Die Opfer der Elektrotechnik

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Autor: Wilhelm Berdrow
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Titel: Die Opfer der Elektrotechnik
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 747–748
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Berichte von tödlichen Unfällen an Hochspannungsleitungen und Maßnahmen zur Verhinderung
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Die Opfer der Elektrotechnik.

Zur ersten Hilfeleistung in Hochspannungs-Unfällen.
Von W. Berdrow.
Nachdruck verboten.
Alle Rechte vorbehalten.

Die beispiellose Ausdehnung der elektrischen, sei es dem Lichtbedürfnis, sei es dem Straßenbahnbetrieb oder Kleingewerbe dienenden Anlagen in aller Herren Ländern hat eine Frage, die noch vor fünf Jahren fast nur theoretisch interessierte, heute zu großer praktischer Bedeutung gelangen lassen, die Frage: wie ist die Herbeiführung von Unglücksfällen durch hochgespannte elektrische Ströme, wenn nicht ganz zu verhüten, so doch möglichst einzuschränken? – Man kann diese Frage jetzt nicht mehr, wie anfänglich bei der Einführung elektrischer Anlagen, einfach dahin beantworten, daß Hochspannungsströme, wie sie sowohl zum Licht- als zum Straßenbahnbetriebe jetzt inner- wie außerhalb Deutschlands vielfach angewandt werden, eben unzulässig seien, solange sie überhaupt mit Gefahren für den Arbeiter oder das Publikum behaftet sind. Mit solchen Gründen könnte man Lokomotiv- und Schiffsdampfkessel und überhaupt fünfzig Prozent unserer Industrieanlagen unmöglich machen, und über dieses Bedenken ist denn auch die Elektrotechnik, wie jeder frühere technische Fortschritt, unter eifrigem Bemühen, den Gefahren nach Thunlichkeit vorzubeugen, hinweggegangen. Es giebt eben mancherlei elektrotechnische Aufgaben, welche mit Strömen von niederer und für den Menschen absolut unschädlicher Spannung überhaupt unlösbar sind, und andere Probleme wiederum, besonders im Gebiete der Kraft- oder Lichtübertragung auf größere Entfernungen, bei denen die Zweckmäßigkeit ebenso unbedingt die Anwendung hochgespannter Ströme fordert.

Um nun die Gefahren, mit welchen Publikum sowohl als Angestellte bedroht sind, möglichst zu verringern, werden derartige Anlagen mit größter Vorsicht ausgeführt; doch ist es immer noch nicht gelungen, eine völlige Sicherheit gegen Unfälle zu erreichen. So hängt man wohl die Leitungen möglichst hoch und unerreichbar auf, aber leider scheint es schwer vermeidlich, daß hier und da einmal ein angerosteter Draht bricht, mit dem Ende auf die Erde fällt und seine vernichtende Kraft an demjenigen übt, der ihn berührt oder darauf tritt. Zwar muß man, theoretisch genommen, stets beide Drähte einer Leitung berühren (die sogen. Hin- und Rückleitung), damit der Strom durch den Körper gehe, aber die Praxis hat gezeigt, daß auch bei noch so gut isolierten Leitungen in der Regel der Erdboden genügend elektrisch geladen ist, um schon eine einseitige Berührung einer Hochspannungsleitung verhängnisvoll zu machen. – Nun hat man unter solchen frei aufgehängten Hochspannungsdrähten Vorrichtungen zum Auffangen brechender Leitungsdrähte angebracht, aber es ist auch damit nicht vermieden worden, daß der fallende Draht durch die Vermittlung von Telegraphen-, Telephondrähten, Laternenstangen oder anderen leitenden Gegenständen seinen verderblichen Inhalt auf Unkundige entladen hat. Oder man hat die Leitungen unterirdisch in Kanäle verlegt – aber dann bleiben noch immer die Ausmündungen im Schaltraum bei der Maschine gefährliche Stellen, an denen Unvorsichtige oder Unberufene zu Schaden kommen können. Ein warnendes Beispiel der neuesten Zeit ist glücklicherweise kein Mensch, sondern jene Ratte, die sich vor kurzem auf dem Schaltbrette des Baltimoreschen Elektricitätswerkes erging, zwischen zwei Polklemmen geriet, erschlagen wurde und gleichzeitig in Brand kam, wodurch dann neben der teilweisen Zerstörung des Schaltapparates auch ein Stadtteil in Finsternis versetzt wurde, bis man die Ursache der Betriebsstörung auffand.

Die Art und Weise, wie solche durch Elektricität veranlaßten Unfälle entstehen, wird am besten eine kurze Uebersicht einiger derartiger Fälle aus der jüngsten Zeit lehren.

Im Frühling des vorigen Jahres fanden ungefähr zu gleicher Zeit, in Hannover und in Innsbruck, Drahtbrüche bei den elektrischen Staßenleitungen der genannten Städte statt. In Hannover brach ein Draht der elektrisch betriebenen Straßenbahn. Nun pflegen Staßenbahnen bei uns durchaus nicht einmal unter hohem, nach Tausenden von Volt messenden Stom betrieben zu werden, sondern in der Regel nur mit 500 bis 600 Volt Spannung. Trotzdem wurden in Hannover zwei Pferde erschlagen, welche auf das herabhängende Drahtende oder auch nur auf eine von demselben berührte Schiene getreten hatten. In Innsbruck wurde, was ungleich schlimmer, ein Mensch getötet, der das niederhängende Ende anfaßte. Im Juli des gleichen Jahres wurden nicht weniger als fünf Unglücksfälle berichtet, von denen zwei in England, zwei in Deutschland, einer in Monaco stattfanden. Auf der Untersuchungsstation der London Elektric Supply Corporation hörte ein Assistent am 1. Juli im Schaltraum ein sonderbares Geräusch und fand, hineingehend, den Betriebsführer erschlagen neben einem Hochspannungskabel, welches derselbe eines Fehlers wegen hatte untersuchen wollen. Liegt hier zweifellos eine Unvorsichtigkeit vor, so nahmen die Untersuchenden beim zweiten Falle, in Prescott, an, daß der Getötete, ein neunzehnjähriger Gehilfe, einem unglücklichen Zufall zum Opfer fiel. Derselbe scheint im Maschinenraum gestrauchelt zu sein und im Fallen die Hochspannungsleitung einer Wechselstrommaschine ergriffen zu haben, die ihn erschlug. Beim dritten Unfall rief ein Mechaniker der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft in Berlin einen Arbeiter zu sich, um eine Ausbesserung an einer nur noch langsam laufenden Hochspannungsmaschine zu machen, deren Stom er für ungefährlich hielt. Der Arbeiter faßte zu und war sofort eine Leiche, vielleicht weil der Strom, wenn auch die Maschine schon abgestellt war, tödlich wirken mußte, vielleicht, weil sein Organismus besonders empfindlich für elektrische Einflüsse war. In Maria-Einsiedeln war es Unvorsichtigkeit, welche einen Monteur, in Monaco Unwissenheit, welche einen Gasanzünder mit einer blanken Leitung in Berührung kommen ließ. Beide wurden getötet; der letztere konnte noch nach Hilfe rufen, war aber, wie es stets in solchen Fällen geht, nicht imstande, von der Leitung loszukommen, um welche sich die Hand bei dem Durchgang des Stromes krampfhaft schließt. Ein Schutzmann, der den Schreienden von der[WS 1] Unglücksstelle forteißen wollte, stürzte unter einem Schlage zu Boden; andere eilten ins Elektricitätswerk und ließen den Strom abstellen, aber inzwischen war der Mann tot und stark angebrannt. Im Anfang dieses Jahres wurde, wie die Zeitschrift „Electrical World“ berichtet, ein Neger in Demerara, der mit bloßen Füßen auf dem feuchten Boden ging, erschlagen, als er eine gewöhnliche Glühlampe einschaltete. Die Untersuchung erwies, daß der sogen. Transformator, welcher sowohl die Schwach- als die Starkstromleitung enthielt, eine schlechte Stelle besaß. Wenig später ließ in Bordeaux ein Telegraphenarbeiter einen abgeschnittenen Draht von oben auf die Straße fallen, derselbe berührte dabei die Luftleitung der elektrischen Bahn und der Arbeiter erhielt einen tötlichen Schlag. Der Draht blieb mit einem Ende auf der Leitung, mit dem anderen auf der Erde liegen, und gleich darauf fuhr ein Wagen darüber hin. Der Kutscher erhielt eine starke Erschütterung, beide Pferde blieben sofort tot; endlich forderte dieser Unfall noch vier Hunde zum Opfer. Es hat sich schon öfter bei solchen Fällen gezeigt, daß Tiere anscheinend noch leichter als Menschen erschlagen werden, so daß Versuche, welche mit ersteren angestellt werden, durchaus keine unbedingte Gültigkeit für den Menschen haben müssen.

Was ist nun gegen solche Unglücksfälle zu thun? Daß auch die größte Vorsicht in der Herstellung und Behandlung der Leitungen sie nicht beseitigen wird, könnte die Liste der aufgezählten Beispiele beweisen. Man mag noch so viele Vorsichtsmaßregeln treffen, das Unglück wird seinen Weg doch finden, wenn es auch freilich durch strenge Ueberwachung der Anlagen erheblich eingeschränkt werden kann. Aber die Hygieine möchte auch die vom elektrischen Schlage wirklich Betroffenen noch nicht ohne weiteres aufgeben, da es sicher scheint, daß hier und da ein Unglücklicher dem Tode sehr wohl hätte entrissen werden können, wenn man ihn nur rechtzeitig von der verderblichen Leitung entfernt und sofort Belebungsversuche angestellt hätte. In Anerkennung dieser Thatsache stellte nun der französische Minister der öffentlichen Arbeiten der Akademie der Medizin in Paris jüngst die Aufgabe, zur Rettung solcher Verunglückten ein einfaches, überall sofort auszuführendes Verfahren namhaft zu machen. Die Akademie überwies die Frage einem gelehrten Ausschuß, dessen Beschlüsse, nach dem Namen ihres Haupturhebers benannt, als d’Arsonvalsches Verfahren der Oeffentlichkeit übergeben wurden.

Zunächst muß der Verunglückte so rasch als möglich von der [748] Leitung entfernt werden, wofür die Akademie den Technikern die geeignetsten Maßregeln überläßt – wir kommen unten darauf zu sprechen – dann aber soll der leblose Körper in einen luftigen Raum gebracht werden, die Zuschauer sind zu entfernen und möglichst andauernde Belebungsversuche anzustellen, die sowohl die Atmung als den Blutumlauf betreffen. Behufs der Atmung ist dem Erschlagenen der Mund zu öffnen, die Zunge fest zwischen Daumen und Zeigefinger zu fassen und kräftig herauszuziehen, alsdann läßt man sie wieder zurückgehen. Dies wird etwa zwanzigmal in jeder Minute wiederholt und eine halbe oder ganze Stunde fortgesetzt, ja noch länger, bis entweder das Leben sich wieder regt oder jede Aussicht, es zurückzurufen, aufgegeben werden muß. Damit kann gleichzeitig die künstliche Atmung verbunden werden, welche in einem abwechselnden Anpressen der Ellbogen gegen die Brustrippen, ihrer bogenförmigen Ausbreitung und Erhebung bis über den Kopf besteht; auch das wird etwa zwanzigmal in jeder Minute wiederholt. Der Blutumlauf ist zu gleicher Zeit durch Reiben mit Bürsten und ähnliche für derartige Fälle oft angegebene Mittel zu befördern. Das ganze Verfahren ist einfach genug, um von jedem besonnenen Menschen sofort vorgenommen werden zu können, und daß es nicht nutzlos ist, haben zum Glück schon mehrere Fälle bewiesen.

Zuvor aber handelt es sich freilich darum, den vom elektrischen Schlage Getroffenen, der in der Regel den Draht fest umklammert hat, von demselben loszubringen, was manchmal von den größten Schwierigkeiten begleitet ist. Zu diesem Ende hat kürzlich Dr. W. S. Hedley einige so bemerkenswerte Anweisungen gegeben, daß es die Pflicht eines Jeden ist, in dessen Wohnort es elektrische Hochspannungsleitungen giebt, sich diese leichten Regeln zu merken, mittels deren man unter Umständen ein sonst verlorenes Menschenleben ohne eigene Gefahr retten kann. Nach diesen Anweisungen ist, falls in erreichbarer Nähe ein Stromunterbrecher sich befindet, zuerst der Strom abzustellen, in allen anderen Fällen suche man den Körper von der Leitung loszureißen. Dabei darf derselbe nicht an den Händen, am Gesicht etc. berührt werden, wohl aber kann man ihn fest an den Kleidern packen oder schnell eine Decke, einen Mantel um ihn werfen, um ihn mittels dieser Hülle anzupacken. Ist es so nicht möglich, den Verunglückten loszubringen, so zieht man unter seinen Körper ein Tuch, ein Brett, einige Stangen oder was immer bei der Hand ist, hindurch, läßt den Leib damit völlig aufheben, so daß die Verbindung mit der Erde unterbrochen ist, und wird nun die Hände leicht von der Leitung entfernen können.

Wenn es schnell gelingt, diesen Erfolg zu erreichen, und alsdann die oben mitgeteilten Belebungsversuche unverzüglich in Angriff genommen werden, so dürfte es vielen durch elektrische Schläge Verunglückten ebenso gehen wie dem Elektriker Mr. Cuttler zu Pittsfield. Im letzten Winter von 4500 Volt getroffen und sofort zu Boden gestreckt, wurde derselbe schnell gelöst, nach den Vorschriften von d’Arsonval behandelt und, von den langsamer heilenden Brandwunden an seinen Händen abgesehen, in einem einzigen Tage wiederhergestellt.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: der-