Die Kanone

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Textdaten
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Autor: Paul Haller
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Titel: Die Kanone
Untertitel:
aus: Gedichte, S. 51-53
Herausgeber: Erwin Haller
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1922
Verlag: H. R. Sauerländer & Co.
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Erscheinungsort: Aarau
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Quelle: Scans auf Commons
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Die Kanone

Wo des Museums stiller Hallenkranz
Den Hof umschlingt, von fern Platanen lauschen
Und scheues Licht auf nahen Teichen spielt,
Verlier ich mich im Wandern und im Sinnen.

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Nur leise folgt das Echo meinem Schritt;

Es hallt und schwindet wie Erinnerung
An alte Zeiten, Freud und Menschenqual.
Mein Auge folgt dem hohen Mauerring
Und eines Sperlings Flug, der hoch vom Dach

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Sich fallen läßt und dem beschwingten Leib

Auf des Geschützes Rohr, im Hof gepflanzt
Als Zeugnis alter Schweizer Waffenkunst,
Bei seinem Liebchen wieder Ruhe schenkt.
Wie frech das Pärchen hier am hellen Tag,

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Als wär es unbelauscht, sich Liebe gönnt

Mit frohem Zwitschern, Kuß und Flügelschlag!
Und dann mit zarter Füßchen leichtem Hüpfen
Das Rohr bewandert bis zum Wappenschild,
Das Zürichs Leuen hüten, hellen Auges

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Die Inschrift sich beschaut: „Hans Füßli goß mich“

Und dann zurück zur Mündung, hin und her,
Als wär es abgesandt, mit Kennerblick,
Das Stück auf Stahl und Konstruktion zu prüfen!
Und husch! zum Dachrand auf! – Mit hellem Pfeifen

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Ziehn Knaben in den Hof; zwei Knirpse stehen

Und wundern sich und prahlen klug wie Kinder:
„Lug, Heiri, lug auch die Kanone da!
Mit der kann man bis auf den Ütli schießen!“
„Du aber nicht! du kannst ja unterm Rohr

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Ganz aufrecht durch! Du, lug auch da die Kugel,
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Die haben sie im Bauernkrieg geschossen!

Komm, lüpf! ich will sie dann ins Rohr probieren.“
Nein du, das darf man nicht! was meinst du, Heiri,
Wie viel hat die Kanone ächt gekostet?

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So etwa eine Franke, oder nicht?

„Ja du, nur eine Franke! du bist gut!
Zehn Franken, sag ich dir, vielleicht noch mehr!
Und dann das Pulver! Komm, die andern warten!“ –
Sie ziehn und prahlen fort. Im stillen Raum

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Erstirbt der Klang der hellen Kinderstimmen.

Doch drinnen, wo die alten Panzer rosten,
Wo Fahnen trauern, staubig, kampfzerfetzt,
Wo Büchsen schlafen, Schwerter müßig stehn,
Ersteht ein Rauschen wie von Windesschreiten

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Durch Fahnenwald, Trompeten jauchzen auf

Und schmettern Sturmruf, schwere Baßgewalt
Erdröhnt aus Hörnern, die die Mauern schüttert.
Ein klirrend Schwerterschlagen; Kampfgetös,
In Donner eingetaucht und dumpf im Takt.

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Gewaltiges Schreiten eines fernen Heers.

Horch! auch im Hof das Rohr, es brummt und zittert,
Und singt mit Macht ins allgemeine Lied,
Den Donner brüllend in die wilde Schlacht.
Und wie sie dann die Stimmen wieder dämpfen

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Und bang verstummen, mäßigt es den Ruf,

Verstummt wie sie und harrt im alten Schweigen. –
– Nun hab ich hundertmal den Hof durchmessen,
Das Echo hinter mir. Ei sieh! Das Pärchen,
Vom Dachrand senkt es sich, und seh ich recht,

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So schleppt es sich mit Halmen, schlüpft ins Rohr,

Verweilt und zeigt sich wieder, hüpft und sucht,
Und füllt den Raum mit emsigem Geflatter.

[53]
Ein Nestchen baut es im Kanonenrohr!

Ei, das ist stark! Mich wundert ob die Leuen

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Am Wappenschild sich solches bieten lassen,

Und ob das Brummen nicht sich neu erhebt!
Frech ist der Spatz! Hans Füßli, der du einst
Das blanke Stück aus schmutz’ger Form geschält
Und stolz betrachtet, auf! setz dich zur Wehr! –

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Still bleibt der Hof! Nur die Platanen lauschen

Von fern herüber, auf den Teichen spielt
Das nahe Licht, es glänzt bis übers Rohr,
Spinnt in die schwarze Mündung weiß Geweb
Und hellt dem Spatzenvolk den dunklen Gang.