Die Gartenlaube (1877)/Heft 48

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1877
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[801]

No. 48.   1877.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Junker Paul.
Erzählung von Hans Warring.
(Fortsetzung.)


Marie hob das Gesicht des jungen Mädchens empor und blickte ihr in die Augen. Sie hatte die Absicht, ihr einen scherzhaften Vorwurf zu machen, sie der Falschheit zu beschuldigen. Aber die Augen Hanna’s schauten mit einem so traurigen, hülfesuchenden Blicke zu ihr auf, daß sie schwieg. Sie begnügte sich, sie liebevoll zu umschlingen und ihr Haupt an ihrer Brust ruhen zu lassen. So standen sie, schweigend an einander geschmiegt, bis ein Klopfen an der Thür sie aufschreckte und der Diener meldete, daß man sie unten zum Thee erwarte.

Im Saal, wo die Lampen schon brannten und der Theetisch bereit stand, gingen Paula und Reinhard, der bald nach seiner Schwester angekommen war, im Gespräche auf und ab. Sie schienen über wichtige Dinge zu verhandeln, denn Paula sprach lebhaft und in sichtbarer Erregung. Max hörte ihr ernst und aufmerksam zu und war so in Anspruch genommen durch die Lebendigkeit seiner Gefährtin, daß er beim Eintritte der beiden Mädchen nur flüchtig aufblickte und sich mit einer Verbeugung aus der Ferne begnügte. Gleichwohl wurde das Gespräch nicht fortgesetzt, denn Kayser kam aus dem Nebenzimmer herbei, und man setzte sich. Reinhard hatte mit einiger Sorge an das Wiedersehen Hanna’s gedacht. Er war sich bewußt, daß er sich ihr gegenüber vom Augenblicke hatte hinreißen lassen, und mußte jetzt, wenn er gewissenhaft handeln sollte, doppelt auf seiner Hut sein, und das um so mehr, als er fühlte, daß der Zauber, dem er schon einmal erlegen, seine Wirkung auf ihn nicht verloren hatte. Hanna hatte ihren Platz hinter der silbernen Thee-Urne eingenommen und verwaltete schweigend ihr Amt als Wirthin. Um sie her wurde laut und heiter gesprochen, sie aber hörte nur das angstvolle Klopfen ihres Herzens, und die Stimme in ihrem Innern, die ihr zuflüsterte: „Sie haben sich verständigt – o, wenn doch dieser Tag erst zu Ende wäre, und ich allein sein könnte!“

Plötzlich fuhr sie zusammen. Man hatte ihren Namen genannt und aufblickend sah sie Aller Augen auf sich gerichtet.

„Machen Sie mir daraus keinen Vorwurf, Fräulein Marie!“ hörte sie ihren Onkel sagen, „ich bin unschuldig daran. Fragen Sie sie selbst, ob sie in meinem Hause Mangel leiden muß!“

„Aber Herr Kayser –“ begann Marie.

„Rechtfertige mich, Kind, gegen diese Anklage!“ fuhr Kayser in halb wirklich empfundenem Aerger fort. „Gieb Antwort: ich bin ein böser Onkel; ich lasse Dich hungern wie?“

„Aber lieber Herr Kayser!“

„Sie haben mich mit anklagenden Augen angesehen und das kann ich nicht ertragen. Sprich, Hanna, giebt man Dir genug zu essen und zu trinken?“

Paula und Max lachten; auch über Hanna’s Gesicht flog ein Lächeln, als sie sich zu Marie wandte.

„Ich versichere Dich, liebe Marie,“ sagte sie, „daß ich noch niemals in meinem Leben Gelegenheit gehabt habe, eine so gute Küche kennen zu lernen, wie jetzt. Und wenn ich diese Gelegenheit so schlecht benutze, so ist das lediglich meine eigene Schuld.“

„Aber man behandelt Dich schlecht; man vernachlässigt Dich?“ fuhr Kayser fort zu inquiriren.

„Durchaus nicht, Onkel!“

„Und wenn ich es auch nicht thue, so thut es doch die Dienerschaft. Da ist zum Beispiel die Hörig, unsere Wirthin. Sie läßt ihre üble Laune an Dir aus, sobald ich den Rücken wende. Sie sperrt Dich ein und pufft Dich, wenn Ihr allein seid – ist’s nicht so?“

„Aber Onkel!“ rief Hanna beleidigt.

„Du hast also keine Klage zu führen?“

„Nein, nein, nein!“

„Sie hören es, Fräulein Marie.“

„Herr Kayser, ich habe mir nie erlaubt, eine so lächerliche Beschuldigung auch nur zu denken, viel weniger auszusprechen.“

„Aber Niemand könnte es Ihnen verdenken, wenn Sie es gethan hätten. Hat es mir doch selbst Sorge gemacht, sie täglich bleicher und magerer werden zu sehen, während ich sie doch gerade habe herkommen lassen, damit sie frisch, roth und rund werde. Ich wollte in diesem Punkte rechte Ehre bei Ihnen einlegen; ich wollte Ihnen durch Thaten beweisen, daß ich besser bin, als meine Worte mitunter vermuthen lassen. Und nun muß sie gerade mir zum Trotze mich und meinen Tisch so in Mißcredit bringen.“

Man lachte über seinen Kummer, und Max sagte tröstend:

„Machen Sie sich hierüber keine Sorgen, lieber Freund! Sie selbst sind der beste Beweis von der Güte Ihres Kellers und der Nahrhaftigkeit Ihrer Küche. Ihr Anblick muß auch den ungläubigsten Zweifler zur besseren Erkenntniß bringen.“

Max lehnte sich in seinen Stuhl zurück und blickte zum ersten Male an diesem Abend aufmerksam in Hanna’s Gesicht. Mit Schmerz sah er, daß dieses holde Gesicht noch zarter und durchsichtiger geworden war, als früher. „Wenn sie krank würde: [802] wenn sie stürbe!“ dachte er, und er fühlte, wie bei diesem Gedanken eine bange, herzbeklemmende Angst sich seiner bemächtigte. Hanna, welche plötzlich aufblickte und die Sorge in seinem Gesichte lesen mochte, lächelte und schüttelte den Kopf.

„Mir fehlt gar nichts,“ antwortete sie auf seine stumme Frage, „ich fühle mich in der That ganz wohl. Ich habe nie sehr kräftig ausgesehen, und bin doch noch niemals in meinem Leben ernstlich krank gewesen.“

„Ihr Aussehen jedoch rechtfertigt die Sorge Ihrer Freunde,“ entgegnete er.

„Ich wünschte,“ antwortete sie leise, „daß unsere Freunde keine gerechtfertigtere Sorge hätten, als mein Aussehen. Ich weiß jedoch, daß dem nicht so ist – ich weiß, daß man uns etwas zu verbergen sucht, und ahne eine Gefahr, die Ihnen oder Ihrem Eigenthume droht. Sie sollten uns mehr Muth zutrauen; ist doch Wahrheit, und sei es die herbste, jeder Täuschung vorzuziehen.“

Er schaute auf, als sie so sprach, und ihre Augen begegneten sich. Hanna senkte den Blick dieses Mal nicht zu Boden – offen und ernst suchte er den seinen. Max fühlte, wie sein Herz wieder schneller zu schlagen begann.

„Wohl,“ sagte er, „ich will Ihrem Wunsche willfahren. Sie haben richtig geahnt: ich muß mich auf eine Gewaltthat gefaßt machen. Ich hoffe jedoch, daß Sie mich für Mannes genug halten, mich und mein Eigenthum zu schützen. Uebrigens hat man mir Zeit gelassen, für Verstärkung meiner Streitkräfte zu sorgen. Einige der zuverlässigsten Leute des Fräuleins von Contagne werden unter der Aufsicht meines treuen Kramer das Wohnhaus vertheidigen, welches wir anfänglich aus Mangel an Mannschaften preiszugeben gedachten. Ihr Oheim und ich nebst einigen entschlossenen Burschen werden zum Schutze der Fabrik bereit sein. Gleich nach Tisch werde ich mich entfernen, um mich auf meinen Posten zu begeben. Sie und Marie werden im Schutze dieses Hauses sicher sein.“

Er hatte schnell und leise gesprochen, unbeachtet von den Anderen, die drüben in einer lebhaften Unterhaltung begriffen waren. Jetzt rückte man die Stühle und stand vom Tische auf. Kayser bot Marie den Arm und führte sie in's Nebenzimmer, in dessen Mitte, bestrahlt von dem glänzenden Lichte des Kronleuchters, der neue Flügel stand. Mit einer gewissen Feierlichkeit bat er sie, die Erste zu sein, die darauf spiele. Marie willfahrte dieser Bitte rasch. Und als unter ihren kunstgeübten Händen die ersten Töne durch das hohe Gemach zogen, da hatte selbst für ihr Ohr der prachtvolle Klang etwas so Ueberraschendes, daß sie die Hände sinken ließ und mit entzücktem Lächeln aufschaute.

„Sie sind also zufrieden? – Das freut mich – das freut mich sehr,“ rief Kayser.

Er hätte nicht nöthig gehabt, seine Freude auszusprechen; sie war auf seinem Gesichte zu lesen. Marie, welche während des Tischgespräches mehr als einmal den Ausruf: „welch ein Materialist – welch ein arger Materialist sind Sie!“ hatte unterdrücken müssen, fühlte sich durch diese warmherzige Freude wieder versöhnt mit ihm. Sie reichte ihm lächelnd die Hand, die er nicht nur warm zwischen der seinen drückte, sondern auch mit der Miene ernster Huldigung an die Lippen führte. Als sie wieder zu spielen begann – es war ihr Lieblingsstück, Beethoven’s Sonate Pathéthique – blieb er neben ihr stehen, und betrachtete sie mit Blicken, die ihre Wange dunkler färbten. Sie spielte, wie sie sich bewußt war, schlechter als je vorher. In ihrem Innern machte sie sich Vorwürfe über die Unzufriedenheit, die sie eben gefühlt.

„Ich bin eine Thörin,“ sagte sie sich, „von einem Manne in seinem Alter und von seiner Lebenserfahrung Idealismus zu verlangen. Mag er immerhin die Freuden der Tafel etwas zu hoch anschlagen und zu großen Werth darauf legen – ich will mich stets daran erinnern, daß diese Schwäche tausendfach aufgewogen wird durch seine Biederkeit und Herzensgüte. Hanna hat Recht. Es kann nicht schwer sein, mit diesem Manne glücklich zu werden.“

Eine halbe Stunde später waren die drei Mädchen wieder allein. Die Lampen unten im Saale waren verlöscht, die Läden und Thüren geschlossen, und das ganze Haus lag still und dunkel da, als berge es nichts als Frieden und Schlaf in seinen Räumen.




15.

Die Stunden der Nacht verstrichen langsam wie alle, die in Sorge und Angst verlebt werden. Mitternacht war bereits nahe, und noch hatte sich keines der drei Mädchen zur Ruhe niedergelegt. Sie hatten ihre Sorge vor einander nicht zu verheimlichen vermocht und waren schnell übereingekommen, sich für die Nacht nicht zu trennen. Angstvoll an einander geschmiegt, saßen sie in Hanna’s Wohnzimmer, von Zeit zu Zeit hinaushorchend, ob ein Geräusch in der Ferne ihnen die Bestätigung ihrer bangen Ahnung brächte. Sie hatten nicht gewagt, die Lampe anzuzünden, aus Furcht, daß der Lichtschein aus ihrem Zimmer die Aufmerksamkeit etwa Herumstreichender auf das Haus lenken könnte, eine Furcht, die bei der Nähe der Fabrik durchaus gerechtfertigt erschien. Nur ein schwacher Lichtschimmer fiel aus dem Schlafgemache, wo hinter den sorgfältig geschlossenen Vorhängen ein gedämpftes Nachtlicht brannte, zu ihnen herein. Aber so schwach dieser Schimmer auch war, er reichte doch hin, ihnen die Blässe ihrer Gesichter und die angstvolle Spannung ihrer Züge erkennbar zu machen. So verrann Stunde um Stunde in bangem Schweigen. Hin und wieder erhob sich eine von ihnen, um leise ein Fenster zu öffnen und schärfer hinaus zu horchen. Aber nichts ließ sich vernehmen, als das leise Rauschen der Blätter im Nachtwinde oder das entfernte Bellen eines Hundes. So still war die Nacht, daß die Schläge der Fabrikuhr, als sie die Mitternachtsstunde verkündeten, deutlich bis in ihr Gemach drangen.

„Erst zwölf Uhr!“ sagte Hanna flüsternd, „wird denn diese Nacht nie zu Ende gehen?“

„Die Stunden der Dunkelheit haben wir wenigstens bald hinter uns,“ entgegnete Marie ebenso leise. „Nach Mitternacht geht der Mond auf – in einer Stunde wird die Gegend hell sein.“

„Vielleicht haben sie gerade hierauf gewartet,“ meinte Hanna verzagt.

„Seid nur nicht muthlos!“ ermahnte Paula tröstend. „Jede Stunde, die sie verstreichen lassen, ist ein Vortheil für uns. Wenn unsere militärischen Freunde mit dem Nachtzuge in Elmsleben anlangen, können sie mit dem Morgengrauen hier sein.“

„Bis dahin sind es noch drei Stunden, eine lange Zeit, in der viel geschehen kann,“ sagte Hanna.

Wieder verfielen die Drei in ein langes, angstvolles Schweigen, während dessen Jede ihr Herz schlagen zu hören meinte. Nur das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims unterbrach die Stille und hin und wieder ein leise geflüstertes Wort oder ein halb unterdrückter Seufzer.

„Diese Spannung ist kaum länger zu ertragen,“ sagte Paula endlich sich erhebend und an's Fenster tretend. „Einer Gefahr entgegensehen, die uns selbst droht, mag schlimm sein, aber tausendmal schlimmer ist es noch –“

„St!“ unterbrach Marie hastig ihre Worte, „hört Ihr nichts?“

In athemloser Spannung lauschten die Mädchen hinaus. Der Mond war aufgegangen. Zwar stand er noch nicht so hoch, um ihnen sichtbar zu sein, aber das tiefe Dunkel, das bisher geherrscht, hatte sich bereits gelichtet, und ein mattes Dämmerlicht erfüllte die Gegend. Und als ob die Strahlen des aufgehenden Gestirns mit der Finsterniß zugleich auch das Schweigen verscheucht hätten, ließ sich in der Ferne ein Geräusch vernehmen, anfänglich nur leise, wie das Rauschen entfernter Wasserfluthen, aber allmählich anschwellend, wie das Brausen eines erwachenden Sturmes. Es war ein dumpfer, unentwirrbarer Schwall von Tönen, unerklärbar für jeden Uneingeweihten, aber von grauenvoller Erkennbarkeit für die drei Lauscherinnen.

„Sie sind es. Sie sind es,“ rief Hanna mit angstvoll gerungenen Händen. „Und ich fing bereits an zu hoffen, daß die armen Verblendeten zur Erkenntniß des Elends gekommen seien, das sie im Begriffe sind, auf ihre eigenen Häupter herniederzuziehen.“

„Sie müssen darauf gefaßt sein, das zu ernten, was sie säen,“ sagte Paula streng.

„Sie sind irregeleitet,“ rief Hanna warm.

„Und wenn ich bedenke,“ nahm Marie das Wort, „wie bei Manchen unter ihnen gerade ihre besten Gefühle, ihre Treue gegen das bisherige Regiment, ihre Vaterlandsliebe, ja selbst [803] ihre Religiosität, gemißbraucht worden sind, sie zu diesem Gewaltacte zu verleiten, dann empfinde ich es doppelt schmerzlich, daß gerade meinen Bruder das Loos treffen muß, ihr Gegner und Ankläger zu sein. Wenn ich es wäre, die von ihnen angegriffen würde, ich glaube, die Waffe in meiner Hand würde zittern, selbst wenn ich sie zu erlaubter Selbstvertheidigung führte.“

„Willst Du Deinem Bruder einen Vorwurf daraus machen, daß er Unrecht von sich abwehrt?“ fragte Paula.

„O gewiß nicht!“ entgegnete Marie schnell. „Aber ich beklage die Nothwendigkeit, die ihn dazu zwingt.“

„Und glaubst Du, daß er sie weniger beklagt als Du, Mütterchen?“ fragte Hanna freundlich. „Ich bin sicher, sein Herz sehnt sich, Milde walten zu lassen. Ich zweifle nicht daran, daß er jede Schonung üben wird, die mit seiner Sicherheit vereinbar ist.“

„Welch ein beredter Anwalt das Kind ist!“ rief Paula, auf deren Antlitz sich trotz der kritischen Lage des Augenblicks ein leises Lächeln zeigte. „Schon zum zweiten Male habe ich heute Gelegenheit, sie in dieser Eigenschaft zu bewundern.“

Das Geräusch, welches mit jeder Minute an Stärke und Deutlichkeit zunahm, schnitt jede Entgegnung ab. Jetzt waren es nicht mehr unentwirrbare Töne; man unterschied deutlich den Tritt vieler Füße und den Schall zahlreicher Stimmen.

„Es ist unmöglich, diese Ungewißheit länger zu ertragen,“ rief Paula nach einer abermaligen längeren Pause des Schweigens. „Gehen wir hinab! Wenn wir über die Wiese hinter dem Garten gehen, können wir ohne Gefahr die Anhöhe erreichen, von der wir einen Ueberblick über die ganze Gegend haben werden. Niemand wird uns sehen, wenn wir die Landstraße vermeiden.“

Hanna hatte, noch ehe ihre Gefährtin zu Ende gesprochen, sich bereits zum Gehen fertig gemacht. Mit zitternden Händen hüllte sie auch Marie in einen weiten dunklen Shawl und führte dann ihre Gäste schweigend und im Dunkeln die Treppe hinab. Unten im Vorsaal wachte Frau Hörig mit einigen ihrer handfestesten Mägde. Nur widerstrebend gab sie dem Verlangen nach, den jungen Damen, die ihrer Obhut anvertraut waren, das Haus zu öffnen und sie ohne Schutz in die Nacht hinaus zu lassen. Sie blieb noch längere Zeit unter der Thür stehen, um ihnen ihr Vorhaben auszureden. Erst als sie sich überzeugt hatte, daß rings um das Haus alles still und ruhig war, ließ sie sie gehen. Schweigend durchschritten die drei Gefährtinnen den Garten, der frisch und friedlich dalag, und traten durch eine kleine Pforte auf die thaufeuchte Wiese hinaus. Die Anhöhe, von welcher Paula gesprochen, war bald erreicht. Der Gipfel derselben war mit einem dichten Buschwerk gekrönt, über welches ein paar alte Nußbäume ihre dichtbelaubten Kronen erhoben. Der tiefe Schatten der Bäume, sowie die niedrige Mauer, welche das Gesträuch bildete, dienten den Mädchen zum Verstecke, von wo aus sie, ohne selbst gesehen zu werden, den ganzen Schauplatz des Kampfes überblicken konnten. Paula’s Augen waren die schärfsten; sie war daher die Erste, welche die Situation zu überblicken vermochte.

„Das können nicht allein die Arbeiter der Fabrik sein,“ sagte sie schnell und athemlos sprechend, „es sind ihrer zu viele dazu. Der ganze Pöbel der Umgegend scheint sich versammelt zu haben; man hat es augenscheinlich auf eine große Demonstration gegen das verhaßte Preußenthum abgesehen. – Hört! Was mögen, diese Schläge zu bedeuten haben?“

„Es klingt, als ob sie Steine gegen das große Thor des Fabrikhofes würfen,“ sagte Marie zitternd.

„Das kennzeichnet diese ganze elende Horde,“ rief Paula mit verachtungsvoll zuckender Lippe. „Sie wagen sich nicht heran – ein paar muthige Männer halten die ganze Rotte in Schach.“

Die dumpfen, dröhnenden Schläge wiederholten sich. Bei jedem fürchteten die athemlos Lauschenden, das Krachen des zersplitterten Holzwerkes zu hören. Sie mußten sich sagen, daß das Thor der Gewalt dieser Stöße nicht lange widerstehen konnte.

„Er ist zu langmüthig; er geht zu schonend mit ihnen um,“ rief Paula zürnend. „Sie haben laut genug zu ihm gesprochen, diese elenden Bursche. Jetzt sollte er seine Büchse ihnen antworten lasten.“

„Sein Zögern stellt ihn in meinen Augen um so viel höher,“ entgegnete Hanna leise. „Ich begreife und billige es, daß er erst im letzten Augenblicke zu diesem schrecklichen, äußersten Mittel greifen will.“

„Das heißt aber mit zu ungleichen Waffen kämpfen. – Kennen sie ein Bedenken? Was, meinst Du, würde sein Loos sein, wenn er in ihre Hände fiele?“

Hanna antwortete nicht; Paula’s Worte riefen entsetzliche, grauenvolle Bilder in ihr wach. Schaudernd verbarg sie ihr Antlitz in ihren bebenden Händen, und als ob ihre Füße die Kraft verloren hätten, sie zu tragen, kauerte sie auf den Boden zu Mariens Füßen nieder.

Immer heftiger und schneller folgten die Schläge auf einander, und immer lauter und drohender tönten die wilden Rufe der Angreifer. Da endlich – selbst Hanna hatte sich der Erkenntniß nicht länger verschließen können, daß ernste Gegenwehr jetzt dringend geboten sei – tönte der erste Schuß aus der Fabrik, dem in rascher Folge mehrere andere aus dem abseits gelegenen Wohnhause antworteten. Die Wirkung ließ nicht auf sich warten. Ein wilder, langanhaltender Schrei, wie der einer Heerde verwundeter Raubthiere, ließ sich hören – dann trat eine plötzliche Stille ein. Sie dauerte nur wenige Augenblicke, aber in diese Pause hinein tönte von Elmsleben her der schrille Pfiff der Locomotive, ein Ton, der das Herz der drei Mädchen mit freudiger Hoffnung erfüllte.

„Der Zug! der Zug! Ich sehe ihn,“ rief Paula. „Wie eine Schlange windet er sich längs der Höfe hin. Die Retter sind da. Fasse Muth, Hanna! Marie, trockne Deine Thränen! Jetzt ist er gerettet.“

Sie hielten sich umschlungen, weinend vor Freude. Aber eine bange Stunde mußte noch vergehen, ehe die Retter wirklich erschienen. Und während dieser Zeit kam ihnen mehr als einmal die Befürchtung, sie würden zu spät kommen.

„O, wenn sie erst da wären – wenn sie da wären!“ Und Paula, deren Muth und Zuversicht sich mit der Nähe der Hülfe wieder eingestellt hatte, antwortete tröstend und hoffnungsvoll, und ihre frische helle Stimme klang erweckend und belebend den Verzagenden in’s Ohr.

„Das Schießen muß unten in Elmsleben zu hören sein – es wird ihnen verkünden, wie nothwendig hier ihre Hülfe ist,“ sagte sie. „Sicherlich werden sie keine Minute verlieren. Und die Gewißheit, daß Hülfe naht, wird unsere armen Belagerten zu tapferem Ausharren ermuthigen. Jetzt dürfen wir nicht mehr klagen – jetzt bin ich eines guten Ausgangs sicher.“

Sie war, die dicken Aeste eines Nußstrauches wie eine Leiter benutzend, emporgestiegen, um besser ausschauen zu können. Umwogt von Laubwerk stand sie da; ihr hübscher Kopf ragte darüber hervor, und die Arme griffen, hoch erhoben, in die Aeste eines Baumes. Von der Fabrik her tönten die Schüsse und dröhnten die Würfe in immer kürzeren Pausen. Das Krachen des Holzwerks und das Triumphgeschrei, das jeden errungenen Vortheil begleitete, klangen immer lauter, immer unheilverkündender zu ihnen herüber.

„Wie entsetzlich das klingt! Ist noch nichts zu sehen, Paula? – nichts? – o Gott, wenn sie zu spät kämen!“

„Muth, Muth! – wenn ich sie erst sehe, dann sind sie auch in wenigen Minuten hier.“

„Welch’ eine Truppengattung mag es sein – Infanterie?“

„Nein, Cavallerie, Dragoner.“

Sie wandte ihr Gesicht ab, denn sie fürchtete, daß ihre Gefährtinnen trotz des unsicheren Dämmerlichtes ihr Erröthen wahrnehmen könnten.

„Woher wissen Sie das, Paula?“ fragte Marie.

„Durch den Landrath. Es handelte sich um die nothwendigen Stallungen; sie sind ihm zur Verfügung gestellt worden. Es wurde alles telegraphisch abgemacht.“

„Vielleicht führt Richard, mein jüngerer Bruder, das Commando,“ sagte Marie.

Es erfolgte keine Antwort, aber Paula blickte eifriger als je in die Richtung von Elmsleben hin.

„Noch immer nichts zu sehen, Liebe?“

„Nein, aber glaubt mir, jetzt kann es nur noch wenige Minuten dauern.“

Wieder herrschte eine Weile Schweigen. Dann sagte Marie: [804] „Wir werden natürlich Alle Einquartierung bekommen – nicht?“

„Jawohl! Ich habe angeordnet, daß in Fleurmont Haus und Hof zum Empfange bereit sein werden. Mögen so viele kommen, wie nur immer wollen! Sie sollen mir willkommene Gäste sein.“

„Wenn unser lieber Junge kommen sollte, dann müßte er bei uns wohnen,“ rief Marie.

„Ihr Haus, fürchte ich, wird jetzt kaum in einem Zustande sein, um Gäste aufzunehmen. Kayser und ich haben uns erboten, den Officieren Quartier zu geben.“

„Vielleicht kommt nur Einer, Paula.“

„Möglich! Diesen Einen aber beanspruche ich, hört Ihr? Ich will ihn haben; mein muß er sein.“

„St! – Hört Ihr Nichts? Was ist das?“

„Das ist Pferdegetrappel – sie kommen; sie kommen.“

In der Ferne ließ sich ein sonderbares, donnerähnliches Getöse hören, das mit jeder Minute näher und näher kam. Es währte nicht lange, bis auch die beiden anderen Mädchen darin den Hufschlag vieler Rosse erkannten, die in raschem Trabe herankamen. Nur pausenweise vernahmen sie es – dann ging es ihrem aufhorchenden Ohre wieder verloren in dem verworrenen, wüthenden Toben des erbitterten Kampfes.

Und jetzt erblickten sie sie, die langersehnten Retter. Helm um Helm tauchte aus dem Thalgrunde empor. Die ersten Reiter verschwanden bereits im Gebüsche, das den Damm einfaßte, indeß das Ende des Zuges noch im Thale verborgen war.

„Ich kann nichts mehr sehen,“ sagte Marie, „mir flimmert's vor den Augen. Die ganze Gegend scheint mir in Nebel gehüllt. Schauen Sie aus, Paula! Sind sie schon diesseits des Dammes?“

„Ja, da kommt eben der erste Reiter aus dem Gebüsche hervor – er ist schneller geritten, als die Anderen – er hält wartend auf der Straße. Er ist’s – ich erkenne ihn. O mein Gott, ich erkenne ihn.“

Die Sonne, welche eben aufging, stand hinter Paula; daher konnten es nicht ihre Strahlen sein, welche sie blendeten. Etwas aber mußte sie am Sehen hindern, denn sie fuhr hastig mit der Hand über die Augen.

„Wen erkennen Sie? Wer ist es?“ rief Marie eifrig.

„Wer es ist? – Nun, natürlich der Officier!“ antwortete Paula, wieder mit der Hand ihre Augen beschattend.

„O, wenn es doch Richard wäre! Ich habe ihn schon so lange nicht gesehen. Ist er noch jung, Paula? Strengen Sie Ihre Augen an! Wie sieht der erste Reiter aus?“

Paula’s Brust hob und senkte sich ungestüm. Wäre Mariens Aufmerksamkeit nicht so sehr mit anderen Dingen beschäftigt gewesen, so hätte sie die Erregung des Mädchens gewahr werden müssen, die ihr Antlitz mit tiefer Purpurgluth färbte.

„Wie er aussieht, fragen Sie, Marie?“ entgegnete sie nach einer kurzen Pause. „Nun, wie anders, als hübsch – sehr hübsch! – Eine schlanke Gestalt – mittelgroß – braune Augen, klug wie die Ihrigen, Marie, aber feuriger, siegesgewisser in die Welt schauend –“

„Sie kennen ihn, Paula?“

„Ein kleiner, dunkler Bart auf der Lippe – und auf der linken Wange eine Narbe, die ehrenvolle Narbe eines Kriegers, die sein Gesicht noch schöner macht, als Natur es gebildet.“

„Paula! – Wäre es möglich – sollten Sie es sein? Kommen Sie herab, Kind! – O Himmel, ich hätte das ahnen können.“

„Hier bin ich, Mütterchen,“ sagte das junge Mädchen, mit einem leichten Sprunge ihren erhöhten Standpunkt verlassend und an Mariens Seite tretend. „Was befiehlt die gestrenge Mama?“

Sie schauten sich in die Augen, und Marie sah, wie in denen Paula’s, neben dem gewöhnlichen neckischen Funkeln, ein Blick tiefen, innigen Gefühls erglänzte. Sie ergriff die Hände des jungen Mädchens und drückte sie liebevoll in den ihrigen.

„Willst Du mir nicht vertrauen Paula?“ fragte sie.

„Ja, Dir vor Allen! Du sollst Alles wissen – aber später – jetzt nicht! Wir haben auf Dich und Deinen Schutz gerechnet. Haben wir uns getäuscht, Marie?“

Ein fester Händedruck war die einzige Antwort. Dann traten sie zu Hanna heran, die etwas weiter dem Gipfel zu so aufmerksam in die Gegend hinaus geschaut hatte, daß sie die kleine Scene zwischen ihren beiden Gefährtinnen nicht beachtet hatte.

„Da seht!“ sagte sie, „eben geht die Sonne auf, und vor ihrem Lichte müssen alle bösen, unheilvollen Geister der Nacht verschwinden. Schaut hin! Nur das Gute ist geblieben – die dunklen Mächte des Hasses und der Empörung haben das Feld geräumt.“

Als die ersten rothen Strahlen des Morgenlichtes die Gegend erhellten, sahen sie, wie man den eben anlangenden Truppen das Thor des Fabrikhofes öffnete, oder, um richtiger zu sprechen, wie man die Planken und Holzsplitter, welche einst das stattliche Thor gewesen waren, vor ihnen hinwegräumte. Von den Angreifern war nichts mehr zu erblicken; sie hatten noch vor der Ankunft der bewaffneten Macht schleunigst die Flucht ergriffen. Aber die Spuren, die sie auf dem nächtlichen Kampfplatze zurückgelassen, machten die Mädchen schaudern. Verwüstung überall, wohin sie blickten! Und grauenvoller noch als der zerstampfte Boden, die zertrümmerten Thüren und Fenster, die niedergetretenen Rasen- und Blumenstücke des Gartens, waren die regungslosen, dunklen Gestalten, welche als Opfer des nächtlichen Kampfes zurückgeblieben waren.

(Fortsetzung folgt.)




Suleika’s Eden.


Wenn schon im gewöhnlichen Leben die Orte, wo liebe Freude und Bekannte wohnen, ein besonderes Interesse für uns haben, um wie weit mehr ist dies bei den Stätten der Fall, um welche sich Erinnerungen an Menschen weben, die zu den bedeutendsten Geistern ihres Jahrhunderts zählten, und denen die Nachwelt eine gleiche Verehrung und Bewunderung zollt, wie sie die Mitwelt ihnen einst im persönlichen Verkehre huldigend darbrachte.

Eine solche Stätte ist die unweit Frankfurt und Offenbach, nahe Oberrad, am linkem Mainufer belegene Gerbermühle, zugehörig zum Terrain des Strahlenberger Hofes, den der Volksmund „Wasserhof“ benennt.

„Dem alten, noch aus fernen Jahrhunderten stammenden Baue der Gerbermühle, den die prachtvollsten Bäume umschatten, fehlt zwar die zur Zeit übliche Gedenktafel mit der Inschrift, daß Goethe dort wohnte und schon in seiner Kindheit und Jugend der Weg zu diesem Hause am heimathlichen Strome entlang – oder auch weiter darüber hinaus gen Offenbach – sein Lieblingsweg war.

Solche Gedenktafel ist dort aber in der That überflüssig. – Unseres großen Dichters und Denkers Vorliebe für diese Stätte am Main ist längst weltbekannt. Mindestens kamen schon seit vielen Jahren Verehrer und Verehrerinnen Goethe's aus dem In- und Auslande und aus allen Weltgegenden dahin. Sie durchwanderten das Haus und betrachteten mit besonderem Interesse das Zimmer, das Goethe bewohnte; sie durchstreiften den Garten und schauten ehrfurchtsvoll zu den alten Bäumen empor, deren Zweige, wie wohl Mancher sagte, „schon über seiner erhabenen Dichterstirn dahin rauschten,“ und die, wie ich mich etwas einfacher ausdrücken möchte, ihm nicht allein den wohlthuenden Schatten gespendet, sondern auch Zeugen waren, wie die damaligen Bewohner der Gerbermühle, der Geheime Rath von Willemer und dessen reich begabte Gattin Marianne, sowie auch deren ganzer Verwandten- und Freundeskreis, ihn geehrt und gefeiert haben – Zeugen jener abendlichen, stillen, einsamen Spaziergänge, die Goethe dort mit der schönen, geistreichen jungen Frau machte, die er in seiner Suleika des „Westöstlichen Divans“ für alle Zeiten verewigte und die sich durch jene Suleika-Lieder, die sie dazu lieferte, einen berühmten Namen gemacht hat. Ueber Inhalt und Form des „Westöstlichen Divans“, jener im Stil eines Hafis geschriebenen orientalischen Liebes-Gedichte des

[805]
Die Gartenlaube (1877) b 805.jpg

Die Gerbermühle bei Frankfurt am Main.
Originalzeichnung von Ludwig von Roeßler in Frankfurt am Main.

[806] alternden Goethe, ist in Literaturgeschichten schon so vielfach gesprochen worden, daß dieselben bei den Lesern wohl als bekannt vorausgesetzt werden dürfen.

Nächst Goethe ist's jene interessante Frauenerscheinung, die Dichterin Marianne von Willemer, die der Gerbermühle wechselnden Baumesschatten mit dem unverwelklichen Gezweige des Lorbeers durchflochten und das alte Haus mit dem ewig jungen, ewig frischen Hauch der Poesie und Anmuth umwoben hat. Der Lebenslauf dieser Marianne-Suleika, die unstreitig eine der begabtesten und geistig bedeutendsten Freundinnen Goethe's war, ist seit den letzten zwei Jahren in weitesten Kreisen bekannt geworden durch die beiden über sie erschienenen Werke. Das erste betitelt sich: „Goethe und das Urbild seiner Suleika“ und ist von E. Kellner, der Wittwe eines Frankfurter Mediciners verfaßt worden, welcher Frau von Willemer's Arzt in deren späteren Lebensjahren war und zu ihren intimern Freunden zählte. Das zweite Werk ist der schon seit vielen Jahren mit Spannung erwartete „Briefwechsel zwischen Goethe und Marianne von Willemer.“ Er wurde von einer Tochter Willemer's, einer Frau Scharf in Frankfurt, treu und ängstlich behütet, und sie hatte auch bestimmt, „daß er erst nach ihrem Tode der Oeffentlichkeit übergeben werden dürfte“. Dieser Briefwechsel ist vom Herausgeber, Herrn Professor Th. Creiznach, mit oft höchst interessanten Erläuterungen versehen worden, die auf eingehender Forschung beruhen sollen und mithin als werthvoller Beitrag zur Goethe-Literatur betrachtet werden müssen. Durch das kleine Kellner'sche Buch tritt Marianne von Willemer in dem vollsten Zauber einer anmuthigen und reizenden Frauengestalt vor uns hin. Sie tritt uns nahe durch die lebendigen Beschreibungen der Verfasserin, die ihr nicht nur verwandt war, sondern auch seit ihrer Kindheit in Verkehr mit ihr stand. Durch sie, in deren Besitze viele von den kleinen Gedichten waren, die Marianne einst nur für den engsten Familienkreis geschrieben, lernen wir die hochpoetische Suleika auch von der muthwilligen, echt humoristischen Seite kennen.

Für die Leser dieses Blattes in fernen Landen und Zonen, in entlegener Steppe und Prairie, zu deren Wohnstätten wohl die deutsche „Gartenlaube“ seit lange den Weg fand, aber vielleicht nicht jene beiden Werke drangen, die Näheres über das Privatleben der Marianne-Suleika veröffentlichten, sei Nachstehendes über die reizende Freundin Goethe's gesagt, über das Haus, in welchem sie sich kennen lernten und wo auch jene geistvollen Dichtungen des Buches „Suleika“ entstanden sind.

Marianne von Willemer stammt aus Oesterreich. Sie war die Tochter des Instrumentenmachers Jung und wurde am 20. November 1784 in Linz geboren. Ihre schon in zartester Kindheit auf überraschende Weise hervortretenden und sich entwickelnden Talente wurden in ihrer Heimath durch einen Geistlichen gepflegt und gefördert. Er war es, der ihr, die später so Ausgezeichnetes in der Musik leistete, den ersten Unterricht gab und mit ihr Klopstock und andere Dichter las. Seit ihrem achten Jahre schon der Bühne angehörig, kam sie mit vierzehn Jahren mit einer Wandertruppe und in Begleitung ihrer Mutter nach Frankfurt am Main. Sie trat dort in verschiedenen Gesangsstücken auf, auch als zierlichste Bravourtänzerin des Eier- und des graziösen Shawltanzes. Am Weihnachtstage 1798 war ihr erstes Debüt im „Unterbrochenen Opferfeste“.

Dieses Auftreten der wunderlieblichen Marianne in der alten Kaiserstadt sollte sehr bedeutsam für ihr Leben, folgereich für ihre ganze Zukunft werden. Unter den Mitgliedern der Theaterdirection befand sich damals durch Wahl der Actionäre Herr Johann Jakob von Willemer, ein sehr reicher Herr, einer der ältesten Familien der freien Reichsstadt angehörig. Obgleich er Banquier war und für einen guten Geschäftsmann galt, strebte sein Geist dem Idealen zu, und jedes Außergewöhnliche interessirte ihn sofort. Der Kunst und der Wissenschaft huldigte er vor Allen. Der besten Erziehung, die er genossen, hatte er durch eifrigstes Studium weiter nachgeholfen, sodaß er als ein Mann von ungewöhnlicher Bildung bekannt war. Schriftstellerte er auch viel und gern, so blieb doch seine hervorragendste Leidenschaft das Theater, dem er Kräfte, Zeit und Geld opferte. Die überraschenden Talente der kindlichen Marianne Jung, die ebenso schön sang, wie sie entzückend tanzte und spielte, ihre Lieblichkeit, Anmuth und Schönheit, all dies, das sie so schnell zum entschiedensten Lieblinge des Publicums machte, wurde für Herrn von Willemer, der das Theater kannte, ein Quell der Sorge und veranlaßte, daß er des Mädchens Mutter dazu bewog, sie dem für all jene glücklichen Naturgaben so gefährlichen Boden der Bühne zu entziehen, sie ihm anzuvertrauen, der sich anheischig machte, für ihre weitere Ausbildung und ihre Zukunft dadurch am besten zu sorgen, daß er sie in sein Haus nahm.

Herr von Willemer, 1760 geboren, war zu der Zeit, obschon erst achtunddreißig Jahre alt, bereits zweimal verheirathet gewesen und beide Frauen ihm gestorben. Er hatte drei Töchter, von denen die älteste in ziemlich gleichem Alter mit Marianne stand. Sein jüngstes Kind, ein Sohn, soll 1795 geboren sein und war mithin elf Jahre jünger, als die Pflegeschwester, die er 1799 in Marianne Jung erhielt.

Kennt man Frankfurt und legt noch in die Wagschale, daß zu jener Zeit die Bühne und die Kunst noch nicht im Entferntesten die Gerechtsame und den Ruf unserer Tage hatten, so ist es begreiflich, daß jener Schritt des Herrn von Willemer, der eine fremde, junge Schauspielerin in sein Haus versetzte und zur Lebens- und Lerngefährtin seiner Töchter machte, gewaltiges Aufsehen erregte, den heftigsten Tadel erlitt, von dem man noch jetzt in Frankfurt zu berichten weiß und von welchem uns persönlich im Herbste 1868 jene Tochter des Herrn von Willemer, Frau Scharf, erzählte. Diese Dame, damals schon über siebenzig Jahre alt, war, wie sie uns sagte, nach der Gerbermühle gekommen, um vor ihrem Tode doch noch einmal das Haus zu sehen, in welchem sie einen Theil ihrer Kindheit und ersten Jugend verlebt und so frohe, glückliche Tage genossen. Sie stand am längsten an dem Platze unter den alten Bäumen, nahe dem Hause, wo Willemer seinen Töchtern den Traualtar errichtet und auch Frau Scharf das bindende „Ja“ für's Leben ausgesprochen hatte.

Bei ihrem Gange durch das Haus wurde die alte Dame sehr lebhaft. Sie berichtete ebenso viel aus ihren Kinderjahren und von ihrer Pflegeschwester Marianne, wie von der spätern, so interessanten Zeit auf der Gerbermühle, zehn Jahre nach ihrer Verheirathung, wo Goethe dort gewohnt, viele berühmte Fremde ihn aufgesucht, und wo seine Freundschaft zu der begabten Marianne entstanden, die Hermann Grimm – bekanntlich mit einer Nichte von Clemens Brentano verheirathet – zuerst eingestand, daß sie jene schönen Suleika-Lieder gedichtet.

Frau Scharf, die 1868 einen durchaus einfachen und sehr praktischen Eindruck machte und den „idealen Zug“ von ihrem Vater nicht geerbt zu haben schien, sprach, wenn sie von Marianne redete, doch in anderer, weicherer und wärmerer Weise. Der einstige Zauber der Erscheinung Mariannens wirkte offenbar noch nach.

Ueber den vielfach getadelten Schritt ihres Vaters, der „die Schauspielerin“ in sein Haus genommen, sagte sie: „Sie war alles Andere, als das, sie war das wahrste, offenste und liebenswertheste kleine Wesen, das man sehen konnte. Und meinen Vater muß man gekannt haben, um es völlig natürlich zu finden, daß er bei seinen idealen Bestrebungen für Menschenwohl und Menschenglück sich zum Beschützer und Retter dieses begabten und bezaubernden Mädchens aufgeworfen hat.“

Von Mariannens Eintritt in ihr Vaterhaus sagte Frau Scharf: „Wie Vieles sich auch in Erinnerung und Empfindung schon bei mir abgestumpft hat, unvergeßlich ist mir immer Tag und Stunde geblieben, wo mein Vater hier auf der Gerbermühle mit jenem holdseligen jungen Mädchen zu uns in das Lehrzimmer trat und die Worte sprach: 'Hier bringe ich Euch noch eine Schwester.' Marianne Jung erschien uns wie aus einer andern Welt stammend, und immer habe ich selbst später gedacht, es sei so. Sie war anders, als alle andern Frauen und Mädchen, die ich je gekannt; sie war begabt und bevorzugt vor Tausenden, und mit ihren Talenten, ihrer Schönheit und Anmuth hielt die Güte und Liebenswürdigkeit ihres Charakters so vollkommen gleichen Schritt, daß, gebührte einem irdischen Wesen die Bezeichnung 'Engel', sie vor Allen Anspruch darauf gehabt hätte.“ –

Daß das damals „fremde Element“ im Willemer'schen Hause später das „belebende“ wurde, darüber herrscht nur eine Meinung. Das schroffste Urtheil stimmte die kleine Fee Marianne später in Liebe und Bewunderung um, und der Zauberstab, [807] den ihr ein gütiges Geschick für die Wanderung durch's Leben heimlich in die Hand gegeben hatte, berührte alle Herzen sanft und schmeichelnd. Ihre bedeutenden Geistesfähigkeiten, ihre Talente entfalteten sich bei der weitern sorgfältigen Ausbildung in glänzendster Weise. Das völlig Sorgenfreie und Schattenlose ihrer neuen Existenz, sowie auch das von Marianne niemals unterschätzte Glück: „die Lage und Zukunft ihrer Mutter durch ihren gütigen Wohlthäter so vollkommen gesichert zu wissen“, steigerten den Frohsinn ihres Herzens und jene heitere Lebendigkeit, die der ureigenste Kern ihrer frischen, gesunden Natur war.

Daß die poesievolle und reizende Umgebung der Gerbermühle, in welche Marianne nun versetzt war, nur anregend und fördernd auf ihre dichterische Begabung wirken konnte, unterliegt für den keinem Zweifel, der diese Stätte am Main nur flüchtig sah. Die Gerbermühle ist unstreitig einer der schönsten Punkte bei Frankfurt. Nirgend wenigstens zeigt sich der Mainstrom so vortheilhaft. Der tiefe Einschnitt eines von Schilf und alten knorrigen Weiden umsäumten Bogens, unweit vom Hause, das dicht am Ufer aufsteigt, verleiht dem Flusse dort etwas von der majestätischen Weite eines Sees, und die wechselnde Beleuchtung, die Wolken und Farben des Horizonts, überflutheten Wogen und Wellen mit einem unsagbaren, ewig neuen Reiz. In imposantem Bilde erhebt sich jenseits des farbenleuchtenden Wasserspiegels die Stadt, im Vordergrunde überragt vom alten Kaiserdome und der breiten Kuppel der Paulskirche, über der das goldene Kreuz am Thurm als weithin strahlendes Wahrzeichen schimmert. Die Berge des Taunus und an sie sich anschließend der duftig blaue Höhenzug des Rheingaus begrenzen in weitem köstlichem Rahmen die Landschaft, die an der Uferstätte der Mühle von blühender Feld- und Wiesenflur, von dem dichten, dunklen Saume des Isenburger und Frankfurter Waldes umschlossen wird.

Der Zauber dieser Lage soll Herrn von Willemer hauptsächlich bewogen haben, die Gerbermühle und deren Garten zu miethen. In seinem Besitze aber, wie dies so häufig gesagt und selbst geschrieben wurde, ist sie niemals gewesen. Sie gehört zu einem Erblehn, gehört seit Jahrhunderten und bis zur Stunde dazu, und davon ist nicht ein Fuß breit Scholle Land verkäuflich, außer demjenigen, das der Staat zu Eisenbahnzwecken, durch Expropriationsverfahren an sich bringt.

Der Strahlenberger Hof selbst war ebenfalls nie von Herrn von Willemer gemiethet; er war noch Jahre nach seinem Tode in Erbpacht und in Händen einer ihm fern stehenden Familie.

Zeitig im Frühjahr pflegte Herr von Willemer schon auf die Mühle zu kommen und sie auch meist erst im Spätherbst zu verlassen. Wie Frau Scharf uns sagte, verlebten sie oft noch das Weihnachtsfest draußen, denn aller Kinder größter Jubel und Mariannens Lieblingsfeier am Heiligenabend war, wenn Willemer eine Tannengruppe am Einfahrtstor, nahe dem Hause, mit vielen Lämpchen erhellen ließ und wenn die also geschmückten Bäume mit ihren oft schneeumhangenen Zweigen so hell und golddurchfunkelt aus dem schneeumlagerten Garten aufstiegen und licht die dunkle Christnacht durchstrahlten; dann standen die Kinder alle, und Marianne im Vordergrunde, an den geöffneten Fenstern des Gartensaals und sangen das alte Weihnachtslied: „Stille Nacht, heil'ge Nacht“. – Und an dieser reizenden Feier pflegte die Bevölkerung von Oberrad lebhaftesten Antheil zu nehmen. In dichten Gruppen stand sie auf der Landstraße. Waren die Töne verhallt, die Lichter erloschen, so entfernte sie sich mit einem „Hoch“ auf Willemer und sein Haus.

Marianne theilte die Vorliebe der Familie für die Gerbermühle. Sie begrüßte das alte Haus im Frühlinge mit immer neuem Liede, und rief bei der Abfahrt solchen Scheidegruß ihm zu. Niemand weiß, wo sie geblieben, all diese Dichtungen. Denen, die sie gekannt und von ihr erzählt haben, war nur erinnerlich, daß Marianne die gebundene Form der Sprache ebenso zu Gebote stand, wie die Macht des Gesanges, die ja selbst Goethe berauschte.

Am 26. September 1814, nachdem Willemer's letzte und jüngste Tochter schon fünf Jahre verheirathet war, vermählte er sich erst mit Marianne. Wie man hört, wollte er kein Egoist sein; er wollte ihr Zeit lassen, ihr eigenes Herz, sowie die Männer zu prüfen, die ihr huldigend nahten. An Gelegenheit zu Bekanntschaften fehlte es ihr nicht. Das Willemer'sche Stadthaus, wie auch die Gerbermühle waren der Mittelpunkt des geistigen Lebens und jedem Fremden von Bedeutung ebenso gastlich geöffnet, wie den einheimischen Freunden und Bekannten. – Clemens Brentano, mit seiner genialen Schwester Bettina häufig ein Gast Willemer's, erscheint flüchtig als einer der Verehrer, die mit den Huldigungen ernste Absicht auf Mariannens Hand verbanden. Nach Meinung Einzelner war seine Familie gegen die Heirath; nach Andern hielt Marianne nie sein Gefühl für ein tieferes, noch erwiderte sie dasselbe. Ihr Ideal war ihr Wohlthäter geblieben, in dem sie stets mehr einen Gott, als einen Menschen gesehen.

Ein besonders angelegter und bedeutender Charakter war Herr von Willemer jedenfalls und dazu äußerlich bevorzugt. In seiner Erscheinung lag etwas sehr Vornehmes; auch rühmt man ihm ein feines, formenvollendetes Wesen und Auftreten nach, wie auch, daß Güte des Herzens mit seiner hohen Bildung Hand in Hand gingen.

Das beste Zeugniß für seinen innern Werth ist wohl die Freundschaft, die Goethe ihm durch's ganze Leben und bis zum Tode bewahrte. Von seinem Edelmuthe zeugt eine selten große That, die er vollbrachte: Sein einziger Sohn, den er leidenschaftlich liebte, wurde, kaum zum Jüngling herangereift, im Duell erschossen. Als der tieferschütterte Vater hörte, jener bereits gefänglich eingezogene Gegner seines Sohnes sei auch ein einziges Kind seiner Eltern, reiste er nach Berlin. In persönlicher Audienz flehte er den König von Preußen um Gnade an für den, der ihn des Sohnes beraubt, und das Außergewöhnliche dieser Bitte bewog den Monarchen, sie zu erfüllen.

Willemer zählte vierundfünfzig Jahre, Marianne war neunundzwanzig alt, als sie sich 1814 vermählten. Man sagt, sie sei noch im vollen Besitz des Zaubers holder Lieblichkeit und Anmuth gewesen, als sie heiratete. Ihre Schönheit gipfelte in großen, tiefdunkeln Augen, einem warmen Colorit und in jenem wechselnden Ausdruck der Züge, der ihr zart gebildetes Antlitz so unaussprechlich anziehend machte.

Ein Jahr nach ihrer Verheirathung lernte Goethe sie kennen. Er war auf der Gerbermühle vom 12. August bis 8. September 1815. Dann übersiedelte er in das Willemer'sche Stadthaus in Frankfurt. Dort blieb er bis zum 19. des Monats und kam von da aus noch einige Male zur „schönen Müllerin“ auf die Mühle.

Sulpiz Boisserée, zu der Zeit auch wiederholt ein Gast des Willemer'schen Hauses, schreibt in seinem Werke, das auch seine Tagebücher enthält, in oft sehr ausführlicher Weise, wie man Goethe gefeiert und geehrt. – In dem „Briefwechsel von Goethe und Marianne von Willemer“ finden sich ebenfalls reiche Erinnerungen an die Wochen, die ihre Freundschaft besiegelten. Im Buche „Suleika“ des „West-Oestlichen Divans“ begegnen uns auch die Anklänge an die Gerbermühle. Sogar den vielen dort reifenden Kastanien ist ein Denkmal gesetzt wie auch dem „alten Canale am Ende der 'Hauptalleen'“. Er heißt der Grenzgraben und die junge Marianne nannte ihn nach einer Geographiestunde die „Bidassoa“.

Nahe dieser Grenze stand noch bis vor Jahren die Laube, die ihr Lieblingsplatz gewesen und die uns stets als „Mariannens Ruhe“ bezeichnet worden ist. Man genießt von dem Platze aus nicht nur jenen schönen Blick auf Frankfurt und den Taunus, sondern auch zur Rechten kann das Auge ebenso weit schweifen, hin bis zum lichtblauen Zuge des Alzenauer Freigerichts, den Vorbergen des Spessart, die jene fernen Weiten des Mainthales umgrenzen.

Die Zweige des Weißdorns, welche diese Laube bildeten, waren zu förmlichen Stämmen angewachsen und dicht bemoost. Es ging ihr wie so mancher historischen Erinnerung: dem Unverstande zum Opfer zu fallen. Ein Oberräder, der nicht das mindeste Recht an die Stelle besaß, hatte sie eines Tages abgesägt. –

Die innere Einrichtung der Gerbermühle zur Willemer'schen Zeit gab uns Frau Scharf genau an. So weit sie auf Goethe und Suleika Bezug hat, gebe ich sie hier zur Erläuterung der Illustration wieder. Das Bild veranschaulicht die Südseite des Hauses, die nach dem Garten mündet, hinter dem sich jetzt die Offenbacher Localbahn und die Bebraer Eisenbahn hinzieht. [808] Jenseits derselben liegt Oberrad. An der Ecke des Hauses, wo sich zur Zeit ein Altan erhebt, befindet sich die dahin mündende Thür, das ehemalige Fenster des von Goethe bewohnten Zimmers. Die drei nächsten Fenster sind die des „Gartensaals“, wo man sich zum Mittag- und zum Abendessen versammelte, wo die größeren Gesellschaften stattfanden und auch Mariannens Clavier stand. Das fünfte Fenster gehörte ihrem Cabinet an. Es war das ehemalige Lehrzimmer – der erste Raum, den sie in der Gerbermühle betrat. Aus der Wahl dieses Stübchens zu dem ihrigen läßt sich schließen, daß ihr die Erinnerung werth war. In dem angrenzenden kleinen Nebenbau waren die Fremdenzimmer, und dort hauste auch Sulpiz Boisserée. Das Goethe'sche Eckzimmer hat noch zwei nach Westen gehende Fenster, wo sich der Blick auf Stadt, Strom und Gebirge, auf Wiese, Feld und Wald bietet. An diese Eckstube grenzt das ehemalige Balconzimmer und daneben lag Herrn von Willemer's Arbeitscabinet.

Nach dem Balconzimmer war und ist stets die meiste Nachfrage der Fremden. Man weiß aus jener Zeit, daß Goethe diesen Balcon sehr liebte, von wo aus er die Sonnenuntergänge an den Höhen der Feldberge beobachtete. Die Farbengluth am Himmel und auf dem Wasser soll ihn stets an Neapel gemahnt haben. Nur dort habe er's gesehen und gesunden, daß die Farben sich so lange hielten, wie an dieser Mainstätte. Man hat Goethe auf diesem Balcon oft noch spät Abends mit einem oder mehreren Lichtern gesehen Er studirte dort, wie auch Sulpiz Boisserée schreibt, den Effect der Helle, des Lichtstrahles und sammelte neuen Eindruck zur Farbenlehre.

Jener damalige Balcon war tief und weit überwölbt von den Zweigen der Bäume, dem sogenannten „Wäldchen“, welches das Haus am Ufer vom Maine abgrenzt. Ein Fenster des Balconzimmers trug Goethe's von ihm selbst geschriebenen Namenszug, nach dem Jeder fragt und sucht, der kommt. Wir, die wir Ostern 1863 die Gerbermühle bezogen, fanden aber schon jene berühmte Scheibe nicht mehr. Namentlich Engländer fragten darnach, und sie, die mitunter bis zu den Böden hinaufstiegen, suchten dort sogar unter alten, dort stehenden Fenstern und Glasscherben nach dem Namenszuge, immer aber vergebens. –

Ein zweiter Hauptpunkt der Forschung ist das nahe dem Hause am Offenbacher Fußwege stehende Heiligenhäuschen, das die in allen Schriften meist „variirte“ Jahreszahl „1519“ trägt und ein Wappen, an das Frau Sage ihre anmuthigen Fäden spann. An den Stufen dieses von uralten Bäumen tief und dicht umschatteten Heiligenstocks ruhte Goethe gewöhnlich aus, bevor er weiter nach Offenbach wanderte. – 1815, als er auf der Mühle wohnte, pflegte er mit jedem Fremden, der ihn aufsuchte, vor das Stück Alterthum hinzutreten und auch Sulpiz Boisserée mußte es bewundern.

Wandelte Goethe mit der schönen Marianne Abends im Garten umher, so pflegten sie oft lange an diesem Heiligenstock zu stehen und das Mondlicht zu betrachten. Von keiner andern Stelle des Gartens wirkt es so magisch und phantastisch in seinem Licht- und Schattenspiel, in jenen gebrochenen Reflexen, die durch das Baumgezweig zittern und spielend über den dunkeln Rasen hingleiten. Oberrader alte Leute, die mir von diesen Spaziergängen erzählten, die sie in ihrer Jugend beobachtet, setzten hinzu: „Aber geliebt – was unsereins Liebe nennt – das haben sie sich nicht, denn niemals küßten sie sich.“

Frau Scharf's Augen leuchteten hell auf, als ich ihr von dieser originellen Schlußfolgerung erzählte, und sie bat mich: „Vergessen Sie das nicht und halten Sie es dagegen, wenn Jemand in jener reinen und idealen Freundschaft Goethe's und Mariannens je mehr als Freundschaft sehen sollte!“

An das Zusammensein Goethe's mit Marianne und deren Gatten schließt sich Aller Reise nach Heidelberg. Wie glücklich Marianne in der Zeit war, es spricht sich deutlich in jenem schönen, schwungvollen Gedichte aus, das sie neun Jahre später in den Ruinen des Heidelberger Schlosses schrieb. Und schließt sie jenes Gedicht mit dem Jubelruf: „Hier war ich glücklich, liebend und geliebt“, so sagte sie nur die Wahrheit. Sie war seit kaum Jahresfrist dem Manne verbunden, dessen Gestalt sie mit allen Träumen ihrer Jugend verwoben; sie hatte durch ihn seinen liebsten, seinen vergötterten Freund kennen gelernt, und er war auch ihr Freund geworden. Willemer's ganzer Verwandtenkreis trug Marianne auf Händen, und als die noch Lebenden dieses Kreises sie zur ewigen Ruhe bestattet, setzten sie auf ihren Denkstein jene wundervollen Worte aus dem ersten Korintherbriefe: „Die Liebe hört nimmer auf.“

Marianne von Willemer überlebte Freund und Gatten um viele Jahre. Herr von Willemer starb am 10. October 1838 und liegt neben seinen beiden ersten Frauen auf dem alten Oberrader Kirchhofe, dem ehemaligen Klosterkirchhofe, begraben, der an die kleine protestantische Kirche stößt, die auch noch aus der Klosterzeit stammt.

Marianne, die am 6. December 1860 starb, ruht auf dem Friedhofe in Frankfurt, neben der jüngsten Tochter ihres Gatten. Eine wundervolle Edeltanne steht unfern ihres Grabes. Als ich vor einigen Abenden dort stand, leuchteten die Sterne hell und golden durch das tiefdunkle Gezweig. Unwillkürlich mußte ich daran deuten, wie sie einst an Christabenden das Licht in solchen Tannen geliebt! Jetzt strahlt es nieder auf den epheuumkränzten Hügel, dessen Marmorkreuz ihren Namen trägt, und überleuchtet die goldene Inschrift: „Die Liebe hört nimmer auf.“

M. von Humbracht.




Die menschliche Hand.


Die Betrachtung und Erforschung der menschlichen Hand ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung, denn dieselbe ist das vollkommenste Instrument unseres Körpers, das, im Besitze mannigfaltiger, vorzüglicher Eigenschaften, dem Willen des Menschen sofort entspricht und die schwierigsten technischen Aufgaben menschlichen Scharfsinns auszuführen vermag.

Der Mensch erhielt die Hände in dieser nur ihm eigenen Vollkommenheit seinem aufrechten Gange gemäß, und sehr richtig nennt sie Herder Werkzeuge der feinsten Hantierungen und eines immerwährenden Tastens nach neuen, klaren Ideen. Die Hände entsprechen durchaus den höheren Geistesgaben, der Intelligenz des Menschen, und darauf hat bereits Aristoteles, der größte Gelehrte und Beobachter aller Zeiten, hingewiesen, indem er sagte: „Der Mensch hat Hände, weil er das weiseste Thier ist.“

Wie viele vorzügliche Eigenschaften vereinigt die Hand in sich! Welche Kraft, welche Gewandtheit, welche Zartheit wiederum vermag sie in ihren Handlungen zu entwickeln! Reizbar und feinfühlig, leitet sie ihre Bewegungen mit der größten Sicherheit, mit eminenter Schnelligkeit, Mannigfaltigkeit und Eleganz. Und wie schön und zweckentsprechend ist sie gebildet, wie kunstvoll und bewundernswürdig das Gefüge ihrer Knochen und Sehnen, wie verwickelt und doch dem Willen stets dienstbar der Mechanismus der Muskeln, und wie reich vertheilt in ihr sind die nahrungspendenden Blutgefäße und die tastenden Nerven!

Schon die Culturvölker des Alterthums wußten die hohe Bedeutung der Hände nicht nur wegen ihrer Eigenschaft als unumgänglich nothwendige Kunstgehülfen der Seele zu schätzen, sondern sie bewunderten auch an ihnen die Schönheit der Formen und bemühten sich in Folge dessen, den Händen die größte Pflege angedeihen zu lassen. Alle Völker des Orients, namentlich aber die in den Harems eingeschlossenen Schönen, welchen der Putz und die Schmückung des Körpers als die alleinige Lebensaufgabe galt, waren eifrig darauf bedacht, die Hand sorgfältig zu pflegen und ihre natürliche Schönheit zu erhalten und zu erhöhen. Wir wissen dies z. B. von den Indern, welche sich überhaupt ein feines Gefühl für Schönheit und Ebenmaß angeeignet hatten. Sie hielten eine kleine, schlanke Hand für eine Bedingung jeder Schönheit, und man wird nicht fehl gehen, wenn man annimmt, daß die Ringe von den Indern ursprünglich zu dem Zwecke erfunden worden waren, um die Finger durch fortgesetzten sanften Druck, durch eine schützende Decke schlank und zart zu erhalten. Diese Sorgfalt, die Schönheit der Hände zu conserviren und die Finger mit Ringen zu schmücken, lebt auch bei den Orientalen der Jetztzeit [809] noch fort, und namentlich sind es die Hindus, welche in dem Ebenmaß und der Niedlichkeit der Hände ihr größtes Ideal sehen. „Die Hände der Hindus,“ sagt ein berühmter Orientreisender, „sind zart gebaut und gleichen einer feinen Weiberhand, daher auch die Griffe der indischen Säbel für die meisten europäischen Fäuste zu klein sind.“

Bei den schönheitliebenden und hochgebildete Griechen wurden solche Hände für vollkommen gehalten, die mäßig voll waren und bei denen sich über den Knöcheln der Finger kaum merklich gesenkte Grübchen, die mehr wie sanfte Beschattungen bemerkbar waren, vorfanden. Die Finger mußten lang und zart sein und sich unvermerkt abrunden. Die Römer kamen zu diesem Geschmacke mit den Griechen überein und theckten der Minerva die schönste Hand, der jugendlichsten aller schönen Göttinnen aber, der Diana, die schönsten Finger zu. Auch unsere Vorfahren stellten dieselben Forderungen an die Hand. Sie fanden das Ideal derselben in der Weiße und Weichheit der Haut, in der Kleinheit und der länglichen, schmalen Form, sowie in langen geraden Fingern mit glänzenden, glühenden, gerötheten Nägeln. So sagt Peter Suchenwirt von der schönen Frau Abenteuer:

“Sie war geboren von reiner Art,
Ihr Händel weiß, ihr Fingerl lang.“

Die französischen, englischen und deutschen Damen ließen es sich sehr angelegen sein, auf die Erhaltung schöner Hände vorzügliche Sorgfalt zu verwenden, wofür auch die dichterischen Ausdrücke „die feinen subtilen Händlein“, „die Händlein schmal und dazu blank“ etc. sprechen.

Auf den ganzen Culturgang, auf das geistige Leben der einzelnen Völker des Alterthums hat die Hand nicht unwesentlichen Einfluß ausgeübt. Es ist eine alte Erfahrung, die wir in unserer Zeit noch täglich zu machen Gelegenheit haben, daß Leute aus dem Volke gern an den Fingern abzählen und daß Fremde, welche der Sprache eines Volkes nicht mächtig sind, sich durch Fingerzeichen verständlich zu machen suchen. Dasselbe war der Fall schon bei den Völkern des Alterthums, welche noch auf einer niederen Culturstufe standen. Sie verließen sich in schwierigen Fällen des Lebens auf ihre Hand und diese erhielt dadurch für sie eine um so höhere Bedeutung. Auch unser ganzes Zahlensystem beruht auf den zehn Fingern. Endlich sehen wir im öffentlichen Leben der Völker der alten Welt, in ihren Rechts- und Religionsbüchern, sehr oft die Fünf- und Zehnzahl angewendet.

Nach der Hand bildeten sogar die praktischen Römer die Gestalt einer Ziffer; denn indem sie die Zahlen eins bis vier mit ebenso vielen senkrechten Strichen bezeichneten, gingen sie bei fünf von diesem Gebrauche ab und gaben dieser Zahl das Bild einer bei gespreiztem Daumen ausgestreckten Hand, woraus V (etruskisch Ʌ) entstand. Zehn wurde nun die Verdoppelung davon, daher: X. Selbst die Buchstaben, deren das altrömische Alphabet ursprünglich nur zwanzig hatte, lassen sich in zwei Zehente und vier Gefünfte, die der Fingerzahl angepaßt sind, zerlegen.

Die außerordentliche Bedeutsamkeit der Hand für das menschliche Leben brachte es aber auch mit sich, daß der Unverstand mit ihrer Hülfe Uebermenschliches zu erreichen strebte. Der Aberwitz des Menschen, die Gewinnsucht, welche auf die Leichtgläubigkeit des Volkes speculirt, ließen es sich nämlich angelegen sein, aus den geheimnißvollen Linien der inneren Handfläche die Zukunft und die Charaktereigenthümlichkeiten eines Menschen zu enthüllen. Die Hand ward so zu dem heiligen Buche der Chiromantiker oder Handwahrsager. Diese Hexenmeister genossen namentlich bei den abergläubische Römern großes Ansehen und trieben ihr Wesen in der schamlosesten Weise. Es war nun nicht mehr die freie, erhabene Stirn allein, von der sie die Schicksale der Menschen ablasen, in der Weise etwa, wie Goethe in seinem „Faust“ Gretchen von Mephistopheles urtheilen läßt: „Es steht ihm an der Stirn geschrieben, daß er mag keine Seele lieben,“ sondern sie entzifferten hinfort auch die geheimnißvollen Hieroglyphenlinien der Handfläche und deducirten daraus den gläubigen Sterblichen zukünftiges Glück oder Unglück. Die römischen Frauen und zwar vorzugsweise die Unbemittelteren waren es, welche den Offenbarungen der Chiromantiker ihr Ohr liehen und dieselben fleißig aufsuchten. Der römische Dichter Juvenal sagt darüber in einer Satire, in welcher er die verschiedenen Gaukler und abergläubischen Anstalten bei den römischen Frauen malerisch beschreibt: „Der reicheren Frau giebt der phrygische Augur und der hetruskische Blitzkundige Aufschluß über die Zukunft; ist sie unbemittelt, so wird sie in den Circus eilen, das Loos ziehen und aus Stirn und Hand sich ihr Schicksal verkünden lassen. “–

Die späteren Chiromantiker des Mittelalters sammelten ihr Material größtenteils aus den alten Physiognomikern Melampus, Polemo und Adamantius und bauten darauf ihre Systeme der Wahr- und Weissagekunst aus den Linien der Hand. Danach wurden alle die Linien, welche verschiedene Namen führen, nach ihrer Länge, Kürze oder Dicke, ihrer Tiefe oder Flachheit, nach ihrem mehr oder weniger blassen Ansehen, nach den Figuren, die sie bilden, beurtheilt. Die in der Hand verzeichneten Linien galten daher als das eigentliche Schicksalsbuch der Menschen, welches der Chiromantiker mit seiner Weisheit zu entziffern versteht.

Es kann nicht unsere Aufgabe sein, die Hand an diesem Orte einer anatomischen Zergliederung zu unterwerfen, aber es sei darauf hingewiesen, daß aus dem ganzen organischen Gefüge derselbe die größte Zweckmäßigkeit für alle nur möglichen Verrichtungen hervorgeht. Die geringfügigste Thätigkeit der Hand, das kleinste Zeichen mit dem Finger läßt eine große Menge von Muskeln in Wirksamkeit, ebenso viele aber wieder außer Wirksamkeit treten. Die einen spannen an, die andern erschlaffen, immer aber werden sie mit der größten Sicherheit und Genauigkeit geleitet, und geradezu bewundernswürdig ist die Thätigkeit der kleineren Muskeln in der Handfläche und zwischen den Knochen der Mittelhand, welche an die nahen Enden der Fingerknochen angefügt sind. Mit diesem feinen Muskelapparate erhalten die Finger eine erstaunliche Beweglichkeit, die auch in Bezug auf Zartheit und Feinheit in der Ausführung der verschiedensten Handlungen nichts zu wünschen übrig läßt. Es sind dies vorzugsweise die Organe, denen die Musiker ihre Fertigkeit im Spielen musikalischer Instrumente zu danken haben. Deshalb werden auch diese kleinen Muskeln von den Anatomen Fidicinales (diejenigen, welche die Saiten spielen) oder Geigenmuskeln genannt. Die Hand würde aber ihre Verrichtungen in dem ihr angewiesenen großen Umfange nicht mit so gewaltiger Kraft und Sicherheit auszuführen vermögen, das Gefüge der Knochen, Bänder, Muskeln, Gefäße und Nerven würde den Einflüssen äußerer Gewalt bald unterliegen, wenn die Handflächen, die inneren Seiten der Finger und deren Spitzen nicht durch fleischige Kissen, durch nachgiebige, starke Wülste, die zugleich die Apparate zur Ausübung des Tastsinnes sind, vor Gefahren geschützt würden. Diese Kissen bilden in der Hohlhand mit Hülfe eines quer über die Hand gehenden, kräftig wirkenden Muskels nicht nur eine natürliche Vorrichtung zum Wasserschöpfen, den Becher des Diogenes, sondern an den Enden der Finger auch die vorzüglichste Einrichtung zum Tasten. Mittelst dieser prallen, elastischen Wulst des Fingers ist der Mensch befähigt, bewundernswürdig fein zu fühlen. Mit ihm fühlt der Arzt den Arterienpuls. Kein anderes Organ ist dazu so vollkommen geeignet, wie der Finger, und selbst die feinfühlige Zunge vermag wegen der Weichheit ihres Gefüges den Pulsschlag im Handgelenk nicht zu erfassen.

Gleichsam als zweite Hand oder mindestens als Gehülfe der größeren kann der Daumen angesehen werden. Denn vermöge einer Anhäufung von Muskeln, welche den Ballen des Daumens bilden, erhält dieser selbst nicht nur eine außerordentliche Kraft, die ziemlich der von allen Fingern gleichkommt, sondern auch eine große Beweglichkeit nach allen Seiten hin. Deshalb hieß auch bei den Römern der Daumen Pollex, das heißt der starke, der kräftige Finger. Der Verlust des Daumens würde sonach ziemlich dem der ganzen Hand gleichkommen; ohne die thätige Mitwirkung des Daumens wäre die Kraft der übrigen Finger geschwächt und fast nutzlos. Der lange, kräftige, nach allen Seiten hin bewegliche Daumen muß entschieden als das charakteristische Merkmal der menschlichen Hand betrachtet werden; denn selbst die menschenähnlichsten Affen, wie der Gorilla und Chimpanse, haben keine Spur von jenem mächtigen, kraftvollen Daumenmuskel, wie er beim Menschen vorkommt; er ist bei ihnen nur in verkümmerter Form, als ein dünner, sehnenartiger Faden vorhanden.

Die elastischen, dem Tastsinne dienende Kissen an den [810] Fingerenden werden gehalten von den breiten, schildartigen Nägeln, durch welche die Finger in Ausübung ihrer Fertigkeiten außerordentlich unterstützt werden. Man sieht gewöhnlich auf diese organischen Gebilde mit Verachtung herab und ist in unseren Tagen viel zu wenig geneigt, ihnen besondere Aufmerksamkeit und Sorgfalt zu schenken. Anders war es bei unseren Vorfahren und den hervorragendsten Culturvölkern der alten Welt, den Griechen und Römern. Bei den letztern beiden Völkern waren die Barbierstuben fast ausschließlich die Orte, wo Gelegenheit geboten wurde, sich frisiren, den Bart scheeren und die Nägel beschneiden zu lassen. Hier hielten vorzugsweise auch die jungen Männer ihre Zusammenkünfte ab, um sich über Politik und öffentliches Leben, über Putz und Liebschaften zu unterhalten und ihre Ideen auszutauschen.

Nur reiche Leute besaßen die zu einer vollständigen Toilette gehörigen Instrumente, als Spiegel, Kämme, Scheeren und Messer von verschiedener Größe und Schärfe, und hielten sich besondere Sclaven, welche Kopf und Hand ihrer Gebieter wohl zu conserviren und zu verschönern verstanden. Die übrige Welt, auch der Geringste, der noch auf äußere Wohlanständigkeit und auf eine gewisse Eleganz in seiner Erscheinung Anspruch machte, pflegte die Morgentoilette fast täglich in der Barbierstube vorzunehmen; nie beschnitt man sich die Nägel an den Händen und Füßen selbst. Die vornehmen Damen, welche in ihren Toilettenzimmern ein dienendes Heer von Sclavinnen um sich versammelten, hielten sich zur Pflege der Nägel kunstgeübte Sclavinnen, welche sich zum Putzen und Glätten derselben statt einer Scheere kleiner silberner Zangen und feiner Messerchen bedienten, aber auch häufig Gebrauch von allerlei Säften Kräutern und mineralischen Pulvern machten, um die rauhen Unebenheiten und Nebenauswüchse der Nägel abzuglätten und zu entfernen. Um den Zorn ihrer gestrengen Domina nicht herauszufordern, mußten sie dabei mit außerordentlicher Sorgfalt zu Werke gehen, damit ja kein Nietnagel entstehen oder irgend welcher Auswuchs übersehen werden möchte. Der Nagel hatte unter der geschickten Hand der Sclavin erst dann seine vollkommene Schönheit erreicht, wenn er, regelmäßig beschnitten und rein abgeglättet, in sanfter Fleischfärbung erglänzte. Von so vorzüglicher Schönheit waren z. B. die Nägel der Cynthia, von welchen der verliebte Dichter Properz sich ein Denkmal in seinem Gesichte erbat. Der aalglatte Dichter Ovid, der sich in die Boudoirs der Damen so leicht Eingang zu verschaffen verstand und in Fragen der Toilette ein vollgültiges Urtheil zu sprechen vermochte, giebt seinen gelehrigen Schülerinnen die Vorschrift:

„Nur mit geringer Bewegung begleite die Schöne die Rede,
Ist ihr der Finger zu fett, ist ihr der Nagel zu rauh!“

Der Dichter deutet in diesen Versen darauf hin, daß zu den Bewegungen der Hand, wodurch sich der Mensch klar und verständlich machen und seine Empfindungen so schön und ausdrucksvoll darlegen kann, auch schöne Finger und ein wohlgepflegter Nagel erforderlich seien. Und in der That, zu keiner Zeit hat man es besser verstanden, die Hand als ein Werkzeug des Ausdrucks zu gebrauchen, als im Alterthum. Namentlich waren es die Römer, welche beim Sprechen lebhaft gesticulirten und das Verständniß der Rede durch häufige und geschickte Bewegungen mit Händen und Fingern vermittelten. Diese Geberdensprache gewann noch an Bedeutung, als man anfing, die Handbewegungen in bestimmte Regeln der Kunst zu bringen. Es entstand so die Cheironomie oder die Kunst, mit den Armen, Händen und Fingern regelmäßige Biegungen, Wendungen und Geberden hervorzubringen. Sie wurde gleichsam als eine Vorbereitungslehre zur nachahmenden Tanzkunst angesehen, bei der es im Alterthum weniger aus die Gelenkigkeit der Füße, als auf die ausdrucksvolle Beweglichkeit der Hände und Finger ankam, sodaß der sachverständige Ovid nicht die Füße, sondern nur biegsame Hände als Erfordernisse zum guten Tanze angiebt. Wie der Taubstumme die Hand zur Dolmetscherin seiner Empfindungen macht, so verstanden es namentlich auch die orientalischen Haremsdamen, nicht minder aber die Römerinnen durch die Sprache der Finger Mittheilungen irgend welcher Art an die richtige Adresse zu bringen. Die Finger aber, welche eine so beredte Sprache führten, mußten sich selbstverständlich auch durch Schönheit und Ebenmaß, durch Zierlichkeit und glänzende Fleischfärbung der Nägel auszeichnen. Unsere Schauspieler, ja auch die Kanzelredner verdanken ihre Erfolge wesentlich den maßvollen, schönen und ausdrucksvollen Bewegungen der Hände, und auch die Maler haben es verstanden, auf ihren Bildern die Sprache der Hände zum Ausdruck gelangen zu lassen.

Wie die Chiromantiker aus den Linien der Hand das Schicksal der einzelnen Menschen zu lesen verstanden, so fanden sie auch an den Nägeln Anhaltepunkte, welche ihrer Wissenschaft zu statten kamen; denn auch die verschiedenen weißen, schwarzen, braunen, rothen und gelben Flecken, Punkte und Wölkchen auf den Nägeln dienten dazu, über das zukünftige Geschick Auskunft zu geben. Die Chiromantiker fanden diesen Glauben unter dem Volke allerdings schon vor, aber sie legten sich Vieles daraus für ihre Wissenschaft zurecht und brachten System hinein. Dieser Volksglaube, nach welchem die kleinen Punkte und Gebilde auf dem Nagel für geheime Zeichen galten, welche die Zukunft zu enthüllen vermochten, läßt sich auch in Deutschland und in den nordischen Reichen bis auf die heidnische Vorzeit zurückführen. Noch heutzutage nennt man auf den Faröern die weißen Pünktchen auf den Nägeln Nôrnaspôr (Nornenspuren), und es liegt daher die Annahme nicht zu fern, daß der Nagel das Symbol der Schicksalsgöttinnen, der Nornen, oder überhaupt ein den Normen geheiligtes Glied gewesen sein möchte. Man begegnet auch noch hier und da dem diese Annahme bestätigenden Aberglauben, daß das Beschneiden der Nägel nur unter gewissen Umständen und zu gewissen Zeiten erfolgen dürfe, wenn Gefahren oder ein Unglück vermieden werden sollen. Nur am Freitag darf dies geschehen; denn dieser Tag war der Göttin Freyja geheiligt, und diese stand wiederum in engster Beziehung zu den Schicksalsschwestern. Insofern bringt das Beschneiden der Nägel am Freitag Glück und Geld und schützt vor Zahnweh. Die weißen Flecke an den Nägeln bedeuten nach dem Glauben der verschiedensten deutschen Volksstämme Glück. So in Westpreußen, wo man sagt: „die Nägel blühen“, in Tirol, wo der Volksmund von der „Nagelblüh“ spricht, und auch in Baiern und Holstein knüpfen sich an die „Sterne“ und „Blomen“ günstige und glückliche Vorbedeutungen an das zukünftige Leben auf dieser Welt. In England ist derselbe Volksglaube vorherrschend. Dagegen sind gelbe, braune, rothe und schwarze Flecken auf den Nägeln meist unglückverheißend; sie bringen Noth, Sorge und Tod.

Clemens Fleischer.




Billige Chocolade.


Da gegenwärtig auch der Artikel Chocolade in den leider nur zu berechtigten Kampf gegen die Verfälschung der Nahrungsmittel hineingezogen worden ist, dessen kräftige Unterstützung die „Gartenlaube“ mit gewohntem Freimuthe begonnen hat, so dürfte es den Lesern derselben, insbesondere den Hausfrauen nicht unwillkommen sein, auch über die Chocoladenfabrikation einige Aufklärungen und Rathschläge darüber zu finden, wie sie sich gegen Benachtheiligungen auf diesem Gebiete am wirksamsten selbst zu schützen vermögen.

Wenn wir als Fabrikanten in dieser Branche es unternehmen, nach Maßgabe unserer während eines mehr als fünfzigjährigen Bestehens unseres Etablissements und eines ziemlich ausgebreiteten Absatzes gesammelten Erfahrungen zu diesem Zwecke zu schreiben, so geschieht es in der guten Ueberzeugung, damit im Sinne einer ganzen Reihe ehrenwerther Collegen zu handeln, denen es gleich uns am Herzen liegt, den wichtigen Industriezweig vor der Gefahr zu behüten, einestheils durch das Aufkommen mehr oder weniger unbegründeter Vorurtheile, andererseits durch das Ueberhandnehmen des Verbrauchs geringer – billiger – Qualitäten dauernd und empfindlich geschädigt zu werden.

Die Herstellung einer guten Chocolade ist eine keineswegs leicht zu lösende Aufgabe und erfordert nicht nur eine große Menge kostspieliger technischer Hülfsmittel, sondern vor Allem große Sorgfalt in der Auswahl und Behandlung der zu ihrer [811] Bereitung dienenden Rohstoffe. Von hervorragendem Einflusse auf die Güte der Chocolade ist die Qualität und Zubereitung des Cacaos, der uns in den verschiedensten Sorten aus den Tropenländern geliefert wird und zwar nicht immer von ganz gleichmäßiger, sondern vielmehr oft von sehr verschiedenartiger Güte, je nachdem die Witterungsverhältnisse dem Gedeihen der zarten Frucht und ihrer Einsammlung und Trocknung bei der in der Regel zweimal im Jahre stattfindenden Ernte mehr oder weniger günstig gewesen sind. Die große Verschiedenartigkeit der Qualitäten des Cacaos spiegelt sich am deutlichsten in den Preisen derselben, welche unter einander bis zu zweihundert Procent differiren und mithin einen weiten Spielraum lassen, übrigens aber großen Schwankungen ausgesetzt sind, da die in den Tropenländern herrschenden Stürme oftmals die einer längeren Cultur bedürfenden Plantagen ganzer Distrikte vernichten.

Die Cacaobohnen müssen nach ihrer Ausschälung aus der schotenartigen Hülle, in welcher sie wachsen, in den Erzeugungsländern selbst erst besonders getrocknet werden, ehe sie zum Versand gebracht werden können, und da dies zum Theil in der Weise geschieht, daß man dieselben mit Erde bedeckt und so der Wärme der Sonnenstrahlen aussetzt, so ist es erklärlich, daß die Schalen der Bohnen stark mit Erde behaftet sind (wofür man den technischen Ausdruck „terrirt“ anwendet) und daß mithin die sorgsame Entfernung der Schalen und aller sonstigen fremden Bestandtheile ein wichtiges Erforderniß ist. Von größter Bedeutung aber für die Erzielung guter Qualitäten bleibt der Proceß des Röstens, denn noch mehr, als dies, wie unsern Hausfrauen genügend bekannt, bei Kaffee der Fall ist, äußert ein fehlerhaftes Verfahren hierbei seine verderbliche Wirkung auf die Qualität, da das in dem Cacao enthaltene zarte, leichtflüssige Oel (die Cacao-Butter) kein Zuviel der Erwärmung verträgt. Die zweckmäßige Construction der Apparate, welche beim Rösten in Anwendung kommen, und die ununterbrochene Ueberwachung ihrer Behandlung sind neben der sorgsamen Säuberung des Cacaos von allen Schalen- und Schmutztheilen unerläßliche Vorbedingungen, ohne welche aus dem besten Materiale kein gutes Fabrikat zu erzielen ist.

Erst die mit einem Verluste bis zu dreißig Procent des ursprünglichen Gewichtes gewonnenen Kerntheile der Cacaofrucht geben taugliches Material zu einer guten Chocolade. Von nicht minderer Bedeutung ist selbstverständlich auch die Auswahl in der Qualität des Zuckers, die bei nicht genügend raffinirter, salz- und syruphaltiger Beschaffenheit das feine Aroma des Cacaos beeinträchtigt und die angenehme Wirkung der Gewürze, vor Allem der Vanille, leicht ganz aufheben kann.

Daß nun aber Fälschungen im strengen Sinne des Wortes auch bei Chocoladen vorkommen, ist eine leider nicht wegzuleugnende Thatsache, und die in dieser Beziehung – dank der größeren Wachsamkeit der Sanitätspolizei – an’s Tageslicht gezogenen Vorkommnisse sind danach angethan, die strengsten Maßregeln zu rechtfertigen; denn wenn gewissenlose Fabrikanten unter dem Namen Chocolade dem Publicum Erzeugnisse zu bieten die Stirn haben, welche mit Schwerspath, Ziegel-, Cichorien- und Eichelmehl vermischt, mit Talg und derartigen Fetten verbunden und mit mineralischen Stoffen gefärbt sind, so ist dafür kein Urtheil zu hart. Immerhin dürften indeß solche Fälle die große seltene Ausnahme unter der allgemeinen Regel schon deshalb bilden, weil für solches Gebahren in jedem Arbeitsgehülfen ein Verräther schlummert.

Allerdings ist es zunächst nothwendig, den Begriff der Verfälschung in Bezug auf Chocoladen als eines zum unmittelbaren Genusse bestimmten Erzeugnisses festzustellen. Namentlich ist die Frage zu beantworten, ob jede Chocolade, welche außer Cacao und Zucker irgend welche andere Stoffe enthält, auch solche, welche zu den menschlichen Nahrungsmitteln gehören und von jeder der Gesundheit nachtheiligen Substanz frei sind, als gefälscht zu gelten habe. Bejaht man dies, dann wird man allerdings auf ein reiches Sortiment Chocoladen stoßen, welches vor dem strengen Richter die Probe nicht besteht. Die Beimischung von Weizen- und Kartoffelmehl zu den im Handel vorkommenden billigen Sorten ist ziemlich allgemein gebräuchlich geworden, seitdem der Artikel Chocolade in Deutschland nicht mehr ein Luxusgegenstand geblieben, sondern in die Reihe der Nahrungsmittel eingetreten ist, denn die Fabrikanten sind hier den Anforderungen eines Consumentenkreises gegenüber gestellt worden, der, seinen Verhältnissen entsprechend, scharf rechnet.

Während aber früher der Zusatz solcher für die Gesundheit an und für sich unschädlicher Mehle auf ein bescheidenes Maß und mehr auf die Absicht beschränkt blieb, damit einer gewissen Geschmacksrichtung zahlreicher Consumenten Rechnung zu tragen, welche es lieben, daß die Chocolade einen seimigen Aufguß liefert, ist diese Absicht mehr in den Hintergrund getreten vor der Versuchung, durch die Steigerung solcher Beimischungen billige Verkaufspreise möglich zu machen, um so einen Massenabsatz zu erzielen. Man ist also in dieser Beziehung nachgerade an einem Mißbrauche angelangt, der früher oder später die verderblichsten Folgen für die ganze Branche haben muß.

Das schlimme Wort „Billig und Schlecht“, welches zum Entsetzen der deutschen Industrie im Allgemeinen aus der letzten Schaustellung in einem anderen Welttheile zu uns herüberklang, war hart, aber dieser Mahnruf kann und wird gute Früchte tragen, wenn das große Publicum, sich bewußt wird, daß derselbe auch an seine Adresse und nicht nur an die der Fabrikanten gerichtet worden ist. Nicht nur die geringere Wohlhabenheit der Bevölkerung Deutschlands im Vergleich mit der anderer, von der Natur mehr begünstigter Länder ruft das Drängen nach billigem Einkaufe aller Lebensbedürfnisse hervor, auch in Kreisen, denen die Nothwendigkeit äußerster Sparsamkeit nicht durch die Verhältnisse auferlegt worden ist, begegnet man einer gewissen Sucht, möglichst billig einzukaufen. Der Zwischenhändler, dessen Ruf erst in zweiter Linie von der Beschaffenheit der Waaren, die er bietet, abhängt, ist nur zu geneigt, solchem Begehren willfährig zu sein, ja er wird dazu in mehr oder weniger zwingender Weise durch seinen Nachbar genöthigt, welcher „billigere“ Waaren öffentlich feil bietet. Solchem sich schließlich wieder auf den Fabrikanten abladenden Drängen erfolgreich entgegenzutreten, ist dieser auf die Dauer nur in den seltensten Fällen im Stande, die Nachgiebigkeit in dieser Beziehung aber findet schwer eine Grenze, und mit dem Billigerwerden geht das Schlechterwerden nothwendig Hand in Hand und dies namentlich dann, wenn Steigerungen im Werthe der Rohstoffe nebenbei zu allerlei Kunststückchen führen, um das Unmögliche auch ferner möglich zu machen und die „gewohnten“ Preise im Einzelverkauf unverändert beibehalten zu können.

Solches Unwesen hat sich auch in der Chocoladen-Branche mehr und mehr bemerklich gemacht, und zu seiner nachdrücklichen Bekämpfung reicht alle Energie der soliden Fabrikanten nicht aus, wenn nicht auch das Publicum einigermaßen helfend eingreift und von der übeln Gewohnheit abläßt, die Preiswürdigkeit der ihm gebotenen Fabrikate lediglich nach der Billigkeit derselben zu beurtheilen. Insbesondere hat die Sucht nach Billigkeit auf diesem Gebiete den Consum guter Tafel-Chocoladen in den mittleren Qualitäten beeinträchtigt. Man verkauft statt derselben „Block“-, „Stücken“- und „Krümel“-Chocolade, welche Benennungen auf Täuschung berechnet sind, denn das Publicum soll glauben, daß bei der „Block“-Chocolade dem Käufer die Kosten der Abformung etc. zugute gerechnet werden und daß es mit der „Stücken“- und „Krümel“-Chocolade die Abfälle von allerlei feinen und feinsten Chokoladen kaufe, deren sich der Fabrikant weit unter dem wirklichen Werthe entäußere. In Wahrheit aber werden alle diese Chocoladen mit ihren „wohlfeil klingenden“ Namen so gut wie jede andere Sorte besonders fabricirt, und der billige Preis beruht nur auf der geringen Qualität derselben. Bei deren Composition braucht man um so weniger ängstlich zu sein, als diese Sorten meist in losem Zustande detaillirt werden und der Ruf des Fabrikanten dabei in Folge dessen nicht unmittelbar im Spiel ist. Noch weniger ist letzteres der Fall bei den unter dem Namen „Suppen-Chocolade“, „Chocoladen-Pulver“ oder „Chocoladen-Mehl“ massenhaft in den Handel gebrachten Fabrikaten. Bei der Herstellung ist der durch die Bezeichnung an und für sich gerechtfertigte Mehl-Zusatz an keine Grenzen gebunden, und er findet auch in der That keine Grenzen, denn dieses „Chocoladen-Mehl“ wird zu Preisen geliefert, welche das beste Zeugniß dafür ablegen, daß man es kaum noch mit einem Cacaofabrikate zu thun hat. Der Gehalt an Cacao darin beschränkt sich lediglich auf die Gewinnung eines bräunlichen Färbestoffes, dem der fehlende röthliche Lüster noch durch andere, jedenfalls nicht immer saubere, [812] oftmals auch der Gesundheit keineswegs förderliche Schönungsmittel beigebracht wird.

Um diese Uebelstände zu erkennen, braucht man gar nicht bis zu diesen allergeringsten Erzeugnissen hinabzusteigen; es genügt zu wissen, daß beispielsweise heute noch in öffentlichen Blättern Chocoladenpulver mit Gewürz à Pfund zu 50, schreibe: fünfzig Pfennig, Stückenchocolade mit Gewürz à Pfund zu 70, schreibe: siebenzig Pfennig ausgeboten wird, während dem Fabrikanten der Cacao in dem reinen Zustande, in welchem er allein bei der Chocoladenfabrikation in Anwendung kommen sollte, per Pfund zwei- bis dreimal so theuer einsteht, als die obigen Chocoladenpreise und vierzig bis fünfzig Pfennig per Pfund theurer als vor Jahr und Tag. Wie viel darin Cacao enthalten sein kann, wie viel darin Mehl enthalten sein muß, läßt sich ahnen, aber das Publicum ist nur zu geneigt, darüber hinwegzugehen und seinen Beifall der Zuvorkommenheit solcher Fabrikanten zuzuwenden, welche trotz aller Conjuncturen unverändert an ihren billigen Preisen festhalten und in der Kunstfertigkeit, noch immer billiger zu liefern, unerschöpflich zu sein scheinen.

Wenn, wie der Fall gegenwärtig vorliegt, der wichtigste Rohstoff der Chocoladenfabrikation, der Cacao, in Folge von Mißernten in den Productionsländern, woselbst die Anpflanzungen von Stürmen dergestalt verwüstet sind, daß auf Jahre hinaus ein namhaftes Zurückbleiben der Einfuhr zu erwarten steht, eine circa siebenzig Procent seines früheren Werthes betragende Steigerung erfahren hat, dann liegt die Unmöglichkeit auf der Hand, Chocoladen in gleicher Güte zu unveränderten Preisen zu verkaufen, denn auch die Chocoladenfabrikanten sind nicht uneigennützig und opferwillig genug, ohne Profit oder gar mit Verlust zu arbeiten, mancher von ihnen aber läßt sich in solchen Zeiten nur zu leicht verleiten, ganz abgesehen von anderen Kunststücken zu dem beliebten Hülfsmittel des Mehlzusatzes in immer größeren Dimensionen seine Zuflucht zu nehmen, und kommt man so mehr und mehr auf dem Punkte an, daß statt einer angemessenen Mischung von Cacao und Zucker eine solche von wenig Cacao, viel Zucker und noch mehr Mehl als Chocolade geboten wird.

Daß hierbei trotz des scheinbar billigen Preises der Consument den Kürzeren zieht, ist unbestreitbar, und es dürfte unseren verehrten Hausfrauen einleuchten, daß sie, um sich vor einer Täuschung zu bewahren besser thun, wenn sie, je nach Umständen, um zehn, zwanzig oder dreißig Pfennige per Pfund beim Einkauf eines Pfundes Chocolade nicht feilschen und sich, wenn es durchaus sein muß, die Bestimmung des Mehlzusatzes bei der Bereitung selbst vorbehalten. In Frankreich, dem gelobten Lande der Chocoladenfabrikation, denken und handeln die Frauen so, und in Folge dessen kennt man dort Chocoladen zu so exorbitant billigen Preisen, wie bei uns, überhaupt nicht, obwohl sich der Verbrauch in allen Bevölkerungsclassen eingebürgert hat. Ebenso wenig kennt man dort jene bedenklichen Spielarten, wie Block-, Stücken-, Krümel-Chocolade, und kauft wohlweislich nur solche Fabrikate, deren Ursprung auf der Etiquette zu erkennen ist.

Um auch in der Chocoladenbranche die schlimme Kritik „Billig und schlecht“ zu nichte zu machen, bedarf es eines kräftigen Zusammenwirkens von Consumenten und Fabrikanten, und deshalb gestatten wir uns, uns mit diesen wenigen Bemerkungen vorzugsweise an die Adresse der Ersteren zu richten, indem wir damit auch dem wahren Interesse der Letzteren am besten zu dienen hoffen.

     Dresden, im October 1877.
Jordan & Timaeus.




Drei Tage in Widdin.
Ein Erinnerungsbild von Otto von Breitschwert.


„Kalafat!“ sagte der Zaptieh neben mir auf dem bulgarischen Bauernwagen, als wir die rumänische Festung drüben über dem Donaustrom zu Gesicht bekamen. Sie lag deutlicher vor uns als Widdin selbst, von dem man nichts als die an Höhe und Schlankheit wetteifernden Pappelbäume und Minarets erblickte. Von Kalafat sah man nicht nur jedes einzelne auf und an der Höhe gelegene Haus, sondern selbst die Fenster der Kirche waren zu unterscheiden, und der Leiterwagen, welcher mich als Berliner Kriegscorrespondenten nach Widdin beförderte, mußte von den rumänischen Artilleristen drüben mit bloßem Auge bemerkt werden. Wäre gerade Schießtag gewesen, so hätten sie uns alle Vier, mich, den Zaptieh, den bulgarischen Bauern, der uns führte, und sein junges Weib, das uns Rosen überreicht hatte, ehe es mit aufstieg, durch ein einziges Krupp-Bonbon mit Füllung vom Erdboden wegfegen können, mitsammt den etwas ruppigen, aber flinken Pferdchen, die uns zogen.

Auf dem Wege von der serbischen Grenze bis an das ziemlich primitive Stadtthor von Widdin, das heißt auf einer Strecke, die ich von Vormittags elf Uhr bis Abends sechs Uhr zurücklegte, war mir nichts Abenteuerliches noch Merkwürdiges passirt. Einzelne Reiter, theils Officiere, theils gewöhnliche Soldaten, anscheinend tscherkessischer Nationalität, passirten an dem Wagen vorüber, ohne ihm viel Aufmerksamkeit zu schenken. Die lange bulgarische Fouragecolonne, an der wir vorbeifuhren, hatte ein weit schlechteres Ansehen als ähnliche Züge von Wagen mit Futtermaterial, die ich auf serbischer Seite gesehen hatte, sonst aber bot auch diese Begegnung nichts gerade Bemerkenswerthes. – Durch die holperigen Straßen der ganz und gar ländlich anzusehenden westlichen Vorstadt von Widdin fuhr unser Wagen, passirte dann einen großen, schlecht gehaltenen Platz, der die Stelle des Glacis der eigentlichen Festung vertrat und großentheils mit Zeltreihen arabischer Truppen bedeckt war, und hielt endlich vor dem „Marin-Han“ einem Gasthaus, wohin der Chef des Zaptieh im Grenzdorf Rackowitza seinem Untergebenen mich zu führen befohlen hatte. Wohl befand sich auch ein deutsches Gasthaus in Widdin, „Hôtel Bellevue“ genannt, über dessen Thür ein Schild in vaterländischen Schriftzeichen dem Landsmanne aus dem Reich versicherte, daß hier Wein, Bier und Restauration zu finden sei, aber dem Schild war nicht mehr zu glauben, weil der Wirth, in Betracht der benachbarten Kalafater Batterien das Haus geschlossen und seine Person in Sicherheit gebracht hatte.

Ich konnte sogleich merken, warum mich der Effendi in Rackowitza gerade hierher recommandirt hatte; der Eigenthümer des Gasthauses begrüßte mich nämlich in deutscher Sprache, verschwand aber bald wieder, weil er sein Haus an zwei junge Leute, Mann und Frau – er ein Bulgare, sie eine Griechin mit kohlschwarzen, lebhaften Augen – vermiethet hatte. Auch diese Leute radebrechten etwas Deutsch und Italienisch, so daß man sich schon verständigen konnte. Ich erhielt ein Zimmer und ein Bett, an dem mir zunächst die brettartige Härte der Matratze auffiel. Marina – so wurde die Wirthin von den Gästen gerufen – schleppte aber so viel Kissen und Polster, theilweise zierlich gestickt, herbei, daß die Lagerstätte ganz acceptabel wurde. Ich fragte nach den Spuren des Bombardements, aber sei es, daß die junge Frau wirklich so heroisch war, oder daß sie mich als Gast zu verlieren fürchtete, wenn sie die Wahrheit sage – sie wollte von der Gefährlichkeit dieses Aufenthaltes nichts wissen. Erst von verschiedenen Deutschen, die sich in der Wirthschaft einstellten – darunter auch ein Landsmann Mehemed Ali's, ein Magdeburger im Fez – erfuhr ich, daß die in der Nähe befindlichen Zelte der Araber das Ziel wiederholter Beschießung Seitens der Kalafater Batterien gewesen und einige zu kurz geflogene Geschosse auch dicht neben dem Marin-Han friedliche Wohnungen zertrümmert hätten, was der Augenschein nachträglich bestätigte.

Im Billardzimmer des Han's machten es sich türkische Subaltern- und Unterofficiere bequem. Sie tranken meist Schnaps (Raki) mit Wasser oder auch ohne solches. Der Wein war nicht nur koranwidrig, sondern auch theuer, wenn man nämlich die bessere Sorte, von den Wirthsleuten „vino bello“ getauft, trinken wollte. Die andere Sorte aber verdiente durch ihre Säure den Namen „vino brutto“, als Gegensatz zu dem „schönen Wein“, vollständig. Was das Essen anbetrifft, so merkte man die türkischen Landesbräuche an den Bestandtheilen der Mahlzeiten, zu denen namentlich Lämmer und Fische die

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Die Gartenlaube (1877) b 813.jpg

Immo und Hildegard. Aus dem „Nest der Zaunkönige“.
Nach seinem Originalbilde aus der „Gustav Freitag-Galerie“ für die Gartenlaube auf Holz übertragen von Hermann Kaulbach in München.


Elemente liefern. Mit sechsundzwanzig Piastern glaubte die schöne Marina eine solche keineswegs lecker zubereitete Mahlzeit äußerst billig berechnet zu haben.

Die Landsleute im Fez halfen den Abend verkürzen. Vor Kurzem erst war der neue Civil-Gouverneur (an den ich ein Empfehlungsschreiben von Aleko Pascha in der Tasche hatten im Konak eingezogen, und die Rumänen drüben, welche dies wußten, hatten ihn sogleich mit fünfzehn Geschossen begrüßt, welche sie in die Wohnräume, Höfe und Nachbarstraßen des Regierungsgebäudes warfen. Zeri (oder Zerif?) Pascha, ein noch junger Mann griechischer Herkunft, dem Rufe nach ein gemüthlicher Bonvivant von feinen Manieren, ließ sich aber aus seiner olympischen Ruhe und Heiterkeit nicht durch so kleine Nachbarschafts-Neckereien stören.

[814] Schon früh um sieben Uhr hatte mich mein Zaptieh, der gern wieder nach Rackowitza zurück wollte, ermuntert, nach dem Gouvernementsgebäude zu gehen und meine Papiere zu überreichen. Nachdem ich in der Kanzlei eine Zeit lang geharrt, wurde ich über einen Hof und verschiedene Stiegen eines Seitengebäudes in das Vorzimmer des „Civil-Paschas“ geführt, wo ich einen höheren Officier in voller Gala (wie Osman Pascha es verlangt) antraf. Es war der Adjutant des Muschir, Generalstabs-Oberst Tahir Bey, ein feingebildeter Mann, der sich sogleich in französischer Sprache mit mir verständigte und das noch bevorstehende Erscheinen des Civil-Gouverneurs, an den mein Empfehlungsbrief adressirt war, ankündigte. Während wir uns im Vorsaal unterhielten, wurden aus den inneren Gemächern des Gouverneurs blaue Fauteuils und zuletzt ein thronartiger rother Lehnstuhl nach dem Audienzzimmer geschleppt, und nachdem dieser Empfangssaal entsprechend ausgestattet war, erschien auch der Gouverneur selbst, ein, wie gesagt, noch junger, jovial aussehender Gentleman in europäischer Tracht, etwas zur Wohlbeleibtheit geneigt und mit einem Klugheit und Sinnlichkeit ausdrückenden Gesicht, wie man es nicht selten in Mailand unter dem dunkelhaarigen, echt italischen Elemente der Bevölkerung trifft.

Sobald der Titular-Pascha Zeri-Effendi auf seinem Gouverneursthron Platz genommen hatte, stellten sich auch die Audienzgäste ein, welche sich insgesammt vor dem Würdenträger verbeugten und mit freundlicher Handbewegung zum Sitzen eingeladen wurden. Es waren da namentlich ein alter türkischer Geistlicher mit weißem Bart, dann einige Geschäftsleute aus der Stadt, die gerne abgezogen wären aus dem bombardirten Orte und doch Osman Paschas strenges Wort im Gedächtniß hatten: „Fortziehen könnt Ihr, aber herein lasse ich die Fortgezogenen nie wieder.“

Ob wohl der liebenswürdige junge Gouverneur von diesem strengen Feldherrnwort etwas für diese Leute abhandeln konnte, die vor der Wahl standen, ihre Häuser nie wieder zu sehen oder sich in denselben den tödtlichen Geschossen auszusetzen? – Auch der Correspondent des Londoner „Standard“, Mr. Fitzgerald, ein sehr germanisch aussehender, sympathischer Engländer im Fez, der zu seinem blonden Barte recht gut stand, stellte sich ein und brachte als Morgengruß dem Gouverneur und dem Generalstäbler die Botschaft, daß die Rumänen von einer Feldschanze unterhalb Kalafat soeben auf ein nach dem Lom abmarschirendes türkisches Bataillon geschossen, aber wenig Schaden angerichtet hätten. Die türkischen Herren nahmen die Sache mit Gleichmuth auf und ließen sich dadurch nicht im Genuß des trefflichen Kaffees stören, der, nebst feinen Cigaretten, auf Befehl des Gouverneurs den Anwesenden servirt wurde. Tahir Bey hatte in der Nähe Zeri-Effendi's Platz genommen, um, da dieser kein Französisch verstand, ihm die Unterhaltung zu verdolmetschen. Außer dem goldgeschmückten Säbel und der flotten Uniform fiel an diesem trefflichen Officier noch ein Ausrüstungsstück durch seinen seltenen Glanz in die Augen, das ich bisher noch nirgends gesehen, nämlich ein Paar Bundschuhe mit goldenen Schnüren und vergoldeten Spitzen.

Kurz vorher hatte ich in einem Wiener Blatte eine boshafte Notiz gelesen über die „Krönungs-Opanken“ Carol's von Rumänien, die schon bestellt seien, und hatte kaum eine bestimmte Idee gehabt, wie ein solches Prachtstück der Fußbekleidung wohl aussehen möge; jetzt sah ich etwas Aehnliches vor mir und konnte mir schon aus dieser Aehnlichkeit den Schluß ableiten, daß Osman Pascha selbst in der Ausrüstung seiner Officiere das Heimische dem Ausländischen vorzieht.

Die Conversation, welche französisch geführt und fortlaufend in's Türkische übertragen wurde, bewegte sich auf dem Gebiete der politischen Ereignisse und Aussichten, und namentlich war es die Haltung Rumäniens, sowie der russische Plan einer Secundogenitur in Bulgarien, welche von den Türken mit herber Bitterkeit besprochen wurden. Endlich erhielt Tahir Bey den Auftrag, mich zu fragen, ob ich an den „allgemeinen Krieg“ glaube, was er aber etwas origineller Weise in die Worte kleidete: Croyez-vous à la guerre commune? Ich hätte ihm gern gesagt, daß ein allgemein gewordener Krieg (une guerre générale) aus manchem Gesichtspunkt auch ein recht communer Krieg genannt werden könnte, doch begnügte ich mich zu antworten, daß eine solche Eventualität keinenfalls schon sehr nahe zu sein scheine.

Der „Civil-Pascha“ gab dem Gespräche eine minder verfängliche Wendung, indem er mich fragen ließ, ob ich mit meiner Wohnung zufrieden sei, oder wünsche, daß er mir besseres Unterkommen verschaffe. Ich lehnte das letztere Anerbieten dankend ab, außer für den Fall, daß mir, auch ohne Ferman des Sultans, ein längerer Aufenthalt bei Osman Paschas Corps gestattet würde. Um hierüber in's Klare zu kommen, begleitete mich der Stabsofficier nach dem Theile des Konak's, wo der nachmals so genannte Löwe von Plewna hauste. Er hieß mich in einem Zimmer voll Officiere und Ordonnanzen eine lange Weile warten und kam mit der Meldung zurück, Seine Excellenz sei eben nicht zu sprechen und vermöge auch nicht länger als auf drei Tage den Aufenthalt in der Festung zu gestatten. – Osman Pascha war nämlich damals in gelinder Wuth gegen die Kriegscorrespondenten. Einer derselben hatte versprochen, ihm Generalstabskarten der nördlichen Türkei von Wien aus zu senden, und war für den ungeduldig harrenden Muschir mit der Erfüllung dieses Versprechens nun schon zu lange im Rückstande; daher wollte der rauhe Krieger von uns Federhelden vorerst nichts mehr wissen.

Ich trennte mich von dem liebenswürdigen Tahir Bey mit dem Bedauern, daß mir derselbe zu spät enthüllte, wie geläufig ihm, der in Wien auf der Generalstabsschule studirt hatte, das österreichische Idiom sei. „Also bis Montag in der Früh,“ sagte er, den Termin meiner Abreise in echt „weanerscher“ Ausdrucksweise bezeichnend. –

Schon am Nachmittage suchte ich den englischen Collegen auf, der ein türkisches Haus mit recht stattlicher Einrichtung bewohnte. Der nationale Theegenuß fehlte ihm auch hier nicht, und die über Mr. Fitzgerald's Dach hinsausenden Krupp-Geschosse, welche rechts und links in die Häuser einschlugen, vermochten nicht den tüchtigen Publicisten von den ernsthaftesten nationalökonomischen Studien abzuhalten. Die steigende Einfuhr der englischen Manufacturen in die Donauländer hatte Mr. Fitzgerald in den Spalten seines Blattes ziffernmäßig nachgewiesen und so den Engländern gezeigt, daß ein Handelsinteresse auf dem Spiele stehe, wenn der russische Bär seine Tatzen auf die unteren Donauländer lege. – Ueber Mr. Gladstone sprach sich – als von Russenfreunden in England die Rede war – Mr. Fitzgerald dahin aus, daß der einstige Premier durch übermäßige geistige Anstrengung sich einem sehr bedenklichen geistigen Zustand genähert habe, und daß Gehirnleiden in der Familie Gladstone mehrfach vorgekommen seien.

Von den Theorien zur grauen, oft auch blutigen Wirklichkeit zurückkehrend, führte mich der englische Berufsgenosse in der Nachbarschaft seiner Behausung umher. Da war zunächst das Pulvermagazin, ein viereckiges, weißes Gebäude, welches durch den daneben stehenden Thurm den Artilleristen in Kalafat leicht bemerkbar sein muß und von ihnen auch hartnäckig, aber mit wenig Geschick auf's Korn genommen wird. Die Häuser gegenüber und die Soldatenzelte vor dem Pulvermagazin hatten das Ungeschick zu büßen, indem die Projectile auf ihnen platzten. Uebrigens ist das genannte Magazin das einzige casemattirte Gebäude in der ganzen „Festung“ Widdin.

Zum Militärspital schreitend, zeigte mir Mr. Fitzgerald ein Loch in der Mauer eines Bäckerhauses. Ein Krupp'scher „Zuckerhut“ war da hinein gefahren und hatte sich in die volle Backtruhe eingewühlt: seltsame Rosine in einem Kuchenteig! Tragischer wirkte ein anderer Schuß. Ein Projectil prallte von einer Mauer zurück und schlug einer armen Frau beide Beine entzwei. Nun kam das Spital, ein langes, gelbangestrichenes Gebäude, auf dem eine vom Wetter stark vergilbte weiße Fahne mit dem rothen Halbmond in solcher Größe, daß sie in Kalafat wohl wahrgenommen werden konnte, aufgepflanzt worden war. Oberhalb eines der hohen Parterrefenster hatte ein rumänisches Geschoß von fünfzehn Centimeter Basis die Wand glatt durchgeschlagen (es war also direct gezielt, nicht fehlgeschossen) und, explodirend in dem dahinter liegenden Krankensaal mit sechszehn Betten, mehr als die Hälfte der armen Kranken getödtet oder schrecklich verstümmelt. Ali Effendi, der diensthabende Arzt, ein Schüler der Pariser Medicinschule, zeigte uns das Unglückszimmer, in welchem Dielen und Mauern durch die Eisenstücke zerrissen worden waren. Der Arzt schilderte die Schreckensscene, namentlich die Leiden eines Kranken, dem beide Beine zerschmettert wurden, [815] und sprach auch die Ansicht aus, die Rumänen hätten zeigen wollen, daß sie die weiße Fahne mit dem Halbmond nicht respectirten.

An den zwei folgenden Tagen, die ich mit Spaziergängen durch die Stadt und Besuchen verbracht, war namentlich die Behausung des einzigen in der Stadt verbliebenen Consuls, Ritter von Schulz, der Ort, wo ich interessante Bekanntschaften machen und deutsche Landsleute treffen konnte. Ritter von Schulz ist eigentlich österreichischer Consul, aber er hat auch die deutschen Reichsbürger und andere Fremde unter seinen Schutz genommen, als das übrige Consularcorps sich nach auswärts verzog. Auf dem Balcon seines Hauses hatte man die Donau, und zwar einen Landungsplatz vor sich – keine Festungswerke hemmten an dieser Stelle den Ausblick – und gegenüber das amphitheatralische Kalafat, dessen Batterien jeden Augenblick unsere Kaffeegesellschaft in corpore nach dem Schattenreich expediren konnten.

So war denn der vortreffliche Kaffee, den uns Herr von Schulz serviren ließ, buchstäblich „unter der Kanone“ trotz aller guten Eigenschaften. Mit der herzlichsten, fast kindlichen Gutmüthigkeit und Liebenswürdigkeit verbindet Consul von Schulz den erprobtesten Mannesmuth.

„Soll ich meine Fahne im Stiche lassen?“ sagte er, fast beleidigt, als ich ihn fragte, ob er nicht ein sichereres Quartier aufsuchen wolle. Und er ist in der That nicht vom Posten gewichen, bis sein Haus kurze Zeit nach meiner Abreise wirklich in Trümmer geschossen wurde.

Die Gäste des Consulats waren größtentheils Aerzte, und zwar meist Reichsbürger und Oesterreicher, durchgehends gebildete freundliche Leute. Ich habe mir die Namen Dr. Taussig, Busch und Kronberger notirt. Ein britischer Arzt mit deutschem Namen, Dr. Rain, war sogar aus Melbourne herbeigekommen, um türkische Dienste zu nehmen. Ein sehr ansehnlicher, pathetischer Herr war der türkische Stabsarzt Fano Bey, aus istrianischer Familie stammend und ganz Italiener in Sprache und Wesen. Sehr interessant waren die Aufschlüsse, welche mir der Consul sowie der gelehrte Präsident des Handelsgerichts und der Handelskammer in Widdin, Dilber Effendi, über die Handelsbeziehungen der Donaustädte zu Oesterreich gaben. Das Lob des österreichischen Handelsstandes wurde da nicht gerade gesungen, und ich begriff leicht, wie Engländer und Franzosen statt der Wiener und Brünner Firmen an der Donau Fuß fassen können. Doch ist das ein Capitel, welches seine besondere Erörterung verlangt.

Ich habe das Maß eines kleinen Erinnerungsbildes erreicht und will es nicht überschreiten. Das aber kann ich sagen, daß mir selten eine Truppe, so durch ihre ungezwungene militärische Erscheinung, ihre strenge freiwillige Disciplin und ihr anspruchslos decentes Wesen imponirte, wie die Truppen Osman Paschas in Widdin, namentlich die Araber.

Am Festungsthore von meinen englischen Freunden Fitzgerald und Rain Abschied nehmend, sah ich – es war kurz vor Thorschluß – ein lustiges, behend und fröhlich einherziehendes Trüppchen türkischer Zigeunerinnen, durch den Koran zu tadelloser Reinlichkeit bekehrt, durch die Soldatengruppen dahinschreiten. Die witzigen Mädchen machten im Gehen allerlei Scherze, sodaß selbst die strengen Gesichter der Muselmänner sich aufhellten und die bronzefarbenen Söhne der Wüste lächelten, aber keiner von den Soldaten erlaubte sich eine Freiheit gegen die unvertheidigte Schaar hübscher Arbeiterinnen (denn die türkische Zigeunerin arbeitet auch). Es waren das dieselben Soldaten, welche Nachts die Officiere in Arrest brachten, die gegen das Festungsreglement bis Mitternacht zechten. Solche Disciplin, mit heroischer Tapferkeit geeint, mußte wohl zum Siege des Halbmondes bei Plewna beitragen.

Ungern verließ ich, als die Aufenthaltsfrist abgelaufen war, Widdin, um über Negotin auf österreichischen Boden zurückzukehren. Dank der treuen Begleitung eines Zaptiehs stieß mir kein Abenteuer zu.




Blätter und Blüthen.


Gustav Freytag-Galerie. (Mit Abbildung S. 813.) Es ist eine erfreuliche Erscheinung der neuesten Zeit, daß die bildende Kunst sich immer eifriger bemüht, aus den Werken unserer Dichter die Stoffe für ihre Darstellungen zu wählen. Illustrirte Ausgaben unserer beliebtesten Dichtungen und Galerien, in welchen die Geisteskinder der gefeiertesten Dichter uns vom Griffel unserer besten Künstler vor Augen gestellt werden, sind Unternehmungen des Buch- und Kunstverlags geworden, welchen die Gunst des Volkes in allen seinen Schichten sich immer wärmer zuwendet. Stahlstich und Holzschnitt, Litho- und Photographie wetteifern in diesem Bestreben; das Bild, das einst nur Eigenthum der vom Glück Bevorzugten war, das sich in Galerien nur besonders Begünstigten zeigte und nur in den Kirchen für alle frommen Augen hinter dem Altarschimmer prunkte, das Bild ist zum allgemeinen Eigenthum geworden, und wie sich in den Hallen der Wissenschaften endlich, wenn auch spät, auch die Hohen Gelehrten zum Volk herabließen und jetzt mithelfen zu dem einst so verachteten „Popularisiren der Wissenschaften“, so sehen wir die angesehensten Meister der Kunst heute der sogenannten „illustrirten“ Literatur dienen. Das ist ein großer Fortschritt, welcher nicht ohne den erwünschten Einfluß auf die Bildung unseres Volkes bleiben kann.

Zu den jüngsten der „Galerien“, für deren Vollendung ein Kreis von Künstlern mit guten Namen thätig ist, gehört die von der Firma Edwin Schlömp in Leipzig unternommene Gustav Freytag-Galerie. Der Prospekt des Unternehmens zählt nicht weniger als sechsundzwanzig solcher Namen auf, bei denen wir u. A. C. Becker, Ad. Camphausen, W. Diez, Jos. Flüggen, E. Grützner, Graf Harrach, C. Hoff, E. Hünten, H. Kaulbach, O. Knille, Ad. Lindenschmit, A. Linzen-Mayer, Ad. Menzel, Fr. Piloty, Paul Thumann und A. von Werner finden. Die von Fr. Bruckmann in München photographisch nach Originalgemälden reproducirten Darstellungen liefern Scenen aus den „Ahnen“, aus „Soll und Haben“, aus der „Verlorenen Handschrift“ und aus den „Journalisten“.

Statt eines kunstkritischen Urtheils bieten wir unsern Lesern lieber eine Probe des Werkes, die vom Künstler selbst für die „Gartenlaube“ auf Holz übertragen worden ist. Es ist das erste und sicherlich ein sehr empfehlenswerthes Blatt der Sammlung, das uns in die zweite Abtheilung der „Ahnen“, in „Das Nest der Zaunkönige“ führt. Der Künstler hat den Entscheidungspunkt im Leben seines Helden gewählt, den Augenblick, wo Immo, der älteste der sieben Söhne des Helden Irmfried, „welcher das Banner der Thüringe im Lande Italien trug“ und dort den Kriegertod fand, die Liebe der Hildegard, der Tochter des schlimmen Grafen Gerhard, gewinnt. Der Jüngling, ein Schüler der Benedictiner-Abtei Herolfsfeld (Hersfeld) an der Fulda, von den Seinen für den geistlichen Stand bestimmt, aber für die Thaten des Schwerts glühend, ist in einem Streite zwischen den Klosterleuten und den Gräflichen gefangen und in’s Grafenschloß geführt worden. Mit dem übrigen Gesinde zum Abendtisch gerufen, behauptet er sein Recht, an der Herrentafel zu sitzen. Hier knüpft er mit der gewesenen Klosterschülerin Hildegard eine gute Gesellenschaft, welche zu einer Liebe sich entfaltet, der wir den ganzen Roman mit seinem geschichtlichen Bilderreichthum verdanken.

Der Schöpfer dieser lieblichen, lebensfrischen Gestalten ist ein Künstler von berühmtem Namen, ein neuer Kaulbach, des Meisters Wilhelm kunstbegabter Sohn Hermann, ein junger Mann, der erst den ersten Schritt in die Dreißiger gethan hat. Zum Mediciner bestimmt, machte Hermann die ganze Gelehrtenlaufbahn auf dem Gymnasium zu Nürnberg und der Universität in München durch, bis er im Drange nach der stets neben dem Studium mit stiller und um so treuerer Liebe gepflegten Kunst das Secirmesser wegwarf und vom Meister Piloty sich für immer Pinsel und Stift in die Hand drücken ließ. Erst 1874 verließ er die Schule Piloty’s.




Das Blei in der Küche. In Folge des in Nr. 44 dieses Blattes veröffentlichten Aufsatzes: „Ein unbekanntes Schleichgift in der Küche“ kamen uns die verschiedenartigsten Anfragen wegen Beschaffung giftfreier Kochgeschirre zu. Im Allgemeinen läßt sich hier nichts Bestimmtes angeben, da man, wie das in dem erwähnten Aufsatze auch mitgetheilt worden ist, dem Kochgeschirre, ohne chemische Untersuchung der Glasur, nicht ansehen kann, ob es gesundheitsgefährliche Stoffe enthält oder nicht.

Als vor mehreren Jahren die Trichinenkrankheit bei Menschen entdeckt wurde und man gefunden hatte, daß dieselbe in Folge des Genusses trichinösen Schweinefleisches entsteht, enthielt sich ein großer Theil des consumirenden Publicums des Schweinefleisch-Kaufens bei allen denjenigen Metzgern und Kaufleuten, welche nicht ein von einem zuverlässigen Sachverständigen ausgestelltes Zeugniß aufweisen konnten, woraus hervorging, daß der betreffende Verkäufer das zu Markt gebrachte Fleisch einer sachverständigen mikroskopischen Untersuchung vorher hatte unterziehen lassen. Der ganz gleiche Fall liegt bei den fraglichen Kochgeschirren vor. Die Industriellen müssen genöthigt werden, ihre Fabrikate von Zeit zu Zeit einer chemischen Untersuchung zu unterwerfen und ihren Abnehmern eine Garantie durch vorzulegende officielle, sachverständige Gutachten bieten. Das Publicum wird alsdann nur dort seine Kochgeschirre kaufen, wo es eben eine officielle Garantie findet.

Wir erinnern uns übrigens einer Bekanntmachung des königlichen Polizei-Präsidiums zu Berlin vom 26. März 1866, in welcher das gräflich Einsiedel’sche Eisenwerk zu Lauchhammer als eine Fabrik bezeichnet wird, in welcher das zu den Geschirren verwandte Email ganz frei von Blei und Zink sei. Die bezügliche Bekanntmachung war in Folge einer Untersuchung von Geschirren entstanden, die zu Berlin zum Verkaufe gekommen und als der Gesundheit nachtheilig erkannt worden waren. Wie wir vernehmen, soll das Eisenwerk Lauchhammer auch heute nur bleifreie und zinkfreie Emailwaaren fabricircn, was sicherlich auch bei einer Reihe anderer solider Fabriken der Fall ist. – Die Fabrikanten bleihaltiger Geschirre wissen ganz wohl, daß durch ihre [816] Fabrikate Tausende von Menschen täglich an Gesundheit und Leben geschädigt werden können, trotzdem aber wird, da kein Gesetz bis jetzt die Anwendung bleihaltiger Stoffe in der Industrie verbietet, von zahlreichen Fabrikanten hierin auf die gewissenloseste Weise gesündigt. Wir werden uns stets freuen, Fabriken namhaft machen zu können, von welchen nur gesundheitsgemäße Gebrauchsgegenstände geliefert werden. Um jedoch die bezügliche Industrie durch obige Mittheilung nicht zu schädigen, erklärt sich unser ärztlicher Mitarbeiter, dessen Adresse von uns zu erhalten ist, gern bereit, hierher gehörige Fabrikate einer eingehenden chemischen Untersuchung zu unterziehen und im Interesse des Publicums und derjenigen Industriellen, welche bleifreie Fabrikate liefern, die nöthigen Bekanntmachungen zu erlassen.




Bescheidene Anfrage. Zum Feldzuge von 1870 und 1871 wurde als Reservist ein Mann aus einer Subaltern-Beamtenstellung eingezogen. In einer großen Schlacht zerschmetterte eine Kugel ihm den Knochen des rechten Oberschenkels. Nach seiner Heilung verblieb ihm ein kürzeres Bein mit noch immer eiternder Wunde. Beides hinderte ihn jedoch nicht, seinen alten Platz als Beamter wieder einzunehmen; es erfolgte sogar seine definitive Anstellung mit einer Gehaltszugabe von monatlich sechs Mark Verwundungsgeldern. Jetzt heirathete der Mann und wollte nun auch als unmittelbarer Staatsbeamter sofort seine Gattin in die Allgemeine Wittwen-Verpflegungs-Anstalt zu Berlin einkaufen. Aber siehe! Der ihn untersuchende Physikus muß auch die eiternde Wunde erwähnen – und der Mann wird zurückgewiesen. Er hat aus dem Kampfe „für König und Vaterland“ eine offene Wunde mit heim gebracht, und deshalb muß seine Gattin einst die Wohlthat entbehren, welche Allen zukommt, die so glücklich waren, nicht auf dem Felde der Ehre verwundet worden zu sein. – Die Sache ist zu beklagen, aber sie ist auch zu ändern. Die Gesetze dieser Verpflegungs-Anstalt, der einzigen, in welcher die Beamten ihre Wittwen vor Noth schützen können, sind offenbar vor den großen Kriegen gemacht worden, in welchen Preußen zu seinen Siegen so viel neue Erfahrungen gesammelt hat. Dazu wird auch die gehören, daß die Gesetze gerade solcher Wohlthätigkeits-Anstalten keinen Paragraphen enthalten dürfen, welcher Männer von ihnen ausschließt, weil sie als Soldaten ihre Schuldigkeit gethan haben. Eine Verbesserung jener Anstaltsgesetze ist das Einzige, was unserm Manne zu einem wohlerworbenen Rechte verhelfen kann.




Luftdichte Fenster und Thüren. Mit dem Beginne der kälteren Jahreszeit mehren sich in den Zeitungen wieder wie alljährlich die Anerbietungen, Fenster und Thüren „luftdicht“ zu verschließen. Es ist ein Glück, daß dieser luftdichte Verschluß immer illusorisch bleibt, denn sonst würde er, wenn die Mauern etwa auch noch recht dick und feucht wären, dazu führen, die dahinter Wohnenden über Nacht zu ersticken. Ich habe nichts dagegen, daß arme, alte Leute, die nur wenig Körperwärme und noch weniger Ofenwärme verausgaben können, ihre Fenster verkleben, aber bei Denjenigen, die in Heizung etwas daraufgehen lassen können, möchte ich ein dringendes gutes Wort für die undichten Fenster einlegen, ja, wenn ich ein Dichter wäre, würde ich ein „hoch wie Orgelton und Glockenklang“ klingendes Lied zum Preise der braven und gesunden Fensterritzen singen, denn sie im Bunde mit dem unschätzbaren Kachelofen sind es vornehmlich, die uns trotz unseres künstlichen Gefangenlebens im Winter leidlich gesund erhalten, indem sie uns das wichtigste Lebensbedürfnis, frische Luft, in ausreichender Menge verschaffen, sodaß Derjenige, dem seine Gesundheit am Herzen liegt, sie bei Leibe nicht verstopfen soll.

Wer zu Rheumatismus neigt, mag allenfalls dasjenige Fenster, neben welchem sein Näh- oder Schreibtisch steht oder unter welchem er unmittelbar schlafen muß, zustopfen, aber um des Himmels willen nicht die übrigen Quellen frischer Luft, falls die Ritzen nicht etwa so sind, daß man den kleinen Finger hineinstecken kann, was ich auch nicht gerade loben will. Am besten sind Doppelfenster, die man aber nur dann innen schließen darf, wenn der Wind gerade gegen die Scheiben weht. Diejenigen, welche jemals probirt haben, welche Frühlingsluft man sich in kühlen März- und Octobertagen durch Heizen bei halboffenen Fenstern in’s Zimmer zaubern kann, werden zuerst die kleinen Ritzen als unsere besten Freunde erkennen. Noch einmal, wem seine Gesundheit lieb ist, der hüte sich vor sogenannten luftdichten Fenstern! Die Fenster sind dazu da, den Zimmern nicht blos Licht, sondern auch frische Luft zuzuführen, empfehlenswerther sind Doppelthüren gegen die Corridore, da die Corridorluft in unsern großen Häusern nicht eben begehrenswerth zu sein pflegt.




Welfenherz, freue dich! Der „Althannoversche Volks-Kalender“ ist auch für das Jahr 1878 wieder da. Wahrlich eine Mustererscheinung des conservativsten Particularismus! Sogar die „Zeitrechnung“ weiß nichts von einem deutschen Reich und Jahr 1870, sondern schließt mit der „Thronbesteigung Sr. Maj. Königs Georg des Fünften 1851“ und mit der „zweiten Annexion Hannovers durch Preußen 1866.“ Abgesehen von den allgemein gehaltenen Schlägen auf „nationalliberale Lügen“, „Militarismus“, und sehr absichtlichen Aufrührereien aller möglichen Parteigifte enthält der Kalender auch Ausbrüche nichtswürdigster Art, wie den folgenden auf die Leipziger Kaiserfeste vom vorigen Jahre bezüglichen: „Uebrigens ist die ,Einigung des deutschen Vaterlandes’ nichts anderes, als ein Ammenmärchen, an das kein vernünftiger Mensch mehr glaubt; und daß Deutschland unantastbar ist, von diesem Wahne dürften die Leipziger Maulhelden bald durch die Russen oder Franzosen curirt werden.“

Womöglich noch offenherziger spricht der Kalenderschreiber, der „Welfenpastor Ludwig Grote in Hannover“ sich aus in einem Artikel „Hannovers Heldenheer“. Dort heißt es: „Kalenderschreiber wird es stets als höchstes irdisches Glück preisen, daß er als Hannoveraner geboren ist, und wenn er auch jetzt unter dem schweren Drucke seufzt, ein Mußpreuße zu sein etc., so wird er doch bis zum letzten Lebenshauche an der Hoffnung festhalten, daß er sein müdes Haupt als freier Hannoveraner in freie hannoversche Erde werde legen können.“ Freie hannoversche Erde?




Radical-Mittel. Wir erhalten aus Berlin nachfolgende Zuschrift: „Mit vielem Interesse habe ich den in Nr. 43 der 'Gartenlaube' enthaltenen, leider nur zu wahren Artikel gelesen, der den schamlosen Wucher geißelt, den sogenannte 'discrete Privatleute' Officieren gegenüber ausüben. Der Verfasser wünscht zur Beseitigung jenes Treibens ein Reichsgesetz und andererseits nach Vorgang der österreichischen Armee Regimentscassen, die kleine Darlehen zu fünf Procent abgeben. Für und wider die Wuchergesetze ist schon so viel gestritten worden, daß es Eulen nach Athen tragen hieße, dem noch etwas hinzuzufügen; mit den Regimentscassen würde meiner Meinung nach absolut nichts gebessert, sondern nur der Zeitpunkt für den Einzelnen um ein Geringes hinausgeschoben werden, an dem er jenen oben erwähnten 'Herren' verfällt.

Ein Mittel nur giebt es, um jener die Blüthe unseres Heeres demoralisirenden Wirthschaft die Spitze abzubrechen: Man bringe in den militärischen Erziehungsanstalten unseren künftigen Officieren die Ueberzeugung bei, daß es ehrlos sei, Schulden mit dem Bewußtsein zu machen, dieselben nicht bezahlen zu können; man nehme den Herren Officieren von Amtswegen das Versprechen auf Ehrenwort ab, sich bei keinem Hazardspiel zu betheiligen, – der Kundenkreis jener 'Privatleute' wird sich fortan verringern und unserem Heere eine größere Menge tüchtiger Kräfte erhalten bleiben, als bisher.
F. v. Kr.“

Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.