Die Karthaunenkugel auf dem Gottesacker zu Leipzig

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Johann Georg Theodor Grässe
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Karthaunenkugel auf dem Gottesacker zu Leipzig
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 1. S. 354-356
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort:
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google-USA* und Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[356]
409) Die Karthaunenkugel auf dem Gottesacker zu Leipzig.
Ziehnert, Bd. III. S. 350 sq. Schäfer, Wahrzeichen Bd. I. S. 29.

Am 3. August des Jahres 1540 war ein furchtbares Gewitter über Leipzig gezogen, und der Leipziger Böttchermeister Anton Veid freute sich eben noch über den erquickenden Regen, der jetzt die Gewitterschwüle verscheuchte. Während dem hatte seine einzige Tochter Dorchen aus Furcht vor den schweren Schlägen den Spruch gebetet: liebet Eure Feinde, segnet, die Euch fluchen. Dadurch ward ihr Vater daran erinnert, daß im Nachbarhause ein Mann, dessen Streit- und Zanksucht ihm das Leben oft schwer gemacht, in tiefer Armuth krank darniederliege. Er ging also hinüber und fand den Unglücklichen, wie er eben seinen einzigen Sohn, der trotz des drückendsten Mangels und der Härte des Vaters treu bei ihm ausgehalten, segnete, und bald darauf verschied. Der wohlhabende Veid ließ ihn anständig begraben und nahm den Sohn in sein Haus. Hier ward er mit der Meisterstochter wie Geschwister erzogen, erlernte das Böttcherhandwerk und verliebte sich nach und nach immer mehr in das zu großer Schönheit emporblühende Mädchen. Der Vater bemerkte es wohl, war auch ganz einverstanden mit der Liebe der beiden jungen Leute, und um seinem künftigen Schwiegersohn die Arbeit zu erleichtern, nahm er noch einen Gesellen an, der lange bei den Kaiserlichen im Felde gestanden und dort ganz verwildert war. Da rückte der Churfürst Johann [357] Friedrich vor Leipzig und Herzog Moritz bot alle junge Mannschaft zur Vertheidigung der Stadt auf. Auch die beiden Böttchergesellen traten in die Reihen und ein unglückliches Schicksal machte sie zu Kampfesnachbarn. Kaum hatte der böse Geselle den Liebhaber Dorchens hohnlächelnd neben sich wahrgenommen, als auch schon sein Entschluß feststand, sich seinen Nebenbuhler, der durch des sterbenden Vaters Hand mit dem Mädchen verlobt war, vom Halse zu schaffen, was ihm auch in der Dämmerung durch unbemerkten Meuchelmord gelang (14. Januar 1547). Der Feind vor den Thoren zog ab und der Mörder stürmte nach der Wohnung seines Meisters, um Dorchen mit der Nachricht, daß ihr Geliebter gefallen sei, fügsamer gegen seine Werbung zu machen. Aber hier trat ihm ein Ereigniß entgegen, das ihn und seine Rohheit mit Schrecken erfüllte, denn in dem Augenblicke, wo Dorchens Bräutigam durch seinen Mordstahl fiel, hatte eine 48pfündige Karthaunenkugel in Dorchens Stube geschlagen und ihr einen Arm genommen. Als der böse Geselle das Mädchen in ihrem Blute und Jammer erblickte, verließ er das Haus und kehrte nimmer wieder. Dorchen wurde geheilt und verlebte in stiller Trauer und geräuschloser Frömmigkeit noch einige 50 Jahre. Am 1. Februar oder 31. Januar 1599 starb sie, ward mit großer Feierlichkeit beerdigt und die Kugel, die sie so unglücklich machte, in der Wand des Gottesackers über ihrem Grabe eingemauert, wo sie noch jetzt zu sehen ist.[1]


  1. Vogel, Leipziger Annalen, S. 168 berichtet den Vorfall auch, jedoch ohne romantischen Beisatz und sagt, das Mädchen sei damals 15 Jahre alt gewesen und habe noch 52 Jahre, nachdem sie jenen Schuß erhalten, gelebt.