Die Kranzbinderin

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Autor:
Illustrator: Joseph Resch
Titel: Die Kranzbinderin
Untertitel:
aus: Fliegende Blätter, Band 1, Nr. 11, S. 81–83
Herausgeber: Kaspar Braun, Friedrich Schneider
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1845
Verlag: Braun & Schneider
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Erscheinungsort: München
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Quelle: MDZ München = Commons
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Die Kranzbinderin.


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Vor den Thüren der Kirchlein und Kapellen, die zwischen den Edelsitzen und Dörfern der Eppaner-Hochebne ausgestreut liegen, finden die Leute häufig Kränze aus Feldwermuth, Heiderich oder ähnlichem Kraut und Laub gewunden. Sie stoßen dann den dürren, unnützen Kram mit den Füßen bei Seite, und murrend oder spottend sagt etwa Einer zum Andern: „Das hat wieder die närrische Lafrenger-Anna gethan.“

So heißt ein ziemlich bejahrtes Weib, das ohne Heimath und Erwerb, seit langen Jahren in den überetscher Gemeinden umherschweift, als eine unschädliche Irrsinnige gilt, und darum noch immer um Gotteswillen da oder dort ein Stück Brod und eine Lagerstätte gefunden hat. Man weiß von ihr wenig mehr, als daß sie eigentlich oben an der Gränze des Nonsberges daheim sei in dem Hochdörflein Lafreng oder Lauregno, wie es die Wälschen nennen, wo die letzten Deutschen wohnen, und sich seit alten Tagen gegen die um sich greifenden Nachbaren tapfer halten bei ihrer deutschen Sprache und ihrem Väterbrauch.

Obwohl Niemand bestimmt weiß, wo sie Tage lang umherschweift, hat man doch nie gehört, daß sie je sich hinauf verirrt habe in ihren Geburtsort und – es ist, als vermöge sie den Weg dahin zurück nimmer finden, als sei sie in eine gebannte Gegend gerathen, aus welcher sie nicht mehr entweichen könne. Desto öfter begegnen ihr die Leute auf freiem Felde und im Walde; am liebsten besucht sie die Gand, einen öden Heidestrich, wo man über Geröll und Busch weit ausblickt nach „dem Holz und dem Berg“, wie die Eppaner die Waldung des Mittelgebirges und die Wand der hohen Felskuppen der Mendel nennen. Auf der Gaisrast beim Bildstöckel flicht sie ihre Kränze, und in der Schürze sie verbergend wandert sie dann umher zu den Bethäuslein der ganzen Gegend, und legt ihre wunderliche Gabe an den Schwellen derselben nieder. Sie wählet mit Vorliebe die einsamsten Kapellen, auch die Hauskirchlein der vielen Herrensitze. An der Thüre des alten schönen Kirchleins Sankt Sebastian, unweit dem ritterlichen Hause von Englar, hab’ ich selber einmal einen Bündel solcher Wermuthkränze gefunden, und damals ließ ich mir dieß wenige [82] erzählen, was man von der Lafrenger-Anna weiß. Findet sie Jemand zufällig bei diesem Geschäfte, und frägt, wozu sie die Kränze binde, so antwortet sie: ,,Die Krönlein gehören für die zwölf Apostel und einer für die Mutter Gottes;“ – auch andere Heilige und selbst den lieben Herrgott beschenkt sie zuweilen mit solchem Schmucke aus Unkraut und Dorngeäst. Vorzugsweise sind es aber die zwölf Boten und die Himmelmutter, denen sie die Zierden zuspricht, und fast immer findet man wohlgezählet dreizehn Kränze an den Kirchpforten – Ich habe die Lafrenger-Anna nie gesehen, aber man hat sie mir beschrieben als ein gewöhnliches altes Weiblein, so armselig aussehend, wie alle die verkümmerten Ing’häusen[1] in den überetscher Höfen, etwa nicht allzuhäßlich und hexenhaft, sondern mehr betschwesterlich scheu, – ihren Irrsinn nur verrathend in der Verworrenheit ihrer Rede, nicht einmal durch den Blick eines wunderlich klaren, lichten Auges. Ueber den Grund der Geisteskrankheit, an der sie leidet, seit die Leute in Eppan sie kennen, gibt es nur unsichere Gerüchte, – es läßt sich indessen so ziemlich ein Zusammenhang errathen.

Anna war nie verheirathet, so viel weiß man bestimmt, – aber sie brachte doch, als sie das erste Mal ,,in der Deutsch“ herab ging, wie die Bewohner jener Gränzdörfer das Etschland nennen zum Gegensatze des Nonsberges, wo es ihnen ,,in der Wälsch“ heißt, – ein Kind von wenigen Wochen mit sich. Mit ängstlicher Scheue verbarg sie sich damals, so weit es ihr möglich war, vor allen Menschen, – verbrachte wahrscheinlich lange Tage in den Hochwäldern, übernachtete heimlich in offenstehenden Scheuern, und kam sie in ein Haus, um zu betteln, so verhüllte sie das Kind mit alten Lumpen bis über das Gesichtlein, als sollte es Niemand sehen, und darnach befragt, erwiederte sie heftig: „Ein Kind, – wo? – Ich habe kein Kind! – s’ist nicht wahr, was die schlechten Leute mir aufbrachten, das Kind – da – es ist nicht von mir! ich habe keines.“ Einmal kam Anna wieder in einen Hof und bettelte um einen Bissen Brod mit dem sorgsam bedeckten Kinde. Die Bäurin ward aber neugierig das Würmlein der Betteldirne zu sehen, und ob sich auch diese dagegen sträubte, hob sie das Tuch von des Kindes Gesicht. Das aber war bleich und eiskalt, die Aeuglein waren gebrochen, die blauen Lippen offen und verzerrt, kein Athem kam daraus hervor.

„Jesus Maria“ – schrie jetzt das Bauernweib – „das Kind ist ja todt! schaut nur selber, – es hat ja keinen Athem mehr, und die Wänglein sind völlig schwarz, – das ist schon lange todt!“ –

Anna blickte die Jammernde verwundert an, – dann sagte sie: „Todt? – ach wohl nicht? – s’schlaft nur all’m fort, weil es hungrig ist und müd vom Schreien.“

„Ja müd und hungrig“ – lärmte die Andere dagegen – „verhungert wohl, – so müßt ihr sagen. Aber um Gottes willen, – Mensch – habt ihr denn nicht gemerkt, wie’s um das arme Hascherle steht? – Es so gleichgültig zu Grunde gehen zu lassen! Seid ihr seine Mutter, ist’s denn nicht euer Kind?“ –

„Mein Kind? – Nein, – nein,“ lautete die hastige Antwort Anna’s.

„Nun denn, – so bringt mindestens das verstorbene Heiterlein zu den Raben-Eltern, die es einem so unsinnigen Unthiere anvertraut haben wie euch, damit sie’s christlich begraben lassen. Das Kind tragt ihr da wohl schon ein paar Tage todt herum! Es ist grausam! Geht – macht euch durch! Mir wird völlig übel. – Nein so zu thun mit einem armen unschuldigen Kind!“

„Was hab ich ihm denn angethan?“ fragte Jene hinwieder, – „s’schlaft ja recht gut und gesund und wird wohl wieder aufwachen, wenn es genug geschlafen hat!“

„Schlafen – aufwachen, – wenn’s todt ist! – Hört ihr’s denn nicht? Gestorben ist das Häutl, todt – maustodt ist es, und wird nimmer lebendig bis zum jüngsten Tag.“

Plötzlich horchte Anna mit aller Anstrengung aus die Worte der Bäurin. Sie schien verworrene Gedanken und Begriffe in ihrem Kopfe gewaltsam ordnen zu wollen, denn heftig und zu wiederholten Malen fuhr sie mit der Hand über ihre Stirne – auch ward sie bleicher und bleicher, und athmete kurz und schwer, bis sie zuletzt stammelte:

„Nein, – nein, – s’ist nicht todt! s’lebt schon noch! – Gelt’s ja Bäurin, – es lebt schon noch – mein Kind!“

Kalte Schweißperlen träufelten ihr von der Stirne nieder auf das Gesichtchen des todten Kindes, zu dem sie sich [83] in entsetzlicher Angst niederbeugte und es gewaltsam an sich drückte.

„Ja seid ihr ganz närrisch,“ rief nun die Frau dazwischen, „kennt ihr’s wirklich nicht, daß die kleine Kreatur ausgegeistert hat? – Ist’s am Ende dennoch euer eigenes Kind?“

„Ja – ja,“ – stöhnte die sinnlose Mutter, – „aber um’s Blut Christi willen, Niemanden sagen, Niemanden sagen! ich dürfte mich nie mehr daheim sehen lassen! – Und mein Madele lebt noch, nicht wahr?“


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Der Unwille der Bäurin batte sich jetzt in Mitleid verwandelt. „Nein, mein armes Mensch, – euer Madele ist schon wahrhaft todt,“ sagte sie verzagt und mit überlaufenden Augen.

Da stieß die Bettlerin einen jähen Schrei aus, und taumelte rückwärts an die Thürpfosten, die Kniee brachen ihr, und aus den Armen glitt ihr das todte Kind, nach dem noch schnell genug das Bauernweib griff, ehe es zu Boden fallen konnte. Die unglückliche Mutter mußte sie deroweil niedersinken lassen auf die Steine des Flurs.

Sie und andere mitleidige Seelen machten darauf Anstalt, daß das Töchterlein der Lafrenger-Anna ehrlich begraben ward. Selbst ein hübsches Blumenkrönlein legte man auf das Särglein, und dieses nun wollte die von tiefstem Wahnsinn befallene Mutter mit Gewalt haben, da sie vorher ununterbrochen mit denselben Worten ihr Kind verlangt hatte, und ihr die Leute darauf antworteten: „s’ist fort. – s’ist nimmer da, – in den Himmel hinauf ist’s geflogen zu den Engeln – wir können es nicht wieder erwischen. “ –

Um sie zu beschwichtigen, mußte man ihr endlich das Kränzlein mit den Papier- und Flitterblumen geben. Im Kopfe der Armen aber mag sich eine neue irrsinnige Verknotung aller dieser Begebnisse und Reden verschlungen haben. Sie sagte oft für sich: „Mein Kind ist todt – und ist aber auch im Himmel droben. Sie müssen Alle gestorben sein im Himmel droben; der Herrgott mit sammt den Heiligen. – Und sie haben gewiß keine so schönen Kränze am Sarge wie mein Madele!“ – Zugleich fing sie an die Kronen zu binden und bei den Kirchen niederzulegen, – und dieß Gewerbe treibt sie nun seit jener Zeit. Durch eine lange Reihe von Jahren hat sich ihr Wahnsinn nicht im geringsten geändert; mit ihrem Kinde scheint für sie zugleich die ganze Welt gestorben zu sein. Manchmal gibt sie auch zu verstehen, daß sie die Menschen, mit denen sie verkehrt, für todt hält; sie reicht ihnen dann eines ihrer Geflechte hin und sagt dazu: „Sieh da hast auch einen Kranz.“ Viele halten solch eine Begegnung mit der Lafrenger-Anna für eine böse Vorbedeutung; – doch, wie gesagt, verkehrt sie in ihrem Irrsinn weit mehr mit den Heiligen als den Menschen.

Was mag die Arme mit der Frucht einer bösen Stunde an der Brust, zuerst herabgetrieben haben zu fremden Leuten? – Es heißt, sie habe sich mit einem Wälschen vergangen, und von ihm in ihrer Noth verlassen, von ihren Angehörigen mitleidslos verdammt, habe ein dumpfer Irrsinn sie befallen, und zugleich sie hinweggejagt von dem Boden, wo sie mit ihrer Schande nicht mehr leben konnte. Es ist nämlich bei den Deutschen von Lafreng und Proveis im inneren und äußeren Wald auf dem Gampen unerhört, daß ein Mädchen einem der wälschen Nachbaren Gehör gibt, und wie sie ohnehin auf reine Sitte strenge halten, so rügen sie einen Fehltritt mit einem Fremden in doppeltem Maße. Vater und Bruder sprechen dann zur Gefallenen: „Mach dich fort, wir kennen dich nicht mehr,“ und Mutter und Schwester würden nicht um die Welt mit ihr zur Kirche geben. So mag auch Anna zu einer Gezeichneten und Ausgestossenen geworden sein. Niemals hat irgend ein Mensch aus Lafreng ihr nachgefragt. –

Sie kann noch lange Kränze binden, – solche Leute werden meist sehr alt, – bis sie etwa einmal aus ihrem Wermuthbündlein einschläft und im Himmel droben auswacht, und freudig erstaunen wird, daß der barmherzige Gott und seine Heiligen nicht gestorben sind, und bei ihnen ihr Madele als ein schönes Engelein lebt.

  1. Ing’häus – Insass, – Miethsmann.