Eine Rattenschlacht

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Titel: Eine Rattenschlacht
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aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 732-734
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Eine Rattenschlacht.

In dem Glauben, daß ich schon Alles kenne, was London Interessantes in sich schlösse, machte ich mich eben zur Abreise bereit, als mein gefälliger Cicerone, Mr. Thompson, mich fragte, ob es mir vielleicht angenehm wäre, mit anzusehen, wie Ratten von Bullenbeißern erwürgt würden; und als er das Erstaunen und den Widerwillen bemerkte, mit welchem ich seinen Vorschlag anhörte, setzte er hinzu:

„Sie haben in der That einen sehr feinen Geschmack, mein Herr; indessen gehört gerade dieser Zeitvertreib zu den Unterhaltungen, die von den geachtetsten Leuten unserer Stadt gesucht werden!“

Dieser Ueberredungsgrund bestimmte mich, und außerdem war ich überzeugt, daß meine Anwesenheit keiner einzigen Ratte mehr als sonst das Leben rauben würde.

Ich machte es nun ganz so, wie Mr. Thompson, ich zog einen schlechten Kittel an und bedeckte mein Haar mit einer schottischen Mütze. In diesem Aufputz lenkten wir unsere Schritte nach den finstersten Straßen und den ungesundesten Quartieren des bevölkertsten Stadttheiles, nicht weit vom Tunnel.

„Die Polizei,“ so sagte mir Mr. Thompson, „widersetzt sich allen Vergnügungen dieser Art, und aus diesem Grunde suchen dieselben nur da ihren Schauplatz aufzuschlagen, wohin jene ihnen kaum zu folgen vermag.“

Wir traten in ein erbärmliches Haus ein, wo eine Frau, die sonst beinahe ohne alle Kleidung, aber doch mit dem unvermeidlichen schmutzigen Hute versehen war, einigen am Tische sitzenden Männern Branntwein einschenkte; sie wies uns mit einer Handbewegung, ohne daß sie sich erst die Mühe nahm, uns anzusehen, nach dem Schauspielsaale, welcher von dem traurigen Scheine der in seiner Mitte aufgehangenen Lampen etwas eingeräuchert war. Der Sandplatz, welcher unter der Beleuchtung war, bildete ein Viereck von ungefähr zwölf Meter im Umfange, und war mit einer aus Planken fest zusammengefügten Scheidewand, ein Meter hoch, umgeben.

Der Director des Etablissements, ein kräftiger Mann mit rothen Haaren, erwartete mit Gleichmuth sein Publicum; er saß vor der Hand auf einem Kasten, welcher eine Anzahl von 50 Ratten enthielt, und diese Thiere liefen in der größten Unordnung in ihrem engen Gefängnisse umher.

„Aber woher,“ rief ich aus, „so viel Ratten, um den Verlust, der sich täglich wiederholt, auszugleichen?“

„Man verschafft sich dieselben,“ antwortete mir Mr. Thomson, „bei den armen Leuten, deren einziger Erwerbszweig darin besteht, daß sie diesen Thieren gestatten, sich in ihren Häusern möglichst zu vermehren; und zu diesem Zwecke ist es auch nöthig, sie gut mit Futter zu versehen, damit sie sich nicht etwa unter einander selbst auffressen. Und ihr Unterhalt ist nicht theuer, denn so viel man weiß, sind diese lustigen Thierchen nicht eben sehr schwierig in der Wahl ihrer Nahrungsmittel.“

Während dieser Auseinandersetzung sahen wir acht bis zehn Herren von vornehmem und ernstem Gesichtsausdrucke eintreten und uns gegenüber Platz nehmen; sie waren aber alle gekleidet wie gemeine Leute.

Mr. Thompson neigte sich an mein Ohr und sagte: „Unter den Neuangekommenen ist der Herr mit den weißen Haaren, der schottischen Mütze und dem grünen Mäntelchen Lord G ...; der Herr links von ihm ist Lord S ... Die andern Zuschauer sind mir zwar unbekannt, aber nach ihrem vornehmen Benehmen und nach der Ungezwungenheit zu urtheilen, mit welcher sie zu den Lords reden, müssen sie eine hohe Stellung bekleiden.“

„In diesem Falle,“ meinte ich, „ist das Glück des Rattenmannes sicher gemacht ...“

„Sie glauben doch nicht,“ erwiderte Mr. Thompson, „daß unsere Lords sich von andern Menschen unterscheiden, die nur dann großmüthig sind, wenn die Oeffentlichkeit sie für ihre Edelthaten mit Ruhm bezahlt? Diese Herren werden wie wir sechs Pence für jeden Rattenkopf bezahlen, mehr nicht!“

In diesem Augenblicke trat der Mann in den Circus ein, verschloß die Thüre desselben sorgfältig, und zog den Boden des Rattenkäfigs, den er zwischen seinen Händen hielt, heraus, so daß die darin befindlichen Schlachtopfer auf den Erdboden herabstürzten. Das gab ein unerhörtes Durcheinander; die unglückseligen Ratten durchstöberten den ganzen Raum des Sandplatzes, in der Hoffnung, einen Ausweg zu finden, und rannten in schrecklicher Weise an einander; man hätte glauben mögen, sie hätten eine Art von Vorahnung ihres gräßlichen Endes empfunden. Ich fragte mich im Stillen, welches Vergnügen Jemand an diesem barbarischen Schauspiel finden könnte, welches nur den Anblick eines plötzlichen Hinwürgens ohne einen möglichen Kampf darböte; zugleich aber lenkte ich meine Aufmerksamkeit auf die Zuschauer, welche der Elite einer Nation angehörten, die auf ihre humanen Gesetze stolz ist.

Unterdessen setzten die Ratten mit der Unordnung, die eine Folge des Schreckens war, ihre früheren Entdeckungsreisen fort. Einige von ihnen indeß schienen weniger aufgeregt und beschnoberten einander, wo sie sich trafen, so daß es fast schien, als wollten sie sich gegenseitig guten Rath geben oder auch auf ewig Abschied von einander nehmen, denn bereits ließ sich das Gebell der Hunde vernehmen. Da fielen uns drei Ratten in die Augen, die sich nicht von der Stelle bewegten, sondern sich eng an einander drängten und in gerader Linie aufstellten, wie zur Musterung. Die größte von ihnen, die in der Mitte zwischen den andern saß, schien von dem ganzen Lärm unberührt zu bleiben; ihre gebleichte

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Die Gartenlaube (1858) b 733.jpg

Eine Rattenschlacht.

Schnauze kündigte ihr hohes Alter an, ihre matten Augen ließen vermuthen, daß sie blind wäre. Desto mehr Bewegung zeigten aber ihre beiden Gefährten, die sich an ihre Seite drängten, in ihren Barthaaren und ihren blitzenden Augen.

Jetzt erschien der Director des Etablissements wieder, die Hemdenärmel bis über die Ellenbogen zurückgestreift; er hielt in jeder Hand einen mittelgroßen Bullenbeißer, den er am Halsfelle gepackt hatte. Diese Hunde boten den Anblick der Wuth und Wildheit und stürzten sich jetzt wie toll auf ihre Opfer, so daß sich in kurzer Zeit der Sandplatz mit Leichen und Blut bedeckte.

Die drei Ratten waren gerade durch ihre Unbeweglichkeit dem allgemeinen Blutbade entronnen; aber nun kamen auch sie an die Reihe. Sie schienen es zu wissen, und indem sie ihr Gebiß sehen ließen, zeigten sie große Entschlossenheit. Der eine von den beiden Hunden war von dem Schauplatze entfernt worden; der andere, der zurückblieb, stürzte sich auf die Ratte in der Mitte; aber in dem nämlichen Augenblicke wurde er auf jeder Seite seines Maules den den Zähnen derer gepackt, die die Obhut über die alte Ratte auf sich genommen hatten. Jetzt schüttelte der Hund wüthend seinen Kopf und befreite sich so ohne große Mühe von dem sonderbaren Schnurrbart, den ihm seine beiden Gegner angesetzt hatten, als sie sich an seiner Nase festbissen; sodann stieß er einen wilden Schrei aus und erneuerte seinen Angriff; aber die beiden Ratten sprangen zu und bissen sich an derselben Stelle, wie früher, ein, so daß dem Hunde das Blut die Backen herablief. Dadurch wurde [734] die Wuth des Bullenbeißers nur verdoppelt; er blieb fast unempfindlich bei diesem neuen Angriffe, zermalmte die alte Ratte zwischen seinen furchtbaren Kinnbacken und entledigte sich seiner Feinde wieder, indem er wüthend den Kopf schüttelte. Nun wollte er eben eine von den andern beiden packen, als dieselbe, die Bewegung des Hundes beobachtend, ihm plötzlich auf den Rücken sprang, denselben als Sprungbret benutzte und sich von da auf die Barriere hinaufschwang, die den Lords als Stütze diente, so daß dieselben sich erschrocken zurückbeugten. Von diesem Platze aus prüfte das keuchende Thier, wie ein Beobachter, was sich ereignen möchte, und mußte unmittelbar darauf mit ansehen, wie die Knochen seines Waffenbruders zermalmt wurden.

Lord S. bewegte unwillkürlich seine Hand schützend nach der beobachtenden Ratte, als hatte er den verzweifelten Entschluß des armen Thieres errathen; aber dieses Gefühl der Theilnahme war von keinem Nutzen: der letzte Märtyrer sprang schnell hinab auf den Sandplatz; er wollte ohne Zweifel diejenigen nicht überleben, die ihm theuer gewesen waren.

Die Folge dieser Thatsache war ein allgemeiner Ausruf der Verwunderung. Lord S. streckte seine Arme nach dem Circus hinab, befahl dem Director, die todten Körper der drei Ratten aufzuheben, um sie ausstopfen zu lassen und sie zum Andenken an ihre Tapferkeit aufzubewahren. Alsdann gab der edle Engländer einem Diener einen Wink und schickte ihn mit einem Auftrage weg. Sowie sich derselbe entfernte, bat er die Zuschauer, sie möchten noch einige Minuten verweilen, wenn sie wünschten, daß das Schauspiel einen allgemein befriedigenden Schluß gewähre. Bald darauf kam der Diener zurück und brachte einen kräftigen Bullenbeißer mit, den man zu dem Rattentödter hineinließ. Der Kampf, der sich jetzt zwischen den beiden Hunden entspann, war nicht von langer Dauer; nach wenigen dumpfen Gurgeltönen lag das Thier auf dem Fußboden ausgestreckt und die Ratten waren gerächt.

Der Leichnam des kleinen Hundes durfte sich mit seinen Schlachtopfern in die Ehre theilen, ausgestopft zu werden, und der Künstler, der mit dieser Arbeit betraut wurde, gruppirte diese Thiere so, daß ihre Stellung an das vorhergegangene Ereigniß erinnerte. Diese Gruppe hat aber natürlich in der Gallerie von Natur- und Kunstgegenständen, deren Besitzer Lord S. ist, einen geeigneten Platz gefunden. –