Die Pest in Pforzheim

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Textdaten
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Autor: Eduard Brauer
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Titel: Die Pest in Pforzheim
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch II, S. 397–399
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Kurzbeschreibung:
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[397]
Die Pest in Pforzheim.

Welch Lärmen, welch Gedränge
Stört Pforzheim’s Morgenruh’?
Was treibt in bunter Menge
Das Volk dem Rathhaus zu?

5
O wär’ es nie gesprochen

Das schauervolle Wort:
„Die Pest ist ausgebrochen!“
So tönts von Ort zu Ort.
Heute roth,

10
Morgen todt –

Hilf uns Herr, in der letzten Noth!
Und wer noch wandelt im goldenen Licht,
Gedenke des Todes, der Christenpflicht!

O Leid! in jedem Hause

15
Kehrt Klag’ und Jammer ein;

Die Würgerin, die grause,
Verschont nicht Groß und Klein;
Das Kind, den kräft’gen Gatten,
Das Weib im Schönheitsglanz,

20
Den Greis, den altersmatten,

Die Braut im Myrthenkranz.
Heute roth,
Morgen todt –
Hilf uns, Herr, in der letzten Noth!

25
Und wer noch wandelt im goldenen Licht,

Gedenke des Todes, der Christenpflicht!

Verödet stehn die Straßen,
Es schweigt der Arbeit Schall,

[398]

Des Hirten muntres Blasen,

30
Gesang und Peitschenknall;

Die Sterbglock’ hört man hallen,
Der Nonnen Klagepsalm,
Viel hundert Opfer fallen
Jach wie des Grases Halm.

35
Heute roth,

Morgen todt –
Hilf uns Herr, in der letzten Noth!
Und wer noch wandelt im goldenen Licht,
Gedenke des Todes, der Christenpflicht!

40
Der Kirchhof wird zu enge,

Er sträubt sich mehr und mehr,
Der Todten schwere Menge
Zu fassen nach Begehr;
Am Wege, vor den Thüren

45
Häuft sich der Leichen Zahl;

Kein Mensch will sie berühren,
Es steigt die Angst und Qual.
Heute roth,
Morgen todt –

50
Hilf uns, Herr, in der letzten Noth!

Und wer noch wandelt im goldenen Licht,
Gedenke des Todes, der Christenpflicht!

Der Bruder flieht die Schwester,
Den Hausherrn das Gesind,

55
Den Freund der Freund, sein bester,

Die Mutter selbst ihr Kind.
Gesprengt sind alle Bande
Der Sitte, der Natur;
Wer übt noch Macht im Lande?

60
Die Pest ist Herrin nur!

Heute roth,
Morgen todt –
Hilf uns, Herr, in der letzten Noth!
Und wer noch wandelt im goldenen Licht,

65
Gedenke des Todes, der Christenpflicht!
[399]

Derweil nun pestgepeinigt
Die Stadt voll Jammers war,
Hat Rathes sich vereinigt
Von Bürgern eine Schaar,

70
Und glaubensstark geschlossen

Den edlen Singerbund;
Viel wakre Gildgenossen
Gelobten sich’s zur Stund’:
„Was euch droht,

75
Qual und Tod,

Laßt uns lindern der Kranken Noth,
Und wer noch wandelt im goldenen Licht,
Er üb’ an dem Todten die Christenpflicht!“

So führten sie mit Singen

80
Ihr Amt der Stadt zum Heil,

So Hohen als Geringen
Ward Hülf’ und Trost zu Theil;
Die Lieb’ und Treue kehrte
Zurück ins Thal der Enz,

85
Und Gott im Himmel wehrte

Dem Grimm der Pestilenz.
Heute roth,
Morgen todt –
Hilf dem Nächsten nach Gottes Gebot!

90
Wer weiß, wann die Noth in’s Haus dir bricht!

Gedenke des Todes, der Christenpflicht!

Eduard Brauer.

Obiges Gedicht lehnt sich im Wesentlichen an die Geschichte an. Im Iahr 1501, als die Pest in Pforzheim Grauen und Jammer verbreitete, trat eine Anzahl hochherziger Männer als Todtengesellschaft (Singergesellschaft) zusammen, um Jedem in Noth und Tod beizustehen, dem Erkrankten unentgeldlich Hülfe, dem Entschlafenen Ruhe im Grabe zu verschaffen. Den Namen Singer erhielten die Theilnehmer wahrscheinlich deßhalb, weil sie die Todten mit Sang und Klang zu Grab geleiteten. Noch besteht die löbliche Singergesellschaft, freilich nach den Zeitumständen verändert.

D. O.