Die Opfertaube

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Textdaten
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Autor: Johann Gottfried Herder
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Titel: Die Opfertaube
Untertitel:
aus: Zerstreute Blätter (Dritte Sammlung) S. 269-271
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Erscheinungsdatum: 1787
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
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Erscheinungsort: Gotha
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Quelle: ULB Düsseldorf und Commons
Kurzbeschreibung:
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Zerstreute Blaetter Band III 269.jpg
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[269]
Die Opfertaube.


Frölich kam der rohe Krieger Jephthah von seinem Siege zurück. Er hatte vor der Schlacht ein unbedachtsames Gelübde gethan, dem Herrn zum Opfer zu bringen, was ihm aus seiner Hütte zuerst entgegenträte; und siehe da kam seine Tochter ihm entgegen, sein einziges Kind. Jauchzend trat sie heraus mit Pauken und Saitenspiel; doch bald war ihre Freude in Leid verwandelt. „Ach meine Tochter, sprach er, wie beugest du mich? aber ich habe gelobt und kann es nicht widerrufen.“

Vergebens trat der Hohepriester hinzu und belehrete ihn, daß Gott ein solches Opfer von seiner Hand nicht fodre, daß er verabscheue das [270] Blut des Kindes, das von der Hand des Vaters auf Gottes Altar vergossen werde. Der harte Krieger blieb auf seinem Wort und kaum erlaubete er noch seiner flehenden Tochter, mit ihren Gespielinnen hinzugehen auf die Berge, und ihre Jugend daselbst zu beweinen.

Und als sie statt des Jubelgesangs, mit dem sie ihren Vater empfangen hatte, den Ton der Klage jetzt begann und ihren Tod bewillkommte: siehe, da gesellte eine Turteltaube sich zu ihr und verließ sie nicht und girrete in ihre Töne, als ob sie sie trösten wollte. Aber Naëmi vernahm die Stimme der tröstenden Taube nicht und nach zween Monaten kam sie zu ihrem Vater und sprach: „Hast du gelobet, mein Vater: so thue mir wie du gesaget hast“ und ging wie ein Lamm zum Altare.

Und als der Grausame das Opfermesser faßte und seine Rechte erhob: siehe da stand mit zürnendem Blick Abraham bei dem Altare und griff in seine Rechte: „Unbesonnener, sprach er, thue [271] der Jungfrau nichts: Gott will kein solches Opfer von deinen Händen. Er nahm das Meinige nicht an, das er einst prüfend selbst von mir verlangte; und du, o harter Mann, sollt ohne Kinder sterben.“ Er sprach es und verschwand. Und siehe da flog die Turteltaube hinzu und ward statt der erretteten Jungfrau durch die Hände des Hohepriesters für sie ein Opfer. Freudig zog Naëmi jetzt mit ihren Gespielinnen wieder auf die Berge und dankte Gott für ihre neugeschenkte Jugend. Aber sie starb bald; und auf ihrem Grabe girrete die andere Turteltaube, und alle Töchter Israels beweinten sie und gingen jährlich hin zu klagen die Tochter Jephtha’s und ihre Errettung zu feiren.