Die Heimath in der neuen Welt/Zweiter Band/Dreißigster Brief

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Neunundzwanzigster Brief Die Heimath in der neuen Welt. Zweiter Band
von Fredrika Bremer
Einunddreißigster Brief
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Textdaten
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Autor: Fredrika Bremer
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Titel: Die Heimath in der neuen Welt, Zweiter Band
Untertitel: Dreißigster Brief
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Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1854
Erscheinungsdatum: Vorlage:none
Verlag: Franckh
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: Gottlob Fink
Originaltitel: Hemmen i den nya verlden. Andra delen.
Originalsubtitel: Trettionde brefvet
Originalherkunft: Schweden
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: Erinnerungen über Reisen in den USA und Cuba
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Dreißigster Brief.
An den Pfarrer P. J. Böklin.


Cincinnati, den 27. Dezember 1850.  

Mehr als ein Jahr habe ich in der neuen Welt zugebracht, ohne daß ich noch mein Versprechen erfüllte, Dir, mein Freund und Lehrer, zu schreiben, ohne daß ich Dir sagte, was ich von ihr denke, was ich von ihr hoffe. Und gleichwohl weiß ich, daß Du es zu wissen wünschest.

Mein guter Freund, ich habe Dir nicht früher schreiben können. Ich wollte Dir keine unreifen Versuche zu denken und zu schildern geben, und lange habe ich Nichts anderes zu geben vermocht. Die Eindrücke und täglichen Ereignisse meines Lebens in diesem Land waren im Anfang überwältigend sowohl für Seele als Körper, und bis auf einen gewissen Grad erlag ich wirklich unter ihnen. Der heftige Strom neuer, wenn auch zum großen Theil bezaubernder Eindrücke, die unaufhörliche Arbeit mit neuen Gegenständen, neuen Menschen, sowie der Einfluß des neuen hitzigen Klimas und der ungewohnten Speisen versetzten mich in einen Fieberzustand, der meine Nerven dermaßen angriff, daß ich auf Monate unfähig wurde, etwas zu lesen oder zu denken, was die geringste Anstrengung erforderte. Gottes Gnade, die Pflege guter Menschen, die Heilkraft der Natur und Kunst ließen mich allmählig aus diesem Zustand kommen. Ich konnte wieder leben und lernen. Aber während der täglichen Arbeit, um mich der Gegenstände zu bemächtigen, die sich mir bei meinen Wanderungen aufdrängten, und während des Versuches sie zu ordnen, wurde es mir immer deutlicher, daß ich, um mit einiger Klarheit über die neue Weltbildung zu denken, welche die Staaten Nordamerikas vorweisen, mehr von ihren verschiedenen Gestalten und Entwicklungen sehen muß; daß ich Bekanntschaft mit dem Leben sowohl in den nordöstlichen, als in den südlichen und westlichen Staaten der Union gemacht, daß ich Amerikas Leben gesehen haben muß, da wo es sich festgesetzt hat und einigermaßen mit sich selbst fertig geworden ist, und da wo es noch bestrebt ist, die Erde aufzuwühlen, neue Häuser zu bauen, neues Leben und neue Länder zu erobern.

Wenn ich den großen Westen, das Missisippithal, Cincinnati die Königin des Westens gesehen habe, dann will ich an Böklin schreiben. Ich werde dann[WS 1] die neue Welt und die Zukunft der Menschheit, welche sie in ihrem Schooße trägt, besser verstehen und besser von ihr sprechen können. So sagte ich zu mir selbst.

Jetzt bin ich in Cincinnati. Ich habe den großen Westen in Nordamerikas Central-Region gesehen und sehe ihn vor mir. Ich habe das Missisippithal — die künftige Heimath von mehr als 175 Millionen Menschen — auf dem großen Flusse, auf dessen Ufern es bereits von europäischen Shaaren wimmelt, von Minnesota an, noch jetzt der wilden Heimath indianischer Stämme, vom St. Antonsfall an, welcher die Flußfahrt im Norden abschließt, bis zu seiner mittleren Region in Missouri und Ohio durchfahren und stehe jetzt im Begriff seinen Lauf bis an seine Mündung in den mexikanischen Meerbusen, die Heimath des Zuckerrohrs und des Sommers, zu verfolgen.

Und während ich hier am schönen Fluß Ohio, wie die müde Taube mit dem Oelzweige in einem jener schönen friedseligen Häuser ausruhe, die sich überall auf meinem Weg durch Amerika für mich geöffnet und mir die Ruhe eines Mutterhauses, Frieden, Liebe, Freude und neue Kräfte gegeben haben, will ich mit Dir sprechen, Du spät, aber für die Ewigkeit gefundener bester Freund meines Geistes und Gedankens. Ach! auch jetzt kann ich blos einige Worte zu Dir sagen, kann Dir blos Bruchstücke dessen geben, was ich in dieser neuen Welt erlebt und gelernt habe, was ich fortwährend in ihr erlebe und lerne. Aber Du wirst verstehn, was ich blos unvollkommen andeuten kann, Du wirst den Faden, den ich in Deine Hand lege, durch das Labyrinth weiter führen.

Du weißt es, ich kam nicht nach Amerika, um neue Gegenstände, sondern vielmehr um eine neue Hoffnung zu suchen.

Während halb Europa nach einem Kampf für Licht und Freiheit, der sich zum Theil in seinem Ziel täuschte und nicht klar wußte, was er wollte, unter einen Despotismus zurückzuversinken schien, wenn auch nur schien, der besser wußte, was er wollte, und auf einige Zeit das Recht des Stärkeren bekam, sehnte sich meine Seele in tiefem Glauben und inniger Liebe nach dem fernen Land, dessen Bevölkerung die Freiheitsfahne des Menschen aufgepflanzt, sein Recht und seine Fähigkeit sich selbst zu regieren ausgesprochen und auf dieses Recht ein Staatenreich, den Anfang der größten Staatsbildung der Erde gegründet hat.

Was ich da suchte, war der neue Mensch und seine Welt, die neue Menschheit und ein Blick in ihre Zukunft auf der neuen Erde.

Ich will Dir sagen, was ich bis jetzt gesehen und gefunden habe.

Den letzten Herbst und Winter verbrachte ich in den nordöstlichen Staaten der Union, in New-York, Massachusetts, Connecticut — den Mutterstaaten, von welchen Völkerschwärme ausgegangen sind und noch ausgehen, um den amerikanischen Continent zu bevölkern und ihm ihre Gesetze und Sitten zu bringen. Was man in diesen Mutterstaaten bewundern muß, das sind die großen Anstalten für die Erziehung der Jugend und für die Unterstützung von Unglücklichen, also Schulen und Wohlthätigkeits-Anstalten. Sie sind Erzeugnisse eines großen Herzens und werden auf großem Fuße gehalten. Es ist eine Freude in den großen luftigen Sälen der öffentlichen Schulen (sämmtlich Freischulen) die Kinder zu hören und zu sehen. Man sieht, daß sie vollkommen aufgeweckt und voll Leben sind. Man hört, daß sie verstehen, was sie lesen und lernen. Die große Reform im Schulwesen und der großentheils durch den Enthusiasmus, die Beharrlichkeit und Streitfertigkeit eines einzigen Mannes — er heißt Horace Mann — hervorgerufene Impuls zur allgemeinen Volkserziehung in Amerika ist unstreitig eine der schönsten und bedeutsamsten Erscheinungen dieser Weltbildung, zumal da sie das weibliche Geschlecht eben so gut umfaßt als das männliche und das Weib als Lehrerin der jungen Generation auf gleiche Linie mit dem Manne stellt.[1]

Ich habe diese Erscheinung vom Osten bis in den Westen beobachtet, von der stattlichen Akademie, wo 500 Zöglinge, Knaben und Mädchen, studiren und graduiren, um als Lehrer und Lehrerinnen in das öffentliche Leben zu treten, bis zu dem Blockhäuschen in den Wildnissen des Westens, wo den zerlumpten Kindern Schulbücher aufgeschlagen werden mit der Aussicht auf die ganze Welt und mit den edelsten Perlen der amerikanischen Literatur; ich habe mit Horace Mann, einem Mann von unermeßlicher Hoffnung, gesprochen und ich habe daraus große Hoffnung geschöpft für die intelligente Vervollkommnung und Zukunft des Menschengeschlechts in diesem Welttheil. Denn was in den nordöstlichen Staaten, der ältesten Heimath der Pilger, schon ist, das wird früher oder später in den südlichen und westlichen. Ein großes Volksbewußtsein macht sich in der großen Frage der Volkserziehung immer mehr geltend und schreitet sieghaft voran, wie eine geistige Naturmacht, wie ein Strom von geistigem Leben, der sich durch alle Hindernisse Bahn bricht.

Willst Du hören, wie sein kräftigster Vertreter in der neuen Welt sich ausspricht? In seiner Einladung zu der nationalen Zusammenkunft der Freunde der Erziehung im August 1850 schreibt Horace Mann wie folgt:

„Nie ist es nöthiger gewesen, dem menschlichen Verstande Macht zu verleihen und ihn mit Kenntnissen zu erfüllen, als in der gegenwärtigen Zeit, und in keinem Land ist diese Nothwendigkeit so gebieterisch, wie in dem unsrigen. Die gewöhnlichen Geschäfte des Lebens erfordern jetzt hundertmal mehr Kenntnisse als vor einem Jahrhundert. Neue Arten und Formen von Geschäften tauchen tagtäglich im allgemeinen Gebrauche auf, und man muß sie mit Verstand und Geschicklichkeit behandeln, wenn diejenigen, die sich damit befassen, nicht dabei zu Grunde gehen sollen.

„Die tiefsten Wissenschaften bahnen sich den Weg in die alltäglichen Geschäfte des Lebens, sie führen überall, wohin sie gehen, Macht, Schönheit und Mannigfaltigkeit der Produkte mit sich; und wer sich der Wohlthaten nicht bemächtigen kann, welche sie schenken, der wird dem Elend und der Verachtung preisgegeben bleiben.

„Aber nicht blos in allen Theilen des Geschäftslebens zeigt sich überall mehr Leben, Thatkraft und Umfang; die Massen des Volks erobern sich oder erhalten beständig neue politische und sociale Rechte. Der freie Mann, der gehen kann, wohin es ihm beliebt, der jede Beschäftigung wählen kann, die ihm gefällt, bedarf weit mehr Urtheil und Intelligenz, als der Unterthan in einem despotischen Staat, der in irgend einem Arbeitszweig geboren ist und bei demjenigen bleiben muß, worin er geboren ist. Der Bürger, der nicht blos seine persönlichen Angelegenheiten besorgt, sondern auch die Angelegenheiten seiner Gemeinde, der selbst in allen seinen politischen Verhältnissen durch Repräsentanten regiert, die er selbst wählt, dessen Stimme nicht blos darüber entscheiden kann, welchen Männern die Regierung anvertraut werden soll, sondern auch welche Maßregeln innerer oder ausländischer Politik zu ergreifen sind, von dessen Willen Friede oder Krieg, Nationalehre oder Unehre abhängen kann; ein solcher Bürger muß in Bezug auf Fähigkeit, Kenntnisse und Weisheit im Vergleich mit einem russischen Leibeigenen oder einem hinduischen Paria wie ein Gott sein. In dieser Zeit sage ich gibt es für die Seele des Menschen unendlich mehr zu thun und zu verstehn, als je zuvor, und deßhalb muß die Seele im Verhältniß dazu gestärkt und aufgeklärt werden.

„Es gab nie eine Zeit, wo die moralische Natur eines Menschen mehr der Kultur und Läuterung bedurfte, als sie es im gegenwärtigen Augenblick bedarf. Was wir Civilisation und Fortschritt nennen, hat die Versuchungen tausendfach — in diesem Land zehntausendfach vermehrt. Die Ringbahn für Reichthum, Luxus, Ehrgeiz, Hochmuth, steht Allen offen. Mit unsern vielfachen Privilegien sind nicht blos vielfache Pflichten gekommen, welche wir verleugnen können, sondern auch vielfache Gefahren, in welche wir fallen können. Da wo Druck und Despotismus obwalten, sind alle edleren Fähigkeiten des Menschen verkrüppelt, erloschen, ihrer Macht beraubt. Aber Druck und Despotismus schwächen auch die Macht der bösen Leidenschaften des Menschen eben so gut wie die der edleren Triebe. In diesem Land hat Alles, was im Herzen des Menschen Gemeines und Verdorbenes ist, eine so volle Freiheit, einen so großen Wirkungskreis, eine so heiße Triebkraft, wie man dieß nie zuvor gekannt hat. Schlechtigkeit wie Tugend, Teufelei wie Menschenliebe führen ihre Dampfmaschinen, ihre Machtpressen, ihre elektrischen Telegraphe mit sich. Die äußeren, zurückhaltenden Kräfte blinder Verehrung für die Auktorität, blinder Furcht vor Religionslehrern und vor grausamen Strafgesetzen, welche früher die wilden Leidenschaften der Menschen im Zaum hielten und alle Energie lähmten, sind jetzt unwirksam geworden. Wenn nicht innere und moralische Hemnisse an die Stelle der äußeren und willkürlichen gesetzt werden, die man weggenommen hat, so werden die Leute, statt die Herren und Besieger ihrer Leidenschaften zu werden, ihre Sklaven und Opfer werden. Auch die klarste Offenbarung vom Himmel und die heiligenden Einflüsse von Gott, wenn sie nicht so täglich und stündlich gegeben werden, daß sie alle Bewegungen des freien Willens vernichten, können einen tugendhaften Wandel als unabweisliche Forderung und Vorbereitung zu einem glücklichen und ehrsamen Leben nicht ausschließen. Der Mensch hat eine beschränkte Ansicht von dem Einfluß und der Wirksamkeit aller christlichen Sittenlehre, welche ihn nicht in allen Gewohnheiten und Gefühlen der Jugend zu leiten sucht, und die nicht in demselben Maß, wie die junge Seele sich der Beobachtung der Wunder der Schönheit und Wahrheit erschließt, einen unerschöpflichen Vorrath von sittlichen Wundern, Schönheiten und Wahrheiten in Bereitschaft hat, um sie ihr einzugießen.“




So der Präsident des National-Convents der Freunde der Erziehung, der Erzieher par excellence in Nordamerika. Er ist aus Massachusetts und gegenwärtig Repräsentant des Pilgerstaates beim Congreß in Washington.

Du siehst seinen Standpunkt. Die Aufklärung der Intelligenz und des moralischen Bewußtseins, in der Schulerziehung allen Bürgern gegeben, ist die Grundlage, auf welcher die neue Welt ihr Reich zu erbauen und den neuen Menschen hervorzubringen hat. So weit ist das Volksbewußtsein in der neuen Welt gekommen, weiter aber nicht, wenigstens nicht mit vollem Bewußtsein.

Dieses Bewußtsein ist am klarsten und stärksten in den Staaten Neuenglands, der ältesten Heimath der Pilger aufgegangen.

Rastlos muthige Arbeit in der Entwicklung des Lebens und Emporhebung der ärmeren Gesellschaftsklassen, das Streben, eine vollkommen harmonische menschliche Gesellschaft hervorzubringen, charakterisirt das Leben dieser Staaten. Der Begriff eines christlichen Staats, einer christlichen Gesellschaft liegt dabei sichtlich zu Grunde. Die Lehre Christi, die Ehre Aller, das Recht und das Wohl Aller, Alle für Alle, so lautet das Feldgeschrei in diesen Ländern. Die Harfen der Dichter rufen die sittlichen Ideale des Menschen und des Staates herauf.

Von diesen Staaten reiste ich im Monat März, während Schnee und Frost ihre Marken noch bedeckten, nach den südlichen Staaten Nordamerikas und verbrachte ungefähr drei Monate in den Palmettostaaten, Südkarolina und Georgien. Da war die Sonne warm. Und obschon ich die Sklaverei da fand und ihren dunkeln Schatten auf dieser sonnenwarmen Erde sah, obschon ich sah wie ihre Fesseln die moralische und politische Entwicklung dieser Staaten hemmten, so erfreute ich mich gleichwohl meines Lebens in einer Art, wie ich es in den intellektuellen, emporstrebenden, rastlos arbeitenden nördlichen Staaten nicht gethan hatte. Ich ruhte mehr und befand mich besser dabei. Die weiche Schönheit der Luft und des Klimas zu dieser Jahrszeit, die Ueppigkeit der Vegetation, die schönen neuen Blumen, die Düfte, die Früchte, die Pracht der Urwälder an den rothen Flüssen entlang, der Glanz der Feuerfliegen in den dunkeln warmen Nächten, die Wanderungen unter den mit langen flatternden Moosen behangenen gothischen Arkaden der Lebenseichen, neue und bezaubernde Schauspiele für ein europäisches Auge; — ein gewisses romantisch pittoreskes Leben durch die Berührung des weißen und des schwarzen Menschenstamms auf der schönen von Wohlgerüchen erfüllten Erde, das eigenthümliche Leben und der Charakter der Neger, ihre Gesänge und religiösen Feste … wirst Du mir verzeihen, wenn Alles das mich bezauberte und mich die trüben Schatten der Sklaverei vergessen oder doch weniger sehen ließ als die Lichtbilder, welche des Südens Schönheit in den Naturgegenständen und bei einzelnen Menschen hervorrief? Keine Dichter sangen hier die sittlichen Ideale der Staatsgesellschaft, der hundertzüngige Vogel (turdus polyglottus), Nordamerikas Nachtigall, sang in den duftreichen Wäldern, und die Erde mit ihren Menschen und Blumen schien in Licht zu baden. Daß ich aber dennoch für die Nachtseite und die Lügen im Leben des Südens nicht blind war, das beweisen meine Briefe nach Hause.

Die schönste sittliche Erscheinung, die ich in diesen Staaten beobachtete, war das hereinbrechende Licht des Christenthums bei den Kindern Afrikas und die Bemühungen, welche wahre Christen, zumal in Georgien, für den religiösen Unterricht, die Befreiung der Sklaven und ihre Kolonisirung in Liberien auf der afrikanischen Küste aufbieten. Alljährlich geht ein mit freigelassenen Sklaven und den Mitteln zu ihrer Niederlassung in dem ältesten Mutterlande befrachtetes Schiff von Savannah nach Liberien ab.

Aber diese Erscheinung ist noch immer blos ein kleiner Lichtpunkt an dem dunkeln Sklavengemälde in diesen Staaten. Sie ist ein Werk von Privatpersonen. Die Gesetze der Staaten ermangeln alles Lichts und Rechtsgefühls in Beziehung auf die Sklaven; sie sind eines freien Landes und Volkes unwürdig.

Im Mai entfloh ich aus dem glühenden Süden und reiste nordwärts zuerst nach Pennsylvanien, dann nach Delaware. Während der stärksten Sommerhitze befand ich mich in den heißen Städten Philadelphia und Washington. In Philadelphia interessirten mich die Quäcker und das Leben des inneren Lichtes in guten und wohlthätigen Stiftungen. Ich las die Unabhängigkeits-Erklärung, den großen Freibrief des amerikanischen Volkes in dem Saal, wo sie unterzeichnet wurde, und dann reiste ich nach Washington, um den Debatten des Congresses in der großen Streitfrage zwischen den freien Staaten und den Sklavenstaaten, zwischen dem Norden und Süden, sowie über den Eintritt Kaliforniens und Neumexikos als freier Staaten in die Union, anzuwohnen.

Es ging heiß zu und die Union war alle Tage bedroht. Du kennst bereits aus den Zeitungen den Vergleich, womit die Frage entschieden und der Kampf beigelegt wurde, nämlich für einige Zeit. Denn der Kampf und die Gefahren bleiben heimlich oder offenbar, so lange es in der amerikanischen Union Sklaverei und Sklaven geben wird; und je mehr das menschliche und das höhere Bewußtsein im Lande wächst, um so schärfer wird der Streit sich um diesen Punkt concentriren, um so hitziger wird der Kampf werden.

Ich sah große Staatsmänner, hörte große Reden in Washington, und ich glaube, daß kein Land auf Erden zu dieser Zeit eine Rathsversammlung mit grösseren Talenten und ausgezeichneteren Männern aufzuweisen vermag, als der Senat der Vereinigten Staaten sie darbietet. Politische Unbilligkeit, politische Bitterkeit fand ich auch hier wie überall auf dem politischen Schlachtfeld.

Was mir am Congreß der Vereinigten Staaten am meisten auffiel, das war die Art und Weise der Repräsentation. Du kennst sie aus Büchern und Zeitungen; jeder Staat in der Union, klein oder groß, schickt zwei Senatoren zu dem Congreß. Sie bilden den Senat oder das Oberhaus; die Zahl der Repräsentanten, welche die zweite Kammer oder das Unterhaus ausmachen, wird nach der Einwohnerzahl der einzelnen Staaten bestimmt. Je größer die Bevölkerung eines Staats, um so mehr Repräsentanten beim Congreß. Jeder einzelne Staat in der Union regiert sich auf gleiche Weise durch zwei Kammern, Senat und Repräsentantenhaus, deren Mitglieder im Staat aus Bürgern des Staates gewählt werden, und jeder Staat hat sein Kapitol.

Diese Repräsentation hat viel Pittoreskes und Eigenthümliches zur Folge. Der Granitstaat und der Palmettostaat, Old Virginy und der junge Wisconsin, Minnesota und Louisiana, so verschieden und eigenthümlich durch Lage, Natur, Klima, Erzeugnisse und Bevölkerung, treten auf dem Congreß als Persönlichkeiten auf und betheiligen sich an der Besprechung der allgemeinen, das ganze Menschengeschlecht interessirenden Fragen durch das, was sie für sich Eigenthümliches und mit allen Gemeinsames haben.

Ich konnte nicht umhin dabei an die Vertretung Schwedens und ihre vielbesprochene Umbildung zu denken. Es schien mir als wäre Nichts passender und geeigneter ein nationales Leben und Bewußtsein zu wecken, als eine Vertretung nach Art der amerikanischen. Ich sah Nordland und Schonen, Dalekarlien und Blekinge, Ostgothland und Westgothland und alle unsre durch Volksleben, Natur und Produkte eigenthümliche Provinzen auf dem schwedischen Reichstag auftreten und durch ihre Senatoren Aufschlüsse ertheilen über den Zustand, die Bedürfnisse des Landes und seine bisher verborgenen oder unbenützt gebliebenen Quellen des Wohlstandes; ich sah die Nord-, Süd- und Central-Region Schwedens, seine östlichen und westlichen Länder erhellt von Lichtblicken, die früher nicht hineingedrungen, ich sah das Volksbewußtsein und Volksleben erhöht durch Repräsentanten, die vermöge ihrer Kenntnisse und Persönlichkeit würdig waren, die einzelne Provinz in ihrer Eigenthümlichkeit vorzustellen und in ihrem Leben als Theil eines großen Ganzen, eines Landes, eines Volkes mit einem Erbe, so groß wie Schwedens Vorzeit, und mit einer Zukunft, die an menschlicher Hoheit mit der Zukunft der größten Völker auf Erden wetteifern dürfte.

Schwedens älteste Verfassung, wo die Landrichter jeder Landschaft auf dem Allshärjarting auftreten und allda als die weisesten und besten des Volkes für ihre Gemeinden zu dem König des schwedischen Landes sprachen, diese älteste Verfassung unsers Landes war in ihrer Idee der gegenwärtigen nordamerikanischen nicht unähnlich.

Eine solche Vertretung von Land und Volk erscheint in hohem Grad naturgemäß und national, und welch ein Feld eröffnet sie nicht für Talente und Reden!

Präsident Taylor starb während meines Aufenthalts in Washington, und ich war zugegen, als sein gesetzlicher Nachfolger, Vicepräsident Fillmore, in das höchste Amt der Vereinigten Staaten eingesetzt wurde. Nichts kann einfacher, schlichter und prunkloser, unsern Königskrönungen ungleicher sein. Aber ich habe auch Nichts gegen diese einzuwenden. Sie gewähren schöne und malerische Schauspiele, und ohne ein Bischen Spektakel können wir Menschen ja doch nicht wohl leben, nicht einmal hier zu Lande; das sieht man an der Begierde, womit Alles herbeiströmt, sobald es etwas Neues zu sehen gibt. Welche schöne Schauspiele haben wir nicht in Schweden bei der Krönung Carl Johanns und Oskars gesehen! Bei der letzteren erinnere ich mich noch besonders der jungen Prinzen, der drei Söhne Oskars in ihren fürstlichen Aufzügen, als sie kamen, um vor ihrem königlichen Vater den Eid abzulegen — schönere Gestalten konnte man nicht sehen und kaum ein schöneres Bild.

Nachdem ich in dem brausenden Meer an der östlichen Küste gebadet, begab ich mich nach dem Westen. Ich hatte den Norden und Süden der Union gesehen. Jetzt mußte ich den großen Westen sehen, es verlangte mich gewaltig darnach. Viel und oft hatte ich in den östlichen Staaten sowohl im Norden als im Süden von dem wunderbaren Wachsthum und Fortschritt (growth, progress) des großen Westens erzählen gehört. Worin bestanden sie? Es gelüstete mich mit eigenen Augen zu sehen.

Auf meinem Weg nach dem Westen befand ich mich in Gesellschaft der Naturriesen Trenton und Niagara, fuhr über die großen Binnenseen Ontario, Erie, Michigan, um die schwedischen und norwegischen Niederlassungen am Missisippi zu besuchen, sah schwedische Gastfreundschaft und schwedische Blumen frisch auf der neuen Erde erblühen, sah in den Wildnissen des Westens ein neues Skandinavien emporkommen. Sodann begab ich mich den Missisippi hinauf nach dem Land, welches die Quellen des großen Flusses einschließt, sah herrliches Hochland, ruinenartige Felsen aus eichengekrönten Höhen emporsteigend, Ruinen aus der Urzeit, wo die erstgebornen Titane der Natur allein auf der Erde wandelten und der Mensch noch nicht vorhanden war. Und noch jetzt ist er ein seltener Gast in den unübersehbaren Wildnissen: noch jetzt ist es still und öde da. Wohl erhebt sich da und dort ein kleines Blockhaus am Fuß der Höhe, am Strand des Missisippi, und daneben sieht man einen Acker mit indianischem Korn blühen. Dieß sind die ersten Spuren von Kultur in diesen Gegenden. Aber sie sind wie die Spur des einen Fußes auf Robinsons unbewohnter Insel. Daneben sind die Urwälder und die Wildnisse, wo die wilden Thiere und die Indianer in ewiger Fehde mit einander hausen.

Daneben sind auch die ungeheuren Prärien, des Missisippithales blumenreiche Wüsten, wo das Gras in hohen Wogen weithin gegen den Horizont weht, unberührt von Menschenhänden, denn hier finden sich keine Menschenhände, um es abzumähen, nein nicht einmal den tausendsten Theil. Und was auf mich noch größern Eindruck machte, als der Niagara, als irgend etwas, das ich in diesem Welttheil oder in Europa gesehen, das sind die unermeßlichen Prärienaussichten, die zum Missisippithal gehören und immer weiter werden, je näher man dem großen Flusse kommt. Diese Oceane mit Wogen von Sonnenblumen und hochwallendem Gras unter Amerikas hellem sonnbeglänztem Himmel oder auch mit fliegenden Wolken in den hellen Räumen zu sehen, das ist ein herrlicher Anblick. Die Seele erweitert sich und öffnet sich gleichsam für den milden freien Wind, der über das Feld hinsäuselt und die darüber hingespannten elektromagnetischen Fäden bei seiner Vorbeifahrt melodisch erklingen macht. Jeder Tag meiner Fahrt nach dem Westen war ein Fest, als ich auf den Schwingen des Dampfes über die Felder hin gegen die goldene Sonne zuflog und in ihre Lichtwellen zu fliegen meinte.

Das Missisippithal von Minnesota im Norden an bis Louisiana im Süden, zwischen der Alleghanikette im Osten und den Felsgebirgen im Westen ist durchaus eine ungeheure rollende Prärie, d. h. ein wogendes Wiesenland mit Hügeln und Höhen vom fruchtbarsten Boden, reichbewässert, von Strömen und Seen. Hochländisch im Norden und nordische Tannen und Birken hervorbringend, sinken seine Felder, je mehr sie nach Süden kommen, bis sie in Louisiana sumpfige Moräste werden, wo der Alligator im Schlamme watet, wo aber auch das Zuckerrohr und der Palmetto in der warmen Luft emporsteigen und die Orangenhaine duften. Es umfaßt viele verschiedene Arten von Erdboden, Klima und Produkten. … Aber ich will einen Bewohner des großen Thals, der wohl damit bekannt ist, sprechen lassen von —

„dem großen Centralthal des nordamerikanischen Festlandes. Es ist ein Thal, das sich durch 21 Breite- und 15 Längegrade hindurch erstreckt, ein Thal, das just bei seinem Austritt aus dem Naturzustand zu lächeln beginnt, das bereits in seinen großen Schooß die Volksmassen einlädt, die sich aus den übervollen Staaten der Welt ergießen, und sich erbietet die anbauenden Hände mit Vorräthen für noch ungezählte Millionen von Menschenkindern zu belohnen. Die Natur hat diese Erde merkwürdig mit Pflanzen und Mineralreichthümern begabt; sie hat ihr eine für jeden Geschmack und jedes Bedürfniß passende Oberfläche gegeben und sie mit Strömen durchfurcht, die zu vielfachen Arten von Industrie benützt werden können, namentlich auch zu einem großartigen Handelsbetrieb, der alle Erzeugnisse der gemäßigten Zone in ihren nördlichen und südlichen Grenzen umfaßt.

„Dieses große Land, dieses fruchtbare üppige Thal zwischen den Missisippiquellen im Norden und dem mexikanischen Meerbusen im Süden, zwischen den Felsgebirgen im Westen und dem Alleghanigebirge im Osten war vor kurzer Zeit noch eine Wildniß, umfaßt aber jetzt bereits 11 ganze Staaten, Theile zweier andern Staaten und zwei Territorien, ist voll von arbeitender Thätigkeit und berufen die halbe Bevölkerung der Vereinigten Staaten zu unterhalten. Da es 12,000,000 Quadratmeilen oder 768 Millionen Morgen Land umfaßt, so läßt sich seine gewaltige Bedeutung noch so wenig berechnen, wie die der amerikanischen Union selbst. Sein Einfluß muß ebenso ausgedehnt sein, wie der Einfluß der ganzen anbaufähigen Erdkugel, deren Garten und Fruchtkammer es werden muß; es muß seine Herrschaft bis über die Vereinigten Staaten hinaus erstrecken und der Sitz ihrer Regierung, die Quelle ihrer Lebenskraft, das Diadem ihres Stolzes, die Grundlage der Pyramide ihrer Größe werden. Nirgends auf Erden hat der Schöpfer der Welt die Mittel zu menschlicher Wohlfahrt reichlicher gespendet oder augenscheinlicher schöne und passende Bedingungen für die Bedürfnisse der Menschheit bescheert. Suchet dieses Land nicht mit dem Fluch schlechter Regierung heim, verhindert nicht die Hand der Vermehrung in demselben, haltet den Strom der Völkerwanderung, der sich in seinen Schooß ergießt, nicht zurück; laßt seine breiten Felder die Uebervölkerung aufnehmen, die Europas Boden bedrückt, und der allgütige Geber aller guten Gaben wird von seinem Himmel herab lächeln über eine glückliche Familie von mehr als 275 Millionen menschlicher Wesen.“

Solltest Du in Versuchung gerathen, dieses Probestück von den großen Hoffnungen, welche der große Westen auf das gewaltige Missisippithal und seine großartige Zukunft setzt, zu belächeln, so wirst Du dennoch darin einen großen Sinn, ein großes Herz nicht verkennen und im Uebrigen zugeben, daß die Leute hier es just nicht mit Kleinigkeiten zu thun haben.

Der Senator in Missouri, Mr. Allen, aus dessen Schrift über den Handel und die Seefahrt des Missisippithales im Jahr 1850 ich Obiges entnommen habe, fährt sodann fort statistische Notizen über den Handel und die Zunahme verschiedener Missisippistaaten und Städte zu geben. Eine vollkommen praktische und statistische Darstellung, die jedoch einen gewissen großen poetischen Eindruck hinterläßt, sowohl durch den Reichthum der Produkte, die genannt werden, als auch durch die mährchenhafte Zunahme der Kultur, der Bevölkerung, der Städte, der Seefahrt und des Reichthums in dieser Gegend. Der Senator von Missouri beim Congreß, Oberst Benton, gleich Mr. Allen vorzugsweise ein praktischer Mann, wird Poet, wenn er darauf hinblickt, und ruft:

„Die Flußschiffahrt in dem großen Westen ist die wundervollste in der Welt und besitzt seit Einführung der Dampfkraft zur Bewegung der Schffe alle Eigenschaften, die der Meerfahrt angehören. Geschwindigkeit, Größe der Entfernung, Wohlfeilheit, Größe der Frachten, Alles ist da. Das Dampfboot ist das Schiff des Flusses und findet auf dem Missisippi sowie auf den ihm zinsbaren Flüssen den vollständigsten Schauplatz für seine Macht. Ein wundervoller Strom! Bei seinem Ursprung und bei seiner Mündung mit mächtigen Seen verbunden — seine Arme gegen den atlantischen Ocean und das stille Meer hinstreckend — in einem Thalgrund liegend, der eine Vertiefung vom mexikanischen Meerbusen bis zur Hudsonsbai ist — seine ersten Wasser nicht von schroffen Bergen, sondern von einer Hochebene von Seen im Mittelpunkt des Festlandes saugend und in Verbindung mit den Quellen des St. Lorenzo und den Strömen, die ihren Lauf nordwärts nach der Hudsonsbai nehmen, die größte Weite des reichsten Bodens bewässernd — die Produkte jeden Klimas, selbst des eiskalten, in sich vereinigend, um sie auf die großen Märkte im sonnigen Süden zu führen und dort die Erzeugnisse aus der ganzen Welt zu treffen: so ist der Missisippi! Und wer vermag die Summen seiner Vortheile und die Größe seiner zukünftigen Handelsverbindungen zu berechnen!“

Aber genug von dieser Missisippiberedsamkeit.

Laß mich Dir jetzt von dem Zuwachs und den Fortschritten des großen Westens erzählen, so wie ich sie gefunden habe. Dieser Zuwachs ist bis jetzt hauptsächlich ein materieller. Aber der geistige folgt ihm dicht auf der Spur. Ueberall, wo der Amerikaner sich niederläßt, baut er nebst seinem eigenen Haus und seiner Handelsbude Schule und Kirche, das Hotel und die Armenhäuser kommen hernach. Der Westen ahmt die Institutionen und Städte des Ostens nach. Aber rasch und dennoch sicher ist sein Gang. Du siehst zuerst in der Wildniß einige Blockhäuser, auch hübsche Bretterhäuser und kleine Steinhäuser, sodann geschmackvolle Villen und Sommersitze, und binnen wenigen Jahren steht wie durch Zaubermacht die Stadt da mit Capitol oder Stadthaus, schönen Kirchen, prächtigen Hotels, Akademien und Instituten aller Art, und man hält Vorlesungen, druckt große Zeitungen, wählt Beamte, hält Versammlungen und faßt Beschlüsse über Volkserziehung oder Kommunikationen mit der ganzen Welt; dann werden Eisenbahnen gemacht, Kanäle gegraben, Schiffe gebaut; die Ströme werden befahren, die Wälder untersucht, die Berge durchbrochen; und mitten unter all diesem Geschäft bauen die Männer geschmackvolle Häuser für ihre Frauen, pflanzen Bäume umher, und die Frau waltet als Herrscherin in der geheiligten Welt des Hauses. So wird das Land eingenommen, so wird die Gesellschaft geordnet, so wird der Staat fertig, um als selbstständige Staatsmacht in der großen Familiengruppe von Staaten aufzutreten. Und obschon zwei Drittheile der Bevölkerung des Missisippithales aus Skandinaviern und Deutschen, Irländern und Franzosen bestehen, so ist dennoch der gesetzgebende und bildende Geist der Anglonormannische.

In gewissen Beziehungen unterscheidet sich der Charakter des Westens von dem der östlichen Staaten. Er hat mehr Breite und Kosmopolitismus. Seine Bevölkerung ist eine Bevölkerung von vielen Völkern; man behauptet, dieser Charakter verrathe sich in lieberaleren Staatsverfassungen, wie auch in vorurtheilsfreieren Ansichten und Gebräuchen im Umgangsleben. Die Sekten werden weniger ausschließlich. Die Priester prophezeihen die Ankunft einer tausendjährigen Kirche, worin alle Sekten sich versammeln werden, und sie deuten auf die Nothwendigkeit der weltlichen Kultur, der Wissenschaften und der schönen Literatur für die volle Entwicklung des religiösen Lebens.

Die westliche Stadt ist vor allen Dingen die kosmopolitische Stadt. Die Deutschen haben hier ihre Quartiere, manchmal die halbe Stadt, ihre Zeitungen und Klubs, die Irländer die ihrigen, die Franzosen die ihrigen; der Missisippi ist der große Kosmopolit, der alle Völker vereinigt, ihre Thätigkeit und ihre Wohnstätten verbindet und das Leben, die Bewohner und die Erzeugnisse aller Zonen vom einen Ende bis zum andern des großen Centralthales cirkuliren läßt.

Aber hier bleibt meine Bewunderung und mein Gerede von Größe und Wachsthum stehen, denn die Stadt des Westens gibt mir nichts Größeres und Besseres als die Stadt des Ostens. St. Louis ersetzt New-York auf der westlichen Seite des Missisippi, und St. Francisco am stillen Meer ist blos die dritte und verbesserte Auflage der letztgenannten Stadt.

Der westliche Staat, der in Wiskonsin schön emporblickt, sinkt in Missouri und Arkansas. Der Westen ist nicht besser als der Osten auf Nordamerikas Festland. Wird er es jemals werden?

Er wird etwas Anderes werden in seiner Entwicklung, seinem Charakter; wird er aber etwas Höheres und Besseres werden ? wird er der Vollkommenheit näher kommen? — Das tausendjährige Reich, wo der Löwe neben dem Lamm ruhen, wo man im Schatten seiner eignen Reben und Feigenbäume glücklich sitzen wird, wo alle Völker im Frieden zusammentreten werden und der Himmel lächeln wird über eine Familie von 275 Millionen Menschen; wird es hier kommen?! …

Ach! Es ist mir schwer geworden den schönen Traum aufzugeben, der mir leuchtete, als ich westwärts reiste und die goldene Sonne vor mir in dem gelobten Westland untergehen sah, so daß es mir schien, als fahre sie gerade in sein Reich. Ich glaube nicht mehr an diesen Traum. Es ist vorbei. Amerikas Westland wird nichts wesentlich Besseres mehr geben, als sein östliches Land. Keines von beiden wird der Erde das neue Paradies geben. Es wird vermuthlich niemals gewonnen auf dieser Welt, auf dieser Erde. Alles was wir hoffen können, ist eine Annäherung dazu. Und diese Annäherung beruht …

An Aufklärung wird es dem amerikanischen Volk nicht fehlen, das ist klar. Nicht blos die allgemeine Verbreitung der Volkserziehung, die unter allen Klassen der Bevölkerung stattfindende Verbreitung von wohlfeiler guter Lektüre, von Zeitungen, worin alle Gegenstände erörtert, worin alle Fragen und Antworten, alle Gedanken des Menschengeschlechtes jedem Menschen vor die Augen gelegt werden; das Leben selbst in diesem Lande, das durch die Staatseinrichtungen zu einer großen bürgerlichen Erziehungsanstalt gemacht wird; Alles das fördert Licht und Wissen, und in dem hier beginnenden Kampf zwischen Licht und Finsterniß, zwischen Gott und Mammon, wie in dem großen Weltkampf, wird der Kampf hier tiefer und mehr ins Innerste gehen als zuvor auf Erden, er wird sich immermehr auf dem innersten Boden des Willens und Gewissens zusammenziehen, denn in Zukunft wird sich Niemand hier entschuldigen können und sagen: ich wußte es nicht!

Es wird mir immer klarer, daß das, was wir von dieser Weltbildung zu erwarten haben, kein Utopien ist, sondern — ein Gerichtstag, d. h. eine bestimmtere Scheidung zwischen den Kindern des Lichtes und der Finsterniß, zwischen dem Guten und Bösen, eine schnellere Annäherung zu der letzten Krisis.

Der neue Mensch in der neuen Welt steht von Neuem auf dem Scheideweg zwischen den Weltmächten, aber auf einer höheren Plattform, mit größeren Kenntnissen, klarerem Bewußtsein, von Neuem berufen, zwischen ihnen zu gehen.

Des Lebens Räder rollen schneller, alle Kräfte des Geistes und der Materie werden in den Dienst eines mächtigen Willens genommen. Die Wege zur Hölle haben gleich denen zum Himmel Eisenbahnschnelligkeit und Dampfkraft. Die Geschäfte des Erdenlebens eilen der Entscheidung entgegen, und ich meine die prophetischen Worte auf der letzten Seite des Lebensbuches zu hören:

„Die Zeit ist nahe.“

„Wer böse ist, der sei immerhin böse; und wer unrein ist, der sei immerhin unrein: aber wer fromm ist, der sei immerhin fromm; und wer heilig ist, der sei immerhin heilig.“

„Und siehe, ich komme bald, und mein Lohn mit mir, zu geben einem Jeglichen, wie seine Werke sein werden.“

Was wird in der Wagschale des Guten das Uebergewicht geben und die Zahl der Frommen, der Heiligen verdoppeln?

In dem Neujahrsgruß, welchen die Heerschaaren des Himmels denen der Erde an dem großen Tag brachten, von welchem an die Erde neue Jahrtausende zählt, sangen sie:

„Den Menschen ein guter Wille.“

Was wird diesem guten Willen bei dem Menschen Macht verleihen? Amerikas Staatsmänner haben geantwortet:

Die Verfassung des Staates, die freien politischen Institutionen.

Aber die Verfassung der Vereinigten Staaten hat die Sclaverei als eine häusliche Einrichtung aufgenommen und vertheidigt sich auf den Grund des Rechtes der Constitution und der freien Staaten.

Amerikas Gelehrte und Lehrer haben geantwortet:

„Die Schule und die Volkserziehung durch dieselbe.“

Aber die Volkserziehung in der Schule spricht blos zu dem Verstand, sie kann zu Nichts anderem reden.

Die Constitution und die Schule sind gleich vollkommen in — ihrer Unzulänglichkeit.

Dem guten Willen können sie kein neues Leben geben. Die Zukunft von Gottes Reich im innersten Leben des Menschen können sie nicht zu Stande bringen.

Die Macht dazu liegt in einer Einrichtung, welche früher auf Erden und im Leben des Menschen vorhanden war, als Verfassung und Schule.

Siehst du dort am Ufer des Flusses auf grünen Hügeln oder auch auf freiem Feld eine bescheidene Wohnung? sie ist nicht groß oder prachtvoll. Aber ihre Architektur ist zierlich, zeugt von Geschmack und Bequemlichkeit. Eine Veranda oder Piazza mit schönem Gitterwerk, wo die Weinrebe und die duftende Clematis, Rosen und Gaisblatt sich hinanschlingen und das Haus umgeben, während ringsumher Bäume aus vielleicht allen Zonen stehen; du siehst den Ahorn, die Ulme und Linde, die Eiche und den Kastanienbaum, den Wallnußbaum und die Robinia, den Ailanthus und die Sikomore, die Ceder und die Magnolie, die Cypresse und den Myrthenbaum, und in den nördlichen Staaten auch Tannen und Fichten nebst einer schönen Menge duftender Blumen; — sie umgeben das Haus nahe genug, um schattenreiche Ruheplätze zu geben; jedoch nicht so nahe, um die Aussicht zu versperren, die immer offen erhalten bleibt, so daß der Bewohner in eine weite und schöne Natur hinausschauen kann.

Du siehst das Haus in Nordamerika, das Haus, sowie es in seinen Hauptzügen in allen Staaten desselben steht, sowohl auf den Höhen von Massachusetts und Minnesota als in den duftigen Waldungen Süd-Carolinas auf dem Prärienland des weiten Westens. Und dieses Haus verdient oft den Namen, welchen das Haus in unserem alten Norden führt, den Namen eines heiligen Raumes. Das Feuer auf dem häuslichen Heerde brennt in keinem Lande heller und wird nirgends von reineren Händen gepflegt, als im Hause der Vereinigten Staaten. Es ist mir eine Freude, dieß mit Sachkenntniß und Ueberzeugung aussprechen zu können. Auch habe ich in keinem Lande das Haus so allgemein äußerlich schön und gleich dem Augenstern des Menschen gehütet gesehen. Nirgends scheint mir der Mensch besser verstanden zu haben, den Wink des Schöpfers zu befolgen, welcher darin lag, daß er Adam, als er ihn schuf, nicht in eine Stadt stellte, sondern in einen Garten. Auch der amerikanischen Stadt scheint es schlecht zu Muth zu sein, wenn sie sich in die dicht neben einander gebauten Häuser zusammenzudrücken anfängt; und man könnte sagen, daß die Häuser da gleichsam auseinander zu kommen eilen, denn obschon sie in Reihen dastehen, die Straßen und Märkte bilden, so stellen sie doch bald freie Räume dazwischen hinein und umgeben sich mit einem grünen Platz mit Bäumen und Blumen. Und je größer dieser grüne, schattenreiche, mit Blumen geschmückte Platz ist, um so heiterer scheint das amerikanische Haus. Es liegt gern allein für sich, aber in zahlreicher Gesellschaft, und gönnt Andern ebensoviel Gutes, wie sich selbst. Ordnung, Behaglichkeit, Zierlichkeit und ein wahrer Luxus von Bäumen und Blumen zeichnen das Haus in der neuen Welt aus. Und dieses Haus ist die erste Welt des Kindes, des neuen Menschen.

Das Haus, das Herz des Hauses und die Pflegerin des heiligen Feuers auf seinem Heerde betrachte ich als den Vorzug des neuen Menschen auf dem Schauplatz der neuen Welt, als das siegbringende Element im Kampf zwischen den beiden Weltmächten. Viele und gute Kämpfer für die gute Sache zu bekommen, das ist die Frage. Das Herz zu gewinnen und den Willen gut und stark zu machen, das ist die Hauptsache.

Ich habe meine Hoffnung auf die Schwachen gesetzt und auf denjenigen, der in ihnen mächtig ist. Für mich ist es gewiß, daß alle Hoffnung auf ihnen beruht. Und wenn sie nachlassen oder sich nicht zur Größe ihres Berufs emporschwingen, so ist Alles verloren, denn niemals war ihr höchster Einfluß so nöthig wie hier im Lande der freien Willen. Siehe was Horace Mann von der Macht aller Triebe zur unbegrenzten Entwicklung in den Vereinigten Staaten spricht.

Kann das Haus, kann die amerikanische Mutter jetzt das Leben, kann sie die Kraft geben, die erforderlich ist?

Ich muß auf diese Frage antworten: Nein, sie können es nicht auf ihrer gegenwärtigen Kulturstufe. Und welchen Werth man auch mit Recht vielen einzelnen Ausnahmen beilegen mag, so ist doch soviel gewiß, daß das Haus in der neuen wie in der alten Welt im Allgemeinen seiner Aufgabe nicht gewachsen ist, und daß das Weib noch jetzt wie früher im Haus- und im Gesellschaftsleben beinahe vereinzelt steht, daß es im bürgerlichen Leben nicht heimisch ist, und ohne höheres Bewußtsein vom Verhältniß des Hauses zu demselben, vom Verhältniß der Moral und Religion (oder der höheren Politik) zu den Fragen oder dem politischen Leben der Staatsgesellschaft, ohne Bewußtsein von ihrem eigenen Beruf und ihrer Verantwortung als christliche Bürgerin. Wie sollte sie da den Bürger hervorbringen können, wie sollte sie im Herzen des Kindes ein heiliges Feuer für das Wohl des Vaterlandes entzünden, wie ihm vorleuchten können bei der Pflicht in den socialen Verhältnissen, in den politischen Fragen dieselbe Reinheit des Gewissens, denselben heiligen Ernst zu bethätigen, wie in der Welt des Hauses? Die Weiber der Quäckergesellschaft sind die Einzigen, die allgemeiner zu einem bürgerlichen Bewußtsein erwacht sind, aber sie bilden nur ein kleines Häuflein.

Wie die größere Menge sich emporschwingen und dadurch das ganze kommende Geschlecht emporheben, wie das Haus die größte und beste Schule der Staatsgesellschaft, die Hochschule des Lebens werden könnte, darüber habe ich meine Gedanken, will aber ein andermal mehr davon sprechen.

Es ist mir eine Freude, zu hören und zu sehen, daß eine Ahnung davon sich im allgemeinen Urtheil in diesem Lande bei Männern sowohl als bei Frauen Bahn zu brechen beginnt; ich hege die Hoffnung, daß diese höhere Entwicklung auf amerikanischem Boden vor sich gehen werde. Und ich will jetzt diesen Gegenstand mit den Worten schließen, die ich neulich in einem amerikanischen Schriftsteller gelesen habe.

„Die Finsterniß der Mutter wirft ihren Schatten über ihre Kinder; und Wolken und Finsterniß werden über ihren Nachkommen ruhen, bis der Tag von der Höhe heranbricht.“

Und jetzt laß mich von dem Volk Amerika's sprechen. Der Reisende, der in den Vereinigten Staaten eine große Einförmigkeit und Gleichmäßigkeit bei dem Volke daselbst findet, hat blos sein Aeußeres gesehen. Es besteht wirklich eine große, eine allzugroße Einförmigkeit in der Kleidung, in der Art und Weise zu sprechen und im Wesen (denn ein wenig Kostüm, das die Individualität fein ausdrückt, gehört zu einem vollkommen fein ausgeprägten Charakter).

Vom einen Ende der Union zum andern bekommt man dieselben Fragen über Jenny Lind, dieselben Redensarten beim Anfang der Unterhaltung, denselben letzten Gedanken von Weber auf dem Piano zu hören. Aber nach diesem bemerkt ein aufmerksamer Betrachter bald, daß der Charakter und die Individualität sich ihr volles Recht nehmen, und ich habe nirgends so handgreiflich wie hier den Abstand zwischen Mensch und Mensch kennen gelernt, nirgends eine so große Ungleichheit zwischen Mann und Mann gesehen, und zwar ohne alles Zuthun von Kunst, Stand, Uniform oder äußeren Umständen. Hier ist der Transscendentalist, der auf die Erde stampft, wie wenn er ein Gott wäre, der die Menschen auffordert, Götter zu werden, der durch die Schönheit seines Wesens und seiner Natur uns etwas Höheres von der Menschennatur glauben lehrt — und hier ist der Erdesser, der im Walde ohne Schule und Kirche, zuweilen ohne Haus lebt, und durch eine krankhafte Leidenschaft angezogen wird, Erde zu essen, bis er dämonisch fortgerissen von ihrer Schwerkraft sein Grab in ihr findet; hier ist der Spiritualist, der von Brod, Wasser und Früchten, welche das Licht erzeugt hat, lebt, um sich rein zu halten von der Ansteckung alles Groben, und der das Christenthum nicht rein genug finden will für seinen verdünnten moralischen Aether; hier der edelherzige Socialist, der nur lebt, um zu geben, Gutes zu thun, zu segnen; und neben ihm ist der Mammonsverehrer, der Alles mit Füßen tritt, der nichts Heiliges anerkennt, von Nichts weiß was er nicht seinem Abgott, d. h. seinem Selbst zu opfern wünscht und bemüht ist. Alle Gegensätze von Naturen, Charakteren, Gemüthsarten und Bestrebungen, die man sich in der Menschennatur nur denken kann, sind hier zu finden und werden sich hier mit immer bestimmterem geistigem Leben aussprechen.

Inzwischen läßt es sich nicht verkennen, daß das eigentlich charakteristische Merkmal für die Bevölkerung und das Staatsleben der Vereinigten Staaten in ihrem Bewußtsein von einem höheren menschlichen und bürgerlichen Leben, sowie in ihren Bemühungen dasselbe zu erreichen besteht. Ueberall, wohin ich gekommen bin, habe ich die öffentliche Meinung dafür erweckt gefunden, wenn sie auch in Betreff der Anwendung auf einzelne Fälle oder Institutionen noch schlummerte. Und überall habe ich gefunden, daß die Personen, die im Staat und im Gesellschaftsleben mit der Benennung: unsere besten Männer, unsere besten Frauenzimmer ausgezeichnet wurden, sich auch wirklich durch Intelligenz und werkthätige Liebe auszeichneten. Es ist mir aufgefallen, wie man überall in weit von einander entlegenen Staaten in Bezug auf die Beurtheilung und Benennung der Personen, die sich in jedem Kreis auszeichneten, so genau harmonirte.

Nordamerika wird vielleicht keine durch Charakter, Umgebung und Umstände so pittoreske Menschengestalten aufweisen wie Europa. Aber es wird wahrscheinlich reicher werden an harmonischen Gestalten, an solchen, die in einer schönen und milden Menschlichkeit den Menschen und Bürger vereinigen.

Ich glaube nicht, daß in irgend einem Land von Privatpersonen so viel für das Allgemeine gethan wird, wie hier, besonders in den sklavenfreien Staaten. Der Sinn für das allgemeine Beste, für das Gedeihen des Volkes und Landes, für die Emporhebung der Menschheit dürfte wohl nirgends so lebendig und thätig sein wie hier. Das Volk der Vereinigten Staaten hat ein warmes Herz. Und was diesem Volk sein ewiges Recht auf Wohlfahrt verleiht, das ist seine Nachfolge Christi. Ich sage das Volk der Vereinigten Staaten und bleibe dabei. Nimm die Sklaverei weg von seinen südlichen Staaten (und fort kommt sie einmal, denn sie wird bereits verdrängt durch das Christenthum und die Emigration aus dem Norden), und Du wirst allenthalben dasselbe Herz und denselben Geist finden.

Das Recht des nordamerikanischen Volkes als ein Volk betrachtet zu werden, und zwar als ein besonderes Volk unter den Völkern der Erde, liegt schon im Charakter seiner ersten Auswanderer-Kolonien, welche die eigentlichen Schöpfer der Staatsgesellschaften der neuen Welt sind und denselben ihren Geist eingoßen. Sie waren theils Glaubenshelden, wie die Puritaner, die Hugenotten und die Herrnhuter, theils warmherzige Seelen, wie Foxs, Penn, Oglethorpe, die in der alten Welt die Stube zu eng fanden und darum nach der neuen gingen, um allda ihre Bruderstaaten zu gründen und eine schönere Menschheit zu schaffen. Amerikas erstes Volk ging von Europas stärkstem und bestem Volk aus.

Ich möchte Dir jetzt von Amerikas besten Männern und Frauen, die ich auf meiner Pilgerfahrt im Lande kennen gelernt habe, erzählen dürfen, von diesen Männern, die so schlicht, so mild, aber bei all ihrer Anspruchslosigkeit dennoch so kräftig, in ihrer Thätigkeit als Bürger, Väter, Freunde so mannhaft sind; von diesen Frauen, die so gut, so mütterlich, so sanftherzig, so fest in ihren Grundsätzen sind, welche in der Wahrheit ruhen, wie die Blumen im Sonnenlicht; von diesen häuslichen Heerden, die so glücklich, so schön sind, wo ich Tage, Monate, Wochen lang ein so glücklicher Gast gewesen. Denn mein Leben in Amerika war und ist noch immer eine Reihenfolge vertraulicher Besuche in Familienwohnungen, die sich in allen Staaten Amerikas mir geöffnet haben, und wo ich nicht wie eine Fremde lebte, sondern wie eine Schwester mit ihren Schwestern und Brüdern, ganz offen mit ihnen über alle Dinge sprechend, so wie man im Himmel sprechen könnte. Was ich da an wahrem christlichem Leben, an Liebe zur Wahrheit, an Seelengüte, an warmem und offenem Sinn für das Menschlichgute gefunden habe, ist mehr, als ich auszusprechen vermag. Und die Bekanntschaft mit einigen schönen eigenthümlichen Charakteren wird meiner Seele für immer ein Hochgenuß sein. Auch habe ich nirgends eine reichere Gastfreundschaft, eine überfließendere Herzlichkeit gefunden.

Und müßte ich einen Ausdruck suchen, um damit den eigenthümlichen Charakter des Menschen der neuen Welt zu bezeichnen, so könnte ich keinen wahreren finden als schöne Menschlichkeit.

Wenn ich mir im Missisippithal ein tausendjähriges Reich denke, einen Ruhepunkt in der Geschichte der Erde, wo Satan gebunden ist, und Liebe, Schönheit, Freude und Lebensfülle Allen zu Theil wird, dann sehe ich hier Männer und Frauen von der Art und Weise meiner Freunde, Wohnungen wie ihre Wohnungen, und von diesen Häusern aus meergroße Aussichten über blumenbedeckte Prärien, goldene Maisfelder, mächtige Flüsse, die alle Schätze der Erde allen Menschen zuführen, und darüber die frischen und doch sanften Winde, die klare Sonne — das ist der Hesperiden herrliche Heimath!

Daß das Missisippithal in Folge der vielen verschiedenen Stämme, womit es bevölkert ist, sowie der Ungleichheiten in seiner Natur und seinem Klima ein Volksleben von ganz neuer Art, mit unendlichen Wechseln in Leben und Charakter, ein ganz neues Bild menschlicher Gesellschaft auf Erden in Aussicht stellt, ist nicht schwer vorherzusagen. Aber wie wird der Gipfel der ungeheuren Pyramide aussehen, deren Fundament jetzt gelegt wird? … Eines scheint mir gegeben: der Bürger des Missisippithales muß der Weltbürger, der universelle Mensch par excellence werden.

Ich will einige Züge des gemeinsamen Schauplatzes für das große neue Drama, das in Nordamerika aufgeführt wird, ein Drama, das Jahrtausende zu Akten hat, sowie einige Skizzen von dramatischen Personen und Gruppen, die darin auftreten, zu zeichnen versuchen. Denn diejenigen, die im Leben der Vereinigten Staaten blos Einförmigkeit, oder Unklarheit gesehen, haben es — nicht gesehen oder mit stumpfen Blicken angesehen. Nichts springt mir in dieser Welt- und Staatenbildung so sehr in die Augen, wie ihr großartig dramatischer Charakter.

Betrachte zuerst seinen Schauplatz! Du erblickst zwei unermeßliche Thalgründe zwischen drei großen Bergketten, die sich vom schneekalten Norden bis zum glühenden Süden ziehn, nämlich Alleghani, die Felsgebirge und die Sierra Nevada oder die Schneegebirgskette, — welche letztere sich in Centralamerika sowie in den Cordilleren und Anden Südamerikas fortsetzen; östlich und westlich von ihnen neigt sich das Land gegen zwei Weltmeere.

Was überall das Land zwischen den Gebirgsketten und an den Meeren auszeichnet, das ist seine Fruchtbarkeit und Durchschnittenheit durch schiffbare Flüsse und Seen. Kein Land ist so wohlbewässert[WS 2], wie Nordamerika, keines bietet so reiche Gelegenheit für den Kreislauf des Lebens. Und kein Land ermöglicht auf so angenehme Art den Zutritt zu den Schönheiten, dem Klima und den Erzeugnissen aller Zonen.

Auf diesem großen Schauplatz sehe ich verschiedene Staatengruppen von ungleichem Charakter und verschiedenen Lebensbedingungen auftreten, Gruppen, die jedoch durch die Bande der Sitten, der Sprache und Staatsverfassung sowie durch den äußern und innern Kreislauf des Lebens vereinigt sind. Zuerst kommen die Staaten Neuenglands mit den Abkömmlingen der Puritaner, den gesetzgebenden, erziehenden, rastlosen Vikingern und Helden des Friedenslebens.

Die Naturscenerie dieser Staaten erinnert an unsern skandinavischen Norden. Massachusetts hat Schwedens romantische Seen und durchbrochene Landschaften. New-Hampshire hat Norwegens Gebirgsthäler und weiße Berge.

New-York und Pennsylvanien, der Kaiserstaat und der Quäckerstaat, die sich eines milderen Klimas erfreuen, wetteifern miteinander in Bezug auf Volksmenge, Reichthum und Naturschönheiten. Flüsse und Thäler werden breiter, das Handelsleben wächst wie ein Riese.

Virginien und die beiden Carolina nebst Georgien und Florida im Südost bilden eine andere Staatengruppe mit den Söhnen der Cavaliere, mit Plantagen und Sklaven, Staaten mit einem starken konservativen Leben und von großer pittoresker Schönheit, aber noch ohne höhere Socialbestrebungen.

Diese nördlichen und südlichen Staaten liegen zwischen dem Alleghanygebirge, welches sie auch in sich aufnehmen, und dem östlichen Ocean.

Auf der andern Seite des Gebirges hast Du das Missisippithal und die Missisippistaaten, im Norden die jungen, freien mit freien Institutionen und steigender Bevölkerung von Deutschen und Skandinaviern, mit einem steigenden Licht- und Freiheitsleben; südlich davon Sklavenstaaten mit einigen großen Städten und in denselben eine prunkende Civilisation, aber im Uebrigen noch viel Wildniß und noch viel Rohheit, die sich mit all ihrer Baumwolle und all ihrem Zucker nicht verdecken läßt.

Westlich vom Mississippi geht der Unterschied zwischen den westlichen und südlichen Staaten weiter. Die Arbeit der Kultur hat hier in neuester Zeit begonnen. Um die Quellen des Missisippi im Norden her findest Du noch die Feuer und Hütten der Indianer, und längs der rothen Flüsse in Arkansas und Louisiana im Süden Moräste und Heidenthum.

Westlich von diesen Missisippistaaten ist Texas mit dem Rio Grande (oder Rio Bravo) als Grenze im Westen, und dem mexikanischen Meerbusen im Süden, ein ungeheures Territorium, an dessen fruchtbaren Flüssen die Fluth der Emigration sich jetzt anzusammeln beginnt. Sein oberer Theil erhebt sich allmählig bis zur Gebirgsbildung und vereinigt sich im Nordwesten mit der lezten Eroberung der Vereinigten Staaten, nämlich Neumexiko, das schöne Thalgründe im Osten hat, westwärts aber sich bis in die Felsgebirge hinein erstreckt und in ihren Armen erstarkt.

Zwischen diesen Staaten und den Missisippistaaten liegt das große Jagdrevier der Indianer, das mystische Nebraska, zum größern Theil, wie ich mir habe sagen lassen, ein einförmiges Steppenland. Es erstreckt sich im Norden bis nach Kanada. Der wilde Missouri wirbelt hindurch in tausend keilartigen Buchten. Da sind große Prärien und auch große Flüsse, Büffel und wilde Indianerhorden. Nur ein Theil dieser ungeheuren Wildniß zwischen Missouri und Texas wird von einem friedlichen aufblühenden Indianerstaat bewohnt, der einmal als selbstständiger christlicher Indianerstaat in die große Union eintreten dürfte. (Dieß wäre für das nordamerikanische Volk eine schönere Eroberung, als Neumexiko und Texas.)

Kommen jetzt die Felsgebirge, eine Reihenfolge unregelmäßiger kühner Gebirgsformationen, merkwürdiger durch ihre fantastischen Bildungen und Massen als durch ihre Höhe. Westlich davon erstrecken sich die sogenannten Pacifikstaaten, Oregon (bis jetzt noch ein ungeheures Territorium) und Kalifornien, in deren oberem Theil oder alta California, der Mormonenstaat Deseret (oder Uta) an den fruchtbaren Ufern des großen Salzsees aufblüht, christlich in Bezug auf Glauben und Bekenntniß, hierarchisch in seiner Regierungsform.

Diese an der Küste des stillen Meeres entlang gelegenen Staaten, die von der hohen Bergkette Sierra Nevada durchbrochen werden, besitzen je nach ihrem Klima alle diejenigen Producte, die zwischen der Schneeregion und tropisch warmen Thälern erzeugt werden können.

Oregon ist reich an Lachsen und Wäldern; Kalifornien, wie alle Welt weiß, an Gold. Und jetzt sind wir an der Küste des Stillen Meeres und da dürfen wir vorderhand ein wenig ausruhen. Und es hat wohlgethan. Ich war nahe daran von der großen Promenade etwas müde zu werden. Die Nordamerikaner werden nicht ruhen, bevor sie die ganze südliche Partie ihres Welttheiles in die Union aufgenommen haben. Bereits sind sie an Panama mit ihren Eisenbahnen,[WS 3] Kanälen, Handelsbuden, Häusern, Kirchen und Schulen. Und sie sprechen von dem Land zwischen Panama und dem Rio Grande, d. h. von ganz Centralmexiko mit der größten Ruhe: „Wenn dieß einmal unser wird, so u. s. w.“

Ich will Dir von der Verfassung dieser Staaten, von ihren Institutionen und ihrem Verhältniß zur gemeinschaftlichen Regierung nicht erzählen. Du kennst schon lange besser, als ichs beschreiben kann, diese merkwürdige Staatsverfassung, welche nicht blos den Individuen, sondern auch Gesellschaften und Staaten ein so grenzenloses Feld und so starke Triebkraft zu freiem Wetteifer und freier Entwicklung verleiht. Ihre Bildung scheint mir mehr als irgend etwas Anderes zu beweisen, daß die Schicksale der Völker von der Hand der Vorsehung festgesetzt sind, bevor sie selbst darein eingreifen. Sie müssen den Plan der Vorsehung ausführen, und bei ihnen handelt es sich blos darum, ob sie dieß gut oder schlecht thun.

So viel ist klar, daß die Stifter der amerikanischen Republik, Washington und seine Leute, keinen philosophischen Ueberblick über das Werk, das sie ausführten, und keine Ahnung von der Zukunft hatten, deren Grund sie legten. Sie folgten dem Wink der Nothwendigkeit. Sie thaten, was sie thun mußten. Aber sie wußten nicht, was sie thaten. Und lange wuchsen die Staaten wie die Lilien des Feldes im Sonnenschein Gottes, ohne zu wissen warum und wozu?

Erst nach einiger Zeit beginnt ein Theil von ihnen zum Bewußtsein der großen Mission zu erwachen, zu deren Ausführung sie berufen sind, und welche nichts anderes war, als die sociale und politische Befreiung des Menschen.

Diese starke Rührigkeit und Beweglichkeit im allgemeinen Leben, dieser beständige Umsatz von Beamten in allen Departements der Regierung, ihre Absetzbarkeit binnen der kurzen Zeit von höchstens vier Jahren hat ganz Europa die Köpfe schütteln gemacht, und ich vermuthe, Asien würde, wenn es gekonnt hätte, seine Achseln auf eine Art gezuckt haben, welche die chinesische Mauer umgestürzt hätte. Und es ist nicht ohne, daß viele weise Männer auch hier zu Lande über die eine und andere extreme Anwendung des Bewegungsprinzips bedächtlich die Häupter schütteln. So z. B. hörte ich in den jungen Missisippistaaten ernstlich über die Leichtigkeit klagen, womit den Emigranten, selbst wenn sie aus der rohesten Bevölkerung Europas bestehen, das Stimmrecht ertheilt wird. Nach einjähriger Niederlassung im Staat erhalten sie das Recht bei der Wahl von Beamten, die alljährlich ernannt werden, mitzustimmen. Daher die Gewalt niedriger und gemeiner Agitatoren, und daher für die besten Männer die große Schwierigkeit zur Regierung zu gelangen, denn die besten Männer verschmähen die Bemühungen, welche die schlechteren nicht verschmähen, um populäre Kandidaten zu werden oder sich in einem Amt zu behaupten, das sie einmal erhalten haben.

Ich kann dieß indessen nicht wohl anders denn als einen Uebergangspunkt in der großen Volkserziehung, die hier beginnt, betrachten. Und Wisconsin besonders scheint mit Kraft die rechte Art erfaßt zu haben, wie man der Gefahr begegnen muß: durch großartige und gute Erziehungsanstalten für Jünglinge und Mädchen wird dem Staat hier eine lichte Zukunft bereitet, bei welcher die Besten das Ruder führen werden.

Ich reiste in den nordwestlichen Missisippistaaten just in der Zeit, wo die jährlichen Beamtenwahlen vor sich giengen. Diese Wahlakte und die Scenen, wozu sie führen, erscheinen mir als eine Art von politischem Spiel; und der Geist, welcher die Spielenden und Fechtenden auf diesem Felde treibt, ist oft nicht viel besser, als derjenige, der das Spiel in den ordinären Spielhäusern in Bewegung setzt. Die spielenden und wetteifernden Partheien, Whigs und Demokraten, scheuen sich zuweilen eben so wenig, den gegnerischen Kandidaten Püffe zu versetzen als ihre Plakate herabzureißen. Man schreibt in Zeitungen, man schmäht und lügt, man ruft über Verrath und Vaterlandsgefahr, man pflanzt Fahnen auf und hängt über die Straßen große Tafeln mit Warnungs- oder Mahnungsworten: „Hütet Euch vor den Whigs!“ — „die Demokraten sind Mordbrenner!“ — „Stimmt für die Whigs, die wahren Freunde des Vaterlands!“ — „Stimmet für die Demokraten, die Wahrer der Volksrechte!“ u. s. w. Je näher der Wahltag kommt, um so stärker wird die Agitation, um so heftiger das Geschrei, die persönlichen Schmähungen und Drohungen. Man sollte glauben, die Brandfackel könne jeden Augenblick in jede Stadt geworfen werden, die Union stehe im Begriff in Stücke auseinanderzufahren, und sämmtliche Mitbürger werden einander in die Haare gerathen. Bei all dem mußte ich jedoch an die zwei Männer denken, die ich am Ufer des Hudson für ihre respektiven Dampfboote werben hörte, wobei jeder das des Andern auf alle mögliche Arten heruntersetzte und sie einander mit zornigen Worten und drohenden Blicken zu zermalmen suchten, während ihr Mund sich oft zu einem Lächeln zu verziehen schien, wenn sie einander eine recht großartige Grobheit gesagt hatten. Ich erinnere mich, wie ich bei dieser Scene Mr. Downing fragte: „Was bedeutet das?“ und wie er lächelnd antwortete: „Das bedeutet ganz und gar nichts. Hier ist Opposition zwischen zwei Dampfbootlinien und diese Bursche spielen täglich die gleiche Rolle.“

Es ist nicht ohne, daß vieles bei der großen politischen Wahlagitation dieselbe Bedeutung hat. Der Wahltag kommt, die Wahlmänner und ihre Soldaten haben Bajonette in ihren Blicken und Worten. Die Wahlurne wird in den Kreis gestellt, Alles verstummt, die Zettel werden in stiller Ordnung hineingeworfen. Pause. Die Wahlurne wird geleert; die Wahlzettel werden gelesen und gezählt; die Wahl wird verkündet; die Beamten sind auf ein Jahr oder zwei gewählt (der Gouverneur wird in einigen Staaten auf vier Jahre gewählt, wie der Präsident der Vereinigten Staaten, in andern blos auf zwei, wieder in andern blos auf ein einziges Jahr,) und Alles ist gesagt; kein Mensch spricht ein Wort dagegen, sondern jeder geht, bereit den neuen Obrigkeiten zu gehorchen, nach Hause und tröstet sich wie Jakob Ehrlich damit, daß er ein andermal vielleicht besser Glück haben werde. Raketen steigen am ruhigen Abend den siegreichen Kandidaten zu Ehren auf. Und die ganze Stadt geht zu Bette und schläft ruhig.

Es kommt mir vor, als ob diese Wahlagitation wobei das Volk seine Denkkraft, sein Sprachvermögen oder wenigstens seine Fähigkeit, Acht zu haben und Reden zu halten, übt, einem Sicherheitsventil auf einem Dampfschiffe gliche, durch welches ein Theil des überflüssigen Dampfes hinausgelassen wird, um in der Luft zu verdunsten. Inzwischen will damit nicht gesagt sein, daß die Dampfkraft in der Staatsmaschine nicht besser angewandt werden könnte, und ich kann mich des Glaubens nicht erwehren, daß das Volk der Vereinigten Staaten in Zukunft etwas mehr Festigkeit in seiner Regierungsweise erstreben werde, dadurch daß es den Beamten eine längere Frist setzt, dem wirklichen Talent einen größeren Wirkungskreis anweist und der Demagogie einen weniger freien Spielraum vergönnt.

Aber auch so wie es jetzt ist, will es mich bedünken, als ob in den Vereinigten Staaten kein größeres Talent und kein größerer Charakter Gefahr liefe, aus Mangel an einem Wirkungskreis, der seiner vollen Kraft entspricht, zu verkümmern. Den besten Beweis hiefür liefern wohl die ausgezeichneten Staatsmänner, Richter und Priester, die Jahr um Jahr fortgefahren haben, den Senat, die Richterstühle und Kanzeln des Landes zu zieren, und deren sich das Volk rühmt, wie monarchische Reiche sich ihrer Könige und Helden rühmen. Es sind hauptsächlich die Mittelmäßigkeiten oder die halbfertigen Talente, die in die starke Kreisbewegung hineingezogen werden und darin hinauf und hinabkommen, bis sie die nöthige Kraft oder Fertigkeit gewonnen haben, auf irgend einem Punkte festzustehen.

Es gibt noch ein anderes Bewegungsprinzip, das mir in den Vereinigten Staaten als eine mehr schaffende oder wenigstens organisirende Macht erscheint: nämlich das Associationsprinzip. Die Association, die bereits in der Föderativverfassung der Staaten — einer Association von Staaten mit gemeinsamer Grundlage oder Verfassung — begründet ist, lebt als ein Grundzug im Leben des Volkes fort. Dieses Volk associrt sich so leicht, wie es athmet. Sobald irgend ein Interesse, irgend eine Frage im Staat auftaucht und die allgemeine Theilnahme in Anspruch nimmt, wird sogleich eine Versammlung oder ein Convent ausgerufen, um die Sache in Betracht zu ziehen. Alsbald fliegen von allen Enden der Stadt oder des Staates, oder von allen Staaten in der Union auf den Fittigen des Dampfes alle diejenigen, die sich für die Frage oder Sache interessiren, nach dem bestimmten Versammlungsplatz, am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde. Schnell füllen sich die Hotels und die Kosthäuser in der Stadt. Man kommt im großen Versammlungssaale zusammen, man schüttelt sich die Hände, man macht Bekanntschaften, man hält Reden, man stimmt, man faßt Beschlüsse … und sogleich werden Reden und Beschluß unter die Presse gelegt. Und durch die ganze Union fliegt auf den Schwingen von 1000 Tagblättern, was die Versammlung beschlossen hat. Diese Beschlüsse können übrigens zuweilen auch blos die Ausdrücke verschiedener Meinung sein; — (z. B. man hält Entrüstung-Meetings indignation-meetings,[WS 4] wenn man einen starken Tadel über öffentliche Männer oder Handlungen aussprechen will) — immerhin ist es bewundernswürdig, mit welcher Fertigkeit, mit welchem Savoir faire dieses Volk in seiner Selbstregierung zu Werke geht und wie entschieden und rasch es von der Berathung zum Entschluß schreitet.[2] In den stark bevölkerten freien Staaten gehören Versammlungen im Interesse gewisser Gewerbe, wie z. B. landwirthschaftliche Versammlungen, zur Tagesordnung. So hört man jetzt von Industriecongressen in New-York sprechen, wo die Gewerbsgenossen von gewissen miteinander verwandten Gewerben jeden Monat zusammenkommen; und in den jungen Staaten Michigan und Illinois werden bereits landwirthschaftliche Messen gehalten, wo die Landwirthe des Staates die reichen Erzeugnisse des Landes vorweisen.

In Cincinnati wie in New-York und in den großen dazwischenliegenden Handelsstädten Pittsburg, Harrisburg u. s. w. haben die mechanischen und merkantilischen Vereine ihre Versammlungshäuser oder Versammlungssäle, Bibliotheken und Gilden auf großem Fuß. Die Vereine stehen auf dieser Linie mit einander in Verbindung. Ein Arbeiter z. B., der in den östlichen Städten keine Arbeit findet, wird durch den Verein zu seinen Mitgliedern in den westlichen Städten befördert und durch diese allenfalls noch weiter im Westen, wo sich für alle fleißigen Hände Arbeit im Vollauf findet.

Das Leben in diesem Lande braucht nicht stille zu stehen oder zu verfaulen. Die Gefahren liegen in einer andern Richtung. Aber der freie Verein ist offenbar ein ordnendes und schützendes Lebensprinzip, berufen den umherschweifenden Atomen, den losgelassenen Elementen Gesetz und Mittelpunkt zu geben.

Unter verschiedenen dramatischen Versammlungen und Scenen, worin Menschen- Natur- und Volksleben sich auf der Erde der neuen Welt aussprechen, will ich die kleinen Socialistenstaaten nennen, welche die Gesellschaft zu regeneriren beabsichtigen, (die aber alle minder gute Geschäfte machen, mit Ausnahme des Shäkerstaates, der keine Kinder hat) die tanzenden Shäker, die stummen Quäckerversammlungen, die redseligen Antisklavereiversammlungen, die religiösen Feste (Camp-meetings) Nachts in den Wäldern und die Taufscenen an den Flüssen, schön und bedeutungsvoll besonders, wenn sie den Kindern Afrikas gelten. Versammlungen für die Rechte des Weibes, wo Weiber sowohl als Männer auftreten und für die bürgerlichen Rechte des Weibes sprechen, habe ich noch nicht besucht, werde jedoch die erste beste Gelegenheit hiezu benützen. Sie sind zuerst in Ohio aufgekommen, werden aber hauptsächlich in den Staaten Neuenglands fortgesetzt — von Vielen bespöttelt und lächerlich gemacht, von Vielen hinwiederum besucht und hochgehalten. Sie bilden auch einen merkwürdigen Auftritt in dem großen Drama, das hier aufgeführt wird, denn alles was in Europa gebunden lebt, das kommt in Amerika zur Freiheit, nimmt eine Form an, baut eine Kirche, schließt einen Verein, gibt sich einen Namen, spricht sich aus und erhält Gehör, Prüfungszeit, Untersuchung und Urtheil, d. h. Zeit und Gelegenheit zu steigen oder zu fallen, je nachdem sein Gehalt und seine Kraft bestellt sind. Zu diesem Dramatischen und Pittoresken im Leben Amerikas gehören auch die Scenen aus dem Leben der Indianer und Neger auf seiner Erde, die wilden Tänze der ersteren auf den Prärien des Westens, die sanften Gesänge der letzteren in den duftreichen Wäldern des Südens.

Die amerikanische Regierung hat sich in Bezug auf die Indianer viele Vorwürfe zu machen. In den letzten Zeiten ist jedoch diese Behandlung gerechter und milder geworden. Man kauft ihr Land, man bringt die Leute mit guten Manieren und mit Geld hinaus. Man erläßt Verbote gegen die Einführung starker Getränke unter ihnen und man begünstigt das Missionswerk, das ihnen Christenthum und Civilisation bringt. Es richtet jedoch nicht viel aus. Die rothen Männer, die sich als die gelungensten Schöpfungen des großen Geistes betrachten, ziehen sich in die Wildniß zurück und — sterben. Nur ein kleines Häuflein ist zu dem Glauben, den Sitten und der Regierungsform der Weißen übergegangen.

Größer sind die Fortschritte des Christenthums bei der Negerrasse. Die Lehre von dem Erlöser gilt den Negersklaven als die Erfüllung des innersten Bedürfnisses ihrer Seele. Sie predigen selbst mit der reinsten Freude davon. Ihr warmes Gefühlsleben erhält von dieser Lehre seine schönste Verklärung. Diese Menschen haben eine ganz eigenthümliche und ungewöhnliche Fähigkeit zu beten. Ihr Gebet flammt, während es zum Himmel emporsteigt. Die Kinder der heißen Sonne werden uns durch ihre Gebete noch die Macht des Gebets kennen lehren.

Während des Kampfes, der in den freien Staaten für die Aufhebung der Sklaverei ausgefochten wird, haben die Freunde der Sklaven sich in zwei Lager getheilt. Das eine will unmittelbare Emancipation und sodann allgemeine Erziehung, das andere will stufenweise Befreiung und Kolonisirung der Freien auf der Küste Afrikas. Der Staat Ohio hat diesen lezteren Weg eingeschlagen und neuerdings ein bedeutendes Stück Land auf der afrikanischen Küste aufgekauft, um daselbst ein afrikanisches Ohio von freien Negern zu organisiren.

In den freien Staaten wird für den Unterricht und die geistige Emporbringung viel gethan. Ich kann mich jedoch nicht überzeugen, daß die Amerikaner dabei auf die rechte Art zu Werke gehen. Sie suchen diesem von ihnen so verschiedenen Menschenstamm ihre eigenen Formen und Einrichtungen aufzuerlegen. Wenn ich die wilden Negerkinder in ihren Schulen gleich den Kindern der Weißen an Schemel und Pult gefesselt sehe, so will es mich bedünken, als ob dieß eine wahre Sünde wäre. Ich habe die Ueberzeugung, daß diese Kinder ihre Lektion stehend oder tanzend unter Spielen und Gesängen lernen und daß sie ihren Gottesdienst unter Gesang und Tanz verrichten sollten. Und ich stehe dafür, daß ihre Gesänge und Tänze mehr Leben, Schönheit und Sinn haben würden, als die des Shäkerstaates. Aber wer wird sie so lehren? Nur ein Neger kann Neger lehren, nur ein Mann vom Volke kann Befreier des Volkes in der höchsten Bedeutung des Wortes werden.

Aber dieses gefangene Israel wartet noch auf seinen Moses.

Was die Befreiung dieses Volkes aus der Gefangenschaft bedeutend erschwert, das ist sein gänzlicher Mangel an Nationalgeist. Schon in Afrika in Stämme abgesondert, die sich gegenseitig bekriegen und in die Sklaverei abführen, hat es viele Mühe, umfassendere Interessen als die der Familie und die des Lokalstaates zu begreifen. Ich habe mit mehreren freien Männern aus diesem Volke, die in guten Umständen hier leben, wie auch mit etlichen jungen Mulatten, die im Oberlinschen Institut in diesem Staat studirt und sich das Doktorsdiplom erworben haben, gesprochen und sie für die Interessen ihrer gefangenen Brüder und besonders für die Colonisation in Liberien äußerst lau gefunden. Friedrich Douglaß ist unter ihnen noch der einzige kräftige Kämpfer für die Sache des Volkes.

Aber wenn Etwas bei ihnen ein umfassenderes Gefühl für das ganze Volk erwecken kann, so ist es sicherlich die gemeinschaftliche Sklaverei auf amerikanischem Boden und vielleicht mehr als irgend etwas Anderes in diesem Augenblick die Bill, welche die Auffangung flüchtiger Sklaven in freien Staaten gestattet. Dieser Gedanke erwachte in mir in den letzten Tagen bei einem Besuche in einer freien Negerkirche, wo ich bei dem Negerprediger und der ganzen Gemeinde nicht über mangelndes Interesse für die Sache des Volkes klagen konnte.

Ich hatte Vormittags eine Negerbaptistenkirche besucht, die der episkopalen Confession angehört. Es waren wenig Leute da, und die Gemeinde bestand aus der Negeraristokratie in der Stadt. Die Haltung beim Gottesdienst war still und gleichsam ein wenig vornehm — kurz langweilig. Aber der Gesang war rein und schön. Die Predigt von der Liebe ohne Prahlen, wie schwer sie zu gewinnen, wie unmöglich sie ohne Gottes Einwirkung und Mittheilung seiner Kraft sei, war vortrefflich.

Der Prediger war ein hellfarbiger Mulatte mit den Zügen der weißen Rasse, ein Mann von vielem gesunden Verstand und sehr guten Manieren, dessen Bekanntschaft ich schon in meiner Cincinnatiheimath gemacht hatte.

Nachmittags ging ich in die afrikanische Methodistenkirche in Cincinnati, die in dem Stadtviertel Afrika liegt. In dieser Gegend wohnt die Mehrzahl der freien farbigen Bevölkerung in der Stadt. Auch trägt das Quartier sichtliche Spuren davon. Straßen und Häuser haben zwar die angloamerikanische Regelmäßigkeit; aber zerbrochene Fenster und Lumpen, die vor ihnen heraushängen, kurz ein gewisses verwahrlostes, schofles Aussehen der Häuser sowohl als der Straßen, verkünden das Regiment der Kinder Afrikas. In der afrikanischen Kirche fand ich afrikanische Wärme und afrikanisches Leben. Das Haus war übervoll. Die Gemeinde sang ihre eigenen Hymnen. Der Gesang erhob und bewegte sich wie ein melodischer Sturm, und die Köpfe, die Ellbogen der Versammlung, Alles bewegte sich im Takt dazu, unter sichtbarem Entzücken und Jubel im Gesang, der an und für sich ausgezeichnet war durch Reinheit und melodisches Leben.

Hymnen und Psalmen, welche die Neger selbst dichten, haben einen eigenthümlich naiven Charakter, kindlich, bilderreich und voll Leben. Ich theile Dir hier eine Probe davon aus einem ihrer beliebtesten Kirchenlieder mit:

„Was ist das für ein Schiff, das hier am Ufer liegt?
  O Jubel, Hallelujah!
 Das alte Schiff Zion, Hallelujah!
 Das alte Schiff Zion, Hallelujah!
Ist sein Mast stark und fest, ist sein Holz ganz gut?
  O Jubel, Hallelujah!
 Es ist aus Bibelholz gebaut, Hallelujah!
    (bis)
Welche Art von Mannschaft hat es wohl an Bord?
  O Jubel, Hallelujah!
 Treuherzige Soldaten, Hallelujah!
    (bis)
Wer ist der Kapitän, den es an Bord hat?
  O Jubel, Hallelujah!
 König Jesus ist der Kapitän, Hallelujah!
    (bis)
Glaubt Ihr, daß er uns an Land zu führen vermag?
  O Jubel, Hallelujah!
 Ich glaube, daß er es vermag, Hallelujah!
    (bis)
Viele Tausende hat er geführt und kann er noch ans Ufer führen,
  O Jubel, Hallelujah! u. s. w.“

Nach den Gesängen, die von keiner Orgel geleitet wurden, die aber wie brennende melodische Seufzer aus der Versammlung aufstiegen, erschien der Prediger auf der Kanzel. Er war ein sehr schwarzer Neger, noch jung, mit stark zurückgebogener Stirne und der untere Theil des Gesichtes ziemlich stark hervortretend; im Ganzen von minder gutem Aeußeren. Aber er begann zu sprechen; die Versammlung hing an seinen Lippen, und ich mußte seine fließende Beredtsamkeit bewundern. Er ermahnte die Gemeinde, die gegenwärtige Noth ihrer Brüder zu bedenken, für die flüchtigen Sklaven zu beten, die jetzt in großen Schaaren ihre erworbenen Wohnungen verlassen und außer Land Schutz gegen gesetzliche Gewalt und gesetzliche Ungerechtigkeit suchen müssen; er mahnte sie auch zum Gebet für das Volk, das in seiner Blindheit solche Gesetze erlassen und die Unschuldigen unterdrücken konnte. Diese Ermahnung wurde unter lauten Stoßseufzern und heftigen Klagerufen aufgenommen.

Hierauf verkündete der Prediger den Tod der Schwester Bryant, erzählte von ihrem christlich schönen Ende und wandte auf sie die Worte der Offenbarung über diejenigen an, die aus großer Betrübniß kommen[3]. Die Bedeutung des Leidens auf Erden, die herrliche Gruppe der Kinder des Leidens in ihrer Erlösung und ihren Lobgesängen, auf so eigenthümliche und großartige Art dargestellt in den Blättern der Schrift, wurde von dem Negerprediger in volles Sonnenlicht gehoben und auf eine Art aufgefaßt, wie ich sie noch niemals von Predigern der weißen Race aufgestellt gehört habe. Hierauf verlor er sich beinahe in Gebeten um den trauernden Wittwer und die Kinder mit ihren „aufblühenden kleinen Seelen.“ Dann kam die eigentliche Predigt; der Prediger richtete an die Versammlung die Frage: „Ist Gott mit uns? — Ich spreche von unserer Nation, meine Brüder; ich habe es auf unsere Nationalität abgesehen. Laßt uns die Sache untersuchen.“

Sehr sinnreich zog er jetzt eine Parallele zwischen der Gefangenschaft der Israeliten in Egypten und der Gefangenschaft der Neger in Amerika, sowie den Prüfungen, durch welche die Vorsehung ihre besondere Fürsorge für das auserkorne Volk beweise. Nachdem er die Schicksale der Israeliten unter Pharao und Moses geschildert, ging er zur Betrachtung der Schicksale des Negervolks über. „Wie sollen wir wissen, ob Gott mit uns ist? — Laßt uns die Sache also betrachten.“

Mit kühnen Zügen wurde das Gemälde eines in Sklaverei geführten Volks entworfen, das auf alle Weise unterdrückt wird, aber nichts destoweniger wächst und sich vermehrt, sich aus der Sklaverei frei kauft (lautes Ja, Ja, o Jubel! in der Kirche), Land kauft (Freudenrufe), immer größeres und größeres Land (laute Ausrufungen), Häuser baut, große Häuser, immer größere und größere Häuser (Jubelrufe und Gestampfe), Kirchen baut (noch stärkere Ausrufungen), immer mehr und größere Kirchen (immer stärkere Ausrufe, Bewegungen, Gestampfe, Händeklatschen), ein Volk, das beständig zunimmt an Anzahl, Kraft, Wohlstand und Verstand, so daß das herrschende Volk im Lande zu erschrecken beginnt und zu sagen: sie werden zu stark für uns, laßt uns sie nach Liberien hinüberschicken! (Starke Gährung und Bewegung). Es will also scheinen, daß Gott mit uns sei. Laßt uns ihn nicht verleugnen, denn er wird uns aus der Gefangenschaft führen und zu einem großen Volk machen! Ungeheures Entzücken und Freudenrufe, Amen! Ja, ja, o Jubel! u. s. w. Die ganze Versammlung war mehrere Minuten lang wie eine sturmbewegte See. Der Vortrag des Predigers war ein brausender Strom von natürlicher Beredtsamkeit gewesen. Ich bezweifle jedoch, ob sein Patriotismus sich weit über die Stunde der Ergießung und seine Kanzel hinaus erstreckte. Ein neuer Moses war er nicht. Dem alten Moses wurde das Reden schwer. Er war ein Mann der That.

Diese Predigt war inzwischen die erste Negerpredigt, worin ich ein bestimmtes Bewußtsein der Nationalität sich Bahn brechen hörte. Die Bill gegen die geflüchteten Sklaven mag wohl auf ihrer Hut sein, zu was sie noch führen kann.

In Bezug auf den letzten Ausfall des Negerpredigers gegen Liberien ist zu bemerken, daß die Negerbevölkerung in Ohio im Allgemeinen gegen die Negerkolonisation in Afrika ist und die Bemühungen der Weißen für dieselbe mit argwöhnischen Blicken betrachtet. Unglücklicher Weise soll das Klima in Liberien durch die beständigen Regen so ungesund sein, daß der Verdacht begründet erscheint. Dieß ist ein wahres Unglück für die dort heranwachsende Kolonie, welche sonst durch die außerordentliche Fruchtbarkeit des Landes rings umher und durch seinen Reichthum an tropischen Gewächsen begünstigt ist. Die liberische Kolonie nimmt inzwischen, wenn auch nicht schnell, zu an Volksmenge und Handel, sie wird von selbstgewählten Beamten regiert, hat Kirchen, Schulhäuser, ein Staatshaus, Druckerpressen, Waarenmagazine und Buden. Sie hat zwei beginnende Städte. Commodore Perry in seinem Bericht über den Zustand der amerikanisch-afrikanischen Kolonie beschreibt die Niederlassung in Monrovia als besonders verheißungsreich für den Handel und sagt, daß man sich von der Niederlassung auf dem Cap Palmas sehr viel für den Ackerbau versprechen dürfe. Man sagt übrigens, daß die Neger in der Kolonie weit mehr Lust zum Kleinhandel zeigen als zum Ackerbau. Und diese Neigung scheint überall in allen Küstenkolonien bei den Negern vorzuherrschen. „Einige dieser Kolonisten sind durch diesen Kleinhandel vermöglich geworden, während Andere blos einen anständigen Lebensunterhalt damit gewinnen. Aber,“ fügt der Commodore hinzu, „es ist erfreulich, die Comforts zu sehen, womit der größere Theil dieser Menschen sich umgeben hat; viele von ihnen haben Bequemlichkeiten, welche den ersten Ansiedlern in Nordamerika unbekannt waren. Von Mangel scheint man bei ihnen nichts zu wissen. Wenn einige leiden, so muß dieß in Folge ihrer eigenen Faulheit geschehen.

„Auf Cap Palmas hatte ich Gelegenheit, die kleinen Farms der Kolonisten und ihre urbar gemachten Felder zu sehen. Diese Zeugen von bedeutender Arbeit begannen allmälig das Ansehen von wohlbebautem Lande zu gewinnen. Die Wege in der ganzen Niederlassung sind merkwürdig gut, wenn man die Jugend der Kolonie und ihre geringen Mittel in Betracht zieht.

„In allen einzelnen Niederlassungen werden die Gesetze treu eingehalten; die Sitten des Volkes sind gut und die Gesellschaft scheint stark von religiösen Gefühlen belebt zu sein.

„Gouverneur Roberts von Liberien (ein hellfarbiger Mulatte) und Gouverneur Rußwurm von Cap Palmas sind verständige, achtungswerthe Männer, und wir haben in ihnen unwiderlegliche Beweise für die Fähigkeit des farbigen Volkes zur Selbstregierung.

„Das Klima Westafrikas darf nicht als ungesund für die farbigen Kolonisten betrachtet werden. Alle müssen, bevor sie akklimatisirt sind, das Fieber über sich ergehen lassen. Aber seit bequeme Wohnungen erbaut sind und die Kranken gut gepflegt werden können, hat die Anzahl der Todten bedeutend abgenommen. Ist die Krankheit einmal glücklich überstanden, so findet der Kolonist ein Klima und eine Luft, die seiner Constitution zusagen. Nicht so verhält es sich mit dem weißen Menschen. Für ihn ist ein Aufenthalt von wenigen Jahren auf dieser Küste beinahe der sichere Tod,

„Das Experiment der Vereinigten Staaten, auf dieser Küste eine Kolonie für die freie farbige Bevölkerung zu gründen, ist weit besser gelungen, als Viele erwartet hatten, und ich wage vorherzusagen, daß die Abkömmlinge der gegenwärtigen Kolonisten bestimmt sind, ein verständiges und wohlhabendes Volk zu werden.“

Ein weißer amerikanischer Arzt, der sechs Jahre in Liberien zugebracht hat, gibt den Betrag des Handels-Importes des jungen Negerstaates auf 120,000 Dollars jährlich an und nimmt für den Export ungefähr dieselbe Summe. „Der Handel unseres Landes mit Afrika — so wird in diesem Jahr (1850) in Amerika geschrieben — gewinnt mit jedem Tag eine höhere Bedeutung.

Die liberische Kolonie soll ihre Herrschaft gegenwärtig auf 10,000 Personen erstrecken.

Die englische Kolonie in Sierra Leone, die älter und mächtiger ist, zählt 40,000 Personen.

Es sieht aus, als sollten Liberien und Sierra Leone Pflanzschulen werden, aus welchen Afrikas neue Kultur und schönere Zukunft hervorgehen werden. Aber ich kann nicht anders glauben, als daß diese Pflanzen aus dem fremden Land zuvor eine Metamorphose über sich ergehen lassen, d. h. mehr afrikanisch werden müssen.

Hätte ich Zeit und Geld genug, so würde ich übers Jahr nach Liberien hinüberfahren. Aber wohin möchte ich nicht reisen! Was möchte ich nicht sehen von Allem, was auf der großen, weiten Erde Bedeutsames in der Natur und dem Volksleben vorhanden ist! Die ganze Erde möchte ich mein nennen. Warum ist das Leben so kurz?? …




Cincinnati, den 29. November. 

Gestern wurde hier das Dankfest (Thankgivings) gefeiert, eines der wenigen Nationalfeste der neuen Welt und ein Fest, das von allen Völkern gefeiert werden sollte, als eines der würdigsten für eine edle und hellsehende Menschheit. Es wird an einem Werktag gefeiert, der dadurch zum Festtag gemacht wird. Ich war Vormittags in der Baptistenkirche. Der Priester, ein talentvoller Mann, nahm nächst der Danksagung für allgemeine und Privatwohlthaten, die aufgezählt wurden, die Sklavereifrage in den Vereinigten Staaten zum Text. Man habe ihm vorgeworfen, daß er es nicht wage, sich über diesen Gegenstand auszusprechen. Er wolle den Verdacht von sich abwälzen und beweisen, daß er keine Furcht kenne. Er verurtheile die Sklaverei und beklage ihre Einführung in Amerika. Aber er verurtheile auf gleiche Weise das Benehmen der Abolitionisten. Diese haben die Stellung erschwert, sie haben die Emancipation innerhalb Amerikas unmöglich gemacht. Der Prediger meinte, es seien nie weniger Aussichten für Aufhebung der Sklaverei vorhanden gewesen, als eben jetzt. Nie haben die Staaten des Südens mit festerer Hand die Sklavenkette ergriffen. Durch Drohungen und Trotz seien Drohungen und Trotz erzeugt worden. Der Redner setzte seine Hoffnung darauf, daß das Christenthum die afrikanische Race emporbringen werde, und dieß, sowie die Kolonisation freier christlicher Neger auf Afrikas Küste betrachtete er als die einzigen zuverläßigen Mittel zur allmähligen Abschaffung der Sklaverei. Nach einigen interessanten Notizen über die Produkte Afrikas und die Ertragfähigkeit der freien afrikanischen Arbeit im Verhältniß zur Sklavenarbeit, sowie über die Mittel des heranwachsenden Liberiens eröffnete er eine poetisch schöne Aussicht auf die mögliche Zukunft der äthiopischen Race in ihrem Mutterland, dem mystischen, warmen Afrika.

Ich bin dem Redner mit tiefstem Interesse gefolgt. Das Ende seines Vortrags rief eine Vision in mir hervor.

Ich sah das mystische warme Afrika mit dem Berg des Mondes und mit dem Nil und den Pyramiden, und tropische Wälder wimmelnd von der Fülle des Thierlebens und des Pflanzenlebens zu neuem Leben erstehen; ich sah Asien mit seiner uralten Weisheit und seinen alten, halbversteinerten Staaten; Europa mit seiner Mannigfaltigkeit von lebensvollen, eigenthümlich ausgeprägten Reichen und Völkern; ich sah Amerika, die jüngste, aber bald mächtigste der erwachsenen Töchter der Erde mit seinen neuen aus dem Morgenthau eines neuen Lebens erzeugten Menschen; ich sah Australien mit seinen Kolonien von verlorenen, aber der Verzeihung gewürdigten Söhnen wieder ins Vaterhaus aufgenommen; ich sah die Welttheile alle sich von Neuem aufrichten im Namen des Friedensfürsten, alle sich wie noch nie auf Erden vereinigen im Lobgesang auf die Geburt des Gottessohnes : „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden!“

Ein Strom von Thränen brauste durch die Kirche, die Worte des Lobgesanges tragend. Ich erkannte den mächtigen herrlichen Chor wieder. Ich hatte ihn vorher gehört, wo, wußte ich nicht. Aber es schien mir, als sei er die Seele aller Lobgesänge auf Erden.

Es war die schwedische Messe: „Danket und lobpreiset dem Herrn u. s. w,“ die vom Chor der Kirche gesungen wurde. Ich hatte diese Freude einem Landsmann zu verdanken, welcher Direktor des ausgezeichneten Sängerchors an dieser Kirche ist. Als die Versammlung sich erhob und im Gesang meines Heimathlandes ihr Hallelujah anstimmte, da sang sie auch für mein Volk und für alle Völker auf Erden. O das war herrlich! Aber singen konnte ich da nicht.

Ein schöneres Dankfest habe ich nie gefeiert und nie werde ich diese Stunde vergessen.




Ich muß noch einige Worte von dem Staat und der Stadt hinzufügen, wo ich dermalen als glücklicher Gast weile. Der reiche, schöne Ohio sitzt wie das Herz in der großen Staatengruppe zwischen dem östlichen Meere und dem Missisippi. Und obschon dieser Staat zu den jüngeren in der Union gehört, so bemerke ich doch, daß sich hier ein centraleres Leben bewegt, als in den Staaten, die ich bisher besucht habe. Es scheint mir, als wolle man hier mit vorurtheilsfreiem Sinn allen Kräften und Richtungen in der Menschennatur ihr Recht anthun und Jedem den gebührenden Antheil am Leben und Blut des Herzens zukommen lassen. Zu den Phänomenen dieser Art zähle ich das medizinische Collegium dahier, das unter der Direktion eines geistreichen jungen Mannes, des Doktors J. Buchanan steht, und worin Allöopathie, Homöopathie, Hydropathie und die sogenannte botanische Medizin als natürliche Methoden in der Gesundheitslehre der Natur, alle bei gewissen Krankheiten und Umständen dienend, alle nothwendig in einer umfassenden Gesundheits- und Krankheitslehre, aufgenommen und studirt werden.

Buchanan machte den Menschen zum Ziel und zum Mittelpunkt des Universums. In dem Menschengehirn erblickt er den Centralorganismus des Menschen und sieht von da eine unendlich herrliche Zukunft ausstrahlen, wo all die unendlichen Möglichkeiten, die noch darin ruhen, sich zu Leben und Harmonie auf der Erde und im Weltall entwickeln werden. Unter täglicher angestrengter Arbeit und vielfachen Bekümmernissen ruht er glücklich in dieser Anschauung wie im Sabbathfest seines Geistes.

Zu Erscheinungen dieser Art rechne ich ferner die Oberlin’sche Schule, wo farbige sowohl als weiße Jünglinge und Mädchen all die Gegenstände, die auf den amerikanischen Akademieen gelehrt werden, studiren und sich das Doktor-Diplom erwerben können.

Ich rechne dazu ferner Bücher und andere Meinungsäußerungen von vielen ausgezeichneten Männern, die eine mehr ganze und den ganzen Menschen umfassende Erziehung sowohl für Weiber als Männer anstreben, als bisher üblich gewesen.

Cincinnati, die Königin des Westens, die am Ufer des schönen Flusses (Ohio) sitzt, im Hintergrund von Höhen umgeben, wie eine Königin von Hofdamen, ist eine kosmopolitische Stadt und umfaßt in ihrem Schooß alle Arten vön Bevölkerung, Kirchen und Religionssekten. Die Deutschen bilden einen bedeutenden Theil der Einwohnerschaft, die sich jetzt auf 120,000 Seelen beläuft, und die Deutschen sind auch hier wie in dem alten Deutschland gemüthlich, trinken Bier, treiben Musik und stellen ihre Betrachtungen an über die Weltgeschichte. Ich habe neuerdings ein Büchlein mit diesem Titel von einem hier ansäßigen Dr. Pulte erhalten. Die Königin des Westens läßt alle ihre Bürger philosophiren, sprechen und schreiben, so viel sie wollen. Sie ist die freisinnigste Königin in der Welt.

Im Schulwesen steht Ohio den nordöstlichen Staaten noch nach. Aber man arbeitet so gut als möglich an seiner Entwicklung. Als ich eine der Bezirksschulen für Knaben in Cincinnati besuchte, sagte man mir, indem man mich in einen der Lehrsäle führte: „Dieß ist unsre bestdisciplinirte Schule. Hier braucht man niemals eine körperliche Züchtigung anzuwenden.“ Ich sah ein blasses, noch junges Frauenzimmer von sanftem Ansehn auf dem Katheder stehen, mit milder Gewalt dreißig bis vierzig wilde kleine Republikaner regierend. Die Elementarschulen sowohl für Knaben als Mädchen werden von Lehrerinnen besorgt. Man glaubt, daß sie für die Unterweisung der ersten Jugend mehr Geschick haben als männliche Lehrer. Sie bekommen eine Jahresbesoldung von 300-500 Dollars je nach der Tüchtigkeit, die sie in ihrem Beruf entwickeln. Mit großem Vergnügen hörte ich hier eine Lektion an, worin die kleineren Kinder gelehrt wurden, daß man die Thiere mit Güte und Gerechtigkeit behandeln müsse. Sie mußten aus dem Gedächtniß Geschichten erzählen, worin Bosheit gegen die Thiere ihre gebührende Strafen fand. Ich weiß nicht, ob man in unsern Schulen solche Lektionen hat. Aber das weiß ich, daß man ihrer wohl bedürfte.

Unter den wissenschaftlichen Anstalten in Cincinnati zeichnet sich die Sternwarte aus, die durch das Genie und den Eifer eines Privatmanns, des Professors O. M. Mitshell zu Stande gebracht wurde. Die Entstehungsgeschichte dieser schönen Sternwarte, die zum ersten Rang gehört, verdient bekannt zu werden, um einen richtigen Maßstab davon zu geben, was die Kraft und die Begeisterung eines einzelnen Mannes in der neuen Welt vermag und auf welche Art er das große Publikum für eine Wissenschaft interessiren kann, die er populär zu machen versteht. Es ist der Sieg des Genies, aber auch der Geduld und des beharrlichen Willens. Es gereicht dem Manne, aber auch der Volksmenge zu großem Ruhm. Inzwischen würde mich diese Erzählung zu weit führen.

Auch die Künste haben in Cincinnati aufzutreten begonnen. Aber dieß ist doch noch immer ein bloßer Anfang. Die Stadt selbst ist erst sechzig Jahre alt. Es ist ein Künstlerverein, dessen Ausstellung ich ein paar Mal besucht habe. Es sind einige gute Gemälde da. Keines hat sich meinem Gedächtniß so stark eingeprägt, als ein kleines humoristisches Gemälde, das drei große — Schweine sehr natürlich vorstellt. Sie sitzen auf den Hinterfüßen unter einem Felsstück mit der Inschrift: Specköl und sehen mit bedächtlichen Blicken auf einen ihrer Mitbrüder herab, der einen todten Wallfisch am Meeresufer angreift. Weiter draußen sieht man das große Meer. Dieses gut gemalte und humoristisch ausgedachte Bildchen hängt zwischen zwei Gemälden, welche die „Liebe der Engel“ zum Gegenstand haben. Aetherische Gestalten schweben über klare Seen hin und begegnen einander auf grünen blumenreichen Ufern. Der Contrast zwischen diesen poetischen Bildern und der Prosa des ersteren könnte kaum größer sein. Nur Schade, daß sie in Bezug auf Ausführung dem prosaischen sehr nachstehen. Unser Södermark würde dem letzteren den Preis zusprechen. Das würde auch ich thun, aber ich möchte das Gemälde nicht in meinem Zimmer haben; weit lieber doch diese Engelspoeme mit ihren freundlichen Ahnungen.

Die schönen Künste haben bis jetzt in den Vereinigten Staaten wenig Aufmunterung erhalten, sei es nun, daß keine ausgezeichnete Talente aufgetaucht sind, oder was ich eher glauben möchte, daß dem Volk im Allgemeinen der Kunstsinn abgeht. Ich habe viel von einem amerikanischen Maler Namens Alston als einem der größten Künstler erzählen und seine Werke höhlich preisen und bewundern gehört. Gleichwohl lese ich in einem Brief des edlen alten Channing folgende Worte:

„So lange ich Männer wie Alston am Nothwendigsten Mangel leiden sehe, fühle ich, daß ich kein Recht habe, mir den Ueberfluß des Lebens zuzueignen.“

Und von meinen Freunden Springs hörte ich, daß ein junger Landschaftsmaler in New-York, ein unverkennbares Talent und liebenswürdiger Charakter, neulich sich mit seiner jungen Frau berieth, wie sie ihre Haushaltung für sich und ihre zwei kleinen Kinder aufs beste bestellen sollten. Sie kamen endlich dahin überein: die beste Art hauszuhalten sei für sie — zu sterben! — und dieß in der jungen reichen Welt! Die Gemälde dieses jungen Künstlers sind jedoch von der Art, daß man in jedem amerikanischen Hause gerne eines davon sehen würde.

Die Bildhauerkunst scheint in den Vereinigten Staaten größere Aussichten auf Erfolg zu besitzen, und sie hat in Hiram Powers einen Künstler ersten Rangs, nicht in Bezug auf geniale Erfindsamkeit, sondern auf verständige und geschickte Ausführung erzeugt. Seine Proserpina, sein lauschender Fischerjunge, seine griechische Sklavin sind in ganz Italien bewundert worden. Der seelenvolle feine Ausdruck seiner Gebilde ist ebenso bewundernswürdig, wie die vollendete Schönheit ihrer Formen. Seine Gestalten scheinen zu leben. Hiram Powers ist in Cincinnati geboren und arbeitete da als armer Junge in einer Uhrmacherwerkstätte. Schon hier machte sich sein eigenthümliches Genie bemerklich. Einige vermögliche Männer aus der Stadt nahmen sich des hoffnungsvollen Jungen an und versahen ihn mit den nöthigen Mitteln zu studiren und zu reisen. Am meisten that für ihm Mr. Longworth, und ihm schenkte Powers als Zeichen seiner Dankbarkeit sein erstes originelles Marmorgebilde. Ich sage Gebilde, denn an diesem Werk sieht man gar nichts von Arbeit. Es ist ein Bild aus einem Guß, so lebendig und schön daß — man es gar nicht beschreiben kann. Es ist eine Weiberbüste in natürlicher Größe. Man hat sie Genevra genannt, ich weiß nicht warum. Sie sollte Galathea heißen, denn Pygmalion-Powers hat ihr ein Leben eingegossen, das nur eines Götterwinkes bedürfte, um zu athmen. Noch richtiger sollte sie die Amerikanerin heißen. Denn die eigenthümliche Schönheit der Züge, die Form und Haltung des Kopfes und Halses gehören Amerikas Frauen an; da findet sich nicht die griechische Steifheit; da ist eine Regelmäßigkeit voll von Leben und Anmuth; und der Ausdruck — ja so muß sie aussehen die Frau der neuen Welt, sie, die emporgetragen von einem öffentlichen Geist, der voll von Wohlwollen ist, ohne Kampf und Protestation die Fülle und Innigkeit ihrer Natur entwickeln kann; so muß sie lächeln, blicken, sich bewegen, darin ruhend wie in einer innern Welt von Wahrheit, Güte und Schönheit; so fest muß sie sein und gleichwohl so lieblich, so göttlich gewiß, so himmlisch harmonisch und gut, so muß sie wirken! Und dann, dann — wird der neue Tag der neuen Welt aufgehen.

Mr. Longworth hatte mich, ehe er mich in sein Kunstkabinet führte, wo das Bild steht, scherzhaft auf die „Rohheit der ersten Arbeit eines jungen Künstlers“ vorbereitet und zur Nachsicht aufgefordert. Ich sah das Bild an, ich betrachtete es, bis mein Herz von Wärme und meine Augen von Thränen schwollen. Ich weinte vor diesem neuen Schönheitsideal nicht blos, weil ich ihm selbst so ferne stand, nein, vor Bewunderung, vor Freude, vor Hoffnung, im Gefühl, daß ich hier die Frau der neuen Welt sehe, die Galathea, die jetzt im Marmor schläft, die aber dereinst durch den Anhauch der Gottheit Leben empfangen wird. Und habe ich nicht bereits bei einigen Frauen des Landes ihre Züge, ihr Leben gesehen? Ich sehe sie und nenne geliebte Namen! …

Ich werde hinfort diese Züge, diesen Ausdruck im Gesichte aller jungen Frauen suchen; sie werden mir lieb, sie werden mir theuer oder gleichgültig sein, je nachdem sie sich dem Bild der Galathea der neuen Welt mehr oder weniger nähern.

Abbilder von diesem Bilde sollten sich in jedem amerikanischen Hause vorfinden, und jedes junge Mädchen sollte unter Anschauung desselben aufwachsen, wie Hawthornes Jüngling unter Anschauung des großen steinernen Gesichtes aufwuchs, bis er eins wurde mit seiner Schönheit.




Habe ich Dir gesagt, daß ich hier in der Weinregion Nordamerikas lebe? Die Weinrebe, die überall in Nordamerika üppig wild wächst, ist auf den Höhen des schönen Ohioflusses mit großer Sorgfalt gepflegt worden, hauptsächlich von Mr. Longworth, und man fabricirt hier amerikanischen Xeres und Champagner. Die Cathawba- und Isabellatrauben sind die vornehmsten der im Lande gezogenen Trauben-Arten. Aber noch reifen die Trauben hier nicht harmonisch wie am Rhein und an der Seine. Die Ungleichheit des Klimas dürfte daran Schuld sein.

Lebe wohl! Ich muß abbrechen. Wann ich das nächstemal wieder mit Dir spreche, weiß ich nicht. Aber haben wir nicht ein Gespräch begonnen und eine Freundschaft geschlossen, welche vor Zeit und Raum Stand halten müssen und sichtbarer Zeichen nicht bedürfen? Unser Gesprächzimmer ist die Ewigkeit. Doch ist auch ein sichtbares Zeichen werthvoll. Und wolltest Du mir hier im fernen Lande eines geben — wie willkommen sollte es mir sein!

Deine Worte sind immer mit mir, wie ein stilles Gespräch. „Ich glaube an eine Sonne, an eine organisirende Macht, von welcher jeder lichte Gedanke, jedes inhaltsreiche Leben ein Ausfluß ist.“ So lautete eine Deiner ersten Aeußerungen gegen mich.

Diese Sonne ist meine Sonne geblieben. In ihrem Licht schreite ich vorwärts, suchend und nachdenkend. Und was ich in ihrem Licht gesehen habe, das sollst Du auch einmal sehen. Denn was mein ist, ist Dein.

Ich umarme Deine Frau und küsse die Kleinen um sie her in der Erwartung, daß ich in Schweden wieder von ihnen umarmt und geküßt werde.




N. S.

Mein Brief erschreckt mich. Er ist zu einer solchen Breite und Länge angewachsen, daß meine Freunde in Cincinnati ihn für eines der unförmlichen Riesenprodukte des großen Westens, für eine Art von Rhimturse aus Missisippi Utgard ansehen würden. Mir erscheint er als eine Art von Kobold mit vielen Füßen und einer Menge Augen, die drohend nach allen Seiten blicken. Und jetzt soll er nach Schweden abgehen. Er mag gehen! Was sich von Herz und Kopf darin findet, das auszumitteln vertraue ich Dir an.

In wenigen Tagen reise ich nach Neu-Orleans und von da über die Wintermonate nach Cuba. Ich will das Angesicht der Erde unter der Sonne des Wendekreises und in der Gewalt des spanischen Volksstammes sehen. Ich will das südliche Kreuz und den großen Argosstern am Himmel sehen. Sodann wende ich mich wieder dem Polarstern und unserm schweigsamen Norden, meiner lieben stillen Heimath zu.

  1. Junge Mädchen lernen auf der Hochschule Lateinisch, Griechisch, Mathematik, Algebra, Physik u. s. w. und man behauptet, daß sie sich diese Gegenstände, die man bei uns als zu schwierig, wo nicht geradezu unfaßlich für weibliche Gehirne betrachtet, mit der größten Leichtigkeit aneignen.
  2. Einen glänzenden Beweis von diesem Savoir faire in der Selbstregierung, liefert dermalen die Staatsorganisation Kaliforniens. Im Verlauf etlicher Jahre sind die wildesten Abentheurer aus allen Ländern und Völkern der Welt in der Wuth des Goldfiebers dorthin gestürzt. Aber die besten vom Volke schloßen sich zusammen, organisirten Vertheidigung, Gesetzgebung und bürgerliche Ordnung, und Kalifornien, das sehr schnell zu einer Bevölkerung von 200,000 Seelen anwuchs, steht jetzt als ein vollkommen geordneter Staat im Kreis der freien Staaten der Union. Auch die Chinesen, die zu Tausenden nach Kalifornien geeilt sind, ordnen sich und leben in friedlichen Gesellschaften unter der mächtigen Hand der Angloamerikaner.
  3. Kap. 7. V. 9. u. f.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: daun
  2. Vorlage: sowohl bewässert
  3. Komma hinzugefügt
  4. Vorlage: dinignation-meetings
Neunundzwanzigster Brief Die Heimath in der neuen Welt. Zweiter Band
von Fredrika Bremer
Einunddreißigster Brief
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