Die Schutzpatrone und Orakel der Bauern

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Autor: unbekannt
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Titel: Die Schutzpatrone und Orakel der Bauern
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aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 165–168
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
1. in Altbaiern
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Die Gartenlaube (1867) b 165.jpg

Die Schutzpatrone und Orakel der Bauern.
1. In Altbaiern.


In den grasreichen Ebenen Niederbaierns und auch in dem schönen Vorland der Allgäuer und Innberge wird die Pferdezucht seit alten Zeiten mit besonderer Vorliebe getrieben. Wie schon in den Fähnlein der baierischen Herzoge bei den Romfahrten der deutschen Könige die „Rott-Thaler Fuchse“ eine geschätzte Reiterei bildeten, so beziehen unsere Chevauxlegers-Regimenter noch heutzutage ihre meisten Pferde und ihre besten Reiter aus jenem Gau, dessen junge Bursche traditionell eine ausgezeichnete Kühnheit und Flinkheit auf Rossesrücken bekunden. Der Schutzpatron aller Gegenden, in welchen die Pferdezucht florirt, ist nun in ganz Oberdeutschland der heilige Reitersmann Sanct Georg; er gilt als Specialsachverständiger in diesem Gebiete, wie denn in der Austheilung der Rollen und Aemter an die einzelnen Heiligen das Mittelalter eine ergötzliche Naivetät entfaltet; so hilft z. B. ein Heiliger, der enthauptet worden, wider das Kopfweh, ein Zweiter, der mit Speeren durchbohrt worden, gegen das Seitenstechen etc.

Der römische Ritter Georg nun ist der Heilige für Roß und Reiter und an seinem Tage (dem 24. April) werden in den erwähnten Landschaften Uebungen und Spiele gehalten, welche ihren heidnischen Ursprung nicht verleugnen können. Es versammeln sich die Bauern aus der ganzen Umgegend bei einer dem Heiligen geweihten Capelle – noch alterthümlicher ist es, wenn eine riesenhafte Eiche oder Linde mitten im freien Hag Mittelpunkt der Feier ist; man findet solche tausendjährige Bäume (Ting-Bäume) an alten Gerichts- und Opferstätten noch häufig in Baiern –; bis in die Tausende geht die Zahl der Wagen, Rosse, Gespanne aller Art, welche zusammengebracht und im Kreise um das Heiligthum gestellt werden. Man campirt im Freien, die Männer haben Bier, die Weiber Spechen mitgebracht; der Geistliche predigt in der Capelle und segnet am Schluß die Rosse, wie es die obenstehende Abbildung darstellt; Aber nicht dieser christliche Segen ist es, der eigentlich bei diesem „Georgiritt“ hilft, er ist nur eine Zuthat, welche dem Gebrauche den rein heidnischen Charakter benehmen soll, sondern die Hauptsache ist Folgendes. Die jungen Bursche besteigen ohne Sattel und Bügel ihre besten Rosse und jagen im Galopp drei Mal um die Capelle oder den Baum, vor welchem der Geistliche oder in Ermangelung eines solchen ein alter Bauer steht und die vorübersausenden Rosse mit Weihwasser besprengt und – was höchst charakteristisch – mit Erde bewirft, welche aus dem Wurzelgebiet des heiligen Baumes gegraben ist. Diese Handlung schützt Roß und Reiter das Jahr über vor Krankheit, Fall und Sturz, und jeder Bauer nahm früher wenigstens eine Handvoll der Heilerde in einem Sack mit nach Hause, sie in dem Roßstall aufzuhängen. Offenbar haben wir es hier mit den letzten Spuren eines Festes zu thun, in welchem ein Gott der Rosse und des Reitens gefeiert und um seinen Segensschutz angegangen wurde; vielleicht war es Freyr, welchem vor andern Pferdeopfer gebracht wurden und dessen kriegerische Attribute den Uebergang in den ritterlichen Lindwurmtödter sehr nahe legen würden.

Indessen werden in anderen Gegenden andere Heilige als Patrone der Pferdezucht angerufen, so namentlich Sanct Bernhard und Sanct Leonhard. Letzterer spielt in Oberdeutschland eine der allerwichtigsten Rollen; denn ihm empfiehlt der Bauer, was ihm so wichtig oder oft noch wichtiger ist als sein Haus und seine Familie: seinen Stall und sein Vieh. St. Leonhard ist, ich weiß nicht zu erklären, aus welchen Gründen, der Schutzpatron des gesammten vierfüßigen Hausviehes geworden – das Federvieh hat seine besonderen Heiligen und zwar Tauben den heiligen Columban, Gänse Sanct Martin, Enten Sanct Veit –; in ganz Baiern, Oesterreich, Schwaben und in dem alemannischen Theil von Mitteldeutschland stehen zahllose kleine Bethäuser, Capellen, Wegsäulen, Feldbilder etc., meist auf einer „Reute“ (Rodung, freier, ausgereuteter Platz) mitten im tiefen Walde, zu welchen das Landvolk aus der ganzen Umgegend am Tage des Heiligen (6. November) wallfahrtet und dann mit Roß und Wagen um das Heiligthum „Leonhardi-Ritte“ hält, ganz ähnlich dem nur auf Pferde bezüglichen Fest des Georgi-Rittes.

Echt heidnisch ist aber hierbei die weitverbreitete Sitte, dem Heiligen die in Wachs nachgebildeten Glieder der Thiere zu opfern, welche leidend oder schon durch Sanct „Lienhard’s“ Hülfe geheilt sind; gewöhnlich wird dem Heiligen bei Ausbruch der [166] Krankheit das Weihgeschenk gelobt und nach der Heilung entrichtet. Daher ist denn der Altar einer solchen Leonhardscapelle häufig ganz überdeckt mit dergleichen Weihbildern aller Art: Rinderhörner, Ziegenhörner, Ochsenköpfe, Pferdenacken, Schweinsrüssel, Hinter- und Vorderfüße von allen Hausthieren, aber auch innere Theile, Herzen, Lebern, Lungen, Nieren, Magen etc., sämmtlich aus rothem Wachs gebildet, bedecken die Platte oder die Glasschreine des Altars und bezeugen die Güte und Gewalt und die Veterinär-Wissenschaft des Heiligen. (Bekanntlich werden der Mutter Gottes und anderen Heiligen in ganz analoger Weise menschliche Glieder in Wachs gebildet geopfert.) Das hat nun ein echt heidnisches Gepräge, daß Jeder, der diese barbarischen Opferspenden um das Bild und zu den Füßen des Heiligen gelagert sieht, sich in eine graue Urzeit unter Bärenfelle und Steinhämmer zurück versetzt fühlt. Uebrigens hat der heilige Leonhard, wie im guten Fall den Dank, so auch im schlimmen die unwillige Entrüstung seiner gläubigen Verehrer zu tragen. Wie die nordischen Könige ihre Götterbilder mit Keulen zerschlugen, wenn sie ihnen den Sieg versagt hatten; wie die badischen Bauern noch in unseren Tagen das Holzbild des heiligen Urban, des Beschützers des Weinbaues, in den Rhein warfen, als der gute alte Heilige dem modernen Uebel der Traubenkrankheit nicht zu wehren verstand: so weiß ich auch einen Fall, daß österreichische Bauern, welche, als die Klauenseuche ihrer Gemeinde nahte, dem heiligen Leonhard für den Fall seines Schutzes gegen diese Gefahr eine neue reich vergoldete Statue gelobt und – voreiliger Weise – pränumerando schon errichtet hatten, nachdem die Krankheit gleichwohl kam und fast all ihr Vieh fortraffte, das kostbare Bild wieder herausrissen, mit Beilen zerschlugen, verbrannten und die Asche des undankbaren Heiligen unter Verwünschungen in’s Wasser streuten. Man sieht, es hat auch seine Schattenseiten, ein Schutzpatron zu sein! –

Allbekannt ist die Begehung der Sommersonnenwende (24. Juni) durch das Entzünden der schönen „Sunwendfeuer“, welche zwar auch im Flachland vorkommen, aber wohl eigentlich doch nur verstanden werden in ihrer vollen Pracht und Poesie, wenn sie von den Gipfeln der Alpen hernieder leuchten und etwa wiederscheinen in den Fluthen eines Bergsees. Wie anderwärts, so hat auch in Baiern Jahrzehnte lang eine lichtscheue Bureaukratie diese schönen und unschuldigen Feuer auszutreten versucht: aber vergebens! Die Bergbauern lassen sich ihre Poesie so leicht nicht nehmen, und die Gensd’armen hätten Flügel anlegen und sich vertausendfachen müssen, wollten sie in jener Nacht alle die Berghöhen erreichen, auf welchen im ganzen Umkreis des Gebirges nach wie vor die verbotenen Feuer glühten. Da die Bauern nicht nachgaben, gab die Regierung nach, und weil die Feuer nicht aufhörten, hörten die Verbote auf, und vor einigen Jahren zählte ich siebenunddreißig solcher Feuer auf den Gipfeln der Bergkette, welche den Chiemsee umschließt. Es verknüpfen sich zahlreiche Gebräuche mit diesem Fest, welche seine ursprüngliche mythologische Bedeutung erläutern.

Es ist der Scheiterhaufe des sterbenden Lichtgottes, der hier entzündet wird. Man sollte glauben, dieser Tag müsse ein Tag der Trauer, nicht der Freude, sein. Aber wir wissen, daß, als Allvater (Odhin, Wodan) den sterbenden Sohn auf den Holzstoß legte, er dem Liebling ein geheimnißvolles Wort des Trostes in das Ohr raunte: das Wort von seiner Wiederkehr aus Hela’s dunklem Reiche an dem Tage der Götterdämmerung, da nach dem gegenseitigen Sichaufreiben der schuldbefleckten Götter und Riesen eine neue Welt der Unschuld und des Lichts erstehen wird. Ist nun auch natürlich das Bewußtsein des Volkes von diesem Sinn des Festes längst erloschen, so hat sich doch das Gefühl erhalten, daß es sich um eine Feier und Verherrlichung des edlen Elementes des Lichtes und Feuers handelt, und diese Naturfeier giebt dem Fest ein viel echter heidnisches Gepräge, als so manchen andern Gebräuchen verblieb, welche die Kirche zu christianisiren und mit einem „Weihrauch-Geschmäckle“ zu durchdringen vermochte; auf den Bergesgipfeln will der Weihrauch nicht verfangen. In der That, die Localität, an welche das Fest geknüpft ist, – es setzt weithin sichtbare Höhen voraus – ist sehr wichtig und wesentlich für den Gesammtcharakter dieser Uebung. Wahrscheinlich sind die Stellen, an welchen seit Jahrtausenden diese Feuer lodern müssen, um rechten Sinn und rechte Wirkung zu haben, uralte Opferstätten. Schon mehrere Male haben Nachgrabungen an denselben deutliche Spuren hiervon ergeben, und ich selbst habe schon manchmal erkundet, daß auf der Höhe, wo das Sunwendfeuer brennen muß, vor Alters eine Grenze oder eine Gerichtsstätte war; diese waren aber immer zugleich Opferstätten.

Charakteristisch ist, daß in vielen Thälern jedes Haus im Dorf Antheil an dem Fest nehmen und einen Holzbeitrag zu dem Feuer spenden muß, sonst bringt die Bäuerin das Jahr über kein ergiebiges Feuer im Heerd zu Stande. Die Flamme des Sunwendfestes hat eine prophetische, vorbeugende, heilende und weihende Kraft. So hoch die Lohe empor schlägt oder so hoch der Bauer über der Gluth weg springt, so hoch gedeiht in diesem Jahr der Flachs. Wer über die Flamme springt, ist das ganze Jahr gegen Sonnenstich, Rheuma und Fieber geschützt. Allgemeine Sitte ist es, das kranke Vieh über die noch glimmende Asche oder durch die Flamme zu treiben, auf daß es gesunde, und gesundes, auf daß es gegen Behexung, Verfallen und Seuche gesichert sei. Endlich aber werden Liebesgebräuche der mannigfaltigsten Bedeutungen vor und mit dem weihenden Feuer angestellt. Heutzutage ist ihr poetischer Sinn meist vergessen und es wird ihnen eine scherzhafte, oft sogar obscöne Bedeutung beigelegt. Aber ursprünglich wurde Treue und Liebe geschworen bei der lodernden Flamme; das Liebespaar springt noch heute Hand in Hand über die Gluth, und die Umstehenden machen schlechte Witze und Anspielungen oft sehr unfeiner Art, je nach der Art wie sich Bursche und Mädchen dabei anstellen; unverkennbar jedoch lag in der heidnischen Zeit in der symbolischen Handlung ein Gelübde, jede Gefahr mit einander zu theilen und „für einander durch’s Feuer zu gehen.“

In der Nacht der „Sunwend“, wie in den ebenfalls in den Monat Juni fallenden Nächten von St. Veit und Peter und Paul, wird jener bösartige, unheimliche Zauber geübt, welcher den Namen „Bilmes-“ oder „Bilwis-Schnitt“ führt und unverkennbar sehr alten Ursprungs ist. Ein Bauer nämlich, der seiner Nachbarn Korn, wie es auf dem Halm im Felde steht, für sich gewinnen will, schließt einen Bund mit dem Teufel, welcher ihm in einer der erwähnten Nächte in Gestalt eines zottigen schwarzen Bockes mit glühenden Augen vor seiner Hausthür erscheint. Der „Neiding“, der Zauberer, schwingt sich auf den Rücken des Dämons und wird dadurch wie dieser unsichtbar; er hat sich an den linken Fuß ein scharfes, blankes Messer geschnallt und nun umreitet er die Fluren aller Nachbarn, deren Korn am schönsten steht. Der teuflische Bock berührt nur die Spitzen der Halme, und wie im Fluge legt er in kurzer Zeit große Strecken zurück. Die Wirkung dieses Rittes, welcher auf seiner etwa fußbreiten Spur die Halme abgeschnitten zurückläßt, ist nun aber, daß nicht blos diese wenigen gesichelten Aehren, sondern alles Korn, welches in dem weit gezogenen Zauberkreis eingeschlossen steht, den die Linien des Rittes bilden, fortan nicht mehr auf dem Felde für den Nachbar, sondern in der Scheune des Bilmisschneiders wachsen und reifen muß, während es draußen auf dem Acker schwindet. Begreiflich kann auf diese Weise in kurzer Frist ein unermeßlicher Schade angerichtet werden, deshalb hat Gott auf Fürbitte der Madonna die Uebung dieses Zaubers auf die genannten drei Tage beschränkt und zwar auf die kurze Zeit des Gebetläutens – deshalb weiß ein rechter „Meßner“, daß er an diesen Abenden so kurz als möglich zu läuten hat.

Es giebt aber auch Schutzmittel des „weißen“ (erlaubten) Zaubers gegen den „schwarzen“ des Bilmisreiters. Wenn man sich ein Kukuksnest (welches aber bekanntlich sehr schwer zu finden!) oder eine Natterhaut oder auch einen alten Maulwurfshügel auf den Kopf legt und auf einem Grenzstein niedersetzt, aber so, daß die Füße die Erde nicht berühren, so wird man unsichtbar und kann seinerseits den unholden Reiter erkennen. Ruft man ihn beim Namen an, so verschwindet der Bock mit Geheul, der Zauberer stürzt zusammen, erkrankt von Stund an und binnen Jahr und Tag hat ihn der Teufel geholt. Und wenn der Schade schon angerichtet ist, so kann man ihn dadurch wieder gut machen und die hinweggehexten Aehren wieder aus der Scheune des Bösewichts in die eigene gewinnen, daß man den ersten Erntewagen verkehrt in das Scheuerthor fährt.

Andere Sagen und Aberglauben beweisen, daß der „Bilwis“ ursprünglich eine wohlthätige, wenn auch muthwillig neckende Feldgottheit war, wie dies die Art elbischer Wesen; daß er als Elbe (unser „Elfe“ ist falsch, es ist das Wort seit Shakespeare’s Reception in die deutsche Bildung in dieser englischen Form [elf] herübergenommen worden, ist aber deutsch ebenso unrichtig, wie wenn wir half oder Kalf statt halb, Kalb sagen wollten; das [167] Mittelhochdeutsche hat natürlich noch die richtige Form Elbe) gedacht wurde, beweist seine Neigung, den Kindern im Schlaf die Haare zu verwirren, zu „verzotteln“, ein Lieblingswitz dieser muthwilligen Geister. Allmählich traten nun seit dem Religionswechsel seine wohlthätigen Eigenschaften zurück hinter den schädlichen, und er ward aus einem Feldgott ein Feldteufel.

Wenn Pfingsten, das „liebliche Fest, ist gekommen“, wird in vielen Dörfern Ober- und Niederbaierns, Schwabens und der Oberpfalz der „Pfingstl-Ritt“, der „Pfingst-Lümmel“ gefeiert, eine Uebung, in welcher heutzutage zwei Handlungen vereinigt werden, welche ursprünglich einen verschiedenen Sinn und gesonderte Tage hatten. Es scheint nämlich das oben geschilderte Spiel des Sieges des Sommers über den Winter zusammengeworfen worden zu sein mit einer in der heißen Sommerzeit, in welche jetzt Pfingsten fällt, sehr natürlichen symbolischen Handlung: einem dramatisch in Scene gesetzten Bittgang um Regen. Ein Aufzug von jungen Burschen reitet nämlich durch das Dorf, Gaben zu dem Festmahl sammelnd und einen ganz in Schilf und Laub gehüllten, von Grün völlig überdeckten Genossen in der Mitte führend, welcher in den nächsten Teich oder Bach geworfen und über und über mit Wasser beschüttet wird. Es ist dies nicht eine bildliche Ertränkung, wie bei der Besiegung des Winters, sondern, wie aus den erhaltenen Bruchstücken alter Lieder, die ehemals bei dieser Gelegenheit gesungen wurden, und noch viel deutlicher aus der Analogie ähnlicher Gebräuche bei zahlreichen andern germanischen und nichtgermanischen Völkern hervorgeht, eine symbolische Bitte an die Götter, die grünende Sommererde mit Wasser zu begießen.

Das Grundgesetz aller symbolischen Handlungen in der heidnischen Religionsübung der Deutschen ist ein Agiren, ein bildliches Vornehmen derjenigen Handlung, welche man von den Göttern vorgenommen haben will. Um ihnen recht eindringlich zu zeigen, was sie thun sollen, genügt es dem lebendigen, sinnlichen Gefühl des Naturvolkes nicht, ihnen in Worten die Bitte vorzutragen: man zeigt es ihnen durch Thaten im Kleinen, was sie im Großen nachmachen sollen. Es liegt darin eine sympathetisch zwingende Gewalt, welche die Götter wie ein Höllenzwang und Geisterbann nöthigt, auch gegen ihre Neigung dem Menschen zu willfahren. Wenn z. B. die Hexe oder das böse alte Bauernweib ein wächsernes Bild ihrer Feindin macht und dessen Brust mit glühenden Nadeln durchsticht, so zeigt sie den Göttern, wie sie mit allen Pfeilen der Schmerzen den Leib der Verhaßten durchbohren sollen. Oder wenn die Volksmedicin rothe Exantheme, Masern, Scharlach dadurch heilt, daß sie rothe Krebsschalen auf die Haut des Kranken streut und sie dann plötzlich mit einem Hauch hinwegbläst, so zeigt sie den Göttern, daß sie in gleicher Weise die rothe, fremdartige Auflage, mit welcher sie die Haut bedeckt haben, hinweghauchen sollen. Auf dem nämlichen Gedanken beruht der symbolische Vorgang bei dem „Pfingstl“; ursprünglich war es ein schönes, junges Mädchen, welches, ihrer Gewänder entkleidet und über und über in grünes Laubwerk eingehüllt, die jungfräuliche grüne Sommererde darstellte. Bis vor Kurzem hat sich in andern Gegenden und bei andern Stämmen Deutschlands, z. B. in Friesland, dann auch in England, derselbe Brauch erhalten und zwar mit Beibehaltung der weiblichen Repräsentantin, wie dies auch bei Kelten, Slaven, Romanen, Neugriechen und einzelnen orientalischen Völkern der Fall ist. Die Götter werden darauf in bestimmten Formeln und Liedern angerufen, „zu thun an der großen Jungfrau, wie wir hier an dem kleinen Mädchen“, und nun beginnt das Beschütten und Begießen der grünen Laubgestalt.

Uebrigens finden, auch abgesehen von den erwähnten Festen, ähnliche „Processionen“, Bittgänge, Feldumgänge in allen katholischen Gegenden Deutschlands sehr häufig statt; zum Theil stecken darin uralte Erinnerungen an das Heidenthum, denn wir wissen aus Tacitus, aus den Sagen des Nordens und aus mittelalterlichen Traditionen, daß einen Hauptbestandtheil des Cultus der Germanen solche feierliche Umzüge ausmachten, bei denen die Bilder der Götter, um Segen und Schutz zu verbreiten, um alle Marken des Landes getragen oder auf Wagen gezogen wurden. Welche Ironie, daß das bigotte Katholikenthum gerade in solchen Dingen das echte Christenthum sucht, in welchen das echteste Heidenthum steckt! Selbst bei dem „Antlaß“, der Frohnleichnamsprocession, in welcher das Fest der Einsetzung des Abendmahles durch Umtragen des Leichnams des Herrn (Herr altdeutsch Frô) gefeiert wird, kommen heut’ zu Tage noch heidnische Aberglauben und Gebräuche vor; z. B. sind die Aeste der jungen Birken, durch deren Spaliere die Procession sich bewegt hat, das beste Mittel gegen Hagel und Blitz, wenn man die getrockneten Blätter bei dem Aufsteigen des gefürchteten Unwetters in einer eisernen Gluthpfanne verkohlt, in welche aber beileibe kein Nagel eingenietet sein darf, sonst zieht dieser umgekehrt den Blitzstrahl an. Ferner werden bei diesem Umzug kleine Fähnlein an möglichst langen Stangen geschwenkt, um alle bösen Geister und alle in den Wolken des Himmels lauernden Blitze aus der Nähe der Gemarkung zu verscheuchen.

In die Zeit, da die letzten Garben der Ernte vom Felde in die Scheune gebracht werden, also in Süddeutschland zu Ende August, fällt das fröhliche Fest der „Sichelhenk“ („Schnitt-Hahn“), welches in analoger Weise die glückliche Einbringung, wie die „Drischl-Leg“ oder „Drischl-Henk“ die glückliche Ausdreschung des Jahressegens feiert. Der Knecht, welcher die letzte Garbe geschnitten und gebunden, trägt sie dem Zuge der Uebrigen voranschreitend auf seiner Schulter nach der Tenne. Dort wird sie niedergelegt und die Paare tanzen im Kreise darum. Darauf wird die Garbe in zwei Theile gelöst: die eine Hälfte wird mit rothen Bändern geziert in die Scheuer gebracht, die andre aber wird auf offener Tenne verbrannt, die Burschen springen in das Feuer, die Mädchen werfen allerlei Kleinigkeiten, Bänder, buntes Papier, Lebkuchen in die Flamme und bewahren die Asche als ein Mittel gegen Fieber und Rheuma; auch zu sympathetischem Liebeszauber wird sie vielfach verwendet. Die Flamme dieses Feuers beleuchtet und erhellt die Bedeutung des ganzen Gebrauches: offenbar liegt ein altes Dankopfer zu Grunde, dargebracht dem Gott des Ackerbaues für die glückliche Einbringung der Frucht. Ganz charakteristisch ist dabei, daß ein Theil der letzten Garbe nicht auch für den Nutzen der Menschen in Anspruch genommen, sondern dem Gott geopfert wird. Dieser schöne Zug, daß der Mensch den Segen der Natur nicht mit habsüchtiger Härte bis auf’s Aeußerste ausnützen, sondern im Gefühl des Dankes auf einen letzten Rest verzichten soll, ist echt germanisch und findet sich überall, wo dieser Stamm den Acker baut oder Spuren seiner Sitte zurückgelassen hat, von Scandinavien bis nach Spanien; oft kommt der Gedanke in der Form vor, daß der Bauer die letzten Halme auf dem Felde stehen, die letzten Aepfel auf dem Baume hängen läßt, „die sind für den Woden (Wodan, Odhin), für den Alten,“ sagt er geheimnißvoll, wenn man ihn darum zu Rede stellt. Und verabsäumt man diese fromme Pflicht, so versagt der Gott im nächsten Jahr von dem Acker oder dem Baum, dem man Alles abgenommen, jede Frucht.

In Niederbaiern wird das nämliche Fest in einer noch deutlicher mythologischen Weise gefeiert. Dort errichten die Schnitter aus der letzten Garbe eine menschenähnliche Strohfigur, der sie einen Stock in den rechten Arm stecken und das Haupt mit Blumen kränzen. Darauf wird das Bild des Gottes umtanzt und man kniet wohl auch vor der Strohgestalt nieder und betet, freilich heut’ zu Tage nicht mehr zu diesem Strohbild, sondern zu Gott, aber doch hat ein Gebet gerade vor diesem Bilde noch heute die Wirkung, daß der Betende das Jahr über sich bei keiner Verrichtung des Feldbaues schädigt oder verletzt. Auch legt man vor dem Bild des Gottes, der „Aswalt“, „Oswalt“ heißt, kleine Gaben nieder, namentlich jene Reste der Obst- und Kornernte, welche man nicht mit einheimst.

In der ersten Woche des Advent fangen die „Anroller“, „Klöpfels“, „Geb-Nächte“ an und am 6. December erscheint der heilige Nikolaus (der „Niklâ“), begleitet von seinem in eine zottige Wildschur gehüllten Knecht, dem „Klaubauch“ oder dem „Wauwau“, welcher die ungezogenen Kinder in seinen großen Zwerchsack steckt, sie in den Wald trägt und dort mit Stiefel und Rock verspeist, während er aus einem zweiten Sack Obst, Backwerk, Nüsse, Spielzeug für die artigen Kinder hervorlangt. Oft begleitet die heidnische Göttin Berahta, die „Berchtfrau“, strafend und lohnend den christlichen Bischof, der aber ebenfalls ein verkappter Heidengott ist. Professor Zingerle in Innsbruck hat eine kleine Schrift veröffentlicht, in welcher er zu beweisen sucht, daß St. Nikolaus und sein Knecht mit dem rothen Bart Niemand anders ist, als Wodan und Donar, wie er früher dargethan, daß bei dem Gebrauch scheidender Freunde, sich „Johannis-Segen“ und „Gertruden-Minne“ auf ein frohes Wiedersehen zuzutrinken, Johannes an die Stelle des Gottes Freyr, Gertrud an die der Göttin Gerdha getreten ist.

[168] Die Thomasnacht (21. December) und die Christnacht, in welchen alle Arten von weißem oder schwarzem Zauber am trefflichsten gelingen, werden besonders zu unendlich mannigfaltigen Formen des Liebesaberglaubens – und namentlich von den in dieser Hinsicht auf die Zukunft so neugierigen Mädchen – benutzt.

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Die Johannisfeuer in Partenkirchen.
Nach der Natur aufgenommen von Sundblad.

In der Thomasnacht wird Blei oder Eidotter in das Wasser gegossen und aus den seltsamen Gebilden, die dabei entstehen, prophezeit, ob die Dirne in diesem Jahr heirathe oder sterbe oder „einschicht“ fortlebe, wen sie heirathe, einen Alten oder Jungen, Bürger oder Bauer, Reichen oder Armen. Ferner werfen sie den rechten Schuh rücklings über die linke Schulter: fällt die Spitze gegen die Thür, so heirathen sie aus dem Dorf hinaus, wenn nicht, heirathen sie im Dorf ein. Zuletzt entkleidet sich das Mädchen völlig, steigt auf den Bettschemel und bittet den heiligen Thomas, ihr im Traum ihren künftigen Hochzeiter zu zeigen. In der Christnacht (in welcher bekanntlich das Vieh in menschlicher Sprache redet; wer als Kind in einer Wiege aus dem Holz eines Kirschbaums geschlafen, welcher aus einem von einem Sperling auf eine Mauer getragenen Kern gewachsen ist, kann verstehen, was die Rinder und Schafe in diesen heiligen Stunden verhandeln) achtet das Mädchen darauf, wer ihr auf dem Weg in die Mette zuerst begegnet oder sie zuerst anspricht oder ihr zuerst eine Freundlichkeit erweist: er wird unfehlbar ihr Mann. Das „Bescheeren“ an Kinder und Erwachsene am Weihnachtsabend unter dem kerzengeschmückten Christbaum ist auf dem Lande und unter den Bauern nicht üblich; diese protestantische, norddeutsche Sitte ist erst zu Anfang dieses Jahrhunderts von den protestantischen Prinzessinnen, welche die Krone Baierns trugen, in die Kreise des Hofes und der höheren Gesellschaft der Hauptstadt und von da in den Bürgerfamilien auch der Provincialstädte eingeführt worden. Dagegen kommt in ganz Baiern und Schwaben eine höchst merkwürdige Liebessitte am ersten Weihnachtsfeiertag vor: das sogenannte „Kletzen-Schneiden“ oder „Scherzel-Schneiden“. Das Mädchen schenkt ihrem Schatz den „Kletzenweck“, ein Gebäck aus schwarzem Brod mit Mandeln, Dörrobst und Feigen, schneidet das „Scherzel“, das runde Ende, ab und verzehrt es gemeinsam mit ihm. Diese symbolische Handlung bedeutet, daß Mädchen und Bursch sich für das kommende Jahr als zur Treue verpflichtetes Liebespaar feierlich anerkennen und Lust und Leid mit einander theilen wollen. Dieses oder ein ähnliches Gebäck muß in der Heidenwelt zu dieser Zeit als Opferkuchen üblich gewesen sein, denn noch jetzt fürchtet die Bäuerin Krankheit oder Tod, wenn das Gebäck verbrennt oder sonst übel ausfällt. An dem dritten Weihnachtsfeiertag (Johannes Evangelista) wird in der Kirche noch heute der rothe Wein geweiht, welchen die Brautpaare bei der Trauung als „Johannissegen“ trinken und welcher einst unter dem Schutz des Gottes Freyr stand.

Endlich besteht im Lechrain an dem Tag des „unschuldigen Kindermordes“ (28. Decbr.) eine merkwürdige Sitte. Die Burschen schenken ihren Mädchen Kuchen, diese reichen ihnen Branntwein und Brod und lassen sich von ihren Liebhabern mit Weidenruthen Hände, Arme und Nacken peitschen, was man „kindeln“ nennt; wenn die Haut nicht tüchtig roth wird, gilt das Liebesfeuer in den Herzen des Paares als matt und schwach. Ich weiß den eigentlichen Sinn dieses Gebrauchs nicht zu deuten; doch halte ich für ausgemacht, daß eine erotische Beziehung zu Grunde liegt und daß die Ausdehnung der Sitte auf die Kinder, welche an diesem Tage bettelnd und singend durch die Straßen des Dorfes ziehen und die Erwachsenen mit Ruthen schlagen dürfen, wofür sie Obst und Kletzenbrod erhalten, erst später durch die Kirche geschah, die denn auch die Uebung auf den Ehren- und Leidenstag der „unschuldigen Kinder“ verlegt hat.