Die Mutter am Christ-Abend

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Autor: Johann Peter Hebel
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Titel: Die Mutter am Christ-Abend
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aus: J. P. Hebels sämmtliche Werke: Band 1, S. 90–94
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Erscheinungsdatum: 1834
Verlag: Chr. Fr. Müller’sche Hofbuchhandlung
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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[90]

Die Mutter am Christ-Abend.

Er schloft, er schloft! Do lit er, wie ne Grof!
Du lieben Engel, was i bitt,
bi Lib und Lebe verwach mer nit,
Gott gunnts mi’m Chind im Schlof![a 1]

5
     Verwach mer nit, verwachmer nit!

Di Muetter goht mit stillem Tritt,
sie goht mit zartem Muetter-Sinn,
und holt e Baum im Chämmerli d’inn.

[91]

     Was henki der denn dra?

10
Ne schöne Lebkueche-Ma,

ne Gitzeli, ne Mummeli
und Blüemli wiiß und roth und gel,
vom allerfinste Zucker-Mehl.[a 2]

     ’s isch gnueg, du Mutter-Herz!

15
Viel Süeß macht numme Schmerz,

Gieb’s sparsem, wie der liebi Gott,
nit all’ Tag helset er Zuckerr-Brod.[a 3]

     Iez Rümmechrüsliger her,
die allerschönste, woni ha,

20
’s isch nummen au kei Möseli dra.

Wer het sie schöner, wer?

     ’s isch wohr, es isch e Pracht,
was so en Oepfel lacht;

[92]

und isch der Zucker-Beck e Ma,

25
se mach er so ein, wenn er cha.

Der lieb Gott het en gmacht.

     Was hani echt no meh?
Ne Fazenetli wiiß und roth,
und das eis vo de schöne.

30
O Chind, vor bittre Thräne

biwahr di Gott, biwahr di Gott!

     Und was isch meh do inn?
ne Büechli, Chind! ’s isch au no di,
I leg der schöni Helgli dri?

35
und schöni Gibetli sin selber drinn.


     Iez chönnti, traui, goh;
es fehlt nüt mehr zum Guete –
Potz tausig, no ne Ruethe!
Do isch sie scho, do isch sie scho!

40
     ’s cha sy, sie freut di nit,

’s cha sy, sie haut der ’s Vüdeli wund;

[93]

doch witt nit anderst, sen ischs der gsund;
’s mueß nit sy, wenn d’ nit witt.[a 4][WS 1]

     Und willschs nit anderst ha,

45
in Gottis Name seig es drum!

Doch Muetter-Lieb isch zart und frumm,
sie windet rothi Bendeli dri,
und machte e Letschli dra.

     Iez wär er usstaffiert,

50
und wie ne Mai-Baum ziert,

und wenn bis früeih der Tag verwacht,
het ’s Wiehnecht-Chindli Alles gmacht.

     De nimmschs und danksch mer’s nit;
Drum weisch nit, wer der’s git.

55
Doch machts der numme ne frohe Mueth.

und schmeckts der numme, sen ischs scho guet.

[94]

     Bim Bluest, der Wächter rüeft
scho Oelfi! Wie doch d’Zit verrinnt,
und wie me si vertieft,

60
wenn ’s Herz au näumis Nahrig findt!


     Iez bhütdi Gott der Her!
En andri Cheri mehr!
Der heilig Christ isch hinecht cho,
het Chindes Fleisch und Bluet ag’no;

65
Wärsch au so brav, wie er!

Ausgabe I.

  1. Gott gits de Siinen im Schlof
  2. Alles vo süessem Zucker-Mehl.
  3. er helset nit alli Tag Zucker-Brod.
  4. de muesch nit, wenn d’nit witt.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. fehlende Fußnote in Vorlage