –“

„Ihr ein Herz zu geben? Das können Sie nicht,“ rief Henry.

„Sie nehmen es sehr ernsthaft,“ sagte Madame Venloo lächelnd.

„Wenn Sie wüßten, wie mir ihre Gegenwart das Gemüth einengt!“ klagte Henry.

„O – ist es möglich? Dann werde ich sie nur selten, nur ganz selten herauf rufen.“

Henry überließ sich seinem Herzen mit einer Unvorsichtigkeit, die mich beunruhigte. Ein Kind hätte errathen, daß er brannte; wie hätte Madame Venloo es nicht errathen sollen? Wenn wir bei ihr eintraten, strahlte sein Gesicht, und er hielt ihr, ganz gegen die Sitte, seine Hand hin, bis sie sie endlich ergriff, denn sie zögerte jedes Mal. Dann beugte er sich über diese weiße Hand, seine Lippen berührten sie kaum, aber länger, als es üblich ist. Und jedes Mal wandte sie sich dann erröthend zu mir und sagte: „Wie geht es Ihnen?“ Sie dachte offenbar nichts dabei, sie, die sonst nie eine alltägliche, gedankenlose Frage that. Dieses „Wie geht es Ihnen?“ war ein höflicher Hülferuf in ihrer Verlegenheit. Henry sprach ein wenig spanisch; wenn er nun im Gespräche einem Worte oder einem Satze besondern Nachdruck geben wollte, so gebrauchte er spanische Worte; er warf ihr diese Worte wie glühende Blumensträuße zu, und ich sah, daß ihr Duft sie berauschte. Zugleich aber bemerkte ich auch, daß die „große Traurigkeit in ihrem Gemüth“ mit Spanien im Zusammenhange stand. Sie selbst sprach nie von Spanien, und, wenn Henry es that, so wurde sie einsilbig und es trat ein Schatten auf ihre Stirn.

Ich fühlte, daß hier ein Geheimniß lag; ich war überzeugt, daß sie den Tod ihres Mannes nicht betrauerte.

Wenn wir sie verließen, verlor Henry, der sonst so gewandt war, alle Haltung. Es war, als wenn eine bleiche, kalte Finsterniß ihn jäh überfiele, wenn ich das Zeichen zum Aufbruche gab; seine Hände zitterten; die Sprache versagte ihm; er sagte Madame Venloo nur mit den Augen Adieu und ging wie ein Mensch, der Alles verloren hat, neben mir die Treppe hinab.

(Fortsetzung folgt.)




Aus der Berliner Künstlerwelt.


In Berlin entwickelte sich allmählich – in den letzten zwei Jahrzehnten – ein vielgestaltiges, vielköpfiges Künstlerleben, das kein Senat, kein akademischer Zopf in Fesseln schlug. Es ist bezeichnend, daß das künstlerische Leben der preußischen Hauptstadt seine Vielseitigkeit gerade zu einer Zeit gewonnen hat, wo die Kunst-Akademie ein Scheinleben fristete und demnach von keinem Einflusse auf die Entwickelung des Kunstlebens war. Die Akademie hat sich zwar seit zwei Jahren eine andere, Achtung fordernde Stellung erworben, aber der Zeitraum von zwei Jahren ist noch zu kurz, um – trotz der Lehrthätigkeit eines A. von Werner, Gussow, Hertel, Knille, F. Meyerheim, Thumann – von Einfluß auf die Bildung von Schülern zu sein.

[519] Jede akademische Kunstausstellung, die sich früher alle zwei Jahre wiederholte und nun alljährlich stattfinden soll, giebt uns ein getreues Abbild von dem bunten Treiben, dem respectabeln Können, dem gegenseitigen Wetteifer, der in der Berliner Künstlerrepublik herrscht, wie der Eine dem Andern seine Kunstgriffe ablauscht, um ihn gelegentlich zu übertrumpfen, wie Dieser sich eigensinnig abschließt und seine eigenen Wege wandelt und wie Jener im Stillen wächst und wächst, um dann urplötzlich Freunde wie Neider zu überraschen.

Die Gartenlaube (1877) b 519.jpg

Beim Antiquitätenhändler.
Nach der Werner’schen Federzeichnung aus dem Weiß’schen Album der Berliner Künstler.

Aber eine solche Kunstausstellung gewährt uns doch immerhin keinen Einblick in das intime Schaffen der Künstler. Sie gleicht einer künstlich arrangirten Gruppirung, zu deren Besichtigung das verehrungswürdige Publicum geladen ist. Rivalitäten und Gegnerschaften spielen da ihr Spiel. Jeder tritt auf den Plan in der bewußten Absicht, sein Bestes geben zu wollen. Auch in seinem Atelier trägt der Künstler nicht immer sein Hauskleid. Wer in das innerste Wesen eines Künstlers, in seine Geistesrichtung, in die Manier seines Schaffens eindringen, wer seine geistige Stufe kennen lernen will, der sehe sich in seinen Studien und Handzeichnungen um. Das weiß der Künstler selbst, und darum hütet er sie wie einen Schatz. Er läßt sich nicht gern in seine Karten gucken, und doch offenbart sich der Künstlergeist am reinsten und freiesten in diesen blitzartig hingeworfenen Gedanken. Wie viel geht auf dem langen Wege zwischen der ersten Studie und dem fertigen Gemälde verloren! Wenn erst die Reflexion dazwischen tritt und die ersten schöpferischen Gedanken feilt und glättet, dann bleibt selten mehr als ein blasses Abbild von der ursprünglichen Idee zurück. Nur wenigen großen Meistern war es vergönnt, den Weg vom Gedanken bis zur That mit Blitzesschnelle zurücklegen zu können, so lange der schaffende Funke noch glühte.

Handzeichnungen sind darum Leckerbissen für artistische Feinschmecker. An ihnen regelt sich das Urtheil über manchen Verkannten und Mißachteten, an ihnen erhebt sich das Gefühl der Hochachtung vor Dem und Jenem zur unbedingten Bewunderung. Selten nur glückt es dem Freunde der Kunst, einen Einblick in die Handzeichnungen eines lebenden Meisters zu erlangen, aber wohl noch niemals hat sich die Gelegenheit geboten, mit einem Blicke eine beträchtliche Anzahl hervorragende, moderne Künstler in ihren Handzeichnungen bewundern zu dürfen.

Ein seltener Anlaß hat den Freunden der Kunst diesen unverhofften Genuß verschafft. Die Berliner Künstlerschaft hat sich im Anfange dieses Jahres vereinigt, um einem verdienten Lehrer der Kunst, den widrige Umstände zwangen, seine umfassende, segensreiche Thätigkeit theilweise einschränken, als ein Zeichen ihrer Hochachtung und Dankbarkeit ein Ehrengeschenk zu stiften, der Geber wie des Empfängers in gleicher Weise würdig, ein Ehrengeschenk, das in seiner Art wohl einzig dastehen [520] dürfte. Jeder namhafte Künstler Berlins verpflichtete sich, von seinen Handzeichnungen eine herzugeben, und die also gesammelten wurden zu einem Album vereinigt, das dem würdigen Manne im Frühling dieses Jahres überreicht worden ist.

Dieser also geehrte Mann, der mit Stolz auf ein unvergleichliches Weihegeschenk sehen kann, ist Professor Hermann Weiß, der in den weitesten Kreisen bekannte Verfasser der „Costümkunde“. Seit fünfundzwanzig Jahren ist Professor Weiß thätig, in Berlin das Studium und die Liebe zur Kunst mit heißem Bemühen zu fördern. Er steht heute in der Mitte der Fünfziger. Bart und Haupthaar hat ihm die Sorge des Lebens längst gebleicht. Aber trotz schwerer Enttäuschungen ist seine erstaunliche Arbeitskraft noch heute ungeschwächt, leuchtet sein Geist noch in jugendlicher Frische auf.

Im Jahre 1822 geboren, machte er erst die schwere Lehre des Handwerks durch, bevor er sich der Kunst zuwendete. Er brachte vier Jahre im Atelier des Malers J. S. Otto zu und begab sich dann nach Düsseldorf, wo er sich der von Schadow beeinflußten, damals herrschenden Richtung anschloß. Aber schon bald nach dem Jahre 1850 vertauschte der rastlos vorwärts strebende Mann den Pinsel mit der Feder. Er war nach Berlin zurückgekehrt und dort in die Kreise begeisterter Kunstjünger eingeführt worden, die sich um die anregend und fördernd wirkenden Nestoren der Kunstwissenschaft, um Schnaase und Kugler, sammelten. Neben den ziemlich gleichaltrigen Eggers und Lübke vermehrte er zunächst im „Kunstblatt“ die Resultate einer längeren Kunstreise, die er durch Süddeutschland, Oesterreich und Frankreich unternommen. Kugler war es, der den jungen Kunstforscher zuerst auf das Gebiet der Culturgeschichte, speciell der Costümgeschichte, hinwies. Auf seinen Rath begann er um das Jahr 1855 ein „Handbuch der Costümkunde“ zunächst für Künstler zu schreiben, von dem die erste Abtheilung 1860 im Verlage von Ebner und Seubert erschien. Die Vollendung des umfassenden Werkes, welches im Ganzen eine rastlose Thätigkeit von siebenzehn Jahren in Anspruch nahm, fiel in das Jahr 1874. Die „Costümkunde“ ist ein Werk von epochemachender Bedeutung in der Geschichte unserer Kunst und Wissenschaft. Keine andere Nation kann ihm ein ähnliches an die Seite setzen. Die „Costümkunde“, welche die Geschichte des Costümes und des Geräths von den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1820 umfaßt, hat der heillosen Verwirrung ein Ende gemacht, welche bislang auf den Historienbildern unserer Maler herrschte. Kein ernst strebender Künstler konnte sich mehr den Forderungen der Costümwissenschaft entziehen; an die Stelle „malerischer“ Willkür trat fortan das strenge Studium, zu welchem die „Costümkunde“ von Hermann Weiß die Wege gewiesen. Das Werk ist noch über die Grenzen der bildenden Kunst hinaus von epochemachendem Einfluß gewesen. Der Herzog von Meiningen hat sich die tiefe Kennerschaft des Verfassers zu Nutze gemacht und ihn, gelegentlich eines Aufenthaltes am Meininger Hof, veranlaßt, jene mit bewunderungswürdiger archäologischer Treue hergestellten Costüme zu Shakespeares „Julius Cäsar“ zu entwerfen, die bei den späteren Triumphzügen der Meininger Hoftheatergesellschaft durch Deutschland die Aufmerksamkeit des gebildeten Publicums erregten und den ersten Anstoß zu einer gründlichen Regeneration des Bühnenwesens gaben. Auch die reichen venetianischen Costüme der Meininger sind nach der Anleitung des Professors Weiß gefertigt.

Für ein so verdienstvolles Wirken ist die Anerkennung nicht ausgeblieben. Im Jahre 1856 wurde Weiß zum Professor an der Berliner Kunstakademie ernannt, an welcher er bis auf den heutigen Tag als Lehrer der Costümgeschichte thätig ist. Im Jahre 1873 wurde er als einziger Preisrichter für die vervielfältigenden Künste von der deutschen Commission für die Weltausstellung nach Wien berufen. Eine stattliche Anzahl von Orden und Ehrenzeichen beweist die Anerkennung, die er für diese seine Thätigkeit und seine wissenschaftlichen Leistungen bei den Kaisern von Deutschland und Oesterreich und bei den deutschen Fürsten gefunden. Seit länger als fünfzehn Jahren war Professor Weiß an der Leitung des königlichen Kupferstichcabinets betheiligt, die er seit dem Tode Hotho’s bis zum Anfange dieses Jahres mit großem Geschick und ebenso großer Sachkenntniß selbstständig führte. Unter seiner Leitung hat das Cabinet sehr wesentliche Bereicherungen erfahren; er machte durch sorgfältige Ordnung, mit Hülfe seines treuen Mitarbeiters Wessely, die umfangreichen Sammlungen den Künstlern wie dem großen Publicum zugänglich, und darum gab sich in den literarischen und Künstlerkreisen Berlins eine allgemeine, fast demonstrative Theilnahme kund, als der verehrte Lehrer, der Macht der Verhältnisse weichend, im Anfange dieses Jahres aus der Leitung des Kupferstichcabinets schied.

Es ist hier nicht der Ort, die Motive dieses bedauerlichen Rücktritts weiter zu erörtern. Sie beanspruchen ein besonderes Capitel in der inneren Geschichte des Berliner Künstlerlebens, die ohnehin nicht reich an erfreulichen Seiten ist. Wir begnügen uns noch einmal auf das einmüthige Zusammenhalten der Berliner Künstlerschaft hinzuweisen, die ihrem Freund und Führer bei seinem Scheiden aus einer liebgewordenen Thätigkeit eine so sinnige Ovation dargebracht hat.

Wer da weiß, wie schwer sich ein Künstler von einer Handzeichnung, dem ureigensten Ausdrucke seines Wesens, trennt, der wird die gebotene Gabe ihrem vollen Werthe nach zu schätzen wissen. Das kostbare, aus dem Atelier von Vollgold und Sohn hervorgegangen Album, welches dem Professor Weiß Namens der Berliner Künstlerschaft durch August von Heyden am 15. April 1877 überreicht wurde, enthält achtzig Feder-, Kreide-, Stiftzeichnungen und Aquarelle, leichte Skizzen, Kinder des flüchtigen Augenblicks, und sorgfältig ausgeführte Blätter, denen das echte Genie den Stempel mühelosen Schaffens aufzuprägen wußte. Wer sich durch den Glanz eines berühmten Namens blenden läßt, der trifft da zuerst den Altmeister der Berliner Kunst, den knorrigen Naturalisten, den Maler des Preußenthums, Adolf Menzel, Ludwig Knaus, den berühmten Portraitisten der Wirklichkeit, der jüngst zum Erstaunen und zur Freude seiner unzähligen Verehrer die Madonna mit dem heiligen Kinde in die Grenzen der Endlichkeit bannte, der den menschlichen Kern aus der schimmernden Schale der Gottheit löste, Gustav Richter, den vornehmsten Bildnißmaler, den die Kunstgeschichte seit van Dyck kennt, C. Graef, den feinen Kenner der Seele, wie sie sich im menschlichen Angesicht spiegelt, August von Heyden, den schönheitsdurstigen Romantiker, W. Gentz, der es wie kein zweiter verstanden hat, dem nordischen Auge die Wunder des Orients in ihrer ganzen Farbenpracht zu vergegenwärtigen, Paul Meyerheim, den liebenswürdigen Thiermaler, C. Steffeck, den gewandten Sportsman auf der Leinwand, und H. Eschke, den ersten unserer Marinemaler, dessen Pinsel sich in flüssiges Gold zu tauchen scheint, wenn er die Reflexe des Sonnenlichts auf der Meeresfläche auf die Leinwand bannen will.

Da fehlt nicht der originelle Künstler, dessen kühner Naturalismus eine so nüchterne Stadt wie Berlin Monde lang völlig verblüfft hat, Karl Gussow, der Mann, der die Farbe mit derselben plastischen Kraft behandelt wie der Bildhauer den gefügigen Thon. Und hinter diesen Heroen der Kunst rückt als zweites Treffen eine stattliche Künstlercohorte heran, deren einzelne Glieder, mehr oder minder Virtuosen in ihrer Kunst, Specialitäten pflegen, welche ihren Namen zu gutem Klange verholfen haben: die Historienmaler C. Becker, Plockhorst, Spangenberg, die Genremaler Breitbach, Dielitz, Amberg, A. Schwartz, Brausewetter, F. Meyerheim, Ehrentraut, Lüben, Bennewitz von Löfen, der den heimathlichen Wäldern und Flüssen der Mark ihre eigenthümliche Poesie abgelauscht, und C. Scherres, der unübertreffliche Meister der Regenlandschaft. Auch die Bildhauer haben ihre Gaben beigesteuert: Afinger, Reinhold Begas, O. Geyer, J. Moser und Schaper.

Getreu dem Grundsatze seines Lebens, daß die Kunst das Gemeingut der Nation ist, daß die Kunst ihre erhabene Mission erst erfüllt, wenn sie alle Schichten des Volkes gleichmäßig durchdringt, hat Professor Weiß auf die Bitte des Unterzeichneten eine Perle seiner Sammlung den Lesern der „Gartenlaube“ mitgetheilt, welche in wohlgelungener Reproduction diesem Aufsatze beigegeben ist. Fritz Werner, der feinste Kenner des Rococo, der mit erstaunlicher Virtuosität die wundersame Welt des chinesischen Porcellans, des Reifrocks und der Puderfrisur aus Staub und Moder auferstehen heißt, ist der „deutsche Meissonnier“ genannt worden. Er trägt diesen Ehrennamen mit Recht; aber man thäte ihm Unrecht, wollte man ihn unter die Zahl der geschickten Nachahmer rechnen, die von erborgtem Glanze leben. Jeder seiner feinen, aber sicheren Pinselstriche verräth den geistvollen [521]

Meister, aus dessen Seele heraus sich die Gestalten der Vorzeit zu einem neuen Leben emporringen. Seine Figuren haben nichts Gemachtes, nichts künstlich Anempfundenes, sondern jenen frischen Puls des Lebens, der das Erbtheil des Genies ist. Die farbenglänzenden Interieurs, in denen seine Gestalten leben, verrathen nirgends ein mühsames archäologisches Studium, und in wie hohem Grade ihm ein feiner, liebenswürdiger Humor zu Gebote steht, zeigt die köstliche Gruppe auf unserem Bilde, die schwierige Unterhandlung zwischen dem reichen, vornehmen Kunstliebhaber und dem verschmitzten, verwachsenen Antiquitätenhändler, der sich achselzuckend die Hände reibt und mit verliebten Blicken auf den Nautilus, die kostbare Conchylie in den Händen des Amateurs schielt, von der er sich selber nur schwer zu trennen vermag.
A. Rbg.




Ein Jubilar des königlichen Spiels.


Wer in den Gärten des Leipziger Schützenhauses um die Mitte des Juli auf- und abspazierte, ehe noch die bunten Lichter des Abends aus den Bosquets und von den Triumphthoren leuchteten, und ehe noch um den Drachenthurm und hinter der Alhambra die Alpen zu glühen begannen: der erblickte in den Colonnaden und in den Gartennischen zahlreiche Gruppen, die sich meist schweigend hin und her bewegten, hier oder dort zu dichteren Massen sich sammelten, einander zuflüsterten mit bedeutsamer Zeichensprache oder weiter hinaus in’s Freie traten, um ihrem Herzen in lauterer Rede Luft machen zu können.

Kein Zweifel, man hatte es mit einer Gemeinde zu thun, die einen besonderen Cultus pflegte; unverkennbar war es, daß hier ein Geist der Andacht herrschte, zugleich eine Spannung und Aufregung, wie man sie bei frommen Gemeinden findet, die ganz aparter Offenbarungen gewärtig sind.

Wer näher hinzutrat, der hörte denn auch geheimnißvolle Worte und glaubte in den Zauberkreis einer Kabbala gerathen zu sein oder zu Buchstabengläubigen in des Wortes verwegenster Bedeutung; denn Zahlen und Buchstaben schwirrten durch die Luft: e2 bis e4, c7 bis c5, h2 bis h3; so flüsterte es hier und dort, dazwischen tönten frommklingende Wendungen, und Schriftgelehrte hörten andächtig zu, griffen plötzlich zum Bleistift und verzeichneten auf langen Rollen eine Zeichenschrift, aus Buchstaben, Zahlen, Kreuzen und Strichen bestehend, die den Unkundigen so räthselhaft gemahnte, wie die Hieroglyphen Aegyptens und selbst der neuesten und schönsten Papyrusrolle, des vielgenannten „Papyros Ebers“.

Theilte sich aber hier und dort die dichtzusammengedrängte Menge, so fiel der Blick auf tiefsinnig herabgeneigte Gesichter, die in so undurchdringliches Brüten verloren schienen, wie die indischen Brahmanen, welche das bedeutsame Wort „Qiü“ aussprachen.

Der alte Fabeldichter Lichtwer würde bei diesem Anblicke an seine Verse erinnert haben:

Wenn sie nicht sehen, hören, fühlen,
Mein Gott, was thun sie denn? Sie spielen!

Und er hätte des Räthsels Lösung gefunden.

In der That, es war die Gemeinde des königlichen Spiels, des Schachspiels, die sich in Leipzig zusammengefunden hatte, um das fünfzigjährige Jubiläum des berühmten Meisters, des Professors Anderssen, festlich zu begehen. Und wie man in den verschollenen Zeiten des Ritterthums zu festlicher Feier Turniere veranstaltete, so geschah es auch hier; die unblutigen und geräuschlosen Turniere des Schachs nahmen eine Woche lang ihren Fortgang; es bedurfte keiner Heilkünstler und Heilkräuter für die Verwundeten, und dennoch fühlte Mancher innerlich eine unsanfte Erschütterung, wenn er aus dem Sattel gehoben wurde.

Sie waren aus allen deutschen Landen herbeigeströmt, die Meister und Freunde des Schachs, um sich an der Feier zu betheiligen; auch aus Wien war einer der besten Spieler erschienen; die Rheinlande hatten tüchtige Kämpen gesendet, ebenso die Hauptstadt des deutschen Reiches und das benachbarte Elbflorenz; ja, aus London war Zuckertort, von dem ältesten Club der Erde, dem St. Georg-Club, abgesandt worden, um dem Professor Anderssen das Ehrendiplom zu überreichen. Die beiden Brüder Paulsen, von denen besonders Louis Paulsen einer der ausgezeichnetsten Matchspieler ist, betheiligten sich an dem Meisterturniere; kurz, es war die Blüthe der Ritterschaft des edlen Schachs versammelt, um dem ältesten Meister zu huldigen.

Adolf Anderssen ist kein Schachspieler von Profession; er ist in staatsbürgerlicher Hinsicht Professor, Lehrer der Mathematik und deutschen Sprache am Friedrichs-Gymnasium zu Breslau.

Schon früh zeigte er ein hervorragendes Talent für das Schach; der Verfasser dieser Zeilen hat mit ihm bereits im Jahre 1844 in den Räumen der sogenannten „Nova an der grünen Baumbrücke“ manche Lanze gebrochen; schon damals galt Anderssen für ein Phänomen des Schachspiels. Es war die Zeit der jungen Berühmtheiten, eine zukunftsvolle Zeit. In dem einen Zimmer spielte man mit Anderssen Schach; in dem andern debattirte man über philosophische Fragen mit dem jungen Ferdinand Lassalle, der damals ebenfalls schon für einen ausgezeichneten Kopf galt und im Fangspiele der Begriffe eine seltene Gewandtheit besaß.

Anderssen’s Weltruhm als Schachspieler datirt von dem großen Londoner Turniere im Jahre 1851, auf welchem er nicht nur namhafte Spieler, wie Kinseritzky und Spun, besiegte, sondern auch den berühmtesten englischen Schachmeister Staunton aus dem Sattel hob. Bei dem zweiten englischen Turniere im Jahre 1862 gewann er wiederum den ersten Preis. Dagegen war er im Wettkampfe mit dem Amerikaner Morphy in Paris 1858 unterlegen und hatte gerade dadurch wesentlich dazu beigetragen, dem Rufe des nordamerikanischen Weltwunders eine glänzende Folie zu geben. Ohne jene thörichte Eitelkeit, welche einmal gewonnenen Ruhm ängstlich zu bewahren sucht, ist Anderssen, im Vertrauen auf seine Kraft, die durch einzelne Unfälle nicht geschädigt werden kann, stets von Neuem bei zahlreichen Wettkämpfen erschienen, sowie er immer bereit ist, mit Großen und Geringen zu spielen; jede falsche Vornehmheit ist ihm fremd, und zahlreich sind die Preise, die er bei kleineren Turnieren davon getragen hat. Vor dem Pariser Wettkampf war Anderssen etwas aus der Uebung; sagt er doch selbst: „Die Schachmeisterschaft läßt sich nicht gleich einem Kleinode im Glasschränkchen aufbewahren, um sie zur Nothzeit bei der Hand zu haben, sondern sie kann nur durch stete gediegene Uebung conservirt werden.“

Doch selbst in jenen Partieen mit Morphy haben die feinsten Kenner des Schachspiels bei Anderssen die Ueberlegenheit genialen Spiels, eines ungewöhnlichen Tief- und Scharfblickes anerkannt, während der Amerikaner dagegen Sieger blieb durch die nie wankende Festigkeit seiner Ueberlegungen, die seltenste Ruhe in den schwierigsten Situationen, welche nie ein offenbares Versehen macht. Von solchen Versehen, ja selbst von Fingerfehlern ist Anderssen’s Spiel nicht ganz frei gewesen, namentlich in Paris, wo die Fremdartigkeit der Umgebungen den Sinn des deutschen Gastes zerstreuen mußte. Für das praktische Spiel waren die Vorzüge Morphy’s entscheidender und warfen das ausschlaggebende Gewicht in die Wagschale von Gewinn und Verlust; für die Fortschritte des Schachspiels selbst waren auch Anderssen’s Verlustpartieen lehrreicher, wie dies erst neuerdings in einem schmeichelhaften Schreiben der große Theoretiker, Heydebrandt von der Lasa, der deutsche Gesandte in Kopenhagen, ausdrücklich, anerkannt hat.

Mancher Leser und manche Leserin wird vielleicht verwundert fragen, wie man von einem Spiel so viel Wesens machen kann, zu welchem ein einfaches Brett und eine Schachtel voll Figuren die einzigen Requisiten sind. Ja, der geheimnißvolle Türke in der Schachmaschine, der übt eine besondere Anziehungskraft aus. Freilich nur das Geheimniß der Maschinerie, das Spiel selbst erscheint dabei als gleichgültig. Die Schachmaschine ließ erst den Congreß vorübergehen, ehe sie im Leipziger Schützenhaus ihren Einzug hielt; sie betheiligte sich nicht an den Schachturnieren; die Chronik ihrer Siege wäre sonst in bedenklicher Weise durchlöchert worden.

Gewiß, es sind einfache Mittel, deren sich das Schach zur Erreichung seiner Ziele bedient; aber wie einfach sind die vier Saiten einer Violine, wie einfach ist die Claviatur eines Pianoforte und welche Welt von Tönen und Empfindungen weiß [522] die Hand des Meisters ihr zu entlocken! Wie wenige Buchstaben hat das Alphabet und welche Welt von Wörtern und Gedanken entsteht aus ihren Zusammensetzungen!

So ist es auch mit dem Schachspiel! Die Figur wird zum Zeichen herabgesetzt für die Combinationen des menschlichen Scharfsinns, der auf diesem Brette immer neue Triumphe feiert; ja, dies schlichte Holzbrett verwandelt sich in einen Zauberspiegel, der mit magischer Kraft die Bilder der geistigen Physiognomien und Eigenschaften zurückstrahlt. Da sehen wir im Spiele sich abspiegeln den dumpfen, beschränkten Sinn, der am Hergebrachten hängt und augenblicklich festen Boden verliert, wenn der Gang des Spieles eine ungewöhnliche Wendung nimmt; da sehen wir die Aengstlichkeit, welche nichts zu opfern wagt, um zu gewinnen, sondern krampfhaft ihren Schatz zu wahren sucht, gerade in solcher Weise aber ihn verliert; da sehen wir den sicheren Ueberblick und die unerschütterliche Ruhe, die alle Folgen stets erwägt; dort wieder den kühnen Angriffsmuth, der rücksichtslos vorgeht und durch Ueberraschungen zu wirken sucht; endlich die geniale Combination des Meisters, die gänzlich Unvorhergesehenes mit plötzlicher Inspiration durchführt und deren Schwung von der Schwierigkeit der Verwicklungen beflügelt wird, wie der Schwung eines echten Dichtertalentes von den Schwierigkeiten des Metrums und der geforderten Reimfolge der Strophen.

Ja, wer die großen Mittel und großen Zwecke des Krieges für einen Vergleich zwischen der Strategie der Schlachtfelder und der Schachfelder nicht mitbeachtet, sondern nur die Bedeutung der geistigen Thätigkeit, nur allein des combinirenden Scharfsinnes, auf beiden Gebieten des Kampfes, in Anschlag bringt: der muß zugeben, daß sich hier die Wage zu Gunsten des Schachspielers neigt. Ein tapferer General wirkt freilich auch noch durch die moralische Macht und steht mitten im Schlachtenfeuer; aber mit seinen Divisionen und Brigaden, mit seinen kühnsten Märschen und Flankenangriffen kann er nicht entfernt jenen Reichthum an scharfsinnigen Varianten erschöpfen, welcher sich dem genialen Feldherrnblicke des Schachspielers erschließt, wenn er seine so verschiedenartig wirkenden Kräfte in’s Feuer führt.

Es ist eine Freude, dem Spiele Anderssen’s zuzusehen: nichts von Aengstlichkeit, von vibrirender Unruhe; aber auch nichts von jener krampfhaften Anstrengung, mit welcher manche Spieler ihr Gesicht, mit Ausnahme der Augen, in ihren Händen vergraben und den Kopf auf ihre beiden Arme stützen; man sieht nur eine seine geistige Arbeit auf seinen Zügen spielen. Seine Einleitungen sind alle correct und sicher, folgen der Ueberlieferung, den jüngsten Resultaten der Forschung, halten sich aber von Improvisationen frei. In der Mitte des Spieles, wo ein reicher Schatz leichter oder schwerer zu erhaschender Möglichkeiten sich dem Spieler zu erschließen scheint, ist Anderssen’s Spiel am genialsten; wohl aber kann es hier vorkommen, daß eine überraschende und glänzende Variante, nicht bis in alle ihre Folgen durchgedacht, daß ein vielwagender Angriffszug den Meister mehr verlockt als eine ruhigere Entwickelung und daß er so, einem hervorragenden Schachspieler gegenüber, in den Nachtheil kommt. Die Schlußspiele dagegen weiß er mit unüberwindlicher Correctheit durchzuführen und oft selbst ein früheres Versehen durch die überlegene Feinheit, mit der er diese Filigranarbeit des Spieles ausführt, wieder gut zu machen.

Ein Meisterturnier, ein Hauptturnier und mehrere Nebenturniere waren zur Jubelfeier veranstaltet, sodaß Spieler von verschiedener Stärke ihr Glück versuchen und die gleich starken um den Preis kämpfen konnten. Bei dem großen Festessen im Trianonsaal des Schützenhauses wurde Anderssen ein Ehrengeschenk übergeben, bestehend in einer Ehrensäule, auf welcher oben der beschwingte Genius des Schachspiels steht, in der einen Hand den Kranz, in der andern ein Schachbret haltend, während auf dem Postament die Widmung und die Chronik der Siege eingeschrieben sind, welche der Meister davongetragen hat. Das Festessen hatte indeß noch ein glänzenderes Resultat, als sonst mit solchen epikuräischen und rhetorischen Freuden verbunden zu sein pflegt; es wurde in lebhaften Berathungen und Debatten die Gründung eines deutschen Schachbundes beschlossen, mit wechselndem Vorort und ein- oder zweijährigen Zusammenkünften. Bis jetzt bestehen gesonderte Schachbunde, ein westdeutscher, ein süddeutscher, ein mitteldeutscher: die Vereinigung aller zu einer großen Gemeinschaft, die unter dem Zeichen des Jubilars Anderssen sich vollzog, ist im Kleinen ein erfreulicher Triumph deutscher Einigkeit.

So feierten die deutschen Schachspieler in dem Meister zugleich das Spiel selbst, das dem Ernst so nahe liegt, sich aber von ihm durch seine ganz selbstgenügsam-geistige Arbeit und jene höhere Zwecklosigkeit unterscheidet, welche ja auch den Werken der schönen Kunst eigen ist.

Bei der Festtafel, welche durch manche sinnige ernste und heitere Reden gehoben wurde, und bei welcher Dr. Max Lange, mit Heydebrandt von der Lasa der größte deutsche Theoretiker des Schachs, eine hervorragende Rolle spielte, während Anderssen selbst mit gewohnter Bescheidenheit die Huldigungen der Schachgenossen entgegennahm, leitete der Unterzeichnete als Vorsitzender die Ueberreichung der Ehrensäule zur Feier des Jubilars mit einigen Versen ein, die bereits durch Leipziger Blätter bekannt geworden sind.

Rudolf Gottschall.


Ein überschätzter Feind.

Das Neue wird gewöhnlich in seinen Eigenschaften überschätzt. Von der Cholera glaubte man in der Zeit, als sie zuerst in Europa auftrat, daß sie den größten Theil der Menschheit dahinraffen und eine Entvölkerung zur Folge haben würde. Die Kartoffelkrankheit, welche durch den Pilz Peronospora infestans veranlaßt wird, sollte den Anbau der Kartoffelpflanze für die Zukunft unmöglich oder doch mindestens unrentabel machen. Aber weder die Gerüchte über die Cholera, noch die über den Kartoffelpilz haben sich als wahr bestätigt. Derartige Beispiele ließen sich noch viele anführen. Seit dem vorigen Monate nun ist es der Kartoffelkäfer, auch Coloradokäfer (Chrysomela [Doryphora] decimlineata) genannt, welcher in seinem Thun und Treiben überschätzt und gewissermaßen beleidigt worden ist. Ueberall, wohin man hört, wird er als ein Wesen beschrieben, das den Kartoffelbau gänzlich unsicher mache, in allen Zeitungen und Dorfanzeigern finden sich Notizen über seine große Gefährlichkeit für die Landwirthschaft. Kurzum, der Kartoffelkäfer wird als geschworener Feind der Kartoffelpflanze hingestellt. Wie viel Wahres und Falsches an dieser Ansicht über den Kartoffelkäfer ist, das zu untersuchen, haben wir zum Gegenstand der nachfolgenden Darstellung gewählt. Zunächst möge ein kurzer Ueberblick über die Geschichte des Kerfs folgen.

Die ersten Nachrichten von dem Kartoffelkäfer stammen aus dem Jahre 1825. Man fand ihn damals in der Gegend des Felsengebirges (Rocky Mountains) in Nord-Amerika auf einer wildwachsenden Pflanze, welche, wie die Kartoffelpflanze, zu der Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae) gehört. In der Zeit, als man sich in dieser Gegend ansiedelte und den Kartoffelbau hier einführte, verließ der Käfer seine frühere Nährpflanze und bevorzugte nunmehr die Kartoffelblätter. Diese Vergrößerung der Nahrungsquelle hatte natürlich seine stärkere Vermehrung zur Folge, und es wurde das Insect laut amerikanischen Berichten zur allgemeinen Landplage, indem es sich nach allen Himmelsrichtungen verbreitete. Die ersten Klagen über die Schädlichkeit dieses Kerfes gingen vom Staate Nebraska aus (1859). Zwei Jahre darauf überschritt er den Fluß Missouri und schädigte die Kartoffelfelder von Iowa. Von hier wanderte er über den Fluß Mississippi (1866) und vernichtete die Kartoffelculturen in Wisconsin, Illinois und Kentucky. Einige Jahre später (1870) schwärmte er, theilweise durch Nahrungsmangel dazu getrieben, über den mächtigen Michigansee und verbreitete sich rasch in Indiana, Michigan und Ohio. Im nächsten Jahre bemerkte man ihn schon in Canada, Pennsylvanien und New-York, wenn auch nicht in so großen Schaaren, wie er in den anderen Staaten aufgetreten war. Der Kartoffelkäfer lebt in cultivirten Gegenden zwar vorzugsweise auf der Kartoffelpflanze, deren Blätter ihm und seinen Larven zur Nahrung dienen. Doch frißt er auch noch an einigen anderen Pflanzen. So hat man ihn und seine Larven noch auf verwandten [523] Nachtschattengewächsen gefunden, von denen besonders der schwarze Nachtschatten (Solanum nigrum) zu erwähnen ist, ferner auf Disteln (Carduus paluster und lanceolatus), Gänsefußarten (Chenopodium hybridum und album), Knöterich (Polygonum hydropiper) und auf Ackersenf (Sinapis arvensis).

Der Käfer gehört zur Familie der Blattkäfer (Chrysomelina) und hat als solcher viergliedrige Füße. Er erreicht die Länge von elf bis vierzehn Millimeter und die Breite von sieben Millimeter. Die kurzen Fühler, welche in der Nähe der Augen eingelenkt sind, endigen mit einer fünfgliedrigen schwarzen Keule. Sehr charakteristisch sind die zehn schwarzen Längsstreifen (daher die Bezeichnung decimlineata, sowie die schwarze Naht auf den hellgelben Flügeldecken. Die rothgelbe Stirn zeigt einen herzförmigen schwarzen Fleck. Am rothgelben Halschild finden sich außer dem schwarzen Vorder- und Hinterrand noch elf schwarze Punkte. Der Körper ist halbkreisförmig gewölbt, von rothgelber Grundfarbe, unbehaart und wenig glänzend. Die Bauchseite zeigt viele schwarze Punkte. – Die birnförmigen Larven sind in ganz jugendlichem Zustande dunkelroth, mit dem Alter nehmen sie eine hellrothe oder rothgelbe Farbe an. Die Larven werden durchschnittlich elf bis zwölf Millimeter lang und bis sechs Millimeter breit. Als die hauptsächlichsten Kennzeichen sind zu nennen: schwarzer Kopf, schwarzer Hinterrand des ersten Leibesringes, schwarze Beine und zwei Längsreihen rundlicher, warzenartiger Erhöhungen von schwärzlicher Färbung an den Seiten des Körpers. Die Larve ist ebenso wenig wie der Käfer dem Verwechseln mit anderen deutschen Insecten ausgesetzt. Wer den Käfer einmal gesehen hat, der wird ihn nie verkennen.

Einem Freunde, welcher vor einigen Jahren Gelegenheit hatte, den Kartoffelkäfer in Michigan und Ohio zu beobachten, verdanke ich über ihn folgende mündliche Mittheilungen. Der Kartoffelkäfer kommt Ende April, Anfangs Mai, und je nach Umständen auch erst Mitte Mai aus der Erde zum Vorscheine, gewöhnlich in der Zeit, in welcher seine Lieblingsnahrung, die Kartoffelpflanze, die ersten Blätter getrieben hat. In den nächsten warmen Tagen findet die Begattung statt. Bald darauf legt das Weibchen seine Eier,[1] welche von orangegelber Farbe sind, in rundlichen Klumpen von zehn bis fünfzehn Stück an die Unterseite der Kartoffelblätter. Nach Verlauf von sechs bis neun Tagen schlüpfen die Larven aus den Eiern heraus und sind, nachdem sie sechszehn bis zwanzig Tage von den Kartoffelblättern gefressen haben, zur Verpuppung reif. Die Verpuppung findet in der Erde statt. Nach weiteren zehn bis vierzehn Tagen kriechen die Käfer aus, begatten sich schon in den nächsten Tagen und legen Eier; so können in einem günstigen Sommer drei Generationen erzeugt werden.

Die letzte Generation verbirgt sich gegen die Winterkälte in der Erde und fällt in den sogenannten Winterschlaf, welcher bis zu den ersten warmen Frühlingstagen dauert. Die Larven, sowie der Käfer fressen das Parenchym der Kartoffelblätter von innen, nicht vom Rande her beginnend, und lassen gewöhnlich die größeren Rippen unberührt, sodaß ein mittelmäßig präparirtes Blattskelet übrig bleibt. Der Käfer fliegt selten.[2] Auf seinen Wanderungen läßt er sich am liebsten vom Wasser in die neue Heimath tragen. So sah mein Freund z. B. unzählige Mengen nach der etwa vier bis fünf deutsche Meilen von dem Ufer des Eriesees gelegenen Insel North Baff Island schwimmen. Der Käfer schwimmt wohl weniger, als daß er sich den Wellen anvertraut. Als Vertilgungsmittel wurden in Anwendung gebracht das Sammeln und das Abschütteln der Käfer und Larven. Die durch das Abschütteln auf die Erde gefallenen Thiere sollten durch die warme Erde so abgeschwächt werden, daß sie nicht mehr im Stande wären, den Kartoffelberg hinan zu klimmen. Beide Methoden waren aber ohne wesentlichen Erfolg.

Seitdem der Kartoffelkäfer auch die Küsten des atlantischen Oceans zu seinem Wohnsitz aufgesucht, hat man in Europa eine gewisse Furcht vor seiner Einschleppung durch den Schiffsverkehr, und deshalb sind seit jener Zeit die verschiedensten Maßregeln seitens der Regierungen gegen ihn getroffen worden. Es dürfen z. B. keine Kartoffeln aus Amerika nach Deutschland eingeführt werden, alle von Amerika kommenden, irgendwie auf Käfer, Larven und Eier verdächtigen Sachen werden genau untersucht, Küchenabfälle müssen vor der Landung der Schiffe in den deutschen Häfen vernichtet werden. Diese Bestimmungen genügten, um den Kartoffelfeind von Deutschland fern zu halten. Wenn dann und wann Gerüchte über das Vorkommen des Kartoffelkäfers in Deutschland durch die Zeitungen liefen, so waren dieselben doch keineswegs beglaubigt. Daß aber der Käfer trotz aller dieser Vorsichtsmaßregeln dennoch vor Kurzem nach Deutschland eingeschleppt wurde, kann uns nicht wundern, wenn wir bedenken, auf wie verschiedene Art und Weise ein solcher Kerf sich verbreiten kann. Er ist im Juni dieses Jahres in Mülheim bei Köln auf Kartoffelpflanzen gefunden worden. Um seine Verbreitung in Deutschland zu verhüten, wurde sofort vom preußischen landwirthschaftlichen Ministerium der bekannte Fachmann Professor Dr. Gerstäcker beauftragt, die nöthigen Maßregeln zur Vertilgung des Kerfs in Mülheim zu treffen. Laut den neuesten Berichten soll seine Vernichtung ausgezeichnet gelungen sein.

Verfasser ist aber durchaus nicht der Meinung, daß der Kartoffelkäfer ein so gefährlicher Gast ist, als er verschrieen wird. Die Nachrichten aus Amerika sind größtentheils als übertrieben anzusehen, außerdem scheinen die Bedingungen für die Entwickelung des Insects dort günstiger zu sein, als in Deutschland. Einige Beispiele als Beleg für letztere Vermuthung finden sich am Ende dieses Aufsatzes. Daß Jahre kommen können, welche die Vermehrung des Kerfs außerordentlich begünstigen, und er dann, wenn er in ungeheuren Schaaren auftritt, den Kartoffelfeldern schädlich wird, muß allerdings zugegeben werden, doch dürfte zu bezweifeln sein, daß er alljährlich oder etwa ein Jahr um das andere Jahr, oder alle drei bis vier Jahre solche Verwüstungen anrichten würde, daß die Einschleppung des Käfers nach Deutschland gleichbedeutend ware mit dem gänzlichen Ruin der deutschen Kartoffelcultur,[3] auf welcher in vielen Gegenden theils die Landwirthschaft, theils und hauptsächlich die Ernährung eines großen Theils der Bevölkerung beruht. Daß dem nicht so sein dürfte, mögen die folgenden Zeilen zeigen.

Die Vermehrung des Käfers kann, wie wir vorhin gesehen, eine ungeheure sein. Jedoch haben solche Berechnungen, wie sie in verschiedenen Zeitschriften ausgestellt worden sind, um die Gefährlichkeit des Insects so recht in den schwärzesten Farben darzustellen, durchaus keinen praktischen Werth. So findet sich in einem Artikel, welcher durch das königlich preußische Ministerium für die landwirthschaftlichen Angelegenheiten bekannt gemacht worden ist, folgende Berechnung: „Haben im Mai auch nur hundert Weibchen auf ein Kartoffelfeld ihre Eier abgesetzt, so würde ihre Nachkommenschaft bereits in diesem Monat sich auf 70,000 bis 120,000 Stück belaufen,[4] von denen unter günstigen Umständen im Juni und Juli eine Anzahl von 24 bis 72 Millionen entstehen könnte, was dann für die dritte in den August fallende Entwickelung schon ganz unzählbare Massen von Thieren ergeben würde.“

Die Wirklichkeit bleibt aber himmelweit von dieser theoretischen Zahlenspielerei entfernt. Wurde die bloße Möglichkeit der Vermehrung in der Natur zur Wirklichkeit, so bestünde in gar nicht langer Zeit das ganze organische Reich der Erde vorwiegend aus Kartoffelkäfern. Es sei uns erlaubt, hier einige interessante Beispiele über die theoretische Möglichkeit der Vermehrung einiger anderer Thiere anzuknüpfen. Nach Réaumür’s Berechnung kann sich die Nachkommenschaft eines einzigen Blattlausweibchens im Laufe eines Sommers auf nahe an sechstausend Millionen steigern. Wenn von den mehreren Millionen Eiern, welche [524] ein Stör im Laufe eines Jahres producirt, sich auch nur eine Million zu weiblichen entwickelte, so würde doch nicht einmal die zweite Generation als ganz kleine Fische Platz neben einander auf der Erdoberfläche haben; die vierte Generation würde so viel Caviar liefern, als das Volumen der Erde ausmacht. Die graue Fleischfliege erzeugt in kurzer Zeit gegen zweitausend Maden, welche bei reichlicher Nahrung in vierundzwanzig Stunden zweihundertfach an Gewicht zunehmen und in fünf Tagen ausgewachsen sind, daher man mit Linné sagen kann, daß schon wenige Individuen ebenso schnell, wie ein Löwe, ein Pferd auffressen können.

Ein Beispiel dieser Art möge noch folgen. Eine Kiefern-Blattwespe, welche jährlich einmal hundert Eier legt, kann, wenn die Hälfte der Eier Weibchen liefert und keins davon zu Grunde ging, schon in zehn Jahren eine Nachkommenschaft von 200,000 Billionen Afterraupen haben, welche in einem Jahre alle Kiefernwaldungen Deutschlands zerstören könnten. Glücklicher Weise aber verwirklichen diese Möglichkeiten sich in der Natur nie. Es kann das eine oder das andere Thier durch besonders günstige Umstände auf kurze Zeit einmal das Uebergewicht erreichen, aber sofort wird es durch die verschiedensten Gegenkräfte der Natur wieder beseitigt. Der Vermehrung der Organismen sind Grenzen verschiedener Art gesetzt. Selten wird die Grenze der nothwendigen Nahrungsmittel erreicht. Die Vermehrung findet schon weit vor derselben durch andere Vertilgungsfactoren, z. B. Witterung und Feinde, eine Grenze, welche nur in den seltensten Fällen überschritten werden kann. Außerdem kommt noch der Umstand in Betracht, daß viele Keime überhaupt nicht entwickelungsfähig sind.

Jaeger beobachtete z. B. mehrere tausend Forellen in ihrer Entwickelung und kam zu folgendem Resultat: „Es war schon ein beträchtlicher Unterschied in den Eiern wahrzunehmen. Einige waren schön orangeroth, andere blaßgelb, andere grünlich. Die orangerothen lieferten die kräftigsten Fische, die grünlichen minder gute, und die blaßgelben waren häufig taub. Ein Theil dieser Eier konnte gar nicht befruchtet werden und starb schon vor der Befruchtung ab; ein anderer Theil starb, nachdem die Dotterfurchung durchlaufen war. Dann trat eine große Sterblichkeit ein, als in dem Ei die Augen des jungen Thieres zu sehen waren. Endlich entwickelten sich noch viele Monstra, die sehr bald zu Grunde gehen mußten.“

Es ist nun ferner ein Naturgesetz, daß mit der starken Vermehrung eines Thieres eine rasche Vermehrung seiner natürlichen Feinde Hand in Hand geht. Die Vermehrung der Organismen wächst, wie die Unterhaltsmittel wachsen, abgesehen von den anderen Verfolgungsfactoren. Wir wollen nur daran erinnern, daß nach Jahrgängen, in welchen die Kohlraupen in ungeheuerer Anzahl auftraten und großen Schaden verursacht hatten, sie oft wie verschwunden waren. Gewöhnlich ist man dann bald mit der Erklärung fertig, daß das Wetter dem Ungeziefer nicht günstig war.

Wir bezweifeln gewiß nicht, daß die Witterung oftmals sehr unter den Insecten aufräumt. Wir lernten ja vorhin die Witterung als einen Vertilgungsfactor kennen. Nasses und kaltes Wetter tödtet z. B. alle Kohlraupen im jüngern Alter. In sehr vielen Fällen liegt aber die Ursache darin, daß sich mit den Kohlraupen auch deren Feinde stark vermehrt haben, welche nun den Vernichtungskrieg beginnen. Als Beleg dafür diene folgende Beobachtung: In den Jahren 1875 und 1876 war der Kohlweißling (Pieris brassicae) in den Elbmarschen Hannovers so häufig, daß die Hausfrauen, trotz allen Fleißes, den für den Mittagstisch so angenehmen Kohlkopf nicht vor seinen Raupen schützen konnten. In diesem Jahre sind sie nun plötzlich verschwunden. Gewiß wird Manchem im vorigen Herbste aufgefallen sein, daß die fast erwachsenen Raupen krank und schlaff auf den Kohlblättern saßen. Schlitzte man einer solchen kranken Raupe, welche man vorher in Spiritus getödtet hatte, mit einem spitzen Messer die Bauchwand auf, so fand man im Innern viele Schmarotzer, die den Käsemaden ähneln. Diese Schmarotzer sind die Larven von Schlupfwespen; sie bedingen stets den Tod der Raupe. In Amerika machte man die Beobachtung, daß in drei bis vier Jahren der Schaden der Hessenfliege (Cecidomyia destructor) wuchs, dann aber plötzlich nachließ, weil ihre Feinde sie bewältigt hatten. Jeder, der sich gern mit der belebten Natur beschäftigt, hat häufig genug Gelegenheit zu beobachten, daß nach dem dritten Jahre, in welchem die Vermehrung der Kerfe die höchste Stufe erreicht hatte, ein so plötzliches Verschwinden derselben eintritt, daß es im vierten Jahre kaum gelingt, an den Orten auch nur einen einzigen zu finden, wo man das Jahr vorher bei jedem Schritte auf sie trat. Wir selbst, „die Herren der Erde“, stehen den kleinen Insecten kraftlos gegenüber, wir sind nicht im Stande, es im Kampfe mit jenen Hauptfeinden unserer Culturpflanzen aufzunehmen. Die Natur selbst aber besitzt Mittel mancherlei Art, Insectenschäden vorzubeugen und abzuhelfen, wie wir gesehen haben.

Aus diesen kurzen Bemerkungen ergiebt sich deutlich genug, wie weit solche Möglichkeitsberechnungen von der Wirklichkeit entfernt bleiben. Tausendfache Gefahren bedrohen das Individuum, welche mit der Entwickelung desselben beginnen und erst mit dem Tode aufhören. Wir können unsere Meinung nur wiederholen: daß die Ueberführung des Kartoffelkäfers nach Deutschland keineswegs gleichbedeutend ist mit Vernichtung des deutschen Kartoffelbaues, und daß das Furchtgeschrei, das durch die Zeitungen lief, mehr oder weniger als unberechtigt anzusehen ist. Wir können mit Sicherheit annehmen, daß der Kartoffelkäfer ebenso wenig die Grenzen der Vermehrung überschreiten kann, als irgend ein anderes Insect, ferner daß er der Landwirthschaft nicht mehr Schaden zufügen wird, als mancher andere Kerf. Der Kartoffelkäfer ist ebenso den Naturgesetzen unterworfen wie jedes andere Lebewesen.

Es können Jahre eintreten, in denen er der Kartoffelcultur sehr nachtheilig wird, aber er wird ebenso wenig den Kartoffelbau aufheben, wie etwa die Erdflöhe (Haltica) den Rapsbau, die Hessenfliege (Cecidomyia destructor) den Weizenbau, der Schildkäfer (Cassida nebulosa) die Rübencultur etc. Ueberhaupt werden so große Insecten wie der Kartoffelkäfer, zumal wenn sie wie dieser frei auf Blättern leben und nicht verborgen in der Pflanze oder in der Erde, fast nie sehr gefährlich: sie sind den Feinden und der Witterung stets ausgesetzt. Am gefährlichsten sind im Allgemeinen die kleinen versteckt lebenden Insecten, z. B. die Borkenkäfer (Bostrychus). Die amerikanischen Berichte über die Gefährlichkeit des Käfers sind wohl als etwas übertrieben anzunehmen. Ferner ist es ja auch nicht unmöglich, daß dort die Bedingungen zur Vermehrung günstiger sind: besseres Klima, weniger Insectenfresser etc. So soll nach Berichten auch die schon oben erwähnte Hessenfliege in Amerika Verwüstungen angerichtet haben, wie sie in Deutschland von diesem Thiere bis jetzt nicht bekannt geworden sind. Die Weizenmücke (Cecidomyia tritici), welche dann und wann in Deutschland am Weizen etwas Schaden gemacht hat, soll in den Jahren 1828 bis 1831 in Nordamerika den Weizenbau fast untergraben haben. Dieses Insect brachte allein dem Staate Maine einen Schaden von einer Million Dollar, und im Staate Ohio wurde die Frage aufgeworfen, ob gegenüber den Verwüstungen dieses Insectes der Weizenbau nicht lieber ganz aufzugeben sei.

Wir erblicken in dem Kartoffelkäfer gewiß keinen willkommenen Gast, aber auch keinen so gefährlichen Feind, als welcher er im Allgemeinen geschildert wird. Wie sollte denn ein einziger Kerf eine Culturpflanze so ganz und gar vernichten können? Die deutsche Kartoffelpflanze steht ja in dieser Beziehung bis jetzt so glücklich da, wie fast keine andere Culturpflanze. Sie hat fast keinen nennenswerthen thierischen Feind. Ganz unbedeutenden Schaden verursachen mitunter die Tausendfüße (Iulus), Drahtwürmer (Larven von Elater segetis und obscurus), Engerlinge (Larven von Melolontha vulgaris) und einige andere Insecten.

Wie ganz anders steht es in dieser Beziehung mit unseren anderen landwirthschaftlichen Culturpflanzen! Betrachten wir einmal den Raps. Zwanzig und mehr Feinde bedrohen ihn. Die Wurzel des Raps wird benagt von einer Rüsselkäferlarve (Ceuthorhynchus sulcicollis) und von der Made der Kohlfliege (Anthomyia brassicae), – der Stengel hat von der Larve des Rapserdflohs (Psylliodes chrysocephala) und von der Larve des Rapsmauszahnrüßlers (Baridius chloris) zu leiden, – die Blüthen sind namentlich dem Fraß des Rapsglanzkäfers (Meligethes aeneaus) und seinen Larven ausgesetzt, – die Rapsschoten werden oftmals sehr zugerichtet von den Larven der Kohlgallmücke (Cecidomyia brassicae) und der Raupe des Rübsaatpfeifers (Botys margaritalis), – die Blätter werden [525] skeletirt: von verschiedenen Erdflöhen (Haltica), von der Afterraupe der Rapsblattwespe (Althalia spinarum), von Weißlingsraupen (Pieris brassicae, rapae, napi), von Erdraupen (Agrotis exclamationis, segetum), von Blattlausen (Aphis brassicae). Es sind dies die gefährlichsten Rapsfeinde. Alle diese gefährlichen Feinde im Verein mit den minder gefährlichen sind bis jetzt nicht im Stande gewesen, den Rapsbau fraglich zu machen, wie viel weniger wird der Kartoffelkäfer allein den Kartoffelbau in Frage stellen können! Bei alledem erkennen wir die Bemühungen seitens der Regierung, um den Käfer von unserem Vaterlande fern zu halten, sehr an. Er ist gewiß kein erfreulicher und willkommener Gast, ob es aber möglich ist, ihn von Deutschland fern zu halten, scheint uns sehr problematisch; es giebt zu viel verschiedene Wege zur Einschleppung. Dafür aber den Kartoffelbauern und Kartoffelessern zum Trost, daß sie nach unserer festen Ueberzeugung, auch wenn der überschätzte Feind zu uns kommen sollte, nach wie vor Kartoffeln bauen und essen werden.

Leipzig, den 9. Juli.

Dr. J. Brümmer.


Streifzüge bei den Kriegführenden.
8. Wo der Großfürst war.

Die Ereignisse drängen sich bereits von dem steilen Donauufer bis hinaus an den steinernen Damm des Balkans zusammen: der Stein des Verhängnisses ist in’s Rollen gekommen. Jetzt, da nach der langen Pause über Bulgariens Fluren das Hurrahgeschrei des Siegers, das Stöhnen der Verwundeten, die Tedeums-Gesänge der befreiten Bulgaren und schließlich das Gekrächze der nach reichlicher Beute ausfliegenden Raben und Geier den Ton der Weltgeschichte angiebt, jetzt erscheint das Ich kleinlich. Darum, geneigter Leser, wirst Du fortan in diesen Streifzügen nicht mehr dem Verfasser mit seinen kleinen Abenteuern und Zufällen, sondern dem Gange der Ereignisse folgen.

Nehmen wir dieselben von dem Augenblicke auf, wo die Russen auf bulgarischem Boden standen – nicht in der Sackgasse der unfruchtbaren und selbst strategisch minder wichtigen Dobrudscha, sondern auf den Saatfeldern, auf den üppigen Weiden und in den gesegneten Obst- und Weingärten Donau-Bulgariens. Nicht ohne einiges bange Vorgefühl mochten wohl die Heerführer der russischen Armee den Vormarsch jenseits des breiten Rubikon angetreten haben, namentlich wenn ihnen das Beispiel der russischen Brüder in Asien vorschwebte, die sich auch mit frohem Muthe in das Innere Armeniens gewagt hatten und nun daraus vertrieben wurden. Diese erschreckenden parallellaufenden Bilder zeigten sich aber weder dem Soldaten, noch den hochadeligen Sturmböcken, die sich um die Ehre beworben hatten, an der Spitze des Vortrabes von Tscherkessen und Kosaken den Türken den Säbel in die Flanke zu setzen. Diese kannten nur eine Losung: Vorwärts, und der erste dieser Sturmböcke (die Hoheit, die für bilderreiche Ausdrücke eine besondere Vorliebe besitzt, wird mir wohl den Ausdruck nicht übelnehmen) war der Großfürst Nicolaus selber. In Plojesti, wo ihn die Pläne eines vorsichtigen Generalstabschefs, des zaudernden Nepokoitschsky, mit gebundenen Händen festhielten, war er verstimmt, mißmuthig und voller Ungeduld. Seitdem man aber im russischen Hauptquartiere ausrufen durfte: „Es giebt keine Donau mehr“, fühlte sich der Großfürst eigentlich nicht mehr als Höchstcommandirender; er überließ die ganze strategische Führung des weiteren Feldzuges seinem erprobten Amanuensis; als echter Reitergeneral schwang er sich auf das gute Kosakenpferd, und während die Welt die Köpfe zusammensteckte und mit dem Zeigefinger auf der Nase nachgrübelte, wohin seine Hoheit wohl das Hauptquartier verlegt haben möchte, war Nicolai Nicolajewitsch einer der ersten Russen, die über den Balkan gelangten und die jetzt in erster Linie Adrianopel, in zweiter Constantinopel bedrohen. Es war ein kühnes Wagstück, das in der Mißachtung jeglicher Gefahr seines Gleichen sucht, denn es zeigt uns einen Feldherrn, der sich in die Mausefalle hineinwagt, die der Feind hermetisch zuklappen konnte, da er mit einer frischen zahlreichen Armee und ungeheuren Festungen im Rücken steht.

Der verführerische Gedanke, über den Balkan zu fliegen, wurde dem Großfürsten durch eine bulgarische Deputation eingegeben, die er auf dem Vorrücken gegen Tirnowa in einem Dorfe fand. Die Leute erzählten, daß nach der soeben erfolgten Einnahme von Tirnowa ein Trupp von christlichen Einwohnern dieser Stadt auf die vor den herannahenden Russen fliehenden Muselmänner Jagd gemacht hatte, und daß sie im Eifer der Verfolgung bis an das „eiserne Thor“, einen der bedeutendsten Gebirgspässe, gelangt wären. Die Türken waren bereits jenseits des Passes und hatten sich nach verschiedenen Richtungen zerstreut, aber die nachfolgenden Bulgaren versicherten, daß weder Befestigung noch militärische Streitkräfte zum Schutze des Passes vorhanden waren. Mehrere Generäle, welche in diesem Momente um den Großfürsten versammelt waren, gaben ihre Empfindungen über die Meldung durch unverhohlenes Achselzucken zu erkennen; sie bezweifelten, daß die Ab- und Zugänge einer solchen ungeheueren natürlichen Festung, wie der Balkan, nicht aufs Strengste bewacht, verschanzt, kurz unnahbar gemacht sein sollten. Aber Großfürst Nicolai vertraut auf den Stern Rußlands, und in seiner souveränen Verachtung des Türken ist er der Ueberzeugung, daß derselbe im Stande sei, die allergrößten Dummheiten zu begehen. Großfürst Nicolai nahm die Sache um so ernster, als die Bulgaren, welche die Mittheilung gemacht hatten, sich selber als Führer – und zugleich als Geiseln erboten, was vorsichtshalber angenommen wurde. Indessen hatten die Russen richtig, nach dreimaliger falscher Meldung, die alte Czarenstadt Tirnowa besetzt, und zwar unter höchst charakteristischen Umständen. Als die in gehöriger Anzahl auf bulgarischem Boden stehende russische Heeresmacht sich fächerartig über das Land ausbreitete, galt der erste Vormarsch dem Orte Tirnowa, ungefähr fünfzig bis sechszig Kilometer vom Donauufer entfernt. Es gingen allerhand Gerüchte. Hier, erzählte man sich, wären bald zwanzig- bis dreißigtausend Türken in einer furchtbaren Stellung verschanzt, hier wären unnahbare, mit schweren Belagerungsgeschützen besetzte Walle, eine wahre Festung, eine wirksame Wegsperre zum Gebirge, ein bequemer Ausgangspunkt für einen Angriff gegen die in den Gauen herumspazierenden und herumreitenden Detachements des Feindes. O, man sprach von Tirnowa eine Zeit lang im Hauptquartier zu Simnitza mit einem gar gewaltigen Respect. Man ahnte damals nicht, daß man so bald von dem „Rosengarten“ in lyrischer Andacht erzählen würde, statt eine rauhe Festungsstadt mit trotzigem steinernem Antlitz und hunderten von hervorblitzenden Stahlängelchen beschreiben zu müssen. Den Zauber dieser Verwandlung aber bewirkten die Säbel der Dragoner und die Lanzen der Kosaken des General Sorusk. Sie sollten sich einfach die Stadt etwas mehr in der Nähe anschauen und darüber Meldung bringen. Die Türken wünschten jedoch keine nähere Bekanntschaft und zahlten schleunigst Fersengeld. General Sorusk hätte nach dem Hauptquartier gehorsamst berichten können: „Eure Hoheit haben mich beauftragt, mich in Tirnowa umzuschauen. Es ist geschehen, und die Stadt gefällt mir und meinen Jungens vom Don so sehr, daß wir gleich hier bleiben.“ Die Nachricht dieses raschen, unverhofften und unblutigen Erfolges tröpfelte rieselnden Balsam auf die garstig klaffende Wunde der mörderischen Niederlagen in Asien.

Während der Kaiser durch die Mittheilungen aus Alexandropol sich ziemlich mißgestimmt fühlte und die bangen Sorgen, die er vor Anfang des Krieges empfunden haben soll, neuerdings verspürte, fanden sowohl der Großfürst Thronfolger als der Generalissimus in diesen Hiobsposten nur einen Sporn für eine desto raschere und desto energischer vorwärts stürmende Thätigkeit auf dem europäischen Kriegschauplatze. Rasch war die Armee gebildet, der die schwierige Aufgabe zufiel, Rustschuk von der Landseite zu umzingeln, während die schweren Geschütze von Slobosia und Giurgewo dagegen losdonnerten. Der Czarewitsch brach mit dieser neuen Armee so rasch auf, daß das lächerliche Gerücht entstand, er wäre verschwunden, ja von den Türken gefangen![5] Großfürst Nicolajewitsch ruhte aber nicht eher, bis er [526] sich über die Nachricht der Bulgaren über den Paß beim eisernen Thore Gewißheit verschafft hatte. Es war eine Abtheilung der von dem jüngeren Skobeleff geführten irregulären Cavallerie, die im scharfen Trabe gegen das „eiserne Thor“ vorrückte, die Bulgaren an der Spitze. Nach zweitägigem Ritte kam die Schaar am Fuße der Gebirgskette an, wie ein undurchdringlicher Wall stemmte sich ihnen die ungeheure Bergmasse entgegen, und nur in der Nähe wurde die schmale Oeffnung sichtbar, welche in das Herz des Türkenlandes führte. Vier Kosaken ritten voraus; hätten sich die Bulgaren geirrt, oder hätten seit drei Tagen die Türken ihren unverzeihlichen und unbegreiflichen strategischen Fehler gut gemacht und den Paß besetzt, so waren die Vier unausbleiblich geopfert. Nach einer Pause kehrte Einer in gestrecktem Galopp zu der am Eingange haltenden Rotte zurück. „Die Uebrigen todt? Es fielen doch keine Schüsse.“ Der Reiter meldete, die drei Cameraden wären wohlbehalten und unversehrt über den Paß, sie hielten am andern Eingang Wache, die Front gegen Adrianopel gewendet. Sofort raste eine Stafette ventre à terre nach Tirnowa, um dem Generalissimus das glückliche Ereigniß zu melden.


Die Gartenlaube (1877) b 526.jpg

Ein Fußkosake, einen türkischen Vorposten bei Giurgewo beschleichend.
Nach der Natur skizzirt von Capitain N. Karasine.


Nicolaus Nicolajewitsch hatte Befehl gegeben, ihn zu jeder Stunde zu wecken, wenn ein Bote des Generals Skobeleff kommen sollte. Trotz der späten Stunde machte der Courier sofort seinen Bericht. Am nächsten Morgen saß der Prinz mit dem Generalstabschef Nepokoitschsky in der Troika, und unter lustigem Geklingel der Glöckchen ging es nach dem Balkan. Die Fahrt konnte verhängnißvoll werden, denn die ziemlich unwirthlichen Wege hatten kaum einzelne Detachements passirt. Regelmäßiges türkisches Militär hatte sich zwar nirgends gezeigt, aber man war nicht sicher vor dem herumschwärmenden Gesindel der Baschibozouks, Tscherkessen oder anderer ohne Vorurtheile für ihr Privatvergnügen arbeitender Marodeure.

Hatte doch eine solche Rotte sich Tags zuvor bis auf eine Schußweite von dem Hauptquartier gewagt – hungerige Wölfe, die nach Beute spähten, und war knapp zur richtigen Zeit auseinander gehauen worden. Um den Kerls zu imponiren, hatte man mit Aufgebot aller verfügbaren Publicitätsmittel das Standrecht in so fern verkündet, als sämmtliche nicht zum regelmäßigen Militär gehörenden bewaffneten Muselmänner ohne Gnade und Pardon erschossen werden sollen. Es ist dies, wie man versichert, das einzige Mittel, in diesen Zeiten relativ Ordnung zu schaffen. Ohne Unfall, ohne schlimme Begegnung langten der Obergeneral und sein Stabschef an dem „eisernen Thor“ an. Nepokoitschsky kehrte zurück und traf die sofortigen Anordnungen zu einem beschleunigten Anmarsch gegen die von den Türken so willig geöffnete Balkanpforte. Ebenso wie an der Donau nach der Einnahme von Sistowa keine Weile verloren wurde, ging es auch hier im raschesten Tempo vorwärts.

Es ist bekannt, daß eine ansehnliche Macht bereits in der eigentlichen Türkei sich befindet und hier mit Adrianopel auch die Metropole der Sultane, und mit dieser wieder das europäische Gleichgewicht, oder was man noch heute als solches bezeichnet, bedroht. Als die Generäle der alten Schule und vollends die Diplomaten in Bukarest das gelungene Wagstück erfuhren, schüttelten sie bedächtig die Köpfe. Die Ersteren meinten, diese Errungenschaft wäre nicht nach den Regeln erzielt, und solche Vortheile seien gefährlich; die Herren vom grünen Tische aber klagten, daß die Militärs viel zu rasch vorgingen und daß sie, die Diplomaten, sich die Schwindsucht an den Hals laufen müßten, um dem nun eingeführten Tempo folgen zu dürfen. Es ist bekannt, daß jeder Erfolg Rußlands zu vielen Erörterungen führt, daß bei jedem Fuß breit mehr, den russische Soldaten auf Türkenboden besetzen, an die politische Zeitung des Landes mehr oder weniger unverhüllte Fragen gestellt werden, was denn eigentlich nach dem Kriege sein werde, ob man dem Türken ganz den Stuhl vor die Thür Europas setzen wolle, oder ob man ihm nur die blaue Quaste am Fez zur Strafe und Warnung abschneiden solle. Um auf diese Fragen in der gewohnten gewandten, schlauen und ausweichenden Tonart zu antworten, braucht Fürst Gortschakoff Zeit – und die Zeit wird ihm von der raschen Aufeinanderfolge militärischer Resultate nicht gelassen. Ich hatte das Vergnügen, in St. Petersburg die „rechte Hand“ des Fürsten Gortschakoff, Baron J., kennen zu lernen, und ermangelte nicht, demselben im russischen Consulatsgebäude von Bukarest meine Aufwartung zu machen. Es war gerade am Tage, wo man die Einnahme von Tirnowa erfuhr.

„Ja,“ rief Baron J., „was können wir Diplomaten da [527] machen und Beschwichtigungspflaster auflegen, wenn die Cavallerie im Sturme Städte erobert – es bleibt uns nichts Anderes übrig, als unsere Ferien zu genießen; heute führen die Herren Militärs einzig und allein das Wort, es muß sich erst zeigen, was daraus wird, dann erst können auch wir ein Wörtchen mitsprechen.“

Dies zur Charakteristik der herumschwirrenden, wenigstens vorzeitigen, Friedensgerüchte.


Die Gartenlaube (1877) b 527.jpg

Türkische Vorposten auf einer überschwemmten Donau-Insel zwischen Giurgewo und Rustschuk.
Nach der Natur skizzirt von Capitain N. Karasine.


Drei Tage darauf, als die erstaunende Kunde von der Ueberschreitung des Balkan wie ein Blitz aus heiterm Himmel kam, fand ich den nämlichen Diplomaten sehr ernst gestimmt.

„Allerdings,“ meinte er, „kann man den Türken gegenüber eine geringere Vorsicht anwenden, als bei einem andern Feinde. Aber das ist zu viel gewagt. Doch,“ fügte er hinzu, „die Militärs müssen wissen, was sie thun, und was für eine Verantwortlichkeit sie haben.“

Da die maßgebenden Gründe für eine Einschränkung des Vormarsches der russischen Hauptmacht ganz besonders in dem Umstände liegen, daß rechts und links von ihnen bedeutende Streitkräfte in festen Stellungen sich befinden, so muß jede Action, welche dem Heere nach rechts und links die Freiheit der Bewegung giebt, als eine vorzügliche betrachtet werden. Einen solchen Erfolg haben nun die Russen, um die Woche gut abzuschließen, in Nikopolis errungen. Nikopolis, sonst eine ziemlich behäbige Stadt von etlichen dreißigtausend Einwohnern – heute ein Schutthaufen –, liegt auf dem bulgarischen Donau-Ufer schräg gegenüber von Turnu-Maguerelé und Islaz, zwei rumänischen Dorfschaften, wovon die eine, die größte, von Russen, die andere von Rumänen besetzt ist. Schon am 27. Juni, da der Donau-Uebergang versucht wurde, hatten die russischen Batterien Nikopolis mit einem derartigen Granatenhagel bescheert, daß schon damals von der armen Festungsstadt schwerlich etwas Gesundes und Ganzes übrig geblieben sein wird. Wie mag es nun jetzt drüben ausschauen, da die Rumänen die ersehnte Erlaubniß erhalten haben, auch mitzuspielen! Die Rumänen waren aber nicht wenig stolz auf die Thätigkeit, welche sie von Islaz aus entwickeln durften, und als die Stadt in die Hände der Russen gefallen war, beeilten sie sich, die Kunde davon so rasch nach Bukarest zu senden, daß der Fürst Gortschakoff auf diesem Wege von dem bedeutenden Ereignisse verständigt wurde, lange ehe eine officielle Bestätigung aus dem Haupt-Quartiere eintraf.

Mit jener politischen Routine, die ihnen eigen ist, benutzten die noch immer bei Kalafat durch das Machtwort des Czaren festgebannten Rumänen die Gelegenheit, eine kleine politische Manifestation zu insceniren. Es giebt nämlich in Bulgarien sehr zahlreiche, ausschließlich von Rumänen bewohnte Ortschaften, die von den anderen bulgarischen Dörfern streng abgeschlossen sind und ihren eigenen Charakter bewahrt haben. Unter den besonderen Eigenthümlichkeiten dieser Leute muß hervorgehoben werden, daß diese Rumänen die Sprache des Landes, in welchem sie sich befinden, nicht erlernen und sich nach wie vor der walachischen bedienen. Mehrere dieser Dörfer liegen hart an Nikopolis, gegenüber von Islaz. Ein rumänischer Officier wirkte sich leicht von dem Commandanten die Erlaubniß aus, drüben eine Recognoscirung auszuführen, und er kam in die erwähnten Dörfer. Hier wurde Salz und Brod gebracht, ohne dabei einige Tonnen zu vergessen, welche von den Dorobanzen und den rumänisch-bulgarischen Bauern gemeinschaftlich geleert wurden auf die Größe und die Neugeburt des ganzen rumänischen Reiches. Das Ganze war nicht übel in Scene gesetzt.

Der Fall von Nikopolis ist insofern merkwürdig, als er beweist, daß die Türken durchaus nicht freiwillig die Donau-Linie räumten, weil sie ohne den ernsten Willen der Vertheidigung sicherlich nicht eine ganze Division geopfert hätten, die nun den [528] Russen in die Hände gefallen ist. Allerdings war diese Division auf ein Minimum zusammengeschrumpft, denn sie zählte nur sechstausend ganz herabgekommene, halb verhungerte Menschen. Es klingt daher auch nicht wie bloße Rodomontade, wenn erzählt wird, daß die Meisten froh waren, in Gefangenschaft zu gerathen. Jedenfalls sah gestern der zur Internirung nach Bukarest abgehende Assam-Pascha, ein feister, nicht unschöner Herr, nicht darnach aus, als mache ihm sein Schicksal besondere Schmerzen. Er speiste wohlgemuth in dem Absteigequartier, wo er den Tag zugebracht hatte, spaßte mit den ihn begleitenden russischen Officieren und schien sich wenig um die Neugierde zu kümmern, die er hervorrief, als er vom Bahnhofe Targovisti in der Richtung nach Kischenew weiter dampfte.

Der jähe Fall von Nikopolis wird als ein Fingerzeig für das Schicksal von Rustschuk betrachtet. Gegen diese offenbar dem Untergange geweihte Stadt zieht sich ein artilleristisches Donnerwetter zusammen, gegen welches das bereits ausgestandene kaum ein Sprühregen sein dürfte. Ihr Berichterstatter ist am Posten und wird bald von dieser Richtung aus Interessantes zu erzählen haben, das sich jedoch im heutigen Stadium der Berichterstattung noch entzieht.
Paul d’Abrest.




Einer jungen Braut.
Segensspruch von Herman Semmig.


Ich sah dich blüh’n; fast noch ein Kind,
Hast du gesessen mir zu Füßen,
Zart wie die Rose, wenn sie lind
Die ersten Sonnenstrahlen grüßen.
Ich seh’ dich noch, die Schülerin,
Aufmerksam lauschen meinem Worte,
Wenn ich mit treu bedächt’gem Sinn
Dir aufschloß der Erkenntniß Pforte.

Doch wenn, was wahr und schön und gut,
Ich deinem Mädchenaug’ enthüllte
Und mit der Dichtung heil’ger Gluth
Begeisternd deine Seel’ erfüllte:
Dann leuchtete dein Augenpaar
Bei jedem Wort, das ich gesprochen,
Und frommen Ernstes wunderbar
Sah oft ich deine Schläfe pochen.

Dann zogst du aus die Kinderschuh’
– Es werden ja aus Kindern Leute –
Und plötzlich nun erscheinest du,
O süßer Schreck! im Schmuck der Bräute.
Wie auch voll jugendlicher Lust
Dein Herz geschwelgt im Glanz des Maien,
Froh schauernd ahnt es deiner Brust:
Am schönsten lebt sich’s doch zu Zweien.

Im Haar der keuschen Myrte Zier,
So gehst du hin nun zum Altare –
So geh’ beglückt! Gott sei mit dir,
Mit Euch, dem wonnetrunk’nen Paare!
Der edler Frauen Werth erkannt,
Das höchste Glück durch sie gefunden,
Nun segnet dich auch seine Hand
Und ihn, dem liebend du verbunden.

O sei gewiß! es täuscht dich nicht,
Was dir geahnt im Mädchenherzen;
Selbst um die sorgenschwere Pflicht
Spielt gaukelnd eine Schaar von Scherzen.
Und ob der Jugend Mai verblich,
Ob einst auch schnei’n des Alters Flocken:
Ein Paradies erblüht um dich
Voll Engelchen in blonden Locken.

Und wenn dereinst voll Mutterlust
Du mild die eignen Kleinen lehrest,
Durch fromme Sprüch’ in ihrer Brust
Den Erbschatz deiner Tugend mehrest:
Dann denk’ als frohe Lehrerin
Des Lehrers noch in grauem Haare,
Der einst in dir gepflegt den Sinn
Für alles Schöne, Gute, Wahre!




Im Himmelmoos.
Von Herman Schmid.
(Schluß.)


Es war keine Täuschung; es hatte wirklich so gerufen. Auch Judika war darüber emporgeschnellt und stand, ebenfalls bebend, mit bleichen Lippen da. Und abermals und noch näher erscholl derselbe Ruf von derselben Stimme, nur noch kläglicher und ängstlicher.

Fazi murmelte von Zuckungen geschüttelt: „Das ist seine Stimme; er ist’s. Er ist’s,“ schrie er abermals und versuchte sich zu erheben, aber im Augenblicke ging die Thür auf und auf der Schwelle stand Wildl. „Da ist er selber!“ rief Fazi wieder, raffte sich abermals auf und versuchte zu entfliehen, da er aber die Thür verstellt fand, stürzte er gewaltsam zu Boden. „Helft, helft!“ heulte er, sich am Boden wälzend. „Er kommt; er will mich. Ich will ja Alles sagen. Ich bin’s gewesen; ich hab’ ihn umgebracht.“

In höchster Erregung beugte sich Judika über den Unglücklichen, der, von immer heftigeren Krämpfen geschüttelt, dalag und nicht gewahr wurde, daß das Bekenntniß seiner Schuld bereits Zeugen gefunden hatte. Der Meister und einige Arbeiter waren auf das Geschrei herbeigeeilt, auch Wildl war eingetreten, sichtlich in hohem Grade erregt und geängstigt, was ihn um Vieles älter erscheinen ließ und es wohl erklärlich machte, daß Fazi in seiner Verwirrung den Vater in ihm zu erblicken glaubte. Als derselbe allmählich zu sich kam, sich erhob und um sich blickte, als mit dem Verfliegen des Rausches ihm die Erinnerung und das Bewußtsein des Vorgefallenen klar wurde, versuchte er nicht mehr dagegen anzukämpfen – wie betäubt ergab er sich darein, als die Häuer ihn an Händen und Füßen knebelten, um ihm das Entrinnen unmöglich zu machen.

Auch Wildl’s plötzliches Erscheinen erklärte sich bald.

Er war am Morgen beim Vorsteher gewesen, hatte demselben sein Vorhaben wegen des Verkaufs und der Auswanderung erklärt und von dem Manne, der die Erfüllung eines Lieblingswunsches nahe sah, ohne Schwierigkeit Judika’s Aufenthalt erfahren, der unter diesen Umständen kein Geheimniß mehr für ihn sein sollte. Sofort war er zu Engerl geeilt, um auch sie davon in Kenntniß zu setzen und dann das Fuhrwerk zu rüsten, das sie in den nicht sehr entlegenen Bruch führen sollte. Auf dem Rückwege zwischen den Zäunen und Häusern hinschreitend, ward er, ohne bemerkt zu werden, ein paar Bauern in eifrigem, lautem Gespräche gewahr, aus dem er deutlich seinen Namen heraushörte.

Lauschend blieb er stehen und erfuhr daraus zu seiner nicht geringen Verwunderung, daß in der Zwischenzeit der Nachtwächter, der eine Weile im Schnee liegen geblieben, dann aber mit einer Beule am Kopf heimgeschlichen war, beim Vorsteher die Geschichte angezeigt und dieser sofort die Verhaftung des Frevlers angeordnet hatte, der es gewagt, sich an einer obrigkeitlichen Person zu vergreifen. Man suchte ihn im Hofe, und es war offenbar, daß, wenn man ihn dort nicht fände, man im Steinbruche nach ihm fahnden würde. Die Fahrt mußte daher aufgegeben und auch der Gang bis zum Abend verschoben werden. Die Hütte, welche Engerl zur Herberge gedient, wurde zum Versteck für Beide, und erst bei vollständig eingebrochener Dunkelheit machten sie sich auf den Weg. Die nächtliche Wanderung wäre auch ohne alle Schwierigkeiten vollendet worden, hätte nicht zu der Finsterniß sich Unwetter und Schneegestöber gesellt, sodaß Engerl das Unglück hatte, ausgleitend sich den Fuß zu vertreten, sodaß sie nicht mehr zu gehen vermochte und Wildl sie auf den

[529] Rücken nehmen und tragen mußte. Unter großer Anstrengung waren sie bis in die Nähe des Bruches gelangt; dort an einem Holzschuppen hatte Wildl seine Last abgesetzt, weil das Mädchen über steigende Schmerzen klagte und schnelle Hülfe nothwendig schien. Wenn Wildl seine Schritte verdoppelte und allein vorwärts eilte, konnte er mit der Hülfe in der Hälfte der Zeit wieder zurück sein, die sonst zur Vollendung des Weges nöthig gewesen wäre. Als er in der Nähe des Hauses angekommen und die Fenster noch erleuchtet gesehen, hatte er zu rufen angefangen in der Hoffnung, daß Judika noch wachen, seine Stimme erkennen und dadurch zu doppelt schneller Hülfe herbeieilen würde.

Rasch war von den Arbeitern eine Tragbahre in Stand gesetzt worden, und in kürzester Frist lag Engerl in den Armen Judika’s und des nun von allem Verdacht gereinigten Geliebten. Wohl selten mögen drei Menschen mit solchem Entzücken sich umarmt, selten drei so hoch aufjauchzende Herzen an einander geschlagen haben.

Als man endlich dazu kam, sich gegenseitig Alles abzufragen und zu erzählen, wie das so kommen konnte und gekommen war, konnte Wildl nicht umhin, sich in Danksagungen und Lobpreisungen zu ergehen, wie klug Judika gehandelt und wie ohne sie das unselige Verhängniß, das über den Hof hereingebrochen war, wohl nie zu so glücklicher Lösung gekommen sein. würde.

„Und ich dummer Mensch!“ rief er, „ich habe gewußt, wie gut Du es alleweil mit mir gemeint hast, und habe glauben können, daß Du auf den bloßen Verdacht hin mich aufgeben und verlassen könntest.“

„Mach’ nicht so viel Gerede!“ sagte die Alte, „es ist wohl darnach gewesen. So gern ich Dich hab’, ich hab’ mir selber sagen müssen, wer weiß, ob sie nicht doch an einander gerathen sind, die zwei Hitzköpfe, und doch war immer wieder etwas in mir, das nicht aufhörte zu sagen: es ist nicht möglich; der Wildl kann das nicht gethan haben. Ich hab’ halt nirgends ein Loch gefunden, wo ich hinaus gekonnt hätte, weil ich gar keinen Anhalt erwischt hab’, wer denn sonst das Unglück angerichtet haben soll. Da ist einmal in der Früh, wie es noch kaum grau geworden war und ich die Fensterladen aufgestoßen hab’, der Fazi um den Hof herumgeschlichen wie der Marder um den Hühnerstall. Da ist’s mir auf einmal wie ein Nebel von den Augen gefallen, und ich hab’ an denselbigen Vormittag gedacht, wo er auf dem Hof gemauert und wo der Vater ihn erwischt hat, wie er das Geldkästl im obern Stock hat aufbrechen wollen. Auf einmal hab’ ich gewiß gewußt, daß er das noch einmal hat probiren wollen, daß er dabei mit dem Bauern zusammen getroffen ist und daß ihn kein anderer Mensch umgebracht hat, als er. Zugleich aber ist es mir durch den Kopf geschossen, daß man das fein anfangen müsse, wenn man es ihm beweisen wollte. Am selbigen Tag hab’ ich den Brief vom Vetter im Steinbruch bekommen g’habt; d’rum hab’ ich mich verstellt und hab’ gethan, als wenn er mir leid thät’, und hab’ ihm versprochen, ihm dort Arbeit und Unterkunft zu verschaffen. Er ist darauf eingegangen, mir aber – zu meiner eigenen Schande muß ich es sagen – ist nur darum zu thun gewesen, daß er mir ja nicht aus den Augen kommt und daß ich in der verdeckten Weis’ dahinter komm’, wie es mit dem Knopf ist, ob er nicht auch wie die meisten Burschen eine Joppe mit solchen Knöpfen hat, ob nicht einer daran fehlen thät’ – dann wär’ dem Wildl ja schon geholfen gewesen. Ich hab’ freilich nicht gewußt, wie ich das machen soll, aber in mir ist etwas gewesen wie eine Ahnung, daß ich doch dahinter kommen müßte. Es ist Alles darauf angekommen, daß der Fazi keinen Verdacht gegen mich gefaßt hat, denn wenn ich mich nur mit einem Wörtl verrathen hätt’, wär’Alles verdorben gewesen. D’rum hab’ ich auch gedacht: es ist am besten, wenn gar kein Mensch weiß, wo ich bin, und wenn Alles glaubt, ich wär’ auch bei der Partei gegen den Wildl. In meinem Leben hätt’ ich nicht geglaubt, daß ich soviel zusammenlügen könnt’, wie ich während der Zeit zusammengelogen hab’. Unser Herrgott mag mir’s verzeihen; ich hab’s ja gut gemeint, und er muß doch damit zufrieden sein, sonst hätt’ er’s nicht zu so einem guten End’ geführt.“

„Mein Gott!“ fuhr sie fort, als die beiden Liebenden sich wieder dankbar an sie drängten, und ihre Augen füllten sich mit Thränen, „wie kurz ist die Zeit, daß Alles so schlimm gegangen ist, und jetzt ist es doch auf einen Schlag noch so herrlich geworden. Nur der arme alte Vater hat fortgemußt und hat seinen Zorn so hart büßen müssen. D’rum merk’ Dir’s, Dirndl,“ fuhr sie gegen Engerl gewendet fort, „und nimm Dir ein Beispiel d’ran! Jetzt hat Dich der Bub’ gern; jetzt hast Du ihn noch ganz in der Hand; jetzt ist er wie Wachs. Wie Du ihn ziehst, so hast Du ihn. Er hat ’was vom alten Himmelmooser, und[WS 1] das nicht wenig.“

Die Liebenden reichten sich die Hände zum stummen Gelöbniß des Friedens von der einen wie von der andern Seite.

Fazi’s Geständnis, das er später vor allen Anwesenden wiederholte, beseitigte vollends, was noch etwa an Zweifeln und Bedenklichkeiten übrig geblieben sein mochte. Er bekannte selbst, es sei seine Absicht gewesen, sich an der ihm schon bekannten Stelle das ersehnte Reisegeld zu holen; er habe sich in’s Himmelmoos geschlichen, weil er gedacht, den Bauer allein zu finden, mit welchem er, auch wenn er ihn entdeckte, leichtes Spiel zu haben hoffte. Der Alte hatte aber zu früh das Geräusch gehört und zu rufen angefangen, sodaß Fazi schnell erkannte, daß er sein schon einmal vereiteltes Vorhaben abermals aufgeben und sein Heil in der Flucht suchen müsse. Auf dieser hatte ihn der Alte gewahrt, war ihm nachgeeilt und hatte ihn auch in der Nähe der Kalkgrube erreicht. Er packte ihn und Beide zerrten sich einige Augenblicke herum, wobei sie auf das Brett der Grube zu stehen kamen, das sofort unter ihnen zu krachen begann. Im Augenblicke des Krachens war es dem stärkeren und jüngeren Ringer gelungen, den Alten nach der Grube zu drängen, der sich krampfhaft an ihn zu halten versuchte, und dann mit dem Ausrufe „Hilf, Judika, hilf!“ kopfüber in die Grube stürzte, deren Inhalt hoch emporschlug und den Thäter mit Kalk bespritzte.

Diese Worte, von Judika so glücklich errathen, waren es hauptsächlich gewesen, welche den Trotz seines Wesens gebrochen und ihn zu Boden geworfen hatten. –

Am andern Morgen kehrten die Glücklichen in’s Dorf zurück und auf den Hof, weil nun wohl keine Gefahr mehr bestand, daß man Lust haben würde, den so lange unschuldig Verfolgten wegen des Angriffs auf den Nachtwächter noch weiter zu verfolgen.

Fazi wurde an’s Gericht abgeliefert. Wenige Wochen darauf erfolgte Wildl’s völlige Freisprechung, und der Vereinigung des Liebespaares stand ein Hinderniß nicht mehr im Wege. Ueber Fazi erging das Todesurtheil, aber ein heftiges Brustübel, das ihn rasch im Gefängnisse befiel und dahinraffte, ersparte den traurigen Vollzug.

Eine solche Hochzeit aber, wie die im Himmelmoos, war noch nie gefeiert worden, seitdem man von Hochzeiten in den Bergen zu erzählen wußte. Auf viele Stunden Entfernung strömten die Leute zusammen; denn das Schicksal der Brautleute war weithin bekannt geworden und hatte ebenso wie ihre Liebe und ausdauernde Treue allgemeine Theilnahme gefunden. In der Trauungsrede kam der Pfarrer auf das Wort zurück, das er bei Auffindung des todten Himmelmoosers gesprochen, daß die Wege des Herrn unerforschlich seien und daß man daher sich wohl hüten müsse, auf Jemand einen ersten Stein zu werfen – es sollte wohl eine Art verborgener Abbitte sein, daß er selber so rasch dem Scheine getraut, daß er selber es gewesen, der den ersten Stein geworfen.

Die Kranzjungfern, welche Engerl zum Altare geleiteten, waren die Steiner-Rosel, die einst von der Braut über die Brünnl-Alm heruntergetragen worden war, und trotz ihrer Jahre die alte Sennerin, während Wildl darauf bestand, daß an der Spitze der Junggesellen, die seine Führer waren, der alte Rußländer stand: war er doch der Erste gewesen, der in der Heimath dem Verpönten mit freundlichem Gruße entgegengekommen war. Nach der Trauung versäumte das Brautpaar nicht, das Grab des alten Himmelmoosers zu besuchen; über den Hügel hinweg reichten sie sich die Hände wie am Abende ihres entscheidenden nächtlichen Zusammentreffens an dieser Stelle und wiederholten die feierlichen Gelöbnisse, die sie am Altare ausgesprochen.

Die Reihe der Feste auf dem Himmelmoose aber war damit noch lange nicht zu Ende.

An einem Tage kam im vollsten Sonntagsstaate, von all’ seinen Hausgenossen begleitet, Alle mit Blumensträußen auf den Hüten und in den Knopflöchern, der Steiner Bauer von Stein und brachte, zum Zeichen seines Dankes, die versprochene Kuh; es war wirklich die schönste, die weit und breit aufzutreiben gewesen; sie trug um die Hörner einen Kranz aus den ersten [530] Frühlingsblumen, wie sie bei keiner Almfahrt schöner zu sehen waren.

Dann kam das Fest der Vollendung des Thürmchens an die Reihe, das Wildl, um den Willen seines Vaters zu erfüllen, ausgebaut, aber in eine kleine Hauscapelle umgestaltet hatte. Auf den Altar stellte der Meister vom Steinbruche ein selbstgemeißeltes Standbild des heiligen Michael, weil er sich nicht wehren ließ, der glücklichen Lösung, die in seinem Hause stattgefunden, ein Andenken zu errichten.

Darunter, an ein Kettchen gefaßt und unter Glas und Rahmen gebracht, befand sich der viereckige Salzburger Thaler. Seine wahre Bedeutung erfuhr Wildl nie – es mußte genügen, daß die junge Frau ihm schmeichelnd sagte, der Thaler sei eine Gabe ihrer Mutter und habe ihr Glück gebracht.

Um die große Eiche im Haselpoint ließ Wildl einen Zaun herstellen und unter ihr eine Bank aufrichten zur Ruhe für den Wanderer, der dort ausrasten und sich der schönen Aussicht und des noch schöneren Baumes erfreuen wollte. Die Eiche sammt ganzen Gehege hatte er als bleibendes Andenken der Gemeinde geschenkt.

Judika blieb nicht auf dem Himmelmoose. „Ich habe dem Vetter mein Wort gegeben,“ sagte sie, als Bauer und Bäuerin sie bestürmten, „ich hab’ gesagt, wenn Alles gut ausginge, wollte ich dem Vetter haushalten, so lang’ ich kann. Im Himmelmoose bin ich jetzt nicht mehr nothwendig; da ist schon eine Andere Bäuerin, eine tüchtige und revierische Hauserin, wie es recht ist. Deswegen verred’ ich’s aber nicht, daß ich recht oft auf den Hof in Heimgarten komme, und ich meine, es wird sich wohl bald eine Gelegenheit dazu geben. Ich werd’ mich allemal freuen, wenn es Euch gut geht und wenn Ihr so gut haust, wie Euch die alte Judika wünscht.“

Der Wunsch ging in Erfüllung. Engerl und Wildl sind lange heimgegangen, aber sie konnten im Tode mit Freude auf ihr Leben zurückblicken, denn ihre Liebe war jung und der Hof eine Stätte der Eintracht und des Friedens geblieben, würdig des Namens: „Im Himmelmoos“.




Blätter und Blüthen.


Russisch-türkische Kriegsbilder. (Mit Abbildungen S. 526 u. 527.) Unser unermüdlicher Feldmaler, Herr Capitain Karasine[WS 2] , hat uns zwei neue Darstellungen aus dem laufenden Kriege gebracht, deren Bedeutung mit wenigen Worten erklärt ist. Die erste Illustration (auf S. 526) stellt einen türkischen Posten an der Donau dar, welcher von einem russischen Kosaken beschlichen wird. Zu den ausgezeichnetsten Schützen und Jägern des russischen Heeres gehören nämlich die Tschernomorischen (d. h. am Schwarzen Meere wohnenden) Fußkosaken, welche als Tirailleurs (russisch Plastuni) die besten Dienste leisten. Eine Abtheilung derselben lag bei Giurgewo in Bivouac. Fast jede Nacht lauerten diese kühnen wilden Bursche auf die türkischen, auf die Donauinseln vorgeschobenen Wachtposten, die sie dann anschlichen und erschossen oder niederstießen. Eine solche Episode in diesem Kriege stellt unsere Illustration dar. – Türkische Vorposten auf einer halbüberschwemmten Donauinsel sind der Gegenstand der zweiten Abbildung. Zwischen Giurgewo und Rustschuk erstreckt sich eine Kette von Inseln und Sandbänken, die zum Theil noch von dem Frühjahrshochwasser her überfluthet sind. An solchen Stellen sind nun die türkischen Vorposten gezwungen, auf Brettern und Faschinen festen Fuß zu fassen, oder, wie die Vögel, auf Bäumen sitzend, ihren Dienst zu versehen. Diese Donauposten werden heute wohl, nach dem Vordringen der Russen in Bulgarien und über den Balkan, größtentheils abgelöst sein.




Zwei Stiefmütter. Auf dem Versandtschuppen der Eisenbahn in Altona befinden sich ein Hund und eine Katze. Es sind Angestellte der Eisenbahn und ihr Dienst ist, für Fernhaltung von Ungeziefer zu sorgen. Die Katze ist älter als der Hund, dieser aber ist von kleinauf in ihrer Gesellschaft gewesen, und so mag es gekommen sein, daß zwischen den Beiden die größte Eintracht herrscht. Die Thiere fressen aus einem Napfe, spielen mit einander und balgen sich. Dieselben theilen ein Lager und stehen für einander ein, wenn ein Feind auf den Schuppen kommt; der Hund darf nur anschlagen, husch ist die Katze an seiner Seite. Beide sind weiblichen Geschlechts und haben vor einigen Wochen Junge geworfen. Dadurch ist die Freundschaft nicht im Geringsten gestört. Nach wie vor liegen die Thiere auf einem Lager und die Liebe, die dieselben bisher gegenseitig für sich hatten, theilen sie jetzt auch gemeinsam ihren Jungen mit; namentlich macht die Katze nicht den geringsten Unterschied zwischen den eigenen und den Jungen des Hundes.

Ganz so liebevoll thut der Hund nicht mit den Kätzchen. Derselbe duldet dieselben bei sich und daß sie an seinem Kopfe herumkriechen, spielt jetzt auch mit den Kätzchen; ich habe aber nicht bemerkt, daß er dieselben beleckte. Daß die Kätzchen bei dem Hunde sogen, habe ich ebenfalls nicht gesehen; es wird aber von den Schuppen-Angestellten auf das Bestimmteste behauptet, und darauf hin darf ich das wohl als gewiß bezeichnen. Ich sah die Kätzchen sehr viel bei den Zitzen des Hundes, mit den Hündchen in der Reihe, liegen. Daß die Hündchen bei der Katze Nahrung nahmen, habe ich gesehen, und fast immer liegen zwei der Hündchen an den Zitzen der Katze. Diese hat zwei, der Hund fünf Junge. Ich dachte, das Verhältniß würde so lange bestehen, als die jungen Thiere nicht sehen könnten, aber es hat sich darin nichts geändert, seitdem die Thiere das Augenlicht haben. – In der ersten Zeit wurde versucht, die Familien zu trennen; man setzte die Katze mit ihren Jungen auf ein Lager neben dem gemeinschaftlichen. Die Katze blieb daselbst aber keinen Augenblick und der Hund holte sofort die jungen Katzen nach dem alten Lager. Ebenso machte die Katze es, wenn ein Hündchen aus dem Lager gesetzt wurde. Jetzt sind dieselben ihr schon zu groß und schwer.




Im Artikel „Die Farbenblindheit“ (Jahrgang 1876, Nr. 4) hat der Verfasser darauf hingewiesen, daß keine geringe Gefahr für das öffentliche Leben aus dieser Gesichtskrankheit erwachsen könne, mit welcher ungefähr je der sechszehnte Mensch behaftet sein soll, und daß eben deshalb namentlich das Eisenbahn- und Schiffspersonal in dieser Beziehung einer gewissenhaften Prüfung unterzogen werden sollte. Der Gegenstand hat wirklich eine seiner Wichtigkeit angemessene Beachtung gefunden, wie aus einer der ersten Nummern des diesjährigen „Armee-Verordnungsblattes“ hervorgeht. Unterm 18. Januar d. J. erließ das Kriegsministerium folgende Verfügung:

„Die Tauglichkeit zum Dienste mit der Waffe bei den Eisenbahntruppen setzt die Fähigkeit des Unterscheidens der Farben, 'Roth, Grün und Weiß' voraus. – Es ist diese Feststellung als Anmerkung zu § 15, 3 c in die Recrutirungs-Ordnung aufzunehmen.“

Dieselbe Aufmerksamkeit widmet diesem Gegenstande die russische Regierung. Das „Ministerium der Communicationen“ hat an die Eisenbahnverwaltungen die Verfügung erlassen: 1) alle neu eintretenden Beamten einer sorgfältigen Prüfung hinsichtlich ihres Farbenunterscheidungsvermögens zu unterwerfen; 2) eine gleiche Prüfung an allen gegenwärtigen Eisenbahnbeamten vorzunehmen und periodisch – viermal im Jahre – zu wiederholen; 3) dieselben Untersuchungen mit allen denjenigen Beamten anzustellen, welche eine schwere Krankheit, Verwundungen und Verletzungen der Schläfen, Augen oder des Kopfes, oder eine Gehirnerschütterung erlitten haben und ihren Dienst wieder aufnehmen; 4) Personen, welche die Farben Grün und Roth nicht unterscheiden können, auf keinen Fall irgendwo an den Bahnen anzustellen, respective jetzt noch weiter in ihren Functionen zu belassen. Zugleich werden die Eisenbahnärzte angewiesen, genau Buch über die Vornahme und die Resultate dieser Prüfungen zu führen und Abschriften ihrer Aufzeichnungen den Eisenbahn-Inspectoren zu übergeben.

Da aus unserm Artikel „Die Farbenblindheit in der Schule“ (Nr. 21) hervorgeht, daß das Erforderniß, den Gesichtssinn der Schüler auf dem Gebiete der Farbe in der Schule zu bilden, nicht mehr abzuweisen ist, so wird auch ein Lehrmittel dazu willkommen sein. Es besteht in einer Farbentafel, welcher eine erläuternde Anweisung beigegeben ist und die ebenso zur Uebung und Schulung des Gesichtssinnes wie zur Prüfung auf Farbenblindheit in der Schule dient. Entworfen von dem Leipziger Lehrer H. Band, ist dieselbe in der lithographischen Anstalt von Fr. Krätschmer Nachf. in Leipzig ausgeführt und erschienen.




Erklärung. Wir erhalten von unserm geehrten Mitarbeiter, Herrn Dr. Schmidt-Weißenfels, auf die Einsendung eines Briefes aus Milwaukee in Nordamerika, welcher uns meldete, daß dort ein Schriftsteller sich „Schmidt-Weißenfels“ und „Mitarbeiter der Gartenlaube“ nenne, die nachfolgende Zuschrift:

„Auf Ihre gefällige Mittheilung des Kalliwoda’schen Briefes aus Milwaukee bitte ich Sie höflichst, in meinem Interesse und in dem Ihrer amerikanischen Leser der 'Gartenlaube', die Erklärung zu veröffentlichen: daß ich niemals in Amerika war; daß ich seit fünf Jahren in Württemberg mit Weib und Kindern wohnhaft bin und ich in einem Usurpator meines literarischen Namens, wie er in Nordamerika sich befinden soll, deshalb nur einen Betrüger gegen mich und gegen Andere vermuthen kann.

Cannstatt, 10. Juli 1877.
Dr. Schmidt-Weißenfels.“


Kleiner Briefkasten.

L. Z. in L. Auf Wunsch des Herrn Postsecretärs H. Krause in Nordhausen theilen wir Ihnen mit, daß der genannte Herr nicht der Verfasser des Aufsatzes „Von unserm Lieblingssänger“ (Nr. 5) ist. Der Artikel wurde vielmehr nach dem Buche „Der Canarienvogel“ von Dr. Karl Ruß und mit Zustimmung des Verfassers von uns veröffentlicht, und zwar in der Absicht, daß dadurch die Liebhaberei für ein Thierchen, welches man gleichsam als ein deutsches Nationalgut betrachten darf, in dem weiten Leserkreise unseres Blattes möglichst gefördert werde.

Helene Th. in F. Leider nicht zu gebrauchen. Bitten über das Manuscript zu verfügen.

Wittwe. Würden Sie sich nicht zu einer mündlichen Besprechung verstehen? Für briefliche ausführliche Auseinandersetzungen fehlt uns wirklich die Zeit.

E. v. K. in Hildesheim. Wir haben keine Briefe von Ihnen erhalten, kennen Ihre „Bedürfnisse für den fraglichen Vortrag“ nicht und können deshalb auch nicht helfen.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Wie viel Eier der Käfer absetzt, ist noch nicht genau ermittelt, aber so viel mag gewiß sein, daß die Zahlen vierhundert, siebenhundert und zwölfhundert, wie man sie hier und dort angegeben findet, weit übertrieben sind. So fruchtbar sind die Thiere aus der Ordnung der Käfer im Allgemeinen nicht. Durchschnittlich legt ein Käfer wohl selten mehr als fünfzig Eier. Der Maikäfer (Melolontha vulgaris) legt z. B. nur zwölf bis dreißig Eier, der Erlenblattkäfer (Agelastica alni) fünfundzwanzig bis vierzig Eier, der Pappelblattkäfer (Chrysomela populi) fünfunddreißig bis fünfundvierzig Eier.
  2. Nach anderer Beobachtung fliegt der Käfer auf seinen Wanderungen, wie es ja bei allen anderen vollkommenen Insecten der Fall ist. Es ist leicht möglich, daß in dem von meinem Freunde beobachteten Falle der Käfer auf seinem Ausfluge durch Sturm in’s Wasser geschleudert worden war.
  3. Diese Ansicht hat in letzterer Zeit vielfach die Runde durch die Zeitschriften gemacht.
  4. Nach diesen Zahlen legt ein Käfer 700 bis 1200 Eier, was aus früher schon erwähnten Umständen aber nicht der Fall sein dürfte. Die Zahl 700 ist auch in den neuesten Berichten über den Kartoffelkäfer festgehalten worden.
  5. Die Ursache dieses angeblichen Verschwindens suchte man jedoch nicht in der oben angegebenen Thatsache allein, sondern durch die gesammte Presse lief die Nachricht, die Unzufriedenheit des Czarewitsch über den langsamen Gang der Kriegführung habe selbst zu „Scenen“ zwischen ihm und seinem kaiserlichen Vater geführt, und sie seien der Anlaß zu seinem plötzlichen Verschwinden gewesen.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ndu
  2. Vorlage: Karosine