Die Pozzi im Dogenpalaste zu Venedig

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Textdaten
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Autor: G. R.
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Titel: Die Pozzi im Dogenpalaste zu Venedig
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 738-740
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Pozzi im Dogenpalaste zu Venedig.
Von G. R.

Es gibt hie und da Orte in Europa, welche die grausamen Thaten vergangener Jahrhunderte mit besonders blutiger Schrift erzählen, Orte, an deren Wänden das Blut der hier Gemordeten immer wieder zum Vorschein kommt, so oft man sie auch übertüncht hat. Ich war kürzlich auf einem alten Jagdschloß im Blühnbachthal, welches die Erzbischöfe von Salzburg bewohnten, als sie mit Folterwerkzeugen und mit dem Schwert des Henkers die Reformation in den Salzburger Alpen ausrotteten. Ein Schauder überlief mich, als ich in diesen düstern Räumen umherging und daran dachte, welche fürchterliche Thaten sie mit angesehen haben. Die Peinigungen der Opfer mußten hier zur Erholung nach den Freuden der Jagd und der Tafel dienen; ihr Geschrei und ihr [739] Sterberöcheln vermischte sich mit den Hörnerfanfaren und mit den Freudengesängen derer, welche sie verurtheilt hatten, und aus goldenen Bechern sich den rothen Wein zutranken. Aehnliche Gefühle beschleichen mich unwillkürlich, wenn ich im Tower zu London bin, oder durch die Säle des Louvre wandere. Die gold- und silberdurchwirkten Tapeten und die goldenen Bilderrahmen sind nicht im Stande, diese Erinnerungen in mir auszulöschen. Das Mene Tekel der Geschichte ist mit unauslöschlicher Schrift geschrieben, so sehr auch hie und da neuere Schriftsteller versucht haben, es hinwegzuwischen.

So ist die Geschichte des Dogenpalastes zu Venedig mit blutigen Lettern auf seine Mauern gezeichnet. Die rothen Porphyrsäulen an der dem Marcusplatz zugekehrten Façade, die Sala della Bussola, die Sala del Consiglio dei Dieci, die jetzt fortgenommenen Löwenrachen, in deren Mündung man von draußen die anonymen Denunciationen hineinwarf, sind noch heute redende Zeugen der Schreckensherrschaft des furchtbaren Rathes der Zehn, „der Alles wußte und Nichts verzieh.“ Die schreckliche Inschrift C. D. X. scheint noch heute an den vergoldeten Plafonds und auf den mit Tintoretto’s und Tizian’s Meisterwerken geschmückten Wänden zu leuchten. Die fürchterlichen Piombi hat der Sturm der französischen Revolution vernichtet, aber die Pozzi, diese in die dicken Mauern eingesprengten steinernen Gefängniß-Särge, haben allen Stürmen der Zeit widerstanden, und erzählen in grauser Nacktheit fürchterliche Thaten. Neuere Schriftsteller haben auch sie mit einer modernen Tünche zu überkleiden versucht.

Ein alter Mann, der sie noch zu den Zeiten der venetianischen Republik sah, eines Namens, den sich eine der grausamsten Aristokratenherrschaften Jahrhunderte hindurch fälschlicherweise borgte, führte mich in dieselben hinab. Er hatte einen echt venetianischen Kopf, wie man ihn heut zu Tage noch zuweilen unter den Gondolieren an der Piazzetta sieht. Der einzige Zugang war früher durch einen geheimen Gang, der auf den Saal der Häupter des Rathes der Zehn mündete. Jetzt steigt man durch eine früher nicht dort befindliche Thür aus der großen Gallerie des Palastes hinunter. Er zündete eine Fackel an, und bei ihrem rothen Schein sah ich die enge, steinerne Treppe, über welche die politischen Gefangenen, welche in den Pozzi eingekerkert waren, in das Verhörzimmer des Rathes der Zehn geführt wurden. Es ist irrig, daß sie über die Ponte dei Sospiri gingen. Die Seufzerbrücke verband die jenseits des Canals liegenden Gefängnisse mit dem Verhörzimmer des Rathes der Zehn. Sie waren für nicht politische Gefangene bestimmt, waren aber lange nicht so furchtbar, wie die Pozzi.

Nun stiegen wir eine schmale, steinerne Treppe hinab, an der die Spuren mehrerer schwerer, eiserner Thore noch heute zu sehen sind, und kamen in die obere Etage der Pozzi. Diese liegt noch über dem Niveau des Hofes des Dogenpalastes. Rund um die Gefängnisse läuft ein schmaler Gang, welcher durch kleine mit starken eisernen Stangen vergitterte Fenster ein schwaches Dämmerlicht erhält. Die Gefängnisse sind in die dicke Mauer eingegraben. Durch eine ungefähr einen halben Fuß über dem Boden befindliche niedrige Oeffnung steigt man in sie hinein. Sie sind ganz dunkel. Nur ein rundes, in die Mauer gesprengtes Loch oberhalb der Thüre gibt ihnen Luft, und schwächt das Dämmerlicht des Ganges so sehr, daß Nacht und Tag da drinnen kaum zu unterscheiden sind. Früher hatten sie sämmtlich eine starke Holzbekleidung. Jetzt befindet sich nur noch eins der Gefängnisse in dem ursprünglichen Zustande. Bei dem Schein der Fackel stiegen wir in dasselbe hinab. Der steinerne Fußboden, die Wände und die gewölbte Decke waren mit Holz bekleidet. Auf dem Boden war eine Erhöhung von Eichenholz in der Höhe von ungefähr einem halben Fuß errichtet. Hier war das Strohlager des Gefangenen, Als einziges Möblement diente ein starkes, eichenes Bret, welches an der Wand angebracht war, und auf dem der Wasserkrug des Gefangenen seinen Platz fand.

In diese obere Etage der Pozzi wurden die Gefangenen gebracht, so lange sie in Untersuchungshaft waren. Nach ihrem Geständniß oder nach ihrer Verurtheilung führte man sie in die untern Pozzi. Der Boden derselben lag gerade über dem Niveau des Wassers des Canals an der hintern Seite des Palastes. Daß das Wasser bei steigender Fluth in sie hineindrang, ist also eine Fabel. Ueber zwei steinerne Stiegen, welche abermals durch schwere eiserne Thore von einander getrennt waren, stiegen wir hinunter. Ein schmaler Gang umgibt sie, wie die oberen Gefängnisse, ebenfalls von zwei Seiten, der ebenso, wie in der obern Etage, durch vergitterte, kleine Fenster ein schwaches Dämmerlicht erhält. An der Ecke, wo beide Gänge zusammenstoßen, führt ein kurzer Gang noch einige Schritte gerade aus, und bildet so einen kleinen, mit einer eisernen Thüre früher abgeschlossenen Platz, wo der Sessel stand, auf dem die Gefangenen hingerichtet wurden. So wie der Unglückliche auf dem Stuhl saß, wurde ihm ein Strick von hinten um den Hals gelegt und er mit demselben erdrosselt. An der linken Seite des Stuhls war eine Thür, welche auf den Canal führte. Sie ist jetzt zugemauert, aber ihr Dasein ist noch heute ganz deutlich zu erkennen. Vor derselben lag die schwarze Gondel mit der Inschrift C. D. X. (Consiglio dei Dieci), in der der Leichnam des Getödteten nach einem in der Nähe der Kirche San Giovanni e Paolo befindlichen Friedhofe geführt wurde.

Der Kerker, in den wir jetzt gebückten Hauptes hineinstiegen, war von derselben Beschaffenheit, wie die Pozzi des obern Stockwerkes, nur, daß blos die Wände, nicht aber die Decke und der Fußboden mit Holz bekleidet waren, und die hölzerne Bettstatt fehlte. Licht und Luft erhielt dieser steinerne Sarg ebenfalls durch ein rundes, über der Thüre in der Mauer befindliches Loch. Als der Führer mit der Fackel der Decke nahe kam, erschienen dort eine Reihe von Schriftzügen und Charakteren, welche wahrscheinlich mit einem Stein oder mit einem Nagel eingegraben waren. Ich ließ die Fackel näher Hinhalten und entzifferte aus den Schriftzügen, denen man es ansah, daß sie im Dunkeln geschrieben waren, mehrere Zeilen in gutem Italienisch, mit einigen Eigenthümlichkeiten im Dialekt und in der Stellung der Worte. Sie lauteten folgendermaßen:

Un parlare poco et un
negare pronto et un
pensare il fine poi dar la vita
a noi altri Meschini.      1605
 Ego Joannes Baptista arciprete
 ecclesiae cortellariae
.

zu deutsch:

Wenig sprechen und
geschickt leugnen und
das Ende überlegen kann das Leben geben
uns armen Elenden.      1605.
 Ich Johannes Baptista, Erzpriester von Cortellara.


Non ti fidar d’alcuno pensa e tacce
Se fuggir vuoi de spioni insidie e tacce
Il pentirti, il pentirti nulla giova
.

zu deutsch:

Traue Niemandem, denke und schweige,
Wenn Du den Nachforschungen der Spione entfliehen willst, schweige,
Die Reue, die Reue ist keine Hülfe.


De chi mi fido, guarda me Iddio
De chi no mi fido, me guardaro io
.

zu deutsch:

Auf den ich baue, vor dem schütze mich Gott,
Auf den ich nicht baue, vor dem werde ich mich selbst schützen.

Ist in diesen wenigen Zeilen nicht das ganze System des Spionirwesens und des Inquisitionsverfahrens des schrecklichen Rathes der Zehn ausgesprochen? Welches Ende mögen die Unglücklichen genommen haben, welche sie schrieben? Wahrscheinlich wurden sie an den Säulen des Dogenpalastes oder zwischen den Säulen der Piazzetta, auf dem gewöhnlichen Hinrichtungsplatze von Venedig, aufgehängt. Oder die schreckliche Garotta machte ihren Leiden auf dem oben beschriebenen Stuhle ein Ende und die geheimnißvolle Gondel brachte ihre Leichen in dunkler Nacht zu dem stillen Friedhofe von San Giovanni e Paolo.

Von Byron wird erzählt, er sei bei der Besichtigung der Pozzi in Begleitung einer größeren Gesellschaft zufällig in diesem Kerker zurückgelassen worden und habe darin mehrere Tage, weil man ihn nicht vermißt habe, zubringen müssen, bis der Führer aus dem Palaste, der die Gefängnisse zu zeigen pflegt, mit einem andern Fremden wieder hierher gekommen sei. Die Geschichte ist eine Fabel. Der alte Mann, der mir die Pozzi zeigte und der seit fast einem halben Jahrhundert dies Geschäft versieht, war auch der Führer des Lord. Byron that nur das, was ich jetzt that; er schickte den Führer fort mit dem Auftrage, ihn nach einiger Zeit wieder abzuholen, und blieb eine halbe Stunde in dem Kerker allein. Ich begleitete den Führer bis in die obere Etage der Pozzi, schickte ihn dann mit seiner Fackel fort und befahl ihm, nach einer halben Stunde mich wieder abzuholen, so lange aber keinen Besucher hinunterzuführen. Ich wünschte den Eindruck zu [740] empfinden, den die schrecklichen Kerker in der Einsamkeit und in ihrer Dunkelheit auf mich machten.

Allein stieg ich nun die beiden steinernen Stiegen wieder hinab. Eine Todtenstille umgab mich, ich hörte kein Geräusch, als den eintönigen Schlag der Wellen des Canals, welche an der Mauer des Palastes branden. Die mit dicken Eisenstangen vergitterten Fenster ließen nur ein schwaches Dämmerlicht in den Gang fallen. Ich stellte mich auf den Platz, wo einst der Hinrichtungsstuhl mit der schrecklichen Garotta stand, und blickte auf die geheimnißvolle Thür, welche von hier in den Canal führte. Ich sah den schrecklichen Stuhl vor mir; dann hörte ich, wie die Eisenthür des Kerkers sich knarrend öffnete, und zwei Henker, schwarze Masken vor dem Gesicht, führten einen bleichen Mann, dessen Hände gefesselt waren, durch den Gang zu dem Stuhle. Ein hoher Mann, in der Amtstracht der Inquisitoren, ebenfalls maskirt, begleitete sie. Als der Gefangene auf dem Stuhle saß, zog der Inquisitor eine Schrift aus dem Gewände und hielt sie dem Gefangenen vor das Gesicht. Es waren wenige Zeilen darauf geschrieben, die ich nicht entziffern konnte, die Unterschrift fehlte, nur oben in der Ecke des Pergaments bemerkte ich deutlich mit rother Schrift die Buchstaben C. D. X. Der Gefangene zitterte, als er die wohlbekannten schrecklichen Zeichen erblickte; sein kerkerbleiches Gesicht wurde noch bleicher. Dann wurde ihm von hinten ein Strick über den Kopf geworfen, ich hörte deutlich das Krachen der Halswirbel. Wie durch einen Zauber öffnete sich nun die geheimnißvolle Thüre in der Mauer und vor ihren Stufen erschien die schwarze Gondel auf dem Wasser. Deutlich sah ich an ihrem Hintertheil mit rothen Buchstaben die fürchterliche Inschrift.

War es ein Traum oder sah ich dies Alles wirklich? Ich rief, um in dieser Einsamkeit meine eigene Stimme zu hören, ich ging auf dem engen Raume hin und her, ich fühlte mit der Hand nach der vermauerten Thür, um mich zu überzeugen, daß sie nicht existirte. Nach und nach beruhigte sich meine erhitzte Einbildungskraft, und die schrecklichen Gestalten verschwanden; ich sah, daß ich allein war an diesem fürchterlichen Orte. Dann ging ich durch den Gang und stieg in den Kerker hinab, an dessen Wänden ich bei dem Scheine der Fackel die Inschriften gelesen hatte. Es war ganz dunkel. Das Dämmerlicht, das durch die obere, runde Oeffnung fiel, war so schwach, daß kaum die Umrisse der Wände zu erkennen waren. Die Luft war dick, feucht und dunstig, eine wahre Kerkerluft. Ich habe auch Jahre lang einen Kerker bewohnt, den man zu den schrecklichen zu zählen pflegte; aber seine Luft war wahrer Frühlingsodem gegen diese Moderluft. Sie kam mir vor, wie die Luft eines steinernen Grabes. Ich ging auf dem engen Raume hin und her; er gestattete mir kaum, vier Schritte zu machen. Ich berührte mit der Hand die Decke und die Steinplatten des Fußbodens; sie fühlten sich an, wie die feuchte, kalte Haut einer Eidechse. Wiederum begannen eine Reihe Schreckensgestalten aus der Geschichte des Palastes vor meinem geistigen Auge zu erscheinen, dann dachte ich unwillkürlich an die Folterwerkzeuge, die ich Tags zuvor im Arsenal gesehen, an die eiserne Haube, an den vergifteten Schlüssel, an den Schraubstock, der die Finger des Gefolterten zerquetschte, Erfindungen des Tyrannen von Padua. Gewaltsam suchte ich die Erinnerungen niederzudrücken, um nicht wieder in den früheren aufgeregten Zustand zu gerathen – da sah ich den Gang von einer rothen Fackel erleuchtet und zu mir herein blickten die schwarzen Augen meines Führers, der gekommen war, um mich abzuholen. Er schüttelte über meine sonderbare Grille, hier allein zu bleiben, den Kopf, und als ich ihm erzählte, was ich Alles gesehen, machte er ein Gesicht, als wenn er dächte, es sei in meinem Gehirn wohl nicht Alles in der gehörigen Ordnung. Langsam stiegen wir wieder hinauf, und als ich wieder auf der Piazzetta am Molo stand, leuchtete die Octobersonne mir noch einmal so heiter und so golden. Dr. Keesbacher kam gerade über die Riva bei Schiavoni von einem ärztlichen Besuche, den er bei einer russischen Fürstin gemacht hatte. Wir stiegen in eine Barke, nahmen vier Ruderer und fuhren am Lido vorüber hinaus auf das adriatische Meer, welches heute wie ein stahlblauer venetianischer Spiegel glänzte.