Die Gravitätischen

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Textdaten
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Autor: Adolf und Karl Müller
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Titel: Die Gravitätischen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 317-318
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[317]
Originalgestalten der heimischen Vogelwelt.[1]
Thiercharakterzeichnungen von Adolf und Karl Müller. Mit Abbildungen von Fr. Specht.
2. Die Gravitätischen.
a. Der weiße Storch.
Die Gartenlaube (1889) b 317.jpg


Die erste Frühlingsregung zieht durch das Gemüth, wenn die Kunde durch das Dorf, durch die Stadt geht: unser Storch ist da. Aller Augen richten sich auf den Horst, das allen bekannte Storchnest, und siehe, dort steht der hochbeinige Stelzvogel auf dem Rande der Wiege seiner Jungen, die er im vorigen Jahre groß gefüttert hat; vielleicht hat auch er selbst vor Jahren in derselben Wiege das Licht der Welt erblickt. Seine Ehehälfte weilt noch zögernd unterwegs, in wirthlicherer Gegend sich aufhaltend, wo die Nahrung nicht kärglich geboten ist. Das Männchen ist vorausgezogen und prüft unverkennbar die Wohnstätte, besucht die bekannten Plätze der Umgebung in Wiese und Flur und treibt sich längere Zeit als Einsiedler im gewohnten Heim umher, bis eines Tags sein plötzliches Wiederverschwinden dem Beobachter auffällt. Doch nur wenige Tage vergehen, da kommt das Paar aus fernen Höhen in Bogenflügen immer tiefer und näher dem Wohnplatz, immer enger ziehen sich seine Kreise, bis es sich schließlich niederläßt und auf dem Reste fußt. Das Freudengeklapper verkündet die Einkehr des treuen Paares. Wenn sie so stille stehen auf dem hohen Thurm, dem Haus oder dem abgestutzten Ulmenbaum, nichts Gravitätisches, nichts Stolzes und Würdevolles zeigt da ihre Haltung; vielmehr erscheinen sie plump bei aller Hochbeinigkeit. Wie anders, wenn sie im Riede sich niedergelassen haben und da umherstolzieren gemessenen Schrittes und wachsam nach allen Richtungen hin auf Beute bedacht und doch auch ihre Sicherheit nicht außer Acht lastend trotz der Schonung, die ihnen allenthalben das Volk angedeihen läßt! Ja, dieser Gang ist wirklich gravitätisch.

Während des Auf- und Abschreitens beherrscht der Storch mit scharfblickendem Auge den Plan vor sich und zu. Seite. Was an Verschlingbarem sich regt, entdeckt der geweckte Sinn, die lüsterne Aufmerksamkeit, welche stets angespornt wird durch die angeborene Gefräßigkeit. Die Waffe hält er stets zum Einhauen bereit, der lange, spitze Schnabel fährt wie ein Pfeil hernieder und trifft mit großer Sicherheit die huschende Maus, den stoßenden Maulwurf, den flüchtenden Käfer, den hüpfenden Frosch, die sich schlängelnde Eidechse. Oft faßt er mit dem Nager oder dem Maulwurf einen ganzen Bündel Moos, Gras oder Genist, und er verzehrt entweder auf der Stelle die Beute oder trägt sie dem brütenden Gefährten, den Jungen im Neste zu. Wenn er sich zum Aufflug anschickt hüpft er erst in weiten Sprüngen flügelschwingend, um dann den Boden zu verlassen und scheinbar unbehilflich der Höhe zuzustreben. Ebenso ungeschickt ist sein Fußen am Ziele des Flugs. Nicht von unten herauf oder auch in wagrechter Linie kommt er an, sondern von oben her, die Stelzfüße vorstreckend, läßt er sich vorsichtig nieder.

Hat er eine vorzügliche Nahrungsquelle entdeckt, dann kehrt er immer wieder zurück, um sie gründlich auszubeuten. Sein Ortsgedächtniß kommt ihm dabei sehr zu Hilfe, denn wenn er z. B. einen Satz kleiner Häschen entdeckt hat, so weiß er genau die Stellen wiederzufinden, wo sich die Kleinen zu verbergen suchten, und eins nach dem andern wird von ihm davongetragen. Aber er begnügt sich nicht mit dem Rauben zur Befriedigung des Ernährungsbedürfnisses oder zur Fütterung der Familienglieder, denn er ist nicht bloß gefräßig, sondern auch wahrhaft mordsüchtig und mordlustig. An einem Bach, der einen Teich speist, fanden wir in der Frühe Dutzende von Kröten frisch getödtet, denen der Storch den Leib aufgeschlitzt hatte, ohne daß er auch nur ein Stückchen der Eingeweide oder eines Körpertheils verschlungen hätte.

Eine andere Charaktereigenschaft des Storches ist Bosheit und Eifersucht. Wenn die jungen Störche ihren Horst im Frühjahre aufsuchen, oder wenn ein fremder Eindringling von demselben Besitz nehmen will, entwickeln sich heftige Kämpfe, und wir haben es mehrmals erlebt, daß das gemeinschaftlich seinen Horst verteidigende Paar den Fremdling oder den eignen vorjährigen Nachkommen jämmerlich zerfetzte und mordete. Eine verwandte Eigenschaft bekundet der Storch auch als gezähmter Hofbewohner unter dem Geflügel. Wir sahen ihn in einem großen Schloßhof herrisch umherstolzieren, in immer enger gezogenen Bogengängen das Hühner- und Entenvolk umkreisen, das sich sklavisch zu Paaren treiben ließ und schließlich mitten im Hofe zu einem Häufchen zusammenkauerte. Nichts anderes als Herrschsucht verleitete hierzu den Storch, denn jedesmal beendete er dieses Unternehmen mit plötzlichem derben Zufahren, so daß gackernd und quakend die geängsteten Thiere auseinanderstoben. Solchen gezähmten Störchen darf man kleinen Hühnerchen und Entchen gegenüber niemals trauen. Sie wissen trotz der ängstlichen Wachsamkeit der alten Glucke oder Mutterente das eine und andere Küchlein zu spießen , zu zerfetzen und hinabzuwürgen. Uebrigens zeigt sich der zahme Storch auch zu allerlei amüsanten Neckereien mit Hunden und Katzen aufgelegt. Possirlich nehmen sich seine Versuche aus, die Sperlinge, welche ihn umgeben, zu erhaschen. Natürlich sind die Sperlinge flinker als der zufahrende Storch, der wohl seine Unzulänglichkeit aus den fortwährenden Mißerfolgen erkennt, aber dennoch neue Versuche nicht unterläßt.

Ein hervorragender Charakterzug unseres Storchs ist schließlich neben seiner Treue zum alten Wohnorte auch seine Treue in der Ehe. Bei der Trennung der Geschlechter durch den Tod wird [318] wenigstens seitens des Weibchens entweder aus Abneigung oder aus Mangel an entsprechend dargebotener Gelegenheit eine neue Ehe nicht so leicht geschlossen. Wer weiß, ob nicht tiefgehende Trauer Ursache eines streng eingehaltenen ehrbaren Witwenstandes ist!


b. Der schwarze Storch.

Dieser Vogel ist und bleibt vielen gänzlich unbekannt, da er wohl in Deutschland an geeigneten Plätzen, aber doch selten vorkommt; am häufigsten nistet er in den wasserreichen nordöstlichen Strichen, in Pommern und Ostpreußen. Es bedarf seiner Seltenheit wegen einer kurzen Beschreibung der äußeren Erscheinung. Kleiner und schlanker als der weiße Vetter, überragt er ihn in der Flugweite bedeutend. Weiß sind nur der untere Theil der Brust, der Bauch und die Schenkelfedern; der übrige Theil des Gefieders erscheint mattschwarz mit metallischem grünpurpurnen Schiller. Das Korallenroth des Schnabels, der nackten Stellen an den Augen und den Beinen tritt bei den alten Exemplaren lebhaft hervor. Einsame, entlegene, alte Waldungen, die das Vorhandensein feuchter oder sumpfiger Wiesen, Bäche oder Flüsse nicht ausschließen, wählt er zum Aufenthalt und legt da seinen Horst auf einer Eiche, einer Buche oder Kiefer an. Dabei ist er darauf bedacht, daß er vom Horst oder dem wipfeldürren Nistbaume aus freie Umschau halten kann, denn ein Grundzug seines Wesens ist Scheu und Mißtrauen. Deswegen trifft man seine Familienwohnung auch gewöhnlich am Rande eines alten räumlichen Schlags oder in einer Gruppe alter Stämme auf einem Lichtschlage oder in der Nähe eines solchen an. Selten nur kommt es vor, daß der Horst in kleinen Feldgehölzen und Auen gefunden wird. Um den scharfsichtigen, sehr scheuen Vogel zu beobachten, muß man einen gut verborgenen Standort einnehmen und einen guten Tubus zur Hand haben. Interessant und lohnend ist aber die Verfolgung seines heimlichen Wandels. Geschieht dies nicht mit Vorsicht und sieht sich das Paar irgendwie belästigt oder von Nachstellungen umgeben, so verläßt es wenigstens für einige Zeit, wenn nicht ganz, Standort und Ernährungsgebiet, um sie mit anderen zu vertauschen. Indessen finden auch nicht selten derartige Veränderungen statt, ohne daß die Ursachen zu ergründen wären. Eigenwilligkeit, Eigensinn, irgend welche Unzufriedenheit veranlaßt die schwarzen Störche, eine Ansiedelung zu verlassen, einen anderen Ort, ebenso räthselhaft für uns, zu erwählen, wo vorher kein solcher Vogel zu sehen war.

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Schwarze Störche.

Entzückend schön ist der Kreisflug des männlichen schwarzen Storchs in der Höhe zur Zeit, da das Weibchen brütet. In stetigen, kaum von einem Flügelschlag unterbrochenen Schraubenwindungen erhebt sich der im Sonnenschein purpurstrahlende Vogel und durchzieht den Aether in majestätischem Kreisen, oft stundenlang dieses schöne Luftspiel fortsetzend. Sein Flug ist gewandter, leichter als derjenige des weißen Storchs, seine Haltung diejenige des wilderen Vogels. Sein ganzes Erscheinen und Gebahren ist flinker, behender und mit einer gewissen Anmuth begleitet. Vom Horst aus durchstreift er die Gegend, um die Nahrungsquellen in sumpfigen Waldwiesen, Erlenbrüchen, an Teichen, Gräben, Bächen und Flüssen auszubeuten. Das geschieht mit großer Vorsicht, wenn er sich nicht völlig sicher fühlt, was sich namentlich in dem mehrmaligen Kreisen um den Ort zeigt, wo er sich niederlassen will. Beim Einfallen führt er hohen Flügelschlag aus und hebt den Hals, um möglichst weite Umschau zu halten. Dann erst schreitet er langsam, noch langsamer als der weiße Vetter, mehr schleichend wie jener, aber ebenso gravitätisch, umher. Seine Nahrung ist noch vielseitiger, allem Kleingethier ist er gefährlich; was ihm von Nagern, kleinen Raubthieren, Lurchen, überwindbaren Schlangenarten, Insekten und erreichbaren Vögeln in den Weg kommt, danach greift hastig sein zuschnellender Schnabel, der die Beute tödtet, in die Höhe wirft und alsdann schlinggerecht wieder auffängt zur Beförderung in den würgenden Schlund.

Stellt schon der weiße Storch Fischen nach, so betreibt der schwarze diese Jagd mit wirklicher Leidenschaft. Er watet tief und schnellt mit dem Schnabel nicht leicht fehl, so daß manche Forelle aus dem Gebirgswasser von ihm an die Oberfläche befördert und in den unersättlichen Kehlsack versenkt wird. Nach dieser Richtung hin würde bedeutende Schädigung unausbleiblich sein, wenn der schwarze Storch ein häufig vorkommender Vogel wäre. Hat sich der Unersättliche mit allerlei Kleingethier im wahren Sinne des Wortes voll und steif gepfropft, dann begiebt er sich an seine Lieblingsstandorte, um in Ruhe der Verdauung sich hinzugeben. Während der Jungenpflege raubt er natürlich das Doppelte und wechselt öfter zwischen dem Horst und den ergiebigen Nahrungsplätzen. Früher als die jungen weißen Störche verlassen die schwarzen den Horst, geführt und angeleitet von den Eltern. Mit der Familie schlagen sich im Nachsommer wohl auch andere zusammen, doch ist der Geselligkeitstrieb beim schwarzen Storch bei weitem nicht so stark wie bei dem weißen, der sich bekanntlich vor dem Wegzug in die Fremde in großen Wiesengründen, wasserreichen Ebenen zu Hunderten, ja Tausenden zusammenthut. Nach zuverlässigen Beobachtungen sieht man den schwarzen Storch höchstens in kleinen Flügen reisen.



  1. Vergl. „Gartenlaube“ 1888, Nr. 48.