Die Muse des Anakreon

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Titel: Die Muse des Anakreon
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 708
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[708] Die Muse des Anakreon. (Zu unserer Kunstbeilage.) Unter den Dichtern Griechenlands, welche in den Formen des Lieds ihr Empfinden und ihre Begeisterung zur Aussprache brachten, steht Anakreon an der Spitze derer, welche die Freuden des Lebens, die gesellige Lust, den Wein und die Liebe befangen. Die fröhliche Lebensweisheit, die sein Lied verkündet, hat zu allen Zeiten begeisterte Anhänger gefunden und sein Vorbild und Ruhm haben so mächtig gewirkt, daß sein Name bezeichnend wurde für das ganze Gebiet seines Dichtens und wir alle, die späteren Sänger, die seinem Beispiel folgten, „Anakreontiker“ nennen. So reden wir von „anakreontischer Poesie“ und „anakreontischer Lust“ wenn wir den Preis und Genuß der Gaben des Bacchus im Auge haben. Anakreons Dichtung selbst aber stand in innigem Zusammenhang mit dem hohen Kultus, den die daseinsfrohen Hellenen dem Bacchus selbst, dem Gott des Weins und des heiteren Lebensgenusses, von ihnen auch Dionysos genannt, widmeten. Sie verehrten in dem Gott nicht nur den Spender des Weins, der das Herz freudig stimmt und die Sorgen verscheucht, sondern auch den Genius der Begeisterung. Das Drama und der Dithyrambus, der festliche Chorgesang, verdankten seinem Kultus ihre Entstehung. Die Griechen feierten den Dionysos in Gelagen und Aufzügen welche durch Musik, Gesang und Tanz eine höhere Weihe erhielten. In den älteren Zeiten, in welche die Lebenszeit Anakreons fällt, der bis 522 v. Chr. zu Samos am Hof des Polykrates, später in Athen lebte, hatten die Dithyramben und Lieder, welche diese Festlust austönten, einen hohen begeisterten Schwung. Erst später entarteten die Feste und erhielten den Charakter rasender Ausgelassenheit, wie er unseren Vorstellungen von Bacchanalien und Bacchantinnen entspricht. Die „Muse des Anakreon“, wie sie Böcklins Gemälde darstellt, ist beseelt von jener dithyrambischen Begeisterung, welche den Kult des Dionysos als einen weltentrückenden Gottesdienst beging. Sie ist im Freien gelagert, der kostbare Mantel der Bacchuspriesterin, die Bassara, umwallt ihre Glieder. In den Händen hält sie die beiden Flöten der Doppelpfeife, welche, einander ergänzend, gleich einem Instrument benutzt wurden und sowohl zur Begleitung festlicher Gesänge wie auch zur Einleitung poetischer Vorträge bei festlichen Anlässen dienten.