Die Herrin von Dernot

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Edmund Hoefer
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Herrin von Dernot
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11–19
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Die Wandlung vom jungen Mädchen zur reifen Frau
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Decker - Lady-in-Grey.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[161]
Die Herrin von Dernot.


Von Edmund Hoefer.
1. Aus dem Leben eines Staatsmannes.

Die Familie der Freiherren von Treuenstein, Herren von Dernot, gehörte zu den edelsten und, was noch viel besser ist, angesehensten und geachtetsten ihrer engeren Heimath. Seit unvordenklicher Zeit waren aus ihr die Staatsmänner des kleinen Landes hervorgegangen und zwei von diesen, Vater und Sohn, hatten fünfzig Jahre lang und länger als allmächtige Minister an der Spitze aller Geschäfte gestanden. Man weiß, was diese Stellung und ein solcher Titel im vorigen Jahrhundert zu bedeuten hatte und wie furchtbar mehr als einer der allgewaltigen Herren gegen das Wohl des Landes und seiner Bewohner sündigte. Die Treuenstein verstanden jedoch auch auf diesem Posten sich ihren alten guten Ruf zu erhalten; ihnen folgte nicht der Fluch des Landes. Von schreiendem Unrecht und rücksichtsloser Willkür erfuhr man niemals etwas und nie sagte ihnen Jemand nach, daß sie ihren eigenen Vortheil zum Schaden Anderer im Auge gehabt. Zwar wurden in der damals zur Aufbesserung der Finanzen beliebten Weise auch hier einmal ein paar Tausend Landeskinder an Holland und England verkauft, aber es geschah, wie man sehr wohl wußte, auf den ausdrücklichen Befehl Serenissimi und gegen den Willen seines damaligen Ministers, und dieser lehnte, wie man gleichfalls erfuhr, obendrein die ihm überwiesene Gratification für das abgeschlossene Geschäft so entschieden ab, daß er darüber von seinem Gebieter ein paar Wochen lang fast ungnädig angesehen wurde.

Der edle Herr ertrug diesen Zwischenfall mit philosophischem Gleichmuth; er war, auch ehe er von einem kinderlos verstorbenen Bruder die Herrschaft Dernot geerbt, schon durch sein und seiner beiden Gattinnen Vermögen der reichste Mann im Lande und weder abhängig noch ehrgeizig genug, um dem Glanz und der Macht seiner bisherigen Stellung und der Laune des Gebieters seine Grundsätze zu opfern. Dies wurde indessen auch nicht von ihm verlangt, denn der Fürst lenkte gegen den alten unentbehrlichen Diener und Freund wieder ein und erhielt ihm seine Gnade unverändert bis an’s Ende. Und nicht anders stellte sein Nachfolger sich zu dem Minister, ja als dieser endlich zur Zeit des Wiener Congresses hochbejahrt starb, wurde sein Sohn, der das Land bisher in Paris und neuerdings in Wien auf das Würdigste vertreten, auf den Posten berufen, welcher nun schon ein Eigenthum der Treuenstein zu sein schien. Es war der dritte Minister dieses Namens und Fürst und Volk durften sich alsbald wirklich seines Besitzes rühmen. Denn er war einer von den wenigen Staatsmännern jener Zeit, die sich dem Metternich’schen System nicht vollständig beugten und in dem ihnen anvertrauten Lande wenigstens einer Art von Fortschritt huldigten.

Leopold August von Treuenstein war ein Mann, der die Liebe der Seinen, die Ergebenheit seiner Freunde und die Ehrfurcht und Hochschätzung Aller, die ihm nahe kamen, in vollstem Maße zu verdienen schien und dies Alles sicherlich auch noch in höherem Grade, als es in Wirklichkeit der Fall, sein eigen genannt haben würde, wären nicht in seiner Natur und seinem Charakter zuweilen Züge sichtbar geworden, die fast unheimlich schroff mit dem contrastirten, was man an ihm verehrte, seine Umgebung bestürzten und zurückschreckten und ihn selbst – man sah das wohl – nicht glücklich machten, ja hie und da zu den unangenehmsten Folgen führten.

Er war der tiefsten und zartesten Empfindung fähig, er war voll Schonung und Milde, voll Freisinnigkeit und Großartigkeit der Auffassung und des Urtheils. Das Leben und Lebenlassen verstand Niemand behaglicher zu üben und freundlicher zu gewähren, als er, und einen frischen, heiteren Lebensgenuß gönnte er unbefangen sich und Anderen. Aber wer sich auf dies Alles verließ, hatte zuweilen unter dem schwersten Rückschlag zu leiden, da an dem Baron nicht selten alle diese, trefflichen Eigenschaften in das Gegentheil umschlugen oder durch andere jäh auftauchende Züge beeinträchtigt und aufgehoben wurden – ohne Vorzeichen, ohne sichtbare Veranlassung, wie Blitze, die plötzlich aus einer bisher kaum beachteten Wolke hervorschießen.

Seiner tiefen Empfindung stand eine häufig bestürzende Unbeständigkeit gegenüber; der Mann, der meistens so vorsichtig oder so entschlossen, mit klarem Auge, mit unbestechlichem Rechtsgefühl vorschritt, ließ sich, zumal im Privatleben, nur gar zu leicht durch Gelegenheit, Zufall, Eindruck des Augenblicks sorglos fort- und weiter ziehen, als er es vor sich und Anderen verantworten konnte. Und den Stunden der Milde und Schonung, der Billigkeit und Einsicht folgten andere, voll von Strenge und Härte, von Vorurtheilen und Eigensinn, von einer unglückseligen Leidenschaftlichkeit endlich und einem furchtbaren Jähzorn, die, so schnell sie auch gewöhnlich vorüberrauschten, weder von den durch sie Betroffenen, noch von dem Baron selbst jemals vergessen und überwunden wurden. Ja, von Versöhnlichkeit fand sich, auch in den gleichgültigsten derartigen Fällen, wenig oder nichts an ihm. Er selber schwieg meistens hartnäckig über das Vorgefallene und verlangte ein ähnliches Schweigen auch von Anderen. Die Zeit sollte ausgleichen und wieder herstellen. Aber sie that das nicht immer.

Als blutjunger Mensch hatte Leopold ein Mädchen geliebt, dessen Familienadel kein alter, dessen Vermögen gering und dessen Vater endlich mit dem seinen sich vordem einmal ernstlich überworfen hatte. Daher blieb dem jungen Paare auch nur die Entsagung [162] übrig; beide Väter waren gegen die Verbindung und verheiratheten ihre Kinder so bald wie möglich in einer ihnen mehr zusagenden Weise. Die jungen Leute mußten sich in dies Geschick finden und fanden sich auch darein, nur gab es Stimmen, welche behaupteten, daß Leopold’s oben erwähnte Unbeständigkeit, seine Neigung zu den Frauen und die schrankenlose Ausnützung des Glücks, das er bei denselben haben sollte, erst von jener Zeit an bei ihm bemerklich geworden seien.

Des Barons Ehe war keine unglückliche. Die Gatten hatten keine Ansprüche auf ein ausschließliches Gefühl, auf besondere Herzenswärme erhoben; sie waren äußerlich in ungestörter Harmonie, im Stillen Jeder für sich den eigenen Weg gegangen und hatten Sorge getragen, daß derselbe den des Anderen nicht unnöthig kreuze. Und als die Dame nach zwanzigjähriger Ehe starb, betrauerte Leopold sie aufrichtig und hielt ihr Andenken stets in Ehren.

In der nächsten Zeit folgten im Leben des Barons Ereignisse, welche die Vorzüge und die Mängel seiner Natur im hellsten Licht zu zeigen schienen. Es war am Hofe kein Geheimniß, daß eine anmuthige und liebenswürdige, unvermählt gebliebene Prinzessin dem stattlichen, geistvollen Mann eine ernste Neigung zugewendet und daß Leopold sich dagegen keineswegs unempfindlich gezeigt habe. Der regierende Herr begünstigte dies Verhältniß seit dem Tode der Frau von Treuenstein sichtbar; trotzdem aber gedieh dasselbe nicht zu dem erwarteten Schluß. Der Baron verlobte sich plötzlich mit der seit Kurzem gleichfalls verwittweten Geliebten seiner Jugend und führte sie wenige Monate später als Gattin in sein Haus. Sein Auftreten den Herrschaften gegenüber sollte das ehrenvollste und schicklichste gewesen sein und mußte jedenfalls befriedigt haben. Eine Abnahme der Gunst wurde nicht bemerklich, im Gegentheil erstreckte sich dieselbe alsbald auch auf die neue Baronin.

Die Verbindung der beiden alten Getreuen schien eine sehr glückliche zu sein; man sah Beide einander mit einer Herzenswärme, mit einer Liebesinnigkeit zugethan, die man dem Baron zum mindesten kaum recht zugetraut hatte, und Beide verhehlten nie und nirgends eine tief innere, glückliche Befriedigung, welche nicht nur die Ihren, sondern auch ihre gesammte Umgebung für die „so lange und hart Geprüften“ erfreuen und mit Zutrauen an die Dauer ihres Glücks erfüllen mußte. Trotzdem tauchten bereits nach einem Jahre hier und da Gerüchte auf, nach denen Glück und Frieden dieser Ehe auf das Bedenklichste gefährdet sein sollten. Man flüsterte sich von der Wiederanknüpfung alter Verbindungen, ja von einer neuen Liaison zu, welche den Baron der kaum gewonnenen Gattin entzöge, und man wollte wissen, daß Frau von Treuenstein solche Ausschreitungen mit nichts weniger als Gleichgültigkeit aufnehme. Es sollte schon zu traurigen Scenen gekommen sein.

Da indessen solche Scenen keinen Augenzeugen gehabt zu haben schienen und selbst die Vertrautesten keine andere Abnahme der Herzlichkeit beider Gatten bemerken konnten, als diejenige, welche durch die Dauer und Sicherheit des Besitzes zu einer erklärlichen und natürlichen wurde; da es endlich nirgends zu einem sogenannten Eclat kam, schwiegen die Gerüchte nach einer Weile wieder, traten aber leider von Neuem und bestimmter auf, als die Baronin nach dreijähriger Ehe bei der Geburt ihres einzigen Kindes plötzlich starb. Man glaubte diesen Todesfall durch die Entdeckung einer neuen, der armen Frau Gott weiß wie bekannt gewordenen Untreue des Gatten veranlaßt.

Allein eine Bestätigung dieser traurigen Sage ergab sich auch jetzt nicht. Wenn überhaupt Jemand existirte, der Genaueres und Wahres von der Sache wußte, so bewahrte er das gewissenhafteste Schweigen, und das Benehmen des Barons Leopold selber widersprach dem Gerüchte sogar auf das Entschiedenste. Der Verlust der Gattin war für den stolzen, kraftvollen Mann sichtbar ein niemals überwundener Schlag, und so wenig er seine tiefe Trauer zur Schau trug, so wenig wich er zurück, wo eine Aeußerung derselben natürlich war.

Dies zeigte sich am deutlichsten bei der Taufe der armen verwaisten Kleinen. Sie solle die Namen der geliebten Seligen erhalten, sagte der Vater mit Thränen in den Augen zu dem Geistlichen, gerufen solle sie aber „Esperance“ werden. „Denn in ihr,“ fügte der Baron hinzu, „vereinigt sich meine Hoffnung auf die Wiedervereinigung mit derjenigen, die sie mir als höchstes Pfand ihrer Liebe hinterlassen, und die andere, daß dies geliebte Kind das Glück und Licht meines Lebensabends sein werde.“

Es war fast, als habe der Baron mit diesen Worten etwas Prophetisches ausgesprochen, denn es folgte eine Zeit, in der das Glück, das ihm bisher treu geblieben, ihn, wie die Meisten es ansehen möchten, verlassen zu wollen schien, im Grunde freilich durch seine eigene Schuld. Denn die Kehrseite seiner Natur und seines Charakters war aller Welt niemals so sichtbar geworden, wie in diesen nächsten Jahren. Der Herr erschien zuweilen wie ausgetauscht; es zeigte sich eine Verbitterung, eine Härte und Schroffheit an ihm, wie man sie bisher nur in seltenen Fällen und nur als eine augenblickliche beobachtet hatte; er widersetzte sich, im schärfsten Widerspruch mit seinen seitherigen Regierungsgrundsätzen, der in den Jahren 1830 und 1831 auftauchenden freieren Strömung und den überall an die Throne klopfenden berechtigten Volkswünschen auf das Starrste und überbot noch beinah die von Wien und Berlin dictirte Strenge. Er opponirte sogar dem Fürsten und dem Erbprinzen, welcher Letztere ohnehin schon seit einiger Zeit dem Minister Zeichen der Erkaltung gegeben, so leidenschaftlich, daß ein Bruch nicht ausbleiben konnte und man anscheinend ohne Bedauern auseinander ging. Der Minister zog sich auf seine Güter zurück.

Am Baron zum mindesten wurde niemals ein solches Bedauern sichtbar; wir erfuhren, daß von Versöhnlichkeit in dem Charakter Leopold’s nichts zu finden, wenigstens nichts zu merken war, obgleich man doch wohl annehmen mußte, daß ihm die aufgezwungene Muße und die Entfernung von allen Geschäften, der Verlust des bisherigen unbeschränkten Einflusses aus Alles, was im Lande geschah und was von außen an dasselbe herantrat, mehr als empfindlich fallen mußte. Bemerkbar wurde dies, wiederholentlich gesagt, indessen niemals, und als der Hof in der folgenden schlimmen Zeit der Reaction den treuen, gewandten und starken Rathgeber und Führer zu entbehren begann und Miene machte, wieder mit ihm anzuknüpfen, wich der Baron solchen Bemühungen auf das Entschiedenste aus und bewahrte sich seine stolze Unabhängigkeit, nicht schroff, nicht heftig, sondern in aller gebührenden Schicklichkeit. Denn es muß gesagt werden, daß inzwischen jener Sturm der Leidenschaftlichkeit, der Verbitterung und Härte längst wieder verrauscht war und der Herr den Beobachtenden sich meistens nur noch als der alte liebenswürdige und behagliche Lebemann zu zeigen pflegte.

Das war um so mehr anzuerkennen oder auch gar zu bewundern, als jene Zeit der Härte und Rücksichtslosigkeit nicht nur Stellung und Ansehen des Ministers und Staatsmannes beeinträchtigt und endlich seinen Fall herbeigeführt, sondern auch in seinen Privatverhältnissen zu den traurigsten Folgen geführt hatte, welche nicht so leicht zu vergessen und überwinden sein konnten.

Baron Leopold hatte aus seiner ersten Ehe zwei Söhne gehabt, die den Eltern von Jugend auf mehr Sorgen als Freude machten. Meisterlose Knaben, waren sie zu noch unbändigeren jungen Leuten erwachsen, bei denen man stets nur zu hüten hatte, daß ihre Ausschreitungen gegen Herkommen, Gesetz und sogar Sitte nicht gar zu groß und unverzeihlich werden möchten. Bei dem älteren, August, kam es in der That dahin, daß der Vater ihn entfernen und in die österreichische Armee eintreten lassen mußte – ganz nach dem Wunsch des unbändigen Jünglings, aber sehr gegen den Willen des Ministers. Die Treuenstein hatten seit Jahrhunderten nicht mehr den Degen geführt, und der Baron vermochte sich nicht zu überreden, daß sein Sohn vor Anderen geeignet sei, auf dieser Laufbahn Ruhm und Ehre zu erwerben. Dies Mißtrauen zeigte sich bald leider nur zu gerechtfertigt: die Ausschreitungen nahmen nicht ab, sondern zu, und als August einige Zeit nachher im Duell fiel, mußte selbst der Vater dies Ende fast ein Glück heißen. Dem Unglücklichen stand, wäre er am Leben geblieben, die Verstoßung aus dem Regiment bevor.

Mit dem zweiten Sohne – er hieß Leopold und war seiner Mutter Liebling, während er dem Vater niemals recht nahe gestanden – schien es sich in sofern besser stellen zu wollen, als er durch die Ereignisse, welche seines Bruders Entfernung veranlaßten, augenscheinlich zur Besinnung gekommen war und sich ernstlich zusammennahm und zu keiner Klage mehr Veranlassung gab. Es war ein schöner und liebenswürdiger, glänzend begabter junger Mensch und trotz seiner früheren Tollheiten bei aller Welt beliebt. Man hoffte für ihn auf eine reiche, alles Frühere ausgleichende [163] Zukunft, ja sah in ihm schon den dereinstigen Nachfolger des Vaters und fühlte sich durch die erwähnte Umkehr noch mehr in diesem Glauben bestärkt. Nur der Baron selbst, hegte denselben nicht und war leider auch hier im Recht. Die Nachrichten, welche über des Sohnes Universitätsleben einliefen, hätten auch ein freundlicheres Vaterherz bekümmern und verletzen müssen, und mit einem Male stellte es sich heraus, daß der Student in der Burschenschaft eine hervorragende Rolle gespielt, beim Hambacher Fest gewesen, am Frankfurter Attentat sich betheiligt habe und verhaftet worden sei.

Das traf gerade in jene Zeit, als der Minister von seinem Posten zurückgetreten war und noch eben, wie wir erfuhren, jeder freieren Regung auf das Leidenschaftlichste sich widersetzt hatte. Es ist, zusammengehalten mit allem Uebrigen, daher begreiflich, daß er über seinen Sohn fast ein härteres Urtheil fällte, als die erbarmungslosen wirklichen Richter dieser armen jungen Leute. Er erklärte von dem Sohne nichts mehr wissen zu wollen, bemühte sich selbst nicht für ihn und verbat sich sogar die angebotene Verwendung des Hofes. Leopold theilte daher das Schicksal seiner Genossen, die Verurtheilung zum Tode und die Begnadigung zu dreißig Jahren Festungshaft.

Daß der Vater seine Härte jemals bereut habe, wurde nicht bemerkbar. Als die unglücklichen Jünglinge durch den Gnadenact des Jahres 1840 befreit wurden, lehnte er jede Versöhnung mit dem armen Kinde, ja jede Begegnung bestimmt ab, und als der Sohn diese letztere dennoch suchte und gewissermaßen erzwang, führte sie zu keinem besseren Verhältniß, sondern anscheinend zur völligen Trennung der Verwandten. Der Sohn reiste gleich nach der Unterredung wieder ab und verschwand aus den Augen der Bekannten – die ihm bestimmte jährliche Rente wurde an ein Bankhaus in Frankfurt bezahlt; der Vater nahm den Namen des Entfernten nicht mehr in den Mund, wollte ihn auch von Anderen nicht mehr nennen hören, machte bald darauf sein Testament und bestimmte in diesem die Herrschaft Dernot und sein gesammtes Privatvermögen für die Tochter zweiter Ehe. Von dem großen Treuenstein’schen Majorat war keine Rede. Der Name dessen, dem es freilich nicht genommen werden konnte, schien selbst hier nicht genannt werden zu sollen. Und die alten Diener des Hauses, die den „jungen Herrn“, wie das nicht selten geschieht, von jeher sehr geliebt und stets entschuldigt hatten, flüsterten einander von einem Befehl des Barons an den Rentmeister zu Treuenstein zu: falls Leopold sich bei Lebzeiten des Vaters auf einem der Güter einfinden sollte, habe er, der Rentmeister, ihn allsogleich fortzuweisen und keinen Widerspruch zu dulden.

Mit diesen Ereignissen schien das Schicksal die schweren Schläge gegen den Baron beendigt zu haben. Der nun schon bejahrte Herr lebte fortan Jahr aus, Jahr ein auf gelegentlichen Reisen oder auf seinen Besitzungen in Ruhe und Frieden, mit Glanz und einem seinem fürstlichen Vermögen entsprechenden Aufwand, als großer Edelmann. Von dem Fanatismus, wie wir es wohl heißen dürfen, der ihn in der letzten Zeit seiner Amtsthätigkeit beherrscht und ihn auch während der ersten Jahre seiner Zurückgezogenheit noch entstellt hatte, war nichts mehr übrig geblieben. Die alte Milde, Liebenswürdigkeit und Rücksicht machte ihn seinen Bekannten von Neuem theuer, und wenn er sich, was freilich selten geschah, zu einem Urtheil über die hier und dort herrschenden öffentlichen Zustände, über die Zeichen der Zeit, mit einem Wort über Politik bewegen ließ, so durfte man ein einsichtiges, billiges, und verhältnißmäßig freisinniges erwarten. Zu dem Hofe war sein Verhältniß allmählich wieder ein freundliches geworden. Er selbst war in der Residenz zwar nur ein paarmal wieder gesehen worden, dagegen empfing er von Zeit zu Zeit einen Besuch des Fürsten oder der fürstlichen Familie auf seinem nicht weit von der Stadt belegenen gewöhnlichen Wohnsitz. Zu einem Wiedereintritt in die Geschäfte, oder auch nur zur Annahme einer diplomatischen Mission war er jedoch nicht zu bewegen gewesen.

Der Baron hatte freilich nicht Unrecht, wenn er in solchem Falle einmal angegeben hatte, daß seine gegenwärtigen Geschäfte seine volle Thätigkeit in Anspruch nähmen. Er ordnete auf der erwähnten Besitzung die von seinen Reisen zurückgebrachten Sammlungen und Kunstwerke, er baute das Schlößchen aus und schmückte und putzte an ihm und seinen ohnehin reichen und anmuthigen Umgebungen immer fort; er übte eine großartige Gastfreundschaft gegen die vielen alten Bekannten von nah und fern und gegen die neugierigen Besucher, welche der Ruf der hier aufgestellten Kunstschätze, des prachtvollen Parks, der auf der Besitzung betriebenen Musterwirthschaft anlockte, und widmete sich endlich der Bewirthschaftung und Verbesserung der großen Güter und dem Wohl seiner Untergebenen und Diener mit dem regsten Eifer und der treuesten Sorge.

Nur eine Besitzung gab es, um die der Baron, wenn er sie auch nicht vernachlässigen ließ, sich doch nicht persönlich bemühte, – das war seltsamerweise die Perle von allen, die Herrschaft Dernot. In seinen Knaben- und Jünglingsjahren war er bei dem damaligen Besitzer, seinem Onkel, fast häufiger und länger zu finden gewesen als in seinem Elternhause; er hatte von dort aus auch seine Jugendgeliebte kennen gelernt. Dann war er zu Anfang des Jahrhunderts, wo Dernot bereits seinem Vater zugefallen war, noch einmal ein paar Wochen lang der reichen Jagd wegen dort geblieben und hatte – seitdem die Besitzung mit keinem Fuß wieder betreten. Weshalb, erfuhr man nicht. Baron Treuenstein liebte gelegentlich nichts weniger als eine Anführung der Gründe seines Handelns. Man mußte so oder so sich mit dem Factum begnügen und wohl oder übel vertragen lernen.

Seiner Familie gegenüber, so Viele von derselben noch übrig waren, zeigte er sich als der treueste und großmüthigste Verwandte. Eine unverheirathete Schwester stand seinem Hause vor, und er ertrug die Launen und Wunderlichkeiten der bejahrten Dame mit bester Manier und vielem Humor. Die beiden Enkel einer anderen Schwester, verwaist und durch die Verschwendung ihrer Eltern verarmt, nahm er ganz zu sich und erzog sie wie eigene Kinder. Und sein wirkliches Kind endlich, „die Blume in seinem Dasein und die letzte Hoffnung in seinem Leben“, die schöne Esperance, er- und verzog er mit einer an Abgötterei grenzenden Liebe, mit einer bis zur Schwäche sich steigernden Geduld und Nachsicht gegen ihren Uebermuth, ihre Ausgelassenheit, ihre zahllosen kleinen Launen und Einfälle.

Die Anderen machten es freilich nicht anders. „Die Herrin von Dernot“, wie das Mädchen seit jenem Testament von Verwandten und Freunden, nur nicht vom Vater, wohl scherzhaft genannt wurde, war der Abgott Aller und die Gebieterin über die Person und Familie, das Haus und den Besitz ihres stolzen, vor Niemand sonst sich beugenden Vaters, diejenige, um welche sich alles Leben, man hätte sagen mögen, alles Denken, Träumen und Empfinden der Ihren drehte.




2. Das Glücksrad geht um.

„Sie haben ganz Recht, mein Lieber, es ist etwas d’ran – solch’ ein Morgen auf dem Lande ist nicht übel – notabene wenn man dazu nur nicht immer so deprimirend früh aufstehen müßte!“ sagte der Kammerherr mit einem nicht ganz verborgenen leichten Gähnen, aber auf das Freundlichste, und sein Auge schweifte mit einer Art von Wohlgefallen über den prachtvollen Rasengrund und die nächsten Parkgruppen, welche sich am Fuß der Terrasse hinzogen; „Charmant, wirklich charmant,“ fügte er seinem Begleiter zunickend bei, „wenn man sich herausfindet! Aber dies Wenn – ich bewundere Sie, Baron, daß Sie in Ihrem Alter es durchsetzten.“

Der Baron lächelte. „Nun, nun, Brose, sechszehn Jahre sind lange genug, um sich an etwas zu gewöhnen. Aber ich war von jeher etwas von einem Frühaufsteher. Wißt Ihr noch, Brose, als ich Euch Alle damals zur Morgenpartie der Prinzeß Clementine aus den Betten holte?“

Herr von Brose lächelte gleichfalls: „Ihr waret immer ein Spaßvogel, Treuenstein!“ – Und die beiden alten Herren wandelten behaglich weiter unter dem weiß und blau gestreiften Zeltdach hin, welches die Terrasse und den Frühstückstisch überspannte. Der Schatten war wohlthätig, denn so gar zu früh war es keineswegs mehr, die Sonne hatte die Morgennebel bereits völlig zerstreut, die Ebene, auf welche man durch eine Lichtung hinausschaute, lag, von dem blitzenden Fluß durchzogen, bis zu den fernen blauen Bergen in wunderbarer Klarheit, und der Tag schien die Menschen daran erinnern zu wollen, daß man den September nicht immer mit Unrecht noch zum Sommer rechnet.

Baron Treuenstein blieb wieder stehen. „Sehen Sie hin, mein Freund,“ sagte er hinausdeutend und man hörte es wohl, daß er die Schönheit des Morgens und die Anmuth der Aussicht [164] wirklich tief empfand, „ist das nicht ein voller Ersatz für das bischen Unbequemlichkeit?“

„Charmant, ganz charmant, wie ich sage!“ versetzte der Kammerherr kopfnickend und indem er mit Grazie eine kleine Prise nahm. „Es versteht es nur nicht Jeder zu würdigen. Und wie mir scheint, mein armer Freund,“ fügte er mit einer Art von Schalkhaftigkeit hinzu, während sein Auge die Terrasse überflog und durch die geöffneten Flügelthüren auch in den anstoßenden Musiksaal zu dringen suchte, „giebt es hier selbst bei Ihnen hartnäckige Ungläubige. Unsere Damen –“

„Fehlgeschossen, alter Freund!“ lachte Treuenstein. „Meine Schwester sahen Sie schon – wir besprachen vor Ihrem Erscheinen bereits alles Mögliche, wie Kunigunde es liebt. Die Jungen aber – artig gegen Sie ist’s nicht, allein wie hält man solche Eidechslein? Die sind vermuthlich längst über alle Berge.“

Der Kammerherr wiegte ein wenig ungläubig das Haupt. „Frühstücken sie denn nicht mit Ihnen?“

„Frühstücken – was wissen junge Mädchen vom Frühstücken!“ meinte der Baron launig. „Was wissen sie überhaupt vom Essen? Wie sie’s aushalten, weiß ich nicht, das Capitel von der Ernährung junger Damen ist bekanntlich eines der dunkelsten –“

In diesem Augenblick kam, dem alten Diener nach, der den Kaffeetisch aufzuräumen begann, eine bejahrte Dame aus dem Saale hervor und auf die Herren zu. Sie sah sehr aufgeregt aus, und ihre Finger zitterten nicht minder als ihre Stimme, da sie, den Aermel des Barons fassend und sich zu ihm neigend, flüsterte: „Gott im Himmel, Bruder, sie sind fort – fort!“

So leise, daß der Kammerherr sie nicht hätte vernehmen sollen, waren diese Worte nicht gewesen, allein dem Baron schien es auch gar nicht um ein Geheimniß zu thun zu sein. „Hören Sie, Brose?“ rief er lachend aus, „was sagt’ ich Ihnen? Hinein in’s Blau!“ Und sich gegen die Schwester wendend, fügte er scherzend hinzu: „Also, meine beste Kunigunde, beruhige Dich. Wir sind schon vorbereitet.“

Die Dame hatte während dieser Antwort ihre aus den Halbhandschuhen hervorsehenden Finger mit nervöser Unruhe in einander geschlungen, ja sogar ein wenig knacken lassen. Jetzt senkte sie die Rechte in die Tasche des Morgenkleides und sagte dazu zitternd wie vorhin: „Du mißverstehst mich, Leopold, es ist da nichts zu scherzen – aber ich kann hier –“

Herr von Brose fing den Blick auf, der zu ihm hinüberstreifte. „Meine Freunde,“ sprach er mit einem gewissen theilnehmenden Wohlwollen, „ich bitte Sie! Sie werden doch nicht an mich denken? Ich –“

„Nichts da, Brose, nichts da! Sie bleiben!“ unterbrach Treuenstein ihn etwas ungeduldig, „und Du, liebes Kind, laß es jetzt genug sein. Ich habe unserem alten Freunde eben explicirt, daß die beiden Kleinen einen Morgenritt lieben –“

„Und mißverstehst den Fall gänzlich,“ fiel Kunigunde gleichfalls gereizt ein. „Entschuldigen Sie, lieber Kammerherr, mein Bruder will es so! Es ist keiner von diesen Morgenritten, die mir gleichfalls ein Greuel, obgleich Du sie ja womöglich noch darin bestärkst! Sie sind fort, sage ich Dir, fort –“

„Fort? Was heißt das? Wohin?“ fragte der Baron noch ungeduldiger, fast verdrießlich.

„Gott im Himmel, Bruder, wie Du bist! Wenn wir das wüßten! Ihre Jungfer ist mit, und –“

„Unsinn, Unsinn!“

„Ihre Betten sind unberührt, in den Schränken und Schubladen ist eine gräuliche Confusion –“

„Kunigunde, Du phantasirst!“

„So lies das!“ sagte sie bebend und ihre Finger brachten aus der Tasche ein einigermaßen zerknittertes Billet hervor. „Das lag auf ihrem Tisch – da hast Du es! Das ist Deine sündhafte Nachsicht.“

Der Bruder nahm ihr das Papier aus der Hand. Anfangs runzelte er beim Lesen ein wenig die Stirn, bald aber erholte seine Miene sich immer mehr, und endlich in Lachen ausbrechend, rief er: „Das ist ganz kostbar, Brose! dies geht auch Sie an – schmeichelhaft, bei Gott!“ Und ohne auf das entsetzte „aber Leopold!“ der Schwester zu hören, las er:

     „‚Tante!

Wir wissen es durch Deine Worte und auch aus eigenen Beobachtungen, daß Herr von Heimlingen sich Hoffnung auf Eine von uns macht und von Dir, sowie von Papa Excellenz in solcher Thorheit bestärkt wird. Jetzt, wo auch der Kammerherr vermuthlich in gleicher Absicht auf die Andere anlangte, erklären wir Dir und Papa Excellenz, daß wir unsere Freiheit über Alles lieben und jeden Zwang auf das Tödtlichste hassen. Wir gehen – dann seid Ihr uns los. Suchet uns nicht, – Ihr werdet unser stilles Asyl nicht entdecken. Gedenket unser, wenn Ihr es vermögt, ohne Thränen.
Eugenie. Esperance.‘“

„Spötterinnen, schöne Spötterinnen!“ seufzte Herr von Brose mit einem etwas schmachtenden Aufblick. „Wer hätte solche Bosheit –“

„Warten Sie, Freund! Die Nachschrift!“ unterbrach ihn der Hausherr und las von Neuem:

„‚Nachschrift. Selinde‘ – so haben die Uebermüthigen ihre Jungfer Sophie umgetauft! – ‚Selinde, die Aermste, besteht einen harten Kampf zwischen Liebe und Anstand, zwischen Gehen und Bleiben. Der Himmel erspare Euch den Vorwurf, auch dies sanfte Herz gebrochen zu haben durch die Härte gegen ihre Gebieterinnen. Tröste Du unseren Gast, Tante, und pflanze, wenn Herr von Heimlingen sich wirklich ernstlich erschießt, für uns drei Lilien auf sein Grab.
Die betrübten Obigen.‘“

Der Kammerherr seufzte noch einmal etwas von „schönen Spötterinnen“, der Baron nickte ihm und seiner Schwester vergnügt zu, die Letztere aber sprach mit noch immer zitternder Stimme und nervösem Fingerspiel: „Ich begreife Sie nicht, meine Herren! Ich – das fühle ich! – überwinde diese Effronterie niemals. O, ich habe es Dir oft genug gesagt, Leopold, diese Eugenie ist ein wahrer Unsegen für unser Kind! Ihre Etourderie –“

„Nun, nun,“ unterbrach der Bruder sie mit schalkhaftem Ausdruck, „darüber habe ich, wie Du weißt, meine besonderen Ansichten. Aber schließen wir ab. Sie sind also davon, und dieser Uebermuth verdient eine kleine Lection, die den wilden Vögeln heut’ Abend auch nicht geschenkt sein soll.“

„Heut’ Abend? Täusche Dich nicht!“ jammerte Fräulein Kunigunde. „O, mein lieber Kammerherr, mahnen Sie ihn mit mir zum Ernst! Denken Sie, die beiden wilden Mädchen mit der albernen Zofe – im Lande, der liebe Gott weiß wo und wie! Bruder, es ist kein kindischer Scherz! Es ruinirt sie! Sie haben es mir neulich ja gedroht – Eugenie, mein’ ich –, als ich ihnen ein wenig ernst über Herrn von Heimlingen sprach, der in Deinen und meinen Augen –“

„Meine Liebe, das war zu viel gesagt!“ unterbrach der Hausherr sie mit sich faltender Stirn. „Brose, Sie sind ein alter Freund und dürfen auch Ernsteres hören als diese Thorheiten. Heimlingen ist von guter Familie, wohlhabend, ein ganz artiger junger Mann – er ist unser Nachbar und ist neulich Kammerjunker geworden; man hat ihn bei Hofe gern. Entscheidet sich eines der Mädchen für ihn – gut, ich würde kaum viel einzuwenden haben. Allein zuerst, liebe Kunigunde, muß er sich doch selbst entscheiden, dächte ich, und dann ist auch meinerseits nicht einmal an Zureden zu denken. Beide sollen völlig frei wählen, und vor allen Dingen hat es weder mit der Einen noch mit der Anderen Eile. Ich behalte sie gern noch bei mir. Und nun genug von diesen Thorheiten. Kommt, Brose; wir wollen einmal wieder unsere Stärke im Billard messen.“

Treuenstein’s Sorglosigkeit sollte jedoch alsbald einen etwas ernsteren Stoß erhalten. Seine Voraussetzung, daß die jungen Mädchen auch diesen größeren Ausflug wie gewöhnlich zu Pferde und in Begleitung des alten Leibjägers Jonas unternommen – der Gedanke, daß auch die Zofe habe reiten müssen, machte den Baron sehr heiter –, bestätigte sich keineswegs. Als durch den Kammerdiener Fräulein Kunigundens Schrecken draußen unter den Leuten bekannt wurde, meldete der Gutsverwalter, daß Fräulein Esperance gestern Abend bei ihm für sich und ihre Cousine – so nannten sich die Mädchen – einen Wagen auf drei Uhr Morgens bestellt halte. Man sollte stille sein, damit die alten Herrschaften nicht gestört würden. Natürlich war dem Befehl entsprochen worden. – Esperance war die unumschränkte Herrin des Hauses, und es war auch nicht die erste Fahrt dieser Art. Der Verwalter war bei der Abreise respectvoll zugegen, half den Damen beim Einsteigen, reichte dem Kutscher einen Koffer hinauf und verbeugte sich schmunzelnd, da Esperance ihm zuflüsterte: „Reinen Mund, lieber Herr Müller! Ein Scherz!“

[177] Ueber einen Scherz ging der seltsame Fall aber immer weiter hinaus, als Mittags der Kutscher mit dem leeren Wagen zurückkam und berichtete, daß er die Damen durch die Residenz bis zu einem jenseits gelegenen ärmlichen Dorfe habe fahren müssen; Fräulein Eugenie habe ihm den Namen genannt und Richtung und Wege angegeben. Dort seien sie abgestiegen, er habe den Koffer absetzen müssen und dann Befehl erhalten, zurückzufahren und in der Residenz zu füttern. Seine bescheidenen Vorstellungen seien kurz abgewiesen worden, und nicht anders sei es der Zofe ergangen, welche sehr unruhig gewesen und verweinte Augen gehabt habe.

Auf diese Nachrichten rang Tante Kunigunde die Hände, verfiel der Kammerherr in ein mißbilligendes Erstaunen und faltete selbst der Baron seine Stirn. „Das geht allerdings über den erlaubten Uebermuth hinaus,“ sagte er. „Es wohnt meines Wissens dort Niemand von unseren Bekannten. Was können sie vorhaben? Und – hm, was mir einfällt! – Beide haben sich neulich ihr Nadelgeld[WS 1] auf ein Vierteljahr vorauszahlen lassen!“

Tante Kunigunde stieß einen hellen Schrei aus. „O Bruder, sie sind verloren! Und wir – wir unglücklich für’s ganze Leben!“ jammerte sie.

„Freund, da muß man wahrhaftig Anstalt machen – die unglücklichen Kinder!“ sagte der Kammerherr.

„Geduld, Geduld!“ sprach der Baron schon wieder mit der gewöhnlichen ruhigen Fassung. „Ich erwarte heut’ noch meinen Neffen Joseph, Eugeniens Bruder, der soll ihnen nach. Es macht weniger Aufsehen, woran uns um ihret- und unsretwillen gelegen sein muß. Käme er nicht – nun, dann würde ich selbst morgen früh fahren und ein Exempel statuiren. Aber es kommt nicht dazu, hoffe ich. Es wäre ja mehr als Tollheit!“

„Ja, die Eugenie!“ stöhnte die Tante beinahe weinend. „Ach, Esperance, mein Kind, daß Du Dich so verführen lassen kannst!“

Der Tag war dem Baron nicht günstig, auch seine letzte Berechnung traf nicht zu. Der Wagen, den man dem Neffen in die Residenz geschickt, kam leer zurück, und der Brief, den die Posttasche von dem Erwarteten brachte, war auch nicht geeignet, des Barons Stimmung zu verbessern. Joseph war auf der Rückkehr aus der Schweiz in Mannheim mit Bekannten zusammengetroffen und hatte sich von ihnen bereden lassen, in ihrer Gesellschaft noch eine Rheinfahrt bis Köln zu machen. Das Vergnügen gönnte der Onkel dem Neffen gern, allein wann kam derselbe nun zurück? Und der Gedanke, nun wirklich selber den Entflohenen nachreisen zu müssen, wodurch die „Dummheit“, wie er es jetzt zürnend hieß, nur immer bekannter wurde, erregte den alten Herrn so sehr, daß selbst Tante Kunigunde von ihrem Jammer schwieg und den Bruder zu beruhigen suchte. Sie wußte am besten, wie sehr man sich mit ihm in Acht nehmen mußte, wenn man die gewöhnliche Ruhe und Fassung nicht auch jetzt noch einmal plötzlich in das gerade Gegentheil umschlagen sehen wollte. Es gab, wenn auch seltene Beispiele, die erschreckend genug bewiesen hatten, daß der alte Dämon noch immer nicht ganz besiegt und ausgetrieben sei. Er schlummerte nur, und es bedurfte zuweilen sehr wenig, ihn erwachen und sich finster aufbäumen zu lassen. Davon sollte man, trotz Kunigundens Vorsicht und des Kammerherrn ihr bereitwillig geleisteter Hülfe, noch heut’ eine Probe erhalten.

Gegen Abend, als die drei alten Leute im kleinen Salon mißmuthig beieinander waren und das Schweigen gar zu drückend wurde, sagte der Kammerherr, der bisher, zuweilen mit verhaltenem Gähnen, in den Zeitungen geblättert hatte, plötzlich lebhafter: „Ei, ei, Baron, wir haben ja noch gar nicht darüber gesprochen! Was sagen Sie denn zu diesen Vorgängen in Berlin, dem vereinigten Landtag mit all’ seinen Rednern und Reden, und –“

„Sie sprechen es aus, Brose: Redner und Reden,“ warf der Baron hin, ohne seine Promenade durch das Gemach zu unterbrechen; aus seinem Tone schon konnte man abnehmen, wie verstimmt er war. „Oder allenfalls, wie jenes Witzwort es bezeichnete: eine Examinationscommission für die Herren Minister, die schlecht genug bestanden.“

„Unser Allergnädigster meinte einmal: diese – diese Zustände erinnerten ihn ganz seltsam an jene Notabeln von Anno siebenundachtzig,“ bemerkte Brose nach einer Weile nachdenklich.

„Notabeln – Anno siebenundachtzig – in Deutschland, Preußen – bah!“ erwiderte Treuenstein wegwerfend. „Sturm in einem Glase Wasser! – Man gießt es aus, da ist’s vorbei.“

Tante Kunigunde winkte dem Kammerherrn mit den Augen zu. Der Ton, in dem der Bruder das sagte, und noch mehr die aus seinen Worten hervorbrechende verächtliche Zurückweisung eines in seinen guten Stunden von ihm selbst für nothwendig und billig erkannten Nachgebens und Fortschreitens erschreckten die würdige Dame nicht wenig, es mußte bös in dem Baron aussehen! und sie athmete ordentlich erleichtert auf, als in diesem Moment die Thür geöffnet wurde und Herr von Heimlingen hereintrat. Der junge Nachbar war, wie verhältnißmäßig kühl Treuenstein [178] sich vorhin auch über ihn geäußert hatte, der Familie neuerdings so nahe getreten und ein so häufiger Abendgast geworden, daß die formelle Meldung durch einen Diener meistens unterblieb.

Man begrüßte sich – von Seiten der Hausgenossen und selbst des Barons mit einem gewissen erleichternden Aufathmen; Tante Kunigunde fand ein schmeichelhaftes, Treuenstein ein neckendes Wort, der Kammerherr entdeckte zu seiner vollsten Genugthuung, daß die Eltern des Ankömmlings ihm bekannt gewesen und daß seine Mutter für eine der ersten Schönheiten ihrer Zeit gegolten. Der junge Mann ging auf Alles heiter und schicklich ein, und die Hausgenossen fingen an, sich wenn auch nicht behaglich, doch beschwichtigt und von dem verdrießlichen Thema des Tages abgezogen zu fühlen. Man lachte sogar herzlich über ein paar vertraulich vorgetragene neue Hofanekdoten.

In einer kleinen Pause ließ Heimlingen sein Auge suchend das Gemach durchfliegen, und indem er den Blick dann über den Baron hin zu Tante Kunigunde zurückgleiten ließ, sagte er leichthin: „Ihre jungen Damen scheinen von ihrem geheimnißvollen Ausfluge noch nicht zurückgekehrt zu sein, mein gnädiges Fräulein?“

Tante Kunigunde erschrak so sehr, daß sie die Tasse des Kammerherrn, die sie eben von Neuem an der Theemaschine füllte, beinah hätte fallen lassen. Wie kam der Nachbar zu dieser Kenntniß, und nun auch so unglücklich damit heraus? Auf des Bruders Stirn zeigte sich wahrhaftig schon die nur zu wohlbekannte, jähe Röthe, und ein paar tiefe Falten erschienen noch bedenklicher – wenn die während des ganzen Tages angesammelte Gereiztheit nun doch und gerade vor Heimlingen zum Ausbruch kam! –

Sie warf einen flehenden Blick auf den Bruder, zu Brose hinüber, als könne und müsse der eine Diversion versuchen. Aber indem fügte das Unglückskind von Nachbar schon harmlos hinzu: „Das Adieu, das die Herrin von Dernot dem Rittmeister Seebach zurief, war also, wie es scheint, recht ernst gemeint! – Diese Reise ist aber sehr rasch gekommen. Vorgestern wenigstens erwähnte die schöne Herrin –“

„Mein werther Herr Nachbar,“ unterbrach ihn der Baron, und seine Stimme vibrirte so eigenthümlich, daß die Schwester noch stärker zusammenzuckte und der Kammerherr ganz bestürzt aufschaute, „vor Allem bitte ich Sie, diesen albernen Sobriquet aufzugeben; es wird hoffentlich niemand meiner Tochter den Namen Treuenstein streitig machen und sie selbst sich dessen nie zu schämen haben –“

„Aber, Excellenz,“ sagte Heimlingen erschrocken.

„Verzeihen Sie,“ unterbrach der Baron ihn jedoch ungeduldig. „Ich mußte das einmal sagen, das Wort ist mir fatal – freilich, hier im Hause weiß man das längst und ärgert mich dennoch damit. Allein genug davon! Sie sprachen von einem Ausfluge und einem Adieu meiner Tochter zu Herrn von Seebach. Wie habe ich das zu verstehen?“

Wir wissen nicht, ob Heimlingen sich mehr nur bestürzt oder wirklich auch verletzt fühlte durch diesen noch nie vernommenen und sicherlich durch nichts gerechtfertigten Ton des Hausherrn. Jedenfalls klang seine Stimme bewegt, da er entgegnete: „Excellenz, ich bedauere unendlich, ein Ihnen nicht angenehmes Thema berührt zu haben. Ich war heut’ Morgen in der Stadt und erfuhr von Seebach, daß er, ganz früh mit der Schwadron ausrückend, dem Wagen der beiden Damen begegnet sei und von einer derselben – er meinte, von Fräulein von Treuenstein – ein munteres Adieu vernommen habe. Ich wollte ihm das nicht glauben – es war ja bisher gar keine Rede von einem solchen Ausfluge.“

Die verhältnißmäßig lange Rede und der artige Ton des Nachbars, Kunigundens bittender Blick und die sichtbare Mißbilligung Brose’s hatten den Baron vielleicht im Verein mit dem Bewußtsein, daß er zu weit gegangen und obendrein die verlangte Geheimhaltung selber fast unmöglich gemacht, sich inzwischen wieder fassen lassen. „Mein werther Nachbar,“ sprach er daher auch um Vieles milder, „halten Sie mir meine Worte zu gut. Sie finden uns Alle verstimmt, und ich bin es am meisten, weil die beiden thörichten Kinder fast ein wenig gar zu stark auf meine Nachsicht gesündigt haben. Dieser Ausflug war besprochen und auch gewissermaßen erlaubt – zum Vetter Gentheim auf Moosen –, aber erst in einigen Wochen. Und nun fahren sie, ohne uns zu avertiren, schon heut’ und bei Nacht und Nebel davon.“

Heimlingen lächelte wieder. „Wenn man die Ehre hat, Fräulein von Treuenstein und besonders Fräulein von Herrenroth zu kennen, so dürfte –“

„Siehst Du, Bruder, auch Herr von Heimlingen nennt unsere Nichte die Anstifterin!“ rief Kunigunde lebhaft dazwischen.

„Bah, bah! Gleiche Brüder, gleiche Kappen!“ sagte der Baron hörbar von Neuem ungeduldig. „Ich werde ein Exempel statuiren. Die dummen Kinder müssen denn doch ihren Herrn – was giebt es, Ernst?“ unterbrach er sich, gegen den alten, eben eintretenden Kammerdiener gewendet.

„Excellenz, es ist eben ein Feldjäger angelangt mit einem eigenhändigen Schreiben Seiner königlichen Hoheit, das er Befehl hat, Euer Excellenz selber zu übergeben,“ meldete der Diener.

Der Hausherr zuckte die Achseln. „So entschuldigt mich, meine Herrschaften,“ sprach er, „da ist freilich nicht zu säumen, obgleich ich mir nicht denken kann, was Serenissimus mir augenblicklich befehlen könnte. – Ich hoffe in der That nichts Besonderes – es träfe sich in diesem Moment wirklich recht ungeschickt. Ich denke gleich wieder da zu sein!“ und der Gesellschaft zunickend, verschwand er durch die Thür seines anstoßenden Cabinets.

Die Zurückbleibenden, oder vielmehr der Kammerherr und Herr von Heimlingen, setzten die Unterhaltung fort, so gut es gehen wollte, wobei die gedachte Bekanntschaft des Ersteren mit den Eltern des jungen Mannes, so wie allerlei Zustände und Verhältnisse der beiden Höfe glücklicherweise einen ziemlich ausreichenden und unverfänglichen Stoff liefern konnten. Fräulein von Treuenstein zum mindesten dankte ihrem Gott dafür innerlich auf das Innigste, denn sie fühlte sich zu jeder ergiebigen Betheiligung an dem Gespräch beinah unfähig. Heimlingen’s Erscheinen gerade am heutigen Tage hatte schon ihre mühsam errungene Fassung gefährdet, und des Bruders Heftigkeit, des Gastes Erklärung, Leopold’s Ausrede, die sich so leicht als unwahr erweisen konnte, – alles dies hatte bunt durcheinander ihr Stoß auf Stoß gegeben und wirkte, je länger sie es durchgrübelte, desto schlimmer nach.

Dazu kam nun noch die Botschaft des Fürsten, die nicht gerade gewöhnlich genannt werden konnte, und das Ausbleiben des Hausherrn. So still, wie es zuweilen in dem kleinen Kreise wurde, hörte man trotz der festen Bauart des Hauses nicht nur den Hufschlag, da der Bote wieder fortritt, sondern auch den Schritt des Barons, der in seinem Gemach unaufhörlich unruhig auf und ab zu gehen schien. Dies machte nach und nach selbst auf die beiden Herren einen unbehaglichen Eindruck, und Heimlingen schied endlich, für die Hausgenossen kaum zum Trost. Denn Beide sagten sich und sprachen es auch gegen einander aus, daß der Nachbar nothwendig gemerkt haben müsse, wie nicht Alles recht sei. Dazu erinnerte sich die Tante, daß der „Liebling“ Neuigkeiten zu erfahren und auch zu verbreiten liebe – mit dem Geheimniß war es sicherlich also schon morgen zu Ende, denn über Heimlingen herrschte man nicht wie über die Leute im Hause. Das hatte gerade noch gefehlt! Die unseligen Kinder!

Der Hausherr erschien erst zum Abendessen wieder, er war finster und still; und da der Kammerherr einen kleinen Scherz versuchte und fragte, ob man vielleicht zu einer besonderen Gnade gratuliren dürfe, – versetzte der Baron mißmuthig: „Seid nicht thöricht, Brose, und macht mir nicht auch noch den Kopf kraus. Gnade oder nicht Gnade – Erfreuliches kommt mir von dort nicht. Gleichviel aber – sprechen darüber kann ich nicht,“ fuhr er nach einer Weile fort und sein großes braunes Auge heftete sich auf den Gast mit einem, man hätte fast sagen mögen, herzlichen Blick. „Aber etwas Anderes muß ich sagen: Ihr könnt mir einen Freundschaftsdienst leisten – wir sind ja uralte Freunde! – Ich kann morgen diese unsinnige Entdeckungsreise nicht mitmachen – ich muß zum Herzog und weiß nicht, ob ich vor einigen Tagen frei sein werde. Ihr müßt allein fort, Brose – die dummen Kinder müssen wieder her! Ich gebe Euch meinen alten Leibjäger Jonas mit – der ist Beider Vertrauter und kennt sie besser als wir und obendrein Weg und Steg im ganzen Lande.“

„Aber, mein bester Treuenstein!“ wandte der Kammerherr schüchtern ein.

„Machen Sie keine Winkelzüge, Brose,“ unterbrach ihn der Baron entschieden – schon das plötzliche „Sie“ zeigte das Ende der Vertraulichkeit. „Ich muß und Sie müssen. Und wenn Sie wirklich noch der alte Freund sind, sitzen Sie morgen früh sechs Uhr auf dem Wagen. Ritterdienst, Brose!“

[179] Der Kammerherr nahm seufzend seine Prise und schüttelte fast schwermüthig das kleine Haupt.

Als der Gast zur Ruhe war, Tante Kunigunde aber noch sehr unruhig und mit nervösem Händeringen in ihrem Zimmer hin und her ging, wurde sie durch den plötzlichen Eintritt des Bruders überrascht.

„Sei still und mache keinen Lärm,“ sagte er, da sie Miene machte, ihren Schreck laut werden zu lassen, in scharfem Tone. „Ich komme nur, um Dir zu zeigen, was ich heut’ Abend erhalten habe, und Dich zu fragen, ob Du das verstehst. Da, lies das einmal,“ fügte er hinzu, ihr den fürstlichen Brief reichend, sichtbar ungeduldiger von Minute zu Minute, da die würdige Dame vor Allem sich schamhaft in ein großes Tuch hüllte – den Kragen, der tagsüber ihren Hals noch über dem Kleide beschirmte, hatte sie schon abgelegt –, dann die Brille suchte, abwischte, aufsetzte und nun erst zu lesen begann.

„Mein lieber Baron von Treuenstein,“ schrieb der Fürst, „es wurde heute eine Schrift in meine eigene Hand gelegt, die ich Ihnen communiciren möchte, weil sie nicht nur Ihre Herrschaft Dernot betrifft, sondern auch Vorgänge und Ereignisse heranzieht, die, wenn sie wahr sein sollten, unter meinen und Ihren Vorgängern stattgefunden haben müssen. Mir ist von diesen Dingen gar nichts bekannt, und Ihnen wird es vermuthlich nicht anders gehen. Kommen Sie morgen zu mir, damit wir der Sache gemeinsam nachforschen und überlegen, wie man ein Aergerniß, aber auch eine Ungerechtigkeit vermeidet.

Excellenz, ich bin wie immer Ihr freundlich gesonnener

Wilhelm, H.“

Kunigunde ließ das Blatt auf den Tisch sinken und sah, unwillkürlich ihr Tuch zusammenziehend, den Bruder wie völlig betäubt an. Er hatte inzwischen seine Ungeduld überwunden und stand vor ihr in seiner gewöhnlichen, ruhigen, festen Haltung. Da ihr Schweigen aber gar zu lange währte, sagte er endlich mit festem, man hätte sagen mögen, eiskaltem Blick: „Verstehst Du das? Du mußt auch davon gehört haben!“

„Aber, gerechter Gott,“ brach sie jetzt aus und zitterte dabei so, daß das Tuch von ihren Schultern sank; „es war ja Alles in der besten Ordnung! Der Großonkel starb ohne Testament, der August hat niemals ernstliche Ansprüche gemacht. Er ging freiwillig fort und soll ja längst gestorben sein. Anders – anders ist es mir –“

„So, so,“ unterbrach er sie, und sein Blick war noch ebenso kalt und sein Ton frostig, beinah geschäftsmäßig, „daran denkst also auch Du. Ich that das anfangs auch, dann kam mir aber noch etwas Anderes in den Sinn, von dem Du vielleicht nicht gehört hast. Serenissimus schreibt hübsch vorsichtig, es ist daher gut, gegen alle Schläge gerüstet zu sein. Selbst Du siehst aber ein, daß hier von Säumen, von Ausweichen keine Rede sein darf. Ich muß zum Fürsten und kann nicht wissen, was weiter nothwendig sein wird; vielleicht muß ich gar nach –“ und seine weißen Brauen zogen sich für einen Moment fest zusammen, „nach dem Nest hinüber. Die Kinder muß ich Brose überlassen, – dies geht über Vaterpflicht und Vaterliebe hinaus. Du aber hier – halte Deine Sinne zusammen und laß nichts unbeachtet, man machinirt gegen uns. Melde mir Alles, schicke mir alle Briefe in unser Haus. Man wird dort stets von mir wissen. Und wenn die Kinder kommen,“ fügte er fast milde hinzu, „sage ihnen die Wahrheit und zwar recht ernstlich. Dann aber laß es auch genug sein. Adieu, Schwester.“

Am folgenden Morgen zur bestimmten Stunde fuhr der Kammerherr seufzend zur Residenz und weiter, und auch der Trost, den er anfangs in der Begleitung des Barons zu finden gemeint, wurde ihm verkümmert, denn Treuenstein sprach unterwegs fast gar nicht.




3. Ausgeflogene Vögel.

Droben auf der Höhe waren sie nun freilich, und unter anderen Umständen hätten sie sich auch des Platzes und der von ihm aus sich öffnenden Aussicht wohl erfreuen dürfen. Zur Rechten wie zur Linken breitete sich neben der Hügelreihe, deren höchsten Kamm sie glücklich genug getroffen, ein Thal aus, von dessen Fruchtbarkeit die Felder zeugten, die nun schon allerdings abgeerntet, hier und da aber auch bereits von Neuem bestellt waren, dessen Matten noch ein tiefes, sattes Grün zeigten, während die freilich schon vielfach gelichteten Waldstrecken in so frischem Laube standen, als sei der Herbst noch lange nicht bis zu diesen Revieren gelangt. Rechts herrschten diese Wälder vor, sie kletterten die Hügel hinan und stiegen auch hin und wieder auf der Gegenseite ein wenig hinab, so daß man nur durch die Lichtungen einen Ausblick erhielt auf einzelne Felder, Wiesen und neue Waldungen; links waren von ihnen aber nur noch vereinzelte Gruppen und Gebüschstrecken übrig geblieben, und der Blick schweifte ungehindert hinaus über die volle Thalweite bis zu ihrem Hintergrund von bewaldeten Hügeln.

Nach vorn hinaus, wo die Hügelreihe zu Ende lief, mochten sich die Thäler vereinigen. Man sah weit, weit hin über stille Gründe. Und immer enger wurde der Raum und immer enger, denn von beiden Seiten traten dort nicht mehr Hügel, sondern schon wirkliche Berge heran, und hier und dort ragte aus dem dunklen Grün ihrer Tannen eine kahle, rauhe Kuppe trotzig hervor. Und dann kamen höhere Gipfel und immer höhere – das Waldgebirge war also wirklich endlich vor ihnen, nach dem sie nun schon lange vergeblich ausgeschaut. Und die Luft war so seltsam klar, daß selbst das Fernste nahe gerückt erschien, daß sie an den Felsenstirnen drüben, die vom Sonnenlicht zum Theil noch scharf beleuchtet wurden, die Sprünge und Abstürze schroff hervortreten sahen, und trotz des Schattens, der dort herrschte, die fernsten Matten erkannten, die in schmalen Streifen sich zwischen dunklen Tannensäumen bergaufwärts drängten.

Allein von Menschen sahen sie nichts, und von ihren Wohnungen ließ sich weder nah’ noch fern etwas entdecken; es zeigte sich nirgends etwas, das einer Straße, einem wirklichen, häufiger benutzten Wege ähnlich gesehen hätte, denn den Waldpfad, auf den sie zuletzt gerathen waren, konnten sie kaum dafür gelten lassen, und wo sie von ihm zur Höhe hinaufgestiegen, war er ja auch anscheinend völlig zu Ende gewesen. Rechts aus dem Thal kam zwar eine Art von Fußsteig herauf und lief über ihre Höhe links wieder hinab; allein auch er schien nur wenig betreten zu werden und es mochte ihn vielleicht nur ein Forstmann benutzen, der das Revier beging, oder wer Beeren sammelte oder Kräuter. Die fragen nicht nach der Nachbarschaft der Menschen, noch nach Entfernung und Bequemlichkeit ihres Pfades. Und wie man auch horchte, nirgends ließ sich ein Laut vernehmen, war es doch selbst im Walde todtenstill.

Der Platz war in Wahrheit wundersam günstig gelegen und wie geschaffen zu einem Ruhepunkt für Jemand, der, müde vom Wandern, Zeit findet, ein wenig zu säumen, und neben den Gliedern auch Augen und Herz sich ruhen und erfrischen lassen will, Müde aber waren sie, die hier ruhten, das merkte man wohl, wenn man sie so lässig hingestreckt sah an der moosigen Wurzel der uralten Eiche, oder auf dem feinen Grase, das einen Theil des Hügels überzog. Und daß sie auch Augen hatten für das, was sich vor ihnen aufthat, und daß ihre Herzen sich des Zaubers bewußt waren, der sie umgab, das durfte man gleichfalls glauben. Da sie die Höhe erreicht hatten, war eine Stimme laut geworden, jung und frisch und mit innigem Klang: „O, wie schön! Wie zauberhaft schön! Lohnt das nicht alle Mühe?“ – Und eine andere, nicht minder reine, hatte hinzugefügt: „Ja – zauberhaft, das ist’s! Laß uns hier ein wenig säumen.“

Und daß sie das wirklich thaten, schon das sprach für ihre Müdigkeit nicht nur, sondern auch für den Zauber des aufgerollten Bildes; mancher Andere dürfte nach kurzer Umschau nur um so rascher weitergeeilt sein. Denn jetzt, da sie weit hinausblicken konnten, erkannten sie, daß der Schatten, welcher über die Gegend gekommen, wirklich den Grund hatte, den die Schwüle des Tages sie bereits hatte fürchten lassen: rechts, hinter den Waldbergen hervor, stieg das Gewitter höher und höher mit gewaltigen, düsteren Massen, die Sonne hatte es schon bedeckt und die Wolkenspitzen drängten sich schreckhaft schnell über den Zenith in den Osthimmel hinüber. Und immer schwärzer noch quoll es von drunten nach, und jetzt zuckte dort der erste Blitz. Den Donner freilich konnte man noch nicht vernehmen.

„Na ja, da ist’s! Dies fehlte uns noch gerade!“ sagte der junge Mann, der bei der Gesellschaft war, und erhob sich von der Eichenwurzel, wo er bisher geruht. „Ich habe von Anfangs an diese Thron- und Krönungsfahrt für eine exquisite Thorheit gehalten und mich laut und leise wegen meiner Schwäche gegen Euch angeklagt. Nun aber – en avant, Mesdames! Oder [180] wollt Ihr Euch und mich hier auf diesem angenehmen Punkt von dem Wolkenbruch ertränken lassen?“

„Wie unlogisch, Joseph!“ klang die lustige Antwort. „Das würde doch drunten im Thal noch viel früher stattfinden! – Aber Dein Schelten ist ganz überflüssig, denn geht’s uns eine Viertelstunde schlecht, so ist kein anderer Mensch schuld daran als Du.“

„Ich? Wie logisch, Cousine!“ rief er lachend aus.

„Freilich ist’s logisch,“ versetzte die Dame munter. „Hättest Du uns die hübschen Männerkleider anlegen lassen, gestrenger –“

„Damit die Thorheit zur Tollheit geworden wäre und die Leute uns erst recht für Vagabunden gehalten hätten! Sie haben uns, mein’ ich, ohnehin schon mit ganz curiosen Augen angesehen!“

„Wie unlogisch, Joseph! So veraltet ist das Fußwandern doch noch nicht, daß drei junge Burschen –“

„Bursche? Der Teufel hätte Euch für Bursche gehalten! Wäret Ihr wenigstens wie Tante Kunigunde, da hättet Ihr doch einen Bart.“

„Wie unartig, Cousin! Schäme Dich!“

Das Gespräch war lebhaft und rasch geführt worden, trotzdem hatten aber die paar Minuten hingereicht, die Wolken immer drohender heraufrücken und sich entwickeln zu lassen, und da eben einem neuen, grelleren Blitz ein wirklich hörbarer Donner folgte, ließ der junge Mann die letzte Bemerkung der Dame unbeantwortet und sagte eifrig und in besorgtem Tone: „Vorwärts, Kinder, vorwärts – rasch! Es wird mehr als ernst, scheint’s! Und kein Obdach in der Nähe!“

Die dritte Person, welche sich auf der Höhe befand, hatte auf das Gespräch der anderen Beiden anscheinend wenig geachtet. Auf dem Rasen gelagert und den Kopf auf den Arm gestützt, hatte sie schweigend und mit stillem Blick in die Ferne hinausgesehen, die sich auch jetzt noch in fast unheimlicher Klarheit vor ihr öffnete. Bei des Begleiters Mahnung erhob sie, ohne sich sonst zu bewegen, den Arm und ein feiner Finger deutete in die Gegend. „Was ist das?“ fragte sie dabei, – „ein Felsen oder ein Gebäude?“

Die beiden Anderen ließen überrascht ihre Augen der angegebenen Richtung folgen und erblickten bald, was die Fragende gemeint. Dort hinten, allerdings ziemlich entfernt, erhob sich aus dem Thal ein vereinzelter Hügel, der bis an den Gipfel mit Wald bedeckt war. Allein droben standen die Stämme lichter, und zwischen ihnen konnte ein gutes Auge allerdings etwas bemerken, das die Frage rechtfertigte.

Der junge Mann langte rasch ein kleines Fernrohr hervor und brachte es an’s Auge. „Ein Haus – ein Schloß!“ rief er dann, „ich sehe Fenster. Das könnte in der That Dernot sein! Aber, bis wir dahin gelangen –“

„Siehst Du nicht ein weißes Tuch wehen, Cousin?“ unterbrach ihn die erste Sprecherin. „Selinde wird ja, so Gott will, dort in Sicherheit sein und schmachtend nach uns ausblicken!“

In diesem Augenblick wandte der große, weiß und schwarz gezeichnete Neufoundländer, welcher sich bisher neben der munteren Sprecherin gehalten und seine Ohren ihren Fingern willig überlassen hatte, plötzlich mit hastigem Ruck den Kopf und richtete seine Augen mit ernstem Blick bergabwärts. Eine Bewegung in den nächsten Büschen rechtfertigte diese Aufmerksamkeit, und gleich darauf wichen sie auseinander und hervor trat, vom raschen Steigen in der drückend schwülen Luft erhitzt, ein Jägersmann, den kleinen Hut mit einer Spielhahnfeder und die Flinte in der Hand. Er stutzte und stand, die Gesellschaft musternd. Sein Hühnerhund sprang mit sich sträubendem Haar dem Eindringling in sein Regime entgegen, der sich indessen mit vollster Gravität erhob und der anstürmenden Hastigkeit die würdigste Ruhe entgegensetzte.

Der Jägersmann stand und sah die Gesellschaft eine Secunde lang überrascht an. „Was denn – guter Leute Kinder auf dem Vorbühl? Und gar Damen?“ rief er dann, „aber meine Herrschaften –“

„Na Gottlob, doch ein Mensch!“ unterbrach ihn der junge, Joseph genannte Mann. „Und nun, Jäger, ein Obdach, daß wir nicht fortgeschwemmt oder geweht werden!“

„Da wird’s freilich Zeit,“ sprach der Andere lebhaft, dessen blitzendes braunes Auge inzwischen die Gesellschaft von Neuem überflogen hatte und dann mit einem weniger neugierigen als ernst forschenden Ausdruck auf der Dame haften geblieben war, die das Gespräch mit dem Cousin geführt. „Sehen Sie hin – da kommt’s schon!“ fuhr er fort und deutete mit raschem Armschwunge gegen die Wälder im Thal, durch deren Kronen der Sturm brausend daherflog, während hier oben sich kaum ein Blatt rührte. „Und dort hinten schüttet’s schon! Vorwärts! Schürzen Sie Ihre Kleider auf, meine Damen, wir müssen laufen! Achten Sie auf das Fräulein neben Ihnen, mein Herr; ich werde das andere bitten, mir zu vertrauen. Rasch! Vorsicht, den Bühl hinab!“

Und damit eilte er mit festem, sicherem Tritt die ziemlich steile Senkung des Hügels auf dem schmalen Fußsteige hinab, nicht eine Secunde zu früh, da der Sturm eben auch hier angelangt war und die Gebüsche bis zum Boden beugte und selbst die alte Eiche stöhnen ließ. Drunten, hinter ein paar Büschen zeigte der Pfad sich breiter, da hielt er ein paar Augenblicke an und bot seiner ihm nahe folgenden Begleiterin mit ungezwungenem Anstand den Arm. „Fürchten Sie sich nicht,“ sagte er dann und sein Auge traf ermuthigend das ihre, „es wird noch Alles gut gehen; wenn uns nur der Bach keinen Spuk macht, sind wir in zehn Minuten unter Dach.“

Das andere Paar folgte so nahe, daß es die Worte vernahm und den Blick sah, und wie rasch sie auch weiter eilten, sagte die Dame, welche an Joseph’s Arm hing – es war diejenige, welche den Bau in der Ferne entdeckt hatte – doch leise zu ihrem Begleiter: „Ein eigenthümlicher Mensch, Joseph! Fällt Dir nichts auf an ihm?“

„Seine Ungezwungenheit, meinst Du, die Raschheit und doch die guten Manieren, Eugenie?“ fragte er. „Allerdings, es muß eben ein –“

„Nicht doch, nicht doch!“ unterbrach sie ihn lebhaft. „Sahest Du nicht, wie seltsam ähnlich er Esperance ist? Achte einmal darauf. Zug für Zug – Haar, Augen, Alles! Und ich wette, er fand das schon selbst. Er schaute sie gar zu überrascht an.“

„Was Du wieder einmal siehst!“ lachte er.

[193] Der Sturm war schon über die Wanderer hingebraust, nur zuweilen noch fuhr ein einzelner Stoß durch den Busch über Matten und Felder; dafür aber folgten die Blitze einander grell und rasch, und der Donner, durch den Widerhall fortgepflanzt, rollte fast ohne Aufhören ihnen zu Häupten. Und nun begann auch der Regen stärker und stärker zu fallen, und von vorn klang ein von Schritt zu Schritt sich vermehrendes dumpfes Rauschen ihnen entgegen.

„Das hab’ ich gefürchtet – es stand gar zu schwarz über dem Gebirge, und nun kommt das Wasser schon! Wenn der Steg nur hält!“ sagte der Jägersmann in sorglichem Ton, ohne jedoch darum seine Eile zu mäßigen. „Aber nur Muth und ein wenig Vertrauen, mein Fräulein!“ fügte er mit einem bereits wieder ermuthigenden Lächeln hinzu; „wir kommen doch noch vor dem Aergsten hinüber, und für trockene Kleider wird schon Rath werden.“

„Nur vorwärts – ich bin nicht ängstlich und nicht zärtlich, mein Herr!“ versetzte seine Begleiterin munter, und ihr Auge, dessen Braun doch um mehrere Nuancen heller war als das des seinen, begegnete ihm mit fröhlichem Blicke. „Aber um Die dort hinter uns ist mir’s, die –“

„Da sind wir – der Steg hält noch! Aber rasch, rasch!“ rief der Jäger.

Aus dem Gebüsch tretend, sahen sie den rauschenden Bach nahe vor sich. Rechts kamen die Wasser, wie es schien, eine kleine Höhe im Sturz herunter – der Regen fiel so dicht, daß man nur auf wenige Schritte um sich zu schauen vermochte – und füllten das tiefe Bette fast bis an den Rand mit wildem, wirbelndem Gebrause. Jenseits sah man die undeutlichen Umrisse eines anscheinend stattlichen Mühlengebäudes, aber der Weg zu demselben führte über einen allerdings sehr kunstlosen und in diesem Augenblick gefährlichen Steg – zwei Balken nur lagen, fest aneinandergeschoben, von Ufer zu Ufer, kaum glatt behauen, ohne Geländer, und die Wellen spritzten darüber und machten sie schlüpfrig, und bei der sichtbar steigenden Gewalt der Wasser war die Sorge keine leere, daß im nächsten Moment schon die arme Brücke gehoben und fortgerissen werden dürfte.

Der Jäger sprang auf den Steg. Sein Auge flog bachaufwärts, dann zurück auf seine Begleiterin, das folgende Paar. „Es geht – aber mit festem Fuß! Oder – soll ich Sie tragen?“

Zur Antwort trat sie mit einem fast ein wenig spöttischen Lächeln an ihm vorüber und schritt rasch und sicher vorwärts. Die andere Dame folgte ihr nicht minder entschlossen, wenn auch mit ruhigem Blick dem augenscheinlich bewundernden Auge des Jägers begegnend.

„Mein Compliment, mein Herr!“ sagte der Letztere heiter, da er jetzt dem gleichfalls vorübergehenden Joseph sich anschloß. „Das laß’ ich mir gefallen! Da darf man schon eine Fußreise riskiren und sich obendrein auch verirren.“

Es war ein günstiger Augenblick gewesen, da sie den Steg passirten. Der Regen war ein paar Secunden lang weniger dicht gefallen und hatte ihnen einen freien Blick gestattet. Nun aber, da auch der Jäger eben vom Balken auf das Ufer sprang, zuckte ein greller Blitz und der Donner brüllte hinterdrein, wie sie’s heut’ noch nicht vernommen, und zugleich war es, als öffneten sich nun erst die Schleußen der Höhe, so stürzten die Regenfluthen wolkenbruchartig herab; die Damen hatten kaum das kleine Vordach erreichen können, das über der Thür der ganz nahen Mühle schirmend hervortrat.

„Was den Kukuk – gar Damen?“ sagte ein großer, hagerer und ersichtlich sehr alter Mann, der neben ein paar anderen, jüngeren Menschen in der Thür stand, um den Gang des Wetters zu verfolgen oder vielleicht auch der natürlich schon bemerkten Gesellschaft entgegen zu sehen. Seine Stimme klang tief und voll aus der kräftigen, breiten Brust hervor und sein Auge ließ aus dem scharfblauen Stern einen, wenn auch ein wenig düsteren, doch schier jugendlich scharfen Blick hervorbrechen. „Und – bigott! – ist’s der Franz, der sie uns bringt?“

„Macht Platz, Vater, daß die armen Kinder hereinkommen,“ unterbrach ihn eine gleichfalls schon bejahrte, aber noch rüstige und lebhafte Frau und schob ihn ein wenig zur Seite. „Tretet ein und geht nur gleich mit, daß wir nach trocknen Kleidern und Schuhwerk sehen,“ fügte sie gutmüthig lächelnd hinzu. „Daß sich Gott erbarm’, so sauber und in solchem Wetter! Lasse einen Kaffee machen derweil, Peter! Rasch!“

„Bei dem Gewitter da – nein,“ erwiderte der Dritte, der in der Thür gestanden, auch ein Mann in Jahren, kaum weniger groß als der Greis und auch nicht stärker; es mochte dessen Sohn sein, einer gewissen Aehnlichkeit nach zu schließen.

„Was Gewitter – sei nicht thöricht! Das ist schon vorüber,“ meinte die Frau lebhaft, „rasch, wie ich sage.“

Sie verschwand mit den beiden Mädchen im Hause. Der Mann folgte ihr ziemlich widerwillig und rief gleich darauf barsch nach einer Magd. Der Alte aber war in der Thür stehen geblieben, wie er die Ankömmlinge vorübergelassen, und sein Auge, in welchem sich beim näheren Anschauen der Braunäugigen eine [194] jähe Ueberraschung abgespiegelt, haftete noch eine ganze Weile auf der Stelle, wo sie drinnen verschwunden war, bevor er es, langsam den Kopf wendend, auf die beiden jungen Männer richtete, die jetzt neben ihm im Schutz des Hauses standen. Er maß den Fremden mit einem langen, finstern Blick, nickte ihm kurz zu, und indem er dann erst des Jägers Hand schüttelte, sagte er, ohne daß in den starren Zügen des alten Gesichts irgend eine Bewegung sichtbar geworden: „Seid willkommen. Hast’s einmal wieder auf die Minute getroffen, Franz. Sieh’ hin – da geht der Steg zum Teufel.“

Und das war richtig. Das Gewitter war, wie die Frau es gesagt, anscheinend wirklich schon über die Mühle hinaus, aber der Regen strömte noch und der Bach rauschte mit seinen schmutzigrothen Wellen über die Ufer, eben die Balken lüpfend und fortreißend, die vor wenig mehr als fünf Minuten der kleinen Gesellschaft zum Pfade gedient.

Der greise Müller – denn daß dies sein Stand, sah man, obgleich er keinen Rock trug, an der graublauen Weste, und seine ganze Erscheinung, sein ganzes Auftreten ließen darüber nicht im Zweifel, daß er der Herr des Hauses – der greise Müller, sagen wir, sah dem Werk der Zerstörung einen Moment ruhig zu, dann wandte er die Augen auf die beiden jungen Leute zurück, von denen Joseph sich durch Stampfen und Schütteln der größten Nässe zu entledigen suchte, und sprach, indem er ein paar Schritte zurückmachte und die nächste Thür öffnete, einfach: „Tretet ein.“ Und auf eine andere, gegenüberliegende Thür des geräumigen Zimmers deutend, fügte er hinzu: „Da drinnen findet Ihr Kleider von meinem Sohn, Herr, wenn Ihr sie braucht. Du, Franz, ziehst wohl nur den Rock aus.“

„Dabei lass’ ich’s auch,“ versetzte Joseph munter. „Wir sind noch gut davongekommen – gerade vor Thorschluß. Bei den Damen freilich mit ihren dünnen Kleidern wird’s anders stehen.“

„Wie Ihr wollt, Herr,“ sagte der Greis. „Macht es Euch bequem. Ihr habt Recht, es war gut abgepaßt. Der Guß da draußen spaßt nicht. Doch der Franz hat eben immer Glück, aber,“ fügte er hinzu, und sein Ton hatte etwas Freundliches, und da die Augen dennoch auch jetzt noch finster blickten, sah man es wohl, daß dieser Ausdruck kein willkürlicher war, „aber Ihr selbst scheint mir auch kein Unglückskind zu sein, da Ihr gleich auf den da stießet. Wo traft Ihr Euch?“

„Auf dem Vorbühl,“ sprach Franz lustig.

„Auf dem Vorbühl? Wie in des Himmels Namen kamet Ihr dorthin?“ rief der Alte, erstaunt den Kopf schüttelnd. „Ich bin nicht neugierig, junger Herr, der da kann’s Euch bezeugen, und meine Art ist’s nicht, Einen, der bei mir einspricht, nach Wie und Warum zu fragen. Wie Ihr aber zu dem Vorbühl gelangen konntet –“

Joseph – die Leser haben längst begriffen, wen sie in der kleinen, vom Wetter überraschten Gesellschaft vor sich hatten, und daß der von der Excellenz erwartete Neffe keineswegs eine Rheinreise machte, sondern sich, freiwillig oder gezwungen, den beiden Flüchtlingen angeschlossen hatte – zuckte auf diese Frage des Greises die Schultern und meinte fast ein wenig spöttisch: „Ist denn Euer Vorbühl da ein verhexter Platz oder ganz außerhalb der Welt?“

„Beides beinah, mein Herr,“ erwiderte jetzt der Jäger. „Geheuer wenigstens soll es dort bei der alten Eiche zu Zeiten nicht sein, und daß Fremde oder gar Damen auf die Kuppe gekommen, mag kaum jemals der Fall gewesen sein.“

„Weil das Fußreisen abgekommen ist,“ meinte Joseph, von Neuem die Achseln zuckend. „Für uns war es übrigens ganz natürlich, denn wir liefen uns drunten im Walde auf einem Wege müde, von dem man nicht um sich schauen konnte und der obendrein zu Ende ging. Da suchten wir uns eben einen Lugaus.“

Der Greis hatte aufmerksam zugehört, und gerade in dieser Ruhe zeigte sich der finstere Ausdruck des Auges, der tief gefurchten, hohen und kahlen Stirn, des ganzen runzelvollen Gesichts so deutlich und unverstellt, daß der junge Mann in seinem Inneren sich die Frage regen fühlte, ob er seinen alten Wirth bisher nicht gänzlich falsch beurtheilt und statt verhältnißmäßiger Höflichkeit und Dienstwilligkeit von ihm das gerade Gegentheil zu erwarten habe. Der erste, nichts weniger als ermuthigende Empfang an der Thür draußen kam ihm wieder in den Sinn und es tauchte auch der Blick wieder vor ihm auf, der seiner Cousine gefolgt und von ihm wohl bemerkt worden war. Er erinnerte sich an die Worte, welche Eugenie unterwegs zu ihm gesagt; er sah sich den Jäger rasch, aber fest jetzt darauf an: ja, es war unleugbar, es war eine gewisse – nein, überraschende Aehnlichkeit da! Hatte der Alte das junge Mädchen nur darum so scharf angesehen?

Indem meinte der Müller auf des Gastes Erklärung ruhig, beinahe phlegmatisch: „Also verirrt.“

„So scheint’s,“ erwiderte Joseph, die Brauen zusammenziehend, denn die Fragen gemahnten ihn nach und nach wie eine Art von wenig angenehmem Inquisitorium, oder die abgeleugnete Neugierde war dennoch in mehr als billigem Maße vorhanden. „So scheint’s,“ wiederholte er noch kälter, „obgleich man mir in Diesenhart, da wir einmal die Fußpartie vorzogen, diese Richtung als die nähere angab und mir alle Wege genau bezeichnete.“

„Wohin?“ fragte der Müller kaltblütig.

Joseph fühlte den Aerger sich zu Kopf steigen und zwar um so mehr, als er auch den Jäger, der, am Fenster lehnend, dem Gespräch schweigend zuhörte, mit einer mißbilligenden Miene den Kopf schütteln sah. Er nahm sich indessen zusammen, und anstatt heftig oder auch nur lebhaft erwiderte er mit einer gewissen vornehmen oder vielleicht auch ein wenig spöttischen Nonchalance: „Dahin, mein lieber Meister, wohin wir wollen und endlich auch wohl gelangen werden: nach Dernot.“

„Da seid Ihr.“ Die Augen des Greises ruhten auf dem jungen Manne mit dem gleichen Ausdruck, und die Falten und Runzeln waren wie erstarrt. Und ebenso fügte er hinzu: „Dort hinten liegt Schloß und Dorf, und hier ist die Mühle, und Augustin Besseling heißt der Müller.“

„Desto besser, Meister Besseling, so werden wir bald in Ruhe sein können,“ sagte Joseph im vorigen Tone. „Man wird drüben hoffentlich auf uns vorbereitet sein.“

„Ei, so, so!“ Und der Alte regte und seine Miene änderte sich nicht, nur der Ton seiner Stimme war ein anderer. „Da haben wir ja wohl am Ende –“

„Ich heiße Herrenroth und begleite mit meiner Schwester unsere Cousine, Fräulein von Treuenstein, welche diese Besitzung ihrer Familie kennen zu lernen wünschte,“ unterbrach ihn der junge Mann noch kälter, als wolle er durch seine Worte dem Gespräch, oder zum Mindesten diesem Theile desselben, ein Ende machen.

„Fräulein von Treuenstein?“ wiederholte der Greis völlig ruhig. „Nun ja, und da es meines Wissens keine andere dieses Alters giebt, so wäre das also die Herrin von Dernot –“

„Wer ruft mich?“ unterbrach ihn in diesem Augenblick die helle, heitere Stimme des jungen Mädchens, das wir nun wohl beim rechten Namen „Esperance“ nennen dürfen, und zugleich trat sie mit der Cousine und von der freundlichen Frau gefolgt in das Zimmer. Die Damen waren, wie wir wissen, vor dem stärksten Ausbruch des Wetters unter Dach gekommen und bis dahin einigermaßen durch ihre Sonnenschirme geschützt gewesen, so daß ihre Toilette schneller und leichter wieder herzustellen war, als man dem ersten Anschein nach hatte fürchten müssen. Nur mit Schuhen und Strümpfen und ein paar Tüchern hatte die Söhnerin des alten Müllers auszuhelfen gehabt, und nun standen die Beiden frisch und munter und durch das kleine Abenteuer ergötzt vor den Männern. Selbst in Eugeniens mehr ernsten blauen Augen regte sich, da sie, vor den Bruder hintretend, die Spitze des jetzt mit einem starken Schuh bekleideten Füßchens leise unter dem Kleidchen hervorschob, eine Schalkhaftigkeit, welche das von Tante Kunigunde gefällte Urtheil wenigstens nicht ganz unbegründet erscheinen ließ.

Aber Esperance stand vor dem Greise, der sich nun langsam und ein wenig steif erhob, und ihr nußbraunes Auge begegnete fröhlich dem seinen, und sie fragte lächelnd: „Meister, woher wissen Sie denn von mir?“

Selbst ihre reizende Erscheinung brachte kein Leben in das Gesicht des Müllers und er versetzte auch in dem bisherigen unbewegten Ton: „Der Herr Vetter nannte Euch, Fräulein – nöthig hätt’ er’s nicht gehabt. Denn da ich Euch sah, wußt’ ich auch von Euch. ’S ist das alte Gesicht.“

„Hat mein Cousin Ihnen auch meinen vornehmen Titel genannt?“ fragt sie neckend.

„Euren Titel?“ wiederholte er, sein Auge ging nicht von [195] ihr. „Den wußt’ ich auch schon längst. Auf Dernot giebt’s eine ‚Herrin‘, wenn kein ‚Herr‘ da, das war so, seit’s den Namen giebt, Ihr seid nicht die Erste. Aber ob er Euch –“ und indem zum ersten Mal durch die starren Züge etwas hinzuckte, was sich freilich auch jetzt nicht näher bezeichnen ließ, setzte er nach einer secundenlangen Pause hinzu: „ob er Euch Glück bringt, das weiß ich nicht. Bis dahin ist auf Dernot davon wenig daheim gewesen, und bei der alten ‚Herrin‘ am allerwenigsten.“

Auf der Wange des jungen Mädchens zeigte sich bei diesen, auch durch den Ton nicht freundlich klingenden Worten eine schnelle, schimmernde Röthe, und das heitere Auge wurde ernst. Etwas zu erwidern fand sie jedoch, selbst wenn sie das beabsichtigt hatte, für jetzt keine Zeit, da Eugenie plötzlich näher trat und mit einer Art von stolzem Blick und in vornehm nachlässigem oder vielleicht auch zurückweisendem Tone sagte: „Daraus schließen wir also, daß wir hier auf der Herrschaft Dernot und bei einem der – Gutsangehörigen sind?“

Des Greises Auge begegnete fest und düster dem ihren, und er versetzte fast hart: „Da irrt die Dame. Die Mühle heißt freilich die Dernot’sche, weil sie hart an der Herrschaft liegt; aber sie ist für sich, und die Besseling sind von Alters her freie Leute gewesen. – Und derweil die Herrschaften ihren Kaffee trinken,“ sprach er jetzt mit einer gewissen Höflichkeit weiter, „will ich den Wagen für sie rufen lassen, werden wohl in ihre Terminei verlangen, und zu gehen ist nach dem Regen schlecht.“

Als sich die Gesellschaft, nachdem er das Gemach verlassen, fast bestürzt einander anschaute, trat der Jäger an den Tisch und sagte in begütigendem Tone: „Halten Sie dem Alten die Barschheit zu gut, meine Damen. Sie ist weniger böse gemeint, als es vielleicht Ihnen erscheint. Ich glaube, seine Vorfahren und auch er selbst noch haben um ihren Besitz und ihre Freiheit mehr als einen Kampf bestehen müssen. Das verbittert und verhärtet solch ein ohnehin hartes Herz noch mehr.“

Die Frau, die mit dem Kaffeebret in der Hand bei den Worten des Greises in’s Zimmer getreten und dunkelroth geworden war, setzte dasselbe jetzt nach des Jägers Rede nieder und meinte hörbar zornig: „Dadurch wird’s nicht anders, Vetter. Frei sind die Besseling freilich von jeher gewesen, aber grob waren sie auch. Die Herrschaften glauben nicht, was das für ein Kreuz mit den Leuten ist. Aber sie sollen es hören von mir, was sich gegen unsere Gäste schickt. – Lassen’s die jungen Herrschaften gut sein,“ fügte sie dann mit einem tiefem Athemzuge hinzu. „Bitte, langen Sie zu, und Gott gesegne es Ihnen. Ich biet’s von Herzen.“

Sie aßen und tranken, wie sie es nach dem Marsch durch den schwülen Tag und das folgende Unwetter wohl bedurften, allein die fröhliche Stimmung war vor diesen letzten, plötzlichen und herben Stößen völlig entflogen und kehrte nicht wieder, obgleich die Frau und der Jäger auf das Redlichste bestrebt schienen, die jungen Leute ein freundlicheres Bild von der in der Mühle und bei ihren Bewohnern herrschenden Gastlichkeit gewinnen und mit sich fortnehmen zu lassen. Der Greis kam ebenso wenig wie sein Sohn wieder zum Vorschein. Trotzdem athmeten die Drei wie erleichtert auf, als nach dem Aufhören des Regens wirklich ein offener Wagen mit zwei stattlichen, glatten Pferden vor die Mühle fuhr, und eilten, die Abfahrt nicht zu verzögern. – „Wenn man wirklich den Wagen benützen muß?“ fragte Esperance, gegen den sie gleichfalls hinaus begleitenden Jäger gewendet.

„Das müssen Sie allerdings, gnädiges Fräulein,“ entgegnete der junge Mann freundlich. „Lang ist der Weg zum Schloß nicht. Aber die Wiesen werden jetzt beinahe überschwemmt sein.“

„Wir haben Ihnen noch gar nicht für Ihre Freundlichkeit gedankt,“ sprach Joseph vom Wagen herunter zu dem treuen Helfer, „und wissen nicht einmal, wem wir zu danken haben, ob –“

„Ein Gutsangehöriger, bin auch ich nicht,“ fiel der Jäger lächelnd ein, „obgleich ich augenblicklich als Gehülfe des herrschaftlichen Försters hier weile. Ich heiße Burgsheim.“

„Wir werden uns hoffentlich noch einmal und in einer besseren Stunde wiedersehen, Herr Burgsheim,“ sagte Esperance freundlich, und über ihre Wange flog wieder das schimmernde leise Roth. „Sie müssen uns kennen lernen, wie wir sind – lustig und keinem Menschen feindlich!“

Die Pferde griffen tüchtig aus, und da sie, um den Fuß des Hügels, an den die Mühlengebäude sich lehnten, einen weiten Bogen beschreibend, in’s ebene Land kamen, sah man wohl, daß diese Wegstrecke für die Damen unpassirbar gewesen sein würde, denn das Wasser stand hell auf den Wiesen, wie der Jäger es prophezeit, und überfluthete den Weg. Zurückgelegt war derselbe aber bald, und nach kaum einer Viertelstunde fuhren sie bereits langsam den steilen Schloßhügel hinan, einem alten, massiven, neben einem höheren Thurme sich auswölbenden Thore zu. Und nun ging es durch dasselbe auf einen nicht großen, von hohen, alterthümlichen Gebäuden rings umschatteten Hof und vor ein schweres Portal, dessen Thüren geöffnet standen.

„Gott im Himmel,“ rief, da sie hielten, drinnen auf dem dunklen Flur eine erschrockene Stimme, „Mutter, das Frauenzimmer hatte doch Recht – das sind sie – und auf Augustin’s Wagen!“ Und darauf erschien im Portal ein bejahrter, kleiner, aber starker Mann, der eben nur kaum den Rock auf die Schultern gebracht zu haben schien, mit hastigen, tiefen Verbeugungen, und aus dem Hintergrunde eilte eine fliegende Gestalt hervor mit dem klagenden Ruf: „O meine englischen Fräulein, welch’ ein Ort des Schreckens!“

„Da sind wir, wie es scheint, auch nicht willkommen, Esperance,“ meinte Eugenie sarkastisch.

Zudem trat eine dritte Gestalt in die Thür, eine große alte Frau – „Junge giebt’s hier nicht, Dernot stirbt aus,“ sagte Eugenie am Abend einmal lachend –, in würdiger ruhiger Haltung. Ihr Haar war silberweiß, aber ihr Auge noch klar, wenn sein Blick jetzt auch ernst, und das Gesicht zeigte noch jetzt feine stille Züge. „Gott segne Ihren Eingang in Dernot, gnädige Herrschaft,“ sagte sie ehrerbietig. „Hätte die Jungfer da vernünftig gesprochen, statt zu lamentiren und zu zittern, so hätten wir schneller bereit sein können. Aber gleichviel – die Herrschaft kommt immer recht.“

Sie bot den Damen ihre Hand zum Absteigen und führte sie in’s Haus, eine schwere Treppe hinan, in ein weites und hohes, altfränkisch möblirtes und eingerichtetes Gemach. „Haben die Herrschaften nur eine Viertelstunde Geduld,“ sprach sie, sich zurückziehend. „Ich lasse die Zimmer drüben ein wenig lüften.“

„Welch’ ein seltsamer Empfang, welche curiose Menschen!“ sagte Eugenie nach einer Weile kopfschüttelnd.

„Verstehst Du das Alles, Cousin?“ fragte Esperance fast zugleich, – das fröhliche Auge blickte jetzt ernst und die reine Stirn zeigte sich nachdenklich. „Was war das drunten in der Mühle? Und hier oben – weshalb der Schreck des Mannes und diese Haltung der alten Frau, die mich nicht täuscht – willkommen sind wir nicht!“

Joseph ruhte in einem der alten Lehnstühle und zündete sich eine Cigarre an. „Ei nun,“ meinte er in seiner leichten Weise, „die leben eben lieber ohne einen Herrn als mit und unter ihm. Ich fange an zu begreifen, weshalb Onkel Excellenz die Herrschaft Dernot nicht besonders liebt. Und wie ich immer sagte, hohe Herrin,“ fügte er launig hinzu, „diese Eure Thronfahrt erweist sich von Stunde zu Stunde mehr als das schönste Muster eines dummen Streiches der exquisitesten Art!“




4. Auf Dernot.

„Willkommen sind wir hier nicht,“ hatte Esperance gesagt, allein damit schien sie, wie nicht blos sie selbst alsbald erkannte, sondern auch die anderen Beiden zugestehen mußten, auf dieser Stelle nicht das Rechte getroffen zu haben. Der Verwalter, jener kleine starke Mann, zeigte sich so dienstbeflissen und unterthänig wie möglich und wurde sogar für einen Augenblick ganz strahlend, als es sich herausstellte, daß sein Bruder, der Leibjäger Jonas Märzbach, bei den jungen Herrschaften in höchster Gunst stehe. Ja er ließ sich zu der Bemerkung fortreißen – Worte erlaubte er in seiner Ehrfurcht sich sonst nur selten: „Der Jonas hat’s eben immer verstanden; er war nicht blöde. Aber daß er den jungen Gnädigen gefällt, das verwundert mich doch. Denn seine Profession verstand er, aber sonst war er ein Bär. Die großen Reisen freilich und die fremden Städte und das vornehme Leben werden ihn geleckt haben.“

„Nun, was das angeht,“ meinte Joseph, der dies Gespräch mit dem alten Burschen führte, herzlich lachend, „davon ist wenig zu rühmen. Er ist noch immer der alte Bär, allein da er es doch ehrlich und treu meint, so gefällt das den Damen gerade [196] zur Abwechselung nach all’ den Süßigkeiten, die sie sonst hören. Ihr habt ihn wohl lange nicht gesehen, Märzbach?“

„Seit der junge gnädige Herr Baron ihn dazumal mit sich nahmen – nicht, Euer Gnaden, und das sind jetzt – ein-, zwei-, drei-, vierundvierzig Jahre. Der gnädige Herr waren ja seitdem selber niemals wieder hier. Ja, das war eben auch so,“ fügte der alte Gesell achselzuckend hinzu. „Der Jonas verstand’s – ich war immer zu timide. So ging er, und ich blieb.“

Aus diesen Worten erklärte sich zugleich einigermaßen der Empfang, der den Ankömmlingen auf Dernot geworden war: er hatte sich nur in Folge ihres längeren Ausbleibens so erträglich gestaltet. Bei Sophie-Selindens Eintreffen und Ankündigung der Herrschaft sollte der Schreck des ehrbaren Verwalters, nach der Aussage der Zofe, hart an Entsetzen gegrenzt haben und der Mann händeringend und sinnlos umhergeschossen sein, ja selbst die alte würdige Frau hätte für ein paar Augenblicke beinahe die Fassung verloren. Nun bekannte und zeigte gelegentlich auch Meister Tobias Märzbach sich als ein ‚timider‘, leicht einzuschüchternder Mensch, der an nichts weniger als an einem Ueberfluß von Geistesgegenwart und Gewandtheit litt und obendrein vor seiner Herrschaft einen bebenden Respect zu empfinden schien, vielleicht gerade, weil er dieselbe niemals persönlich zu Gesicht bekam, sondern sie nur von fern herrschen, befehlen, bestimmen, strafen und belohnen sah. –

Heiter und wohnlich in unserem Sinne war das Schloß niemals gewesen; zur Zeit, da es gegründet worden, sah man auf dergleichen noch weniger, als daß es Schutz gegen die Herbststürme und die Winterkälte und gelegentlich auch noch gegen einen feindlichen Angriff gewähre. Es stammte urkundlich aus der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts. Seitdem hatte dieser oder jener Besitzer daran, aber mehr im Innern als am Aeußeren, gebessert und nachgeholfen, bis plündernde Feinde mehr als einmal böse in den alten Mauern gehaust und die nach und nach verarmende und aussterbende Familie nichts mehr für die Wiederherstellung des Zerstörten zu thun vermochte. Dann kamen die Treuenstein und es geschah wieder etwas für das öde Haus, und als einer von ihnen die Herrschaft in seinem alleinigen Besitz hatte und ein Menschenalter lang hier hauste, wurde wenigstens ein Theil des Schlosses wirklich behaglich und wohnlich, ja fast prächtig eingerichtet. Dann aber war’s vorbei, und nun machte kein Lüften mehr die alten großen, dämmerigen Räume wohnlich, kein Putzen schützte die Fensterscheiben vor dem Sonnenbrand. Die reichen Holz- oder Stuckdecken ließen sich nicht mehr freihalten vom immer tiefer dringenden Staube, die glänzenden Vergoldungen wurden blind, und die kostbaren Vorhänge und Bezüge verblaßten und zerfielen.

Kurz, zum Aufenthalt für vornehme und anspruchsvolle Bewohner eignete sich das Schloß nicht, am wenigsten aber für junge und heitere, und ein Ueberfall der ungekannten und daher noch mehr gefürchteten Herrschaft, wie er Meister Tobias gänzlich unvorbereitet getroffen, hätte mit Fug und Recht auch einen bei weitem weniger „timiden“ Menschen ernstlich erschrecken dürfen. Und da alle Schäden und Mängel bei dem trüben, regnerischen Wetter, das dem Gewitter folgte, nur um so bedenklicher sichtbar und fühlbar wurden, mußte man’s wohl entschuldigen, daß der Arme noch immer nicht seinen Gleichmuth wiederzugewinnen vermochte.

Bei seiner Gattin Katharina war es damit freilich um Vieles anders. Ihr ganzes Wesen und Auftreten ließ jene Angabe Selindens, daß auch sie anfänglich die Fassung verloren habe, täglich weniger glaubhaft erscheinen. Die, man durfte wohl sagen, schöne alte Frau benahm sich ihren jungen Gästen gegenüber auf das Schicklichste und Würdigste, von Befangenheit und Verlegenheit zeigte sich niemals auch nur eine Spur, und nirgends fehlte, was billigen Ansprüchen der jungen Leute genügen konnte. Und je mehr man von der Frau sah und hörte und je besser man sie kennen lernte, desto deutlicher erkannte man auch, daß man in ihr eine tüchtige, doch sehr ernst angelegte oder erst durch das Leben ernst gewordene Natur vor sich habe. Es lag Denken und Sorgen auf dieser Stirn und Leiden in diesen Zügen, und aus ihrer ganzen Erscheinung, aus ihrem Schaffen, Gehen, ja aus ihrem Ruhen, vor Allem aber aus dem Blick der großen, dunkelgrauen, stillen Augen sprach einen an, was man Leuten dieses Standes und Bildungsgrades kaum recht zugesteht – die Melancholie.

Bei einer, wie wir sagten, tief angelegten Natur, wie die Frau Katharinens, erklärte sich dies jedoch zumeist schon aus dem steten Aufenthalt im verödeten Schloß und aus dem einsamen und einförmigen Leben, das seinen Bewohnern geboten war. Mit der Verwaltung und den übrigen Geschäften auf der reichen Herrschaft hatte Meister Tobias nichts zu thun, und von einem zahlreichen Hausstande war auf Dernot auch keine Rede. In Ansehung des Aufenthalts im Schloß aber empfanden selbst die jungen Gäste schon, wie herabstimmend derselbe wirkte. Von der Lust und dem Scherz, von all’ dem heiteren, oder auch ein wenig ausgelassenen Treiben, das die jungen Mädchen hier zu finden, sich zu schaffen gehofft, durch das sie sich zu der übermüthigen Expedition hatten verleiten lassen, – davon fand sich alle Tage weniger.

Es war, um keine schlimmere Bezeichnung zu wählen, ein trübseliger Platz in seiner Stille, Oede und Düsterheit. Die langen, dunklen Corridore, die gleichfalls dunklen, zum Theil baufälligen Treppen und Treppchen, die wüsten Säle und Gemächer, deren Decken eingestürzt waren, wo die Tapeten zerfetzt von den Wänden hingen und im Zugwind rauschten, der durch die schlecht schließenden, hie und da mit Bretern versetzten Fenster drang – „der Rentmeister schlägt jeden Zuschuß ab, Excellenz wolle nichts davon wissen,“ erklärte Meister Tobias den jungen Leuten, die er einmal auf einem „Inspectionsgange“ begleitete, – das Alles war schon traurig genug. Allein auch in den noch bewohnbaren Räumen war es kaum behaglicher, zumal an diesen Regentagen. Sie waren kalt und feucht, die unendlich lange nicht benützten Kamine rauchten, und die hier stets herrschende Dämmerung wurde noch durch die hohen Bäume vermehrt, welche ganz in der Nähe herangewachsen waren und die verhältnißmäßig kleinen, trüben Fenster mit ihren jetzt noch fast ungelichteten Kronen beschatteten.

„Die Schatten der Vergangenheit schweben klagend durch die so traurigen Schauplätze,“ sagte Selinde selbst klagend und auch mit anklagendem Blick ihrer schwärmerischen Augen zum Himmel schauend.

„Sage lieber: ‚die Schatten der Gegenwart‘ – beste Selinde,“ meinte Joseph achselzuckend. „Man rennt sich in dieser Residenz unserer lieben Herrin am sogenannten hellen Tage überall beinah den Schädel ein.“

„O Gott, junger Herr, ich meinte nicht die Dämmerung, sondern die armen körperlichen Schatten,“ erklärte die Zofe; „die Schatten der verfolgten Unschuld und der schrecklichen Wütheriche, die hier – hier gelitten und gehaust. Ich ahnt’ es gleich, daß es hier –“

„Sage um Gotteswillen, Selinde, was redest Du da wieder alles durcheinander?“ unterbrach sie Eugenie lachend. „Hast Du ein ‚Gespensterbuch‘ mit auf die Reise genommen und liesest es Nachts im Bett?“

„O Gott, Fräulein, lesen, dann! Denken Sie, es spukt hier wirklich! Das muß ja so sein in solchem alten Raubschloß, und es ist ja so romantisch. Aber schrecklich ist es doch! Denken Sie, es schlürft und wandelt und seufzt Nachts wirklich im Corridor. Dann geht meine Thür auf, wie von Geisterhänden –“

„Deine Thür, beste Selinde?“ fragte Joseph theilnahmsvoll dazwischen.

„O Gott, junger Herr, meine!“ versetzte sie, hörbar verletzt. „Aber nahe ist sie – sehr nahe! Denn ich hör’s auch, wie sie geschlossen wird, und dann – dumpfes Stöhnen, Murmeln, Klirren –“

„Das find’ ich höchst rücksichtslos gegen Dich und Deine Ruhe, beste Selinde,“ fiel der unbarmherzige Joseph wieder ein, „und würde ich’s mir, an Deiner Stelle, von dem Gespenst verbitten.“ – Als aber die Zofe das Zimmer verlassen hatte, sagte der junge Mann in einem ganz anderen Ton: „Wie romantisch eure liebe Selinde auch sein mag – ganz ohne ist die Sache diesmal nicht. Auch ich habe in der letzten Nacht ein Geräusch im Corridor vernommen, das über die Rattentritte hinausging, und als ich mir die Freiheit nahm, ganz vorsichtig aus der Thür zu lauschen – ich konnte mir wirklich nicht denken, wer zu dieser Zeit hier oben etwas zu thun haben könnte –, schwebte wahrhaftig ein unglücklicher Schatten dahin und –“

„Verschwand, indem der ihn begleitende magische Lichtglanz erlosch,“ sagte Eugenie spottend.

[209] „Ganz richtig, Schwester,“ versetzte Joseph unverändert. „Er – denn ein Er war’s! – nahm die Lampe, die, wo der Corridor in den wüsten Flügel biegt, vernünftigerweise aufgestellt war, mit sich und verschwand richtig – um die Ecke. Nun frage ich aber ernstlich,“ fuhr er fort, „was heißt das? Wer hat zu dieser Stunde hier etwas zu thun? Wer war es? Von den uns bekannten Hausgenossen schien es keiner. Soll das nur für uns ein Geheimniß sein, oder ist’s auch eines für Meister Tobias und Dame Katharina?“

„Nun, Gott gnade uns, wenn auch Du anfängst zu phantasiren, denn was wär’ es sonst?“ fragte Eugenie mit einem fast etwas verdrießlichen Lachen. „Als ob’s hier nicht auch ohne Gespenster langweilig genug wäre!“

„Herrin von Dernot – hört Ihr das und laßt es Euch gefallen?“ rief er munter aus und wandte sich zu der Genannten, die während des mitgetheilten Gesprächs in der tiefen Fensternische gelehnt hatte und schweigend in den trüben Tag hinein sah – wir hätten vielmehr Abend sagen sollen; denn obgleich es noch nicht die Stunde war, schien die Dämmerung doch schon zu kommen, so tief hingen die Wolken auf das Thal herab und so fest verschleierte der einförmig fallende Regen jede Aussicht. – „Herrin, was beschließet Ihr über Euch und Eure Getreuen? Bleiben wir und fangen Gespenster, oder – fliegen wir in’s väterliche Nest zurück und sagen demüthig pater peccavi?“

Durch die stillen Züge und das träumende Auge des schönen Mädchens flog ein leises Lächeln. „Spottet Ihr nur!“ sagte sie dann, einen scherzhaften Ton versuchend. „Ich lasse mich nicht irre machen. Papa soll sehen, daß ich es ernst nehme mit meinem Besitz. Ich will ihn auch in schlimmen Tagen kennen und lieben lernen.“ Der Scherz hatte nicht Stich gehalten, die letzten Worte klangen schon wieder aus dem wunderbaren Ernst hervor, der plötzlich über das ewig heitere, neckische, ausgelassene Kind gekommen war. Und ohne weiter etwas hinzuzufügen, verließ sie jetzt das Gemach.

„Verstehst Du das? Was um Gotteswillen ist mit ihr?“ fragte Joseph, der ihr nachgeschaut hatte, erst nach einer langen Pause und mit forschendem Blick auf die unruhig auf und abgehende Schwester.

„Da frage nicht mich,“ erwiderte sie ungeduldig. „Sie hat einmal wieder ihren Kopf aufgesetzt – und dann wird niemand aus ihr klug. Vielleicht haben es ihr die Gespensteraugen der alten Katharina angethan. Aber gleichviel, ich verwünsche den Einfall, Tante Kunigunden und Herrn von Heimlingen durch- und dem Onkel zum Trotz gerade nach Dernot zu gehen. Wer weiß, wann wir sie wieder fortbringen!“

Inzwischen war Esperance durch den Corridor und über die dunkle Treppe in’s untere Geschoß gegangen und in das Wohnzimmer des Verwalters getreten, wo sie um diese Stunde ziemlich sicher sein konnte, Frau Katharina zu treffen. Die Matrone saß auch wirklich an ihrem Spinnrad in der Nähe des Fensters, durch welches man auf den Hof und gegen das alte Thor schaute. Und da das Mädchen eintrat, erhob sie das Auge von ihrem Geschäft und ein langer, tiefer, fast zärtlicher Blick begrüßte die junge Gebieterin. Es hatte sich in diesen wenigen Tagen zwischen Beiden ein gar eigenes Verhältniß gebildet – durch die Worte, die sie mit einander wechselten, erfuhr man’s kaum; aber der Ton derselben und wie die alte, stille Frau und das lebhafte schöne Kind so gern bei einander weilten, wie sie einander anschauten, und wie sich der Ernst und die Stille der Einen leise, leise in den Jugendglanz und die Jugendlust der Anderen drängte, das zeigte wohl, wie tief die beiden anscheinend so verschiedenen Naturen einander verstanden und sich immer fester anzugehören begannen.

„Laßt Euch nicht stören, Mutter,“ sagte Esperance, da die Frau bei ihrem Eintritt den Fuß auf dem Trittbret ruhen ließ, – mit der Anrede hatte das Mädchen die Alte schon am ersten Abend begrüßt, obgleich sie auch in diesem Augenblick noch nicht wußte, ob die Verwalterin jemals Kinder gehabt hatte. „Ich komme nur ein wenig zu Euch,“ fuhr sie fort, sich auf den Stuhl in der Fensternische setzend, „weil mir die Anderen oben Dernot immer entleiden wollen. Ihr aber habt es lieb, und ich liebe es auch schon und möchte gar nicht wieder fort.“ Und nachdem sie das dunkele Köpfchen stützend einen Augenblick auf den dämmernden, todtenstillen Hof mit seinen dunklen alten Gebäuden hinausgesehen, fügte sie leise hinzu: „Lustig und heiter wird’s hier freilich auch wohl nicht, wenn die Sonne hereinblickt – man muß, es lieb haben, wie es ist.“

Zwischen dem Summen des Spinnrades versetzte die Matrone gedämpft: „Das ist recht, Fräulein. Da sind Sie eine echte Dernot. Freude und Lust darf man hier nicht suchen, aber das thut nichts. Die hierher gehören, haben doch ihr Herz nicht abwenden können.“

Esperance’s Augen ruhten ein paar Secunden lang träumerisch auf der alten Frau, bis sie leise und fast ein wenig bewegt sagte: „Mutter, das klingt beinah, wie der alte unfreundliche Müller zu mir sprach – es that mir weh, und ich bringe es [210] seitdem nicht aus dem Kopfe: es sei niemals Jemand auf Dernot glücklich gewesen, und seine alte Herrin am wenigsten, sage er.“

„Ja, ja,“ versetzte die Matrone – das Rad stand und ihre Augen hafteten jetzt auf dem schönen Mädchen; „der Augustin ist eben immer hart gewesen und geblieben. Er vergißt nichts.“

„Versteht Ihr seine Worte, Mutter?“ fragte Esperance noch immer gedämpft. „Hat er Recht?“

Das Rad summte wieder. „Recht hat er freilich,“ versetzte sie eintönig, „aber unrecht war es doch.“

„Und wißt Ihr davon, Mutter? Auch von der alten Herrin, wie er sie hieß?“

„Fräulein, ich bin ein Dernoter Kind und sogar hier im Schloß geboren. Meine Eltern und Voreltern sind immer hier gewesen, schon da die rechten Dernot noch hier hausten, ja früher, glaub’ ich. Da hört es immer Einer vom Andern, wie es vordem gewesen sein soll.“

„Erzählt Ihr mir nicht davon, Mutter? ich bin ja eine Dernot und sollte doch auch davon wissen.“

„Fräulein,“ entgegnete die alte Frau in einem beinah schwermüthigen Ton, und der Blick, den sie auf Esperance ruhen ließ, war voll Wehmuth, „es ist nicht viel, was da zu erzählen ist, und dennoch für Sie fast zu viel. Was soll all das traurige Zeug für Ihre frische Jugend und Ihr fröhliches Herz? Das geht besser zu Ende, wie der alte Bau ausgeht, in dem es passirte. Lassen Sie’s ruhen.“

„Bitte, Mutter, bitte!“ sagte Esperance innig. „Erzählt mir etwas, wenn auch nicht Alles. So etwas darf nicht vergessen werden von den Nachkommen, und der Bau hier soll auch nicht ausgehen, so lange ich seine Herrin bin.“

Es fiel von der alten Frau wieder ein tiefer Blick zu dem Mädchen hinüber, und dann fing sie an: „Wenn Sie es also wollen, Fräulein – wem das Land hier vordem gehört, ob hier schon ein Schloß gestanden und wie es geheißen, davon weiß ich nichts. Dann aber – es sind nun wohl dreihundert Jahre, vielleicht auch mehr – zog eine vornehme Familie hieher, weit aus fremdem Land, die hieß von der Not und hatte, wie ihr Name es besagte, draußen viel Noth gelitten um des Glaubens und der reinen Lehre willen. Die kauften das Land zusammen und bauten das Schloß oder hießen es doch nach sich. Aber Glück fanden sie hier auch nicht, nicht Frieden und nicht Gedeihen. Die Eheleute hatten sich nicht lieb und die Brüder haßten einander; die Kinder starben bei der Geburt, oder sie wurden groß mit Kummer und Sorgen, und ihre Eltern hatten keine Freude an ihnen, sie gingen auch wohl trotzig fort in’s weite Land und starben und verdarben. Und die Familie blieb immer klein, wie vornehm sie auch war, und ihr Vermögen wuchs auch nicht. So sagt man davon.

„Sie hießen aber noch immer ‚von der Not‘, bis einmal – es war eine Taufe im Schloß, und der Täufling starb dem Prediger unter den Händen, und die Mutter folgte ihm alsbald nach, – da sagte einer von den Zeugen zu dem armen Vater, was er auch den traurigen Namen trüge; der künde ja schon all das Unglück und binde es an das Haus und die Familie. Das nahm sich der Mann zu Herzen, und machte es so aus, daß man den alten Namen abthun und vergessen sollte, und von der Zeit an lautete es ‚Dernot‘ – es war eins, und doch anders.

„Aber mit ihnen wurde es darum nicht anders, es ging Alles den gleich schweren Weg, Jahr aus Jahr ein, und als dann auch der Feind kam und plünderte und brannte – mein Mann hat Ihnen wohl davon gesagt –, da ging es auch mit ihrer Habe zu Ende: Grund und Boden trug damals nicht viel und hatte sehr geringen Preis. Da verkauften sie dies, da verkauften sie jenes, da kriegten die Besseling die Mühle frei, und der Baron von Treuenstein – sie heißen ihn noch immer den Oberjägermeister – der bekam Deuffingen und dann den ganzen Dernoter Wald und immer mehr, und zuletzt blieb dem alten Anselm Dernot, der hier oben saß, nichts übrig als das Schloß und ein paar Aecker und Matten thalaufwärts.

„Der Anselm aber ist auch der letzte Mann seines Stammes gewesen; einen Sohn soll er gehabt haben, der ist aber dem Vater feind geworden, in den Krieg gezogen und man hat nicht wieder von ihm gehört. So blieb ihm nur noch eine Tochter, die hieß Euphemia. Und da es vordem ausgemacht worden war, daß bei den Dernot nicht blos die Söhne erbten, sondern, wenn keine da, auch die Töchter die Erbschaft behielten mit vollem Recht und im festen Besitz, so mußte Alles, was noch übrig, nach Herrn Anselm’s Tode auf die Euphemia übergehen, und wie’s bis dahin ‚Herren‘ von Dernot gegeben, hieß sie dann die ‚Herrin‘. Vordem soll schon einmal eine solche Erbtochter hier gesessen sein, aber von der wissen wir nichts Rechtes, und die meinen wir auch nicht, wenn wir von der ‚Herrin‘ sprechen, sondern die Euphemia.“

„Die Euphemia,“ fuhr die Erzählerin fort, das Spinnrad summte stets gleich eintönig weiter, ebenso rieselte draußen der Regen und im Zimmer wurde es immer dämmeriger – „die Euphemia ist ein Engel auf Erden gewesen, so schön und so gut. Freude auf Erden hat die nicht gehabt; ihre Mutter war früh gestorben, ihr Bruder verschollen, der Vater krank und schwach, und sie waren so arm, daß sie oft zu sorgen hatten, wie sie nur den Hunger stillen sollten. Und nun wurde Herr Anselm immer kränker und legte sich zum Sterben, gramvollen Herzens; wohin er auch sah, für sein Kind fand er nichts als Noth und Elend, jetzt und immerdar, und er wußte keine Stütze für sie und keinen Freund. Der, auf den er noch immer gehofft, sein ältester Freund und treuester Nachbar, der Herr von Oos auf Herzheim, war vor einem halben Jahr gestorben, und sein Sohn Julian stand seit Jahr und Tag beim Heer des Kaisers unter dem Prinzen Eugen gegen die Franzosen, hatte seit lange nichts von sich hören lassen und war auch auf die Nachricht vom Tode seines Vaters nicht heimgekommen. Und das hat sich nicht am wenigsten Euphemia zu Herzen genommen, denn sie und der Julian haben sich lieb gehabt seit ihren Kindertagen.

Da, in den allertraurigsten Stunden, ist der Herr von Treuenstein, der Oberjägermeister, hier eingeritten, und da er ein alter Herr war, ein stolzer Cavalier und hochangesehen, und gegen Herrn Anselm von jeher wie ein Mann von Ehre gehandelt hatte, so nahm’s der Sterbende für einen Wink des Herrgotts an, ward froh, bat den Baron, daß er seines Kindes Ehre und Habe in seinen Schutz nehme als getreuer Vormund, und starb noch in der gleichen Nacht beruhigten Herzens. Der Baron ließ ihn begraben, wie es sich für solch’ einen Herrn schickte, und führte die verwaiste Herrin von Dernot mit sich fort auf seine Besitzungen. Auch bestellte er treue Verwalter, daß sie das Schloß in Obhut nahmen und dem heruntergekommenen Besitz durch rechte Bewirthschaftung wieder aufhalfen.

Der Baron war ein alter Mann, er hatte schon seine zweite Frau begraben und verheirathete Töchter, aber sein Blut war noch nicht ruhig geworden. Und da er nun die Euphemia immer um sich sah und ihre Schönheit anschaute, ihre Lieblichkeit und Güte, da entbrannte sein Herz zu ihr und er warb um sie in Güte und dann mit Härte und Gewalt, und wie sie auch widerstrebte, wie sie bat und flehte, sich zu ihrer alten, treuen Liebe bekannte, – es half ihr alles nichts. Der Herr Julian war nicht da und der Baron wollte auch nichts von ihm wissen, und die Herrin von Dernot mußte die Gemahlin des Oberjägermeisters werden. Glück und gute Tage aber hat sie auch dann nicht gehabt. Herr von Treuenstein war kein milder und freundlicher Mann, und daß die Dame ihm so lange getrotzt und widerstrebt und ihm den ‚verschollenen Bettler‘, wie er Herrn Julian geheißen, immer vorgezogen, hat er ihr nie vergeben und vergessen. Sie ist aber bald gestorben.“

„Als ich ein Kind war, und der Herr Baron August hier noch wohnte,“ sprach die Matrone nach einer kurzen Pause noch einmal weiter, „war in des Herrn Cabinet, wo Sie jetzt schlafen, Fräulein, ein Bild von ihr, darauf war sie als ganz junge Frau, man hat’s nicht ansehen können, ohne daß einem Thränen in’s Auge kamen: so schön war sie, so jung und so sterbenstraurig. Der Herr hat es auch fast immer mit einem Schleier bedeckt gehabt. Als er starb, ist es mit anderen Nachlaßstücken von seinem Herrn Bruder, Ihrem Großvater, fortgenommen worden – es hätte wohl nicht sein sollen, denn hierher gehörte es, auf ihr altes Schloß und Eigenthum, und an keinen anderen Platz. Ich weiß nicht, ob man es aufbewahrt hat. –“

„Das ist es, Fräulein, was ich Ihnen von diesen alten, traurigen Geschichten zu erzählen weiß,“ schloß Frau Katharina mit einem tiefen Athemzuge ihren Bericht.

„Mutter,“ sagte Esperance nach einer langen Pause in gepreßtem [211] Ton, „Ihr habt mir nicht alles erzählt, gerade von der armen Euphemia wißt Ihr sicherlich noch viel mehr. Und die – sie ist ja zwiefach meine Ahnfrau! – die möchte ich gern ganz kennen lernen.“

Die Dämmerung hatte inzwischen so rasch zugenommen, daß der Hintergrund des Zimmers bereits dunkel war und selbst hier vorn, in der Nähe des Fensters, das letzte schwache Licht kaum noch hinreichte, die Gestalt und das Gesicht Frau Katharinens dem Auge des Mädchens sichtbar bleiben zu lassen. Die Züge und den Ausdruck konnte Esperance nicht mehr unterscheiden, aber die dunkeln Augen sah sie sich erheben – ernster und tiefer, meinte sie, als je.

„Ja, Fräulein – lügen kann ich nicht,“ klang die Stimme der alten Frau, „man erzählt sich noch mehr davon. Man sagt, Herr Julian sei zurückgekommen, der Baron habe ihn bei seiner Gemahlin gefunden und ihn erstochen. Ob es wahr ist, das weiß ich nicht, und zu Ihnen kann ich auch nicht davon reden. Gewiß aber ist, daß die Baronin zuletzt eine kurze Zeit hier ganz einsam lebte und, nachdem sie einen Knaben geboren hatte, starb, kaum dreiundzwanzig Jahre alt. Der Oberjägermeister hat darauf sein Kind zu sich genommen, und dieses – es war Ihr Urgroßvater – hat das Andenken seiner seligen Mutter stets in Ehren gehalten. Er hat die Herrschaft Dernot wieder auf ihren früheren Umfang gebracht, das Schloß neu emporgerichtet und es nicht selten bewohnt, und da er starb, beides seinem Sohn, dem Baron August, hinterlassen. Von dem ist es hernach an Ihren Herrn Großvater, des August älteren Bruder, zurückgefallen.“

Es war eine lange Zeit still im Zimmer und die Dämmerung wurde immer tiefer; da sagte Esperance leise: „Oos von Herzheim – so hat meine Mutter als Mädchen geheißen. Kanntet Ihr sie, Frau Katharina?“

„Ja, Fräulein. Als sie noch klein war, kam sie mit ihrem Vater wohl einmal zum Baron August – ein schönes, liebes, heiteres Kind. Damals haben auch Seine Excellenz, der Herr Vater, sie hier zuerst kennen lernen.“

Esperance war still zu der Matrone gekommen, noch stiller aber schied sie endlich von derselben, um die Verwandten wieder aufzusuchen. Die Worte des Müllers, die einen so tiefen Eindruck auf das Mädchen gemacht, hatten in der Erzählung der alten Frau einen Nachhall gefunden, welcher fast schmerzhaft durch Esperance’s Unbefangenheit und frohherzige Jugendlust hinzitterte. „Von der Not – das also meinte er!“ flüsterte sie vor sich hin, da sie die von einer Lampe jetzt nothdürftig erhellte Treppe hinanstieg und droben über den kleinen Vorplatz schritt. „Auf Dernot ist nie Jemand glücklich gewesen. Und nun ist’s mein, und nun muß auch ich –“

Sie brach ab und stand, wo der Corridor sich vor ihr öffnete, der an den bewohnten Gemächern vorüberführte und seit ihrer Ankunft Abends gleichfalls durch eine Lampe beleuchtet wurde. Unter dieser, so, daß alles Licht der kleinen Flamme gerade auf ihn fiel, schritt ein Mann in dem Gange hin, eine mittelgroße, mehr hagere als starke Gestalt und in dunkler Kleidung, welche ihren Träger den besseren Ständen zuzuordnen schien. Er ging rasch und so leicht, daß trotz der tiefen, rings herrschenden Stille kaum ein Tritt für das Ohr des lauschenden Mädchens wahrnehmbar wurde. Und das Haupt ein wenig geneigt, wie in Gedanken, schritt er so stetig fort, als sei der Weg ihm ein altgewohnter, und anscheinend so unbekümmert, als sei ihm die Beobachtung oder Begegnung eines Fremden völlig gleichgültig.

Die Mittheilungen der Zofe und Joseph’s, die Esperance vorhin kaum beachtet, kamen ihr plötzlich in den Sinn – war dies der Spuk der Einen und der Unbekannte des Anderen? – Und durch des Mädchens eben noch erstaunte Züge flog ein fast trotziges Lächeln: ein Spuk war das da nicht, sondern ein Wesen von gutem Fleisch und Blut, aber unbekannt war er ihr freilich, und – dennoch im Eigenthum der Herrin von Dernot?

Sie erhob den kleinen Kopf und ihr Auge blitzte: das sollte nicht sein! – Sie flog ihm nach, leichten Schritts und fast so unhörbar wie er – er war jetzt beinahe schon droben an jener Ecke, wo Joseph in der vorigen Nacht den Fremdling hatte verschwinden sehen. Weiter durfte er nicht, denn dort ging es in den wüsten Südflügel hinein und die Nacht lag voraussichtlich in diesen öden Räumen mit ihrem tiefsten Dunkel, so daß, selbst wenn Esperance sich hätte hinein getrauen mögen, daselbst von einer Verfolgung und Entdeckung keine Rede sein konnte. Sie öffnete die Lippen zu einem Ruf – da – hatte er dennoch ihren Schritt vernommen? – stand er plötzlich und wandte sich langsam ihr zu, und ein paar Augen schauten ihr entgegen.

Das Herz schlug ihr, aber sie nahm sich zusammen und trat ihm entschlossen näher. „Mein Herr –“ sagte sie.

„Herrin von Dernot – Du bist’s, ich kenne diese Züge!“ unterbrach sie eine tiefe, ruhige Stimme, und durch das blasse Gesicht flog ein leises Lächeln; „was kreuzest Du meinen Pfad, da ich Dir doch fern bleibe?“

Sie fühlte eine heiße Röthe in die Wangen und auf die Stirn steigen, die seltsame Anrede reizte sie zu einer herben Antwort. Und dennoch entrang sich ein tiefer Athemzug der Befriedigung ihrer Brust, als sie nicht fern hinter sich eine Thür aufgehen und gleich darauf Joseph’s Stimme rufen hörte: „Esperance, bist Du das?“

Einen Augenblick stand der Vetter neben ihr und indem sein Auge den Fremdling nicht allzu freundlich maß, sprach er hastig: „Was heißt dies? Ach, der Nachtvogel, glaub’ ich gar? Wer sind Sie, Herr, und wie tragen Sie’s, Fräulein von Treuenstein –“

„Fräulein von Treuenstein hat Niemand weniger zu fürchten als mich,“ fiel ihm der Mann in’s Wort, durch dessen Züge ein finsteres Lächeln glitt. „Niemand sollte ihr näher stehen, denn ich trage den gleichen Namen –“

„Leopold, Bruder Leopold!“ rief sie, seine Hand ergreifend, leidenschaftlich aus, „ist es möglich?“

„Ja, der bin ich, der Ausgewiesene,“ versetzte er, und wie sein Auge auf dem glühenden, liebreizenden Geschöpf da vor ihm ruhte, mußte es wohl milder werden. „Ich wollte die Leute hier, welche mich trotz des Befehls aufnahmen, nicht unglücklich machen und wich Euch aus, wie sehr mich auch mein Herz zu der kleinen unbekannten Schwester zog. Nun blieb ich dennoch stehen, Esperance, und sah Dich. Jetzt aber weiche ich auch.“

„Weichen?“ rief sie, ihn ungestüm umschlingend, leidenschaftlich aus. „Weichen, da ich Dich kaum gefunden, Du Unbekannter, Ersehnter, Geliebter? Wer wagt Dich zu vertreiben, wenn ich Dich halte?“ Und das Köpfchen erhebend, fügte sie halb lachend, halb weinend, jubelnd hinzu: „Sag’s noch einmal, Joseph, unlogischer Mensch, daß meine tolle Reise ein dummer Streich! Ich hab’ es wohl gewußt, daß ich auf Dernot das Glück finden werde, wie unglücklich auch alle die Anderen waren! Siehst Du, siehst Du! O Leopold, einziger Bruder, Dich hab’ ich hier gefunden und gewonnen!“




5. In blauen Tagen.

Die Entdeckung des nie gekannten und dennoch stets geliebten und ersehnten Bruders, in der Esperance neben der augenblicklichen, rein persönlichen Freude und Befriedigung eine Art von Schutz gegen all’ das alte, im kleinen Schloß hausende und über ihm brütende Unheil und gewissermaßen ein Pfand des eigenen Glückes finden wollte, schien in ihrer Wirkung auf alle Bewohner Dernot’s ein solches Vertrauen des enthusiastischen jungen Herzens wirklich zu rechtfertigen. Aus dem Spuk des Einen und dem räthselhaften, jedenfalls bedenklichen Fremdling des Anderen war der willkommenste und liebste Gast hervorgegangen; das Geheimniß, das wieder Andere verstimmt und mit Besorgniß erfüllt, war ohne Nachtheil für die Eingeweihten aufgeklärt worden; das Unbehagen, das Alle umfangen, das Träumen und Sinnen, das Dernot’s junge Herrin eingesponnen, die schwermüthigen Schatten, die sich durch das alte Haus lagerten und sich über die Menschen breiteten, Alles schien, und wie sich bald zeigte, nicht blos für den ersten Augenblick, verschwunden.

„Siehst Du wohl,“ sagte Esperance an dem Abend noch einmal, sie saß auf des wiedergefundenen Bruders Knie und hatte den Arm um ihn geschlungen, und ihr Auge blickte lächelnd und voll glückseligen Uebermuths zu Joseph hinüber, „siehst Du wohl, wie es mit Deinem dummen Streiche steht? Habe nicht ich uns vor einem solchen bewahrt, da ich nicht fort und nicht heim wollte als in Sack und Asche trauernde bußfertige Sünderin? Hab’ ich’s nicht gewußt, daß wir auf Dernot Lust und blaue Tage finden würden?“

[212] Eugenie, deren blaues Auge gleichfalls bei weitem heiterer und klarer blickte, als am Nachmittag, deutete ohne ein Wort gegen das Fenster, an dessen Scheiben der Regen schlug, und Joseph fügte lachend hinzu: „Wahrhaftig, Gebieterin, das heißt man eine demonstratio ad hominem oder auch ad absurdum geführt – beides! Ich habe von Deinem ‚Blau‘ noch nichts zu sehen bekommen, conträr, gerade seit wir in Deiner Terminei sind –“

„Haben wir alle geschmollt und verdrießliche Augen gemacht,“ unterbrach sie ihn lustig. „Wir verdienten gar keine guten Tage. Selinde würde sagen: ‚Unseren Seufzern antworteten die Thränen des Himmels!‘ Jetzt wird’s besser werden. Der hier,“ und ihr Auge blickte glänzend in das des Bruders, „bringt uns blaue, lustige Tage! Jetzt erst beginnt unser fröhlich Regiment. Gebt nur acht!“

Es war der erste Abend, an dem man wieder Esperance’s glockenhelles Lachen vernahm und auch Eugenie – man möchte sagen – aufleben sah; Die kostbare Stunde der Nachttoilette, welche in den vergangenen Tagen so rasch wie möglich und unter seriösem Schweigen absolvirt worden, war heute voll Lust und Plaudern, voll Neckereien und übermüthigen Einfällen, und noch aus den Betten flog ein paar Mal ein Scherzwort durch das dunkle, stille Gemach. Hatte doch selbst Selinde heute nicht einmal geseufzt, sondern nur ihre tiefste Befriedigung kundgegeben, daß sie Zeugin so romantischer Ereignisse und Auflösungen sein dürfe.

Und am nächsten Morgen war es wirklich nicht mehr der trübe, mühsam sich aus der Dämmerung ringende Tag, der in verdrossene oder schwermüthige Augen blickte; über den Bergen drüben, wo damals das Gewitter aufgestiegen und von denen seitdem all die schwer schattenden Wolken daher trieben, da breitete sich heute ein leuchtendes Blau aus und rückte höher und höher.

Es hatte Alles ein anderes Ansehen gewonnen, die Menschen, das alte Haus mit seinen öden Räumen, und Frau Katharina hatte doch nicht Recht gehabt, als sie meinte, heiter sei Dernot niemals. Das sah man heute wohl, wo ein Sonnenstrahl sich selbst in den dämmigen Corridor hineinwagte und die schweren Vorhänge sich behaglich in der prachtvollen Luft und dem hellen Licht wiegten, welche durch die geöffneten Fenster erquickend hereindrangen, und wo sogar der Schloßhof hell wurde bis auf den Grund.

Aber auch an den Menschen fand sich, wie gesagt, diese Wandlung wieder. Die jungen Leute schienen erst jetzt ihre rechte gewohnte Weise wiedergefunden zu haben, Joseph war ein munterer, neckischer Gesell und Eugenie rechtfertigte das Urtheil der Tante über sie mehr als einmal durch die übermüthigsten Einfälle. Aber auch Frau Katharine blickte heut ganz anders, freundlich und vertrauensvoll darein, und Meister Tobias war ohne Widerrede der Glücklichste von Allen. Der kleine dicke Mann war kaum wieder zu erkennen, so lief, ja tanzte er beinah umher, so zutraulich war er, so strahlte sein gutes altes, ein wenig kupferiges Gesicht vom innerlichsten Behagen. „O lieber Gott, ja,“ gab er lustig zu, „ich könnte immer singen und tanzen, wenn ich die gnädige Herrschaft so einträchtig bei einander sehe. Es war diese Tage auch gar zu unplaisirlich!“

„Eure Schuld, Meister,“ erwiderte Esperance, welche durch ihre Neckerei diese Entgegnung veranlaßt hatte. „Eigentlich sollte ich es Euch und der Dame Katharine nicht so hingehen lassen, daß Ihr solches Mißtrauen gegen mich hegtet. Ja, ich glaube beinah,“ fügte sie mit einem munteren Blick auf die Matrone am Spinnrade hinzu, „Ihr, Mutter, habt noch mehr verbrochen – Eure traurigen Geschichten sollten mich am Ende blos fortjagen?“

Die Frau schüttelte den Kopf. „Fräulein, Sie haben es selber gewollt und nicht ich,“ sagte sie ruhig. „Mir war das Herz schwer genug um den armen Herrn, der nun doch vielleicht vor Ihnen weichen mußte – wie konnt’ ich’s anders glauben? – und auch um Sie selbst. Sie sah ich, wie’s von den alten Dernotern heißt: die blickten, jung und alt, nur ernst in’s Leben oder traurig. Und wenn es hier anders werden soll, muß die Herrin von Dernot ein fröhlich Herz haben und helle, vertrauende Augen, – so, wie heut die Ihren. Das ist mein Glaube.“ – –

„Hieltest denn auch Du es für möglich, daß ich Dir feindlich gegenüberstehen könnte?“ fragte Esperance später den Bruder. Es war nicht die erste Frage dieser Art, aber er schien sie bisher überhört zu haben.

Jetzt zuckte der ernste Mann – denn wie sichtbar ihn die heitere, zärtliche Schwester auch beglückte, selbst munter und sorglos gleich den Uebrigen blickte er darum nicht – die Achseln und versetzte: „Kind, wie konnte ich darüber ein Urtheil haben? Was wußte ich von daheim, von Dir? Und wenn nicht an mich, mußte ich nicht an Dich denken, was die Begegnung mit mir für Folgen haben könnte für Dich? – Aber laß uns schweigen von diesen traurigen Zuständen.“

„Nicht doch,“ rief sie und zog seinen Arm fester an sich. „Du wichst mir seither aus – ich merkt’ es wohl! Nun aber, sprich – von Dir, von dem Vater. Was –“

„Kein Wort davon,“ unterbrach er sie lebhaft. „Ich klage nicht an, ich vertheidige nicht. Vielleicht ist der Vater, wie er Alles ansehen muß, im vollen Recht, aber auch ich vermag mich nicht im Unrecht zu sehen, – das ist heute, wie damals, als wir schieden. Das muß Dir genügen. Die Einzelnheiten sind nicht für Dich. Lasse uns an einander froh sein. Wer weiß, wie bald diese freundlichen Stunden enden und das Scheiden kommt.“

„O, in Dernot sucht man uns nicht,“ lachte sie ein wenig gezwungen. „Der Vater hört ja nicht einmal den Namen gern.“ Und zu ihm aufblickend fügte sie in einem gewissen leichten Tone hinzu: „Kennst Du den Grund dieser Antipathie?“

„Nein,“ erwiderte er kurz, und erst nach einigen weiteren Schritten fragte er mit einem schwachen Lächeln: „Sage Du mir lieber, wie Ihr auf diese wunderliche Reise gekommen seid.“

Ihr Auge erhob sich rasch und doch ernst zu ihm und ihre Lippen öffneten sich bereits, als wollten sie ihm schnell – vielleicht etwas Unerwartetes – antworten. Im nächsten Moment aber wechselte der Ausdruck ihres Gesichts wieder, und als sie nach einer Pause sprach, war es ihr gewöhnlicher, munterer, fast ein wenig schalkhafter Ton, in dem sie sagte: „Ja, gelt, unsere Geheimnisse wollt Ihr uns entlocken und die Euren darf Niemand erfahren! – Aber in Gottes Namen,“ fuhr sie lächelnd fort, „es ist einfach genug. Eugenie und ich waren neugierig auf dies – verbotene Dernot und fanden einen Incognito-Ausflug unter Joseph’s Schutz entzückend. Und da wir uns daheim langweilten und Tante Kunigunde sich auf das Heirathsstiften legte, so verschrieben wir uns Joseph und gingen auf und davon. Mit dem Incognito ward es freilich nichts,“ schloß sie. „Der grobe Müller erkannte mich gleich. – Bin ich denn dem Vater wirklich so ähnlich?“

„Das wird er wohl kaum gemeint haben,“ entgegnete Leopold; „die Aehnlichkeit überspringt, wie man sagt, nicht selten eine Generation, und so weit ich mich der Bilder entsinne, gleichst Du allerdings dem Großvater, besonders aber dem Großonkel August, dem Besitzer Dernots, auffallend, – mit einem Wort, Du hast die Dernoter Züge. Es hing vordem im Zimmer meiner Mutter neben dem Bilde des Großonkels auch das der armen Euphemia – so hieß Deine Vorgängerin, die ‚Herrin von Dernot‘, die Letzte dieses Hauses. Sie war die Großmutter August’s und hatte dem Enkel ihre Züge hinterlassen. Und als ich Dich gestern Abend in der Nähe sah,“ schloß er freundlich sie anblickend, „fand ich diese, wie gesagt, auch an Dir wieder.“

Sie sah zerstreut den Pfad entlang, der sich anmuthig, an jungen Ansamungen vorüber und über kleine, üppig grünende Blößen, dem über die ganze Westseite des Thales ausgebreiteten prachtvollen Hochwalde entgegenschlängelte. Und erst nach einer Weile versetzte sie gedämpft: „Von ihr erzählte Katharina mir gestern Abend, auch von dem Bilde, aber von der Aehnlichkeit sagte sie nichts. Es ist doch seltsam,“ setzte sie, zu ihrem Begleiter aufblickend, nach einer kleinen Pause hinzu, „daß ich die beiden Bilder gar nicht kenne. Warum sind sie nicht bei den anderen, oder wo überhaupt sind sie?“

„Der Vater liebte sie, wie ich glaube, nicht,“ entgegnete Leopold ruhig. „Ich erinnere mich zufällig, daß er einmal, da er in’s Zimmer meiner Mutter kam – oft geschah das nicht, Kind, die Eltern sahen sich meistens nur Mittags bei Tisch oder vielleicht Abends, eine derartige Bemerkung über die Bilder machte und sich verdrießlich abwandte.“

[225] Der Weg, der sich bisher immer im Thale fortgezogen, wand sich jetzt eine leichte Höhe hinan, welche dennoch weit genug emporragte, um der rastenden kleinen Gesellschaft – Eugenie und Joseph, die den Vorausschreitenden nachgeschlendert waren, standen nun gleichfalls bei ihnen droben – eine freiere Aussicht über die Reviere, hier in den Hintergrund des sich immer mehr verengernden Thals, und dort auf die hügelige Gegend zu erlauben, durch welche die Wanderer damals ihrem Reiseziel entgegengezogen waren. Es war wiederum ein reizendes Bild. Dernot’s von der Sonne überstrahlter Bau schaute ernst, fast trotzig, von seiner Höhe herunter; drüben sah man den Hügelrücken, hinter dem die Mühle liegen mußte, und noch weiterhin erkannten Eugeniens helle Augen in dem leisen Duft, der die Ferne erfüllte, die hervorragende Kuppe und die ihre ganze Umgebung überragende alte Eiche des Vorbühl.

Da sie so standen und schauten und Leopold ihnen diesen und jenen Punkt der Gegend nannte, richtete sich Joseph’s Neufoundländer wieder an Esperance’s Seite auf und sah gegen die Fortsetzung des Pfades hinab, der sich nach wenigen Schritten im Gebüsch verlor. Gleich darauf sprang auch der Hühnerhund des jungen Jägersmannes daraus hervor und unmittelbar folgte dieser selber, da er die Gesellschaft sah und erkannte, einen Moment stutzend und dann sie artig mit geschwungenem Hut begrüßend.

„Reinen Mund,“ sagte Leopold leise. „Vergeßt nicht, ich gelte hier für einen Verwandten der Frau Katharina.“

„So haben Sie sich wirklich nicht durch den Regen verscheuchen lassen aus dem alten, unheimlichen Nest da droben?“ redete der Herantretende heiter mit wiederholtem Gruß, und sein dunkles Auge, das die Fremdlinge überflog, heftete sich mit Interesse auf Esperance. „Und wie ich Gott Lob sehe,“ fügte er hinzu, „ist Ihnen unsere Flucht durch das Unwetter nicht schlecht bekommen. Ich fürchtete beinah –“

„Sie leugnen zwar, daß Sie ein Dernoter sind,“ unterbrach Esperance ihn schalkhaft, „aber ich glaube, Sie sind’s dennoch, mein Herr! Ein Fremder wäre sicher nicht so ungalant gewesen, drei, vier Tage lang gar nicht nach seinen Schützlingen zu sehen. Bei euch Dernoter Bären freilich ist das etwas Anderes und ganz hergebracht, Herr Burgsheim – habe ich nicht Recht?“

Der junge Mann vertheidigte sich heiter, die Uebrigen mischten sich in die Unterhaltung, wenn auch Leopold sich meistens schweigend und, wie es Eugenien erschien, beobachtend zurückhielt. Man schritt fröhlich weiter und ließ sich von dem gegendkundigen Begleiter gern auf schöne Punkte und anmuthige Aussichten aufmerksam machen. Und von Schritt zu Schritt, von Wort zu Wort, möchte man sagen, verstärkte sich der angenehme Eindruck, den die erste Begegnung mit dem Fremdling hinterlassen hatte. Wie er sprach und urtheilte, erklärte und harmlos plauderte, alles verrieth neben einer wirklichen und tüchtigen Bildung Kenntnisse, Geschmack und sogar den künstlerischen Blick, einen klaren Kopf und ein warmes, gesundes Herz. Und andererseits bewiesen die Unbefangenheit, mit welcher er sich der Unterhaltung mit seinen Begleitern überließ, und der sichere Tact, mit dem er jede unschickliche Vertraulichkeit vermied, deutlich genug, daß er auch in der Gesellschaft eine gute Schule durchgemacht haben mußte.

Esperance zumal überließ sich diesem ansprechenden Eindruck augenblicklich mit ihrer vollen Fröhlichkeit und Harmlosigkeit, aber auch Joseph und Eugenie fanden sich heiter zu einer freundlichen Hingebung an den neuen Bekannten vermocht, welche, wie leicht Beide im Kreise der Ihren das Leben auch zu nehmen pflegten, Fremden gegenüber sonst kaum in ihrer Weise lag. Die erste Begegnung und der Gang durch den Gewittersturm hatte Alle freilich rasch einander genähert, und die seltsame Situation, in welche die jungen Leute durch ihren Reiseeinfall gerathen waren, erleichterte, neben des Fremdlings durchaus schicklichem Auftreten, auch ihrerseits die Fortsetzung dieses Verkehrs.

Das Beste war jedenfalls, daß selbst Eugenie, in der ein gewisses Standesgefühl vielleicht am stärksten ausgeprägt war, in der Begegnung mit dem Jägersmann nur etwas Ansprechendes und nichts von dem zu empfinden vermochte, was man als unbehaglich hätte zurückweisen müssen oder als bedenklich in der Zukunft zu bereuen haben könnte. Man trennte sich endlich in der Nähe des Schlosses auf das Freundlichste, nachdem man für den folgenden Tag einen neuen längeren Ausflug verabredet hatte.

„Haben Sie eine Ahnung, Cousin, wer oder was dieser Burgsheim eigentlich ist, oder wie er gerade hieher gekommen?“ fragte Eugenie, da sie in der Dämmerstunde bei einander waren – ohne die „Herrin von Dernot“, welche bald nach ihrer Rückkehr in’s Haus zu Frau Katharine gegangen war.

Leopold schüttelte den Kopf. „Sie müssen nicht vergessen, Eugenie,“ versetzte er, „daß ich zwar schon seit einigen Wochen hier, von Anfang an aber aller Welt als ein obendrein kränklicher Verwandter Katharinens entgegengetreten bin. Mit den Leuten im Dorf drunten, mit dem Förster und dem alten Müller hatte ich so gut wie keinen Verkehr und erfuhr von den hiesigen Verhältnissen fast gar nichts – schon weil man auch im Schloß wenig davon redet und ich bei meinen Arbeiten kaum Zeit und [226] Interesse dafür übrig habe. Mit dem Förster und seinem Gehülfen bin ich indessen wohl einmal zusammengetroffen, und der junge Mann hat mir als ein Mensch von Herz, Kopf und Bildung stets einen angenehmen Eindruck gemacht. Weiter hab’ ich über ihn kaum nachgedacht, und noch weniger ihn gefragt, was ihn etwa hierher geführt. In Zeiten, wie wir sie jetzt in Deutschland erleben,“ fügte er mit finsterem Lächeln hinzu, „muß man’s nicht allzu genau mit Jemand nehmen, der sich auf einige Zeit aus eurer großen Welt zurückzieht. Und übrigens, Cousine, giebt es hier ja auch eine völlig genügende Erklärung: daß die Forsten in ausgezeichneter Cultur sind, sieht jeder Fachmann auf den ersten Blick und ebenso, daß hier Alles vorhanden ist, was sich ein Lernender für seine Ausbildung nur wünschen kann. Ich glaube nicht, daß Burgsheim es anderswo besser treffen könnte.“

„Er ist ja obendrein ein Verwandter des Müllers,“ bemerkte Joseph.

Leopold sah lebhaft auf. „Woher wissen Sie das, Vetter?“ fragte er.

„Der alte Bär nannte ihn Du und verkehrte überhaupt mit ihm wie – wie mit einem Kinde des Hauses.“

„Das ist mir neu,“ erwiderte der Andere in nachdenklichem Ton und sein Auge blickte sinnend vor sich nieder. „Danach muß ich mich weiter erkundigen, denn wenn das zuträfe, würden wir, glaub’ ich, allen Grund haben, vor dem Burschen auf der Hut zu sein.“ Und da er die überraschten Blicke der Geschwister bemerkte, setzte er in einem eigenthümlichen, man hätte sagen mögen, abweisenden Tone hinzu: „Ich weiß wenig mehr von diesen Dingen, als daß Augustin Besseling uns Treuensteinern von jeher nicht freundlich gesonnen war und nicht nur mit dem Vater, sondern auch schon mit dem Großvater ein Mal über das andere in Streit gerieth – weshalb, ob ursprünglich mit Recht oder Unrecht von seiner Seite, ist mir nicht genau bekannt. Das ist indessen auch ziemlich gleichgültig, da seine Feindschaft und seine fortgesetzten – sage ich Wühlereien und Chicanen unableugbar sind.“

Als die beiden Vettern später allein waren, fragte auch Joseph in einem fast verlegenen Ton und mit forschendem Blick auf den Verwandten: „Cousin, ist Ihnen die Aehnlichkeit zwischen Esperance und dem Jäger nicht aufgefallen?“

Und Leopold entgegnete achselzuckend: „Ich bin zu kurzsichtig, um dergleichen leicht zu bemerken, doch schien es auch mir heut’ Nachmittag so zu sein und ich dachte einen Augenblick – vollends, da Sie der Verwandtschaft mit dem Müller erwähnten, – an eine alte verschollene Geschichte, allein ich kam sogleich wieder davon zurück. Es muß doch wohl nur ein Spiel der Natur sein. Denn der Burgsheim ist nach meiner Schätzung fünf-, vielleicht sechsundzwanzig Jahre alt, und das – stimmt nicht zu jener Sage, ja es widerspricht ihr beinah.“

„Und diese – Sage?“ fragte Joseph voll Interesse. „Hängt sie auch mit dem Müller und seiner Feindschaft zusammen?“

Leopold wiegte ablehnend das Haupt. „Lassen wir das,“ sagte er. „Das sind Dinge, die keinenfalls uns angehen, und von denen man überhaupt nicht mehr spricht. – Es ist aber wunderlich,“ fügte er munterer und einigermaßen spöttisch hinzu, „wie Ihr Alle auf diesen Burgsheim versessen seid; als ob es etwas ganz Unerhörtes, daß man einmal in einfachen Verhältnissen einem gebildeten und höflichen Menschen begegnen könne! – Ich bin wirklich neugierig, ob jetzt nicht auch meine Schwester mit einer Frage herausrückt.“

Aber Esperance fragte nicht und erwähnte des Fremdlings überhaupt kaum vor den Ihren, oder doch nur in der gleichgültigsten Weise.

Ob Leopold sich, wie er es verheißen, bei Frau Katharine nach Burgsheim weiter erkundigt, erfuhren die jungen Leute nicht – er äußerte sich in keiner Weise mehr über den Jägersmann oder den Müller, obgleich der Erstere an den beiden folgenden Tagen viele Stunden lang in ihrer Gesellschaft war. Doch bemerkten die Geschwister, daß Leopold nicht nur auf all ihren kleinen Streifzügen und beinah bei jedem Schritt ins Freie beharrlich dabei war, sondern daß er auch in der Stille den Jäger aufmerksam beobachtete, sich bei weitem häufiger als am ersten Tage an der allgemeinen Unterhaltung betheiligte, ja auch allein mit Burgsheim und zwar so munder plauderte, wie man’s dem ernsten und meistens einsilbigen Mann kaum zugetraut hatte. Was und ob er überhaupt etwas dabei erkundete, erfuhr man von ihm ebensowenig, als ob er zu einem anderen Urtheil über den Fremden gelangt sei.

An Burgsheim selber wurde keine Veränderung, geschweige denn etwas bemerkbar, das seine Begleiter hätte zur Vorsicht mahnen sollen. Seine Heiterkeit, seine Einfachheit und Offenheit hier, seine Bildung und sein Tact da zeigten sich zu jeder Stunde und bei jeder Gelegenheit in gleicher, ansprechender Weise, und man durfte es nicht nur Esperance zu gut halten, wenn sie überall durch That und Wort bekundete, daß sie sich glücklich fühle, sondern mußte auch wohl zugestehen, daß man in einer solchen Einsamkeit und einem so engen Kreise schwerlich irgend jemals frohere, weder im Innern noch von außen gestörte, harmonischere Stunden verleben könne.

Wenn einer von allen ohne Betrübniß an das immer näher rückende Ende dieses sorglosen Lebens zu denken schien, so war dies nur Joseph, an dem je länger, desto mehr eine gewisse Ungeduld oder gar Gereiztheit bemerkbar wurde; in seine Neckereien, ja selbst in die einfachsten Gespräche mit seiner schönen Cousine klang zuweilen ein fast scharfer Ton hinein, und gegen Burgsheim ließ er sich ein paar Mal zu Aeußerungen fortreißen, die man, gelinde gesagt, unfreundlich, wo nicht beinah wegwerfend heißen mußte und die nicht blos den Jäger selbst verwundert aufsehen ließen.

Auf Esperance freilich übte das Eine wie das Andere eine durchaus andere Wirkung aus, als Joseph sie vermuthlich beabsichtigt hatte. Sie lachte den Cousin gewöhnlich lustig aus – sie denke nicht an den Aufbruch! – oder wies ihn, wiederum lustig, in seine Schranken zurück; nur die Stellung, die er Burgsheim gegenüber einnahm, schien sie kalt zu lassen, oder vielmehr von ihr gar nicht bemerkt zu werden.

Indessen meinte doch auch Leopold an einem der nächsten Tage, da die Schwester schon wieder Pläne auf morgen machte, einmal kopfschüttelnd: „Für einen Scherz scheint es mir jetzt genug, Kind. Ihr seid nach meiner Rechnung acht bis neun Tage von Hause fort, und der Vater darf –“

Das Blut schoß ihr in die Wangen. „Du bist unbarmherzig!“ rief sie aus und in ihr Auge trat etwas wie ein Schatten. „Wie weißt Du denn, ob es ein Scherz ist, der mich hierher gebracht und mich hier festhält? Ich nehme meine Herrschaft sehr ernsthaft. Gönne mir doch meine junge Herrlichkeit. Es ist daheim so langweilig, so eng; hier bin ich frei. Und sie glauben uns jetzt auch in den besten Händen, drüben bei Schauensteins: ich ließ durch Anna einen Brief an Tante Kunigunde gelangen, der es so meldet. – Fort von hier will ich noch nicht,“ schloß sie. „Ich lebe jetzt erst auf, und dem Bären dort –“ ihre Hand deutete hinab, wo am Fuß der Höhe die Mühlengebäude lagen – „sind wir auch noch einen Besuch schuldig.“

„Den würde ich an Ihrer Stelle unterlassen, gnädiges Fräulein,“ sagte Burgsheim, der eben mit den beiden Anderen herankam. Er hatte auch heut die Gesellschaft geführt, und sie standen nun auf dem sogenannten Mühlenberge, von dem aus man die beiden Thäler überblickte, welche sich dem Schlosse zu vereinigten. Der Jäger setzte seine Rede indessen nicht fort, denn beim ersten Blick hinab, wo die eigentliche Landstraße völlig übersehbar hinlief, rief er verwundert aus: „Die Herrschaften erhalten Besuch. Eine solche Euquipage kann nur zu Ihnen wollen.“ – Und in der That, man sah’s deutlich genug, daß der Wagen, welcher eben die große Brücke des Mühlenbachs passirte, elegant war und von wahren Prachtpferden gezogen wurde.

Indem rief auch schon Eugenie: „Beim Himmel, der da neben dem Kutscher auf dem Bock muß unser alter Jonas sein!“

„Du phantasirst,“ sagte Esperance, welche ihre Augen vergeblich anstrengte, finster. „Sollten sie uns wirklich schon entdeckt haben?“

Es verging eine kleine Pause; der Wagen fuhr diesseits rasch weiter. „Laßt uns heim,“ sprach Leopold; „wer es auch sei – er fährt zum Schloß.“

Und Esperance, in deren Gesicht sich plötzlich ein Zug von überraschender Härte bemerkbar machte, versetzte auch in wunderhartem Tone: „Gut, so laßt uns heim! Bisher spielte ich die Herrin, jetzt will ich sie sein. Von Ihnen nehme ich noch nicht Abschied,“ fügte sie hinzu, Burgsheim die Hand bietend. „Wir sehen uns jedenfalls wieder – ich habe noch viel von Ihnen zu erfragen. – Vorwärts!“


[227]
6. Der letzte Abend.

„Also wirklich gewußt, Jonas? Nicht blos gedacht?“ fragte sie, und zwischen den Brauen zeigten sich ein paar kleine Falten. „Gewußt? Wie aber, von wem? Weiß der Vater denn auch, daß Leopold –“

Der alte Leibjäger zuckte zusammen. „Fräulein,“ unterbrach er Esperance lebhaft, „ich sah den Mann nur so obenhin, aber er kam mir wirklich fast wie der junge Herr vor. Ist er’s?“

„Er ist’s,“ erwiderte sie und ihr Auge begegnete fest dem seinen. „Dein Bruder hat ihn bei sich aufgenommen und ihm ein Asyl gegönnt. Ich fand ihn hier, er verbarg sich auch vor mir – vor mir, Jonas, ist’s nicht, daß Einem das Herz brechen möchte? – Und nun kommt Ihr, auch ihn wieder zu verjagen?“

„Das ist nicht richtig,“ versetzte Jonas hart; „von uns verjagt ihn keiner, Fräulein. Sie können es an dem Schwachkopf, dem Tobias, sehen.“

„Schäme Dich, Jonas, es ist Dein Bruder, und er hat den Muth gehabt, den meinen bei sich Ruhe finden zu lassen.“

„Ja, er muß freilich wohl seine heimlichen Meriten haben, denn wen der Schloßengel zum Mann nehmen mochte –“

„Wer?“

„Der Schloßengel, so hießen wir vordem die Katharine, und sie verdiente es, sie war brav und sauber. Aber was ich sagen wollte – wo es den jungen Herrn gilt, bin ich dabei, selbst gegen die Excellenz. Der weiß noch von damals her, wie es mit mir steht. Wie Sie mit dem Kammerherrn fertig werden, weiß ich nicht. Er steckt mehr als je mit dem Baron zusammen. – Kann’s übrigens nicht leugnen,“ fügte der Alte hinzu, „daß ich selber gern ein paar Tage hier bliebe – hätten Sie mich nur statt der Kammerkatze mitgenommen, Fräulein! – Es geht etwas vor, der Herr ist gar zu wild und grimmig; und ich schwör’ darauf, das hängt wieder einmal mit Dernot und dem alten Stänker, dem Augustin, zusammen. Nur ein paar Tage, und ich brächt’s heraus. Der Herr, wie grimmig er ist, faßt es nicht recht an. Man muß dem Augustin ans Zeug greifen, oder er thut’s bei uns, Fräulein.“

Esperance, welche diesen Worten mit einer fast düsteren Aufmerksamkeit gefolgt war, erhob sich. „Du erhältst diese Tage,“ sagte sie, „gleich viel wie; nütze sie gut. Und vor allen Dingen, was Du entdeckst, erfahre auch ich. Vergiß nicht, ich bin die Herrin von Dernot.“ Sie nickte ihm zu und verließ raschen Schrittes das Gemach. –

„Endlich, mein schönes Kind, endlich!“ rief Herr von Brose ihr entgegen, als sie ein paar Augenblicke später in das Zimmer trat, das man ihm angewiesen hatte – seit Meister Tobias durch das Eintreffen der jungen Herrschaften überzeugt worden, daß man Dernot noch nicht ganz vergessen und aufgegeben habe, hatte er den vernachlässigten Räumen mehr Sorge als bisher zugewendet, und der Kammerherr sah sich daher ganz leidlich placirt und würde sich, zumal nach dem angreifenden Reisetage, ganz behaglich gefühlt haben, hätte er sich nach seinem Ausdruck in der verflossenen Stunde nur nicht so vollständig isolirt gefunden.

„Aber Dernot ist das Schloß der Feenmärchen,“ sagte er kopfschüttelnd. „Als ich vorhin zu Ihnen hinabeilte, waren Sie verschwunden, war niemand zu finden. Selbst der Schloßengel war fort, und ich hatte es nur meinem guten Gedächtniß zu danken, daß ich dies Zimmer wiederfand und durch das Zöfchen die Botschaft von Ihnen erhielt. Und nun kommen Sie gar zu mir,“ schloß er, ihre Hand ergreifend und gegen die Lippen erhebend. „Ich wollte auf Flügeln –“

Sie zog die Hand zurück und ihr Auge lachte ihn schalkhaft an. „Papa Brose, Sie saßen zwölf Stunden auf dem Wagen – da werden selbst unsereinem die Flügel lahm. So kam ich denn halb aus Erbarmen, halb aus Politik. Sie sollen keinen gar zu schlimmen Eindruck erhalten – es sieht drüben bei uns grauslich aus. Eugenie ist so wild, und Joseph raucht seines Cigarre nach der anderen. Morgen wird sich unser Salon in besserem Lichte zeigen.“

„Morgen – hm! – Aber Joseph, sagen Sie? Ist das der Cousin Herrenroth? Den haben Sie hier?“

„Freilich, lieber Kammerherr, den verschrieben wir uns zum Cavalier auf dieser Entdeckungsreise. Wie hätten wir’s sonst gewagt, Papa!“

„Sehen Sie, sehen Sie! Das war recht, das war fein! Der Vater liebt und achtet den jungen Mann, er erwartete ihn und wollte ihn Ihnen nachschicken. Das wird Ihren Empfang zu einem ganz freundlichen machen.“

Sie sah ihn mit einem halb nachdenklichen, halb forschenden Blicke an. „Der Papa ist also wirklich und selbst grimmig, nicht blos die Tante?“

Herr von Brose schüttelte ein wenig sein kleines Haupt. „Mein liebes Kind – ich darf es Ihnen nicht verbergen, Excellenz sind wirklich, wie Sie es heißen, grimmig, so, daß es uns erschreckte, obgleich wir“ – und er zuckte mit leichtem Lächeln die Achseln – „nicht leugnen können, daß er eine Art von Grund hat, ungeduldig zu werden. Denn ihr wilden Kinder habt’s doch wohl ein wenig zu arg gemacht! Und darum,“ fügte er hinzu, und in seinem runzelvollen Gesicht zeigte sich neben all dem Wohlgefallen auch ein gewisser ernster Zug, „darum dürfen Sie wirklich nicht viel von morgen reden. Es ist eine angreifende Tour, allein was hilft’s? Der Papa erwartet uns morgen Abend daheim.“

„Das bedauere ich von ganzem Herzen,“ sagte sie, das Köpfchen wiegend. „Es soll sehr widerwärtig sein, umsonst zu warten.“

„Mein theures Kind!“ – der Kammerherr sah wirklich erschrocken aus; „Sie denken doch nicht –“

„Hier zu bleiben? Einige Tage noch ganz gewiß, Herr von Brose. Wir hatten anfangs ganz schlechtes Wetter, und somit vermochte ich meinen Zweck noch nicht zu erreichen.“

„Zweck – ich bitte Sie, Zweck! Was kann Ihnen die Reise hieher, was der Aufenthalt in diesem öden alten Nest anders sein, als ein lustiger Einfall des jungen, übermüthigen Köpfchens!“

Ihr Auge blitzte ihn an. „Respect, mein Herr! Es ist mein Haus, das Sie da heruntersetzen! Was wissen Sie, was ich hier suchte, was ich hier fand! Und wäre es nur Ihr ‚Schloßengel‘ gewesen. Apropos, Papa, hat Jonas Ihnen den Titel genannt?“

„Ach,“ versetzte Herr von Brose mit einem milden Lächeln, „ich erinnerte mich seiner noch selber. Katharine war wirklich eine Ausnahme und verdiente diese Bezeichnung.“

„Also waren Sie schon hier, Papa?“

„Ja, leider, muß ich wohl sagen,“ erwiderte er mit einem sanften Wiegen des Hauptes. „Es ist lange her, Ihr Vater und ich waren in der ersten Intimität, jung und lustig. Da hausten wir hier ein paar Wochen – und verloren Lust und Vergnügen.“

„Ei, sieh da!“ rief sie mit dem Ausdruck der Ueberraschung, „da waren Sie also bei jenen Ereignissen, die dem Papa Dernot verhaßt machten?“

„Mein liebes Kind, lassen wir das!“ sagte der Kammerherr und strich mit den Fingern über Augen und Stirn, aber vorsichtig, so daß er die Perücke nicht berührte.

„Nein, lassen wir das nicht!“ versetzte sie noch immer im vorigen Tone und hörbar gespannt. „Da können Sie mir ja am Ende die Aufklärung geben, die ich hier bisher vergeblich suchte!“ Und ohne auf die Bestürzung zu achten, die aus seinem weit geöffneten Auge sprach, fügte sie hinzu: „Also, was verfeindete damals den Papa mit dem alten Augustin Besseling, und was ist an der Sage, daß man uns, mir, sogar den Besitz von Dernot streitig machen könnte?“

Einen Augenblick zeigten sich die Züge des alten Herrn noch unter dem Eindruck der Bestürzung; dann aber wich dieselbe vor einer immer deutlicher hervortretenden Mißbilligung, der sich sogar ein nicht zu verkennender Verdruß beimischte, und er entgegnete in auffällig herbem Ton: „Ich verstehe von dem allen nur, daß Ihr Vater völlig Recht hat, wenn er diesen Ausflug überhaupt nicht goutirt und, da er vernahm, daß derselbe nach Dernot gerichtet war, wirklich zu zürnen begann. Ich weiß nicht, was man Ihnen in’s Köpfchen gesetzt, allein ich sehe auch wieder, daß die alte Sage richtig: es spukt in Dernot und selbst die klügsten Köpfe werden davon beherrscht! – Mit einem Wort, liebes Kind,“ brach er milder ab, „schlagen Sie[WS 2] des Vaters Verstimmung nicht allzu gering an. Sie wissen wohl, daß eine solche Verstimmung bei ihm stets ihr Bedenkliches hat, selbst für Sie, mein Kind. Ihre Tante und ich waren daher auch ganz glücklich, daß er nicht selbst reiste, sondern mich gehen ließ. Verlieren wir jetzt aber diesen Vortheil nicht, liebes Kind. Morgen –“

„Wollen wir heiter sein, Kammerherr, und auf das Glänzendste [228] unsern Hof halten,“ fiel sie ihm munter, ja fast ein wenig spöttisch in’s Wort. „Ich verheiße Ihnen die wunderbarsten Ueberraschungen und Unterhaltungen, und nehme keine Weigerung an! Gelt, Papa, Sie sind doch ein galanter Mann? Sie müssen Ihrem Schloßengel guten Tag sagen, und dürfen – ich erlaube Ihnen das! – meiner Cousine den Hof machen – sie wird fügsamer und sanfter sein als in Heitersberg; Heimlingen steht Ihnen hier nicht im Wege, und überdies schmachtet sie nach ein wenig Adoration –“

„Aber mein theures Kind!“ suchte Herr von Brose diesen Redefluß zu unterbrechen.

„Ja, nicht wahr, ich verdiene wirklich einen freundlichen Blick? Aussichten, wie sie gar nicht schöner gedacht werden können und nicht leicht wiederkehren möchten! Aber ich habe noch mehr! Sie wollen doch gewiß auch meinem armen verbannten Bruder einmal die Hand –“

Er starrte sie weit geöffneten Auges an. „Ihr Bruder, mein theures Kind –?“

„Ja, denken Sie, ich entdeckte hier meinen Bruder Leopold, den Verbannten, und fühle mich ganz glücklich, ihm bei mir ein Asyl bieten zu dürfen. Apropos, Papa Brose,“ setzte sie stets in gleichem Tone hinzu, aber ihr Auge ruhte mit eigenthümlicher Festigkeit auf ihm, „davon wissen Sie sicher auch mehr als ich und müssen mir erzählen – Sie sehen, wie nothwendig wir noch hier bleiben müssen! Daheim fänden wir nimmer Zeit und Gelegenheit zu all solchen Mittheilungen. Und wenn Sie nun endlich dazu rechnen, daß sich hier auch noch etwas gegen uns vorbereitet oder gar schon vorbereitet hat und vielleicht demnächst ausbricht, so müssen Sie selber gestehen, daß Ihnen selten Gelegenheit geboten wurde, all Ihre Vorzüge als Cavalier und galanter Herr, als alter gewiegter Hofmann und Diplomat, als ebenso alter Freund des Hauses, als Versöhner der beiden so traurig Entzweiten, als Ritter der Damen und Schützer des zarten Geschlechts, so in das allerglänzendste Licht zu stellen. Gelt, Papa Brose, ich dächte, das Alles kann Ihnen die Wahl zwischen dem momentanen Zürnen Seiner Excellenz und der ewigen Gnade seiner Tochter nicht schwer machen. Da, seien Sie entzückt und küssen Sie meine Hand!“ schloß sie mit einem von Schelmerei leuchtenden Blick und reichte ihm die feinen Finger mit einer, man durfte sagen, fürstlichen Bewegung. „Fidèle et sans reproche – erster Ritter der Dame von Dernot!“

Man konnte es dem armen Kammerherrn nicht verdenken, daß Wesen und Worte des jungen, in diesem Moment obendrein strahlend schönen Mädchens ihn um seine ganze erprobte Haltung brachten und ihn von der ersten Bestürzung zur Bewunderung und von dieser zu einer Verblüfftheit fortrissen, welche beinah zu einer vollständigen Confusion wurde. Herr von Brose war allerdings ein alter Freund des Barons Treuenstein und, abgesehen von den früheren, nur ihnen Beiden bekannten Beziehungen und gemeinsamen Erlebnissen, auch als solcher mit dem Staatsmann und dessen Familie stets in Verbindung geblieben. Esperance hatte er bereits als kleines Kind kennen gelernt und sie seitdem mehr als einmal wiedergesehen, wenn sie auf den Reisen, welche der Vater selten ohne sie und ihre Cousine machte, an den Hof gelangte, bei dem Brose angestellt war, und gewöhnlich daselbst mit den Ihren einige Zeit zu verweilen pflegte.

Er hätte also Gelegenheit genug gehabt, das junge Mädchen in seiner Eigenartigkeit zu beobachten und sich von Jahr zu Jahr mehr entwickeln zu sehen. Allein die Begegnungen waren trotzdem nur flüchtige gewesen und die Beobachtungen – ganz abgesehen davon, daß Esperance doch immer noch ein freilich reizendes und reichbegabtes Kind und daß der Kammerherr überhaupt nicht der Mann des Nachdenkens war – vereinzelte und ziemlich oberflächliche geblieben, und seit Brose die Freunde zum letztenmal gesehen, war überdies eine mehrjährige Pause eingetreten. In dieser Pause reifte das Mädchen zur Jungfrau, und der Kammerherr war, da er neulich auf Schloß Heitersberg mit ihr zusammentraf, nicht wenig durch das überrascht gewesen, was aus der Kleinen geworden. Aber auch hier waren es endlich doch nur ein paar Stunden gewesen, da Esperance schon am nächsten Morgen zu ihrer wunderlichen Reise aufbrach, und er hatte sie jetzt im Grunde zuerst und so zu sagen funkelnagelneu vor sich. Was er nun wirklich begriff und erkannte, war, daß er seinen ersten Operationsplan, nach dem er es je nach Umständen mit sanfter Ueberredung oder mit Berufung auf die Autorität und das Zürnen des Vaters versuchen wollte, für jetzt aufgeben müsse. Und zugleich dankte er Gott, daß der Minister nicht selber im einsamen Schloß und vor der eigensinnigen Tochter stehe – wir wissen freilich nicht, ob blos aus Schonung und Theilnahme für den alten Freund.

Also temporisiren und beobachten – auch die Anderen, welche dem jungen Mädchen hier nahestanden, und besser und vorsichtiger, als er es bisher für nöthig gehalten. Und wenn denn die Reise auch noch um einen oder zwei Tage verschoben werden mußte – was that’s am Ende? Der Vater drüben in der Residenz würde sich nun, da er den Aufenthalt der Kinder und sie obendrein unter Aufsicht und Schutz des Freundes wußte, schon zur Ruhe geben. Er hatte, wie Brose gut genug bemerkt, so viel und so Unlustiges zu thun, daß er alles Uebrige, was nicht dringend nothwendig, sich gern aus dem Wege geräumt sehen dürfte.

Nicht nur Joseph, sondern auch Eugenie, und zwar diese zumeist, hatten übrigens längst erkannt, daß in und mit Esperance neuerdings eine große Veränderung vorgegangen war, und Beide ließen sich keinen Augenblick durch die Lust und den gelegentlichen Uebermuth täuschen, welche während der letzten blauen Tage das Mädchen ganz in der alten Weise zu beherrschen schienen. Hatte doch selbst Leopold, der die Schwester jetzt erst kennen lernte, schon aus manchen, wenn auch noch so leisen, doch immerdar eigenthümlich widersprechenden Zügen schließen müssen, daß sich in dem jungen Wesen trotz all der anscheinenden Offenheit und Sorglosigkeit etwas verberge, das ihre Natur zu Zeiten tief niederdrückte. Von einer Erklärung war um so weniger die Rede, als Esperance alle dahin zielenden verblümten oder offenen Fragen und Versuche entweder gar nicht zu verstehen schien oder mit der größten Unbefangenheit verspottete. Nur daß es mit Dernot zusammenhing, meinte Eugenie annehmen zu dürfen. „Denn wenn ich recht darüber nachdenke,“ sagte sie zu Leopold einmal in diesen Tagen, „bin nicht ich die Anstifterin dieser Reise, sondern Esperance selber ist’s. Sie hat von Dernot und Allem, was dazu gehört, zuerst und so oft geredet, daß ich nach und nach wohl auf den Einfall kommen mußte, uns dies einmal selber anzusehen.“

„Ja, ja,“ hatte der ernste Mann kopfschüttelnd erwidert, „ich begreife am Ende die Neugier oder das Verlangen, das so ein junges, lustiges, übermüthiges und vor Allem niemals an Beschränkung gewöhntes Menschenkind nach etwas spürt, das ihm gehören soll und ihm bisher dennoch, dazu mit allerlei geheimnißvollen Nebenumständen, entzogen blieb. Ich verstehe auch von zwei solchen Strudelköpfen, wie die Euren, den lustigen Einfall und diesen Ausflug auf eigene Hand. Aber dem Verlangen ist jetzt genug geschehen. Was fesselt sie noch an dies traurige alte Haus? Was läßt ihr dies einfache, abwechslungslose Leben nicht langweilig werden? Wie kann selbst meine Gegenwart und die Liebe zu mir sie so lange fest halten, bis ihr Vater mit Recht zürnt und sie zur Rückkehr zwingt? – Sie giebt mir auf das Alles leider ebenso wenig Antwort als Ihnen, Cousine, oder versteht mich vielmehr gar nicht. Ist es am Ende dennoch eine bloße Laune?“

Eugenie schüttelte den Kopf. „Wie Sie eben sagten, Cousin: es müßte hier doch irgend etwas geben, was auch nur eine solche so zu sagen im Gang erhalten könnte. Aber ich weiß nichts dergleichen. Denn“ – und die Dame erröthete ein wenig und ihr Blick wurde eigenthümlich kalt – „das Interesse für diesen Herrn Burgsheim, das Joseph entdeckt haben will –“

Leopold machte eine abweichende Bewegung, lächelte jedoch nur dazu, ohne sich auf eine andere Erwiderung einzulassen.

Am heutigen Abend aber sollte er plötzlich die stets vergeblich gesuchte Erklärung erhalten und zwar von der Schwester selbst. Als Leopold den Kreis der Anderen schon eine Weile verlassen hatte und, über seine Begegnung mit dem ihm von früher wohl bekannten Brose nachdenkend, in seinem Zimmer auf- und abging, öffnete sich, ohne daß er einen nahenden Schritt vernommen hätte, geräuschlos seine Thür und Esperance stand vor ihm.

„Hör’ an,“ sagte sie ohne ein erklärendes Wort, ihr Auge blickte dunkel, und der schimmernden Röthe auf ihren Wangen entsprach der rasche und bewegte Ton, „unterbrich mich nicht, antworte auch nicht, sondern höre nur, denn ich habe mich drüben mit dem Vorgeben entfernt, daß ich müde sei und in’s Bett wolle, [230] und wenn sie auseinander gehen, muß Eugenie mich wenigstens im Schlafzimmer finden. Morgen wird es Dir an Zeit zur weiteren Besprechung mit mir nicht fehlen. Ich weiß, daß Ihr Alle nicht klug aus mir werdet und erfahren möchtet, was mich hier zurückhält. Es ist mehr als ein leerer Einfall oder ein noch leererer Trotz.

„Im August fand ich einmal, da ich mir aus des Vaters Zimmer etwas holen wollte, eine Schublade seines Schreibtisches geöffnet, die ich bisher gar nicht gekannt und die sich mit Papieren gefüllt zeigt. Ich war neugierig – oder heiß’ es eine Ahnung! – und griff nach dem obersten. Es war ein Brief aus dem Jahre 1840 und enthielt die lakonische Anfrage, wie Seine Excellenz über die alten, ihm bekannten Punkte denke? Der Betreffende lebe und werde, ob auch noch in der Ferne, wohl im Auge behalten. Von einem Aufgeben der alten Ansprüche sei keine Rede. Es hänge von Excellenz ab, ob er durch billiges Nachgeben die Sache ausgleichen oder durch Fortsetzung des bisherigen Widerstandes die Aufdeckung der ganzen alten schmählichen Geschichte und die offene Verfolgung der unverjährbaren Rechte des Betreffenden erzwingen wolle. – Ein Name war nirgends genannt, ein Ort nicht angegeben.“

„Ich legte den Brief hin und nahm das folgende Schriftstück – ich bekenne Dir, Leopold, daß ich schon weniger neugierig als bestürzt war, solche Geheimnisse im Besitze meines Vaters zu finden. – Dies war datirt vom Jahre 1800 und von hier, von Dernot aus, und ein Brief des Barons August an seinen Bruder, unseren Großvater. Er war kurz und meldete, daß der Schreiber sein Testament gemacht habe –“

[241] Der Bruder unterbrach die Erzählerin. „Du irrst Dich, „sagte er, „es stand dort doch wohl: ‚machen wolle‘.“

Esperance schüttelte den Kopf. „Nicht doch,“ erwiderte sie, „‚gemacht habe‘, hieß es, ich weiß das bestimmt, denn er fügte hinzu: er habe seinem armen Jungen Ehre und Recht vor der Welt nach Kräften sichern wollen, und wenn sein Bruder, wie er hoffe, seinen unbrüderlichen Widerstand aufgebe und ihm zur Seite stehe, so könne die Einwilligung des Fürsten nicht ausbleiben. Deussingen falle als altes Treuenstein’sches Gut an die Hauptlinie zurück; Dernot aber mit dem, was ihr Vater und er, August, dazu erwarben, bilde fortan den unveräußerlichen und untheilbaren Besitz der Familie Treuenstein-Dernot. Er werde die Documente und die Karten in einigen Wochen, sobald die Ernte vollendet, selber in die Residenz bringen.

Das war das zweite Stück,“ fuhr das junge Mädchen mit bewegter Stimme fort. „Das dritte, das ich nun schon mit bebender Hand aufnahm, war in einem Couvert und adressirt an die Baronin Karoline von Treuenstein – an Deine Mutter, Leopold! – in Paris. Als ich es herauszog, las ich in den obersten Zeilen die Worte: ‚ob Sie nach einer solchen‘ – – dann, da das Papier nach dem Couvert gefaltet war: ‚begangenen Treulosigkeit‘ – und endlich: ‚Liebe und Treue bewahren.‘ Weiter kam ich nicht, ich hatte das Papier nicht einmal völlig aus dem Couvert gezogen. Ich hörte die Stimme des Vaters draußen auf der Terrasse, schob den Brief zurück, warf ihn neben den beiden anderen wieder in die Schublade und entfloh.

Ich habe mich zusammen genommen, wie ich vermochte, allein wenn die Anderen nicht grade an diesem und dem folgenden Tage durch zahlreichen Besuch zerstreut worden wären, so hätten sie meine Verstörung merken müssen. Ich habe meinen Vater unmenschlich lieb,“ fügte das junge Mädchen mit glühenden Wangen hinzu, ihre Augen blickten finster und die Lippen öffneten sich kaum weit genug, die Worte durchzulassen; „aber darum thut’s mir nun auch furchtbar weh, daß ich an ihm ein Unrecht, wo nicht noch viel mehr, finden soll. Ich kann ihm und mir nicht helfen: hier ist nicht bloß vom Großvater irgend eine Sünde begangen, sondern auch von ihm selbst, dieser Haß gegen Dernot beweist mir das. Und ich glaube noch heut, wie in jenem ersten Augenblick, daß, was ich gelesen, sich alles auf Dernot bezieht und genau zusammenhängt. Unser Recht auf Dernot ist ein schwaches, wo es überhaupt eins ist.

Und dennoch, Bruder, dennoch hat er grade mich zu seiner Herrin bestimmt,“ brach sie ab, und die jungen Augen blickten noch finsterer und die Worte klangen bitter, „mich, sein geliebtes Kind, wie er mich heißt. Ich soll das Erbtheil der alten ‚von der Not‘ auf mich nehmen, das nimmer ruhende Leid, den niemals endenden Schmerz. Und ich will das auch, aber nur wenn es sein und mein Recht ist, – was Gott mir auferlegt, will ich treulich tragen. Allein eines Anderen Recht schädige ich nicht, nicht um mein höchstes Glück, nicht um allen Glanz und alles Ansehen der Welt! Und siehst Du, Bruder, das will und muß ich erfahren. Darauf hab’ ich gesonnen, seitdem ich jene böse Entdeckung machte; und seit der Vater auf meine vorsichtige Frage nach Dernot und meinen Wunsch, dasselbe kennen zu lernen, noch heftiger wurde als gewöhnlich, seitdem war ich entschlossen, selbst herzugehen und zu erkunden, was sich uns verbirgt. Was ich bisher entdeckte – ihr weicht mir ja alle aus! – ist mir nicht genug. Ich sehe wohl, daß der alte Müller unser Feind, und dieser Burgsheim mit seiner ungewöhnlichen Bildung in diesem Erdwinkel, mit seiner Verwandtschaft mit Augustin, mit seiner – ich sehe das ja selbst! – eigenthümlichen Aehnlichkeit – hängt er damit zusammen? –

Ich weiß das alles nicht, aber ich will es wissen, bevor ich von hier fortgehe. Brose bringt mich nicht fort – richte Dich danach, Bruder,“ redete sie in einem beinah harten Ton weiter; „quäle mich nicht, sondern hilf mir, wenn Du mich lieb hast. Ich will Klarheit. Ich will wissen, ob Dernot uns, mir gehört oder nicht; ich will das Recht und nicht das Unrecht. Eines nimmt man mir nicht – das alte Erbe der ‚von der Not‘, das sie mit der armen Euphemia nicht ins Grab gelegt haben. Das ist mein und bleibt mein. Das hab’ ich gefühlt seit jener Entdeckung, obgleich ich von diesem Erbe nichts wußte. Das hab’ ich gespürt, da selbst die Freude über Dich den bösen Zauber nur auf Augenblicke zu brechen vermochte. Ich mag nicht mehr heucheln, wie seither. Ich will rasch vorwärts. Hilfst Du mir?“

Leopold hatte, ohne aufzublicken, die Mittheilung der Schwester regungslos angehört. Jetzt erhob er den Kopf vom untergestützten Arm und sagte mit schwachem Lächeln und in hörbar bewegtem Ton: „Phantastischer Kopf, was hast Du Dir da für Noth gemacht! Was hilft es Dir, wenn Du vom alten Unrecht erfährst und nun auch unter ihm leidest? Und wenn alles auch nach Deinem Willen geht – kannst Du dem Vater trotzen?“

„Hier – ja!“ versetzte sie. „Phantastisch oder nicht, ich will wissentlich nicht Theil haben am Unrecht der Andern. – Ueberleg Dir’s, Leopold. Muß ich allein handeln, oder stehst Du zu mir, [242] wie es dem Sohn und dereinstigen Haupt unseres Hauses gebührt? Denn das nimmt Dir kein väterliches Zürnen.“

Er schüttelte den Kopf; erst nach einer Pause sprach er: „Du wirst schon mit Brose nicht fertig. Er kommt mit dem Befehl des Vaters.“

Sie machte eine wegwerfende Bewegung. „Stört er mich, so sperr’ ich ihn ein oder lass’ ihn auf den Wagen setzen und fortbringen. Ich brauche nur ein paar Tage. Also bis morgen früh. Gute Nacht, Leopold.“ Und bevor er etwas einwenden konnte, war sie aus der Thür.

Er saß noch lange, das Haupt gesenkt und die Arme über die Brust gekreuzt, in finsterem Sinnen.




7. Die rauhe Wirklichkeit.

Als der alte Leibjäger, der gewohnt war, sein Lager frühzeitig zu verlassen, und dies auch heute gethan hatte, obgleich er mit Bruder und Schwägerin bis tief in die Nacht hinein geredet, am Fenster stand und sich, wie er es hieß, den Schlaf aus den Augen wusch, hielt er in diesem Geschäft inne und schaute, den Flügel aufreißend und sich vorbeugend, mit zusammengezogenen Brauen ins Thal hinab. Es war schon hell genug, um ihn einen Wagen bemerken zu lassen, der im schärfsten Trabe auf der Landstraße herankam; die bunte Jacke des Postillons war wohl erkennbar. Im nächsten Augenblick verschwand das Gefährt unter der Höhe.

Der Alte gab sich nicht die Mühe, das Fenster wieder zu schließen, sondern warf sich mit wunderbarer Hast in die Kleider und fuhr darauf mit einer Eile aus dem Gemach und von dannen, die einem zufälligen Beobachter um so mehr aufgefallen sein würde, als der zwar stark gebaute, aber hochbejahrte Mann so leicht durch den Corridor glitt und die Treppen hinab stieg, daß von seinem Schritt kaum ein Geräusch vernehmbar wurde.

Drunten in der großen, jetzt noch tief dämmerigen Halle trat Frau Katharine grade aus der Thür ihres Gemachs und stutzte beim Anblick des eiligen Schwagers. Der Jäger ließ ihr aber keine Zeit zu irgend einer Bemerkung, sondern war im nächsten Augenblick mit einem halblauten: „Das trifft sich gut!“ an ihrer Seite, neigte, obgleich man den Grund dieser Heimlichkeit in dem todtenstillen, einsamen Raum nicht wohl begreifen mochte, den Kopf zu ihrem Ohr und flüsterte ihr hastig einige Worte zu.

Die Matrone zuckte sichtbar zusammen. „Wenn Ihr Euch nicht irrt, Schwager –“ sagte sie.

„Ich irre mich ganz gewiß nicht,“ fiel er ein, kaum lauter als bisher. „Ich kenne die gelbe Chaise auf eine Meile weit, ich glaube selbst bei Nacht. Habe mich genug über sie geärgert.“

„Das Fräulein muß es wissen,“ sprach sie, „und der gnädige Herr –“

„Das ist’s eben,“ unterbrach er sie von neuem. „Die dürfen sich nicht treffen. Und ich meine, es sei überhaupt am besten, wenn wir alle aus dem Wege gehen. Ist die kleine Pforte in der Südmauer noch da?“

„Die Schlüssel hängen drinnen bei den anderen,“ sagte sie verdüstert. „Geöffnet ist sie seit jenen traurigen Tagen nicht mehr worden, Jonas, als –“

„Holt die Schlüssel, holt die Schlüssel und steckt sie in’s Schloß,“ fiel er ein, „ich wecke das Fräulein. Laßt nur den Schwachkopf drinnen keine dummen Streiche machen.“

Er wandte sich, und während sie in’s Zimmer zurückeilte, stieg er mit der früheren Schnelle und Leichtigkeit die Treppe wieder hinauf und stand gleich danach vor dem Schlafzimmer der beiden jungen Mädchen. Da klopfte er an und vernahm unmittelbar die antwortende helle Stimme Esperancens: „Wer ist da? Was giebt’s?“

„Jonas,“ sagte er nicht laut, „Sie müssen eilen, es pressirt, Fräulein.“

Die Thür ging auf. Sie stand vor ihm, die schlanke Gestalt in einen Shawl gehüllt; das lange dunkle Haar umwallte, zum Theil noch aufgelöst, den kleinen Kopf. Ihr Auge blickte ihn hell an: „Jonas, was giebt’s? Brennt’s oder ist Revolution, oder ist der Kammerherr verschwunden? Du siehst ja ganz verzweifelt darein!“

„Fräulein, unsere alte gelbe Chaise fuhr eben durch’s Thal dem Dorf zu. Die nimmt sich keiner mehr als der Herr Baron selber.“

Sie erhob, wie bestürzt, rasch den Kopf, im nächsten Augenblick jedoch sagte sie spottend: „Dernot steckt an, Jonas, Du siehst Gespenster. Der Vater hat drüben genug zu thun, sagt Brose. Und überdies zur Nacht! Bah! Es giebt viele gelbe Chaisen.“

„So keine, Fräulein. – Sie wissen’s jetzt. Wollen Sie ihm aus dem Wege – und Sie sollten’s thun, er war fuchsteufelswild! – so hat die Katharine die Hinterpforte in der Südmauer geöffnet. Ich will den jungen Herrn avertiren.“

Sie schaute ihn eine Secunde lang finster nachdenklich an. „Thu’s,“ sagte sie dann. „Denkt er aber wie ich, so bleibt er da und nimmt mit mir zugleich den Kampf auf – wenn es einen solchen giebt.“

Die Thür schloß sich, der alte Diener wandte sich nach einem langen – man hätte sagen mögen, traurigen Blick in den Corridor zurück und schritt dem wüsten Flügel zu. „Na, hart gegen hart, hat der Teufel gesagt, setzt sich auf’n Stein!“ murmelte der Alte kopfschüttelnd vor sich hin. „Und wär’s der junge Herr, so wär’s recht. Aber das Kind wird mit ihm nicht fertig, und am Ende – lieber Gott, ’s giebt eben kein Glück in Dernot. Der Baron weiß es.“ – –

Jonas hatte recht gesehen und vermuthet: es war wirklich die alte, schwere, gelbe Chaise gewesen, in welcher Baron Treuenstein vordem mehr als eine seiner diplomatischen Fahrten gemacht und die er am liebsten zu jeder längeren Reise wählte, wenn er diese nicht in zu zahlreicher Gesellschaft antrat, und in dem Fuhrwerk hatte sich der Baron mit einem Herrn befunden, in welchem der Leibjäger hernach den Geschäftsführer der Familie erkannte. Denn wenn auch Esperance keinen Gebrauch hatte von der Hinterpforte machen wollen, war der alte Gesell selber doch anfangs dem anlangenden Gebieter weislich aus dem Wege geblieben.

Des Barons Auftreten rechtfertigte diese Vorsicht. Meister Tobias war, als er, ohne durch seine Frau von dem Kommenden unterrichtet zu sein, noch während seiner Toilette den Posthornklang vernommen und, schon durch diese ungewöhnlichen Töne zu solcher Stunde ernstlich bestürzt, zum Thor eilte und die schweren Flügel nicht rascher öffnete als sonst, von dem Herrn im Wagen wegen dieses Zögerns auf das Barscheste angefahren worden. Ja, die Ausdrücke waren so hart gewesen, daß selbst Tobias’ „timides“ Blut dadurch in einige Aufregung kam und er schon etwas von „weiß gar nicht“ und „keine Herberge“ auf der Zunge hatte, als der rasch zufahrende Wagen ihn eilig auf die Seite zu weichen zwang. – „Dummkopf, willst Du uns den Eingang wehren?“ rief der Barsche ihm zornig zu, und aus dem haltenden Wagen springend, fügte er, gegen den bebenden Verwalter gewendet, heftig hinzu: „Fräulein von Treuenstein hier? Der Kammerherr angekommen? Abfahrt schon bestimmt?“ – Und da Tobias jetzt zu consternirt war, als daß er sogleich hätte eine Antwort finden sollen, folgte ein noch zornigeres: „Ist der Kerl denn taub oder stumm?“ – Da war glücklicherweise der Begleiter des Herrn mit einem beschwichtigenden „aber Excellenz, der Mann kennt Sie augenscheinlich gar nicht!“ dazwischen getreten, und dann hatte der Herr, indem ein verdrießliches Lächeln durch sein finsteres Gesicht glitt, achselzuckend gesagt: „Sie haben Recht, Justizrath; ich bin seit vierzig Jahren nicht in das verwünschte Nest gekommen. Ich bin der Baron Treuenstein, Euer Herr – und nun, wie heißt Ihr? – macht, daß wir ein Zimmer und Frühstück erhalten. Bringt die Pferde unter; sie bleiben da.“

Tobias erzählte nachher seinem Bruder, ihm sei zu Muth gewesen, als sei der Erdboden unter ihm offen und er schon bis an den Hals darin versunken. Er sah wie durch einen Nebel den Herrn in’s Haus treten, und hörte wie im Traum den Ausruf: „Ei, das muß ja der Schloßengel sein!“ Er sah seine Gattin mit dem Baron reden und dann mit den beiden Ankömmlingen treppaufwärts verschwinden. Da erst fühlte der arme Mann sich langsam, langsam wieder aus der Versenkung heraufsteigen und begann ein wenig freier zu athmen. Aber im Kopf wirbelte es ihm noch, und mit der Anweisung des Stalls hätte es übel ausgesehen, wäre der Postillon nicht ein alter gedienter Mensch gewesen, der mit dem Instinct und der Erfahrung solcher Leute schon selber den richtigen Platz zu finden wußte.

Allein auch die Matrone, die, wie wir wissen, sonst nicht leicht aus ihrer ernst-ruhigen Haltung zu bringen war und den [243] Gebieter in der schicklichsten Weise begrüßt hatte, erschrak, da sie droben die Begegnung des Vaters mit der, wie sie wußte, vergötterten Tochter mit ansehen mußte. Esperance flog dem Baron im vollen Glanz ihres Liebreizes und ihrer Heiterkeit schon an der Treppe entgegen. „Papa, ist’s möglich, Du bist’s?“ rief sie ihm zu. „Also solcher Mittel bedarf’s, um Dich nach Dernot zu bringen? Wie hast Du uns nur entdeckt?“

Die Stirn Treuenstein’s entrunzelte sich indessen nicht, im Gegentheil, ihre Falten wurden fast noch tiefer und der Ausdruck des Gesichts strenger, da er, sie von sich schiebend, kalt erwiderte: „Schon recht, mein Kind, wir werden ernst mit einander zu reden haben. Jetzt laßt uns frühstücken, Frau – nachher, wo habt Ihr den Kammerherrn untergebracht?“

„Papa, um Gotteswillen, welche übernächtige Laune!“ rief Esperance scherzend und ohne daß ein Zug in ihrem schönen Gesicht verrathen hätte, was bei diesem ungewohnten Empfang sich in ihrem Innern regen mochte. „Du wirst die erschöpfte Seele doch nicht wecken wollen? – Die Herrin von Dernot wird sich hoch geehrt fühlen, ihre Gäste inzwischen –“

„Einstweilen, mein Kind, lebe ich noch und bin selbst hier der Herr,“ unterbrach der Baron sie mit kaltem, trocknem Ton und schritt vor gegen den ihm von Frau Katharine geöffneten großen Saal.

Und da versetzte Esperance, die sich an seiner Seite hielt, mit dem ganzen Trotz des verzogenen Kindes: „Also Krieg, Papa? Du hast, so viel ich weiß, selbst bestimmt, daß ich mit achtzehn Jahren meine Herrschaft antreten sollte, und Serenissimus hat’s bestätigt. Du weißt wohl, daß ich mir mein Recht nicht verkümmern lasse.“

Der Baron machte eine ungeduldige Bewegung. „Kommen Sie, Justizrath, lassen wir die Thörin und machen es uns bequem,“ sagte er. Und sich zu der Tochter halb zurückwendend, fügte er kurz hinzu: „Packe, wenn es noch nicht geschah. Heut Mittag reist ihr.“ –

Aus Esperance’s Augen fiel ein langer, dunkler Blick auf den zürnenden Vater, doch erwiderte sie nichts, sondern sprach nur, sich zu Frau Katharine kehrend, gleichfalls kalt: „Sorgt also für die Bedürfnisse der Herren – wir frühstücken in unserem Zimmer, Mutter!“ – und verließ in einer fast stolzen Haltung das Gemach.

Der Justizrath flüsterte dem Baron einige, wie es schien, beschwichtigende Worte zu, der Herr hatte jedoch auch diese mit einer ungestümen Handbewegung zurückgewiesen. Beide waren dann allein geblieben, hatten gefrühstückt; ein Bote war an den Müller Augustin Besseling abgegangen mit der Weisung, vor Seiner Excellenz, dem Herrn Staatsminister, im Schlosse alsbald zu erscheinen, und darauf hatte der Baron sich trotz der frühen Stunde zum Kammerherrn verfügt und war nach einiger Zeit mit ihm in den Saal zurückgekehrt. Dort weilten sie, zu denen als Vierter auch noch der Verwalter der Herrschaft Dernot aus seiner Wohnung im Dorf herauf geholt worden, in Gott mochte wissen welchen Verhandlungen.

Die beiden jungen Verwandten hatte der Baron noch nicht sehen wollen – er habe noch keine Zeit dazu, hieß es – und war auch mit Esperance nicht wieder zusammengetroffen. Diese Letztere hatte freilich eine solche Begegnung nicht gesucht. Sie hatte sich zu ihrem Bruder begeben und war seither dort geblieben.

„Ich glaube, die Gespenster, über die wir neulich gelacht und mit denen wir die arme Selinde geneckt haben, rächen sich an uns: heut geht’s am hellen Tage in Dernot um,“ sagte Joseph zu seiner Schwester, zu der er nach einem Gange durch das todtenstille Haus zurückkehrte. Und er hatte nicht Unrecht, die Stunden waren unheimlich, und wo man einen Menschen sah, erblickte man ihn mit sorgenvoller oder ängstlicher Miene. Was zwischen Vater und Tochter vorgefallen war, davon flüsterte man selbst in der Küche einander mit Bestürzung zu, und es gab vermuthlich nicht einen Menschen im Schloß, der in der plötzlichen Ankunft des Gebieters und in seinem ganzen Auftreten nicht mehr gesehen hätte, als den Zorn über den eigenmächtigen Ausflug der jungen Leute.

Und Joseph brachte von seinem Gange noch eine andere Nachricht mit, welche dem eben mitgetheilten Einfall von neuem gewissermaßen entsprach: er hatte von Frau Katharine die Antwort erfahren, welche der Müller hatte sagen lassen. Seine Excellenz habe ihm, Augustin, ebenso wenig zu befehlen, wie überhaupt in und über Dernot, sollte sie etwa gelautet haben, und wenn er heut auf’s Schloß komme, so geschehe das nicht auf Befehl, sondern aus eigenem, vollem Recht und weil er grade im Schloß von Dernot dem Baron von Treuenstein sagen müsse, was er zu sagen habe.

„Junger Herr,“ hatte Frau Katharine, da sie Joseph diese bestürzenden Worte mitgetheilt, mit einem mehr finstern als schwermüthigen Ausdruck hinzugefügt, „es sieht bös aus in Dernot. Dem Herrn Leopold ist der Vater feind, und gegen seine Tochter voll Zorn. Und doch sollte Jemand da sein, der Seiner Gnaden zuredete und ihm sagte, wie es hier steht. Ich habe über die alten Zeiten nicht zu reden, ob und wie viel Unrecht damals geschah und ob’s auch den Augustin so getroffen, wie er’s glauben soll. Aber daß man’s versucht hat, vordem und hernach, ihn und die Mühle und was dazu gehört, wieder zur Herrschaft zu bringen, das ist ein Unrecht; denn die Besseling sitzen schon seit den Tagen der letzten Herren von der Not frei auf ihrem Eigenthum und haben nur den Fürsten über sich; und daß sie – es giebt drüben, Deuffingen zu, und im Gebirg noch ein paar andere solche Höfe, gegen die man es ebenso versucht – daß sie das sich nicht nehmen lassen wollen, wer will sie darum schelten?“

„Aber Frau Katharine, das muß ein Irrthum sein,“ hatte Joseph eingewandt, „es giebt ja bei uns längst keine Hörigen und Leibeigenen mehr!“ – Doch die Matrone hatte unverändert entgegnet: „Die Leute will man auch nicht, denk’ ich, sondern nur ihren Besitz, der vordem nicht mit Recht von Dernot abgekommen wäre. Darum geht der Streit und es ist viel böses Blut hier in der Gegend. Seine Gnaden hätten’s ausgleichen sollen, und daß Sie uns so lange aus den eigenen Augen und der eigenen Hand gelassen, das war nun gar nicht recht. Da hat man hier gute Zeit gehabt zu schwatzen, zu lügen und zu hetzen – wer weiß hier was vom Herrn Baron? – und wenn heut der Herr hier spricht und der Augustin, da hören sie auf diesen.“ –

„Komm, laß uns Selinden helfen, daß wir reisen können,“ sagte Eugenie zu ihrer Cousine, welche seit einigen Augenblicken bei den Geschwistern erschienen war und Joseph’s Bericht mit angehört hatte. „Was wollen wir hier in diesem traurigen Lande, bei diesen brutalen Menschen? Danke Deinem Vater, daß er uns daraus erlöst!“

Esperance schüttelte den Kopf. Es war etwas Finsteres in dem schönen Gesicht, und ihre Stimme klang hart, da sie erwiderte: „Das ist für euch beide richtig, aber für mich nicht. Reiset immerhin – ich bleibe. Ich will erst ins Reine kommen.“

„Wenn ich nur wüßte, was mit Dir ist,“ sprach Eugenie auch ihrerseits herb. „Was Dich hergebracht – nun, es war ein dummer Einfall, aber es war eben ein Einfall, und er hat uns ein paar lustige Stunden geschafft. Allein, was Dich, was uns hier eigentlich hält, bei der morösen alten Frau und in dem ruinenhaften, dunklen Nest –“

„Für Dich genügt der, wie er auch für mich genügen würde, wenn mir leider nicht auch noch Anderes auferlegt wäre,“ sagte Esperance mit noch auffälligerer Schroffheit und deutete dabei flüchtig auf den Bruder, der mit ihr eingetreten, am Fenster stand und in den stillen, von einem leichten Nebelduft erfüllten Hof hinabsah. „Daß wir den gefunden,“ fügte sie weicher hinzu, „sollte selbst in Deinen und Joseph’s Augen unsere Dummheit in Klugheit verwandeln. Aber wie ich sage –“ und der Ton wechselte schon wieder – „es ist nicht meine Schuld, daß ich hier acht Tage lang umsonst grüble, forsche und horche, während es, wie es scheint, nur einer einzigen offenen Stunde und eines kurzen, herzlichen Vertrauens bedurft hätte, um mich über alles aufzuklären. Respect verlange ich nicht, aber Vertrauen!“

Was war aus dem übermüthigen und wilden, unbedächtigen und fröhlichen jungen Mädchen in den wenigen Tagen für ein ernstes, ja finsteres und, wie es schien, willenskräftiges, überlegendes Weib geworden – Eugenie und Joseph meinten: in wenigen Stunden! Denn sie nicht minder als Leopold und vielleicht sogar Frau Katharine waren durch Esperancens Wesen in den letztvergangenen Tagen völlig getäuscht worden und schrieben, was sie in der ersten Zeit ihres Aufenthalts an ihr erlebt hatten, nur den neuen Eindrücken, dem trüben Wetter und dem öden alten Hause zu. Erst was sie von ihrer Begegnung mit dem Vater vernommen und wohl für etwas Anderes gelten lassen mußten, als für den Eigensinn des verzogenen Kindes, und das, [244] was sie jetzt sahen und hörten, wenn es ihnen zum Theil auch unverständlich blieb, – das ließ sie die große Wandlung, die hier vorgegangen war, mit Ueberraschung, ja mit Schrecken erkennen – Eugenie nannte ihr Gefühl dabei freilich nur Verdruß. „Es ist ja wieder nur Caprice und Einfall, wie sie jedermann zuweilen damit zu quälen versteht,“ sagte sie verstimmt zu ihrem Bruder, mit dem sie an das andere Fenster getreten war. „Aber so unleidlich sah ich sie noch nie. Und damit dringt sie bei dem Onkel nicht durch.“

Der Name war wie eine Beschwörung gewesen, denn in dem Augenblick ging die Thür auf, welche von hier durch ein kleines Vorzimmer in den Saal führte, und der Baron erschien auf der Schwelle. Sein Blick, der das Gemach und die jungen Leute überflog, war weniger finster und streng als am Morgen, aber desto sorgenvoller.

„Sieh da, Joseph,“ sprach er, dem herantretenden Neffen zuwinkend, „Du bist also wirklich da, und die dummen Mädchen sind daher doch nicht ganz herrenlos gewesen. So mag der Streich im allgemeinen jetzt verziehen sein; zur näheren Abrechnung kommen wir später – mit euch allen, denn ganz frei gehst auch Du nicht aus.“

„Papa, wenn von Strafe die Rede ist, so muß ich sie tragen. Und ich bin neugierig, wie weit Du sie gegen mich über das Herz bringst,“ sagte Esperance, und wie sie das sprach und neben dem Vater stand und zu ihm aufblickte mit dem trotzigen und doch schalkhaften Blick, mit dem eigenthümlich festen Zug um den kleinen Mund, während auch hier in den Grübchen die Schelmerei lauschte – es überraschte die Andern, aber es beruhigte sie auch, da sie die schöne eigensinnige Verwandte oft genug in gleicher Weise neben dem Vater gesehen und seine Verstimmung hatten besiegen, sein Nachgeben ertrotzen hören. „Du bist zwar heut Morgen recht abscheulich gegen mich gewesen,“ fuhr sie jetzt fort, „tyrannisch und rauh, so daß ich fast zu glauben anfing, die Leute hätten doch Recht, wenn sie von Dir –“

Die Stirn des Barons, die sich bei ihren ersten Worten wirklich ein wenig erheitert hatte, faltete sich von neuem. „Du stockst,“ redete er, „weßhalb? Was sagten der Tochter die Leute von ihrem Vater?“

„Sie sagten mir –“ ihr Auge, das fest auf ihm ruhte, lächelte wohl noch leise, und auch in ihrer Stimme klang etwas Scherzhaftes, allein es war daneben dennoch in dem einen, wie in der anderen etwas, das die Zuhörer für das trotzige oder kühne Kind erschreckte, – „sie sagten mir, Papa, daß Du, wenn Dich der Zorn packt, gar kein Mensch und nicht menschlich bist, ganz gleichgültig, wen es trifft. Ist’s meine Schuld, Papa, wenn ich beinah daran glaubte?“ redete sie weiter, da er noch immer schwieg; „habe ich heut Morgen nicht selbst eine Probe erhalten, ich, die Esperance, Deine Herrin von Dernot –“

„Esperance!“ hauchte Eugenie bebend; sie wurde durch die immer tiefer sich faltende Stirn des Oheims und durch seinen immer drohenderen Blick ernstlich erschreckt.

„Sprich nur, sprich!“ sagte der Baron mit finsterem Lächeln; „ich möchte doch gern Urtheil und Ansicht meiner Tochter kennen lernen.“

„Die sind wieder freundlicher geworden, Papa,“ sprach das Mädchen unverändert, „und sie werden es bleiben, wenn Du mich vollends überzeugst, daß die Leute gelogen haben und daß Du mir Deine Liebe und mein Recht lassen willst. Hier steht auf alle Fälle die Probe,“ fügte sie, sich gegen die Fensternische wendend, in welcher ihr Bruder sich bisher schweigend zurückgehalten, hinzu. „Den da, sagen sie, habest Du wegen eines Knabenstreiches von Dir gewiesen und verstoßen! Sag’ mir, daß es nicht wahr ist, Papa! Sag’ mir, daß Du Dich über ihn freust, wie ich mich freue, daß ich ihn fand und Dir bringen kann, Deinen Sohn, meinen Bruder! O Papa, schiltst Du noch auf unsere Reise nach Dernot?“

Leopold war hervorgetreten und stand neben der Schwester. „Vater,“ sagte er mit hörbar tief bewegter Stimme, „es sind wieder sieben Jahre! Gönnen Sie mir endlich – endlich Ihre Verzeihung! Auch das Letzte, was Ihren Zorn erregte, ist fortgenommen: – mein Weib ist todt.“

Der Baron hatte seit Esperancens Worten und seit Leopold sich ihm genaht, regungslos gestanden, die große, volle Gestalt starr aufgerichtet, den Kopf mit dem dichten, kurzen weißen Haar aber ein wenig nach vorn geneigt, als wolle er besser sehen, wer der Gerufene sei, jede Muskel gestrafft und jede Falte des Gesichts erstarrt, und die Augen voll eines düsteren, unheimlichen Drohens. – Es war nach Leopold’s letzten Worten eine erdrückende Pause.

Und nun mit einem Mal hob sich die Brust des Barons zu einem tiefen Athemzuge, aus den Augen brach ein blitzender Blick, seine Finger zogen sich wie im Krampf zusammen, und tief grollend drängten sich jetzt die Worte hervor: „Also hier – hier – der hier! Ha, ich versteh’s! Darum also –!“ Und zum furchtbarsten Zorn übergehend, rief er mit einer wilden Handbewegung: „Aus meinen Augen, Mensch, bevor ich die letzte Rücksicht vergesse! Du gehörst nicht zu uns, wehe Dir, wenn ich das Dir und der Welt beweisen muß! – Und Du,“ fuhr er mit unvermindertem Grimme sich gegen Esperance wendend fort, seine Augen glühten und er schüttelte die erhobene Faust, „Du Ungerathene, Wahnsinnige – was bist Du? – zwinge mich nicht, auch an Dir zu zeigen, daß –“

Man durfte es wohl ein Glück heißen, daß die Worte, welche noch auf seiner Lippe schweben mochten, in diesem Augenblick durch den Eintritt des Kammerherrn zurückgehalten wurden; denn es schien einer von jenen Momenten gekommen, deren wir vordem einmal gedachten, wo Herr von Treuenstein’s Jähzorn alle Schranken umwarf und des von ihm Betroffenen und nicht selten auch sein eigenes Glück auf lange Jahre hinaus vernichtete.

„Aber mein lieber Baron, was –“ sagte der Kammerherr im Eintreten und brach ab und zuckte zurück bei dem Anblick der Gruppe vor ihm – die dunkle Zornesgluth in dem Gesicht des Barons und seine ganze Haltung waren nicht minder erschreckend, als die Leichenblässe, welche Esperancens Züge bedeckte, während ihre Augen mit einem unmöglich zu bestimmenden Ausdruck, wie gebannt und verzaubert auf dem Vater ruhten.

Ein paar Secunden lang war Herr von Brose völlig consternirt, dann aber gewann es die Gewandtheit des alten Hofmanns über das Entsetzen des nicht gerade übermüthigen Menschen, und indem er herantrat und mit wohlwollendem Lächeln auf Esperance blickte, sagte er: „Nun, nun, Kindchen, arg gemacht haben Sie’s und verdienen schon ein bischen gezankt zu werden. Allzu tragisch müßt Ihr das Ding aber auch nicht nehmen, alter Freund,“ wandte er sich an den Baron, „und vor allem – alles zur rechten Zeit! Der rechte Verbrecher, der Eure Donner verdient, steckt da im Salon – Monsieur Augustin Besseling, freier Herr der Dernoter Mühle, steht dort und wünscht Eure Gegenwart, widrigenfalls – und so weiter, mein Lieber! Also geschwinde; wir, der Justizrath und ich, bändigen ihn nicht.“

Schon der Eintritt des Freundes hatte die Heftigkeit gebrochen, und wie er nun sprach, hatte er den Herrn völlig die Fassung wieder gewinnen lassen; vielleicht wirkte dazu auch die von ihm gebrachte Nachricht mit. Er strich sich über die Stirn. „Es ist gut, ich komme,“ sagte er, und sich gegen die Anderen zurückwendend, sprach er düsteren Blicks weiter: „Du – verlässest Dernot noch heut. Ich will mit Demagogen und Intriganten nichts zu thun haben. Du, mein Kind, bleibst hier in diesem Zimmer bis zur Abreise. Ich hoffe Dich gehorsam zu finden. Nur dann darfst Du auf allmähliches Vergeben und Vergessen rechnen.“

„Du wirst gewiß meinen Wunsch erfüllen und mich bei Deinem Gespräch mit dem Müller zugegen sein lassen,“ versetzte sie in einem eigenthümlichen – sagen wir, gefaßten Tone. Sie war noch bleich wie vorhin. „Ich muß annehmen, daß auch unser Recht auf Dernot dabei zur Sprache kommt –“

Der Baron zuckte zusammen. Aber er sagte nichts. Und nach einer Pause sich abwendend, winkte er Brose zu und verließ mit ihm das Zimmer. Der Schlüssel wurde draußen im Schloß zweimal umgedreht.

„Es ist ein Glück, daß es noch mehr Thüren und einen Weg in den Saal giebt, den sie uns nicht verschließen werden,“ sagte Esperance mit finsterem Spott. „Komm, Leopold, ich –“

„Aber um Gotteswillen, Esperance!“ bat Eugenie ganz entsetzt, und auch Joseph fügte hinzu: „Cousine, ich bitte Dich, was ist in Dich gefahren? Du erzürnst Deinen Vater unheilbar und machst Dich unglücklich für Dein ganzes Leben –“

„Drum bin ich eine Dernot,“ unterbrach sie ihn noch einmal in jenem finster spottenden Ton. „Kommst Du mit mir, Leopold?“

[257] „Ich darf Esperance nicht allein gehen lassen,“ sagte Leopold wie zur Entschuldigung zu den Geschwistern und folgte der bereits Davonschreitenden. Sie führte ihn eine Nebentreppe aufwärts und über einen dunklen Gang bis zu einer kleinen Thür. Da stand sie und sprach rasch und leise: „Verkenne mich nicht, denke an das, was ich Dir gestern sagte. Und sieh, auch Tante Kunigunde hat einmal geäußert, daß der Vater Dernot um alter Sünden willen fliehe, und auf mich hab’ er’s übertragen, weil ich auch von meiner Mutter her noch Rechte darauf habe und man es mir daher nicht abstreiten könne. – Das will ich nun alles wissen. Und jetzt komm’ – ich fand den Platz gleich anfangs einmal. Er ist für uns wie gemacht.“

So war es in der That, denn da sie eintraten, fanden sie sich in einer Art kleiner Loge, die frei aus der Ecke des Saals in ziemlicher Höhe hervorsprang – vielleicht war der Platz vordem bei festlichen Gelegenheiten für die Musik bestimmt gewesen.

Auf dem Tisch unten im Saale in der Nähe eines der großen Fenster waren die Reste des Frühstücks zusammen und auf die Seite geschoben, und auf dem dadurch gewonnenen Platz hatte der Justizrath mehrere Schriftstücke vor sich ausgebreitet. In der Fensternische dahinter lehnte Herr von Brose und besah angelegentlich seine Finger; vor dem Tisch und fast in der Mitte des Saals sah man die große, hagere Gestalt des alten Müllers, diesmal in einen langen dunklen Rock gehüllt, auf dessen Kragen das weiße Haar weit herabfiel. Ihm gegenüber und neben dem sitzenden Geschäftsmann stand der Baron, hoch aufgerichtet und die Rechte fest auf den Tisch und eines der Schriftstücke gelegt. Sein Gesicht war noch geröthet, die weißen Brauen auf die zugleich düster und stolz blickenden Augen herabgezogen, und er sprach eben in vornehmem Tone: „Vor allem bitte ich nicht zu vergessen, wen Ihr vor Euch habt: nicht bloß den Baron Treuenstein und Herrn von Dernot, sondern auch den Staats- und gebietenden Minister – Hoheit haben meinen Wiedereintritt gewünscht,“ wandte er sich in nachlässigerem Tone gegen Brose, „und ich habe gestern Morgen eingewilligt. Das Land braucht eine festere Hand, als die seines bisherigen Leiters.“

„Das mag alles sein,“ wurde die Stimme des Müllers laut, „und wenn ich mit dem Herrn Staatsminister zu thun habe, werd’ ich es an dem schicklichen Respect nicht fehlen lassen. Heut aber und hier habe ich nur mit dem Herrn Baron zu thun, der sich auch den Herrn von Dernot nennt; und wenn sich da der Minister einmischen oder vordrängen wollte, so wär’s – wie vor Alters. Aber,“ fügte der trotzige alte Mann mit der gleichen Härte und Starrheit hinzu, „es ist nicht mehr wie vor Alters. Der Fürst und unsere Stände dulden nicht Unrecht noch Gewalt.“

Die Stirn Treuenstein’s wurde noch finsterer und Brose besah immer eifriger seine Finger. Der Justizrath sagte aber nach einem mißbilligenden Kopfschütteln: „Bleiben wir bei der Sache. Seine Excellenz ist geneigt, den alten Streit mit den sogenannten freien Hofbesitzern womöglich gütlich zu Ende zu bringen. Und wenn die betreffenden Documente wirklich in eurem Besitz sind und die Ansprüche bestätigen, so legt sie endlich einmal vor und die Sache kann schnell abgethan werden.“

„Das ist die Sache nicht,“ erwiderte der Müller ungebeugt. „Meine und der Anderen Rechte hat man vor Alters nicht beugen und fortdisputiren können und wird’s auch jetzt nicht vermögen. Ich rede nicht von dem Hof, der gehört den Besseling seit hundert fünfzig Jahren und darüber, und die Besseling waren von jeher freie Leute. Davon red’ ich nicht, sag’ ich; darum wäre der Herr Baron nicht nach Dernot und ich nicht auf’s Schloß gekommen. Ich rede davon, daß die Herrschaft Dernot von den Baronen von Treuenstein mit Sünde erworben ist und mit Sünde festgehalten wird. Das wissen die Herren von Treuenstein seit fünfzig Jahren und wissen’s, daß wir es nicht ruhen lassen –“

„Am Ende sind Sie selber der rechte Erbe, Meister,“ unterbrach ihn der Justizrath spottend.

Der Müller schaute ihn fest an und fuhr fort: „Daß wir’s nicht ruhen und uns nicht irren lassen, was man auch versucht, ob man uns da einen jungen Baron von Treuenstein schickt, der eigentlich gar nicht einmal einer ist –“

Es wurden zwei Laute im Saale hörbar – einer, dumpf und zugleich knirschend, kam sichtbar und hörbar aus dem Munde des zusammenzuckenden und dann sich hoch aufrichtenden Barons, und ein zweiter, wie eine Art von tiefem Stöhnen, das die Herren überrascht aufsehen und selbst den Müller eine Pause machen ließ. Aber sie sahen niemand, von dem es hätte ausgehen können, und indem fuhr Augustin auch schon wieder fort:

„– oder ein junges Fräulein, das man die ‚Herrin von Dernot‘ geheißen, weil man denkt, der Name habe hier einen guten Klang und das junge Ding möge uns erbarmen. Aber es hilft alles nichts. Dernot gehört seinem Herrn, und der ist jetzt da, und die Klage ist in der Hand unseres Fürsten. Mag der Herr Baron es leugnen, wenn er’s kann: als er von unserer [258] Klage erfuhr, da ist ihm angst geworden um sein Kind, und er ist hergekommen und hat’s gewagt, was er vierzig Jahre lang nicht wagte, dem Augustin –“

„Mensch – wessen erfrechst Du Dich!“ brach der Baron mit vor Zorn halberstickter Stimme aus. Sein Gesicht war verzerrt.

„Leugnet’s, Herr Baron!“ sagte der Müller unbewegt. „Ihr habt eben gedacht, der Augustin könn’ es an Euch oder an Euren Kindern rächen wollen, daß Ihr zum alten Unrecht noch eignes fügtet und vordem seine Schwester betrogen und ihr Kind verleugnet habt. Dafür hab’ ich mich revanchirt, und wenn Ihr damit fertig seid, so ist’s abgethan. Ich bin kein Kinderfresser, sag’ ich. Von derentwegen dürft Ihr mit den Euren immer hier sein. Aber das Recht auf Dernot, das behält sein rechter Herr, ob Ihr fern seid oder hier; das geben wir nicht auf, sondern kämpfen es durch, gegen Fürsten und Minister. Und damit Ihr das auch von mir hört, darum kam ich auf’s Schloß.“

„Ich nehme Sie zu Zeugen für die Frechheit und die Beleidigungen dieses Menschen, meine Herren!“ rief der Minister mit heiserer Stimme und wollte fortfahren, als der Justizrath ihn unterbrach: „Excellenz legen diesen sinnlosen Aeußerungen, Drohungen und Angriffen eines, wie mir scheint, halb kindischen alten Mannes wohl allzuviel Gewicht bei. Mir däucht, wir sollten ruhig seine sogenannte Klage und seinen Beweis erwarten. Er wird wohl ausbleiben –“

„Wenn der Glaube Eure letzte Stütze ist, da seid Ihr dem Falle näher, als Ihr denkt,“ unterbrach ihn die harte Stimme des Müllers. „Der Beweis ist leicht, denn eine vom Baron August beglaubigte und unterzeichnete Abschrift des Testaments ist jetzt in unsern Händen, und darin heißt es von Wort zu Wort – die Herren können auch hier als Zeugen dienen –“

„Wir erlassen Ihnen das, mein werther Meister,“ fiel der Justizrath ein. „Wir werden gemäß Ihrer Drohung ja –“

Er wurde in diesem Augenblick durch zwei gleichzeitig eintretende Störungen unterbrochen. Von dem erwähnten kleinen Balcon herab erklang die Stimme Esperancens, welche sich über die Brüstung vorbeugte, in hellem, festem Ton: „Ich aber, die Herrin von Dernot, erlasse Ihnen diese Angabe nicht, da ich dieselbe sonst möglicherweise niemals erführe – wie lautet das Testament?“

Und wie gesagt, noch während dieser Worte, welche alle Anwesenden ihre bestürzten Blicke zu der Loge und dem kühnen Mädchen erheben ließen, trat in die große Thür des Saals, indem er anscheinend einen draußen Stehenden zurückstieß, – Franz Burgsheim und wollte sich – sein männlich schönes Gesicht zeigte die Spuren von Erhitzung und Aufregung – dem alten Müller nähern. Die Anderen hatten ihn vor der Erscheinung droben vermuthlich kaum bemerkt oder hielten ihn der Beachtung nicht werth; Augustin sah ihn jedoch und winkte ihn mit einer heftigen Bewegung zurück.

„Bei Gott im Himmel!“ rief der Baron in diesem Moment wie ganz außer sich, „es ist die Ungerathene und der – der Bastard! Bin ich nicht mehr Herr in meinem Hause?“

Und da sagte Augustin so hart wie je: „In Dernot nicht, denn es ist nicht Euer Haus. – Das Fräulein aber soll seinen Willen haben – es ist sein Recht das zu wissen,“ fuhr der Alte mit einer so festen Stimme fort, daß jede Unterbrechung ausgeschlossen wurde. „Der Baron August sagt in seinem Testament, daß er seinen Sohn August Dernot von der Wilhelmine Besseling, mit der er, wie es damals hieß, in Gewissensehe gelebt, legitimiren lassen wolle und zu seinem Erben einsetze – die Mutter sei frei geboren und ehrbaren Standes und Rufs gewesen, wie es für eine Frau von Dernot genüge. – Das Testament hat er in einer Abschrift seinem Sohn gegeben und ihm auf’s Gewissen gebunden, es nicht aus der Hand zu lassen. Er hat’s wohl geahnt,“ sprach der Greis unerbittlich weiter, „daß es kommen möge, wie es gekommen – daß dies Testament ihm das Leben kosten und verloren gehen könne. Das möchte sich auch noch beweisen lassen. Der Schloßengel muß auch davon reden können. – Der August aber, den Sohn mein’ ich, ist feig gewesen und hat sich einschüchtern lassen. Von seinem Testament hat er keinem zu sagen gewagt, auch mir nicht, der ich doch sein Vetter, und ist davon gelaufen und fort geblieben. Und wenn ich ihn habe mahnen lassen, hat er nicht gewollt. Aber Recht verjährt nicht. Jetzt ist das Testament da und sein Erbe auch, und –“ der Greis wandte sich und winkte Bergheim mit einer gebieterischen Bewegung heran – „hier steht der Erbe und Herr von Dernot.“

„Burgsheim – also doch!“ sagte Esperancens Stimme vernehmbar von oben herab, und es war, als ob an leises Bedauern durch die Worte bebe. Allein es achtete jetzt niemand darauf, sondern alle Blicke waren auf den jungen Mann gerichtet, der bisher, wie schon vorhin gesagt, fast unbemerkt geblieben. Die Augen des Barons besonders hafteten auf ihm mit einem Ausdruck des Entsetzens und der Brust des Herrn entrang sich ein Seufzer, der beinahe wie ein Stöhnen klang.

Der junge Mann war vorgetreten. Das dunkle Auge flog mit raschem, offenem Blick über die Herren am Tisch, hinauf zu der kleinen Loge und blieb fest und ernst an dem alten Müller haften. „Ich hatte also Recht zu glauben,“ sagte er, „daß es Unheil geben würde, wenn Ihr auf das Schloß gingt, Ohm. Da bin ich Euch nach und kam, wie ich sehe, zur rechten Zeit. Ich hab’ es Euch schon neulich gesagt und wiederhol’s: Ihr macht die Rechnung ohne den Wirth. Ich bin nicht um dieser sogenannten Erbschaft willen hergekommen und will nichts von ihr, ebenso wenig –“

„Wie der Feigling, Dein Vater!“ unterbrach ihn Augustin, dessen starres Gesicht momentan von einem wilden Hohne verzerrt wurde. „Thu’s, ich gebe Dein Recht und Erbe nicht auf.“

„Ich bin alt genug, für mich selbst zu entscheiden,“ erwiderte der Jägersmann ernst. „Ob mein Vater vor Drohungen wich, oder ob er’s that, weil seine Legitimation eben niemals erfolgte und er kein wirkliches Recht erhalten hatte, – das weiß ich nicht. Er hat mir nichts zu rächen hinterlassen. Ich bin mit meinem Namen und meiner Habe zufrieden –“

„Nur die Augen möchtest Du noch, die es Dir angethan,“ fiel Augustin von neuem mit dem früheren Ausdruck ein, und unter der lang überhängenden weißen Braue hervor flog das scharfe blaue Auge mit grimmigem Lächeln hinauf zu der Loge und wandte sich dann, noch hohnvoller, zu Franz zurück.

Der Jäger maß ihn ein paar Secunden lang mit festem und finsterem Blick von oben bis unten, wandte sich dann jedoch ohne Erwiderung gegen den Tisch und sprach mit ruhiger Stimme: „Wie ich gesagt, so bleibt’s. Das Testament im Nachlaß meines Vaters ist für uns ohne Werth. Ich bin der Erbe von Dernot nicht – schreiben Sie’s auf, mein Herr, wenn Sie es für nöthig halten. Guten Morgen.“ Und nach flüchtigem Gruß gegen die Anwesenden verließ er den Saal.

Einen Augenblick stand der alte Müller wie betäubt. Dann flog jener Ausdruck des Hohns noch einmal durch das runzelvolle Gesicht, und indem er die Hand erhob und schüttelte, sagte er mit einer Art von heiserem Lachen: „Einer mehr oder weniger – das heißt nichts. Ich werde mit euch allen fertig.“ Und damit ging er ohne Gruß, den dreieckigen Hut auf den Kopf drückend, der Thür zu und verschwand.

Der Baron war in den Stuhl gesunken, neben dem er bisher gestanden. Die Arme hingen schlaff herunter, sein Gesicht war blaß und er athmete schwer.




8. Nun fall’ du Reif, du kalter Schnee!

Das war ein sehr ernster Herbst, der von 1847, und mit dem Winter wurde es nicht besser, sondern immer ernster: die Gewitterwolken thürmten sich ringsumher auf und zogen näher und näher, und wohin man auch sah, überall schon lagen ihre Schatten schwer und beängstigend, und man sehnte sich schier, daß nur der erste Blitz zucke und der Donner über die Lande rolle. Dann erst durfte man wieder aufathmen, sei es auch im Sturm und Kampf; so wie jetzt, glaubte niemand länger noch fortleben zu können, weder die Einzelnen, noch die Völker.

Der bedenkliche Anfall, der den Baron Treuenstein zum Schluß jener an überraschenden und erschütternden Momenten reichen Morgenverhandlung niedergeworfen, war von der ausgezeichneten Natur des Herrn schneller überwunden worden, als es die erschrockenen Seinen und der aus der nächsten kleinen Stadt herbeigerufene Arzt anfänglich gefürchtet hatten. Ein paar Tage noch mußte man auf dem öden Schlosse verweilen; dann brachen sie auf und kehrten in die Residenz zurück, wo das Palais am Plan sie aufnahm, in dem nun wieder wie sonst alle Fäden der Regierung [259] und Verwaltung zusammenliefen. Denn die Nachricht, mit welcher der Baron seine Umgebung in Dernot überrascht hatte – selbst der Justizrath erfuhr erst hier davon –, bestätigte sich: Treuenstein hatte sich, wie man erfuhr, nach langen Verhandlungen dazu verstanden, das Ministerportefeuille wieder zu übernehmen.

Wo man von dem Unfall des Herrn erfahren hatte – und dies war, ohne daß sich das Wie hätte angeben lassen, hier und da geschehen –, nahm man seinen Wiedereintritt bald mit Kopfschütteln, bald mit Schadenfreude und überall mit Spannung auf, da man schließen zu dürfen meinte, daß sich in seinem Auftreten und seiner Thätigkeit nothwendig irgend welche Folgen der Krankheit offenbaren müßten. Darin hatte man sich indessen gründlich getäuscht. Man fand den Minister auf seinem Posten genau in derselben Verfassung wieder, in der man ihn von seiner Stelle vor sechszehn Jahren hatte zurücktreten sehen. Geistesfrische und Klarheit, Ueberblick und Arbeitskraft verriethen nirgends ein Nachlassen, und was seine Auffassung und Behandlung der öffentlichen Zustände betraf, mußte man zugestehen, daß seine – sagen wir einmal: Energie, noch gewachsen war; er hielt die Zügel und führte sie mit eiserner Hand und trat jeder freieren Regung im Ländchen mit jener unerbittlichen Härte entgegen, welche die letzte Zeit vor seinem Zurücktritt gekennzeichnet hatte. Jetzt hatte er obendrein den Fürsten, der damals sein Widersacher, völlig auf seiner Seite. Ja man wußte, daß der Herzog grade um dieser Entschiedenheit und Kraft willen den alten Diener unter jeder Bedingung hatte wieder gewinnen wollen. Das bisher herrschende nachgiebige und nachsichtige, hin und herschwankende System schien ihm ungenügend, wo nicht gefährlich, in einer Zeit der Erschütterungen, wie man sie überall fürchten zu müssen glaubte.

In seinem Hause und den Seinen gegenüber zeigte der Minister bei weitem weniger Strenge und Entschiedenheit, wenn auch selbstverständlich die gleichmäßige gute und heitere Laune des auf jenem anmuthigen Landsitz in behaglicher Freiheit hinlebenden Privatmannes vor den drängenden und zum mindesten ernsten Geschäften des Staatsmannes nicht immer zu der alten freundlichen Herrschaft gelangen konnte. Der Baron konnte seinem Familienkreise und dem Ausruhen in demselben nicht mehr so viel Zeit widmen wie bisher, und die kleinen Interessen aller oder einzelner, an denen er früher gutmüthig und freundlich Theil genommen, waren nunmehr kaum noch für ihn vorhanden. Ja, dies schien selbst von dem gelten zu sollen, was zuletzt diese Menschen und ihren Frieden so tief erschüttert und ihre liebevolle Verbindung unheilbar zu zerreißen gedroht hatte.

Was den Vater seiner eigenmächtigen Tochter und ihren Begleitern nachgezogen und was er an ihr und in dem einsamen alten Schloß zu erleben gehabt, war von ihm niemals wieder, auch nur mit der leisesten Hindeutung erwähnt worden. Selbst gleich anfangs, da er aus seiner Betäubung zu sich kam und noch ein paar Tage auf dem Schauplatz der Begebenheiten verweilen mußte, war dies nicht geschehen, und nachdem er bei seiner Rückkehr in die Residenz den betreffenden Exclamationen der Tante Kunigunde auf das Rauhste ein Ende gemacht, blieb seine Lippe streng und kalt geschlossen. Kein Wort des Tadels – aber freilich auch keines einer eigentlichen und wirklichen Vergebung wurde laut, nichts von besonderer Strenge, von einer Beschränkung der Freiheit Esperancens wurde sichtbar. Joseph ward mit dem alten Wohlwollen zur Fortsetzung seiner Studien auf die Universität entlassen; die jungen Mädchen setzten ihre Lebensweise nur mit den durch den Aufenthalt in der Residenz gebotenen Abänderungen unbehindert fort und fanden den Vater und Oheim in den, wie gesagt, freilich seltenen Ausruhestunden kaum weniger zugänglich, freundlich und zutraulich als sonst. Und wie ernst sein Wille, daß das Geschehene abgethan bleiben sollte, offenbarte sich am deutlichsten und drückendsten an dem unverbrüchlichen Schweigen, das er über seinen Sohn und die Begegnung mit ihm beobachtete. Selbst in Dernot hatte er seiner und seines Verbleibens nicht mehr gedacht.

Wir sagten schon, daß mit diesem Verstummen und Gehenlassen nirgends eine auch noch so leise Andeutung des wirklichen Vergebens und Vergessens verbunden gewesen – die Leser erinnern sich, daß der Baron sich niemals zu dergleichen verstanden hatte. Und daß es noch weniger als ein Zeichen der Gleichgültigkeit oder Verachtung aufzufassen war, offenbarte sich zuweilen in einer Weise, welche die nächste Umgebung des Ministers auf das Tödtlichste erschreckte und zugleich bewies, daß der Unfall, welcher in Dernot ihn niedergeworfen hatte, leider nicht vollständig überwunden worden war.

Als er, von Dernot aufbrechend, noch ein wenig angegriffen neben dem Kammerherrn im Wagen saß und sich die vorsichtige Unterhaltung des Begleiters, wie es schien, gern gefallen ließ, hatte er sich plötzlich aus seiner Ecke aufgerichtet und war mit einem Ton, wie noch niemand ihn so klagend von ihm vernommen, und mit aufdringenden Thränen in die Worte ausgebrochen: „Giebt es einen bejammernswertheren Menschen als mich, Brose? Finde ich meinen Sohn, meinen Prachtjungen, dessen Tod man mir vorgelogen, nun nur am Leben, um ihn mir durch diesen Unmenschen von neuem abgelogen und ihn selbst mich verleugnen zu sehen, ihn nicht an mein Herz ziehen zu sollen, ihn nicht anerkennen zu dürfen!“ – Und da Brose ganz verwirrt meinte: „Aber, alter Freund, der Leopold –“ unterbrach ihn Treuenstein mit jähem Zorn: „Wer redet von dem – Bastard? Von Franz sprech’ ich, von meinem Sohn, meiner Liebe, meinem Stolz – von Anna’s Kinde, den der Unmensch, der Augustin –“ und indem seine Stimme zum Murmeln herabsank, deckte er die Hand über die Augen und lehnte sich, wie vom Schmerz übermannt, verstummend in die Ecke zurück.

Der Kammerherr war über diese seltsame Phantasie des sonst so klaren Freundes derartig erschrocken, daß er wirklich einige Zeit brauchte, bevor er sich gefaßt hatte und eine Antwort versuchen konnte. „Aber, lieber alter Freund,“ sagte er zagend, „wie um Gottes willen kommt Ihr auf solche Gedanken? Seht doch den jungen Menschen nur an – jener, Euer Sohn, müßte ja mindestens zwei-, dreiundvierzig Jahre zählen, und dieser da ist bestimmt nicht über fünf- oder sechsundzwanzig!“

Der Baron ließ die Hand von den Augen sinken und sah seinen Nachbar, anfangs wie betäubt, bald jedoch mit hellerem und klarerem Ausdruck an. „Glaubt Ihr das wirklich, Brose?“ fragte er noch stockend.

„Ei, mein Himmel, darüber kann gar kein Zweifel sein, Treuenstein!“ rief der Kammerherr mit einem Versuch zu lachen. „Dies ist ja eine ganz unbegreifliche –“

„Sagt’s nur: Thorheit – freilich Thorheit!“ fiel der Baron, die Brauen zusammenziehend, ein. „Euer Einwand ist schlagend. Weiß der Teufel, wie mir der verrückte Einfall gekommen,“ fügte er finster hinzu und legte die Hand an die Stirn. „Es muß hier nicht richtig sein – wie käm’ es mir sonst? Reinen Mund, Brose!“

Der Anfall war damit freilich vorüber gewesen und Brose schwieg wirklich; nur gegen den langjährigen Kammerdiener des Barons äußerte er sich, denn es schien ihm nothwendig zu sein, daß zum mindesten ein Vertrauter von diesem Zustande wisse und auf seine mögliche Rückkehr gerüstet sei. Er hatte leider Gelegenheit, den Diener selbst in die Behandlung einzuführen, da der Baron in den Tagen, welche der Kammerherr noch bei den Freunden in der Residenz verweilen konnte, der gleichen Phantasie unterlag, diesmal Nachts beim Auskleiden, und bei weitem nicht so schnell durch Brose’s und des Dieners Zureden beruhigt. Und auch seitdem trat dieser Zustand von Zeit zu Zeit ein – blitzgleich, ohne die leisesten Vorzeichen, welche die Umgebung des Ministers hätten aufmerksam machen und sich auf das Kommende rüsten lassen können, meistens freilich Nachts, nach einem besonders anstrengendem Tage, nach Aerger und Aufregung, ein paar Mal aber auch Abends im Familienkreise – wer stand dafür, daß er nicht einmal auch zu noch unglücklicheren Stunden und in fremder Umgebung hervorbrach?

Man durfte vor einer solchen Möglichkeit wohl zittern. Den herzzerreißenden Klagen über den ihm entzogenen Sohn schlossen sich zuweilen die wüthendsten Zornausbrüche gegen den Müller an und ein paarmal wurden Anklagen gegen Treuenstein’s Vater und seine erste Gemahlin laut, die, wenn auch plötzlich wieder mißtrauisch oder mit einem Rest von Besinnung abgebrochen und seiner Umgebung kaum verständlich, doch genug offenbarten, um einem Fremden die bedenklichsten Einblicke in das Familienleben des Ministers zu eröffnen. Am betrübendsten aber war, daß selbst vom Arzt keine rechte Hülfe zu hoffen war: wie hätte man diesen bei den jähen Anfällen nur so schnell zur Stelle schaffen sollen? Hinterdrein aber, wenn der Baron aus dem tiefen Schlaf, der dem Ausbruch zu folgen pflegte, völlig frisch und frei [260] erwachte, ließ sich noch weniger thun: die vorsichtigsten Bitten und Fragen reizten den Herrn zu der bedenklichsten Heftigkeit, und wie er einmal geartet war, blieb jedermann im Zweifel darüber, ob er von dem Anfall gar nichts wisse, oder ob er nur über denselben nicht gesprochen haben, an ihn nicht erinnert sein wolle.

Ein Zeichen gab es indessen dennoch, aus dem man vielleicht schließen durfte, daß die unglückliche oder thörichte Phantasie auch zu sogenannten freien Stunden den Geist des Ministers beschäftige: in dem kleinen Gemach neben seinem Cabinet, das selbst für seine Nächsten nur ausnahms- oder gar heimlicherweise zugänglich ward, hingen seit der Rückkehr von Dernot die beiden Bilder, deren wir Leopold gegen Esperance erwähnen hörten – das der armen Euphemia von der Not und das des Großonkels August. Wo sie bisher gewesen und wie sie an ihren jetzigen Platz gekommen, erfuhr man nicht. Ernst, der Kammerdiener, und einigemale auch Esperance und Kunigunde sahen den Baron zuweilen vor ihnen stehen und mit finsterem, forschendem Blick sie gleichsam Zug für Zug studiren. Er wandte sich, wenn er sich gestört sah, hastig und sichtbar zürnend ab.

Herr von Brose sollte in den Tagen, welche er nach der Dernoter Reise in der Residenz verweilte, noch einmal Gelegenheit zu einem neuen, einem anderen Mitglied der befreundeten Familie zu leistenden Dienst erhalten und mußte denselben leisten, wie unerwartet er ihm auch kam und wie schwer er ihm wurde.

Am Morgen, der zu seiner Abreise bestimmt war, erschien Esperance in seinem Zimmer; das Mädchen war, wie er schon aus dem Ausdruck ihres Gesichts und ihrer ganzen Erscheinung schließen konnte, in sehr ernster und – sagen wir: entschlossener Stimmung, und ihre ersten Worte schon zeigten die völlige Richtigkeit solches Schlusses. Ohne weitere Einleitung sagte sie dem Herrn, daß sie ihn um Aufklärung über einige Punkte bitten müsse, die seither hier und in Dernot zur Sprache gekommen und ihr unverständlich geblieben seien. Bei ihm, der seit so vielen Jahren mit ihrem Vater auf das Engste befreundet und vor allen auch sein Gefährte auf jenem früheren Dernoter Aufenthalt gewesen sei, dürfte sie am ersten die genügende Kenntniß und hoffentlich auch die Liebe zu ihr voraussetzen, welche ihm die gewünschten Mittheilungen erleichtern, ja zur Pflicht machen müsse. Von jetzt an, fügte das Mädchen ernst hinzu, scheine ihr Recht auf Dernot unbestritten, und wie Zustände und Verhältnisse einmal seien, könne sie möglicherweise bald dazu berufen werden, den Namen ihrer Familie und diese selbst fortan zu vertreten.

„Aber mein liebes Kind,“ sagte Brose wirklich bestürzt, „Ihr Vater –“

„Lassen wir das alles gehen, Kammerherr,“ unterbrach sie ihn beinah finster. „Machen wir keine Winkelzüge, wo wir uns doch ohne Worte verstehen. Wie es um den Papa steht und wie viel trauriger es noch in der nächsten Stunde schon stehen mag – ist mir zum mindesten sicher ebenso klar wie Ihnen, und es nützt nichts, sich eine schlimme Möglichkeit oder vielmehr Wahrscheinlichkeit zu verbergen. Was die Treuenstein’sche Erbschaft betrifft, geht mich keinenfalls etwas an; anders aber ist es mit Dernot: seine Testamentsbestimmung lautet unableugbar, daß Dernot mein ist und daß ich vom vollendeten achtzehnten Jahr an den Besitz desselben antreten und ohne fremde Einmischung oder Beaufsichtigung für mich behaupten darf. Sie sehen, er hat sich und mich für ungewisse Fälle sichern wollen und überdies, trotz meiner anscheinenden Windigkeit, Vertrauen zu meinem Charakter gehabt. Daß ich dies jetzt, wo ich selbst an mein Recht auf Dernot glauben kann, nicht täuschen werde, trauen Sie mir zu; es wird an mir nicht fehlen, wenn jemand versuchen sollte, sein Unrecht meinem Recht entgegen zu setzen.“

Herr von Brose saß vor dieser Auseinandersetzung völlig verstummt und mußte sich gewissermaßen ernstlich zusammen nehmen, um zu glauben, daß die ernste Sprecherin da vor ihm, diejenige, welche mit solcher Fassung von möglichen Verlusten und Leiden, vor allem aber mit solchem ungewöhnlichen Interesse von Gut und Besitz und Erhaltung desselben redete, ein junges, schönes, reiches und vornehmes Mädchen, daß es Esperance sei, in deren heiterem und übermüthigem Kopfe, in deren sorglosem Herzen selbst die Ihren auch jetzt so viel Ueberlegung, Berechnung nicht geahnt hatten. Seine Miene, sein Blick, sein Kopfschütteln mochten ihr seine Gedanken wohl andeuten, und bevor er noch zur Antwort kam, sagte sie plötzlich: „Mißverstehen und verkennen Sie mich nicht, Papa. Wenn ich mich in dieser Weise auf Dernot und seinen Besitz capricire, geschieht es nicht aus Eitelkeit oder Habgier, sondern weil es, wenn der Vater stürbe, vermuthlich das Einzige bleibt, was wir für uns und denjenigen behalten, den ich trotz des abscheulichen Worts, mit dem ihn der Vater nannte, und trotz des alten Müllers Andeutungen, dennoch für meinen Bruder halten und lieben will. Und da bin ich bei meiner ersten Frage,“ fügte sie im gleichen, entschlossenen Tone und mit festem Blick hinzu; „was für ein Recht hat der Vater, durch dieses Wort sich selbst, seine Gemahlin und seinen Sohn zu entehren? Reden Sie, Kammerherr – keine lange Auseinandersetzung, nur eine kurze Erklärung.“

„Aber mein liebes Kind,“ sprach der alte Herr sehr verlegen, „wenn ich davon auch wüßte – Sie können doch nicht wollen, daß ich Ihnen, dem –“

„Unsinn, Brose,“ unterbrach sie ihn ungeduldig. „Sehen Sie mich an – sehe ich Ihnen wie ein kindisches oder – schlechtes Geschöpf aus? Nochmals: keine langen Auseinandersetzungen, sondern ein kurzes, aber bestimmtes Wort. Hat er ein Recht?“

Herr von Brose rückte verlegen hin und her. Er schlang seine Finger durcheinander und sah sein schönes Gegenüber bald mit einer Art von Verzweiflung an, bald schaute er mit schwermüthigem Ausdruck vor sich nieder. Eines mußte er zugestehen: die da vor ihm war wirklich nicht mehr das junge Mädchen, dem solche Erörterungen fremd bleiben mußten, sondern es war ein stolzes, in sich klares und entschiedenes Weib, voll Willenskraft und Lebenssicherheit – wie konnte man da an die Jahre denken und an gesellschaftliche Regeln und Grundsätze, denen die da sich nicht mehr beugte, sondern die sie selber dictirte!

[273] Der Kammerherr drückte sich vor allen Dingen mit beiden Händen seine Perücke recht fest an den Kopf. Dann sagte er niedergeschlagenen Augs und leise: „Ihr Herr Vater hat leider die Beweise erhalten, daß die Baronin Karoline, seine erste – Sie verstehen mich wohl, liebes Kind?“ unterbrach er sich mit einem kleinen Seufzer und fügte dann mit einer Art von Aufathmen hinzu: „Daß hiernach der Baron gegen seinen – seinen sogenannten Sohn noch mehr und für immer erkältet wurde –“

„Noch mehr? Er erfuhr es also erst spät?“ fiel sie ein.

„So scheint es, liebes Kind, erst nachdem seines Sohnes Benehmen schon einen ohnehin fast irreparablen –“

„Sie meinen seine Heirath, Kammerherr?“ Und mit Bitterkeit fügte sie hinzu: „Was muß ich, die ich so voll Liebe und Vertrauen, das Alles nur nebenher erfahren! – Genug! – Wie ist es damit?“

„Er verheirathete sich – mit – ich meine, mit einer Aufseherstochter oder dergleichen, die er auf der Festung kennen gelernt,“ erwiderte Brose bei weitem freier und mit allen Anzeichen des Abscheus. „Er machte sich begreiflicherweise dadurch für das Treuenstein’sche Majorat unmöglich, und daß Ihr Vater außer sich –“

„Lassen wir das, Papa, lassen wir das!“ unterbrach sie ihn ungeduldig. „Es ist traurig oder vielmehr abscheulich genug, daß Rang und Stand und wahnsinnige alte Gesetze das Glück oder Unglück eines Menschen bedingen sollen und ihm vorschreiben dürfen, was er für das Eine oder Andere halten muß! – Kommen wir auf das Frühere zurück: der Vater hat also das – das Andere erst später erfahren? Wie war das möglich? Wie geschah das? Zumal, da ja doch jener alte schreckliche Mann, der Augustin, gleichfalls davon zu wissen schien?“

Der Kammerherr wurde wieder verlegen und senkte sein Haupt. Erst nach einer Pause sprach er, sich zusammennehmend und, wenn auch noch mit unsicherem Blick aufschauend, gedämpft wie vorhin, aber rascher: „Mein Kind, das weiß ich kaum. Ihr Vater hat sich nicht klar geäußert. Doch scheint’s, daß dieser Unmensch, der Müller, Ihrer – der Baronin Karoline Kunde gegeben von jener Jugendaffaire, welche dazumal, wo Ihr Vater schon mit ihr verlobt war, in Dernot spielte – ich kann das nicht entschuldigen, mein liebes Kind, und daß die stolze Dame in Folge dessen sich gleichfalls nicht –“

„Genug, Kammerherr, genug!“ fiel Esperance von neuem ein. „Ich habe einmal etwas Aehnliches gelesen, das mir jetzt verständlich ist. Also jene Jugendaffaire, wie Sie’s heißen, ist wahr, und der Müller hat aus Rache oder zur Strafe –“

„Ach, mein theures Kind,“ brach Brose klagend aus, „was hat dieser entsetzliche, nichtswürdige Mensch nicht alles gethan! Das Lebensglück der Seinen untergraben – es hätte sich ja so leicht – das Glück und den Frieden Ihrer Eltern – ach, mein theures Kind,“ fügte er diesen abgebrochenen Worten hinzu, indem er schwermüthig das kleine Haupt schüttelte, „dies Dernot und was von dort kam, hat Ihrer Familie niemals Segen und Glück gebracht!“

„Wie’s sein Name verheißt,“ erwiderte sie kurz und fragte das Auge fest auf ihn richtend: „Und das, was man vom Tode und dem Testamente des Barons August redet, Papa?“

„Nichtswürdiges Geschwätz, mein Kind!“ sagte er lebhaft; „weiter weiß ich davon nichts, denn es bezieht sich auf Vorgänge, die vor meiner und auch vor Ihres Vaters Zeit stattgefunden haben. Ihr Großvater – der Bruder des August – hat ihn beerbt und alles geordnet. Und Seine Excellenz waren, so weit ich die Ehre hatte, ihn zu kennen, und nach dem Glauben aller, ein Herr von Ehre.“

„Ich danke Ihnen, Papa,“ sprach Esperance, indem sie sich nach einer Weile erhob und dem alten Herrn die Hand bot; „das ist es, was ich wissen wollte und wissen mußte. Das Uebrige wird werden, wie es werden muß.“

„Mein liebes Kind,“ sagte er in ganz anderem Tone als bisher, und sein Auge blickte voll herzlicher Theilnahme auf das Mädchen, „wenn Sie doch nur diese Ihre Caprice für Dernot aufgeben und alles dahin Bezügliche anderen Köpfen und Händen überlassen möchten! Jene Bestimmung Ihres Vaters, auf die Sie sich stützen, ist sicherlich von ihm nur getroffen, damit in allen Fällen ein legitimer, anerkannter Besitzer vorhanden sei. Das ist ja jetzt nicht mehr nöthig, mein Kind, oder vielmehr der Besitz ist höchstens nur noch von einem Halbwahnsinnigen angefochten. Lassen Sie’s den Geschäftsleuten, sage ich; die werden damit fertig. Sie – ich sagte schon,“ fügte er kopfschüttelnd hinzu, – „ich bin fast ein wenig abergläubisch in Betreff dieses alten Nestes.“

„Noblesse oblige, Papa!“ entgegnete sie ruhig. „Was das Geschick uns auferlegt, müssen wir tragen.“ –

Die Anfänge der großen Veränderung, die mit Esperance vorgegangen war, wurden, wie wir wissen, von den Ihren bereits in Dernot beobachtet; halb mit Erstaunen, halb mit Schrecken [274] nahmen sie wahr, daß das lustige und sorglose Kind fast niemals mehr zum Vorschein kam, daß Esperance nie mehr ganz aus einem gewissen ruhigen Ernst hervortrat. Sie war, da sie jetzt im Grunde zuerst in der Gesellschaft erschien, nicht sowohl durch den Rang und den Namen ihres Vaters, als vielmehr durch sich ganz allein sogleich die erste und gebietende Schönheit derselben und verdiente diesen Platz nicht bloß durch die strahlenden Reize ihrer Erscheinung, sondern auch und fast noch mehr durch die glänzende geistige Begabung, durch die Tiefe des Gemüths und die Wärme und Reinheit des Herzens, welche sie in freilich seltenen Augenblicken der Hingebung und des Selbstvergessens zuweilen mit reizendster Unbefangenheit sichtbar werden ließ.

Da sah man dann wohl, daß „die Herrin von Dernot“, wie man sie jetzt noch häufiger und mit größerem „Empressement“ hieß, das Urtheil, das über sie bald in diesen Kreisen umging, nicht verdiente: sie war weder stolz oder gar hochmüthig, noch kalt und schroff, weder bewußtvoll hier und unempfindlich da, noch herrisch oder spöttisch. Und wenn dies von Einsichtigeren doch auch in der Gesellschaft anerkannt wurde, so flüsterten Andere ihr bald lobend, bald tadelnd nach, daß das starre Regiment, das der Vater übte, und seine unerbittliche Verfolgung jeder freien Regung auch unter den Männern keinen entschiedeneren Gegner hätte, als es seine junge Tochter war.

Hier war der Punkt, wo sie neuerdings auch von der alten Tante und Eugenie geschieden war, in welchen Beiden das alte Regime seine treuesten und rücksichtslosesten Anhängerinnen fand: Tante Kunigunde verstand es entweder gar nicht oder fühlte sich von einem Schauder durchdrungen, wenn von einem Recht der Regierten gegen ihre Regierer die Rede war, und Eugenie hatte von jeher zu viel aristokratische Anlagen gehabt, als daß sie nicht durch das, was sie ringsumher sich regen sah, zu Hohn und Verachtung sich hätte aufgereizt finden sollen. So hatten sich die Vertraulichkeit und Einigkeit zwischen den beiden jungen Mädchen nach der Rückkehr von Dernot allmählich immer mehr in Gleichgültigkeit und Fremdheit verloren, ja zum mindesten auf Seiten Eugeniens offenbarte sich eine von Tag zu Tag steigende Kälte und endlich wirkliche Abneigung, welche sich nicht selten in herben Worten Luft machte und durch die ihr von Esperance meistens entgegengesetzte Ruhe oder Gleichgültigkeit nicht verringert wurde. Eugenie hatte ihres Zornes kein Hehl, daß die Cousine ihre Triumphe in einer Gesellschaft feiern möge, auf die sie herabsehe, ja auf deren Sturz sie hoffe – so warf sie wohl erbittert ihr vor, ohne daß es klar geworden wäre, ob in der jungen Dame sich heimlich nicht auch ein wenig Mißgunst über diese „Triumphe“ Derjenigen regen mochte, welche sie so lange als sorgloses, lustiges und lenkbares Kind unter sich gesehen und nun als die gefeierte Schönheit des exclusivsten Kreises wiederfand.

Vielleicht kam noch etwas Anderes hinzu, Eugenien zu verstimmen. Wie fast alle Uebrigen hatte auch Herr von Heimlingen viel Bewunderung für den neu aufgegangenen Stern gezeigt und damit auf Esperance ebensowenig Eindruck gemacht, wie irgend ein Anderer. Der junge Herr hatte sich – erst in Folge dieses Mißerfolges – sodann ernstlich für die schöne Cousine entschieden und die politische Uebereinstimmung beförderte die der Herzen. Eugenie hatte ihn angenommen und mochte, wie es in solchen Fällen ja wohl einmal passirt, weniger dem Verlobten sein Schwanken und seine Neigung zu der Verwandten, als dieser die Zurückweisung derselben anrechnen, zumal Esperance unvorsichtig genug gewesen war, die Wahl Eugeniens leise als eine überaus genügsame zu bezeichnen.

„Zu Deiner Höhe der Anschauung kann ich mich freilich nicht erheben,“ hatte Eugenie, vermuthlich in Bezug hierauf, einmal bitter spottend bemerkt.

„Ich verstehe Deinen Spott nicht,“ erwiderte Esperance kalt.

„Nun Liebste – gestehe es nur: bei Dir gipfelt doch alles in dem Plane, Deine Rechte als freie Bürgerin jenem Jägerjüngling zu geben und damit auch das Unrecht zu sühnen, das Du ihm, dem rechten Erben, als einstweilige Besitzerin Dernots thust. Gestehe es nur – ich merkt’ es wohl! Und jetzt – seid ihr einig?“

Da entgegnete das junge Mädchen mit stolzem Blick: „Ich habe in jenem jungen Mann mehr Bildung, Herz und Verstand, mehr Edelmuth und Männlichkeit gefunden, als ich den Herren unseres Parkets leider nachzurühmen vermag, und ich glaube, nein, ich weiß, daß Diejenige, welche er einst heimführt, ein glücklicheres Weib sein wird, als die Gattin eines jener – armen Wappenträger. Von mir, Liebste, ist dabei übrigens keine Rede,“ fügte sie mit einem ruhigen Lächeln hinzu. „Er hat meine Liebe und meine Hand noch nicht verlangt, und ich habe daher auch noch keine Veranlassung gehabt, mich über das Für und Wider zu entscheiden.“

„Gottlob, daß die Deinen Dir eine solche Entscheidung erleichtern würden!“ meinte die Cousine hochmüthig.

Und mit dem früheren ruhigen Stolze erwiderte das Mädchen: „Liebe Eugenie, beunruhige Dich nicht um nichts, da der Fall weder für mich, noch für die Meinen vorhanden. Deren Entscheidung würde ich gewiß nicht beanspruchen, selbst die Deine und Heimlingen’s nicht.“

Eugenie war blaß geworden vor Zorn, aber sie schwieg, da sie fühlte, daß sie ihrer Cousine auch in solchem Streit nicht gewachsen sei. Sie verfolgte indessen den Gedanken an eine Verbindung Esperancens mit den Dernoter Bekannten, obgleich nur die augenblickliche gereizte Stimmung denselben hatte in ihr aufsteigen lassen. Allein ihr Beobachten blieb umsonst. Von Dernot schien kein Laut herüberzuklingen und Esperance selbst von ihrem Bruder keine Kunde zu haben. –

Der Winter ging herum, ohne daß sich in diesen Zuständen und Stimmungen etwas zum Besseren gewandt hätte. Im Gegentheil traten die Einzelnen wie die Parteien einander immer schroffer gegenüber, und das eiserne Regiment Treuenstein’s erregte nicht mehr bloß die Erbitterung und den Haß der Volkspartei, sondern erfüllte allmählich auch die Anhänger des Systems durch des Ministers Maß- und Rücksichtslosigkeit mit steigender Besorgniß.

Die Nachricht von der Pariser Revolution und Louis Philipp’s kläglichem Ende hatte auf die Bevölkerung in Stadt und Land einen Eindruck gemacht, dem die Regierung kaum noch zu widerstehen vermochte. Der Wiener, noch mehr der Berliner Sturm aber brachten auch hier die Geduld der Einen und den Widerstand der Anderen zum Ende, und die Massen, welche vor Kurzem noch durch mäßige Concessionen zu beschwichtigen gewesen wären, erhoben sich nunmehr nicht minder rücksichts- und schrankenlos gegen die verhaßten Unterdrücker. Treuenstein’s Entlassung half nichts mehr, man wollte sich an dem gehaßten Mann selber rächen, sein Stadtpalais wurde verwüstet und angezündet und am nächsten Tage machten sich wilde Schaaren auf, den Exminister in Heitersberg, wohin er geflohen sein sollte, mit ihrer Strafe heimzusuchen.

Als der Baron seine letzten energischen Vorschläge vom Fürsten verworfen sah, als er vernahm, daß auch die Truppen abgefallen seien, und, mit seiner Entlassung in der Tasche, vor der brüllenden Menge noch kaum sein Palais erreicht hatte, wurde er von einem jener oben erwähnten Zufälle niedergeworfen. Zu ihm schien sich diesmal jedoch auch noch ein wirklicher Schlaganfall gesellt zu haben, da der Minister in einem halbbewußtlosen, selbst körperlich gebrochenen Zustande blieb.

In diesen traurigen Stunden war Esperance die Einzige, welche weder die Geistesgegenwart noch den Muth verlor. Sie ließ den willenlosen Vater und die Ihren nach Heitersberg schaffen; sie sorgte dafür, daß wenigstens der werthvollste Besitz noch rechtzeitig aus der Residenz geflüchtet wurde, und sie war es endlich, die auch auf Heitersberg befahl, ordnete, retten ließ, was noch möglich war – das Wohin erfuhr nur der Verwalter, der die Wagen expedirte.

Am Abend dieses sorgenvollen Tags, als man erfuhr, daß die Haufen wirklich nach Heitersberg aufgebrochen waren und zur Nacht anlangen mußten, ließ sie die Wagen für die Familie vorfahren, welcher sich der gleichfalls geflüchtete Heimlingen angeschlossen hatte – die Vermählung des Paars war auf diese Tage anberaumt gewesen. Für sich selbst hatte sie einen Platz neben dem Vater in der „gelben Chaise“ erwählt und nahm nun mit vertrauenerweckender Ruhe Abschied für die Fahrt von den Uebrigen im schwerbepackten Reisewagen.

„Wohin führst Du uns?“ schluchzte die Tante.

„Nach Dernot,“ lautete die muthige Antwort. „Nur von dort aus erreichen wir noch die Grenze.“

„Zu den Feinden – den Demagogen – den Barbaren?“ rief Eugenie heftig. „Nie –“

[275] „Wie Ihr wollt,“ sprach Esperance unverändert. „Den Vater bringe ich dorthin und bürge für seine Sicherheit. Als Minister kennen sie ihn dort nicht; die paar alten Thoren, die ihm feind, zählen nicht.“ Und sich abwendend und ihren Platz neben dem Baron einnehmend, fügte sie gegen Jonas, welcher auf dem Bock saß, entschlossen hinzu: „vorwärts, nach Dernot!“




9. Von der Not.

Es sah fast danach aus, als habe das Mädchen zu viel gehofft und verheißen: je weiter man auf der schlimmen Reise kam, desto bedenklicher erschien das bestimmte Ziel, denn die Aufregung und Gereiztheit nahm mit der Entfernung von der Residenz nicht ab, und man erkannte erst hier, wie unheilvoll das gestürzte Regiment gewirkt und wohin es die schlichten, geduldigen oder indifferenten Menschen dieser Gegenden geführt hatte. Man hatte böse Stunden zu erleben und mußte es wohl als ein Glück schätzen, daß Treuenstein seit vielen Jahren nicht in diese Landstriche gekommen und mit den Seinen niemand bekannt war. Und abgesehen davon, daß der Weg, welcher ihnen übrig blieb, schon an und für sich nicht der nächste, wagte doch selbst Esperance nicht, die Wagen stets der wirklichen Straße folgen zu lassen. Hie und da hatte man weite Umwege zu machen, um die belebteren und daher auch aufgeregteren Orte zu vermeiden, und man durfte es wohl eine Gunst des Geschicks heißen, daß man in dem kleinen Dorfe, wo man endlich rasten mußte, fast keinen männlichen Bewohner außer dem Pfarrer daheim und in diesem einen wackeren Mann fand, welcher nicht auf die „Gefährlichkeit“, sondern auf die Hülfsbedürftigkeit seiner plötzlichen Gäste sah und es ihnen möglich machte, ein paar Stunden lang in Sicherheit zu ruhen.

Die Grenze ließ sich von hier aus durch das Gebirge in ein paar Stunden erreichen, und Eugenie und Heimlingen drängten von neuem sie zu überschreiten und im Nachbarlande einen ruhigeren Weg zu suchen.

So fuhren sie wieder weiter und gelangten endlich dahin, wo der Weg nach Dernot sich von der bisher verfolgten Straße trennte. Da jammerte Kunigunde noch einmal und Eugenie und Heimlingen widersetzten sich mit herben Worten der Weiterfahrt, da sie unterwegs in einer kleinen Waldschenke vernahmen, daß es in der Dernoter Gegend noch unruhiger zugehe als anderswo; sie erklärten, daß man Esperancens Eigensinn und Thorheit bereits viel zu viel nachgegeben habe, und Eugenie bemerkte in einem halb schroffen, halb wegwerfenden Ton, es sei Zeit, daß man sich von der Herrschaft eines phantastischen Kinderkopfes emancipire – sie seien wieder nüchtern geworden.

„Schlimm genug, daß Ihr Euch berauschen und betäuben ließet, wie Ihr’s waret,“ entgegnete Esperance kalt. „Macht es wie Ihr wollt, ich sagte Euch das schon gestern, in Heitersberg. Ueber den Vater, wie er jetzt ist, und über mich selbst bestimme ich, und wenn Ihr, die Tante und Du, meint, fortan – besser ohne uns zu sein“, fügte sie nach einem momentanen Zögern hinzu, „so trennen wir uns.“

„Fahrt zu!“ rief Eugenie erbittert aus, „hier rechts, gegen die Grenze.“

„Nach Dernot, Jonas,“ sagte Esperance kalt, in ihren Wagen steigend, und die müden Pferde zogen von neuem an.

„Kerl – hast Du den Befehl nicht gehört? Du unterstehst Dich –“ rief im nächsten Augenblick der Kammerjunker aus dem Schlage höchst entrüstet dem Kutscher, der sein Gespann dem voraustrabenden Esperancens auf den bereits tief dämmerigen Waldweg folgen ließ.

Der Mann, gleichfalls ein langjähriger Diener des Hauses, wandte sich vom Bock ein wenig zurück und erwiderte respectvoll, aber ohne Zögern: „Um Verzeihung, Herr Kammerjunker, ich diene dem Herrn Baron und unserem gnädigen Fräulein. Wo die bleibt, da bleib’ ich auch.“ –

„Dies ist nicht mehr zu ertragen!“ murmelte Eugenie voll bitteren Zorns und warf sich, den Shawl fest um die Schultern ziehend, in die Ecke zurück. „Sollen wir uns willenlos von einem kindischen Geschöpf und einem unzurechnungsfähigen –“ sie verschluckte das Folgende.

Aber Tante Kunigunde hatte das Wort nicht überhört und raffte sich plötzlich auf das Ueberraschendste aus ihrer Betäubung auf. „Mein liebes Kind,“ sagte sie ungewöhnlich scharf, „ich dächte, Dein unglücklicher Onkel dürfte allerdings die höchste Rücksicht von Dir erwarten. Esperance hat Recht – unser Platz ist unbedingt an seiner und ihrer Seite – der meine wenigstens gewiß, ma chère, – und bisher, leugne es, ma nièce, haben wir keinen Grund, das Kind kindisch zu heißen. Sie hat uns gerettet, uns arme Hasen.“

Sie fuhren weiter, immer tiefer in das Gebirg und in den Wald, der sich hier fast ununterbrochen über die Höhen und durch die Thäler breitete, und der Abend brach herein und die Sterne fingen an zu leuchten, mit mattem Licht den Weg erhellend, dem sie zu folgen hatten. Niemand begegnete ihnen und rings umher war es still; nur das Rollen der Wagen und das Rieseln der Gewässer, welche die wunderbar milde Luft überall den hier noch lagernden Schneeresten entströmen ließ, unterbrach das Schweigen. Sie mußten schon in der Nähe von Dernot sein, das sie diesmal freilich von der entgegengesetzten Seite zu erreichen suchten. Jonas glaubte die Gegend zu erkennen, die er vor vierzig Jahren, nach seinem Ausdruck, wie seine Tasche gekannt. Verändert hatte sich in diesen Revieren seitdem schwerlich viel.

Indem erhob sich der alte Bursche ein wenig von seinem Sitz und sah in den Weg hinaus, auf den eben durch das laublose Gezweig der alten Bäume der erste Mondenstrahl silberhell herabsank. Dann wandte er den Kopf etwas gegen den Wagen und flüsterte: „Da steht einer und guckt uns entgegen, Fräulein, und es mögen noch mehrere im Busch stecken. Es blitzt dort was – wenn’s Gesindel wäre, Fräulein –“

„Fahrt ruhig weiter,“ unterbrach ihn Esperance. „Erwarten kann uns hier niemand, und im Uebrigen haltet Eure Waffen bereit.“ Das leise Knacken eines Pistolenhahns bewies, daß das entschlossene Mädchen selbst der gegebenen Weisung zuerst nachkam. Dann zog sie die Decke höher über den stumpf hinliegenden Vater und ließ auf seiner Seite das die Vorderöffnung des Wagens schließende Fenster aus dem haltenden Riemen herab, während das an ihrer Seite geöffnet blieb.

Sie sah den nächtlichen Späher jetzt gleichfalls; da der Wagen nahte, trat er von der Straße an den Waldrand zurück, und im nächsten Augenblick sagte seine gedämpfte Stimme: „Halt! Wohin wollt Ihr? Ihr müßt Euch verirrt haben –“

„Burgsheim!“ sprach Esperance mit einem wunderbaren, nicht lauten Ton, und doch klang daraus etwas wie ein innerliches Aufjauchzen.

Der Mann hatte den Namen gehört. „Wer ruft mich?“ fragte er und sprang an den haltenden Wagen heran, den Kopf vorbeugend, um die Sprecherin zu erkennen. Das ward ihm nicht schwer, denn auch sie beugte das Gesicht aus dem Wagen, und auf der ein wenig freiern Stelle des Halteplatzes war das Nachtdunkel durch die Mondstrahlen zur Genüge gelichtet. „Um Gotteswillen, gnädiges Fräulein – Sie! – hierher!“ rief er hörbar erschrocken aus.

„Ich flüchte meinen armen Vater“, sagte sie.

„Hieher – nach Dernot?“ rief er von neuem.

„Ich mußte,“ unterbrach sie ihn. „Es war wie eine Stimme von oben, die es mich hieß. Und wenn der Vater Schutz suchen muß, wo soll er’s, wenn nicht bei seinem Kinde? – Was er besaß, scheint Alles verloren. Dernot hat er mir gegeben – vielleicht darf ich es uns erhalten.“

Burgsheim war ein paar Augenblicke still. Dann fragte er: „Und Ihr Herr Vater ist krank und bei Ihnen, Fräulein?“

„Ja, hier im Wagen und schlimmer als krank, körperlich und geistig gelähmt.“ Und das Haupt schüttelnd, fügte sie die leisen Worte hinzu: „Ich durfte das laut sagen, er weiß nichts von uns.“

Und wieder nach einer Weile sprach Franz zu ihr: „Sie haben vielleicht Recht gehabt, zu uns zu kommen, Fräulein. Vielleicht bringt Ihre Gegenwart die Ruhe und Vernunft zurück, denn ich hab’s erfahren: man denkt hier noch mit viel Liebe an die alte ‚Herrin von Dernot‘, und seit man Sie im vorigen Herbst kennen lernte, liebt man auch die neue und hängt an ihr. – Jetzt aber, zur Ruhe und in Sicherheit,“ brach er ab. „Ich werde Sie führen, die Stunde ist gut und der Weg auch, Sie können das Schloß im Geheimen erreichen und dort verborgen bleiben. Denn das Geheimniß mache ich Ihnen für Sie und Ihren Vater zu Pflicht,“ schloß er. „Sie riskiren sonst das Schlimmste: Wir müssen für Sie werben. Vertrauen Sie mir, Fräulein?“

[276] „Ja,“ versetzte sie, ihm von neuem die Hand bietend.

„Gut; also vorwärts,“ sagte er, dem Kutscher zuwinkend. „Mein Begleiter, – es ist ein Holzwärter – kann das Revier unter Augen behalten. Er ist sicher. Sind Sie es Ihrer Begleiter auch, Fräulein?“ Sein Auge wandte sich auf den folgenden Wagen zurück.

„Ja,“ entgegnete sie, einfach wie vorhin, und setzte dann in hartem Tone hinzu: „meine Verwandten dort hinten, die müssen sich fügen. Oder sie gehen.“ –

Der Zug ging weiter durch das Gebirg’ und den Wald, der nun, da sie in die Thäler hinabgelangten, sie immer dichter und höher umfing. Der ortskundige Begleiter war zur rechten Zeit gekommen, Jonas hätte sich hier niemals mehr zurecht gefunden. Nur einmal blickte[WS 3] in der Ferne, durch die alten Stämme ein Licht: „Es ist die Försterei,“ sagte Franz, der neben Esperancens Wagen ging, „und zur Noth könnten Sie auch dort bleiben. Der Förster Heiter ist ein lustiger, aber treuer Mann.“

„Ich muß nach Dernot, das ist mein und da ist mein Platz,“ versetzte das Mädchen stets mit der gleichen Entschlossenheit und Ruhe. Sie sprach sonst nicht mehr auf dem Wege.

Das Dorf, das übrigens völlig still und fast schon ganz dunkel dalag, umfuhren sie und gelangten den Schloßhügel hinauf vor das verschlossene Thor. Meister Tobias, da er endlich erschien und erfuhr, wer ihn noch so spät heimsuche, bekam einen von seinen Schreckensanfällen, der jedoch diesmal glücklicherweise schneller vorüberging denn vordem – als er die junge Herrin an der Spitze seiner Gäste sah, und noch mehr, als er den gestrengen Gebieter in einem Zustande fand, welcher denselben als durchaus ungefährlich erscheinen ließ, zeigte er sich sehr beruhigt und entwickelte eine Art von Theilnahme, Rührigkeit und sogar Gewandtheit, die selbst in Esperancens ernsten Zügen mehr als einmal ein leises Lächeln hervorzurufen vermochte und Herrn von Heimlingen zum wirklichen Lachen brachte, obgleich ihm dasselbe den strafendsten Blick von Eugenien eintrug. Daß Katharine sich auch jetzt als die Alte erwies: voll schicklicher Herzlichkeit und Theilnahme, voll Geistesgegenwart und stiller, wohlthuender, alles bedenkender und alle befriedigender Thätigkeit, dessen brauchen wir wohl kaum zu erwähnen.

„Da sind wir wieder, Mutter,“ sagte Esperance, als sie vor allen Dingen den Baron in’s Haus und hinauf geschafft und es dem armen Leidenden mit der Hülfe des alten Kammerdieners so bequem gemacht hatte, wie möglich. „Ihr seht wohl, die alten von der Not sind noch nicht ausgestorben – oder vielmehr,“ unterbrach sie sich mit beinah finsterem Lächeln, „sie leben wieder auf.“

„Fräulein,“ erwiderte die Matrone, und ihr Aug’ umfaßte das Mädchen mit seinem tiefsten und liebevollsten Blick, „darin sind wir Menschen alle ihre Kinder, und Sie – das ist richtig, – Sie sind das echteste von allen, die rechte Herrin von Dernot. Aber ich sah es damals: der Herrgott hat Ihnen die hellen Augen gegeben und das fröhliche und doch feste Herz – die Euphemia hatte das nicht! – und damit werden Sie’s gewinnen.“

„Mutter, fröhlich ist mein Herz nicht mehr,“ sagte das Mädchen ernst.

„Aber fest und unverzagt, Fräulein,“ versetzte Katharine ruhig, „und ein solches findet auch seine Fröhlichkeit immer einmal wieder.“

„Esperance ging von hier in den kleinen „Salon“ hinüber, wie sie im Herbst das als Wohnzimmer benützte Gemach geheißen hatten und das sich auch jetzt wieder als das wohnlichste in dem alten Hause erwies, freundlich erhellt und von dem flammenden Holzstoß im Kamin schon leise durchwärmt, so daß die drei Menschen, welche sie darin traf, alle Veranlassung hatten, freundlichere Gesichter zu zeigen als während der mehr als vierundzwanzigstündigen, angreifenden, gefahrvollen Reise. Heimlingen kam dem Mädchen mit großer Artigkeit entgegen und rückte einen Stuhl für sie in die Nähe des Feuers. „Sie müssen sich nothwendig Ruhe gönnen, Cousine,“ sagte er in einem Tone, der Esperance durch seine Herzlichkeit überraschte. „Sie dürfen sich nicht aufreiben – es scheint hier ja wirklich ruhig und sicher zu sein für unseren armen Kranken. Wie steht’s mit dem Onkel?“

„Er scheint die Fahrt glücklich überstanden zu haben,“ erwiderte sie; „ich finde keinerlei Veränderung – er ist wie unterwegs völlig theilnahmslos und kennt, glaub’ ich, niemand. Jetzt freilich,“ sprach sie, flüchtig die Brauen zusammenziehend, weiter, „darf es nicht so fort gehen, er muß ernstliche Hülfe haben. Wir wollen das sogleich in Ordnung bringen.“ Sie verließ das Gemach und kehrte nach einer Weile mit Burgsheim zurück. Und nachdem sie den jungen Mann der Tante und Heimlingen kurz vorgestellt, sagte sie: „Sie machten die Sicherheit unseres Aufenthalts von der strengsten Bewahrung des Geheimnisses abhängig, mein Freund. Vorhin schwieg ich – nun muß ich jedoch eine Ausnahme für den Arzt verlangen, dessen mein Vater unbedingt bedarf. Doctor Hallberg erschien mir im Herbst als ein Mann von Kopf und Herz, bei dem wir keine Gefahr laufen werden. Sie kennen ihn näher, dächte ich. Sie – setzen Sie Ihren Beistand von heut Abend damit fort! – müssen ihn herschaffen.“

Burgsheim schüttelte mit sorgenvollem Ausdruck den Kopf. „Und gerade in jenem Nest ist die Aufregung so toll wie möglich,“ bemerkte er. „Wenn sie dort erfahren oder nur ahnen, daß Seine Excellenz hier weilt, so haben wir sie auf dem Halse.“

„Das ist die Sicherheit von Dernot, wo sie den Minister nicht kennen!“ sagte Eugenie mit herbem Spott.

Die Antwort, welche auf Esperancens Lippen schwebte, wurde zu des Mädchens verwunderter Ueberraschung durch Heimlingen abgeschnitten. Nach einem – man hätte sagen mögen, gleichgültigen Blick auf seine Braut sprach er in leichtem Ton: „Aber weshalb sollten sie erfahren und ahnen? Wer von der schweren Krankheit des Ministers nichts erfuhr, wird ihn bestimmt nicht mehr im Lande glauben, und daß seine Familie sich hierher auf ihr altes Besitzthum geflüchtet, kann nicht auffallen, so wild wie es überall, besonders in größeren Städten, zugeht. Den Minister allein auf einige Zeit, bis sein Zustand sich entschieden und wieder mehr Ruhe über die Menschen gekommen, in diesem alten Nest zu verbergen und ihm den Neugierigen gegenüber einen andern Patienten zu substituiren, sollte, wenn der Arzt sicher ist, doch nicht schwer sein, dächte ich.“

In Esperancens Augen blitzte etwas auf wie eine wehmüthige Freude. „Cousin, so dachte auch ich in der Eile,“ sagte sie und fügte lächelnd hinzu: „ich will gern diese Patientin sein.“

„Sie? Behüte Gott, Cousine! Sie müssen gesunder sein als alle übrigen,“ erwiderte der Kammerjunker scherzend. „Jeder von uns anderen wird die Rolle gern übernehmen. Schaffen Sie uns den Arzt, Herr Burgsheim.“

„Sie scheinen zu vergessen, mein Freund, daß wir nur gezwungen hierher kamen,“ bemerkte Eugenie mit leicht gerötheten Wangen, aber in eiskaltem Ton. „Wir werden hoffentlich Mittel finden –“

„Aber sie nicht benützen, wenn sie dazu dienen sollen, den Oheim zu verlassen, dem wir so viel verdanken,“ unterbrach Heimlingen sie mit dem ruhigsten Ausdruck, der trotzdem jede Einwendung auszuschließen schien. „Ich bekenne demüthig,“ schloß er dann lächelnd, „daß ich in der Aufregung oder Abspannung der langen Fahrt vorhin selber mich ungeduldig zu Fluchtgedanken hinreißen ließ. Allein ich büße jetzt ab. Sie haben mich beschämt, Tante Kunigunde, und Sie, Cousine, bewundere ich. – Den Arzt, Herr Burgsheim. Ich will, wenn’s nöthig, selber der Kranke sein.“

[289] Die Tante erging sich in anerkennenden und klagenden Worten. Heimlingen tröstete sie nach Kräften und amüsirte sich dazwischen an dem ab- und zugehenden Tobias, der voll plötzlich erwachten kriegerischen Geistes die „Werke“ des Schlosses untersucht hatte und über ihre „Widerstandsfähigkeit“ rapportirte. Die beiden Mädchen waren still, aus dem gleichen und dennoch innerlich tief verschiedenen Grunde: Beide dachten über die Veränderung nach, die mit Heimlingen vorgegangen zu sein schien, – die eine zürnend, die andere dankbar. Esperance ging jedoch bald wieder zu ihrem Vater, dessen Zustand ihr verhältnißmäßig erträglich zu sein schien; so bequem man ihm unterwegs auch zu betten versucht, mochte die lange Fahrt den anscheinend fast unempfindlichen Körper doch ermüdet haben. Es war eine Art von Schlummer über ihn gekommen.

In ihrer Wache bei ihm wurde Esperance bald von der Tante abgelöst, die, wie es den Anschein hatte, jetzt wirklich und nachhaltig Besinnung und Fassung wiedergewonnen und mit großem Eifer und noch größerer Würde sich der Pflichten einer Frau vom Hause annahm. Zur Ruhe freilich ging das Mädchen darum doch nicht. Stunde auf Stunde saß sie mit dem Gutsverwalter, den man aus seiner Wohnung herauf gerufen, um sich von ihm über die Vorfälle, welche bisher die Ruhe in der Gegend gestört, über die Stimmung der Bewohner, über das Treiben der Partei des Müllers unterrichten zu lassen und zu bereden, was zur Beruhigung und Stärkung der Treuen und zur Besiegung der Gegner dienen könne. Der Mann bestätigte Burgsheim’s Angabe: es gab unter den Menschen dieser Gegend eine eigenthümliche, liebevolle und treue Erinnerung und eine fast phantastische Anhänglichkeit an die ‚Herrin von Dernot‘, und seit sie wußten, daß eine solche wieder da sei, und dieselbe im Herbst obendrein, wenn auch nur von ferne, kennen gelernt, hatten sie. Zuneigung und Hoffnung, obgleich in seltsam dringlicher Weise, dieser zugewendet. Es war obendrein nicht unbekannt geblieben, was an jenem Morgen auf dem Schloß vorfiel. Man sah dadurch einerseits Esperancens Ansprüche gesichert und fing andererseits an, den Müller zu hassen, der das Recht der ‚Herrin‘ bestreiten und beeinträchtigen wollte. Augustin hatte seit dem Herbst mehr Anhänger verloren als gewonnen und nur in der letzten Zeit durch kluge Benutzung der allgemeinen Aufregung auch in weiteren Kreisen wieder mehr Einfluß erlangt.

„Das will aber wenig bedeuten,“ meinte der Verwalter zum Schluß. „Wenn sie erfahren, daß das gnädige Fräulein hier ist und vollends hier bleiben will, und wenn sie obendrein sehen, daß der alte Streit um die Höfe nicht fortgeführt wird, so hat der Monsieur Augustin verspielt. Sie hoffen von ihrer ‚Herrin‘, wie unser gutes Deutschland vom alten Rothbart, so etwas wie das goldne Reich,“ fügte der Mann lächelnd hinzu. „Nur,“ und er wurde wieder ernster, „der Herr Baron darf nichts damit zu thun haben, – verzeihen das gnädige Fräulein, aber als ehrlicher Mann und treuer Beamter muß ich’s sagen: von dem wollen sie nichts. Und es wäre gut, wenn Excellenz für’s Erste noch nicht herkämen.“

Er hatte es nicht erfahren, daß der Baron bereits im Hause, und Esperance erkannte schon jetzt, welche Gefahr der Kranke auch hier laufen und mit welcher Vorsicht man das Geheimniß hüten müßte. Selbst des Verwalters Auge hatte von noch entschiedenerer Abneigung geredet, als seine Worte dieselbe erkennen ließen.

Von Leopold wußte Frau Katharine nichts. Etwa bis Weihnachten hatte er in seiner früheren Weise still und ernst im Schlosse fortgelebt. Dann war er aufgebrochen und man hatte seither keine Kunde mehr von ihm erhalten. – Esperancen ging es nicht anders. Statt seiner war aber ein Andrer ein häufiger Besucher des alten Hauses geworden – Burgsheim, der sich von der Matrone gern über die alte Zeit und die Jugend seines Vaters erzählen ließ. Die Frau war, schlicht und ernst wie immer, seines Lobes voll: er sei ein wackerer, tüchtiger, ehrenhafter Mann von, wie es ihr scheine, reichen Gaben und erinnere sie häufig ganz wunderbar an seinen Großvater, den Baron August. Vollends seit er sich von seinem Verwandten, dem Müller, der ihm neuerdings grimmig gänzlich abgesagt haben solle, mehr und mehr getrennt habe, seien all die löblichen Eigenschaften immer erfreulicher hervorgetreten.

Die Nacht schritt weiter und weiter vor, und der Tag fing an, über die Berge herab in die Thäler zu steigen, als der Arzt anlangte und den Kranken in seine Behandlung nahm. Ueber dessen Zustand wußte er den Angehörigen nichts Tröstliches zu sagen und verhehlte nicht, wie gering seine Hoffnung auf die Wiederherstellung des geistigen Theils. Von einem Weitertransport dürfe unter keinen Umständen die Rede sein, und da auch er zugestehen mußte, daß die Aufregung in der kleinen Stadt groß und der Haß gegen den Minister und sein hartes Regiment ein außerordentlicher, so fand er die strengste Verbergung des unglücklichen Mannes gerechtfertigt und traf mit Esperance und Heimlingen alle Vorkehrungen und Verabredungen, um das Geheimniß zu bewahren und seine öfteren Besuche in Dernot zu erklären. Er brachte überdies die Nachricht mit, welche Abends [290] zuvor in die Stadt gelangt war, daß der Minister für ewige Zeiten aus dem Lande verbannt und sein Eigenthum eingezogen werden sollte. Die großen Einkünfte hatten schon eine Bestimmung erhalten.

Der Zustand des Barons wurde immer trauriger, da der bisherigen todtenhaften Ruhe eine Aufregung folgte, welche für den Leidenden so gut wie für seine Umgebung um so qualvoller sein mußte, als man Körper und Geist vergeblich gegen die Lähmung ringen sah, die sie gefesselt hielt. Der Arzt blieb im Schloß; er behauptete, in der Stadt habe man jetzt weder Zeit noch Stimmung zum Kranksein.

Und wenn es so im kleinen Schlosse stand, die Nachrichten, die aus Ferne und Nähe kamen, lauteten gleichfalls ernst genug und ließen noch Schlimmeres nicht unmöglich erscheinen. Die Bauernunruhen im Odenwald, kaum unterdrückt, schienen sich von neuem erheben und fortpflanzen zu wollen, und es war vorauszusehen, daß sie in diesen Gegenden immerhin Anklang finden würden, wäre es auch nur bei einer Partei gewesen, welche auf Seiten des Müllers stand und von ihm in Aufregung und Haß gegen die bisherigen Zustände im Allgemeinen und gegen die Herrschaft auf Dernot im Besonderen erhalten wurde. Es ging doch nicht ganz, wie der Verwalter es gemeint. Die Nachricht von der Anwesenheit der Damen, zumal der sogenannten „Herrin von Dernot“, und eines Herrn, der zum Hofe gehörte, war in diesen Kreisen und von Augustin Besseling selber nicht mit der Gleichgültigkeit aufgenommen worden, deren wir ihn damals im Herbst sich rühmen hörten, sondern erregte große Erbitterung. Die Versicherung, welche Esperance durch den Verwalter an den Müller und die übrigen Hofbesitzer gelangen ließ, daß der alte Streit von ihr nicht fortgeführt und sie nicht ein fremdes Recht ableugnen oder angreifen werde, wurde mit Hohn und mit der Antwort des Müllers aufgenommen: er wolle dem Dämchen trotz seines feigen, treulosen und verrätherischen Verwandten schon zeigen, wer in Dernot das Recht habe, Anderen ihr Recht zu gewähren oder zu verweigern. Sie solle sich auf den Kehraus rüsten.

Wie der Müller war, konnte man sich trotz seines Alters schon noch einer wilden That zu ihm versehen. Und daß er seit Esperancens Anwesenheit bei den Insassen der Herrschaft wirklich auf jene, von mehreren Seiten in Aussicht gestellte Theilnahme für die junge Gebieterin stieß und mehr als einmal nicht blos eine derbe Abweisung, sondern auch noch derbere Erwiderung auf seine Anfeindungen, Intriguen und wirklichen Pläne fand, reizte den finstern Greis nur noch mehr und ließ ihn mit allen möglichen Mitteln nach neuen Anhängern in der Umgegend, in Stadt und Land suchen. Mit seinem Neffen, wie er Burgsheim geheißen hatte, war er in der That gänzlich auseinander. Ja er sollte in diesen Tagen auf die ernste Erklärung des jungen Mannes, daß er unwankbar zum Recht und Gesetz und zu der angestammten Herrschaft Dernots stehen werde, mit einer wilden Verfluchung des Verräthers geantwortet haben.

Esperance selbst verleugnete solchen Stürmen von draußen und den Leiden und den Wirren im Innern des Schlosses gegenüber nicht einen Augenblick die Ruhe und Klarheit, die Kraft und Entschlossenheit, die bisher schon so bewunderungswürdig sich an dem schönen jungen Wesen offenbart hatten und täglich mehr von ihm verlangt wurden. Denn von dem alten Loos der Familie von der Not ward ihr nicht einmal der Unfriede zwischen den eigenen Angehörigen erspart: das Verhältniß zu Eugenie wurde eher schlimmer als besser, und die Dame schien selbst gegen den Verlobten immer mehr zu erkalten.

Esperance blieb ungebrochen, und ungebrochen empfing sie heute nun auch die Kunde, mit der Burgsheim erregt in’s Schloß geeilt kam, daß von der Stadt eine Commission unterwegs und bereits nahe sei, welche sich über die Insassen Dernots vergewissern und sie nöthigenfalls aus dem beanspruchten Besitz setzen wolle. Man gedenke sogar den Baron zu finden und zu fangen, von dessen Anwesenheit man Kunde erhalten habe. Dazu sei drunten in der Mühle eine Versammlung. Man dürfe auch von dort etwas erwarten.

„Bringen wir den Vater in Sicherheit, das Uebrige findet sich,“ sagte Esperance ruhig besonnen und ging mit Burgsheim hinüber, um den Kranken und seinen alten Kammerdiener in ein längst vorbereitetes, allen Schutz verheißendes Versteck zu bringen.

Sie bedurfte ihrer Fassung und Entschlossenheit wohl, denn ein neuer, der härteste Schlag erwartete sie im Krankenzimmer. Da sie eintraten, winkte der Arzt, der sich über das Lager gebeugt hatte, mit einem: „Gottlob, zur rechten Zeit!“ heran. Der Baron hatte sein Bewußtsein plötzlich, wenn auch nur zum Theil, wieder erhalten. Seine Augen wandten sich mit dem Ausdruck des Erkennens auf Esperance und ihren Begleiter. Ein Lächeln lief durch die bleichen Züge, seine Lippen regten sich, seine Hand zuckte der seines niederknieenden Kindes entgegen, und mit einemmal wurden die geflüsterten Worte vernehmbar: „Esperance – mein Kind – August – Franz Dernot –“

Und von neuem zuckte es in den Zügen, durch den Körper, und die Glieder streckten sich. – Leopold, Freiherr von Treuenstein und Herr zu Dernot war zu seinen Vätern versammelt worden.




10. Die Herrin von Dernot.

Burgsheim war aus dem Sterbezimmer bald geschieden; er hatte den Kammerdiener mit der Nachricht von dem Geschehenen an die anderen Familienglieder gesendet, welche zu dieser Stunde wie gewöhnlich beim Frühstück im kleinen Saale versammelt waren und von dem Kommenden noch nichts ahnten. Dann war er hinabgestiegen, um mit Frau Katharine und Jonas zu conferiren; man schickte einen von den beiden Kutschern zu Pferde fort, und Jonas eilte in’s Dorf hinab, um den Verwalter zu benachrichtigen und womöglich ihn nebst einigen treuen Leuten auf’s Schloß zu bringen. Den Förster und ein paar andere hatte Franz nach seiner Angabe schon selber unterrichten lassen; sie würden nicht fehlen, meinte er. Der Förster habe einen großen Grimm gegen Augustin’s Sohn und zwei oder drei von dessen Genossen, in denen er die frechsten Wilddiebe wisse, ohne sie, wie die Sachen augenblicklich ständen, gehörig zur Rechenschaft ziehen zu können. Schon um dessentwillen, sprach Franz aus, werde er mit tausend Freuden dabei sein, wo man dem Gelichter einen Strich durch die Rechnung machen könne.

Heut dachte man wieder an die kleine Hinterpforte, deren die Leser sich noch entsinnen; sie wurde wirklich aufgeschlossen und Frau Katharine selber setzte sich unter die Wölbung zur treuen Hut und um die Freunde von drunten hereinzulassen, welche man, um alles Aufsehen zu vermeiden, auf diesen Weg verwiesen hatte. Wie man diese verwenden wollte, was man überhaupt zu befürchten hatte, darüber konnten Burgsheim und die Uebrigen sich nicht recht einigen. „Bis zur wirklichen Gewalt wird’s der Augustin doch nicht treiben,“ meinte selbst Frau Katharine und erwartete dergleichen noch weniger von den „Herren“ aus der Stadt. Franz schüttelte den Kopf. Es wäre immer gut, Freunde und Hülfe in der Nähe zu haben, sagte er.

Aber es war kaum einer von diesen da, als die angekündigte Commission in zwei Wagen und begleitet von ein paar Landreitern beim Thore anfuhr. Jonas, der eben vom Dorf zurückgekommen war, öffnete ihnen dasselbe – Meister Tobias war, seit er mehr aus den Anordnungen als aus wirklichen Mittheilungen erfahren hatte, daß dem Schloß und der Herrschaft ein bewegter, wo nicht gefahrvoller Morgen bevorstehe, in eine Art von andauerndem Zittern und Stammeln verfallen, die ihn für jeden andern Platz als seinen alten Lehnstuhl untüchtig machte.

„Schließt ihr hier immer das Thor – am hellen Tage – wie in einer Raubburg?“ fragte einer von den Herren, aus dem Wagen steigend und mit verächtlichem Blick sich umschauend in dem düstern alten Hof.

„Wenn die gnädige Herrschaft da ist und das Gesindel sich im Lande breit macht – wie jetzt – ja,“ erwiderte Jonas mit finsterm Blick.

„Ah, die betreßte Lakaienseele gesteht’s ja bereits zu!“ rief ein Anderer, in dem man seiner außerordentlich gepflegten Coiffure nach zu schließen – er hatte den Hut abgenommen – einen Friseur oder Kellner vermuthen konnte. „Geschwinde, Mann, führ’ Er uns hin zu dieser Herrschaft, daß wir –“

„Meine Herrschaft heißt mich Du, weil ich seit fünfzig Jahren in ihrem Dienst. Andere Leute nennen mich Sie,“ unterbrach ihn der Jäger barsch. „Will meine Herrschaft fragen, ob sie die Herren annehmen kann.“ Und er wandte sich ab und schritt in’s Schloß hinein.

„Meine Herren,“ sprach ein ältlicher Mann, in dessen Zügen nichts weniger als Gleichgültigkeit oder gar Vergnügen über das [291] Geschehene und noch Bevorstehende sichtbar war, „ich habe Sie schon in der Stadt und auch unterwegs gebeten: lassen Sie uns unseren, für alle Theile peinlichen Auftrag zum mindesten so schonend wie möglich erfüllen. Wir wissen von den Insassen dieses Hauses noch nichts, als daß es vermuthlich ein paar Damen der Familie Treuenstein mit ihrer Bedienung sind, gegen die wir dann keinenfalls mit Härte oder gar Unhöflichkeit aufzutreten hätten. Ein Gesetz, das dem frühern Minister und seiner Familie ihre Besitzungen abspricht, existirt meines Wissens nicht.“

„Sie wissen es wohl, Bürger Landrath,“ fiel der schön frisirte Sprecher ein, „daß gerade Dernot diesem entmenschten Tyrannen ohnehin nicht gehört – bestritten wird von jenem prächtigen, treuen Volksmann, dem Müller Besseling, an dem die gewissenlosen Gewalthaber uns ein furchtbares Beispiel ihrer –“

„Herr Kiskel,“ unterbrach ihn der ‚Landrath‘ geheißene Mann mit gerunzelter Stirn, „Sie sagten eben selbst, daß das Recht auf Dernot nur bestritten wird. Die Entscheidung ist also noch nicht da, und wir haben sie am allerwenigsten zu fällen oder sie dem zu überlassen, der seine Ansprüche doch erst zu beweisen haben dürfte.“

„Das Zujauchzen des armen unterdrückten Volks wird diesen Beweis den Söldlingen der Tyrannei in die schreckensbleichen Gesichter donnern,“ rief Herr Kiskel pathetisch aus. „Diese alberne mittelalterliche Fratze, diese sogenannte Herrin von Dernot –“

„Mann, lassen Sie dies Gezänk und die albernen Worte,“ fiel ihm ein Anderer in die Rede. „Der Herr Landrath hat ganz Recht: wir müssen unseren Auftrag erfüllen, aber grob wollen wir nicht sein, wie vorhin Sie, und uns nicht um Dinge bekümmern, die uns nichts angehen. Kommt hinein, es ist kalt, heut Morgen.“

„Ich brauche von Ihnen weder Rath noch Lehre in Betreff meines Benehmens,“ rief Herr Kiskel heftig. „Ich stehe hier im Namen –“

Jonas’ Rückkehr unterbrach unglücklicherweise die so schön angelegte Rede. „Die Herrin von Dernot erwarte die Herren droben im Saal,“ meldete der alte Jäger und schritt ihnen voran der Treppe wieder zu.

„Man muß dies Feudalnest umstellen, daß der versteckte Tyrann nicht entwischt!“ rief Herr Kiskel lebhaft. „Bürger Landrath; ich mache Sie –“

„Ich gab den Landreitern den Auftrag, die Ausgänge zu bewachen,“ sagte der alte Herr ungeduldig, „und nun vorwärts.“

Die Einrichtung im Saale war seit jenem denkwürdigen Morgen im Herbst nicht verändert worden. Der Tisch stand noch in der Nähe eines der großen Fenster, die Stühle zeigten sich um ihn im Kreise aufgestellt. In der Fensternische, wo damals der Kammerherr gestanden, waren jetzt Heimlingen und der Arzt im leisen Gespräch nebeneinander; links von ihnen, nicht fern von der Thür, welche in die bewohnten Räume führte, befanden sich Burgsheim und der Verwalter nebst einigen Anderen, welche dem Letzteren vom Dorf herauf gefolgt waren.

Esperance stand allein, vor dem Tisch und beinah in der Mitte des großen Raums, in ruhiger, ernster, ja würdiger Haltung; denn so schlank diese Gestalt war und so jugendlich schön das sehr blasse Gesicht, – man sah in ihr in diesem Augenblick schwerlich auf das junge Mädchen, sondern erkannte diejenige, welche ein Recht auf den Platz und auf die Haltung hatte, in welcher sie ihren unerwarteten Gästen entgegentrat, die Vertreterin der Familie und die Gebieterin des Hauses. In Trauerkleidern erschien sie noch nicht, die Zeit hatte zu solchem Wechsel nicht gereicht; allein ihre Kleidung war dunkel und einfach und paßte völlig zu dem Ernst des Moments und zu dem gleichen Ausdruck in ihren Zügen.

„Meine Herren,“ sprach sie, den Kopf von einer leichten Verneigung gegen die Eintretenden wieder erhebend, und ihre Stimme war klar und gleichfalls voll Würde, „meine Familie ist heut’ von einem schweren Leid heimgesucht worden. Trotzdem habe ich Sie, die man mir als eine Commission der Regierung meldete, nicht zurückweisen wollen. Darf ich Sie um Mittheilung des Auftrags oder Befehls bitten?“

„Derselbe geht nicht an Sie, Bürgerin,“ rief Herr Kiskel mit einer graciösen, abweisenden Handbewegung, „sondern an das Haupt derjenigen, welche sich in diesem der Nation –“

„Sie sehen das gegenwärtige Haupt und die Gebieterin dieses Hauses vor sich,“ unterbrach sie ihn mit ruhiger Entschiedenheit. „Man heißt mich in Folge meines Erbrechts und der testamentarischen Bestimmung meines Vaters, des Barons von –“

„Des Exministers, Landes- und Volksverräthers, der sein Leben und Eigenthum verwirkt hat!“ schrie Kiskel, sichtbar sich erhitzend.

Ein dunkler Blick ihres Auges maß den Rufer stolz von oben bis unten und dann fügte sie ihrer Rede im vorigen Ton hinzu: „Des Barons von Treuenstein, meines Vaters, sage ich, die Herrin von Dernot. – Ihr Auftrag, meine Herren, wenn ich bitten darf.“

„Mein Fräulein,“ redete der Landrath jetzt mit ernster Höflichkeit, „ein Theil desselben ist dadurch erledigt, daß wir in der Bewohnerin des Schlosses auch seine rechtmäßige Besitzerin erkennen. Es halten sich, der Sage nach, fremde Familien in diesen Gegenden auf und treibt sich allerlei Gesindel an der Grenze umher; das Land ist voll von Unruhe und Gerüchten. Man wollte wissen, daß sich an dieser abgelegenen Stelle hochstehende Flüchtlinge mit einer Verschwörung –“ der alte Herr brach lächelnd ab.

Selbst durch Esperancens bleiche Züge flog ein leises, trübes Lächeln, und sie erwiderte: „Wir mußten aus der Residenz und von Heitersberg flüchten und gingen hierher, um Ruhe zu finden. Fremde sind keine bei uns.“

„Was zu beweisen ist! Wer sind diese ‚wir‘?“ fragte ein anderes Mitglied der Commission in grobem Tone.

„Ich, die Sie vor sich sehen,“ versetzte das Mädchen unerschrocken, „meine Tante, welche sehr leidend ist; meine Cousine, welche bei ihr weilt, und endlich“ – sie deutete flüchtig auf Heimlingen – „der Verlobte meiner Cousine, Kammerjunker, Baron von Heimlingen, nebst unserer Dienerschaft. Genügt das? Sonst freilich müssen Sie sich von der Richtigkeit meiner Angabe durch eigenen Augenschein überzeugen.“

„Und der Volksverräther, der Tyrann – der Wütherich!“ schrie Kiskel, der sich bisher nur mühsam durch einen der neben ihm Stehenden hatte zurückhalten lassen, zornig heraus.

„Wenn Sie so – ich weiß nicht, mit welchem Recht! – meinen Vater zu heißen wagen …“ sagte Esperance stolz.

„Ja, ihn, ihn – den man hier verbirgt! den die Rache der Nation –“

„Sie sind jetzt still, Herr Kiskel,“ fiel der Landrath ihm barsch in’s Wort, „ich bin der Sprecher dieser – sagen wir Commission, und ich erkläre, wie ich denke, auch im Namen der anderen Herren, daß wir weder den Auftrag, noch ein Recht haben, gegen diese Dame in einer so brutalen, jedes Gefühl verhöhnenden Weise aufzutreten. Mein Fräulein,“ redete er gegen Esperance gewendet, weiter, „wir haben allerdings den Auftrag, nach Ihrem Herrn Vater zu sehen, von dem behauptet wird, daß er sich in diesem Schlosse aufhält. Und da unsere Stände seine Verhaftung und Anklage beschlossen haben, so müssen wir uns leider allerdings überzeugen, ob das Gerücht die Wahrheit sagt.“

Sie schaute den sichtbar bewegten Mann einen Augenblick lang sinnend an, bevor sie entgegnete: „Nochmals, meine Herren, wenn Sie mir nicht glauben, müssen Sie selber nachsehen. – Mein Vater ist nicht mehr hier.“

„Nicht mehr – hört Ihr’s – nicht mehr!“ schrie Kiskel wieder, und auch zwischen den Uebrigen zeigte der Eine und Andere die Spuren großer Aufregung. „Also hat man dennoch gewagt, den Verfehmten –“

Er wich vor der rasch vortretenden Esperance und vor ihrem blitzenden Auge verstummend zurück. „Ja, mein Herr,“ sagte sie in einem fast drohenden Ton, „ich habe meinen Vater hierher geflüchtet und habe ihn hier verborgen. Kennen Sie ein Gesetz, eine Macht der Welt, die mich von einer solchen Pflicht zu entbinden vermöchte? – Jetzt ist das nicht mehr nöthig. Er ist der Strafe oder Rache entrückt. Kommen Sie mit, mein Herr,“ wandte sie sich an den Landrath, „und Sie,“ und sie winkte mit stolzer Bewegung gegen Kiskel, – „die übrigen Herren kann ich nicht einladen, aber diese beiden werden genügen.“ Und mit festem Schritt ging sie durch die zurückweichende Gruppe, den Genannten voran, aus der großen Thür. Die Eingeweihten schauten ihr ergriffen, die Uebrigen bestürzt nach.

Im nächsten Augenblick jedoch eilten Burgsheim und Heimlingen, denen sich auch der Arzt anschloß, rasch hinterdrein, an den verblüfft zurückweichenden Mitgliedern der Commission vorüber. [292] Denn vom Hofe herauf erschallte ein wilder Lärm, und auch aus dem Hause klang durch die offen gebliebene Thür das Toben schon Eingedrungener. Sie hatten sich nicht getäuscht, denn da sie die Drei beinah eingeholt hatten, kam ein Haufe die große Treppe herauf, ein paar Bauersleute, Knechte, Tagelöhner und Buben, und vor den Anderen voraus der alte Müller, begleitet von seinem Sohn, dem finsteren, trotzigen Mann, den Esperance seit ihrer Einkehr in der Mühle nicht wieder gesehen.

„Hollah,“ rief der Erstere, auf der letzten Treppenstufe anhaltend, in ungewöhnlich erregtem Ton, „da seid Ihr ja, Monsieur Kiskel! Und der Herr Landrath und das Dämchen! – Holt Ihr den Landverderber und Leuteplager?“ – Und da Herr Kiskel ihm etwas ins Ohr flüsterte, schlug er eine hohnvolle Lache auf und fügte hinzu: „Flausen, Flausen! Wenn er da war – und er war’s – so ist er auch noch da! Unsere Augen sind sicher.“

Die ungestüme Unterbrechung hatte die junge Herrin nur zu einem kurzen Zögern und einem ernsten, fast traurigen Blick auf den zornigen Greis vermocht. Dann schritt sie, dem Landrath winkend, bereits wieder vor. Herr Kiskel lud Augustin durch eine Geberde gleichfalls zum Folgen ein, und dem vorschreitenden alten Mann drängten die Anderen, welche bisher einen Augenblick verstummt waren, mit lauteren und lauteren Rufen und Drohungen nach.

Aber sie schwiegen jählings und wichen sogar zurück, als Esperance nun vor einer Thür plötzlich von neuem Halt machte, sich stolz zu ihnen wendend, als die dunklen Augen sie anblitzten und das Mädchen mit wunderbarer Hoheit sagte: „Zurück! Hier bin ich die Herrin, und ich will keinen Lärm und keine Ungebühr in meinem Hause, im Hause des Todes. Sie Beide treten ein, und der alte wilde Mensch da kann uns folgen. Vielleicht bändigt’s ihn, was er sehen wird. – Ihr Anderen – geht!“

Es war wunderbar, wie still es auf diese kühnen, herausfordernden Worte blieb. Von den älteren Leuten ging sogar mehr als einer wirklich zurück und von den Jüngeren schlichen sich einige ihnen nach. Es mochte auf sie einen unbehaglichen Eindruck machen, daß nicht nur die drei Herren, welche Esperancen vorhin nachgeeilt waren, sich in ihrer Nähe hielten und augenscheinlich entschlossen waren, etwaigen Ausschreitungen kräftig zu begegnen, sondern daß sich allmählich auch noch der Verwalter und ein paar Andere zu ihnen gesellten, welche ganz danach aussahen, daß sie einem Streit nicht ausweichen würden. Dazu vernahm man durch die verhältnißmäßige Stille das Geräusch von schweren Schritten, welche die Treppe herauf zu kommen schienen, und endlich verband sich damit jenes Summen und Tönen, das einer sich ansammelnden Volksmenge zu entsteigen pflegt. Die Herren und die zu ihnen hielten, wurden dadurch sichtbar nicht gestört, aber die Begleiter Augustin’s zeigten sich von Secunde zu Secunde unruhiger.

Von Secunde zu Secunde sagen wir, denn es war nur eine kurze Zeit verflossen, als die Thür wieder aufging und Esperance, von den Anderen gefolgt, heraustrat. Das Haupt ein wenig gesenkt, schritt sie stumm an der Gruppe vorüber, dem Saale wieder zu. Der Landrath erschien tief ergriffen, selbst Herr Kiskel trug ein ernstes, beinah etwas verstörtes Gesicht zur Schau, und es wurde nichts laut als die paar Worte, die Augustin in grollendem Ton zu seinem Sohn und den andern Begleitern sagte: „Ja, todt ist er. So geht’s denn an’s Andere. Kommt.“ –

Und wieder stand Esperance auf ihrem Platz und ihr gegenüber, neben den verlegen darein schauenden Herren von der Commission, drängten sich um Augustin’s trotzige Gestalt die Seinen – es waren nicht alle mehr, die so lärmend mit ihm gekommen; und er sah das grimmigen Blicks und noch grimmiger brach’s unter der starren weißen Braue hervor und zu Denen hinüber, die drüben bei dem Verwalter und Burgsheim standen – die waren zahlreicher geworden. Hier im Saal war jenes Summen und Tönen, dessen wir vorhin gedacht, deutlich genug zu vernehmen, und wenn man aus dem Fenster schaute, sah man den Schloßhof von einer Menge erfüllt, zu der sich jeden Augenblick noch andere, durch das Thor heraneilende Trupps gesellten.

Es war etwas Drohendes nicht in den Gesichtern allein, sondern auch und mehr noch in der Haltung und sogar in dem Schweigen dieser Menschen, grobknochiger und hagerer, wetterharter und trotzig d’rein blickender Gesellen, wie sie in den Bergen heranwachsen, derb und fest, wie die Bäume, deren Wurzeln zwischen dem rauhen Gestein sich mühsam Nahrung suchen müssen. Und Heimlingen und der Arzt, ja selbst der Verwalter und der gleichfalls angelangte Förster fingen an, besorgt zu blicken. Wer, der die Aufregung kannte, welche nicht bloß die Partei des Müllers, sondern mehr oder minder alle Bewohner dieser Gebiete erfaßt hatte, konnte bestimmen, wie schrankenlos sie plötzlich herausbrechen, gegen welche Seite sie sich wenden möchte?

Nur Zwei waren im Saal, die durch Alles weder besonders erregt, noch beunruhigt zu werden schienen; das war Esperance, welche ihre Bewegung schon wieder besiegt hatte und, bleich und stolz am Tisch stehend, festen, klaren Blicks die Gruppen umher überschaute; und es war, trotz des Grimms in den Zügen, der alte Augustin, Zagen und Zweifel gab es für den da nicht, und seine Stimme klang so hart wie je, da er nun plötzlich sprach: „Nun ja, so ist’s recht. Da sind wir alle, von Deuffingen und Moosberg und aus Dernot mit seinen Höfen – da kann alles gleich kundbar und fest werden. Der sich bisher den Herrn von Dernot nannte und uns zwang mit Gewalt und Unrecht, der liegt drinnen todt und die Gewalt ist zu Ende. Und sie reden uns jetzt von einer Herrin, aber das sind Flausen. Wen geht die Tochter was an, wo der Vater nichts galt? Und Dernot hat seinen Herrn, dem es gehört nach Gottes- und Menschenrecht. Sag’ an, Franz Dernot,“ und er wandte sich gegen den jungen Mann, der ruhig neben dem Verwalter und Förster stand, „ich frage Dich heut noch einmal: willst Du Dein Recht aufnehmen, das Dir überkommen ist –“

„Haltet inne, Ohm,“ unterbrach Franz ihn mit klingender Stimme und sein Auge begegnete fest wie damals dem Blick des Greises, – „die Sache ist abgethan! Ich habe Euch allein und auf dieser Stelle vor Zeugen erklärt: ich habe kein Recht auf Dernot, so wenig wie mein Vater es hatte, und wieder wie er, beanspruche ich auch keines. Da,“ und er wies mit rascher Handbewegung auf Esperance, „das ist der rechte Erbe und die Herrin von Dernot.“

Und durch das Gemurmel und die einzelnen Rufe: „Die Herrin von Dernot!“ – welche aus allen Gruppen hervordrangen, klang des Müllers Stimme heiser vor Zorn. „So geh hin und sei verflucht, Feigling, Verräther an Deinem Recht!“ rief er, die geballte Faust gegen Franz schüttelnd. „Aber helfen soll es Dir nichts! Dernot soll seinen Herrn haben und müßte –“

Weiter kam er nicht. Denn aus einer jener Gruppen trotziger Gebirgler trat ein großer alter Mann hervor, eisenfest die hagere Gestalt und wie aus Stein gehauen das tiefdurchfurchte Gesicht. Nur die lichtblauen Augen lebten und blitzten; und nun gingen auch die schmalen Lippen auseinander und er redete: „Ja, gelt, alter Fuchs, darauf läuft’s schon lange hinaus! Möchtest selber der Herr von Dernot sein und unser Herr! Aber Hand vom Sack, das Mehl ist verkauft. Was Du Dich zankst mit dem alten Baron und dem Franz da – was geht’s uns an? Wir wollen nicht diesen und nicht den – der eine ist todt, und der andere hat kein Recht, sagt er selber! – Und einen Bauern, sei’s auch ein Müller, den wollen wir nun gar nicht. Wir wollen die, die uns gehört und der wir gehören, die da die Herrin ist über uns, wie die alte Euphemia. Da steht sie, guckt sie an – das sind die Dernoter Augen! Die braucht kein Document! Das ist unsere Herrin von Dernot!“

Und da er die letzten Worte lauter sprach, klangen sie wie ein Ruf, und im Saale stimmten sie jauchzend ein, und vom Hofe herauf klang es brausend nach: „Die Herrin von Dernot!“

Der Mann sprang zum nächsten Fenster und riß es auf. „Ihr da,“ rief er schallend, „wollt Ihr den Augustin zum Herrn oder unsere Herrin?“

Und donnernd schallte es zurück: „Die Herrin! Die Herrin! Hinaus mit dem tollen Müller! Hinaus!“

Der Mann wandte sich wieder zurück, und wieder klang seine Stimme durch die Stille der Betäubung, mit welcher das Unerwartete die meisten Anwesenden und selbst Augustin erfaßt zu haben schien. „Da hört’ Ihr’s,“ sagte er, „und so ist’s. Ihr seid ja da, Herr Landrath, laßt es zu Protokoll nehmen – ich, der Schultheiß von Deuffingen, sag’s für mich und alle: Das Fräulein da ist unsre Herrin und niemand sonst. Sie ist, wie man’s uns von der Euphemia sagte, die wir d’rum noch lieb [294] haben, wie unsre Großväter thaten, welche sie von Angesicht zu Angesicht schauten. Und wenn sie zu uns hält, wie die, und uns so lieb hat und uns schützt gegen fremde Gewalt, voll Segen, wo sie hintritt – da halten die Dernoter zu ihr. Und der Augustin mag drohen, und das tolle Volk in der Stadt und im Lande umher kann schwatzen und hetzen, wir lassen nicht von ihr.“

Aus Esperancens Augen stürzten die Thränen. „Womit hab’ ich Eure Liebe verdient,“ rief sie „und Eure Treue?“ Und sich aufraffend und die Thränen zurückdrängend, trat sie vor und nahm die harte Rechte des Sprechers zwischen ihre Hände. „So wahr mir Gott helfe,“ sprach sie mit erhobener Stimme, „ich will Eure Liebe zu verdienen suchen, wie Ihr sie meiner Ahnfrau weih’t, und Euch eine gute und gerechte, getreue Herrin sein.“

„Das glauben wir Euch und Euren Augen, Fräulein,“ erwiderte der Mann, ihre Hände drückend, und in den rauhen Zügen zuckte es vor innerlicher Bewegung. „Sie haben uns schon im Herbst bis ins Herz geblickt, darum sind wir Euer. Der Herrgott segne Euch und uns und mache Euch glücklicher, als es die Euphemia war. Hoch – hoch, die Herrin von Dernot!“

Es war überwältigend, wie der Ruf Alle hinriß, im Saal drinnen und draußen auf dem Hofe; selbst von den bisherigen Gegnern widerstand mancher nicht und zwischen den Commissionsherren war sicherlich mehr als einer glücklich, durch diesen ‚Volksbeschluß‘ aus der zum mindesten unbehaglichen Situation erlöst zu werden. Nur Augustin stand zwischen der Menge unerschüttert, die erhobenen Fäuste schüttelnd und Flüche und Drohungen hinausschleudernd, die das Getümmel und der Jubel verschlang. Einige, die noch zu ihm hielten, rissen ihn endlich fort. –

Auf Esperancens Besitz wurde nur einmal ein, noch dazu kaum recht ernst gemeinter Angriff gemacht. Als es nach einiger Zeit angenommen werden mußte, daß das Treuenstein’sche Majorat wirklich von Leopold nicht beansprucht würde, – es ging eine Sage, er sei bei dem Aufstand in Baden]] um’s Leben gekommen, während die trauernde Schwester vermuthete, daß die Entdeckung seiner illegitimen Geburt den Unglücklichen für immer in die Ferne gebannt und auch von ihr getrennt habe, – dachte die erbende Nebenlinie auch an Dernot. Aber der Nachweis, daß dasselbe niemals zum Majorat gehört, war so leicht und die Bestimmung im Testament des Barons so klar, daß selbst bei dem Mißtrauen und der entschiedenen Abneigung, deren die junge Herrin zu jener Zeit der Reaction in den herrschenden Kreisen genoß, kein Erfolg von einem wirklichen Processe zu hoffen war.

Im Innern, wie wir sagen möchten, das heißt in der Herrschaft Dernot selber, erstand ihr seit Augustin’s bald erfolgtem Tode kein neuer Feind wieder. Ihr Besitz und ihr Recht waren auf das gegründet, was in unserer Zeit des Schwankens und Wechsels das einzig Sichere ist und zugleich das Schönste: auf die Liebe der Ihren; denn in diese verwandelte sich jene traumhafte, oder sagen wir abergläubische Anhänglichkeit, welcher sie den Besitz der Herrschaft verdankte, unter ihrem Walten bald immer herzlicher und enthusiastischer. Es giebt sicherlich wenig Frauen, auf die so viel Augen mit Verehrung und Liebe blicken, für die so viel Herzen mit voller Treue und unbegrenztem Vertrauen schlagen, wie sich die Herrin von Dernot dessen rühmen darf.

Aber auch das alte Dernoter Geschick, dem die arme Euphemia so jung erlegen, ist an der jetzigen Herrin erlahmt: ihre hellen Augen und ihr starkes Herz haben es gewonnen und sie ist eine glückliche Frau geworden. Darin haben die Schläge, die sie immerhin getroffen, wie jedes Menschenkind, nichts zu ändern vermocht, wie traurig sie die schöne Frau auch machten – die Ungewißheit über das Loos ihres Bruders ist noch heut ein tiefer Schatten in dem Sonnenschein ihres Lebens.

Leichter nahm sie’s, daß Eugenie und Joseph sich auf das Starrste von ihr gewandt und daß Heimlingen’s Versuche einer Wiederannäherung an dieser Starrheit stets scheiterten. Noch leichter fällt es ihr, daß man sie in der ‚Gesellschaft‘ und in ihren früheren Kreisen bald für eine Unwürdige oder Abtrünnige, bald sogar für eine Halbnärrin erklärt. Man kann es ihr nicht verzeihen, daß ihr Gatte einfach Franz Dernot heißt – den Namen Burgsheim hat er mit hoher Erlaubniß gegen den ursprünglichen seines Vaters wieder vertauscht, aber den Adel hat er nie gewollt, ja er hat ihn sogar direct abgeschlagen –, und daß sie selbst sich nicht mehr Esperance heißen läßt, sondern Marie, wie ihre Mutter. Denn sie meint, daß wir in Deutschland der Fremde nirgends gebrauchen, nicht einmal in unseren Namen.

Was fragt sie nach solchem Tadel an der Seite des Gatten, im Kreis ihrer Kinder, verehrt, bewundert und geliebt, wo sie sich den Ihren zeigt, die segensvolle und gesegnete

‚Herrin von Dernot‘!

Anmerkungen (Wikisource)

  1. siehe dazu Nadelgeld
  2. Vorlage: Se
  3. Vorlage: bickte