Die Kaiser Wilhelm-Brücke in Berlin

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Titel: Die Kaiser Wilhelm-Brücke in Berlin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 667–668
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1889) b 661.jpg

Die Kaiser Wilhelm-Brücke in Berlin.
Zeichnung von Arthur Jensen.

[667] Die Kaiser Wilhelm-Brücke in Berlin. (Zu dem Bilde S. 661). Mit jedem Jahr verschwindet ein Stück mehr vom alten Berlin und macht der neuen, in ungeahntem Glanze und nie erwarteter Größe emporstrebenden deutschen Kaiserstadt Platz. Die niedrigen Häuschen und schmalen Gassen, welche uns noch von den längst verrauschten Tagen der einstigen kurfürstlich brandenburgischen und dann der königlich preußischen Residenz erzählen, sie werden allmählich ganz vom Erdboden fortgewischt und an ihrer Stelle erheben sich alsbald stolze Miethspaläste und breite, luftige Straßen, in welchen Handel und Wandel erhöht ihre Schwingen regen.

Die einschneidendsten Veränderungen gingen mit der Königsstadt vor, die zu den ältesten Theilen Berlins gehört, begrenzt auf der einen Seite von der Spree; auf der andern von den rothleuchtenden Viadukten der Stadtbahn, deren Bau zuerst einen Keil in dieses Gewirr von winkligen Gäßchen und engen Plätzchen trieb und für Luft und Licht die Wege bahnte. Die erste Bresche war gelegt, eine zweite, weit größere sollte alsbald folgen. Zwischen dem aufblühenden Westen und dem betriebsamen Centrum der Stadt, aus dem weithin sichtbar als Wahrzeichen der Thurm des Rathhauses hervorragt, bildete bisher nur die Königsstraße die einzige unmittelbare Verbindung, und der Verkehr in derselben hatte nach und nach geradezu gefahrdrohende Ausdehnung angenommen. Es war dringend nöthig, diesen Straßenzug zu entlasten, und zur Anlegung einer Parallelstraße wurde im Sommer 1884 eine Aktiengesellschaft gegründet, welche zur Verwirklichung ihrer weitgehenden Pläne von der Stadt namhafte Unterstützungen erhielt. Mit staunenswerther Thatkraft wurde ans Werk gegangen, und was niemand für möglich gehalten hatte, gelang: bereits nach vier Jahren konnte die Kaiser Wilhelm-Straße eröffnet werden, und ihre herrlichen, groß angelegten Bauten erhoben dort kühn ihre Kuppeln und Zinnen, wo sich noch vor kurzer Zeit einer der übelberufensten Theile Berlins ausgedehnt hatte.

Die neue glanzvolle Straße, gewissermaßen eine Fortsetzung der Linden, bedurfte aber auch einer würdigen Ueberbrückung der Spree, da selbstverständlich die bis dahin dort befindliche schmale hölzerne Kavalierbrücke, welche außerdem nur für Fußgänger bestimmt war, nicht mehr genügte. Dem Magistrat lag die Erbauung dieser Kaiser Wilhelm-Brücke ob, und schon die sofortige Bewilligung einer Summe von 11/2 Millionen Mark bewies, daß Berlin um ein ebenso vornehmes wie gewaltiges Bauwerk, um ein ebenbürtiges Gegenstück zur Kurfürstenbrücke bereichert werden sollte. Nach den Plänen des Ingenieurs Jaffé wurde der Bau schnell gefördert; während sich hier nun Tag für Tag beim schrillen Ton der Dampfpfeifen und dem dröhnenden Schlag der Hebewerke riesenhafte Maschinen in Bewegung setzten, um die ungeheuren Grundmauern im Flußbett zu legen, waren unterdessen an andern Orten kunstgeübte Hände zur Ausschmückung der neuen Brücke unermüdlich thätig.

Die ganze Anlage der Brücke ist einfach, aber dabei gefällig und zweckentsprechend. Während sich an beiden Uferseiten je ein kleinerer Bogen befindet, spannt sich der mittlere so hoch über den Wasserspiegel, daß selbst bei dem höchsten Stande desselben Kähne ungehindert durchfahren können. Der Unterbau der Brücke besteht aus Sandsteinquadern, zur weitern Ausführung wurde Odenwalder Granit gewählt, und aus schwarzgrauem, geschliffenem und polirtem Granit sind auch die Brüstungen gefertigt, die überaus geschmackvoll wirken und aus dem spröden Stoffe mit großer Meisterschaft hergestellt worden sind. Die künstlerische Ausschmückung der Brücke war in die Hände Professor Luerssens gelegt, der sich mit Hingebung und Eifer dieser schwierigen Aufgabe widmete und sie auch trefflich löste.

Von der zuerst geplanten Aufstellung eines Reiterstandbildes Kaiser Wilhelms – als eines Gegenstücks zum Denkmal des Großen Kurfürsten – hatte man aus verschiedenen Gründen Abstand genommen und dafür die Aufstellung von Trophäenobelisken nach den Entwürfen Professor Luerssens beschlossen. Vier derartige Obelisken erheben sich an den Brüstungen; [668] auf zwei Meter hohem Sockel von grauem Odenwaldgranit steht der aus rothem schwedischen Granit gearbeitete vierkantige Obelisk, dessen untern Theil bereits reicher Bronzeschmuck umgiebt, während der obere durch Trophäengruppen, ähnlich den Schlüterschen am Zeughause aus Panzern, Schilden, Helmen und anderen Rüstungsstücken zusammengesetzt, gekrönt wird. Aus den Seiten der Obelisken ragen schön geschwungene Bronzearme hervor, welche die mattweißen Glaskugeln der elektrischen Beleuchtung tragen. Die sämmtlichen künstlerisch ausgeführten Theile der Kandelaber stammen von Bildhauer Westphal, von Professor Luerssen dagegen wieder die aus dem Scheitelpunkte der beiden mittleren Brückenbogen hervortretenden Genien aus weißem karrarischen Marmor, den Krieg und Frieden darstellend, welche in schwebender Haltung den reichverzierten Schild mit dem ersten Buchstaben des kaiserlichen Namens flankieren und sich durch ihre Formvollendung und geschickte Anordnung auszeichnen.

Obwohl die Brücke seit einiger Zeit bereits in ihrem mittleren Zuge dem Verkehr übergeben ist, wird gegenwärtig noch an den Seitentheilen eifrig gearbeitet. Bald aber ist der letzte Meißelschlag gethan und die hindernden Bretterzäune werden fallen – dann erst wird die prächtige Wirkung dieser neuen Brücke voll zur Geltung kommen; und dieselbe wird noch erhöht werden, wenn die jüngst geplante vollständige Bebauung der Museumsinsel und die Errichtung des neuen Domes von den Plänen auf dem Papier in die Wirklichkeit übertragen sein werden.