Die Gartenlaube (1877)/Heft 32

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1877
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[531]

No. 32.   1877.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Charlotte Venloo.
Von E. Werber.
(Fortsetzung.)


Wochen waren vergangen. Die Frist, welche Henry von Mistreß Harriet erbeten hatte, war ihrem Ende nahe, und er dachte nicht an die nöthigen Schritte zu seiner Verheirathung. Er war oft von einer beunruhigenden Düsterheit befallen, hauptsächlich an den Tagen, die auf seine der Astronomie gewidmeten Nächte folgten.

Ich fragte ihn nach der Ursache: „Bist Du mit Deiner Stellung am Observatorium unzufrieden?“

„Nein, im Gegentheil, sie ist in jeder Beziehung angenehm.“

„Quält Dich eine astronomische Schwierigkeit? Suchst Du eine neue Nebulose?“

Er schüttelte den Kopf. „Nichts von alle dem. Sieh, wenn ich so eine ganze Nacht in der Unendlichkeit der Himmel gewesen bin und durch diese Straße nach meiner Wohnung gehe und blicke zu dem dunkeln Erker hinauf und grüße im Geiste Charlotte Venloo, so bleibt mir die ganze Erhebung der Seele. Und gehe ich dann weiter und schließe meine Hausthür auf und denke: in einigen Wochen findest du in deinem Zimmer Harriet, deine Frau – dann sinkt der Thermometer meiner Seele auf Null, die Sterne fliehen, und ich verliere mich selbst.“

„Ich weiß,“ sagte ich, „Deine Situation wird unmöglich auf die Länge; Du mußt zu einem Entschlusse kommen, Du bist es Harriet, Dir – und Madame Venloo schuldig.“

„Wie? Glaubst Du, daß sie mich – daß ich ihr nicht gleichgültig bin?“

„Ich weiß nicht, ob ich es glaube; allein ich bin überzeugt, daß sie Dich versteht und zu lieben vermöchte. Nun mußt Du wohl auch bemerkt haben, daß ihr alle Deine Ideen sympathisch sind, daß sie Alles, was Du sagst, so eigenthümlich es auch sein mag, in sich aufnimmt, ihre Ueberzeugungen in den Deinen erlöschen läßt und sich, jedenfalls unbewußt, nichts Eigenes mehr Dir gegenüber bewahrt. Ihr beide spielt mit dem Feuer wie Kinder und merkt nicht, daß Eure Finger schon heiß werden. Gar Du! Du siehst sie mit Blicken an, welche Alles sagen, nur das nicht: ich habe eine Braut in England.“

„O, ich würde sie mit noch ganz anderen Blicken ansehen, wenn ich mir nicht stets vorsagte: du hast eine Braut in England. England! Sieh, dieses Wort, wenn ich es lese – und es steht in allen Zeitungen und in fast allen Büchern – macht mich physisch krank; – es treibt mir alles Blut zum Kopfe; es macht mir die Kniee zittern und das Herz stille stehen. Auf einer ganzen gedruckten Seite lese ich nichts als: England, England, England! – Wäre ich ein Titane, ich würde die ganze Insel in’s Meer stürzen.“

Er bebte, und seine Augen schlossen sich krampfhaft.

„Laß Dir von Mistreß Harriet das Wort zurückgeben!“ sagte ich.

„Wie kann ich das? Sie vertraut mir; sie baut auf mich; ich kann sie nicht unglücklich machen. Ich selbst wäre dann keines Glückes mehr würdig.“

„Es fragt sich, ob sie unglücklich würde. Ich kann, ohne Dich beleidigen zu wollen, nicht glauben, daß sie Dich liebe.“

„Immerhin habe ich ihr mein Wort gegeben.“

„Wenn Du nicht mit ihr brechen willst, so bleibt Dir nichts übrig, als noch in dieser Stunde von Madame Venloo zu fliehen.“

„Schweig, schweig!“ rief er und stürzte zum Zimmer hinaus.

Was war zu thun? – „Schreibe seiner Mutter!“ rief eine Stimme in mir. Sogleich entwarf ich einen Brief an sie, die Situation ihres Sohnes und seine Seelennoth schildernd. Ihre Antwort war kurz und überraschte mich durch ihre Bestimmtheit. Die vortreffliche Frau schrieb:

„Henry kann schwerlich sein Wort zurücknehmen; es wäre gut, zu wissen, ob sie unter Umständen nicht das ihrige zurücknähme. Schreiben Sie mir umgehend, ob Mistreß Stephenson französisch versteht! Drängen Sie Henry vor der Hand zu keinem Entschlusse und lassen Sie ihn zu der Dame gehen, von der Sie mir so viel Gutes sagen!“

Ich schrieb ihr noch kürzer:

„Mistreß Stephenson versteht französisch und spricht es leidlich. Sie sind ein Genie – aus Liebe.“

Ich zerbrach mir den Kopf mit allen möglichen Versuchen, Mutter Flomberg’s Plan zu errathen – ich errieth ihn nicht. Nie wird ein Mann mit all seinem Scharfsinn eine Frau an Erfindung und Kühnheit erreichen, wenn es sich darum handelt, ihr Kind oder den Mann, welchen sie liebt, aus einer Gefahr zu retten.

Zwei Tage nach unserm letzten Gespräche erhielt Henry einen Brief von Mistreß Stephenson, in welchem sie ihn bat, die Verheirathung um noch einen Monat zu verschieben, da sie ihren Bruder von den Azoren erwarte, der ihrer Trauung beizuwohnen wünsche. Henry athmete auf; ich hoffte, der liebe Bruder von den Azoren werde durch eine Windstille eine recht, recht lange Fahrt bekommen.


[532] Etwa um diese Zeit machte ich durch einen Zufall die Bekanntschaft des spanischen Gesandten, welcher mir viele Sympathie zeigte und mich und, da Henry und ich unzertrennlich waren, auch ihn in seinen engeren Kreis zog. Er war seit drei Jahren in Brüssel und vordem lange Jahre Gesandter in Schweden gewesen. Bei ihm lernten wir einen Cubaner kennen, einen Mann von großem Wissen und feiner Weltbildung. Sein Alter zu errathen war kaum möglich, da sein braunes Gesicht von Blatternarben ganz zerrissen war und die vielleicht ursprünglich schönen Züge eine entsetzliche Zusammenziehung erlitten hatten. Dieser Mann war mir nicht angenehm, Henry hingegen fühlte sich zu ihm hingezogen. Er lobte sein reiches Wissen, seinen glänzenden Witz und die Courtoisie seines Benehmens. Ich mußte dies Alles zugeben, allein ich konnte mich von dem Gefühle eines Unbehagens ihm gegenüber nicht frei machen. Was war es denn, das mich von diesem Manne abstieß? Vielleicht der durchdringende, zu sehr beharrende Blick seines tiefliegenden Auges, das dunkel und klar wie ein Kaffeetropfen war? Vielleicht die etwas stolze Art, mit welcher er sich im Gespräche gleichsam in die Mitte stellte, wie die Geisterbeschwörer thun, damit sich kein Atom ihrer Kraft über den gezogenen Kreis hinaus verliere?

Ich beschäftigte mich in meiner Jugend mit der Baukunst. Vialez, der Cubaner, bewohnte ein kleines Haus, in welchem er einige Veränderungen vorzunehmen wünschte; er hatte sich entschlossen, Brüssel für mehrere Jahre, wenn nicht für immer, zu bewohnen. Ich konnte seine Bitte, das Haus anzusehen und ihm meine Ansicht über seinen Plan zu sagen, nicht ausschlagen. Es ist unnöthig, daß ich von diesem Plane spreche. Nachdem er mich in die auf der Rückseite des Hauses liegenden Zimmer geführt, sagte er, ein Fenster öffnend: „Diese Zimmer sind die angenehmsten; sie haben die Aussicht auf ein sehr altes, interessantes Haus und,“ fügte er lächelnd hinzu, „auf eine allerliebste kleine Blondine, welche Spitzen klöppelt und hinter dem Rücken ihrer Mutter Grimassen schneidet.“

Ich blickte hinüber: es war das Haus, welches Madame Venloo bewohnte. Diese Entdeckung war mir unangenehm. Warum? Wer erklärt die Kräfte, welche in der menschlichen Seele liegen? Wer erklärt, was es ist, wenn plötzlich, wie ein Blitz, das Gefühl einer Gefahr in uns ersteht, ohne Anhaltspunkt, ohne Grübelei, ohne Vorbedacht, aber sicher und unabweisbar und nie umsonst?

„Kannten Sie dieses Haus schon?“ frug Vialez und zeigte hinüber.

„Ja wohl! Welcher Architekt in Brüssel sollte es nicht kennen? Es ist eine Studie, eine köstliche Studie!“

„Ich habe einen jungen Menschen bei mir, der weniger als mein Freund und mehr als mein Diener ist; ihm habe ich diese Zimmer überlassen. Er ist entschlossen, die Blondine zu erobern und hat schon eine Zeichen-Correspondenz mit ihr angefangen,“ sagte Vialez lachend.

Da ich von Caspar Raick’s Ehrenhaftigkeit überzeugt war, theilte ich ihm noch denselben Tag mit, was Vialez mir gesagt. Er hörte mich ruhig an und sagte dann, mir die Hand drückend: „Ich bin ein unglücklicher Mann und könnte doch so glücklich sein. Wenn Sie wüßten, welche Sorgen Marion mir macht! Sagen Sie Madame Venloo nichts! Sie macht sich schon genug Sorgen um das Mädchen. Denise ist so schwach. Marion kann keinen Respect vor ihr haben, und für mich hat sie wenig Zuneigung; sie kennt mich ja erst seit einem Jahre. Ich frage mich oft, ob ich recht that, als ich nach Spanien ging, ein ein kleines Vermögen für sie zu sammeln. Sie hat auch keine Zuneigung für Madame Venloo, und dies ist mein größter Kummer.“




Madame Venloo hatte den Wunsch geäußert, einmal einige Stunden der Nacht im Freien mit einem guten Fernglase zuzubringen.

So fuhren wir eines Abends mit ihr und Caspar durch das Wäldchen von Boustré gegen Salaert hinaus. Die Nacht kam herab; im Westen zog sich über der schwarzen Linie des Wäldchens ein dunkel verglühender Purpurstreifen hin, den eine orangenfarbige Wolkenschicht von dem grünblauen Himmel trennte, in welchem schon einzelne Sterne flimmerten. Es hatte gegen Abend ein wenig geregnet; die Erde hauchte noch den köstlichen Duft des durchfeuchteten Staubes aus; im Grase glomm da und dort das phosphorische Licht des Johanniswürmchens. Die Vögel schliefen; die Stille war so wunderbar, daß das Geräusch unserer Wagenräder wie ein häßlicher, abscheulicher Mißton in unser Ohr drang. Wir fuhren etwa eine halbe Stunde über das Dorf Salaert hinaus und stellten die kleinen Feldstühle, welche wir mitgenommen, sowie den Fuß des Fernglases am Rande einer Wiese auf. Wir hatten einen weiten Himmel über uns, und er hatte jetzt seine strahlenden Räthsel alle aufgedeckt. Madame Venloo interessirte sich nicht für den Mond. „Ich habe ihn als Kind so sehr gefürchtet, daß mir eine Art Abneigung gegen ihn geblieben ist; zeigen Sie mir Saturn und Jupiter und die fernen Sonnen!“ sagte sie zu Henry. Ich bemerkte in ihren Zügen etwas, das ich nicht durch Worte bezeichnen kann; es war etwas, das zu sagen schien: Warum kämpfe ich gegen mein Herz? Ich will nicht mehr kämpfen; die Sterne, die Unendlichkeit rufen mir zu: liebe!

Henry war wie entzündet. Er richtete das Fernglas, führte Madame Venloo hinzu und nahm, wenn sie den Stern nicht fand, ihr Haupt in beide Hände und rückte es sanft, bis ihr Auge auf den Stern traf und sie ein mehrfaches „Oh!“ der Bewunderung ausrief. Dann erklärte er ihr, was man damals von jenen Sternen wußte, und seine Stimme zitterte vor Glück. Seine Rede ward eine Flamme – er hielt immer den feinen Kopf in seinen Händen, und Charlotte Venloo schien diese Gefangenschaft nicht hart zu finden. Ich glaube heute noch, daß sie weit öfter die Augen schloß und sich dem magnetischen Einflüsse von Henry’s Händen hingab, als die Sterne betrachtete.

Wie sie vom Fernglase wegging, beide Hände auf die Brust gedrückt, und ich sagte „Sie sind bewegt?“ da ward sie roth, als stünde sie unter Arkturus’ Flammen, und sagte stammelnd:

„Wie könnte der, welcher eine Seele hat, bei einem solchen Anblicke unbewegt bleiben! Blicken Sie durch das Fernglas und sehen Sie da, wo Sie mit freiem Auge einen Stern sahen, Hunderte, Tausende von Sternen, und zittern Sie nicht, wenn Sie’s vermögen!“

Später sagte sie zu Henry: „Wie stark sind Sie, daß Sie im Umgange mit den Sternen noch die Erbärmlichkeiten unserer Existenz, unserer Gewohnheiten ertragen! Daß Sie noch essen können, ohne sich ein Gräuel zu sein, daß Sie noch Frack und Handschuhe anziehen und bei Hofe Ihre Aufwartung machen können und – und die Soldaten exerciren sehen, ohne vor Lachen umzusinken!“

„Hat die Erde nicht auch ihre Poesie? Hat sie nicht die Musik und – die Liebe?“ fragte Henry.

Charlotte Venloo fand für gut, auf diese Frage nicht zu antworten. Sie setzte sich auf ein Feldstühlchen und ihre Augen schienen nach innen zu blicken.

Caspar Raick, welcher inzwischen auch durch das Fernglas geschaut hatte, faltete seine Hände und sagte mit trauriger Demuth:

„O Gott, wie viel größer bist Du, als ich in meiner Einfältigkeit glaubte!“

Henry hatte seine Geige mitgenommen; er holte sie aus dem Wagen, und nun ertönten ihre Klänge durch die Stille der Nacht wie eine Hymne an die Sterne und – an die Liebe. O Musik, welche Sprache könnte dir verglichen werden, du allerreinster, allersüßester, allermächtigster Ruf der eingekerkerten Seele!

Wir lauschten der Geige in stiller Ekstase; die Geige gab uns Thränen und gab uns Flügel. Henry stand vor uns wie ein höheres Wesen, und die Sterne über uns flimmerten und zuckten mit himmlischem Feuer.

Plötzlich weckten uns Schritte. Henry’s Bogen glitt mit einem schrillen Laute über die Saiten herab; ich blickte um mich: zwei Männer schritten zur Wiese her, und der Eine von ihnen sagte mit einer Stimme, die mir bekannt schien:

„Lassen Sie sich nicht stören! Bitte, erlauben Sie, daß wir zuhören!“

Charlotte Venloo, welche neben mir saß, stand auf, that zwei schwankende Schritte gegen Henry, streckte die Hände aus – und sank zur Erde.

Wir hoben sie auf. Sie war ohne Bewegung, ohne Bewußtsein.

„Mein Gott! Es war zu viel Erregung für sie,“ stammelte Henry.

[533] „Schnell in den Wagen!“ sagte Caspar Raick, der an allen Gliedern zitterte und gespenstisch weiß geworden war.

Wir trugen sie zum Wagen, an den beiden Männern vorüber.

„Die Dame ist unwohl geworden? Lassen Sie mich Ihnen helfen!“ sagte Vialez, den ich jetzt erkannte.

Caspar Raick zog mit bebender Hand der Ohnmächtigen Tuch über ihr Gesicht. Henry hielt sie im Wagen in seinen Armen und Caspar stellte sich davor, während ich Geige, Fernglas und die Stühle mit Vialez’ und seines jungen Begleiters Hülfe holte.

„Welch toller Einfall,“ sagte Vialez lachend, „gleich Arabern den Sternen etwas vorzusingen! Und auch ein Fernglas haben Sie mitgenommen? Und Stühle?! Sie wollten wohl die ganze Nacht hier bleiben? Ah, zu viel Poesie ist schädlich. Sie haben den Beweis davon gesehen – Ihre Dame wurde ohnmächtig.“

„Die Dame ist nicht meine Dame,“ sagte ich verweisend; er war mir unerträglich in diesem Augenblicke. Endlich hatte ich Alles in den Wagen gebracht und stieg hinein. Wir fuhren davon; Henry hielt die noch bewußtlose Charlotte im Arme und feuchtete ihre Stirn und Schläfen mit einem Tuche, welches ich in’s thauige Gras gedrückt hatte.

So plötzlich, so unerklärlich plötzlich war die Störung gekommen. Ich sann und fragte mich: „Was war das?“




„Marion, wie befindet sich heute Madame Venloo?“ fragte ich am folgenden Morgen das Mädchen und faßte sie scharf in’s Auge. Es war mir in der Nacht plötzlich eingefallen, daß, als wir am Rande der Wiese hielten und ausstiegen, eine Kutsche hinter uns und an uns vorbeifuhr; ich dachte nun, Vialez’ Erscheinen bei der Wiese sei vielleicht kein Zufall gewesen.

Marion war stark; sie hielt meinen Blick ohne Erröthen aus. „Madame Venloo scheint wohl zu sein; sie ist schon ausgegangen.“

„Schon ausgegangen? Ah! – Seien Sie nicht so entsetzlich fleißig schon am frühen Morgen,“ sagte ich, nahm ihr das Klöppelkissen von den Knieen und setzte es auf die meinigen.

Sie lachte: „Wollen Sie mir zeigen, wie ungeschickt Sie sind? Es ist nicht nöthig – ich glaube es ohnedies.“

„Marion, Marion! – Ihre Spitze ist seit acht Tagen nur um ein kleines, kleines Stückchen länger geworden, und doch sitzen Sie immer und klöppeln – oder thun Sie vielleicht nur so?“ Ich nahm ihre kleinen blutreichen Hände in die meinen und küßte sie.

Mit einem raschen Blicke sah sie hinüber zu Vialez’ Hause; da sie wahrscheinlich Niemanden am Fenster sah, ließ sie mir ihre Hände, und ich drückte noch einen Judaskuß darauf.

„Sagen Sie, Marion, warum ist Ihre Spitze in acht Tagen nur um ein so kleines Stückchen länger geworden? Sind Sie verliebt?“

Sie erröthete leicht. „Arbeitet man denn weniger, wenn man – wenn man verliebt ist?“

„Viel weniger, Marion, viel weniger! Man arbeitet fast gar nicht mehr.“

„Wirklich? Was thut man dann?“

„Man denkt immer an die liebe Person; man träumt von ihr den ganzen Tag, und wenn man kann, so schaut man oft zu ihr hinüber und – dies ist ganz gewiß – man meint, Andere bemerken es nicht.“

Marion's Hände wurden kalt und feucht – ich ließ sie nicht los.

„Dies sind Dinge, die ich nicht kenne und nicht verstehe,“ sagte die kleine Heuchlerin mit einem Blicke über die Hofmauer; „ich bin noch zu jung, viel zu jung dazu.“

„Wie alt sind Sie denn, Marion?“

„Siebenzehn Jahre.“

„Siebenzehn! Schon siebenzehn! O, mit siebenzehn Jahren darf ein Mädchen sich verlieben, Marion; ich darf Ihnen das sagen, ich bin ein alter Mann mit grauem Haare.“

Sie sah mich von unten herauf an. „Man könnte meinen, Sie hätten sich die Haare grau gefärbt, um jungen Mädchen so etwas sagen zu dürfen.“

„Nein, nein, Marion, ich bin alt, fast noch einmal so alt, wie Sie. Wie alt ist denn Madame Venloo?“

„O, Madame Venloo ist nicht mehr jung; sie ist schon fünfundzwanzig Jahre alt.“

„Schon fünfundzwanzig Jahre? Das ist freilich sehr alt. Sie sieht noch jung aus –“

„Finden Sie Madame Venloo schön?“ Bei diesen Worten wurde wie mit einem Zauberschlage ihr siebenzehnjähriges Gesicht recht häßlich alt.

„Schön? Nein, Madame Venloo ist nicht schön, aber sie ist sympathisch und interessant.“

Marion biß sich in die Unterlippe: „Ja – ja, die Herren finden die Damen interessant, die in Ohnmacht fallen; das könnte ich auch zuwege bringen, wenn es sein müßte.“

„Wenn es sein müßte? Glauben Sie denn, Madame Venloo sei gestern nicht wirklich in Ohnmacht gefallen?“

„Ich weiß es nicht. Ist sie schon andere Male in Ohnmacht gefallen, wenn Herr Flomberg auf der Geige spielte?“

„Nein; sie ist auch nicht durch das Geigenspiel ohnmächtig geworden.“

„Wodurch denn?“

Der ironische Ton ihrer Frage befriedigte mich; er bestätigte meine Vermuthung. „Vielleicht durch die Nachtluft oder durch zu langes durch das Fernrohr schauen, vielleicht auch durch das plötzliche Dazwischentreten zweier Herren; es ist möglich, daß dies sie erschreckt hat. Sie lächeln, Marion? Sie glauben es nicht?“

„O doch, ich halte dies für möglich, für wahrscheinlich,“ sagte sie mit gewissem Nachdrucke.

„Sie sind ein außerordentlich verständiges Mädchen, Marion; man kann mit Ihnen über Alles sprechen.“ Ich drückte meinen dritten Judaskuß auf ihre rothen Händchen. „Es ist wirklich schade, daß Sie gestern nicht mit uns fuhren; die Nacht war wunderschön, und gar der Himmel! Vielleicht hätten Sie uns auch sagen können, woher so still und so plötzlich die beiden Herren kamen –“

Ihre Hände zuckten in den meinen, aber ihre Wimper zuckte nicht, als sie mit künstlichem Lächeln sagte: „Wie hätte ich dies wissen können?“

„O, Sie haben gute Augen, gute – und schöne Augen, Marion. Sie sind sehr klug, und wer weiß? Sie könnten vielleicht Manches sagen, wenn Sie nur wollten, zum Beispiel wer die Herren sind –“

„Sie irren,“ sagte sie ausweichend, „ich kenne die Herren nicht.“

„Das ist auch unnöthig, Marion – ich kenne sie.“

Das traf. Sie blickte zur Seite, krampfhaft athmend, und versuchte, mir ihre Hände zu entziehen; ich hielt sie fest. „Denken Sie nur, Marion, es waren Ihre Nachbarn von da drüben, Herr Vialez und sein – Bedienter, ein junger hübscher Mensch, braun wie ein Zigeuner, Sie haben ihn gewiß schon oft am Fenster gesehen, nicht? Herr Vialez wollte auch die Sterne sehen; welcher Zufall, gerade in derselben Nacht, da wir sie sehen wollten und – und sogar an derselben Stelle, über zwei Stunden weit von Brüssel – ist es nicht ein merkwürdiger Zufall, Marion?“

„Lassen Sie mich! Mir wird unwohl,“ sagte sie.

Ich wußte genug. Madame Denise rufend, verließ ich Marion, für welche, eher als sie gedacht, die Stunde gekommen war, in welcher sie eine Ohnmacht zuwege bringen sollte.

Caspar mußte unbedingt von meiner Entdeckung unterrichtet werden, da er aber mit Madame Venloo ausgegangen war, so suchte ich vorläufig Henry auf.

„Eben wollte ich zu Dir gehen,“ rief er mir entgegen und reichte mir einen offenen Brief. Ich sah meinen Freund mit Erstaunen an; sein Auge leuchtete von Muth und Glück, und auf seinen Lippen ruhte eine selige Zuversicht.

„Was hast Du?“ fragte ich.

„Lies, so lies doch!“

Der Brief war von Mistreß Stephenson:

„Werther Master Flomberg! Ihre gute Mutter hat mir ein Buch geschickt, welches Sie vor zwei Jahren verfaßt haben. Sie wollte mir eine große Freude dadurch bereiten, aber ich bin gezwungen Ihnen zu sagen, daß mir das Buch nicht gefällt. Ich bin im guten alten Christenglauben erzogen worden, und die vielen heidnischen Dinge in Ihrem Buche entsetzen mich. Ich kann nicht die Frau eines Mannes werden, der nicht Alles glaubt, was ich und alle guten Christen glauben, auch würde mein Bruder, welcher, wie Sie wissen, Geistlicher ist, Sie niemals als seinen Schwager anerkennen. Seien Sie überzeugt, daß ich etc.“

[534] „Danke Deiner Mutter!“ sagte ich zu Henry, „sie schickte Mistreß Stephenson Dein Buch, weil sie seine Wirkung voraussah.“

Seine Augen füllten sich mit Thränen; er setzte sich an seinen Tisch und schrieb an seine Mutter. Eine Stunde später ging er zu Charlotte Venloo; ich blieb in der untern Stube, Caspar Raick erwartend, der, nachdem er Madame Venloo nach Hause begleitet hatte, nochmals ausgegangen war. Mit dem Auge die Höhe der Hofmauer messend, erkannte ich, daß ein gewandter Mensch sie leicht erklimmen konnte, da sie nicht nur weniger als acht Fuß hoch war, sondern auch durch die Ungleichheit und Rauhheit der Steine dem Fuße genügenden Anhalt gab. Ich mochte eine halbe Stunde gewartet haben, als Henry hereintrat; ich erschrak – er sah zerstört aus; sein Gesicht, starr und weiß, war wie verkalkt. Er nahm meinen Arm und zog mich aus der Stube, aus dem Hause und über die Straße. In meinem Zimmer angekommen, zog ich ihn auf den Divan, setzte mich zu ihm, und faßte seine Hände, die eiskalt waren. Er sprach lange kein Wort, dann stieß er finster heraus: „Sie will mich nicht.“

„Sprich, was ist geschehen?“

„Sie will mich nicht,“ wiederholte er und sah vor sich nieder.

„Henry, ich bitte Dich, sage mir, was ist geschehen? Komm zu Dir!“

Er schüttelte traurig mit dem Kopfe. Nach einer grausam langen Viertelstunde begann er wieder:

„Sie saß in der Ecke, an meinem Lieblingsplatze; ich setzte mich ihr zur Seite auf den kleinen Stuhl, den sie gestickt hat. Lange blieb ich stumm, nachdem sie auf meine Frage, ob sie sich ganz erholt habe, mit bebender Stimme ‚O ja‘ geantwortet. Das Herz klopfte mir so stark, daß ich fast keine Stimme hatte, als ich sagte:

‚Haben Sie gestern einen Stern gefunden, auf welchem Sie Ihre nächste Existenz, Ihre nächste Phase durchleben möchten?‘

‚Ja, den Arkturus,‘ antwortete sie sehr leise.

‚Arkturus ist auch mein Lieblingsstern,‘ sagte ich mit Anstrengung; sie sah zur Erde:

‚Arkturus ist wohl sehr weit von uns?‘ frug sie matt.

‚Ja, sehr weit; sein Licht braucht zweiundzwanzig Jahre, bis es zu uns gelangt.‘

‚Arkturus’ System,‘ sagte sie, ‚ist vielleicht so hoher Art, daß ich trotz allen Strebens der Incarnation noch nicht würdig sein werde, nach diesem Dasein auf einem seiner Planeten oder gar auf ihm selbst zu leben.‘

‚O, streben Sie nicht nach zu großer Vollkommenheit!‘ bat ich, ‚ich bin so unvollkommen. Und der Gedanke, für ein anderes Leben von Ihnen getrennt zu werden, ist – er könnte mich um den Verstand bringen.‘

Es ging ein Schauer über ihre ganze Gestalt; mir hämmerten die Schläfe und das Herz, ich rang nach Worten und fand sie nicht. Endlich stammelte ich:

‚Denn – denn es genügt mir nicht einmal, mit Ihnen denselben Planeten zu bewohnen – ich möchte – wie die Luft dem Feuer sich verwebt, so möchte ich mich Ihnen, schönste, edelste Frau, verweben.‘

Und ich sank vor ihr auf’s Knie. Sie bedeckte ihr Angesicht mit beiden Händen und streckte dann, sich zurückbeugend, beide Hände abwehrend gegen mich aus. Ich ergriff sie im Taumel, diese zitternden Hände und bedeckte mein Angesicht damit. Meine Seele war im Fieber, im himmlischen Fieber; ich fand keine Worte, keinen Athem – ich trank, ich trank ihre Seele aus ihren Händen. O! o, ich war doppelt, hundertfach, tausendfach! Da, da tönte, schwach wie die Klage eines sterbenden Opfers, ihre Stimme:

‚Lassen Sie mich – lassen Sie mich! Ich werde die Ihre nicht.‘

Wie der Tod die Kraft der Muskeln bricht, so brach mich ihr letztes Wort. Meine Hände ließen die ihren und sanken auf ihren Schooß. Ich hatte nicht den Muth, sie anzusehen.

‚Können Sie das letzte Wort noch einmal sagen?‘ lallte ich.

‚Nicht‘, stieß sie hervor, und ihr Ton war gebrochen.

Jetzt sah ich sie an – ihr liebes Angesicht war weiß und starr, ihre Augen geschlossen.

‚Leben Sie wohl, Charlotte!‘ sagte ich und drückte meine kalten Lippen auf ihre kalte Stirn.

Sie zuckte und sagte mit derselben gebrochenen Stimme:

‚Gehen Sie!‘ Und da – da ging ich.“

Er schwieg jetzt. Ich hatte nicht den Muth, ihm irgend Trost zu geben; ein wahrer Schmerz läßt sich nicht trösten. Allein ich hoffte für Henry, weil ich die Vermuthung in mir trug, ein Gespräch mit Caspar Raick werde mir Aufklärung über den gestrigen Vorfall und über Madame Venloo’s Vergangenheit geben. Ich war überzeugt, daß Charlotte Henry liebte; Caspar konnte mir gewiß sagen, warum sie meinen Freund ausschlug. Hatte sie vielleicht ein Gelübde gethan, sich nicht wieder zu verheirathen? Hatte sie Vialez früher gekannt und ihn ausgeschlagen, und fürchtete sie seine Rache?

„Ich bin ruhelos, um hier zu bleiben; ich muß gehen, laufen, rennen,“ sagte Henry und riß die Thür auf.

„Laß mich mit Dir gehen!“

„Nein, ich will allein sein. Erwarte mich nicht vor Abend!“ rief er und verließ mein Zimmer.

Zweimal ging ich hinüber, um Caspar zu sprechen; beide Male traf ich ihn nicht. Caspar, wo bist Du? Ich kann Deine Tochter nicht einsperren, aber Du kannst, und Du mußt es. Mit einer unbezwinglichen Angst lief ich von einer Straße in die andere; zum dritten Male ging ich zu Madame Denise, nach Caspar zu fragen; er war noch nicht zurück.

„Haben Sie denn keine Ahnung, wo er sein könnte?“ fragte ich seine Schwester.

„Nein,“ sagte sie. „Er ging, nachdem er Madame Venloo zurückgebracht, und ohne nur einen Bissen zu essen; er muß wichtige Geschäfte haben.“

Als ich wieder in meine Stube trat, fand ich Henry schlafend auf dem Bette liegen. Mit aller Vorsicht setzte ich mich in’s Fenster und beobachtete den Erker; ich glaubte einen Vorhang sich bewegen zu sehen; Madame Venloo war wohl in ihrem Schlafzimmer. Nach und nach dunkelte es, und ich versank in Träume. Ich sah Charlotte mit offenen Augen auf dem weißen Pfühle liegen, die Hände auf’s Herz gedrückt; die rothe Ampel schimmerte durch die blaßgrünen Gardinen des Bettes und warf Lichtstreifen auf den Pfühl und auf Charlotte’s blasses Gesicht. Ich hörte Henry’s Geige und sah die Wiese bei Salaert und die dunkle, geschlossene Form der Obstbäume, welche sie begrenzen; ich sah den Himmel voll funkelnder Sterne, die blaue Wega und den feurigen Arktur und meinen schwarzen Stern auf dem Feldstühlchen; ich hörte das Brausen des Meeres und fühlte Charlotte’s weiche Gestalt in meinem Arm und schwamm mit ihr durch die Wogen und ertrank mit ihr, und unsere Seelen lösten sich vom Wasser und stiegen empor, empor, einer silbernen Sonne entgegen, die immer größer wurde, aber nicht heißer, sondern kälter, und wir stießen auf die Eissonne und Charlotte that einen Schrei.

Ich fuhr aus meinen Träumen auf und rieb mir die Stirn; da gellte dumpf der gleiche Schrei durch die Finsterniß von der Straße her, von drüben her – Henry fuhr vom Bette auf: „Es hat Jemand geschrieen,“ sagte er und riß ein Fenster auf. Noch ein Schrei. – „Das ist Charlotte!“ Wir stürzten Beide aus dem Zimmer. In weniger als einer Secunde läuteten wir an Madame Venloo’s Hause; Denise öffnete und schlug ein Kreuz: „Ich wollte Sie eben holen. Jesus und Maria! Madame Venloo wird ermordet; sie schreit, und ihr Zimmer ist von innen geschlossen.“

Ich sprang in die Küche und nahm eine Axt; Henry war schon oben und versuchte mit der Ferse die Thür zu Charlotte’s Zimmer einzustoßen; nach drei Axthieben sprang sie auf.

(Fortsetzung folgt.)



[535]
Die Gartenlaube (1877) b 535.jpg

Schloß Kriebstein.
Nach der Natur aufgenommen von Adolf Neumann.

[536]

Der Absynth.
Eine Warnung, von F. A. Stocker.


Der Canton Neuenburg ist wohl einer der interessantesten Cantone der ganzen Schweiz. Kann er sich auch nicht mit der großen Alpenwelt messen, so bieten dagegen seine Jura-Berge und seine Thäler unendlichen Reiz, der um so größer ist, je mehr sich die eine Gegend wieder von der andern durch die Mannigfaltigkeit ihrer Gestaltung unterscheidet. Locle und Chauxdefonds, das Traversthal haben mit den lieblichen Partien am See nichts gemein, und doch sind dort die Anziehungspunkte so mächtig, daß eine zahlreiche Bevölkerung, die von Jahr zu Jahr sich mehrt, sich die heimeligsten Stätten daselbst errichtet hat. Es ist die Industrie, welche prächtige Wohnsitze gebaut und das rauhe, aber malerische Land zu einem gewerbliche Arkadien umgeschaffen; nicht die rußige, rauchige Industrie der großen Städte mit ihren geschwärzten Essen und Schlöten, sondern das leichte, glänzende und flimmernde Gewerbe der Uhrenfabrikation, die ihre Producte mit weltberühmten Namen über alle Meere sendet.

Doch wir wollen uns heute nicht mit derselben befassen, sondern einer andern Industrie gedenken, die aus kleinen Anfängen einen ungeahnten Aufschwung genommen hat und unsere Beachtung verdient, obschon der Mißbrauch, der mit ihr getrieben wird, schwer auf der dortigen Arbeiterbevölkerung lastet.

Der Sitz dieser Industrie, von der wir sprechen wollen, liegt in dem langen, breiten, wilden und schönen Traversthale, bekannt durch seine seit mehr denn hundert Jahren in Betrieb stehenden Asphaltgruben, die seit dreißig Jahren gegen eine Million Centner Asphalt geliefert haben, und durch seine – Absynth-Fabrikation. Diese letztere Industrie hat ihren Anfang in Couvet genommen, dem Geburtsorte des berühmten Mechanikers Ferd. Berthoud, des Erfinders der See-Uhren für geographische Längenbestimmungen. Couvet hatte Anfangs der fünfziger Jahre erst 1700 Einwohner, nach der Volkszählung von 1870 zählt es 2222, meist Protestanten, die sich zum Theil namentlich mit der Fabrikation von Uhrmacherwerkzeugen beschäftigen.

Die Fabrikation des Absynth im Val de Travers reicht in die letzten Jahrzehnte des achtzehnten Jahrhunderts zurück. Wie ein französischer Arzt, Arnold de Vilneuve, es war, der im vierzehnten Jahrhundert die Darstellung von Weingeist durch Destillation des Weines lehrte und den Branntwein in gewissem Sinne als Universalmittel (Lebenselixir) erachtete, so stammt auch die erste Anwendung des Absynth von einem französischen Arzte her. Die Geschichte dieses Getränkes ist lehrreich und nach zuverlässigen Quellen folgende:

Ein französischer Flüchtling, der Arzt Dr. Ordinaire, wählte Couvet zum Aufenthaltsorte seiner Verbannung und seiner ärztlichen Thätigkeit. Er war für seine Zeit ein talentvoller Arzt und leistete dem ganze Traversthale, in welchem die medicinische Kunst noch eine ziemlich unbekannte Sache war, wesentliche Dienste. Mit der Ausübung der Medicin vereinigte er den Beruf eines Apothekers, wie es damals zu Stadt und Land oft üblich, wenigstens geduldet war. Panaceen verschmähte er keineswegs, und namentlich stand ein Universalmittel bei ihm in hoher Gunst, welches er aus aromatischen Kräutern selbst bereitete und dessen Zusammensetzung er allein kannte.

Viele Leute erklärten sich in Folge des Gebrauchs dieses Heilmittels, das nunmehr den Namen „Wermuthextract“ erhielt, vollkommen von ihre Leiden befreit, und der Arzt konnte nichts Anderes thun, als die wiederholten Gebrauch des Mittels anempfehlen. Aber leider, so vielfach dasselbe auch half, ihm selbst konnte es nicht über die Schwelle des Todes hinüberhelfen, maßen gegen den Tod kein Kräutlein gewachsen ist.

Vor seinem Ende vermachte Ordinaire das geheimnißvolle Recept seinem Dienstmädchen, der Mamsell Grandpierre. Diese verkaufte das Mittel den Töchtern des Lieutenants Henriod, welche selbst die benöthigten Kräuter und Pflanzen in ihrem Garten pflegten und zogen und die Destillation des Liqueurs am Küchenherde besorgten. Diese Art der Fabrikation des Elixirs erzeugte nur wenig, und der Verkauf desselben geschah, wie bei den Thüringer sogenannten Olitätenhändlern und Balsamträgern, auf dem Wege des Hausirhandels.

Zu Anfang dieses Jahrhunderts ging das Recept durch Kauf an Herrn Pernod Sohn in Couvet über, und von diesem Augenblicke an kam das „Extrait d'Absynthe“ in den Handel. Die ersten Geschäftsleute, welche sich dieses Artikels bemächtigten, waren Dubied, Vater und Sohn, und ihr Verwandter Henri Louis Pernod, Sohn, alle Drei in Couvet. Allerdings fabricirten die beiden Häuser noch in zierlich beschränktem Maßstabe; der Bedarf war weder groß noch allgemein und der Mangel an den benöthigten aromatischen Kräutern ein nächstes Hinderniß für die Entwickelung der Fabrikation. Dubied und Pernod hatten keine andere Bezugsquelle für ihre Ingredienzien als ihre eigenen Gärten. Nach und nach wurde aber die Nachfrage nach dem „Extrait d'Absynthe“ stärker und damit auch die Cultur der Kräuter umfangreicher.

Im Jahre 1830 schätzte man die Einnahme für die Wermuthpflanzungen in den vier Gemeinden Couvet, Môtiers, Fleurier und Buttes auf tausend bis zwölfhundert Louisd'or, und man rühmte einem Privatmanne von Couvet nach, daß er allein für zweitausendfünfhundert Franken verkauft habe. Von diesem Zeitpunkte an nahm die Cultur der Absynthpflanzen einen immer größeren Umfang an, und heute ziehen die Eigenthümer von ihren Absynthfeldern in Couvet bedeutende Einkünfte. Das Dorf Boveresse verkauft jährlich für mehr als sechstausend Franken, Môtiers und Couvet in ähnlichen Verhältnissen. Die Landwirthschaft wird durch diese Cultur sehr begünstigt; ist der quantitative Ertrag gering, so sind die Preise hoch, ist der Ertrag reichlich, so gewinnen die Bauern wiederum durch die Menge.

Im Jahre 1810 hatte einer der hauptsächlichsten Fabrikanten auf seinen ersten Reisen nach Paris nur sechs Kunden zu besuchen, als er aber, reich geworden, sich vom Geschäfte zurückzog, zählte er sie zu Hunderten. Man schätzt heute die Quantität Absynth, welche die Fabriken des Traversthales liefern, auf 370,000 Liter, ein im Verhältniß zu der dabei beschäftigten Arbeiterzahl bedeutendes Ergebniß.

Das Kraut (Artemisia Absynthium), aus dem der Absynth zunächst bereitet wird, ist ein durch ganz Mitteleuropa auf steinigen Anhöhen, wie auch in Gärten vorkommendes Gewächs, das zwei bis vier Fuß hoch wird; sein Stengel ist holzig, die Wurzel ist ausdauernd; es fällt namentlich auf durch seine geschlitzten, graufilzigen Blätter und gelbe überhängende Blüthenköpfe. Das Wermuthkraut hat frisch wie getrocknet einen eigenthümlichen, stark würzhaften Geruch und intensiven bittern Geschmack. Die Pflanze enthält einen harzigen und einen krystallisirbaren Bitterstoff, verschiedene Salze und ein ätherisches Oel (Oleum Absynthii), das den Geruch der Pflanze hat, scharf aromatisch und weniger bitter schmeckt. Die Verwendung der Pflanze ist eine doppelte: einmal wird ihre Blüthe gesammelt und getrocknet und in den Apotheken zur Bereitung von Tincturen und Extracten gegen Magenleiden gehalten; und zweitens wird der Extract derselben mit anderen aromatischen Zuthaten als Absynthliqueur verwertet. Die Absynthliebhaber sind namentlich in Frankreich, England, Nordamerika, der Schweiz und auch Deutschland häufig, obgleich die nachtheilige Wirkung des Getränkes auf das Nervensystem von der Erfahrung hinlänglich nachgewiesen ist.

Fast zahllose wissenschaftliche Untersuchungen haben sich bis jetzt vergeblich bemüht, den unwiderstehlichen Reiz zu erklären, welcher die Absynthtrinker an dieses schädliche Getränk fesselt. Dagegen ist es hinsichtlich der Folgen rationell, anzunehmen, daß das Gift des Absynths auf das Gehirn im Speciellen und auf das Nervensystem im Allgemeinen ähnlich wirkt, wie das Gift des Tabaks und des Opiums. Die fortwährende Einwirkung der giftigen Substanz auf das so außerordentlich zarte Gehirnnetz führt schließlich zu materiellen Aenderungen der Structur dieses Organs, und es ist wohl selbstverständlich, daß diese Störungen in der Gehirnthätigkeit traurige Veränderungen in allen intellectuellen Thätigkeiten hervorbringen müssen.

Thierische Rohheit, Stumpfsinnigkeit, Wahnsinn und theilweise oder völlige Lähmung der Organe sind das unausweichliche Ende der Absynthtrinker, die dieses Gift in größerer Menge genießen, falls nicht eine Leber- oder Magenkrankheit ihrem Zustande ein rascheres Ende bereitet. In der That ist dieser Liqueur [537] um so verführerischer und schädlicher, als er die Verdauungsorgane scheinbar, und momentan belebt und kräftigt, in Wahrheit sie aber schädigt und zerstört.

Dr. Dehaut, dem wir den medicinischen Theil dieser Belehrung verdanken, sagt: „Ein fernerer Umstand bei Beurtheilung der Wirkungen dieses Getränkes ist der, daß die Opfer desselben bis zum Tage, an dem irgendeine Krankheit sich deutlich zu erkennen giebt, scheinbar einer ausgezeichneten Gesundheit sich erfreuen; daß aber der Arzt bei der ersten Untersuchung den ganzen Organismus gestört findet. Nichts ist schwieriger, als einen Absynthtrinker zu curiren, denn seine erste Krankheit in diesem Zustande ist gewöhnlich auch seine letzte: sie hat den Tod im Gefolge.“

Unterrichtete und wohlmeinende Männer betrachten nur mit Beunruhigung die reißenden Fortschritte, welche die Leidenschaft des Absynthgenusses in Deutschland und der Schweiz, namentlich in der romanischen Schweiz, macht. Es ist dies um so peinlicher, als man andererseits anerkennen muß, daß die öffentliche Gesundheitspflege es dahin gebracht hat, die mittlere Lebensdauer zu verlängern. Mit großer Genugthuung muß man daher die Bestrebungen aufnehmen, die gerade in der romanischen Schweiz gegen die Trunksucht in’s Werk gesetzt werden. Wenn sie auch noch keine Erfolge aufzuweisen haben, so ist schon der Weg der Erkenntniß, wenn er rechtzeitig beschritten wird, selbst ein Erfolg.

In Frankreich wirkt ein im Jahre 1871 gegründeter Mäßigkeitsverein, der, fern von frömmelnden Tendenzen, der Verthierung der menschlichen Race und der Vermehrung der Geisteskranken durch Anleitung zu rationeller Lebensweise entgegen arbeitet, mit sichtlichem Nutzen. An der Spitze des Unternehmens stehen der Akademiker Dumas, der Irrenarzt Dr. Limier, sowie andere Aerzte und Gelehrte. Der Verein belohnt alljährlich mit silbernen und kupfernen Medaillen sammt Sparcassenbüchern eine gewisse Anzahl von Individuen, Kutscher, Fabrikarbeiter, Krankenwärter in den Spitälern und andere mehr, denen ihre Dienstherren, Arbeitgeber und Vorgesetzten das Zeugniß ausstellen, daß sie sich während einer Reihe von Jahren nie betrunken haben. So wurden in dem Jahr 1875 einundvierzig Personen auf diese Weise belohnt.

Zum Unterschiede von den englischen und amerikanischen Vereinen sind die Frauen grundsätzlich von dieser Auszeichnung ausgeschlossen, weil diejenigen, welche sich betrinken, Auswüchse der Gesellschaft sind, die Mäßigen und Anständigen aber nicht als Ausnahmen behandelt werden dürfen. Außerdem befolgt der Verein das Ziel, durch wissenschaftliche Arbeiten und auf praktischem Wege gegen die Fälschung der Weine und Alkohole zu wirken, durch Verbreitung volksthümlicher Schriften Mäßigkeit zu predigen und durch statistische Publicationen die Fortschritte der aus der Trunksucht entspringenden Uebel wahrheitsgemäß zu beleuchten. Einer solchen Beleuchtung entnehmen wir unter Anderm die Notiz, daß, während noch im Jahre 1864 in vierzehn von hundert Fällen die Ursache eingetretenen Wahnsinns oder Idiotismus dem Genusse geistiger Getränke zugeschrieben werden konnte, dieses Verhältniß seitdem auf fünfundzwanzig Procent gestiegen ist und acht Zehntel der Wahnsinnsfälle bei Officieren auf Rechnung des Absynths fallen. Es ist ferner noch festzustellen, daß die Kinder der Absynthtrinker gewöhnlich mit Dispositionen zur Welt kommen, die zu den schwersten Krankheitssymptomen zählen, zur Epilepsie etc.

Das beste Mittel, dem Uebel zu steuern, wäre das Verbot der Absynthfabrikation; allein die Staaten können bei dem von ihnen geschützten Grundsatze der Gewerbefreiheit nicht dazu gelangen. Es bleibt somit nur noch übrig, auf die Gefahr des Absynthtrinkens aufmerksam zu machen und Diejenigen, die der Leidenschaft noch nicht ganz erlegen sind, dadurch zu retten, daß man ihnen empfiehlt, die gewohnte Portion täglich zu halbiren und sich so nach und nach von ihm ganz zu entwöhnen. Nach Verlauf eines Monats wird sich der Absynthfreund an die halbe Portion gewöhnt haben, nach drei Monaten hat er den Sieg errungen. Der Ersatz wird um so leichter, wenn an die Stelle des Absynths eine Tasse Kaffee tritt. Nur der erste Schritt ist schwer, aber auch dieser ist schon von Erfolg!




Aus der Wandermappe der Gartenlaube.
11. Der Schauplatz des „Ekkehard“.


Während der ganzen Fahrt über Tuttlingen nach Singen hinab hatten wir schon, von dem Ekkehard und der stolzen Hadwiga, der lieblichen Praxedis und dem wunderlich-knorrigen Romeias und noch vielen Anderen geplaudert, die vor Zeiten – wie uns Meister Scheffel erzählt hat – auf dem Hohentwiel ihr Wesen und Unwesen trieben.

Wir waren, wie das so auf Reisen kommt, eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft; mir und meinem lieben Gefährten gegenüber am Fenster saß ein altes Männlein in lockigem weißem Haar, aber der Nacken war noch keineswegs gebeugt von der Last des Alters; die Augen sprühten noch helles Jugendfeuer und um den Mund mit den feinen Lippen zuckte beim Lachen bisweilen ein schalkhaft-satirischer Zug. Neben dem alten Herrn hatte eine behäbige Dame Platz genommen, wohl eine Gutsbesitzerin aus der Umgegend, und dann folgte ein Mann in mittleren Jahren, ein bereits eine leichte Fülle zeigender Passagier mit sorgfältig gebürstetem, nur erst mit wenigem Grau gesprenkeltem Haar. Man sah ihm sofort den katholischen Priester an, aber man wußte auch sogleich, wenn man nur einen Blick in die milden dunkeln Augen, in das freundliche und doch auch nicht der Würde entbehrende Gesicht that, daß man es hier mit keinem Fanatiker, sondern mit einem echten und rechten Priester zu thun hatte.

Mittlerweile hatte der sausende Zug die Hochebene des Höhgaus verlassen und lenkte in die Ebene nach dem Bodensee ein, und mit einem Male änderte sich die Landschaft: kuppenartige Felsmassen mit schroffen Abstürzen ragten in den Abendhimmel hinein und schienen wie gewaltige Riesen an den Pforten der Schweiz Wache zu halten. Wir blickten Alle bewundernd hinaus und suchten das schön groteske Landschaftsbild in unserer Seele zu fesseln, dann schauten wir uns einander fragend an, ob wohl Einer den Cicerone machen könnte, und wir hatten Glück.

„Ja, ’s ischt scheen hier,“ begann die Gutsbesitzerin in trefflichstem Schwäbisch. „Dees ischt der Staufen, dees, der spitze, der Hohenkrähen, dees der Mägdeberg, der lange mit dem breiten Rücken der Hohenstoffel, und dees,“ sie zeigte mit ihrem Finger auf einen gewaltigen, imposanten Klotz, „ischt der Hohentwiel.“

„Ah, der Hohentwiel!“ riefen wir wie aus einem Munde.

„Ja, dees ischt, wo der Scheffel dervon g’schriebe hat,“ versetzte sie mit einem gewissen Selbstgefühl. Man wußte nun, daß sie eine literarisch gebildete Frau war.

Eine freudige Erregung ergriff uns jetzt Alle, unser Gespräch wurde wärmer, es war, als wären wir uns freundschaftlich näher getreten, und als wir im Bahnhofe Singen einfuhren, waren wir übereingekommen, nicht direct bis Constanz zu fahren, sondern hier auszusteigen, zu übernachten und am andern Morgen dem Schauplatze des Ekkehard einen Besuch abzustatten. Als wir aber, noch unserer freundlichen Auskunftgeberin für die instruktive Belehrung bestens dankend, auf den Perron von Singen sprangen, sah Alles dort so primitiv aus, daß uns plötzlich die Besorgniß überkam, es könne bei der kleinen Station gar kein Wirthshaus geben. Doch ein gefälliger Eisenbahnbeamter belehrte uns eines Besseren.

„Es hat schon eins drüben im Dorf,“ beschied er uns und zeigte mit der Hand die Richtung, wo das Dorf liege. Wir bogen daher guten Muthes mit unserem Reiseköfferchen um das Bahnhofsgebäude und erblickten hier zu unserer freudigen Ueberraschung einen hübschen Gasthofswagen.

„Ich sehe Land!“ jubelte der alte Herr. „Fahren Sie uns nach dem ,schwarzen Walfisch’,“ rief er dann dem Kutscher zu.

„Den hat’s hier net,“ versetzte dieser verdutzt.

„Nun, was hat’s dann hier?“ frug der schelmische Alte scheinbar höchst verwundert.

„Die ‚Kron’’,“ antwortete der Rosselenker treuherzig.

„Auch gut,“ erwiderte der also Belehrte sichtlich befriedigt, „begeben wir uns in den Schutz ‚der Krone', meine Herren!“

[538] Wir stiegen ein, und der Wagen rollte wohl eine Viertelstunde ebenen Weges zwischen prosaischen Kartoffelfeldern dahin, bis er endlich auf Pflaster rasselte und schließlich hielt. Der Wirth trat mit einem Lichte, es war mittlerweile dunkel geworden, vor die Thür und leuchtete uns in das Haus. Bevor wir aber eintraten, warfen wir noch einen prüfenden Touristenblick zu dem Throne des Jupiter Pluvius empor und gewahrten da zu unserm freudigen Erstaunen, daß kaum hundert Schritt uns gegenüber – so schien es wenigstens – der dunkle Felsenkoloß des Hohentwiel in den klaren, reichgestirnten Nachthimmel hineinragte. Höchst befriedigt begaben wir uns nun gleich rechts in den freundlichen Speisesaal, wo wir bald darauf bei köstlichen Forellen saßen. Schon ehe wir uns zu Tische gesetzt, hatten wir uns einander vorgestellt und dabei hatte sich der alte Herr als ein Justizrath aus Norddeutschland und der jüngere als ein Dechant aus Württemberg entpuppt.

Bei dem Wirth, der sich zu uns setzte, erkundigten wir uns sodann, wie weit es bis zum Hohentwiel sei, und erfuhren, daß man nur ein Stündchen auf bequemem Wege steigen müsse, um auf die Höhe zu kommen. „Sie machen den kleinen Abstecher gewiß auch hauptsächlich dem Ekkehard zu Liebe?“ fragte er.

„So ist es, versetzte der Rath, „und der Praxedis nicht zu vergessen.“

„Ja, die Wallfahrt nach der schönen Ruine nimmt mit jedem Jahre zu, seit der 'Ekkehard' erschienen ist. Ich habe in Folge dessen den ganzen Sommer über Verkehr. Die meisten Reisenden machen es so wie Sie, und das ist auch das Praktischste, sie kommen mit dem Abendzuge, übernachten hier und besteigen den Hohentwiel am Vormittage. Auch Herr Dr. Scheffel nimmt stets bei mir Quartier, wenn er der Burg einen Besuch abstatten will, und das ist in letzter Zeit ziemlich oft vorgekommen, denn Jeder, der ihn in seiner Villa in Radolfzell besucht, möchte unter seiner Führung den Schauplatz des Ekkehard kennen lernen.“

„Und da wird die Berühmtheit leicht zur Plage; nun, wir wollen ihn nicht incommodiren, aber auf seine Gesundheit wollen wir einmal anstoßen, daß es ihm noch lange vergönnt sei, den Hohentwiel emporzuklimmen: Meister Scheffel soll leben!“

Die allgemeine Heiterkeit war damit in das beste Fahrwasser gekommen und manch lustig Lied aus dem „Gaudeamus!“ erklang noch in die stille Nacht hinein, bevor wir, der Rath nicht ohne Mühe, unser Lager aufsuchten.

Am andern Morgen, als wir die Fensterladen aufstießen, prangte zwar der schönste Sonnenschein, aber vom Hohentwiel war zu unserem Schrecken keine Spur zu entdecken, er war gänzlich verschwunden; hinter den Häusern, wo er am Abend gestanden, wogte eine hellgraue Wolkenmasse wie ein unendliches Meer. Doch während wir noch bangen Herzens standen, theilten sich oben die Wogen, und wie eine lachende Insel blickte die Kuppe der Burg hervor.

„Vivat und Victoria!“ jubelte der Rath; unsere Hoffnung war wieder gerettet. Mittlerweile zerrannen die verhüllenden Wolken immer mehr, und als wir uns nach dem Frühstücke auf den Weg machten, strahlte der gewaltige, schroff aufsteigende Felsklotz im klarsten Glanze der Morgensonne. Zunächst schritten wir zwischen Rebengeländen auf einer sanft ansteigenden Straße dahin; nach und nach ging es etwas steiler, das störte uns aber wenig, rüstig ging es weiter, und mit wonnigem Behagen sogen wir die frische Morgenluft und den erquickenden, gewürzigen Duft des Traubengamanders und Bergehrenpreises ein. Der Rath war stets der Vorderste und wiederholt sang er in das Land hinaus:

„Wohlauf, die Luft geht frisch und rein,
Wer lange sitzt, muß rosten;
Den allersonnigsten Sonnenschein
Läßt uns der Himmel kosten.
Jetzt reicht mir Stab und Ordenskleid
Des fahrenden Scholaren,
Ich will zu guter Sommerszeit
Zum Hohentwiele fahren!“

Ungefähr auf der halben Höhe, da, wo der Weg eine Schwenkung nach links macht, liegt ein Meierhof, und am Thore desselben belehrt uns eine Tafel, daß man sich hier mit einem Führer zu bewaffnen und auch ein kleines Eintrittsgeld zu zahlen habe. Der Cicerone, ein alter origineller Kauz mit grauem Schnurrbarte, war bald zur Stelle, und so ging die Wanderung weiter. Nach einigen Kreuz- und Querfragen von unserer Seite begann der belehrende, mit einer gewissen rhetorischen Feierlichkeit gehaltene Vortrag des Alten. Er that kund, daß der Fels des Hohentwiel sich sechshunderteinundneunzig Meter über der Meeresfläche erhebe und aus Phonolith oder Klingstein bestehe, so genannt von dem Klange, den er von sich gebe, wenn man größere Stücke aneinanderschlage. In den schmaler Rissen oder Klüften finde sich außerdem auch noch ein sehr schönes Mineral, der hochgelbe, strahlende Natrolith.

„Stimmt, stimmt!“ unterbrach hier der Rath.

„Und ein goldgelb Tröpflein Natrolith
Im geschwärzten Stein oft erscheinet …
Das sind die Thränen, die der Basalt
Der gesprengten Molasse weinet.“

Der Führer nickte, die Störung gnädig verzeihend, und berichtete dann weiter, daß der Hohentwiel eine der ältesten Burgen Schwabens und wahrscheinlich römischen Ursprungs sei, wofür auch sein uralter Name Duellium spreche. Die erste sichere Nachricht über die Burg stamme aus dem Jahre 806, zu welcher Zeit ein Sohn Karl’s des Großen, nach seinem Großvater Pipin genannt, die Besitzung innegehabt. Im zehnten Jahrhundert sei sodann die Burg alemannisches Herzogsgut und Wohnsitz der Herzöge Alemanniens, z. B. Burkhard’s des Zweiten und dessen schöner Wittwe Hadwiga geworden. „Doch ’s Weitere von der Hadwiga und dem Ekkehard wisset Se wohl,“ brach er hier ab.

„Kein Sterbenswörtchen,“ betheuerte der Rath ernsthaft.

Der Graubart sah uns ungläubig an. „Von dem Sanct Galler Mönch Ekkehard, von dem die Herzogin Lateinisch lernen wollte, in den sie sich dann aber verliebte und der auch dann in Liebe für die schöne Frau entbrannte, sodaß er sie eines Tages in der Burgcapelle in übermächtiger Leidenschaft an seine Brust riß und mit Küssen überschüttete, worauf er in einen Thurm gesperrt wurde und vor ein Gericht gestellt worden wäre, hätte ihm nicht die Griechin Praxedis zur Flucht verholfen. Er ging nach Appenzell, wo er im Waldkirchlein das Waltarilied übersetzte, das er sodann –“

Jetzt konnte sich der Dechant eines Lächelns nicht mehr enthalten, was der Alte auch sofort bemerkte.

„Han i ’s doch glei denkt,“ unterbrach er seine wohlgesetzte hochdeutsche Rede, „daß Se den Scheffel g’lese hänt.“

„Das müssen Sie stets von Jedem denken,“ entgegnete der Rath mit dem Ernst, als fälle er ein gerichtliches Urtheil, „denn Jeder, der diesen classischen Boden besucht, hat doch wohl Scheffel’s classisches Werk studirt.“

„Jetzt scho, da möget Se Recht han,“ versetzte der Alte, „aber vor zwanzig Jahren, da hat mer noch nix g’wüßt von dem Scheffel sei’m Ekkehard, und doch sind auch damals schon die Leut’ herkommen aus aller Herren Ländern, freilich seit dem Scheffel sei’m Ekkehard da ischt die wahre Völkerwanderung losgangen; doch auch sonscht ischt die Feschtung sehr sehenswerth, ganz abg’sehn von der Aussicht. Denn seit 1538“ (ging nun der Vortrag im Hochdeutsch weiter) „kam die Burg, nachdem sie längere Zeit den Hohenstaufen gehört, unter Herzog Ulrich an Württemberg, wozu sie noch heute gehört. Die Herzöge von Württemberg ließen sie nach und nach erheblich erweitern, 1554 erbaute Herzog Christoph das sogenannte fürstliche Haus und befestigte den Bau stark, sodaß er im Dreißigjährigen Kriege unter dem tapfern Obersten Widerhold fünf Belagerungen aushalten und sich sechszehn Jahre lang gegen alle feindlicher Angriffe behaupten konnte. Unter dem Herzog Karl Eugen wurde die Burg hauptsächlich als Strafplatz für Strafgefangene benutzt, und so saß denn hier der Patriot Johann Jacob Moser fünf Jahre lang und der bekannte Oberst Rieger vier Jahre lang, anfangs in einem Kerker, in den weder Sonne noch Mond schien. Ein schreckliches Ende nahm es mit der Festung im Jahre 1800. In dieser Zeit drang ein französisches Heer unter General Vandamme nach Schwaben vor und erschien am 1. Mai in Singen. Darauf schickte Vandamme einen Adjutanten auf den Hohentwiel, um mit dem Commandanten zu verhandeln, und dieser, ein General Bilfinger, beschloß mit dem zweiten Befehlshaber, dem Obersten Wolf, und unter[WS 1] Zustimmung sämmtlicher Officiere, mit Ausnahme des Lieutenants von Reizenstein, zu capituliren, jedoch nur unter der Bedingung, daß die Festung im gleichen Zustande, in [539] welchem sie übergeben werde, wieder an Württemberg zurückzustellen sei. Auf diese Weise gewann der Feind den festen Platz und begann am 17. October, trotz aller Gegenvorstellungen, die Schleifung desselben. Allein die Compagnie französischer Mineurs vermochte die gewaltigen Bauten allein nicht zu sprengen, und so wurden denn monatelang drei- bis fünfhundert Mann aus der Umgegend herbeigezogen, mit Hülfe deren bis zum 31. März 1801 die Festung in jenen wüsten Zustand versetzt wurde, in welchem wir sie noch heute sehen.“

„Und Bilfinger und Wolf?“ fragte der Rath.


Die Gartenlaube (1877) b 539.jpg

Die Veste Hohentwiel bis zum 17. October 1800.
Nach einem alten Kupferstich.


„Sie wurden auf den Hohenasperg gefangen gesetzt, während die übrigen Officiere, außer Reizenstein, infam cassirt wurden.“

Bei diesen letzten Worten hatten wir eine kleine Schwenkung nach links gemacht und befanden uns nun vor dem ersten überwölbten Eingange der ehemaligen Festung; als wir den langen Gang dröhnend durchschritten hatten, traten wir auf eine Bastion hinaus, die eine entzückende Aussicht gewährt. Zu unseren Füßen in weiter Runde wogende Saatfelder, von dem Silberbande der Ach durchzogen, da und dort im Grün Dörfer und Städtchen, weiter hinten im blauen Duft der Bodensee mit Constanz und dem stolzen Münster, und über Allem der goldige lachende Sonnenschein. Voll Bewunderung schauten wir sprachlos in die prächtige Weite, unser Cicerone aber zog die Stirn in Falten.

„’s ischt nix,“ sagte er verdrießlich, „i han’s glei denkt, mir häbet ebe koi Aussicht.“

„Wie?“ riefen wir Alle aus einem Munde.

„’s ischt ebe z’dunschtig; die vielen Regen der letschte Zeit! Kaum den Landzipfel im Untersee sieht man, wo der Scheffel bei Radolfzell sei Villa hat. Wenn’s klar ischt, sieht man von hier aus die ganze Alpenkette, links die Tyroler Berge, den Säntis, dann die Glarner Alpen, den Tödi, hierauf den Rigi, den Pilatus, das Finsteraarhorn, den Eiger, den Mönch, die Jungfrau, und endlich ganz rechts den Montblanc.“

Da es uns nicht vergönnt war, diese Perlen der Alpennatur zu sehen, so grämten wir uns darüber nicht weiter, sondern erfreuten uns an dem, was sich uns bot, und wahrlich, das war Herrliches die Hülle und Fülle. Lange konnten wir uns von diesen entzückenden Bildern nicht trennen, bis unser ungeduldiger Führer zum Weitergehen drängte. Wir schritten daher durch ein halbverfallenes Thor und betraten damit ein Trümmerfeld von kolossalem Umfange. Gewaltige Giebelwände rechts und links[WS 2], da geborstene Thürme mit sieben bis zehn Fuß dicken Mauern, dort [540] eingestürzte Gewölbe, die einer Ewigkeit getrotzt haben würden, wäre ihnen die frevelnde Hand der Mineurs fern geblieben.

Unser Cicerone erklärte uns, daß dies die untere Festung mit den Officierswohnungen, der Apotheke, dem Baumagazin, der Kellerei, Bäckerei und den Casernen gewesen, das Interesse für alle diese kleinen antiquarischen Notizen wurde bei uns aber durch den bittern Groll zurückgedrängt, der Angesichts dieses französischen Vandalismus in uns aufstieg.

„Wahrhaftig!“ rief der Rath, „all diese klaffenden Wunden, die ich erst in dieser Woche in der Pfalz und in Württemberg gesehen und die uns alle die freche fränkische Faust schlug, sie sind bei weitem noch nicht durch die Abrechnung von 1870 bis 1871 gesühnt!“

Ueber verschiedene Brücken, die über tief gähnende Abgründe führten, und auf steilen Wegen stiegen wir nun zur oberen Festung hinauf, wo sich das ebenfalls nur noch in seinen äußeren Mauern erhaltene Gouvernementsgebäude, die sehr verfallene große Kirche mit Thurm, einige Pulverthürme und die sogenannte fürstliche Burg mit vielen noch ziemlich wohl erhaltenen Gemächern und unheimlich aus der Tiefe heraufgähnenden Kellergewölben unseren Blicken darboten. Der Dechant trat in eines dieser Gewölbe und sang mit schöner voller Tenorstimme in das Dunkel die Maulbronner Fuge:

„All voll, keiner leer, Wein her!“

„Wein her! rief das dumpfe Echo, und das klang, als verlangten die Geister der Gewölbe klagend nach ihrem Tribut.

Ueber das feine Gesicht des Raths flog ein melancholisches Lächeln.

„Iz rinnit nich ein tropfe mêr,
Der wîn ist vortgehupfit ...
Ou wû, min grôzaz vaz stât lêr,
Sie hâ’nt mirz ûz gesupfit!“

citirte er.

Hinter der fürstlichen Burg zeigte uns der Cicerone die kaum noch sichtbaren von Buschwerk überwucherten Ueberreste eines Thurmes.

„Dees ischt der Ekkehardthurm, in dem der Ekkehard saß, bis ihn die Praxedis befreite,“ sagte er dabei.

„Ah! Von hier aus also flog der Ekkehard wieder hinaus in die goldene Freiheit!“ Wie mit einem Zauberschlage befanden wir uns wieder Alle in dem bunten Gedränge des herzoglichen Hofes. War es nicht, als lugte der Kämmerer Spazzo, der lustige Rath, aus jenem Fenster, schritt dort nicht der bärbeißige Moengall mit seiner Keule über den Burghof, und von dem Altane da, nickte uns da nicht die immer heitere, schöne Griechin zu? In diesem Augenblicke raschelt’s im Buschwerk; Audifax und Hadumoth, die beiden leibeigenen Kinder müssen es sein, die hier neugierig lauschen. – Doch nein, der Fuß unseres Graubart war’s, der weiter schritt, denn noch galt es einen Rundgang um die obersten, äußeren Festungswerke zu machen, bei dem wir nun noch einmal das berauschend schöne Panorama genossen, um dann wieder hinab zu Thal zu steigen.

Unten in unserem Wirthshause „Zur Krone“ fanden wir bereits den Tisch gedeckt, wir brauchten uns also nur nieder zu setzen, um ein vorzügliches Mittagsbrod einzunehmen, das nach der herrlichen Morgenwanderung auch trefflich mundete. Gleich nach dem Dessert fuhr auch bereits der Wagen vor, denn mit dem Ein-Uhr-Zuge wollten wir nun nach der alten Concilsstadt. Ehe wir schieden, präsentirte uns der Wirth aber noch das Fremdenbuch, und der Rath, dem wieder der Meersburger außerordentlich gemundet, ergriff mit einem gewissen Amtseifer die Feder. In flotter, abgeschliffener Schrift schrieb er Namen und Stand und dann den Scheffel’schen Vers:

„Da bracht’ man ihm das Stammbuch dar
Zum Eintrag, eh’ er scheide.
Und zittrig schrieb er: Kund soll sein,
Daß ich hie eingeritten,
Und lob’ das Haus ‚Zum Krönelein‘
Als Haus von guten Sitten:
     Der Willkumm hat nur so gemund’t,
     Daß ich das Bett kaum finden kunnt’,
     Holliro, nicht nur der Stiefel,
          ’S ging Alles um!“

Der Dechant lächelte, als er die Zeilen las. „Die Sach’ hat ihre Richtigkeit,“ sagte er und setzte dabei in feiner Perlschrift seinen Namen darunter.

Unterdessen knallte der Rosselenker draußen schon ungeduldig, schnell stiegen wir ein und rollten davon; auch im Bahnzuge saßen wir bald, und sausend ging es Thal ab. Da plötzlich, bei einer Biegung des Schienenweges, zeigte sich uns der gewaltige Felsblock noch einmal auf einige Minuten im herrlichsten Mittagssonnenschein; freundlich nickte ich hinüber wie zu einem lieben Freunde, und der Rath improvisirte elegisch:

„Leb' wohl, du alter Recke!
Den letzten Gruß ich dir send’!
Und besucht dich ’mal wieder der Scheffel,
So mach’ ihm mein Compliment!“

L. Salomon.




Noch einen letzten Traum.


Noch einen letzten Traum verleihe mir,
Wenn du mir nahen wirst, o Todes-Engel,
Und deine Fackel senkest, um mich mild
Hinweg zu führen aus dem engen Leben!
Noch einen letzten Traum! O spieg’le mir
Das Glück der Jugend wieder, wo als Knabe
Ich einsam, sinnend strich durch Wald und Flur,
Aus Baum und Blüthe, Berg und Thal und Fels.
Aus Bach und Quelle sog die ersten Klänge
Der Poesie, der hehren, göttlichen,
Wo die poet’schen Regungen ich nährte
Am Busen des nun schon verblichenen
Einst hochbegabten, lieben, einz’gen Freundes.
Gieb mir im Traum das reine Glück der Liebe,
Gieb mir zurück die engelgute Gattin,
Die gleichgesinnte, unvergeßliche,
Die du mir nahmst vom liebewarmen Herzen:
O laß’, ich bitte, ihren seelenvollen,
Ergreifenden Gesang mich wieder hören.
Und mit dem letzten Ton, dem letzten Traum,
Im Widerschein des früh’ren höchsten Glücks
Auf Erden mag verglimmen deine Fackel.
Von seiner Hülle löse meinen Geist;
In Freiheit führe ihn hinauf, hinauf,
Hinauf dem ew’gen Geister-Aether zu,
Wo Freund und Gattin längst schon meiner harren!

Karl G. Schaller.




Der deutsche Kronprinz auf unterirdischer Fahrt.


Alle bedeutenden deutschen Zeitungen haben mehr oder minder ausführliche Berichte über die verschiedenen Festlichkeiten gebracht, welche Hamburg zu Ehren seiner hohen Gäste im Monat April dieses Jahres veranstaltete, ingleichen über die einzelnen Besuche, welche der Kronprinz und seine Gemahlin den sehenswerthesten öffentlichen Anlagen und Instituten Hamburgs abstatteten, als da sind das Festdiner in der Kunsthalle, die achthundert eingeladene Herren und Damen Hamburgs zählende Festsoireé Tags darauf, die Besichtigung des Kaiser-Quais, die Elbfahrt, der Besuch der Börse, die sogenanne Sielfahrt, die Festvorstellungen im Stadttheater etc. Die heutige Nummer der „Gartenlaube“ bringt nun nachträglich noch ein Bild, welches vorzugsweise ein bleibendes Interesse beanspruchen dürfte, einmal weil es eine unterirdische Fahrt des Kronprinzen darstellt, wie derselbe sie wohl noch nie gemacht hat, und sodann weil in dem dazu gehörigen Texte ein reichhaltiges, belehrendes Material zur Lösung wichtiger sanitätischer [541] Fragen für andere große Städte, welchen Hamburg auch hierin als Muster gezeigt werden kann, sich vorfindet.

Der Kronprinz und die Kronprinzessin begleitet von dem Prinzen Wilhelm, hatten am 21. April nach Verlassen der Börse, etwa um zwei Uhr Mittags, einer Einladung des Hamburger Ruderclubs „Germania“ und des Ruderclubs „Loreley“ Folge gegeben, und wurden von denselben nach einer Ruderfahrt auf der Binnen- und Außen-Alster, welche, von zahllosen Clubböten, Dampfschiffen und Segelfahrzeugen begleitet, bei dem schönsten Sonnenwetter und unter dem Hurrahrufe der die Bassins umgebenden Menschenmenge von Statten ging, um zwei dreiviertel Uhr an der Lombardsbrücke ausgeschifft. Hier warteten der Ober-Ingenieur Andreas Meyer und andere Ingenieure seines Ressorts und wurden vom Senator Hertz, dem Präses der Baudeputation, den hohen Herrschaften vorgestellt. O.-I. Meyer führte dieselben, nachdem sie sich von den Ruderclubs in verbindlicher Weise verabschiedet hatten, durch einen gewölbten unterirdischen Gang in die etwa zehn Meter unter der Straßenoberfläche belegene Spülkammer des Sieles, an deren Wänden, durch Gasbeleuchtung erhellt, die hauptsächlichen Zeichnungen und Modelle des Sielsystems ausgehängt waren.

Diese Zeichnungen wurden von dem Kronprinzen und seiner Gemahlin mit Interesse besichtigt. Auf die Frage des Kronprinzen nach der eigentlichen Definition des Wortes „Siel“, welches im Allgemeinen in Deutschland nicht für derartige Anlagen gebraucht werde, führte O.-I. Meyer diesen Ausdruck auf die Entwässerungen der tiefbelegenen Marschen (der Unterelbe und Unterweser etc.) zurück, welche mittelst eines hölzernen oder gemauerten Tunnels durch die Deiche ihren Abfluß in die Ströme oder die See haben. Diese Abflußrohre heißen „Siele“, und da sie in der Umgegend von Hamburg eine große Rolle spielen, so mag sich der Ausdruck bei zunehmender städtischer Bebauung auf die unterirdischen Entwässerungsrohre ganzer Stadttheile übertragen haben, sodaß endlich das gesammte Schwemmsystem der hamburgischen Canalisation den Namen Sielsystem behalten hat.

Diese hamburgischen Siele dienen zur Aufnahme des gesammten Tages- und Verbrauchswassers einschließlich sämmtlicher häuslicher Abflüsse und Ausscheidungen. Zugleich erniedrigen sie den Stand des Grundwassers, was für die Trockenlegung der oftmals gegen die Elbe und die Alster schon niedrig belegenen Stadttheile sehr wichtig ist. Es sind besteigbare, eiförmig oder kreisrund gewölbte Canäle aus Backsteinen, in Portland-Cement-Mörtel gemauert, deren Zweige sich mitten unter den Fahrwegen durch alle Straßen erstrecken. Diese Zweigsiele, dem natürlichen Gefälle des Straßenterrains möglichst folgend, vereinigen sich zu immer größeren Canälen, welche zuletzt als Stammsiele mit dem durchschnittlichen Gefälle von 1:3000 ihre erheblichen Wassermengen mit der Geschwindigkeit von einhalb bis ein Meter pro Secunde der Elbe zuführen. Unter vielen in der Stadt befindlichen Schifffahrtscanälen (Fleethe, Alster etc.) sind die Siele mittelst sogenannter Düker[1] senkrückig durchgeführt. Im Allgemeinen halten sie sich durch ihre eigene Strömung rein. Um aber in dieser Beziehung nachhelfen zu können, werden, wo es nöthig ist, künstliche Durchspülungen durch die drei Meter hoch gestaute Wassermenge des Alsterbassins hervorgebracht, wodurch dann eine sehr schnelle Strömung erzielt wird.

Es haben sich nach und nach drei Sielsysteme ausgebildet, zuerst das alte städtische System, welches nach der Feuersbrunst von 1842 in den abgebrannten Stadttheilen angelegt wurde und jetzt die ganze innere Stadt umfaßt. Der Vortheil dieser ersten Anlage stellte sich evident heraus, als nach Erbauung der Stadtwasserkunst zu Ende der vierziger Jahre ein reichliches Wasserquantum in die Häuser befördert wurde, welches nach gemachtem Gebrauche, also verunreinigt, wieder zu entfernen war. Deshalb vereinigte man sich neu die Mitte der fünfziger Jahre mit der Nachbarstadt Altona zur Anlage eines zweiten Systems, des Hamburg-Altonaer Grenzsiels, welches die hamburgische Vorstadt St. Pauli mit einem Theile der Stadt Altona entwässert.

Als in den sechsziger Jahren die Bebauung Hamburgs sich mehr und mehr in das Land hinein alsteraufwärts ausdehnte, baute man für die gesammten Umgebungen Hamburgs, welche theils ihrer Ausdehnung, theils ihrer tiefern Lage wegen nicht mehr den alten Systemen eingefügt werden konnten, das größte und dritte System, das Geeststammsiel.

Auf diese Weise ist jetzt die Aufnahme des ganzen für den städtischen Anbau geeigneten hamburgischen Gebiets in einer Fläche von sechstausend Hectaren ober etwa einer Quadratmeile in das Schwemmsystem vorgesehen, und die jetzt mit einem Kostenaufwande von fünfzehn Millionen Mark ausgeführten Sielstämme und -Zweige haben bereits eine Länge von einhundertsechsundachtzig Kilometern oder fünfundzwanzig deutschen Meilen erreicht. Das aus zwanzig Wärtern bestehende Aufsichtspersonal verkehrt darin, indem es durch die in Abständen von einhundertundzwanzig bis einhundertundvierzig Metern von den Straßen hinabführenden Einsteigeschächte hinabsteigt und die kleineren Siele zu Fuß durchwandern, die größeren mit Böten durchfährt.

O.-I. Meyer machte nun noch an den Zeichnungen und Modellen auf einige Hauptprincipien der Hamburger Schwemmsiele aufmerksam, insbesondere darauf, daß überall für eine freie Circulation der Luft durch offene, in durchschnittlich fünfundvierzig Metern Entfernung von der Straße in die Siele hinabführende Luftschächte gesorgt ist, und daß auch die Rinnsteinläufe keine Wasserverschlüsse haben, sondern daß lediglich auf sorgfältige Wasserabschlüsse der häuslichen Einrichtungen Bedacht genommen wird, damit die Sielluft nicht in die Häuser eindringen kann. Nachdem Herr Meyer als besonders wichtig noch hervorgehoben hatte, daß ferner eine Wasserversorgung durch die Wasserwerke nur da gestattet sei, wo Siele liegen, und daß auch hinfüro die Kellerwohnungen ohne genügend tiefe Sielabwässerung verboten werden sollen, ging dann die Versammlung zur Besichtigung der Localität über, in welcher dieselbe sich eben befand.

Es war dies die Stelle in dem Geeststammsiel, an welcher die von dem linken Alsterufer zugeführten Sielwässer mittelst eines Dükers unter der Lombardsbrücke die Alster durchkreuzen, um sich an der andern Seite mit den Sielen des rechten Alsterufers zu vereinigen und mit ihnen gemeinsam in einem dreiundeinhalb Kilometer langen Transportsiel von drei Meter kreisförmigem Durchmesser der Elbe zugeführt zu werden. Die Einrichtung zur Spülung dieses Dükers erblickte man durch die eingefriedigte Boden-Oeffnung in der Mitte des Raumes. Zwei eiserne Stemmthore wurden nun plötzlich geöffnet und die dahinter aufgestaute Wasserfluth stürzte schäumend in den Düker hinein. Durch das Einsetzen starker Vorgelege wurden alsdann die Thore von zwei in den Seitennischen stehenden Sielwärtern gegen die Gewalt des Spülstroms wieder zugedreht.

Die Kronprinzessin befragte den O.-I. Meyer sehr eingehend nach der Construction und Kraftwirkung dieses Apparats und verabschiedete sich dann, da sie an der Sielfahrt nicht teilnehmen wollte, während sich der Kronprinz mit seinem Sohne und Gefolge nach der andern Seite der Lombardsbrücke begab, um hier an der untern Seite des Dükers in den kleinen Bootshafen zu treten, von welchem aus die Fahrt durch die vorhin erwähnte dreiundeinhalb Kilometer lange Mündungsstrecke des Geeststammsiels beginnen sollte.

Es waren hier zum Schutze gegen die Erdfeuchtigkeit, welche stellenweise durch die porösen Steingewölbe in das Siel hinabtröpfelte, leichte graue Mäntel bereit gehalten, als Kopfbedeckungen sogenannte Südwester und leinene Capuzen. Der Kronprinz wollte seine Mütze nicht ablegen und wählte deshalb eine Capuze, worauf die ganze Gesellschaft sich in dieser Weise verhüllte, was zu allerhand lustigen Bemerkungen Veranlassung gab. Nachdem O.-I. Meyer noch einmal die oberen Thore hatte öffnen lassen, um den Austritt der wildaufschäumenden Spülwelle aus dem Düker, vor dessen unterm Ende die Gesellschaft sich befand, vor Augen zu führen, wurde der Kronprinz ersucht, aller nautischen Etiquette zuwider, in diesen stygischen Gewässern zuerst das Boot zu besteigen, welches, durch Petroleumlampen erleuchtet, an dem Granitsteinperron lag, ein flachbodenes, sechs Meter langes Fahrzeug mit durchgehendem Mittelgang und einzelnen Sesseln an den Langseiten, auf deren vorderstem der Kronprinz Platz nahm. Vor ihm, auf einer Querbank hatte O.-I. Meyer seinen Steuermannsplatz, um mit einer Querstange das auf dem Sielstrome dahintreibende Boot vor dem Anstoßen an den Wänden zu verhindern. Ganz hinten im Boot war wieder eine Querbank, auf welcher der Bau-Inspector Gurlitt und ein Conducteur des Sielbaues

[542] mit kurzen Rudern bewaffnet, Platz nahmen, um eventuell die Fahrt beschleunigen zu können. Die Gesellschaft bestand aus zehn Herren, nämlich außer dem Kronprinzen, dem ihm gegenüber sitzenden Prinzen Wilhelm, dem Hamburgischen Syndikus Dr. Merck, welcher in der Nähe des Kronprinzen auf der Steuermannsbank mit Platz nahm, und dem Senator Hertz, welcher hinter dem Kronprinzen saß, aus folgenden Herren:

Chef der Admiralität von Stosch; General der Infanterie von Treskow; Hofmarschall Graf Eulenburg; königl. preuß. Gesandter in Hamburg, Geheimer Legationsrath von Wentzel; Major und persönlicher Adjutant von Liebenau; Hauptmann und persönlicher Adjutant von Pfuhlstein.

Zuerst ging die Fahrt in der Dunkelheit langsam vorwärts, da man es hier noch nicht riskiren wollte und durfte, in dem kleineren Profile des Zweigsieles von 2,58 Meter Höhe und 2,15 Meter Breite (Sielclasse B) den Spülstrom in voller Kraft nachfolgen zu lassen. Als die Bootsgesellschaft aber alsbald unter der Esplanade in den großen, mit Lampions stattlich erleuchteten kreisförmigen Stammquerschnitt von drei Metern Durchmesser gelangte, wo sich die Sielzweige der beiden Alsterufer vereinigen, wurde durch einen Pfiff das Zeichen zur völligen Oeffnung der Thore gegeben und der stärkere Strom, der sich schon im Hintergrunde durch Rauschen angekündigt hatte, ereilte das Boot sehr bald, es plötzlich in einer Geschwindigkeit von drei Metern per Secunde mit sich fortführend. Die farbigen Lampions, bald in großen Kreisen den Sielquerdurchschnitt einfassend, bald in langen Reihen der Wasserlinie folgend, bald sternenartig hier und da aus dem Gemäuer tretend, gaben der unabsehbaren, bald gerade fortlaufenden, bald sich windenden Röhre einen durch die Spiegelung in der Sielfluth verstärkten magischen Glanz. Die Aufmerksamkeit richtete sich naturgemäß auf die Einzelnheiten dieser Sielstrecke, welche unter besonders schweren Umständen erbaut ist. Da man damit nicht durch die niedrig gelegene, bereits mit eigenen Sielen eng bebaute alte Stadt gehen konnte, so mußte der Bau unter einem hohen Geestrücken, unter den wasserreichen Stadtgräben, den zwanzig Meter über der Sielhöhe belegenen Wallanlagen des quellenreichen botanischen Gartens, des Heiligengeistfeldes und den ebenso hoch belegenen Gegenden St. Pauli’s, in stets wechselnden Strecken von Sand und tertiärem Thon durchgeführt, endlich am St. Pauli-Elbufer in großer Tiefe noch siebenzig Meter weit in die Elbe hinein verlängert werden, damit die Sielwässer nicht unmittelbar am Ufer austräten, sondern mitten im Elbstrome, etwa sechs Meter unter dem Wasserspiegel direct vom Strome erfaßt und vertheilt werden könnten. Es gehört deshalb diese in den Jahren 1872 bis 1875 ausgeführte Baustrecke unzweifelhaft zu den interessantesten bautechnischen Erinnerungen der leitenden und ausführenden Ingenieure. Gleich Herrn O.-I. Meyer konnte auch der Bau-Inspector Gurlitt, welchem ein Theil der Ausführung übertragen worden, manche kleine Bau-Episode unterwegs den benachbarten Zuhörern mittheilen.

Je weiter die Gesellschaft fuhr, desto höher wurden die über den Köpfen schornsteinartig in das Tageslicht aufsteigenden Luftschächte, über deren eisernen Straßenrosten zuweilen gerade ein Wagen mit donnerartig erschallendem Getöse wegfuhr. In den ab und an sich zeigenden Seitennischen, zu denen steinerne Wendeltreppen von nahezu hundert Stufen herabführen, waren Sielwärter mit Grubenlampen placirt, welche, wo sie im Vorübergleiten plötzlich von den Bootsinsassen erschaut wurden, in ihrem gelben Oelanzug wie Steinbilder erschienen, sodaß der Kronprinz im Scherz die Frage that, ob diese Bildsäulen immer dort ständen. Die vier Backsteinschichten oder ein halb Meter starke Mauerwölbung des Siels zeigte sich bald trocken, bald naß, je nachdem die Gesellschaft durch Thon- oder Sandadern hindurch fuhr. In letzterem Falle hingen oft lange Stalaktiten von der Wölbung herab, oder auch wohl weiße, wolkenartige Gebilde, während die Seitenwände meist braun und schmutzig aussahen.

Der Kronprinz wunderte sich wiederholt über die verhältnißmäßige Reinheit der Luft, welche die Nase kaum beleidigt; er rauchte, wie es bei Sielbesichtiguugen üblich ist, nebst anderen Herren der Gesellschaft seine Cigarrette, obgleich bei dem zuweilen herrschenden Luftzuge das Anzünden oft schwer fiel, und erzählte von einer Besichtigung der Pariser Egouts (Cloaken), welche er 1867 ausgeführt hat.

So verging die Fahrt unter Fragen, Erklären derselben und Anschauen, Erweckung des Widerhalls in heiterer Weise, und der Kronprinz sprach herzliche und freundliche Worte des Dankes, als der Syndikus Merck in der Mitte der Fahrt die Gesellschaft aufforderte, auch hier in der unterirdischen Schiffsregion Hamburgs den oben mit Jubel aufgenommenen Gast durch ein Hoch zu begrüßen. Daß die Klangwirkung eines solchen Siel-Hurrahs eine ganz bedeutende ist, läßt sich leicht vermuthen. Ueberraschend aber war die Wirkung eines Männergesanges, welchen einige Freunde des O.-I. Meyer in einer unter dem Heiligen-Geist-Felde belegenen Seitennische ausführten. Der Klang dieses einfach besetzten Männer-Quartetts begleitete die Gesellschaft fast während der ganzen Fahrt, also fast eine viertel deutsche Meile nach jeder Richtung hin. In der Entfernung wie Aeolsharfe, in größerer Nähe orgelartig, manchmal wie ein Orchester wirkend, fesselte dieser Gesang immer wieder die Fahrenden, und der Kronprinz ermüdete nicht, seine Freude daran zu erkennen zu geben. Als das Boot unvermuthet bei den Sängern vorbeitrieb, welche in ihrer Nische, im Oelzeuge, mit Grubenlichtern, wie eine Kauzfamilie zusammenhockten, streckte er ihnen grüßend und dankend die Hände entgegen.

In dem niedrig belegenen Hafentheile von St. Pauli bekamen die Bootsinsassen auch noch zum Schluß der Fahrt eine Anschauung von den Sieleinmündungen einzelner Straßen und Häuser in das große Sammelsiel, da die Häuser der Hafenstraße unmittelbar an dasselbe angeschlossen sind, und endlich erreichte das Boot nach halbstündiger Fahrt (mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa zwei Metern pro Secunde) den Aussteigeperron nahe vor der durch große Schosse und Sturmthore gegen die Hochfluthen der Elbe gesicherten Mündung des Siels in den Elbstrom. Vor diesem Thore war als Transparent ein „Glück auf!“ angebracht.

Die bereitstehenden Sielwärter nahmen das langsam herangleitende Boot in Empfang, und die Ausschiffung verlief ohne Fährlichkeit. Die Gesellschaft entledigte sich ihrer Umhüllung, wobei der Kronprinz seine Verwunderung darüber zu erkennen gab, hier denselben Garderobier vorzufinden, der ihn an der Lombardsbrücke beim Einsteigen bedient hatte, und der nach einer stürmischen Droschkenfahrt (wie der Swinegel von Buxtehude) sagen konnte: „Ick bün all hier!“ Als ein werthvolles Andenken an diese unterirdische kronprinzliche Fahrt wird jedenfalls das Fremdenbuch des Geeststammsiels aufbewahrt werden, in welches der Kronprinz, ebenso wie sein Sohn und die übrigen Theilnehmer ihre Namen eingetragen haben.

Alsdann ließ der Kronprinz sich noch vom Ober-Ingenieur in die Kammer der obenerwähnten Verschlußeinrichtungen führen und besichtigte genau die große eiserne Schütze, welche mit einem sehr großen Windewerk aufgedreht wird, während eine darin befindliche kleinere Schütze durch einen Zahnstangentrieb bewegt wird. Er ließ sich auch die genaue Stelle der Einmündung des Siels in den Strom zeigen, und sprach sich über die ökonomische Ausnutzung der Abfallstoffe aus, die ja bei der Einführung in den Strom verloren gehe, und auch von O.-I. Meyer durch den Hinweis auf die durch die Ebbe und Fluth vermittelte Ablagerung des im Strome vertheilten Sielstoffes über die Marschen, wodurch deren Fruchtbarkeit erhöht werde, und auf die Veredelung der Fischzucht, dem hohen Gaste gegenüber nicht aufrecht erhalten werden konnte. Dagegen konnte der Ober-Ingenieur ihm in ernsthafterer Weise auf seine Fragen nach der Verschlechterung des Stromes durch solche Sieleinflüsse die beruhigendste Auskunft über die Mächtigkeit und den Wasserreichthum der Elbmündung geben, in welcher selbst dann noch, wenn sich Hamburgs Bevölkerung von ihrer jetzigen Ziffer von 350,000 auf 800,000 gehoben haben sollte, die Schmutzabflüsse der Siele sich bei Weitem unter dem Procentsatze befinden würden, welcher als zulässig betrachtet werden kann. Denn es würden dann erst zwei Cubikmeter Sielwasser per Secunde in die Elbe ablaufen, während die Wassermenge der Elbe oberhalb Hamburgs siebenhundertzweiunddreißig Cubikmeter per Secunde beträgt, und hierzu noch von unten die Meerfluth hinzutritt, welche, in verschiedenster Größe und Entwickelung auftretend, große, das Maß des oberen Flußzulaufs übersteigende Wassermassen anhäuft und vertheilt und wesentlich zur Ausgleichung und Spülung des ganzen Aestuariums beiträgt.

Nach diesen Gesprächen und einigen höchst freundlichen und

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Die Gartenlaube (1877) b 543.jpg

Die Kahnfahrt des deutschen Kronprinzen durch die Hamburger Sielgewölbe.
Gurlitt. v. Wentzel. Gramp. v. Treskow. v. Pfuhlstein. v. Stosch. Senator Hertz. Kronprinz. Graf Eulenburg. Oberingenieur Meyer. Prinz Wilhelm. Syndicus Merck.

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herzlichen Abschiedsworten verabschiedeten sich der Kronprinz und sein Sohn mit einem Händedruck von ihrem technischen Führer, welcher vor der Casematte des Geeststammsiels zurückblieb. Sie bestiegen ihre Wagen, wobei der Kronprinz die Herren Syndicus Merck und Senator Hertz zur Mitfahrt in seinem Wagen einlud, und fuhren durch eine jubelnde Menschenmenge und reichbeflaggte Straßen nach ihrer Wohnung im Hôtel de l'Europe zurück,
Wilhelm Schröder.




Unreines Feuer.


Wenn wir es nicht längst wüßten[WS 3], daß auch die orthodoxen Bewegungen in der protestantischen Kirche unserem Cultur- und Geistesleben keinen milden und klärenden Strahl heiligen Lichtes spenden, daß ihnen vielmehr nichts Anderes entströmt als der beklemmende Dunst, der verdunkelnde und verwirrende Qualm eines unreinen Feuers, so würde uns die jetzt in Berlin sich abspielende Angelegenheit des Predigers Hoßbach einen erneuerten und sehr durchschlagenden Beweis dafür geliefert haben. Mit Recht hat diese Angelegenheit weithin bei allen Denkenden ein außerordentliches Aufsehen erregt – nothwendig aber und durchaus an der Zeit wäre es, daß die herkömmliche Entrüstungen über solche Vorgänge endlich einmal jene Einmüthigkeit entschlossenen Handelns und thatkräftiger Gegenarbeit weckten, zu welcher unsere gesetzlichen Einrichtungen uns berechtigen und geradezu ermuntern. Freilich erscheint der Fall unter der clericalen Beleuchtung so verdreht und verwickelt, daß es einem unbefangenen, diesen Kämpfen fernlebenden Sinne nicht gerade leicht wird, sich hineinzudenken. Ein kurzer Rückblick auf den Verlauf dürfte daher Manchen willkommen sein.

Auf die Kanzel der großen Jacobi-Parochie in Berlin, von der seit Jahrzehnten nur die gegen den Zeitgeist aufreizende Stimme der allerschwärzesten Pietisterei ertönte, wurde kürzlich u. A. auch der Prediger Hoßbach durch die gesetzlichen Vertreter der Gemeinde zu einer Gastpredigt berufen, da das erste Predigtamt der Kirche durch den Tod des zelotischen Bachmann erledigt ist. Schon diese Aufforderung zeigte, daß in der Gemeinde ein starker Widerspruch gegen die Orthodoxie ihrer bisherigen geistlichen Führer nicht erst von gestern her die Gemüther erregt. Denn Hoßbach vertritt eine entschieden freisinnige Richtung und ist als einer der aufrichtigsten und muthigsten Kämpfer für die Grundsätze derselben der Jünger- und Genossenschaft Hengstenberg's ebenso verhaßt, wie seine gleichgesinnten Amtsbrüder Sydow, Lisco, Thomas etc. Die spähende und lauernde Wachsamkeit dieses Hasses aber hat bisher nichts wider ihn zu finden vermocht, während er durch Makellosigkeit des Wandels und milden Ernst des Charakters, durch seine hervorragende wissenschaftliche Bildung und ein anerkannt segensreiches Wirken an der Andreaskirche in weiten Kreisen des Publicums zu den angesehensten und verehrungswürdigsten Geistlichen der Hauptstadt gezählt wird. Natürlich folgte der Mann dem an ihn ergangenen ehrenvollen Rufe, der ihm zunächst Gelegenheit gab, beredtes Zeugniß für den wahren Geist seines liberalen Standpunktes auf einer Stätte abzulegen, wo dieser Geist bisher von zorneifrigen Rednern nur blindlings verdammt und als ein Ausfluß des Teufels bezeichnet worden war. Am Sonntag vor Pfingsten hielt Hoßbach in der dichtgefüllten Jacobikirche die von ihm verlangte Gastpredigt, welche jetzt in einer vierten Auflage vor uns liegt, und also nunmehr hinlänglich gegen die schamlosen Verdrehungskünste „frommer“ Widersacher gesichert ist.

Lesen wir diese Rede, so bemerken wir nichts von dem qualmigen Brande hetzerischer und boshafter Parteileidenschaft, wie er aus der Salbung pietistischer Aeußerungen aufzusteigen pflegt. Mit nachdrücklicher Schärfe betonte allerdings der Redner die tiefe Zerklüftung innerhalb der protestantischen Kirche, ihre Spaltung in jene gewaltigen Gegensätze überlieferten Glaubens und moderner Befreiung von demselben, Spaltungen, die nicht willkürlich von Einzelnen hervorgerufen sind, sondern aus dem großen Gange geschichtlicher Entwickelungen als unvertilgbare Thatsachen sich herausgebildet haben. Mit Nachdruck betonte er auch, daß er selber auf dem Standpunkte der modernen Theologie stehe, daß er also die Vorstellungen des alten Wunderglaubens nicht mehr theilen, die Lehrsätze der allen Bekenntnißschriften nicht mehr als für unsere Zeit geltende Glaubensartikel unterschreiben könne. Wenn aber eine Einigkeit in dem Buchstaben irgend eines Bekenntnisses selbst nicht mehr möglich, wenn sie in der protestantischen Kirche niemals möglich gewesen und überhaupt nur da möglich sei, wo der nach Wahrheit suchende Menschengeist in Fesseln geschlagen würde, so sei doch nicht in dem Unfrieden und Hader der Gegensätze, sondern in ihrer gegenseitigen Achtung, ihrem duldsamen Miteinanderwirken für gemeinsame Zwecke die Rettung der Kirche und das Heil ihrer Zukunft begründet. Es sei Zeit, den gegenseitigen Gehässigkeiten ein Ende zu machen, die böse Saat vorurtheilsvollen Mißtrauens auszureißen und „die Einigkeit im Geiste durch das Band des Friedens“ herzustellen.

In dieser Mahnung wurzelt und gipfelt die ganze Darlegung, und wir gestehen gern, daß wir nicht oft ein geistliches Wort gehört oder gelesen haben, das mit einer so gemüthvollen Wärme überzeugten Seelendranges, in einem solchen Geiste verständiger und liebreicher Mäßigung die Nothwendigkeit des Friedens, die Pflicht gegenseitiger Duldsamkeit den verschiedenen Parteien innerhalb der Kirche an's Herz gelegt hätte. Wir unsererseits halten freilich diesen Frieden für eine Unmöglichkeit, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil Zwei dazu gehören, weil die orthodoxe Partei den Frieden nicht will und ihn ihren Grundsätzen zufolge gar nicht wollen darf.[WS 4] Sie würde von sich selber abgefallen sein, sich selber vollständig aufgegeben haben, wenn sie einmal auch ohne Besitz der Alleinherrschaft sich zufrieden fühlte und die Gleichberechtigung einer ihrer Herrschaft widerstrebenden Ueberzeugung sich zur Richtschnur machte. Politisch handeln wir also nur richtig, wenn wir in dieser Partei eine Neigung zu friedlichem Verhalten niemals voraussetzen und nur darauf bedacht sind, ihren Absichten gegenüber unser gutes Recht durch feste Schutzmauern sicher zu stellen. Fassen wir jedoch die Friedensmahnung Hoßbach’s vom Standpunkte des religiösen Ideals auf, wie es den Religionsgemeinden in den Kirchen verkündet werden soll, so können wir uns nur wahrhaft erhoben fühlen durch den ebenso klaren als hochsinnig edlen und begeisterungsvollen Ausdruck, den hier dieses hoch über allem menschlichen Zwiespalt strahlende Liebes- und Humanitätsideal im Munde der von ihren Gegnern so vielfach verletzten, verlästerten und verfolgten Partei des liberalen Protestantenvereins gefunden hat. So spricht nicht Heuchelei, sondern nur wahre Ueberzeugung, und wer ohne genaue Kenntniß der obwaltenden Verhältnisse unbefangen diese Rede liest, der wird es kaum begreiflich finden, daß es in unserer Mitte Leute giebt, die ein nach Inhalt und Form so schöner und lauterer Erguß gebildeter Anschauung und hohen Seelenadels zu einem wüsten Zetergeschrei und zu grober Verlästerung des Redners veranlaßt haben soll.

„Wir müssen auf den Ruhm der Duldsamkeit verzichten, der Glaube ist nun einmal unduldsam gegen den Unglauben!“ Dieses große Wort hatte, im Gegensatze zu der Forderung des freisinnigen Theologen, ein Prediger Stahn in der diesmaligen Frühjahrsversammlung der orthodoxen Berliner Pastoralconferenz gelassen ausgesprochen. Es ist gut, sich solche Aussprüche zu merken, im Leben bethätigen sie sich gar oft, und auch während der Gastpredigt Hoßbach’s wurde ein auffälliger Beweis jenes edlen Grundsatzes geliefert. Als der Prediger nämlich in seinem Vortrage zu jenem obenerwähnten Bekenntnisse seiner freisinnigen religiösen Richtung gekommen war, entstand inmitten der Versammlung eine geräuschvolle Bewegung, wie auf einen gegebenen Wink erhoben sich hier und dort viele Anwesende und verließen sodann eiligen Schrittes die Kirche. Es war also in den geheiligten Räumen ein unerhörter, an die Manieren wild erregter Volksversammlungen erinnernder Scandal vollführt, es war von Seiten der „Frommen“ die Andacht ihrer zurückbleibenden Gemeindegenossen rücksichtslos gestört worden. Hoßbach hatte sich durch die beleidigende Unterbrechung nicht aus der Fassung bringen lassen, aber der Vorgang machte in der öffentlichen Meinung den peinlichsten Eindruck und gespannt fragte man sich, ob die Gemeindevertretung sich bei der bevorstehenden Predigerwahl durch die schnöde und unanständige Parteidemonstration beeinflussen lassen und also der wohlberechneten Absicht derselben zum Siege verhelfen werde. Schon nach wenigen Wochen erfolgte die Antwort auf diese Frage. Bei der am 31. Mai stattgehabten Wahl entschieden sich nicht weniger als achtunddreißig von den neunundvierzig Stimmen des Wahlkörpers für Hoßbach, und es war damit nicht blos der liberalen Sache ein glänzender Triumph errungen, sondern auch wiederum der Beweis geliefert, wie unbeirrt und unabhängig das Gemeindebewußtsein sich äußert, wenn ihm nur das natürliche Recht geworden, seine Ueberzeugung und seinen Willen auf verfassungsmäßigem Wege geltend zu machen. An methodisch betriebener Aufhetzung und Einschüchterung hatte es in der Zeit zwischen der Gastpredigt und der Erwählung Hoßbach’s nicht gefehlt.

Mit ungemeiner Schnelligkeit verbreitete sich die Kunde dieses Sieges und erregte Befriedigung bei Allen, denen auf dem Felde der geistigen Bewegungen das rohe Ballen der Fäuste, der Kampf auf Schleichwegen und mit ungeistigen Waffen zuwider ist. Als aber die Nachricht sofort auch in die zufällig gerade versammelte Conferenz orthodoxer Pastoren drang, machten diese ihrem Schrecken in der Anstimmung des Gesanges Luft: „Der Herr ist nun und nimmer nicht von seinem Volk geschieden!“ Das Lied war ein Schlachtruf aus dem Herzen einer Verbrüderung, die den freien Kampf der Ueberzeugungen nicht kennt, sondern ihre Erfolge jederzeit nur auf den Bahnen der Macherei und Intrigue, der Gewalt und des geheimen Einflusses auf mächtige Personen fertig zu bringen sucht. Schon waren in der Gemeinde Agitationen und Aufreizungen gegen den neuerwählten Prediger in vollem Gange, und auf der am 5. Juni abgehaltenen Synode des Berliner Stadtbezirks Alt-Köln schlug der feindselige Ingrimm der „frommen“ Minderheit in so schwarz qualmender Flamme heraus, daß er dieses Mal nicht im Stande war, sich hinter der altbekannten Maske süßlicher Liebesbetheuerungen zu bergen. Als hier der liberale Prediger Rohde den (nachher von der Mehrheit der Versammlung auch beschlossenen) Antrag stellte: „Die Synode wolle ihre Mißbilligung aussprechen über die bei jener Gastpredigt vorgekommene Demonstration“, wurde diese abscheuliche Verletzung der kirchlichen Sitte von den geistlichen Eiferern Disselhoff und Laake beschönigt und eine Fluth von Angriffen gegen Hoßbach geschleudert, die keine Beweise und Gründe enthielten, sondern nur phrasenhafte, auf untergeordnete Bildungsstufen berechnete Anschuldigungen. Dennoch stiegen aus der Rede Disselhoff's auch einige merkwürdige und sehr charakteristische Zeichen auf. Wir hätten ja heute „Freizügigkeit“, so rief er, dieser „fromme“ Mann, der liberalen Mehrheit zu, und Hoßbach müsse durchaus von dieser „Freizügigkeit“ Gebrauch machen. Es sei gewiß, daß er die Kanzel der Jacobikirche niemals wieder betreten werde!

Wenn man an das wohlbegründete Ansehen Hoßbach’s denkt und wenn man erwägt, daß er seit sechs Tagen bereits gesetzlich erwählt war, als jene Weissagung des pietistischen Diaconus von Sanct Jacobi erfolgte, so läßt sich aus ihr die ganze Dreistigkeit der Zuversicht ermessen,

[545] mit welcher diese Partei auf die Durchführung ihrer Absichten selbst dann noch rechnet, wenn die Volksstimme sich zweifellos gegen dieselben entschieden hat. Die Wahl bedurfte ja noch der Bestätigung durch die oberen Behörden, und hier ist es, wo der reactionäre Kirchengeist noch seinen Halt sucht und seine Hebel einzusetzen weiß. Was ist ihm das Bewußtsein, die Ueberzeugung, der Wille der Gemeinde? So lange dieser Wille von dem „rechten Glauben“ sich abwendet und nicht unter die Herrschaft seiner Verkünder sich beugt, ist er ja ausgeartet, vom Teufel dieser Welt getrieben, von Gott und seinen Ordnungen abgefallen. Durch Zucht also muß er zu dem gezwungen werden, wozu er frei sich niemals entschließen wird, gewaltsam muß er auf den Weg des Heils zurückgeführt und ihm, trotz seines Widerwillens und Widerstandes, ein dunkelmännischer Bekehrungs- und Bußapostel aufgedrungen werden. Auf eine freiwillige Zustimmung der Gemeinden kommt es einer schwarzen Partei kaum jemals an, ihre liebsten Triumphe feiert sie, wenn sie von oben her nach Willkür verfügen und ihre Macht zur Niedertretung jedes Widerspruches entfalten kann. Bis an den allerhöchsten Machthaber suchten die guten Leute durch Mittelspersonen mit ihrem brünstigen Flehen um Schutz wider den schlimmen Hoßbach zu dringen, und als Protest gegen die erfolgte Wahl brachten sie in der Gemeinde ein Schriftstück zu Stande, von dem sie sich selber sagen müssen, daß es ihnen wahrlich nicht zur Ehre gereicht und den Glanz ihres Namens nicht zu erhöhen vermag. Das Machwert macht den Eindruck einer trostlosen Dürftigkeit, nicht blos durch die kernlose und gedankenarme Bissigkeit des Inhalts, sondern auch durch die Zahl und Art seiner Unterschriften.

Die Jacobigemeinde zählt mehr als 30,000 Seelen, der genannte Protest aber zeigt 937 Unterschriften, die jedoch nicht von wahlberechtigten, in den Wählerlisten eingetragenen Männern der Gemeinde herrühren und nicht einmal von den Haushaltungsvorständen. Alles war vielmehr aufgeboten worden: Frauen, junge Mädchen, Dienstboten und vor Kurzem confirmirte Jünglinge und Jungfrauen. Ein Protestler führt den stolzen Titel „Secundaner“, Andere ließen ihre Standesbezeichnung ganz zur Seite, manche Familien lieferten drei bis sechs Unterschriften, Vater, Mutter, Töchter haben unterzeichnet, meistens aber verräth die Handschrift, daß das Schreiben nicht zu den Hauptgeschäften des Protestlers gehört. Und das Resultat dieser großen mit allen Mitteln des Fanatismus wirkenden Bewegung? In einer bisher ausschließlich unter zelotisch-pietistischem Einfluß lebenden Gemeinde bringt es derselbe mit starker Zuhülfenahme des weiblichen Geschlechts nicht einmal auf tausend Unterschriften. Deutlicher kann die Lage der Sache und das klare Recht der andersgesinnten Partei sich nicht ausprägen, aber der bekannte Hochmuth alles pfäffischen Wesens wird durch solche zu bescheidener Fügsamkeit auffordernde Erfahrungen noch lange nicht zurückgeschreckt, sondern nur zu erhöhtem Pochen, zu verstärkter Thätigkeit angespornt. Kann man die Gegner nicht mit salbungsvollen Aeußerungen künstlich gemachten Entsetzens überschreien, in Furcht jagen oder spalten, so bleibt noch die Hoffnung auf den gewaltsamen Eingriff. Nachdem die Wahl des „ungläubigen“ Geistlichen nicht verhindert werden konnte, gilt es, ihre Bestätigung rechtzeitig zu hintertreiben, und dazu soll das klägliche Protest-Machwerk mit den zusammengetrommelten Unterschriften die Grundlage und Handhabe bilden. Der Protest ist dem Consistorium eingereicht und Prediger Hoßbach, der inzwischen die Annahme der Wahl erklärt hat, auch bereits zur Beantwortung der wider ihn erhobenen Anklagen aufgefordert. Wie man hört, wird er in seiner Rechtfertigungsschrift mit Entschiedenheit für sein Recht und das Recht seines Standpunktes in der Kirche eintreten.

Auf die weitere Entwickelung der Sache darf man nun gespannt sein: und zwar aus mannigfachen Gründen, die schwer genug in’s Gewicht fallen, daß weit und breit die Stimme der Wahrheit und des Rechtes sich entschlossen und eindringlich wider den Mißbrauch erheben sollte, der hier unter unseren Augen mit dem hohen Namen „Religion“ zur Deckung eines offenbar jämmerlichen und verwerflichen Intriguenspiels getrieben wird. Wer kann noch zweifeln, daß uns dasselbe mit immer erneuerten Anstregungen in die finsteren Zeiten der Glaubensverfolgung, des Ketzergeschreies und der Ketzergerichte zurückwerfen will? Dahin wird es freilich nicht kommen, aber es können unserem kirchlichen wie politischen Fortschritte noch viele Hemmungen, Verschleppungen und Kämpfe bereitet werden, wenn wir diese schwarzen Bewegungen noch ferner unterschätzen, dagegen nicht wachsamer und mehr auf der Hut sind. Absehen läßt es sich logischer Weise allerdings nicht, wie das von dem orthodoxen Hegel geleitete Consistorium einen liberalen Geistlichen viele Jahre hindurch ungestört auf einer Kanzel der Hauptstadt wirken lassen kann und ihm nun die Kanzel einer anderen Kirche versperren dürfte. Von einer Gewissensnoth der neunhundertsiebenunddreißig orthodoxen Seelen der Jacobigemeinde kann nicht im Entferntesten die Rede sein, da ihr religiöses Bedürfniß durch die zwei anderen Geistlichen der Kirche mehr als hinlänglich gedeckt ist, während die liberale Mehrheit der Gemeinde nur einen einzigen ihrer Gesinnung entsprechenden Geistlichen verlangt. Stellen wir uns das vor, so fehlt uns wahrlich jede parlamentarische Bezeichnung für ein Bestreben, das dieser Mehrheit die Erfüllung ihres bescheidenen Wunsches nicht gönnen will.

In der That aber zeigt der Kern der ganze Agitation, wie sie in den pietistischen Zeitungen und Kirchenblättchen mit gesteigerter Heftigkeit sich äußert, daß die liebreichen „Brüder in Christo“ nicht blos die Zurückweisung des liberalen Theologen von der neuen Stelle, sondern seine vollständige Absetzung verlangen. Nicht allein um einen Act der Rache gegen einen wirksamen Vertreter des religiösen Fortschrittes handelt es sich, sondern um einen Schlag gegen alle Freunde dieses Fortschrittes, vor Allem um eine Beugung der Gemeinden und des in ihnen sich regenden, nach Erlösung von äußeren Gewissensfesseln ringenden Freiheitsbewußtseins. Dinge dieser Art ereignen sich fortwährend hier und dort, dieses Mal aber liegt der häßliche Vorgang in der Hauptstadt des deutschen Reiches, auf welche die Augen der Welt gerichtet sind, und dieses Mal liegt er nach allen Seiten hin so unwidersprechlich klar, daß dem ruhigen Urtheil ein Zweifel nicht übrig bleibt. Der Fall Hoßbach kann verhängnißvoll werden für die clericale Bewegung im Protestantismus, da er auch den Fernstehenden einen tiefen Einblick in ihr Wesen und ihre Art und Absicht gewinnen läßt. Zum hundertsten Male überzeugen wir uns durch den unverkennbarsten Augenschein, daß wir es in diesem Kampfe leider weniger mit Principien und Ueberzeugungen zu thun haben, als mit Leidenschaften, mit Herrschafts-, Vorrechts- und Vortheilsinteressen einer priesterlichen Coterie, mit gesellschaftsfeindlichen Anschlägen, die von grauer Urzeit her sich eine „göttliche“ Sendung zuschreiben und mit dem Mantel besonderer Heiligkeit umhüllen, weil sie in ihrer häßlichen Nacktheit sich nicht sehen lassen dürfen. Je weniger wir uns das verhehlen, um so mehr werden wir in diesem Kampfe die richtige Stellung behaupten. Denn was hier sich den unbedingt edelsten Forderungen des Zeitgeistes entgegen stemmt, das ist in der That nicht blos ein anderes Glauben und Anschauen, dem wir sein Recht niemals versagen dürften, sondern die vermessene Energie eines bösen Willens, gegen dessen aufdringlichen Despotismus wir nur durch rasche Entfaltung unserer eigenen sittlichen Willenskraft uns schützen können, durch eine Willenskraft, die in jedem Augenblicke sich bewußt ist, daß sie nicht die Aufschürung wüsten Glaubenshasses und rohen Confessionshaders, sondern Versöhnlichkeit und Duldung im Verkehre der Menschen, daß sie nicht die Verfolgung, nicht den Zwang der Geister, die Beugung und Knechtung der Gewissen, sondern gerechte Menschlichkeit gegen Alle, Bildung, gleiche Berechtigung und gesetzliche Freiheit für Alle will. Das aber ist es, was die schwarzen Parteien nicht wollen, wie neuerdings wiederum deutlich der Fall Hoßbach beweist.

Fr.




Blätter und Blüthen.


Zum Münsterjubiläum in Ulm. In Nr. 24, S. 406 und 407 dieses Jahrganges der „Gartenlaube“ haben wir in zwei Münster-Illustrationen unseren Beitrag zu dem großen Ehrenfeste der alten Stadt Ulm dargeboten. Dieses Fest selbst, die Fünfhundertjahresfeier der Grundsteinlegung des Ulmer Münsters, ist glücklich und großartig vollbracht. Es war ein würdiges und wahres Volksfest, und zwar mit Kaiserwetter. Der erste Tag, 30. Juni, war der Kirche und ihrer Herrlichkeit, der folgende dagegen der Stadt und ihrer Vergangenheit geweihet. Wie dort Händel's „Messias“ das bis zu den äußersten Spitzbogengewölben prachtvoll erleuchtete Gotteshaus erfüllte, so füllte hier die mit Blumen und Fahnen ausgeschmückten Straßen und Plätze der große historische Festzug, der es verdient, daß von den zahllosen Schilderungen desselben das Hauptsächlichste in die „Gartenlaube“ übergehe. Nicht zugereiste Correspondenten, ein echtes Ulmer Kind muß man hören, ein warmes treues Schwabenherz, um den wahren Geist des Festes vor sich aufsteigen zu sehen. Als ein solches hat H. Wunderling sich in der „Neuen Freien Presse“ offenbart. Wurde er doch fast am laufenden Jahrhundert irre, als er am Festmorgen in den Straßen seiner Vaterstadt all die Patricier, Ritter, Mönche und besonders die schönen Patricierfrauen sah, die zum Festzuge sich versammelten. Wir treten mit ihm an das Fenster, wo er den von lustigen Fanfaren angekündigten Zug farbenprächtig und im schönsten Sonnenlichte vorüberziehen sah. Nicht am langen Faden der Geschichte traten die Bilder desselben auf, sondern man hob dazu drei Jahrhunderte heraus: das vierzehnte, des Domes Gründungsjahr, das sechszehnte – das „Zeitalter der Reformation“ – und das achtzehnte, zopfreichen Angedenkens.

Den Reigen des ersten Fest-Jahrhunderts beginnen berittene Trompeter, ein Herold mit Ehrenbegleitern, ein Stadthauptmann auf reichgeschirrtem Rosse, die schwarz-weiße Ulmer Fahne mit dem Reichsadler in der Faust, dahinter eine Schaar Kriegsknechte. Das war nur die Einleitung zur Hauptsache: jetzt sehen wir leibhaftig vor uns den Bürgermeister Ludwig Kraft, vom hohen Rath umgeben, hinter ihm die Reichenauer und Ulmer Klosterherren, sie alle den Wagen mit dem Grundstein zum Münsterplatze geleitend. Hinter dem Wagen erscheinen die Mitglieder der Bauhütte, die Ulmer Künstler, Patricier und Patricierinnen zu Pferd, jene mit kühn befederten Hüten und Baretten, diese zum Theil mit wunderlichen, zuckerhutähnlichen Hauben, von welchen lange Schleier wallen, – dann Männer und Frauen aus den Geschlechtern und dem Bürgerstande zu Fuß, endlich in langem Zuge die alten Zünfte, das Herbergszeichen jeder Zunft voran. Auch den Wagen der Ulmia dürfen wir nicht vergessen, auf welchem heute, wie wohl schon 1377, das Töchterlein des Bürgermeisters stand. Der Zug, welcher vor fünfhundert Jahren vom Grünen Hof nach dem Marktplatz sich bewegte, kann schwerlich anders gewesen sein, als der von heute, denn auch hier stellt Jeder das vor, was er ist, es ist Wahrheit durch und durch, nirgends Theatermummenschanz.

Auch das sechszehnte Jahrhundert zieht mit berittener Musik heran. Dem Herold folgt aber hier die Heldengestalt des weiland Feldhauptmanns der schwäbischen Stadt, Georg’s von Frundsberg, dem ein Trupp höchst gelungener Landsknechte folgt. Mit der mittelalterlichen Farbenpracht ist’s aber vorbei; die Zeit ist ernster. Da kommen die großen Geisteskämpfer jener Tage: der Astronom Kepler, der Ulmer Botaniker Roth, der Mathematiker Matth. Stifel etc. und zuletzt auch Theophrastus Paracelsus; nach einer Reitergruppe sehen wir den Bürgermeister Bernhard von Besserer (ebenfalls dargestellt von einem wirklichen Besserer), neben und hinter ihm [546] hohe und höchste Herrschaften: eine Reihe streitbarer Hauptleute, dann Kaiser Karl den Fünften, den Herzog Christoph von Württemberg, begleitet von einer buntschillernden Ritterschaar. – Dann folgt ein erschütterndes Bild aus dem Bauernkriege, eine wilde Gruppe, den armen Grafen Helfenstein als Gefangenen in der Mitte, die schwarze Hofmännin, ein weiblicher Teufel, mit gezücktem Dolche, aber auch ein Paar blutrother Scharfrichter hinterdrein. Wie ein Labsal für das Herz tritt nun der schwäbische Nationalroman „Lichtenstein“ in seinen herrlichsten Gestalten lebendig vor uns auf, und auch hier will’s ein schönes Glück, daß als das lustige Ulmer Kind Bertha von Besserer wiederum eine wirkliche Besserer (Fräulein Cordula Besserer) dort zu Pferde sitzt. Nach Hauff’s unsterblichen Dichtergestalten kommt uns schier zu plötzlich, wenn auch von zwei Schalksnarren geführt, das achtzehnte Jahrhundert entgegen, mit dessen Schilderung, wie sehr uns der ländliche Brautzug und das Fischerstechen dazu verlockt, wir jedoch einhalten müssen, da unser Raum zu Ende ist. Unumstößlich fest steht aber, daß diese Münsterfeier für immer in der Geschichte Ulms ein goldnes Blatt sein wird.




Auch eine „Weibertreu“. (Mit Abbildung auf Seite 535) Zu den Perlen des Zschopauthals, einem der an malerischen Naturschönheiten reichsten Thäler des Königreichs Sachsen, gehört das Felsenschloß Kriebstein. Es liegt eine halbe Meile südlich von einem Orte, dessen Namen man in so mit Schönheit gesegneter Landschaft ungern ausspricht, von Waldheim, dem freundlichen Städtchen mit dem Zuchthause, in welchem nicht blos gemeine, sondern auch sogenannte politische Verbrecher büßten. – Wenn auch die gebirgsfrischen Wellen der Zschopau längst nicht mehr wie einst den ganzen Fels umspülen, auf welchem hoch und kühn der ritterliche Adlerhorst prangt, so genießt dieser Horst selbst doch den Vorzug vor unzähligen noch bewohnten Rittersitzen der Vorzeit, daß derselbe im Ganzen unverändert von seinem Ursprung bis diesen Tag erhalten ist, und daß man seine Geschichte kennt vom Erbauungsjahre an, ohne im Nebel der Sage ihr nachspüren zu müssen.

Der Erbauer der Burg Kriebstein oder Kriebenstein (in Urkunden Crywenstein) war der Ritter Dietrich von Bärwalde oder Bernwalde, wie er in Gottschalck’s „Ritterburgen etc.“ genannt wird. Der Bau hatte im Jahre 1382 begonnen, war erst nach fünfundzwanzig Jahren vollendet und sollte seinen Gründer nur acht Jahre erfreuen. Am Fastnachtstage 1415 überwältigte ihn der Ritter Staupitz von Reichenstein und trieb ihn von dannen. Da zog, von dem Vasallen zu Hülfe gerufen, der thüringische Landgraf und Sachsenherzog Friedrich der Streitbare vor die Burg und berannte sie so mächtig, daß sie sich endlich ergeben mußte. Voll ritterlichen Sinnes bot der Landgraf der Gemahlin des überwundenen Staupitz freien Abzug aus der Burg an und gestattete ihr, das, was ihr am liebsten sei, mitzunehmen. Und damals geschah es, daß die starke Ritterfrau das that, was die Weiber von Weinsberg zweihundertfünfundsiebenzig Jahre vor ihr mit gleichem Muthe ausgeführt haben sollen: sie trug ihren Mann zum Thore der Burg heraus und rettete ihm dadurch Freiheit und Leben, denn als Landfriedensbrecher würde er mit dem Tode bestraft worden sein, wenn nicht der ritterliche Fürst der tapfern Frau ihren Mann geschenkt hätte. Die Burg kam jedoch nicht in die Hand des Erbauers derselben zurück, sondern wurde in fürstlichem Besitz behalten. Später finden wir die mächtigen Grafen Vitzthum als Herren derselben, die sie aber in dem von ihnen angefachten Bruderkriege im Jahre 1446 wieder verloren.

Nicht weniger denkwürdig ist es, daß diese Burg Kriebstein die unschuldige Ursache des bekannten sächsischen Prinzenraubes werden sollte. Während des Bruderkriegs waren auch die thüringischen Güter des Ritters Kunz von Kaufungen verwüstet worden. Zur Entschädigung überließ der Kurfürst (Friedrich der Sanftmüthige) ihm Kriebstein, Ehrenberg und Schwickertshain unter der Bedingung, diese Güter zurückzugeben, sobald er wieder in den Besitz seiner eigenen gelange. Als aber letzteres durch den Friedensschluß von 1450 geschah, verweigerte Kaufungen die Herausgabe der drei stattlichen Rittersitze und mußte mit Gewalt daraus vertrieben werden. Um sich an dem Fürsten zu rächen, vollführte er dann den Prinzenraub, am 7. Juli 1455, für den er schon sieben Tage später auf dem Marktplatze zu Freiberg durch das Schwert um seinen Kopf kam.

Die Besitzer wechselten noch oft, bis 1820 die Burg Eigenthum der Familie von Arnim ward, welcher die Mittel zu Gebote standen, sie zu erhalten und zu verschönern. – Aussicht und Sehenswürdigkeiten auf und in Kriebstein zu beschreiben, ist hier nicht der Raum. Die Burg ist bei dem wohlgezogenen sächsischen Eisenbahnnetze von überall her so leicht zu erreichen, daß Jeder, der’s kann, lieber sehen als lesen wird, was, unserer Illustration nach, Natur und Kunst dort Herrliches bieten.




Weshalb lacht man? Es wird vielfach geglaubt, man lacht, weil man sich freut. Dies ist aber durchaus nicht der Fall, und der Irrthum in dieser Hinsicht vielleicht dadurch zu erklären, daß man allerdings beim Lachen ein Gefühl der Freude hat; dieses dürfte aber eher eine Folge des Lachens als dessen Ursache sein. Man freut sich, weil man Grund zum Lachen hat; der Grund des Lachens selbst liegt aber in dem Gegensatze zwischen unserer Vorstellung von einem Ereignisse und der Wahrnehmung, die wir, wenn dasselbe wirklich eintritt, machen. Je größer dieser Gegensatz ist, je mehr Anregung haben wir zum Lachen. Der einfache Umstand, daß wir uns freuen, wird uns nie zum Lachen bringen. Es erhalte Jemand eine Geldsumme, von der vielleicht sehr viel für ihn abhängig ist; er wird sich dann sicherlich freuen, aber nicht über dies Ereigniß lachen. Daß traurige Menschen seltener und weniger leicht lachen, als frohe, liegt lediglich darin, daß das lebendige Spiel der geistigen Kräfte jener eben durch dasjenige, was den Grund ihrer Traurigkeit ausmacht, erheblich beeinträchtigt wird, während der freiere und ungebundene Geist des nicht Bekümmerten leichter im Stande und auch mehr geneigt ist, die sich ihm bietenden Contraste aufzufassen.

Bei dem bekannten Scherz, daß das eine von zwei sich streitenden Kindern, als jedes die Vorzüge seiner Eltern auf’s Höchste erschöpft hat, schließlich noch ausruft: „Ja, mein Vater hat aber eine Hypothek auf seinem Grundstück, Deiner nicht!“ haben wir nicht die mindeste Veranlassung uns zu freuen; der Umstand aber, daß man eine Hypothek auf einem Grundstück für einen Vorzug hält, contrastirt so mit unserer Auffassung davon, daß wir lachen. Ja, bei einem Scherz, den in dieser Art die „Fliegenden Blätter“ im Jahr 1867 brachten, kann man beinahe wehmüthig, respective traurig gestimmt werden und wird doch lachen, denn hier sagte das siegende Kind schließlich: „Ja, morgen wird meine Großmutter begraben und Deine nicht!“ Wäre die Stärke und Häufigkeit des Lachens ein Beweis von häufiger und größerer Freude, so wäre nach dem Ausspruch von Jesus Sirach: „Ein Narr lacht überlaut, ein Weiser lächelt ein wenig,“ der Narr bei weitem häufiger erfreut, also – wenigstens in gewissem Sinne – auch glücklicher als der Weise. Der Gesichtskreis des Narren aber ist ein so beschränkter, daß ihm oft schreiende Gegensätze zu seinen unreifen Vorstellungen auftreten, sodaß er sich durch sein überlautes (wohl auch häufiges) Lachen charakterisirt; während in den Gesichtskreis des weisen und erfahrenen Menschen die meisten Ereignisse, welche er wahrnimmt, hineinpassen, sodaß er also weniger und seltener lacht.
J. K.




Die unterseeische Stadt im Genfer See. „Das Ganze“, schreibt auf unsere Anfrage unser verehrter Mitarbeiter, Professor Vogt in Genf, den eine Zeitungsnachricht als Mitentdecker der untergegangenen Stadt bezeichnet, „ist eine unverschämte Mystification, an der nicht ein einziges wahres Wort ist. Weder ich, noch irgend ein Anwohner des Genfer See’s hat Kenntniß von einer versunkenen und bei St. Prex wieder aufgefundenen Stadt. Da die Ente ausflog, während ich abwesend war, so konnte ich nicht rechtzeitig dagegen reclamiren. Kurz, Alles ist Lüge, wie so vieles Andere, das mir aufgeladen wird.“




Neuer Schwindel. Durch viele Zeitungen läuft augenblicklich folgende Anzeige:

Zur Beachtung für Alle!!!
Ein schönes Geheimniß, sehr stark zu werden.

Dieses Geheimniß wird nur als eine Wohlthat ausgegeben und bereitet den Menschen eine allgemeine Kraft und Stärke und wird nach Wunsch nach allen Gegenden versendet, damit auch andere sich an der schönen Quelle des Lebens erquicken mögen und Tausende werden gewiß ihren Dank dafür aussprechen. Dieses Geheimniß kostet nur 1 Mark. Man wende sich direct an

M. L. Müller.
Löberthorgebäude in Erfurt.

Nach Einsendung einer Mark erhielt ein Herr auf einem kleinen gedruckten Zettel nachfolgende Enthüllung des Räthsels:

„Sehr stark zu werden.

Man nehme eine Flasche guten Rothwein, vergrabe den Wein in die Erde in einen Ameisenhaufen und lasse den Wein ein ganzes Jahr darin.

Dann nehme man den Wein wieder heraus und trinke zuweilen etwas davon, so wird man Kräfte bekommen, die mit Verwunderung zunehmen.

M. L. Müller in Erfurt.
Nachdruck verboten!“



Kleiner Briefkasten.

Herrn C. in Leipzig. Bezüglich Ihrer Aufrage wegen Verwandtschafts-Ehen verweisen wir Sie auf das soeben in deutscher Uebertragung erschienene Buch des französischen Philosophen Th. Ribot (Leipzig, Veit u. Comp. 1876), welches auf Seite 317 bis 320 eine ziemlich unparteiische Auseinandersetzung über die vielbesprochene Frage giebt; ferner auf Darwin („Das Variiren etc.“, 2. Theil, 17. Capitel) und endlich auf Dr. Reich („Das eheliche Leben“, 1864, S. 526 u. f., und „Allgemeine Naturlehre“, S. 603 u. f.). Darwin sagt, daß er ungern auf den Gegenstand eingehe, „da er von natürlichen Vorurtheilen umgeben ist“; aber seine vielen Nachweise über die großen Nachtheile zu naher sogenannter „Inzucht“ bei Thieren lassen wohl keinen Zweifel über seine eigentliche Meinung übrig. Reich verwirft die Verwandtschafts-Ehen auf das Allerentschiedenste unter Aufführung eines reichen statistische Materials, während der berühmte französische Gelehrte Quatrefages einen vermittelnden Standpunkt zwischen beiden entgegenstehenden Meinungen einnimmt und behauptet, daß zwar die Verwandtschaft an sich nicht nachtheilig wirke, daß sie es aber in Folge der die Vererbung beherrschenden Gesetze oft thue, und daß daher angesichts dieser Möglichkeit die Klugheit Verheirathungen Blutsverwandter verbiete.

In ähnlicher Weise spricht sich Karl Müller, der Herausgeber der Zeitschrift „Natur“, bei Gelegenheit der Erwähnung einer im Jahre 1875 erschienenen Schrift des Engländers Henry Huth (The marriage of near kin), welcher die Schädlichkeit der Verwandten-Ehen für ein Vorurtheil erklärt, aus. Nach Müller leidet der allergrößte Theil der Familien an irgend einem leiblichen oder geistigen Fehler, der sich durch Vererbung steigert, sodaß man nicht wissen kann, zu welcher Desorganisirung schließlich eine solche wiederholte Vererbung führen werde. Umgekehrt wird der Fehler sicher durch eine „Auffrischung“ des Blutes sich mindern oder gänzlich verlaufen. „Nicht weil es die Kirche nicht gestattet,“ sagt Müller, „sind wir deshalb gegen Heirathen unter Blutsverwandten, sondern weil die Natur ihr Veto dagegen einlegt.“


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Wo ein Schifffahrtscanal den Lauf des Sieles durchkreuzt, muß das letztere, um den Canal nicht zu sperren, die unter den Boden desselben versenkt werden, und steigt an der andern Seite entsprechend wieder in die Höhe. Eine solche Durchbiegung des Sieles nach unten heißt „Düker“.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: nnter
  2. Vorlage: lings
  3. Vorlage: wüßen
  4. Vorlage: dar