Die Prinzessin von Portugal

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Textdaten
Autor: Alfred Meißner (gemeinsam mit Franz Hedrich)
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Titel: Die Prinzessin von Portugal
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: S. Schottlaender
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Erscheinungsort: Breslau und Leipzig
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Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: Literarische Bearbeitung der Elisa-Erzählung aus Thomas Lirers Schwäbischer Chronik
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[I]


Die Prinzessin von Portugal.


[II]


[III]

Die

Prinzessin von Portugal.


Von

Alfred Meißner.


Breslau.

Druck und Verlag von S. Schottlaender.

1882.


[IV]

WS: Bibliotheksstempel und Signatur


[V]


Und ich Thoman Lyrer gesessen zu Ranckweil das da gehört zu dem Schloß und Herrschaft Feldkirch habe diese Ding den merern tail gesehn und auch vil an frumen Leuten erfragt und erfarn an wahrhaften herren, rittern und knechten, die mich des gar warlich unterricht habent, dann ich auch meines gnädigen Herren von Werdenberg knecht bin gewesen und mit ihm außgefaren gen Portugal und mit ym wider haim kommen. Und ist das Buch zum ersten abgeschriben worden in dem als man zeit von der Geburt Christi XI hundert und XXXIII jar an sant Oßwalts tag.

(Thoma Lyrers von Ranckweil     
Schwäbische Geschichten.)     


[VI]


[VII]

Inhalts-Verzeichniß.
Seite.
1. Der Landflüchtige 1
2. Am Hofe zu Lissabon 10
3. Arbogast 21
4. Ein Ruhmestag 28
5. Der Rath des Mönchs 33
6. Am Katharinenkloster 40
7. Graf Albrecht von Werdenberg 51
8. Dona Diafanta 59
9. Auf der Galeere 70
10. Das Bild des Meisters Demetrios 79
11. Auf der See 95
12. Auf Rhodus 107
13. Graf Pfirt 122
14. Dom Vedras 130
15. In der Feluke 138
16. In Jerusalem 151
17. Auf dem Oelberge 166
18. Abschluß 183


[VIII]


[1]

Erstes Capitel.


Der Landflüchtige.

Am linken Ufer des oberen Rheines, am Fuße des Kamor und der Calanda, stand zu Beginn des zwölften Jahrhunderts und steht noch heute fest und massig, in unzerstörbarer Wucht erhalten, die Burg der Grafen von Werdenberg.

Es war ein mächtiges Geschlecht, das ein weites Gebiet auf beiden Seiten des oberen Rheines beherrschte. Sargans, Altstätten und Rheineck auf dem linken Ufer, Vaduz aus dem anderen und alles Land von der Landquart bis zur Mündung der Ill, der Wallgau bis gegen Tirol waren den Werdenbergern zu eigen. Bis über den Bodensee hinaus ging ihre Herrschaft, denn auch auf Tetnang saßen ihre Vögte. Es war ein Geschlecht, über welchem nur der Kaiser, unter welchem eine Schaar [2] adeliger Dienstmänner stand, und das sich neben den Herzögen von Schwaben und Bayern fast ebenbürtig zu behaupten wußte.

Seit der Auflösung des karolingischen Weltreiches, das die großen und kleinen Herren mit mächtiger Faust niedergehalten hatte, war eine allgemeine Rauf- und Raublust entfesselt, und die Erde hallte nur von frommem Glockengeläute und wildem Waffengeklirre wider; dennoch war es trotz eines hundertjährigen Blutvergießens Keinem gelungen, auf’s Neue ein großes Reich zu begründen.

Graf Heinrich, der „Herr von der weißen Fahn“ genannt, weil er eine weiße Kirchenfahne im schwarzen Felde im Wappen führte, hatte seinen Sitz abwechselnd auf Werdenberg und auf der Schattenburg zu Feldkirch. Ehedem ein gewaltiger Herr von unbändiger Rauflust, der manche Fehde mit seinen Nachbarn ausgefochten, war er jetzt ein bejahrter Mann, nicht am Geiste, aber am Körper gebrochen. Seit Jahren bereits mußte er seinem Lieblingsvergnügen, der Jagd auf Bären und Wölfe, entsagen und hätte gern in Frieden gelebt, da er jetzt um [3] so weniger den Anstrengungen des Krieges gewachsen war, – aber das war ihm nicht vergönnt.

Soeben stand er am Vorabend eines Kriegsausbruches.

Ein mächtiger und hartnäckiger Gegner, mit welchem er sich schon oft im Leben in offener Fehde gemessen, und mit dem er überhaupt immer uneins gewesen, der Herzog von Schwaben, hatte ihn abermals herausgefordert. Das war ein furchtbarer Gegner, und es war zu besorgen, daß Graf Heinrichs von früher her feindliche Nachbarn, der Herr von Sax und die mit diesem verbündeten Aebte von Chur und St. Gallen des Werdenbergers Bedrängniß nützen würden. Auf beiden Seiten stand bereits das ganze verfügbare Kriegsvolk auf den Beinen, und die Feindseligkeiten konnten jeden Tag ausbrechen. Einen Theil der Kriegsmacht des Grafen führte Allmanrich von Aspremont an, den anderen Hans von Nürnberg, beides bewährte Feldhauptleute.

Es war im Weinmonat, kurz vor Galli, zur Zeit, da die kalten Herbstnebel einfallen und Regengüsse den kommenden Winter ankündigen. Die Nacht war schon [4] ziemlich weit vorgerückt. Graf Heinrich saß in seiner wohlbefestigten Burg Werdenberg, in einem engen und hohen Gemache, das nur ein prasselndes Feuer wohnlich machte, in Gedanken versunken, ganz allein.

Er war es nicht seit lange. Die Vögte der Schlösser von Hohen-Bregenz und Feldkirch, von Sargans, Jagdberg und Tosters waren bei ihm gewesen; denn es galt, Alles in Vertheidigungszustand zu bringen. Fort und fort wurden schadhafte Mauern ausgebessert, Thürme befestigt, Kriegswerkzeuge zum Angriff und zur Vertheidigung angefertigt. Auch mit seinem Sohne und Nachfolger, dem Grafen Albrecht, hatte der Graf eine lange Unterredung gehabt. Dieser war erst vor wenigen Stunden vom bayrischen Hoflager zurückgekommen. Der Vater hatte ihn mit dem heimlichen Auftrage dorthin gesandt, den Herzog von Bayern in diesem Streite zum Bundesgenossen zu werben und ihm die günstige Gelegenheit vor Augen zu führen, dem Schwaben, der nach der höchsten Gewalt im deutschen Reiche strebte, die Flügel für immer zu beschneiden. Der Bayernherzog verlachte die Warnung, die wahrlich rechtzeitig kam; denn schon nach wenigen [5] Jahrzehnten war der erste Hohenstaufe da, der in Bayern eine neue Dynastie, die der Wittelsbacher, einsetzte.

Während Graf Heinrich in der Stille der Nacht über die herannahenden Ereignisse besorgnißvoll nachdachte und den vollen Becher Veltliner, der vor ihm stand, unberührt ließ, wurde ihm ein Klosterbruder angemeldet, der in dieser späten Stunde am Burgthore angekommen sei und ihn in einer höchst wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünsche.

Der Graf befahl, den frommen Bruder sofort vorzulassen, und erhob sich mit hochgespannter Neugier von seinem Armstuhle. Wenige Minuten darauf stand der Klosterbruder vor ihm, ein großer, vierschrötiger Mann, mit tief herabhängendem grauen Haar und einem mächtigen, bis an die Brust reichenden Barte.

„Gelobt sei Jesus Christus,“ sagte er mit gedämpfter Stimme, während seine Augen in dem halbdunklen Gemache unruhig forschend umher fuhren. „Sind wir allein?“

„Vollständig allein,“ erwiderte der Graf, der dicht [6] an ihn herangetreten war. „Wer sendet Dich, und was bringst Du für geheime Kunde?“

Statt jeder Antwort warf der Klosterbruder in größter Hast die Kopfbedeckung und das lange Haar, das sich als eben so falsch erwies, wie der Patriarchen-Bart, bei Seite und fing aus der Kutte herauszuschlüpfen an.

„Was sehe ich?“ rief der Graf ganz verdutzt. „Ihr seid es, Ritter Walther von Wolfegg? Ich erkenne Euch wohl, – Ihr kommt aus dem Lager meines Feindes! Was muß da vorgefallen sein, daß Ihr es verlassen habt und mit diesem heiligen Kleide Mummenschanz treibt!“

„Ich komme von Ulm und bin auf der Flucht,“ erwiderte der so Genannte. „Mein Leben ist auf dem Spiele –“

„Ihr seid bekannt als ein tüchtiger Mann und tapferer Ritter,“ sprach der Graf. „Was habt Ihr gethan? Was ist Euch begegnet?“

„Ich habe den Schwabenherzog erschlagen.“

„Was? Den Schwabenherzog erschlagen!“ rief der Graf, vor Erstaunen zusammenfahrend, aber, seiner rauhen [7] Natur gemäß, auch nicht ohne eine leise dazwischen gleitende Befriedigung. „Höre ich recht, ist das wahr?“

„Morgen wird man es überall hören,“ erwiderte der Flüchtling düster. „Ihr könnt Euch denken, daß ich schneller gegangen, als alle Boten, welche die Nachricht jetzt in alle Weltgegenden tragen.“

„Ihr, Ritter Walther, Ihr,“ rief der Graf, „des Schwaben Lehensmann! Sein Vogt! Sein bester Heerführer! Der Mann, der soviel Gnaden und Ehren von ihm empfangen! Wie könnt Ihr die schreckliche That verantworten?“

„Er hat meine Schwester verführt – entehrt – beschimpft – verschmäht! Wir sind an einander gerathen. Als er gegen mich ausholen wollte, traf ihn meine Hand –“

„So ist es!“ rief der Graf. „Privatrache, Ehrensache? Da hat das Ding ein ander Gesicht. So habt Ihr den Makel an Eurer Familienehre mit Blut abgewaschen! Das ist etwas Anderes. Was wollt ihr nun bei mir?“

„Sehr wenig, und doch sehr viel,“ erwiderte der von Wolfegg. „Gebt mir eine Rüstung, ein Roß und die [8] nöthigste Zehrung; dann geh’ ich von hier in die weite, weite Welt –“

„Ich lasse Euch nicht auf’s Gerathewohl fahren,“ erwiderte der Graf; „bleibt bei mir, – ich kann einen Mann, wie Euch, brauchen! Ich will Euch beschützen, Euch gegen Eure Feinde vertheidigen bis zum letzten Blutstropfen, so wahr der Erlöser für uns am Kreuze gestorben ist.“

„Das ist hochherzig gesprochen,“ versetzte der von Wolfegg. „Aber ich wäre ein Elender, wenn ich aus Euren Gesinnungen Nutzen ziehen wollte. Ich mag Euch nicht in die Gefahren mit hineinreißen, die ich durch meine Blutthat über mein Haupt heraufbeschworen habe. Gebt mir ein Roß, eine Rüstung, ein Schwert, – ich gehe. Ein guter Kriegsmann findet auf der ganzen Erde sein Fortkommen.“

„Auch bei mir,“ sprach der Graf mit Entschiedenheit. „Ihr bleibt, – ich lasse Euch nicht fort. Ich gebe Euch Vaduz zum Lehen; ich stelle Euch an die Spitze meines Kriegsvolkes. Eure Tapferkeit und Kriegserfahrung sind weltkundig. Ihr werdet mir Haus und Land in den [9] Tagen der Gefahr schützen und Euch erinnern, daß ich Euch auch in Eurer größten Noth beschützt habe.“

Ritter Wolfegg sträubte sich noch lange, nahm aber schließlich die ihm gemachten Anträge mit aufrichtig gemeintem Danke an.


[10]

Zweites Capitel.


Am Hofe zu Lissabon.

Als sich die erste Kunde von dem gewaltsamen Tode des Schwabenherzogs verbreitet hatte, hätte man geglaubt, daß die ganze Christenheit vor die Wälle von Werdenberg ziehen und die Auslieferung des Mörders vom Grafen mit den Waffen ertrotzen würde; aber diese Aufregung legte sich nach und nach. Nur der neue Schwabenherzog behielt seine drohende Haltung bei und machte Miene, als wenn er seinen ermordeten Bruder um jeden Preis rächen wollte. Aber auch da zeigte es sich bald, daß ihm beim Regierungsantritt ein Krieg nicht gelegen kam, und daß er dem Mörder nicht gar so ernsthaft zürnte, der ihm wider alles Erwarten den ersten Platz im Lande verschafft; denn als sich Herzog Leopold von Oesterreich plötzlich in den Streit gemischt hatte, wurde Alles friedlich geschlichtet.

[11] Nach den Anschauungen jener eisernen, blutigen Epoche lautete das gegen Ritter von Wolfegg gesprochene Urtheil nicht besonders hart. Er sollte nur hundert Meilen fern vom Schwabenlande bleiben und es nie mehr betreten.

Ungern, ja, mit schwerem Herzen sah der Graf von Werdenberg den Mann scheiden, der durch eine außerordentliche That die gefürchtete Kriegsgefahr von ihm so unverhofft abgewandt hatte, und that Alles, was unter den Umständen zu thun war, indem er ihn mit dem besten Kriegszeuge, den edelsten Rossen und mehreren Reisigen ausrüstete.

Als Ritter Wolfegg seine abenteuerliche Fahrt antrat, nahm er auch seinen vierzehnjährigen Neffen Arbogast mit, der mit ihm nach Werdenberg gekommen war, und langte nach langen Wanderungen, nicht ohne Gefahren aller Art, durch die Schweiz, Italien und das südliche Frankreich, endlich in Portugal an.

Es war dies ein neues Reich, das dadurch entstanden war, daß König Alfons VI. von Castilien und Leon dem Grafen Heinrich von Burgund, der mit tapferen Kriegern nach Castilien gekommen war und im Kampfe [12] mit den Mauren ausgezeichnete Dienste geleistet hatte, seine Tochter zur Gemahlin und das zwischen Minho und Duero gelegene Land zum Lehen gegeben hatte. Von dem Hafen Oporto erhielt es den Namen Portugal. Heinrichs Sohn Alfons I. hatte darauf mit Hilfe der Kreuzfahrer, denen sich viele Engländer anschlossen, die Stadt Lissabon erobert, die bisher den Mauren gehörte.

Damals, nicht lange nach dem ersten Kreuzzuge, in welchem Gottfried von Bouillon Jerusalem erobert hatte, galt es auch für eine Art von heiligem Krieg, die pyrenäische Halbinsel von den Ungläubigen zu säubern. Der größte Theil des Landes zwischen dem atlantischen und dem Mittelmeere befand sich ja noch immer unter maurischer Herrschaft. Portugal war der Tummelplatz unzähliger kriegslustiger Abenteurer und fahrender Ritter aller Nationen. Natürlich gab es auch viele Deutsche darunter, die den Ritter von Wolfegg kannten und auf seinen berühmten Kriegernamen die öffentliche Aufmerksamkeit lenkten, sodaß der König seine Dienste mit Begierde annahm, ihm ein Commando gab und ihn sogar zum Truchseß ernannte.

[13] Auch für seinen jugendlichen Neffen wurde gesorgt, indem man ihn bei der königlichen Familie als Pagen anstellte.

Arbogast war ein wunderschöner, bereits zum Jüngling heranreifender Knabe, dem blondes Haar bis auf den Rücken hernieder wallte. Er war für sein Alter sehr groß; sein ganzer Gliederbau versprach sich zu der stattlichen Höhe, die sein Oheim hatte, zu entwickeln. Sein Gesicht, ganz Milch und Blut, hatte den Ausdruck eines mit der lieblichsten Milde gepaarten Ernstes, und die seelenvollen blauen Augen verriethen ein Wesen voll argloser Unschuld, das betrogen werden, aber nicht selbst betrügen kann. Er war auch bald ein Liebling des ganzen Hofes geworden.

Der König hatte ein Töchterchen, Dona Diafanta mit Namen, nur ein wenig jünger als der Page, von einem früh entwickelten feurigen Geiste und einer seltenen Schönheit, die sich jeden Tag zu vervollkommnen schien. Sie hatte eine besondere Vorliebe für Arbogast und behandelte ihn mit einer Vertraulichkeit, wie sie zwischen Bruder und Schwester besteht. Wenn die Prinzessin in der Morgenfrühe ihr Roß besteigen sollte, stand Arbogast [14] da, mit der Federzier auf der Kappe, die Armbrust auf dem Rücken, den Falken auf der Faust. Er half ihr den Fuß in den Steigbügel setzen und folgte ihr, voran im Kreise der Stallmeister und Jäger, oft zur Seite.

Einmal, nur kurze Zeit nach dem Diensteintritte des Pagen, sagte die Prinzessin Diafanta: „Arbogast, wir wollen Dich im Wälschen unterrichten. Oder, ich weiß noch etwas Besseres als Kurzweil: Du lehrst uns Deutsch, – wir wollen Dich Wälsch lehren.“

„Wie gern, gnädige Fürstin,“ sagte Arbogast. „Doch ich kann in Allem nur Euer Gnaden Schüler, nicht Euer Lehrer sein. Ich bin ein armer Diener. Euer Gnaden etwas thun oder sagen heißen, wäre gegen die schuldige Ehrerbietung.“

„Wer hätte etwas dagegen einzuwenden,“ erwiderte die Prinzessin, „wenn ich mich daran erfreute?“

So gingen die Reden hin und her, und der Reden Ende war, daß die Beiden viel unter den Bäumen des Gartens zusammensaßen und Arbogast den Lehrer machte. Er ließ sich das Studium der Landessprache so angelegen sein, daß er jede freie Stunde bei Tag und Nacht nutzte, [15] sich ihrer Meister zu machen. Er brachte es auch in der That in unglaublich kurzer Zeit so weit, daß er sich im gewöhnlichen Umgange leicht und fließend ausdrücken konnte. Die Prinzessin dagegen hielt nicht gleichen Schritt im Deutschen; denn sobald Arbogast eine gewisse Stufe der Fertigkeit erreicht hatte, redete sie nur in der Muttersprache zu ihm, da ihr diese mehr vom Herzen ging.

Einmal hatte es Feste am Hofe gegeben, Fremde waren da, es war sehr lebendig im Schlosse, aber Dona Diafanta war wenig zu sehen. Arbogast schlich in den Garten; finster, die Arme übereinander geschlagen, saß er auf einer Bank und starrte vor sich hin.

„O warum,“ sagte er zu sich, „ist mir diese Liebe in’s Herz gegeben! Wer bin ich, daß ich an sie zu denken wage! Wie lange wird es noch dauern, und einer dieser hohen Gäste führt Diafanta als Braut heim! Doch diesen Tag will ich nimmermehr erleben! ...“

Er vernahm Schritte und blickte auf. Dona Diafanta stand vor ihm. Er fuhr zusammen, es war ihm, als müßte sie seine geheimsten Gedanken ihm vom Gesicht lesen können.

[16] „Ich brauche einen Strauß Rosen,“ sagte sie. „Dort – von jener Hecke – Brich sie für mich, aber vorsichtig, vorsichtig – die Dornen stechen gar scharf –“

„Erlauchte Prinzessin,“ erwiderte Argobast, „Euch wollte ich Rosen brechen, wenn sie mich auch zu Tode verletzen würden ...“

Er eilte fort, während Diafanta ihm gedankenvoll nachsah und kam bald mit einem großen Strauße zurück, den er ihr gebeugten Kniees überreichte. In die Mitte der Rosen hatte er eine hohe Königslilie gestellt und vor diese ein blaues Blümlein, das gleichsam sehnsüchtig zur hohen Blume emporschaute.

„Was soll dies Blümlein?“ fragte die Prinzessin. „Hat es etwa seine Gedanken auf die Königslilie gestellt?“

„In aller Treue und Demuth,“ erwiderte der Jüngling.

„Dies Blümlein, das sich für bescheiden hält, ist in der That sehr kühn,“ sagte Diafanta, während sie den vor ihr noch immer Knieenden mit seltsamen Blicken betrachtete. „Ich habe Dich nur um Rosen gebeten, Arbogast!“

[17] Damit eilte sie fort, ohne ein Wort des Dankes und hatte doch sehen müssen, daß Arbogast’s Hände blutig von den Dornen gestochen waren. In größter Bewegung schwankte der Jüngling davon. Abends war Bankett und Fest, Arbogast, der dabei keinen Dienst hatte, spähte nach den Fenstern, bekam aber die Prinzessin nicht mehr zu sehen.

Erst nach mehreren Tagen sah er sie wieder, ihm war, als ob ihre Augen ihn wieder traulich anblickten. Des Vorfalls mit den Rosen ward nimmer gedacht.

Einige Jahre waren vergangen, während welchen Arbogast erst als Page am Hofe diente und zuletzt eine Ehrenstelle bei dem königlichen Jagd-Personale, zu der ihn seine adelige Geburt ohnehin befähigte, inne hatte. Diese Dienstveränderung hatte ihn des häufigen Verkehrs mit der Prinzessin nicht beraubt, eher die Gelegenheiten, ihr näher zu treten, vermehrt, da dieselbe eine leidenschaftliche Jägerin geworden war.

Dona Diafanta war inzwischen zu einer voll entwickelten Jungfrau herangewachsen, und es war keine Schmeichelei, wenn man sie allerorten das schönste Mädchen [18] von Portugal nannte. Ohne ihren Rang jemals zu vergessen, war sie Arbogast gegenüber die gütige Herrin und zugleich die ehemalige Jugendgespielin geblieben.

Arbogast fühlte seine bevorzugte Stellung wohl, aber fern von jeder Selbstüberhebung war er immer der bescheidene und ehrerbietige Diener geblieben. Auch er war ein vollendet schöner Jüngling geworden, bei dem eine edle Männlichkeit sehr frühe hervorgetreten war. Kein Wunder, daß die Frauen des Südens für ihn schwärmten, ja, ihn nicht selten mit brennenden Liebesaugen anblickten. Auch unter den Schloßfrauen am Hofe hatte es mehr als eine verführerische Sirene gegeben, die ihn an sich locken und besitzen wollte; aber für Arbogast schienen diese Versuchungen keine Versuchungen zu sein. Ruhig und ohne jeden Kampf wußte er allen ihm gelegten Fallstricken auszuweichen.

Eines Abends war Arbogast nach den Strapazen einer Jagd spät in sein Schlafgemach gekommen. Er hatte den Tag über viel mit der Prinzessin ganz allein verkehrt und war der Gefahr, von einem angeschossenen Hirsch getödtet zu werden, wunderbar entgangen.

[19] Er warf sich auf einen Stuhl und seufzte laut: „Ich bin der unglücklichste Mensch!“

Er verstummte wieder, schlug die Hände zusammen und saß mit tiefgesenktem Kopfe traurig da. Nach einiger Zeit sagte er zu sich: „Das geht nicht mit rechten Dingen zu! Es giebt Zauber, die einem alle Krankheiten anhängen, – das ist ausgemachte Sache. Warum sollte man Einem nicht das Blut mit Liebe, und gar mit einer so ganz tollen Liebe, wie die meinige, vergiften können? Wer hat mir das angethan? Wenn die Prinzessin von den frevlen Gefühlen, die mich durchtoben, nur eine Ahnung hätte, so würde sie mich auf das Schimpflichste davonjagen! O, daß mich heute der Hirsch auf seine Geweihe genommen und hoch in die Lüfte geschleudert hätte! Ich hätte Ruhe. Wie glücklich könnte ich sein, wenn ich die Prinzessin niemals gesehen! Lange, lange konnte ich Alles, was in mir vorgeht, verheimlichen, – jetzt aber muß ich fürchten, ich verrathe mich! Heute auf der Jagd, – wie gern wäre ich, wenn ich allein mit ihr im Gebüsche lauerte und sie mich mit freundlich herablassenden Worten, wie einen ihres Gleichen lächelnd anredete, [20] zu Boden gesunken, ihr den Staub von den Schuhen wegzuküssen! Ich kann diese Qualen nicht länger ertragen. Es ist jetzt nicht mehr Liebe, sondern Wahnsinn, und ich kann nicht mehr für das gutstehen, was ich thue oder ihr sage! Ich sollte sie nicht mehr schauen, sollte weit, weit von ihr fort sein. Einst war mir dieser Gedanke wie der Tod; jetzt betrachte ich ihn als das einzige Mittel meiner Heilung! Ich muß fort! Und ich Thor wünsche mir da, auf der Jagd von einem Hirsche aufs Geweih genommen zu werden? Ist es nicht nützlicher, besser, ehrenvoller und meiner tapfern Vorfahren würdiger, im Kampfe mit den Heiden den Tod zu finden? Ermanne Dich Arbogast! Fort, fort von hier, dorthin, wo mich ihre schönen Augen nicht mehr peinigen.“

Gesagt, gethan.

Er sandte noch in der nämlichen Nacht ganz im Geheimen einen Boten an seinen Oheim, Ritter von Wolfegg, mit der Bitte, sich unverzüglich bei dem Könige für ihn zu verwenden, daß ihn dieser in seine Kriegsdienste aufnehme.


[21]

Drittes Capitel.


Arbogast.

Arbogasts Gesuch war im rechten Augenblicke eingetroffen. Der König hatte gerade jetzt, mehr als je, Kriegsleute nöthig. Es war nämlich so eben die schreckliche Kunde angelangt, daß der Beherrscher von Cordova mit starker Macht in’s Land eingebrochen sei, die Grenzfestung Fueraforte überrumpelt und die ganze Besatzung niedergesäbelt habe. Es war nun zu erwarten, daß der Feind, auf den eroberten Punkt gestützt, seine Verheerungen tiefer in’s Land hinein fortsetzen werde.

Ritter von Wolfegg hatte inzwischen an den Grenzen des Königreichs da und dort ohne Unterlaß gekämpft und, da ein vollständiger Erfolg jede seiner Unternehmungen krönte, sich den Namen und das Ansehen eines unüberwindlichen Anführers erworben. Der König hatte ihn [22] mit Auszeichnungen überhäuft, ihm Reichthümer und große Ländereien geschenkt. Es gab nichts, was er einem solchen Manne versagt hätte. Sobald er daher von ihm den Wunsch Arbogasts erfahren hatte, sandte er Letzterem den Befehl zu, unverzüglich zu den unter der Anführung seines Oheims stehenden Leuten zu stoßen, um gleich gegen den Maurenfürsten von Cordova auszuziehen und denselben aus dem Lande hinaustreiben zu helfen.

Arbogast empfing die königliche Botschaft mit eben so viel Freude als Bestürzung, je nachdem die Begierde nach Waffenruhm oder die tief in der Brust verschlossene Liebe die Oberhand hatte.

Sein Oheim wollte dem Feinde in Eilmärschen entgegenziehen, und Arbogast hatte vollauf zu thun, sich fertig zu machen, um sich rechtzeitig mit ihm zu vereinen.

Die überraschende Kunde seines Abgangs zum Heere hatte sich in den Hofkreisen schnell verbreitet; seltsamer Weise aber war Dona Diafanta eine der Letzten, denen dieselbe zu Ohren kam. Sie hörte die Nachricht an, ohne eine Miene zu verziehen, ohne ein Wort fallen zu lassen, zog sich aber bald in die Einsamkeit ihres Gemaches [23] zurück. Trauer und Zorn bewegten abwechselnd ihre Brust.

Endlich sagte sie, sich Luft machend, zu sich selbst: „Mir nichts vorher zu sagen, wiewohl er sich doch lange mit dem Entschluß getragen haben muß! Wäre er mir entrissen, von meinem Vater fortgejagt, mir von der Seite genommen, es thäte mir nicht so wehe, als zu sehen, daß er freiwillig geht! .... Noch auf der letzten Jagd, – was habe ich mir eingebildet an ihm zu bemerken, zu errathen! Ich hielt ihn oft für im Innersten ergriffen, von einer unausgesprochenen Pein gefoltert, von Gefühlen erdrückt, die er nicht wagte in einem Seufzer hinauszuhauchen. Jetzt ist es klar. Er hat nie etwas für mich gefühlt! Alles, was ich an ihm bemerkte, war nur der Gehorsam, die Pflichttreue und Hingebung eines vortrefflichen Dieners, der diese Tugenden von einem Herrn zum andern gleichmäßig überträgt! Und dennoch wollte ich ihn immer noch um mich haben, mich noch länger täuschen, noch weiterhin versuchen, Feuer zu hauchen in diese eiskalte, nordische Seele! O, Gott verzeihe es mir, – ich wollte, daß er plötzlich krank, schwer krank würde [24] und hier bleiben müßte! Läßt sich denn nichts machen, seine Abreise zu hintertreiben? Mir fällt nichts ein, ich bin rathlos. Nur noch einmal werde ich ihn sehen und dann, – Gott weiß, wann oder ob jemals wieder! Ich muß mich in mein entsetzliches Schicksal fügen. Wenn ich beim Abschiede nur eine einzige Thräne in seinen Augen sehe, werde ich nicht mehr unglücklich sein. Aber er sucht Ruhm und weint nicht um mich! Wenn ich gar einen Kuß von ihm haben könnte, – aber er kann nicht küssen! Sein Mund hat noch nichts geküßt, als das Krucifix! Ebenso leicht könnte ich erwarten, daß die Statue dort in der Nische herabstiege und mich in ihre Arme schlösse.“

Die Sonne neigte sich zum Untergange. Arbogast sollte schon beim Morgengrauen ausreiten, um seine neue Laufbahn anzutreten. Die Prinzessin ging in den Garten hinab und lauerte auf den Geliebten, um ihn womöglich zum letzten Mal ohne Zeugen zu sprechen.

Es fing schon zu dunkeln an. Diafanta war an einem Springbrunnen, den Wasser hervorblasende Tritonen umgaben, vorübergekommen, als sie Arbogast erblickte. Sofort rief sie ihn herbei.

[25] Ein Cypressenwäldchen, durch welches kein Sonnenstrahl dringen konnte, umgab den Platz und schützte die Dastehenden vor jedem Späherauge.

„Kein Wort vorher zu sagen, daß Du gehen wolltest!“ Mit diesen Worten empfing die Prinzessin den Herantretenden. „Du handelst unrecht, ja verrätherisch. War ich Dir nicht jeder Zeit eine gütige Herrin? Ja, hab’ ich nicht gar oft vergessen Dir gegenüber, daß ich eine Königstochter bin?“

Niedergeschmettert begann Arbogast Worte der Entschuldigung hervorzustammeln, doch Dona Diafanta fiel ihm in’s Wort. „Sage nichts! Dafür giebt es keine Entschuldigung,“ sagte sie in demselben heftigen Tone. „Wenigstens hättest Du mir Zeit lassen sollen, Jemanden zu suchen oder zu finden, der mir paßt, mir gefällt, um Deine Stelle zu ersetzen.“

Diese Rede schnitt Arbogast tief in’s Herz, gab ihm aber auch den Muth, seiner Angebeteten ruhig in die Augen zu schauen.

„Euer Gnaden,“ erwiderte er, „thun Ihrem treuesten und ergebensten Diener sehr wehe! Ich verlasse nicht den [26] Dienst; ich ändere ihn nur, da ich jetzt für Ihren hohen Vater, den König, und das Land mein Blut zu vergießen gehe.“

Sein Anblick hatte ihren Zorn geschmolzen; sie versetzte mit wiedererwachender Liebe:

„Damit machst Du freilich Alles wieder gut! Ja, Du hast Dich an mir vergangen, aber ich verzeihe Dir von Herzen! Man hört so viel von großen Kämpfen, – ich wollte, ich wäre ein Mann, könnte mit Dir gegen die Mauren ziehen und an Deiner Seite fechten! Welch trauriges Loos hat hienieden das Weib! Wenn der Mann einen Kummer hat, so kann er sich in’s Weltgewühl stürzen und Alles vergessen, – wir müssen zu Hause sitzen bleiben, und der Kummer sitzt mit, neben uns! Gehe mit Gott! Möge Dein Schutzengel Dich durch alle Gefahren tragen! Und hier, zum Zeichen der vollständigen Versöhnung, meine Hand, – Du darfst sie küssen!“

Der arglose Jüngling, ohne Ahnung von der Gegenliebe der Prinzessin, von ihren Vorwürfen eingeschüchtert, von ihren strengen Blicken irregeführt, vermochte nur mit einer fast übermenschlichen Anstrengung sein [27] pochendes Herz zu bewältigen, um noch im allerletzten Augenblicke den Schein zu retten.

Ohne Zittern ergriff er auf’s Zarteste die ihm dargereichte Hand und küßte sie mit einer ehrerbietigen Scheu, sodaß der Kuß eher hingehaucht, als daraufgedrückt war. Darauf stürzte er eilends fort, während die Prinzessin, wie festgebannt auf der Stelle, ihm nachblickte, bis er in der Säulenhalle des Palastes verschwunden war.


[28]

Viertes Capitel.


Ein Ruhmestag.

Ehe der Ritter von Wolfegg alle Mannschaften vereinigt, die nöthig waren, um einem so starken Gegner mit Aussicht auf Erfolg die Spitze zu bieten, hatte der Feind, vom ersten Siege berauscht, weite Länderstrecken überfluthet. Zuläufer aus allen maurischen Reichen, die noch immer den größten Theil der iberischen Halbinsel ausmachten, vermehrten tagtäglich die an sich schon mächtigen Kriegsschaaren. Ueberall wurde geplündert, gesengt, gemordet und die Jugend in die Sclaverei geschleppt.

Der Schrecken in ganz Portugal war furchtbar groß, aber nicht größer, als die Gefahr, die dem Lande drohte. In allen Kirchen wurden Gebete und Andachten angeordnet, um den Segen Gottes auf die christlichen Waffen herabzuflehen. Beim Empfange der ersten Nachricht von [29] dem Heranzuge des portugiesischen Kriegsvolkes unter Anführung des gefürchteten Ritters von Wolfegg zog der Maurenfürst seine weit und breit zerstreuten Mordbanden schnell an sich und ließ alle Pässe und Bergschluchten, die zu ihm in’s Thal führten, stark besetzen.

Als die Portugiesen dort angekommen waren und alle Wege verrammelt fanden, entspannen sich die ersten Kämpfe, die viele Menschenleben kosteten, aber keinen nennenswerthen Erfolg hatten.

Während der Maurenfürst, an die neueroberte Bergfeste Fueraforte gelehnt, mit dem ansehnlichsten Theile seiner Streitmacht in hundert und aber hundert Zelten campirte, sich über die fruchtlosen Anstrengungen der ungläubigen Hunde freute und auf den schließlichen Sieg mit Hilfe Allahs und seines Propheten gläubig rechnete, wurde er plötzlich gewahr, daß der Krieg um die Bergpässe ein Scheinkampf gewesen, und daß er arglistig umgangen war.

Ritter Wolfegg marschirte mit seiner Hauptmacht heran und faßte den Feind im Rücken. Dem Maurenfürsten blieb keine Wahl; er mußte eine entscheidende [30] Schlacht anbieten. Die feindlichen Schaaren geriethen aneinander.

Es war von beiden Seiten ein Kampf auf Tod und Leben. Da gab es ein Schwirren der Geschosse und ein Rasseln und Klirren der Waffen, wie man es seit der Erstürmung Lissabons nicht wieder gehört hatte. Endlich, nach langem, zweifelhaftem Ringen neigte sich das Glück den Portugiesen zu, und bald war der Sieg ein vollständiger. Das ganze Zeltlager des Feindes fiel mit seiner reichen Beute in die Hände des Siegers.

Arbogast hatte eine Tapferkeit, einen Löwenmuth an den Tag gelegt, welche allgemeine Bewunderung erregten; er brachte Abends nach der Schlacht seine Trophäen in des Oheims Zelt. Diese bestanden in einem Turban mit einem kostbaren Edelstein, einem maurischen Kriegsmantel mit kostbarer Agraffe und aus den prachtvollsten orientalischen Waffen. Dies alles gehörte dem Bruder des Maurenfürsten, den Arbogast im Schlachtgetümmel getödtet hatte.

Jetzt galt es nur, die Bergfeste Fueraforte wieder zurückzugewinnen, und dieses Werk wurde auch alsbald [31] begonnen, ehe sich die Mauren von dem ersten Schrecken ihrer Niederlage erholt hatten. Auch das gelang nach einem an Menschenopfern reichen Tage. Zehnmal hatte man die obersten Walle erstiegen, und zehnmal wurden die Eindringlinge auf die Köpfe der Nachstürmenden herabgeschleudert, bis es endlich Arbogast gelang, mit einem Häuflein festen Fuß zu fassen und die christliche Fahne an Stelle der heidnischen aufzupflanzen.

Der Feldzug war ebenso rasch, als erfolgreich beendigt, hatte aber im letzten Augenblicke vor der Einnahme der Bergfeste noch ein kostbares Opfer gefordert. Ritter von Wolfegg, der dicht vor den Wällen die Anstürmenden anfeuerte und herbeigesprungen war, um eine in’s Wanken gerathene Sturmleiter halten zu helfen, wurde von einem herabgeworfenen Steinblocke schwer auf den Kopf getroffen.

Arbogast, von seinem neuen Erfolge berauscht, war nicht wenig entsetzt, als er herabgerufen wurde, an das Sterbelager feines Oheims zu treten. Er fand ihn auf dem Bette eines maurischen Zeltes ausgestreckt, mit einer weitklaffenden Wunde am Kopfe, von Freunden, Aerzten und Mönchen umgeben, die Augen geschlossen, bewußtlos. [32] Nur der Athem zeigte, daß er noch am Leben sei. Der Jüngling, dem auch an diesem Glückstage keine ungemischte Freude vergönnt war, kniete an dem Bette seines Oheims nieder, weinte und betete.

Da rührte sich der Alte zum ersten Male und machte Versuche, die Augen aufzuschlagen. Arbogast und die übrigen Anwesenden geriethen in die höchste Spannung. Man sah dem Kranken an, daß er noch sprechen wollte, ja etwas unverständlich murmelte. Arbogast fühlte sich wie erleichtert und schöpfte einige Hoffnung, um so mehr, als sein Oheim mehrere Worte deutsch, jedoch ohne verständlichen Sinn, hervorstieß. Der Jüngling, der hier allein Deutsch verstand, rückte näher und hielt sein Ohr dicht an den Mund des Sterbenden, um ja jede Silbe aufzufangen.

Plötzlich sagte Ritter von Wolfegg ganz deutlich, aber schwer und mühselig, in langen Zwischenpausen: „Heute ist – der Jahrestag, – da habe ich den Schwabenherzog – erschlagen!“

Er riß die Augen weit auf, doch nur, um sie für immer wieder zu schließen.


[33]

Fünftes Capitel.


Der Rath des Mönchs.

Wie die Freude über die Siege in ganz Portugal allgemein war, so war es auch die Trauer um den tapferen, verdienten Anführer. Der König hatte die Absicht, dem geschiedenen Helden ein feierliches Leichenbegängniß zu veranstalten, und beauftragte Arbogast, den Leichnam nach Lissabon zu bringen, wo sich jetzt der Hof aufhielt.

Arbogast war seit dem Tode seines Oheims ein anderer Mensch geworden. Sein ganzes Aussehen war wie verwandelt, sein ganzes inneres Wesen verstört. Mit Mühe war er zum Sprechen zu bringen; er aß und trank kaum so viel, um das Leben zu fristen. Tiefsinnig begleitete er den Wagen, welcher die irdischen Ueberreste seines Oheims enthielt, alle Ansprache des kleinen Häufleins, das den Zug bildete, ängstlich vermeidend.

[34] Unter den Mönchen, welche, Gebete hersagend, dem Sarge folgten, befand sich ein alter, gar ehrwürdig aussehender Mann, der Arbogast bei jeder Gelegenheit die aufrichtigste Theilnahme bezeugte. Er war der Einzige, mit welchem dieser zu Zeiten ein wenig sprach und zuweilen, wie es schien, noch mehr sprechen wollte, ohne dazu den Muth zu finden.

Der Zug hatte das Gebirge überschritten und war nur noch eine kleine Tagereise von Lissabon entfernt. Arbogast stieg vom Pferde und ging eine Zeit lang zu Fuße, wie er es oftmals gethan. Da näherte sich ihm jener eisgraue Mönch und sagte: „Möge Dich Gott stärken und in seine besondere Obhut nehmen! Tiefer kann man nicht um seinen eigenen Vater trauern.“

„Er war wie mein Vater,“ erwiderte Arbogast. „Ihm verdanke ich Alles. Ohne ihn wäre ich im Schwabenlande verdorben. Ich trage das allergrößte Leid, – aber nicht dieses Leid allein!“

„Was sonst kann Dein Herz beschweren?“ versetzte der Mönch. „Du hast so außerordentliche Kriegsthaten vollbracht, daß der König für Dich sorgen würde, auch [35] wenn er nicht aus Rücksicht auf Deinen Oheim dazu verpflichtet wäre.“

„O, frommer Bruder, daran denke ich nicht,“ sagte Arbogast mit einem tiefen Seufzer.

„Sprich, sprich!“ drang der Mönch in ihn. „Schweigen erdrückt, das offene Geständniß erleichtert die Seele. Ist es nicht mein heiliges Amt, Leidtragende zu trösten, die Irrenden auf den rechten Weg zu bringen und den Verzweifelnden den Himmel zu öffnen?“

„Seit ich Dich zum ersten Male erblickt,“ erwiderte Arbogast, „habe ich schon das größte Vertrauen zu Dir gefaßt. Es hat sich inzwischen erhöht, nicht vermindert. Längst hätte ich Dir mein Herz geöffnet; aber ich weiß selbst nicht, warum sich mein Mund nicht öffnen will.“

„Ich sehe, wie es um Dich steht,“ sprach der greise Mönch. „Ein ungeheures Herzeleid macht stumm. Ueberdies bist Du noch ein junges Blut und brauchst den Rath der Alten. Schweige nicht länger! Ich will Dir rathen, Dir helfen und, was Du mir auch anvertrauest, getreulich in meine Brust verschließen.“

Da sagte Arbogast nach einem sichtlichen Kampf [36] mit sich selbst: „Der Tod meines Oheims ist ein Schlag, stark genug, mich zu beugen; allein das ist nicht Alles, was meine Seele krank macht und mir alle Lust am Leben raubt. Hast Du vielleicht gehört, warum mein Oheim aus dem Schwabenlande entfloh?“

„Ich weiß es,“ versetzte der Mönch, „Es ist ruchbar geworden weit und breit. O, sei unbesorgt um sein Seelenheil! Er hat seine Schuld mit einem Strom von Heidenblut ausgiebig getilgt, und ihm wird der Himmel nicht verschlossen sein.“

„Bedenke,“ sprach Arbogast bedeutsam, „daß ihn der Steinblock am Jahrestage seiner Blutschuld getroffen hat!“

„Was Du sagst, was Du sagst!“ rief der Mönch erstaunt aus.

„An dem Jahrestage,“ fuhr Arbogast fort. „Glaubst Du nicht, daß somit Gottes Hand selber ihn zu Boden gestreckt hat?“

„Da ist nicht leicht die rechte Antwort zu finden,“ versetzte der Mönch. „Doch wie dem sei, grüble nicht weiter darüber! Was Gott thut, das ist wohlgethan.“

„Wenn Du mich auch über sein Seelenheil beruhigst,“ [37] sprach Arbogast, „so ist das nicht Alles! Ich fürchte nämlich auch für mich. Ich bin der Letzte seines Stammes, und die heilige Schrift sagt, daß schwere Thaten bis in’s vierte Glied gerächt werden, Kannst Du Dich da wundern, daß ich meiner Zukunft mißtraue und so traurig bin?“

„Auch darüber darfst Du nicht grübeln, junger Mensch,“ gab der Mönch zur Antwort. „Gott verhängt oft über die Gerechtesten die grausamsten Prüfungen und läßt die Ruchlosen im Taumel des Glückes und der Freuden fortwandeln bis an die Pforten der Hölle! Sei fromm und brav, und denke, das Erbarmen des Herrn ist groß.“

„Ich will Deinem Rathe folgen,“« erwiderte Arbogast, „aber dies ist noch immer nicht Alles, worüber ich von Dir belehrt sein möchte. Was hältst Du von Zauberei und Hexenkunst?“

„Gott im Himmel!“ rief der Mönch ganz entsetzt. „ich will nicht annehmen, daß Du Dich mit solchen unsauberen, verdammenswerthen Dingen befaßt und befleckt haft?“

„Ich treibe keine Zauberei,“ gab Arbogast zur [38] Antwort. „Ich fürchte nur, daß ich ein Opfer derselben bin. Hast Du ein solches Teufelswerk schon selbst gesehen?“

„Ich war erst unlängst dabei,“ sprach der Mönch sehr ernsthaft, „als eine Hexe, die einen ganzen Landstrich mit Hagel verwüstet hatte, von den wüthenden Landleuten erschlagen worden ist. Ich habe eine Hexe verbrennen sehen, die einem ganz ehrbaren Manne eine unnatürliche Neigung zu seiner eigenen Tochter eingeflößt hatte –“

„Das wollte ich wissen!“ rief Arbogast, ganz betroffen.

„Liebe und Haß lassen sich allerdings durch höllische Mittel erzeugen,“ bekräftigte der Mönch, „und ich weiß nicht, was von beiden das schlimmere ist!“

„Wenn ich so wenig liebte, als ich hasse,“ fiel ihm Arbogast in’s Wort, „so wäre mir die schrecklichste Herzensqual ganz unbekannt. Ich liebe und weiß, daß es unheilbringend und voll Gefahren; ich weiß, daß es vergeblich und für alle Zeit hoffnungslos ist. Dennoch aber liebe ich fort und fort. Und diese tolle Leidenschaft läßt mich nirgend los, nicht im Gewühle der Schlacht, ja nicht einmal hinter diesem Sarge! Auch da durchbricht sie meine [39] Trauer und spielt mir schmeichlerisch ein Glück vor, das unerreichbar, unerfüllbar ist. Sprecht, frommer, weiser Mann, wer kann mich, und wie kann man mich von diesem Seelenübel befreien?“

„Durch die Gnadenmittel der Kirche,“ erwiderte der Mönch, „kannst Du geheilt werden. Bete, faste, unternimm eine lange Pilgerfahrt nach einem wunderthätigen Orte und meide die, die Du liebst, wie die Sünde. Trachte, sie nie zu sehen, ihr nie zu begegnen; denn Du kannst nimmer genesen, so lange Du sie vor den Augen hast.“

„Das will ich thun,“ erwiderte Arbogast. „Das gelobe ich feierlich! Ich will ihr ausweichen, will vor ihr fliehen, – das schwöre ich bei allen Heiligen.

Hier endete das Gespräch. Arbogast bestieg sein Pferd wieder und kam mit dem Trauerzuge in später Nacht in Lissabon an, wo der Sarg in aller Stille von der Domgeistlichkeit in Empfang genommen und einstweilen in einer Seitencapelle beigesetzt wurde.

Der Katafalk war bereits im Dome aufgerichtet, und das Begräbniß sollte mit allem Pomp und der größten Feierlichkeit vor sich gehen. Das war des Königs Wille.


[40]

Sechstes Capitel.


Am Katharinenkloster.

Als die Trauerfeierlichkeiten vorüber gegangen waren, wurde Arbogast in Anerkennung seiner Tapferkeit über einen Kriegshaufen von hundert Mann gestellt. Alle Ländereien, mit welchen sein verstorbener Oheim belehnt war, wurden gleichzeitig auf ihn übertragen.

Arbogast weinte, als ihm der König diese besonderen Gnaden ertheilte. Diese Thränen entsprangen sowohl der Rührung, als seinen Gewissensbissen. Arm und verlassen, aus einer mit der Acht belegten, aus der Heimath fortgejagten Familie stammend, nun plötzlich zu Reichthümern, Ehren und einem festen, sicheren Wohnsitze gekommen, unterlag er dem überwältigenden Eindruck, daß er dem Geber aller dieser Wohlthaten mit einer vermessenen, freventlichen, von bösen Mächten eingegebenen Liebe zu dessen Tochter lohne.

[41] Da jetzt im ganzen Königreiche Frieden herrschte, wie wenn die Heiden rings herum seit der letzten großen Niederlage vollständig eingeschüchtert worden seien, stand Arbogast nichts im Wege, eine Wallfahrt anzutreten, um seine Seele so schnell als möglich zu reinigen, und er kam in der That, wenn auch nicht ganz geheilt, so doch mit einem mehr beruhigten Gemüthe und einem gestärkten Willen nach Lissabon zu seinen Dienstpflichten zurück.

Da berief ihn der König eines Tages und sagte zu ihm: „Eine theure Verwandte von mir will eine Himmelsbraut werden und wird demnächst durch feierliche Anlegung der Ordenskleider in den Orden der Nonnen von Odoleyte aufgenommen werden. Meine Tochter Diafanta muß der heiligen Handlung beiwohnen, da ich es selbst nicht thun kann, weil kein Mann in die heiligen Räume zugelassen wird. Sammle zwanzig Deiner erlesensten Leute und geleite Dona Diafanta nach dem Katharinen-Kloster auf dem heiligen Berge von Odoleyte. Wähle in meinem Marstall die edelsten Rosse für Dich und Deine Leute und erscheine morgen in aller Frühe vor dem Palaste.“

[42] Arbogast war wie vom Blitze getroffen und erblaßte. Er hatte die Prinzessin seit dem Austritt aus ihren Diensten nicht wiedergesehen, noch wiederzusehen gewünscht; aber er mußte dem königlichen Befehle gehorchen.

Seine Aufregung war unbeschreiblich groß, als er die Prinzessin am anderen Morgen erblickte, während er mit seiner Leibwache salutirte und mit seiner Mannschaft den Wagen, in welchem Dona Diafanta mit zwei Begleiterinnen saß, in die Mitte nahm. Sie hatte ihm mit dem süßesten Lächeln einen Gruß zugenickt.

„Kann es sein, kann es sein?“ sagte Arbogast zu sich, als er auf der staubigen Straße dem Zuge voransprengte. „Sie ist so wunderschön, schöner als alle Weiber aus der Welt! Sollte es wirklich böser Zauber bedürfen, um sie so toll zu lieben? Ich kann es fast nicht glauben; dennoch aber will ich von dieser Liebe nichts wissen. …“

Nach mehrstündigem Ritte waren sie am Fuße des Bergkegels angelangt, aus welchem das Kloster, von Wällen umgeben, wie eine Feste stand.

Von da an führte ein steiler, doch nicht allzu schmaler [43] Saumpfad an der Bergwand einer jäh und wild herabfallenden Schlucht in die Höhe empor. In Folge eines furchtbaren Ungewitters war jedoch der Pfad an mehreren Stellen durch Abrutschung des Gesteines so stark beschädigt, daß er seit einigen Tagen nur zu Fuße zu begehen war. Wagen, Pferde und Maulthiere wurden also zurückgelassen, und man begann frohen Muthes hinanzusteigen. Mit jedem Schritte, den man vorwärts that, wurde der Abgrund zur Seite tiefer und tiefer, und endlich, als man schon in die Nähe des Klosters emporgeklommen war, schwindlig tief. Hier gelangte man zu der schwierigsten Stelle. Der Weg, der sich am äußersten Rande hinzog, wo der Fels weit über seine Grundveste hinausragte, war eine ziemliche Strecke ganz hinweggerissen, beinahe verschwunden, sodaß man nur einen Fuß vor den anderen setzen konnte.

Die Männer der Leibwache gingen unbedenklich weiter, aber auch die beiden Hofdamen. Nur die Prinzessin schien sich wider alles Erwarten zu besinnen und zu fürchten. Plötzlich wandte sie sich zu Arbogast, der noch mit einigen Leuten hinter ihr stand, und sagte: „Willst Du mir nicht die Hand geben und mich über die böse Stelle hinübergeleiten?“

[44] Und ehe Arbogast antworten konnte, hatte sie ihn an der Hand ergriffen und preßte dieselbe stärker und stärker. Die Berührung ging Arbogast durch Mark und Bein.

„Das läßt sich nicht ausführen, Euer Gnaden,“ sagte er. „Da würde Eins das Andere in die Tiefe reißen.“

„Du bist so stark,“ versetzte die Prinzessin mit der lieblichsten Miene. „Du kannst mich wie eine Feder hinübertragen.“

Arbogast bückte sich und nahm sie auf den Arm, während sie ihn am Halse mit beiden Armen fest umschlang und, wie um den gefürchteten Abgrund nicht zu sehen, ihr Gesicht an sein weit herniederwallendes Haar drückte. Wie in einem Taumel schritt Arbogast mit seiner Last dahin; er richtete seine Augen bald vorwärts auf den möglicherweise unterhöhlten Boden, bald hinab in die Tiefe, von wo die Hütten der Menschen fast unkenntlich zu ihm heraufschauten; alles schwirrte vor seinen Blicken, ihm war, als wenn er es nicht länger ertragen könnte. Er war sich kaum bewußt, daß ihn die Prinzessin auch noch auf die Wange geküßt hatte und ihm dabei in’s Ohr lispelte: „Ich liebe Dich bis zum Sterben!“

Als sodann Arbogast die Stelle passirt und seine Bürde [45] abgesetzt hatte, wunderte er sich, daß er nicht in den Abgrund gefallen war. Jubel und Bestürzung kämpften in seiner Brust; aber der Jubel überwog.

Nach einem kurzen Marsche war das Ziel zu rechter Zeit erreicht; die Einkleidung der Nonne sollte eben stattfinden. Arbogast, der mit seinen Leuten die Rückkehr der Prinzessin draußen vor der Klosterpforte erwarten mußte, konnte sich jetzt ungestört das Geschehene, das ihm lange wie ein Traum vorgekommen war, zum Bewußtsein bringen und klar machen.

„Wie blöde ich war!“ sagte er, mit sich in’s Reine gekommen, endlich zu sich. „Sie hat mich schon längst geliebt! Es ist, als wenn ich es zuvor nicht gewagt hätte, sie zu verstehen. Aber was nun, Arbogast? Soll ich, oder soll ich nicht? Und wenn ich auch sonst keine Bedenken hätte, als daß sie eine Königstochter ist, so sollte ich doch einsehen, daß es kein gutes Ende nehmen kann und in’s Verderben führt! Doch was liegt daran! Man stirbt für seinen Fürsten; man stirbt, um Haus und Herd zu vertheidigen; man stirbt, schuldig und unschuldig, auf alle Art! Sollte ich nicht für das Theuerste und [46] Liebste auf der Welt sterben können? Sagte sie denn nicht auch selbst zu mir, daß sie mich bis zum Sterben liebe? Sie hat mir das Herz mit eigener Hand wieder geöffnet, und ich fühle weder die Lust noch die Macht, es vor ihr zu verschließen. Ich bin der seligste Mensch unter der Sonne!“

Unter solchen Gedanken war die Zeit schnell verstrichen; die Prinzessin kam von der heiligen Ceremonie mit ihren beiden Damen aus den Klosterhallen wieder hervor.

Es war schon Nachmittag; man konnte Lissabon nicht vor Mitternacht erreichen. Mit erröthenden Wangen und niedergeschlagenen Augen ging die Prinzessin an Arbogast vorüber, eilte aber sodann mit lustigen Sprüngen den Saumpfad hinunter. Arbogast lief ihr nach, von dem süßen, glühenden Wunsche und der einschmeichelnden Hoffnung erfüllt, sie wieder über die schmale Stelle auf den Armen tragen zu dürfen; aber er war bitter enttäuscht, als er sah, daß die Prinzessin, ohne zu zaudern und sich zu bedenken, den gefährlichen Weg mit der Raschheit und Sicherheit einer Gemse dahinschwebte.

Ohne weitere Zwischenfälle wurde die Landstraße [47] erreicht, wo die Frauen den Wagen, die Männer die Pferde bestiegen. Vor dem Einsteigen erhaschte die Prinzessin eine Gelegenheit und sagte zu Arbogast, der erwartungsvoll, doch bescheiden, zur Seite stand, mit schüchternem Geflüster: „Was wirst Du von mir denken? Ich schäme mich, Dir in’s Gesicht zu sehen.....“

„Ihr habt ein Werk der Barmherzigkeit an mir gethan,“ erwiderte Arbogast. „Ich liebe Euch im Stillen schon lange, sehr lange, und nächst Gott am meisten. Ihr habt einen Todten zum Leben wieder zurückgerufen.“

Freudestrahlend warf sich die Prinzessin in den Wagen, und nun ging es in scharfem Trabe vorwärts.

Die Nacht war schon lange hereingebrochen; schwere Wolken, vom Westen gekommen, verstärkten die Dunkelheit. Die Landstraße näherte sich ab und zu dem Meere, von welchem ein frischer, stoßweise heftiger Wind dem Lande zuwehte.

Bald wurde von Allen auf dem vor ihnen befindlichen Wege ein eigenthümlicher Schein am Himmel bemerkt, dessen Farbe fortwährend an Stärke zunahm und sich endlich bis zur Gluth steigerte. Es war kein Zweifel, daß in einem, hinter einem hohen Felsvorsprunge [48] liegenden Orte ein arger Brand wüthe. Es konnte dies nur ein kleines Fischerdorf sein, das hart am Ufer in einer Meeresbucht stand.

Als die Stelle, an welcher auch die Straße nach Lissabon weiterführte, erreicht war, sah man alle Häuser in Flammen und hörte trotz des Geprassels des Feuers und des lauten Tobens der Meereswogen Angst- und Hilferufe von Männern und Weibern. Alle Pferde wurden unruhig; einzelne scheuten, aber am wildesten geberdeten sich jene, die vor den Wagen gespannt waren. Sie hätten den Wagen umgeworfen oder in einen Graben geschleudert, wenn nicht schnell einige Männer aus den Sätteln gesprungen wären und sie am Zügel erfaßt hätten, um sie mit Gewalt vorüber zu führen.

Als Alles auf diese Art mit sich zu thun hatte, fiel es doch Diesem und Jenem auf und konnte kaum unbemerkt bleiben, daß mehrere, in weiße Mäntel und Kapuzen gekleidete Gestalten von der Brandstätte her hervorhuschten und aus dem dicken Rauche, den der heftige Wind zuweilen ebenso rasch theilte, als zusammenballte, zum Vorschein kamen.

[49] Es waren Sarazenen, die hier, von der Dunkelheit der Nacht begünstigt, gelandet und seither ihr Werk der Plünderung und Zerstörung beendet hatten.

Im Nu waren die Reiter und sogar der etwas seitwärts haltende Wagen von ihnen umringt. Der Kampf brach los. Arbogast, der nahe dem Wagen stand, metzelte sogleich einige der Gesellen, welche die Königstochter, seine Geliebte, anzutasten wagten, nieder, während mehrere von seiner Mannschaft mit der gleichen Geistesgegenwart und demselben Erfolge dreinhieben. Der Wagen war frei, die scharfgepeitschten Rosse griffen mächtig aus, brausten von dannen und brachten den Wagen aus dem Bereich der Gefahr glücklich hinaus.

„Aber wo bleibt Arbogast? Ich sehe ihn nicht!“ rief Diafanta.

„Er wird nachkommen, wenn er diese Teufel gehörig gezüchtigt,“ war die Antwort.

Aber Arbogast erschien nicht.

Als die Prinzessin in unbeschreiblicher Aufregung und Angst Lissabon erreicht hatte, wurde auf die Schreckenskunde hin sofort eine starke Reiterschaar abgesandt, um [50] den bedrängten Waffengefährten zu Hilfe zu eilen. Die Reiterschaar erreichte die Wahl- und Brandstatt, – Niemand, auch kein Flüchtiger, kam ihr entgegen. Dies wurde als ein bedenkliches Zeichen betrachtet; man war von böser Ahnung erfüllt.

Sie bestätigte sich: die Hilfe war zu spät gekommen. Die Häuser waren niedergebrannt; da und dort glomm und rauchte irgend ein Balken. Der Platz war mit Leichen bedeckt. Die ganze Leibwache bis auf den letzten Mann lag todt dahingestreckt. Die doppelte Anzahl der erschlagenen Feinde zeigte auf die überzeugendste Weise, daß sich Jeder tapfer gehalten und die Schaar einer erdrückenden Uebermacht unterlegen sei.

Nur Arbogasts Leichnam fand sich nicht vor. Wohl lag sein Roß da, mit aufgeschlitztem Bauche, aber weder sein Helm, noch eine seiner Waffen war aufzufinden. Das war ein Trost, aber ein gar schrecklicher. Es mußte als eine, über jeden Zweifel erhabene Thatsache angenommen werden, daß Arbogast bis auf’s Aeußerste gekämpft habe, sodann aber entwaffnet, gefangen genommen und auf dem Piraten-Schiffe fortgeschleppt worden sei.


[51]

Siebentes Capitel.


Graf Albrecht von Werdenberg.

Während sich diese Ereignisse in Portugal zutrugen, hatte sich auch auf dem Schlosse Werdenberg, fern am Oberrhein, gar Vieles verändert. Der alte Graf Heinrich war gestorben; der zweitgeborne Sohn, sein Liebling Albrecht, den er schon bei Lebzeiten zum Nachfolger bestimmt hatte, nahm die Regierung der sämmtlichen Lande in die Hand.

Diese väterliche Verfügung hatte den übrigen Söhnen, von denen der älteste Herr auf Sargans, der zweite Domherr in Straßburg und der dritte Truchseß in Böhmen bei Karl dem Einäugigen war, von allem Anfang an sehr mißfallen, und der geheime, tiefe Groll brach alsbald in offene Feindseligkeiten aus. Erst griffen sie Albrecht an, [52] dann begannen sie sich untereinander zu befehden und würden sich bei ihrem fortwachsenden Grimme zu Grunde gerichtet haben, wenn nicht die schwäbische Ritterschaft dazwischen getreten wäre, Hansen von Waldburg und Konrad von Eckenstädten ausgesandt und die feindlichen Brüder mit Execution bedroht hätte.

In Konstanz sollte ein Vergleich vorgeschlagen werden. Die streitenden Theile schickten zu ihren Verwandten, den Grafen von Ortenburg und Radeck, welche mit viel Kriegsvolk eintrafen. Diese und die anderen Kriegsleute mußten aber draußen vor der Stadt bleiben; denn die Konstanzer ließen einen Fürsten nur mit zwölf, einen Grafen mit fünf, einen Herrn mit drei und einen Ritter oder Edelmann nur mit einem Mann in ihre Mauern ein.

Ein Schiedsgericht wurde gewählt und die rasch gefällte Entscheidung von den streitenden Parteien mit mehr oder weniger Befriedigung angenommen. Graf Albrecht war mit dem Vertrage am wenigsten zufrieden, wiewohl er die geringste Ursache dazu hatte; denn ihm war das Schloß Werdenberg mit dem ansehnlichsten Theile der väterlichen Erbschaft verblieben. Aber er war ein [53] ehrgeiziger, thatendurstiger Mann, der große Pläne im Schilde führte und deshalb auch von dem verstorbenen Vater mit besonderer Bevorzugung vor allen seinen Brüdern behandelt worden war. Er hatte immer vom Zuwachs seine Gebietes geträumt und nun ein gutes Stück davon verloren; auch war der ihm noch gehörige Besitz durch die blutigen Erbschafts-Fehden arg verwüstet und herabgekommen. An große Unternehmungen war auf längere Zeit hinaus nicht zu denken.

Der erste Kreuzzug, in welchem sich der abenteuerliche Geist jener Zeitepoche bei der gemeinschaftlichen Ausführung einer Großthat offenbarte, hatte die Kampflust und Eroberungssucht der Einzelnen nicht gedämpft, sondern eher entfesselt. Ueberdies waren die glänzenden Erfolge Wilhelms, der England erobert, und des anderen Normannen-Herzogs, der sich Neapels bemächtigt, lockende Beispiele, die den kleinen und großen Machthabern vor Augen gaukelten.

Graf Albrecht, nicht allein ein Kind seiner Zeit, sondern auch von einem leicht entzündlichen Geiste, ein Mann, den alles schwer Ausführbare anzog und das [54] gleichsam Unmögliche am mächtigsten reizte, konnte daher das ruhige Leben auf seinem Schlosse nicht lange ertragen. In ihm reifte rasch der Entschluß, sich vorerst mit einigen Begleitern auf die Reise zu begeben, um die Welt, die er nur vom Hörensagen kannte, mit eigenen Augen kennen zu lernen und ein Feld für seine künftigen Thaten aufzusuchen, auf dem er dann später mit ganzer Macht, vielleicht von Bundesgenossen unterstützt, erscheinen wollte.

Gesagt, gethan. Mit wenigen, aber erlesenen Leuten, alle von gleich hoher, heldenhafter Gestalt, wie die seinige, mit den besten Waffen und prächtigsten Rossen brach er auf, nachdem er seine Schlösser verläßlichen Vögten zur Verwaltung übergeben hatte. Als er beim Abzuge die Gefährten seiner Abenteuer im Schloßhofe von Werdenberg musterte, fand er einen Mann unter ihnen, welcher mitzugehen gar nicht aufgefordert worden war, noch auch bisher darum nachgesucht hatte. Sein Name war Thomas Lyrer, und er einer Familie entsprossen, die schon seit mehreren Generationen in den Diensten des gräflichen Hauses stand. Er hatte sich in Brigitte, die schöne [55] Tochter des Thurmwächters, verliebt und sollte demnächst Hochzeit halten.

„Wie geräthst Du auf einmal unter uns?“ rief ihm Graf Albrecht erstaunt, aber nicht böse zu. „Hast Du Dich mit Deiner Braut gezankt und ist Alles plötzlich auseinandergegangen?“

„Wäre es auf das arme Ding angekommen,“ erwiderte Thomas, „so wäre ich zu Hause sitzen geblieben. Im letzten Augenblicke riß ich mich los. Wie könnte ich eine vergnügte Stunde haben, ja nur ruhig schlafen, wenn ich weiß, daß mein gnädiger Herr unter fremden Menschen, in fremden Ländern allen denkbaren Gefahren entgegen geht? Wir sind nur Brautleute. Wenn unser Kriegsherr ruft, muß man auch Weib und Kind verlassen.“

Von dieser Selbstverleugnung und aufopfernden Anhänglichkeit gerührt, erwiderte der Graf: „Du warst mir immer ein treuer und nützlicher Geselle, den ich ungern von meiner Ritterfahrt ausgeschlossen hatte, und nur deshalb, weil ich die Heirathserlaubniß, die ich Dir gegeben, nicht auf diese Art gleichsam zurücknehmen wollte. Wohlan, ziehe mit!“

[56] Er wollte sich umwenden und den Marschbefehl geben, als er oben am Fenster eines Seitengebäudes Brigitte gewahr wurde, die, in Thränen gebadet, dem Geliebten nachblickte, welchen sie vielleicht nie wieder schauen sollte. Er rief zu ihr hinauf: „Ich werde Dich für Deine Thränen belohnen und, wenn ich heimkehre, für Euren Hausstand ausgiebig sorgen. Sei guten Muths, Brigitte! Ihr seid Beide noch jung und könnt ein paar Jährchen leicht warten.“

Der Zug trabte rasch aus dem Schlosse hinaus, dem Rheine zu. Und nun ging es von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, kreuz und quer. Man lernte zahllose Volksstämme und fremdartige Sitten und ganz neue Dinge kennen, bestand auch mancherlei Gefahren und hatte lustige und ernste Abenteuer, ohne daß jedoch Graf Albrecht die Stelle seines künftigen Ruhmes gefunden hätte, die zu entdecken er ausgezogen war.

Ueberall war er mit Ehren empfangen, gern gesehen und ungern fortgelassen worden, sowohl des berühmten Namens halber, den er trug, als wegen seines gewinnenden, klugen Benehmens und seines überaus schönen und [57] heldenmäßigen Aussehens, das den Männern Achtung gebot und den Damen gar oft Liebesqualen bereitete.

Als die kleine Schaar nach mehr als zweijährigen Wanderungen nach Tarascon im südlichen Frankreich gekommen war, wurde dort ein groß Turnier abgehalten, bei dem sich Graf Albrecht besonders auszeichnete und sämmtliche Gegner aus dem Felde schlug. Die Ritter und Herren, die sich aus allen Nachbarreichen eingefunden hatten, waren alle seines Lobes voll. Unter ihnen befand sich auch ein portugiesischer Grande, der eine hohe Stellung am Hofe zu Lissabon einnahm. Er sagte bei seiner Verabschiedung zum Grafen von Werdenberg:

„Mein König weiß die Tapferkeit zu schätzen und ist den Deutschen, deren es viele in seinem Lande giebt, besonders hold. Ihr solltet nicht versäumen, auch Lissabon einen Besuch abzustatten. Ich will dem König von Euch erzählen, und es gäbe kein Begehren, das er Euch abschlagen würde.“

Obwohl hoch erfreut, das zu hören, ließ sich Graf Albrecht in seinen aufgestellten Reiseplänen nicht stören, sondern zog über die Pyrenäen nach Spanien, wo er ein [58] ganzes Jahr, und zwar einen großen Theil dieser Zeit am Hoflager des Königs von Castilien und Leon verweilte. Aber mochte er daselbst auch die lehrreichsten Erfahrungen gesammelt und die fremdartigen Lebensverhältnisse der bunt durcheinander geworfenen Volksstämme mit immer neuem Erstaunen kennen gelernt haben, dem Ziele seiner hochfliegenden Pläne fand er sich nicht um einen Schritt näher.

Enttäuscht, aber keineswegs ernüchtert, vielmehr tausendfach angestachelt, dem Traumbilde seiner Wünsche noch weiter nachzujagen, und sollte er bis an’s Ende der Welt vordringen müssen, kehrte er dem Lande den Rücken und kam endlich mit dem Häuflein seiner getreuen Begleiter wohlbehalten in Lissabon an.


[59]

Achtes Capitel.


Dona Diafanta.

Dem Grafen Albrecht war die Kunde von seiner Ankunft in Lissabon vorangeeilt. Er war auf das freudigste überrascht und fühlte sich hochgeehrt, als er von königlichen Abgesandten am Stadtthore willkommen geheißen wurde und dann erfuhr, daß der König ihm und seinen Leuten Quartier und Bewirthung anbiete und auf das Sehnlichste wünsche, ihn in seinem Palaste feierlich zu empfangen, sobald er sich von den Strapazen der Reise erholt haben würde. Graf Albrecht säumte nicht lange, dem Wunsche des Königs zu entsprechen. Eine große Volksmenge war zusammengeströmt, als er an einem dazu bestimmten Tage seinen feierlichen Einzug in den Palast hielt.

[60] Auf einem prächtigen, weißen Hengste, einen glänzenden Ringelpanzer über einem herrlichen Waffenhemde am Leibe, einen vergoldeten Flügelhelm auf dem Haupte, das gezückte Schwert in der Hand, ritt der Graf mit seinen Mannen, die in ihren blankgeputzten schönen Rüstungen nicht minder anziehend aussahen, durch die Straßen langsamen Schrittes, während das Volk bei dem Anblick der auserlesenen Kriegerschaar, die aus lauter echt deutschen Reckengestalten bestand, seiner Freude und Bewunderung mit endlosen Rufen Luft machte.

Der Empfang im Palaste war der glänzendste. Der König umarmte und küßte seinen edlen Gast und versprach ihm, so weit seine Macht reichte, alle Wünsche und Anliegen, die er vorzubringen hätte, zu erfüllen.

Schon an einem der nächsten Tage wurde dem Grafen zu Ehren in dem Garten des Palastes ein großes Gastmahl gegeben, das unter einem prachtvollen, eigens dazu hergerichteten Zelte abgehalten wurde. Graf Albrecht saß dem Könige zur Rechten, von den höchsten Reichswürdenträgern umgeben, des Königs Tochter, Dona Diafanta, ihm in einiger Entfernung gegenüber.

[61] Graf Albrecht, dem das Essen und der Wein trefflich mundeten, führte, auf’s Beste aufgeräumt, fast immer das Wort, indem er aus dem reichen Schatze seiner Erlebnisse bald eine ernste bald eine lustige Geschichte erzählte und auf das nimmergestillte Verlangen seiner gefesselten Zuhörer hin immer weiter fortfahren mußte. Wie sehr er aber auch bei der Sache war, seinen Blicken entgingen nicht die vielen schönen Damen an der Tafel, am allerwenigsten die Prinzessin, die auf ihn den Eindruck des schönsten Weibes machte, das er je im Leben zu Gesicht bekommen. Und als die Prinzessin, die erst schüchtern und wie verstohlen zugehört hatte, seinen Erzählungen immer offener Aufmerksamkeit schenkte, fühlte auch er sich ermuthigt, sie öfter anzusehen, und ihm war endlich, wie wenn ihre ausdrucksvollen, feurig schwarzen Augen wie aus geheimen Schlupfwinkeln seinen Blicken zuweilen entgegenführen. Da fühlte er plötzlich seine Brust so süß bewegt, seinen Athem stocken, und er hatte Mühe, die Zerstreutheit, die ihn überfiel, vor seinen Zuhörern zu verbergen.

Als die Tafel aufgehoben war und die Gesellschaft sich in den weiten, schattigen Räumen des königlichen [62] Gartens zu zerstreuen anfing, führte der König den Grafen zu seiner Tochter und ließ Beide nach einer kurzen und schmeichelhaften Vorstellung allein.

„Wie beneide ich Euch und alle Männer!“ sagte Dona Diafanta. „Von welcher Reiselust bin ich verzehrt, und ach, wie sehr wünsche ich Gottes wunderbare Welt mit eigenen Augen zu sehen! Ich höre Geschichten aus fremden Ländern ausnehmend gern und lasse oft die Schiffer, die aus entlegenen Weltgegenden kommen, zu mir rufen und mir von ihnen erzählen.“

„Viel Wunderbares habe ich gesehen,“ erwiderte der Graf, von der Nähe der Prinzessin und ihren schönen Augen, in deren ganze Tiefe er hineinblicken konnte, wie berauscht. „Aber das Allerwunderbarste, was ich auf meinen langen Fahrten gefunden, – das seid Ihr selbst!“

Dona Diafanta antwortete mit mildem Ernst, doch nicht ohne Vorwurf: „Ich hätte Euch für ernsthafter gehalten, Eurer Miene und Eurem Aussehen nach.“

„Verzeihung,“ rief der Graf, höchst betroffen und verwirrt, „wenn ich gegen die schuldige Ehrerbietung [63] verstoßen habe! Ich wäre aber an dem Worte erstickt, wenn ich es nicht ausgesprochen hätte!“

Um den Mund der Prinzessin spielte ein seltsames, vieldeutiges Lächeln. „Erzählt mir etwas von Eurer Heimath,“ sagte sie ruhig, „so macht Ihr Alles wieder gut. Ihr müßt doch den Ritter Walther von Wolfegg wohl gekannt haben?“

„In den vielen Kämpfen,“ gab der Graf zur Antwort, „die mein nun in Gott ruhender Vater mit dem Schwabenherzog geführt, bin ich dem Ritter oft auf dem Schlachtfelde gegenübergestanden und habe ihn auch auf unserem Schlosse als Friedens-Unterhändler gesehen. Dann, nach der Verübung seiner allzuraschen, blutigen That lebte er einige Zeit bei uns; mein Vater ließ ihn ungern fortziehen, und nach Allem, was ich höre, hat Portugal nicht zu bereuen, daß er geächtet worden ist.“

„Da müßt Ihr wohl auch seinen Neffen Arbogast kennen?“ rief die Prinzessin rasch.

„Arbogast?“ erwiderte der Graf. „Ich kenne den Namen nicht. Euer Gnaden werden wohl den dreizehn- oder [64] vierzehnjährigen Jungen meinen, der den Ritter von Wolfegg damals begleitete?“

„Ganz richtig!“ warf die Prinzessin hin.

„Ich entsinne mich seiner,“ sprach der Graf, „und ich entsinne mich seiner nicht. Ich würde ihn nicht erkennen, wenn er hier vor mir stünde. Ich weiß, daß sein Haar bis an die Schultern herabhing, – aber das ist auch Alles. Was ist aus ihm geworden?“

„Das kann nur der Himmel sagen,“ erwiderte Dona Diafanta. „Er ist vor drei Jahren in die Gefangenschaft der Heiden gerathen.“

„Das ist härter, als der Tod,“ bemerkte Graf Albrecht.

„Und nun sagt mir, edler Graf,“ sprach die Prinzessin, „wie lange Ihr hier im Lande zu verweilen gedenkt?“

„Bis jetzt giebt es Nichts, was mich hinwegdrängt und an die Weiterreise denken läßt,“ gab der Graf zur Antwort, „sondern alle Umstände vereinigen sich, mich hier zu fesseln. Ich weiß die Gnaden und Ehren, die ich an diesem Hofe erfahre, zu schätzen und fühle, mag ich [65] aufbrechen wann immer, ob früher, ob später, daß ich nur mit sehr schwerem Herzen von dannen ziehen werde.“

Da kam der König mit einem großen Gefolge seiner Gäste und Hofleute heran. Graf Albrecht benutzte den Augenblick, sich fast unbemerkt fortzustehlen und eine einsame Stelle des Gartens auszusuchen, gleich wie der verwundete Löwe in ein Dickicht schleicht. Er hatte nöthig, zum Bewußtsein zu kommen und sich über seine Gefühle Rechenschaft abzulegen, welche ihn wie ein reißender Strom mit sich davontrugen.

Eine mächtige Leidenschaft hatte ihn ergriffen, wie sie ihm noch keine der Damen, die er im Leben gesehen, auch nur annähernd stark eingeflößt, sei es, daß die Prinzessin seinem Geschmacke mehr zusagte, sei es, daß das Kühne und Vermessene, eine Königstochter zu lieben, seinen romantischen Sinn ganz besonders reizte.

Seit dieser Stunde war er wie verwandelt; alle seine Gewohnheiten hatten sich verändert: ein Hang zum Nachdenken, zur Selbstbeschauung war an die Stelle seiner frischen, unermüdlichen Thatenlust getreten. Er sah die Prinzessin von Zeit zu Zeit, bald in Gesellschaft mit [66] Anderen, bald allein. Seit der ersten Begegnung war sie immer dieselbe, voll freundlicher Güte, die seine Hoffnung anfachte, und voll Zurückhaltung, die ihn gleich wieder einschüchterte.

So waren mehrere Wochen verstrichen, ohne daß er dem erträumten Glücke eine Spanne weit näher gerückt wäre. Eines Tages machte er, von Thomas gefolgt, einen Spaziergang auf einer der Höhen, an welche sich Lissabon lehnt. Der treue Diener, der die Veränderung an dem Grafen längst bemerkt hatte, ohne jedoch eine Ahnung zu haben, was die Ursache war, ging langsam hinter ihm her, von dem immermehr überhandnehmenden Schweigen und Brüten seines sonst so lebhaften Herrn beängstigt.

Als sie in sengender Sonnengluth ziemlich hoch hinauf gekommen waren, lagerte sich der Graf auf dem spärlichen, halb verdorrten Rasen, der im Schatten einiger mächtigen Olivenbäume ein kurzes Leben gefristet hatte, und hieß Thomas dasselbe thun.

Lange Zeit fiel kein Wort.

„Thomas, Thomas!“ sagte auf einmal der Graf, [67] sich aufraffend. „Du hast mir ein Opfer gebracht, als Du Dein hübsches Bräutchen meinetwegen verließest. Ich habe Dir gleich meine Erkenntlichkeit dafür ausgedrückt; aber damals habe ich noch nicht gewußt, welchen Muth und welche Selbstüberwindung es gekostet haben muß, eine zu verlassen, die uns liebt, da es ja schon so schwer, so ungeheuer schwer und fast unmöglich ist, eine zu verlassen, von der man gar nicht wieder geliebt wird!“

„Das war freilich ein hartes Stück Arbeit, von Schloß Werdenberg fortzugehn,“ erwiderte Thomas in seiner schlichten Weise, „aber eine Arbeit, mit der man niemals fertig wird, – denn ich muß immer und immer wieder der Heimath gedenken.“

„Hast Du also Heimweh?“ fragte der Graf.

„Mehr und weniger,“ versetzte Thomas, Muth schöpfend, „je nach dem Orte, an dem wir weilen. Hier aber hört es gar nicht auf. Was soll einem hier gefallen? Aus diesen nackten, dürren Felsen, wo kaum ein Baum Wurzeln fassen kann, mit einer Handvoll Erde bedeckt, wo die Pflugschar gleich stumpf würde! In einer Sonne, die einem den letzten Schweißtropfen auspreßt! [68] Wie sollte ich mich da nicht nach meinem theuren Rheinthale zurücksehnen, nach unseren schattigen Wäldern, nach unseren ewig grünen Alpenmatten?“

„Und nach der schönen Brigitte!“ fügte der Graf lächelnd hinzu. „Doch Du hast in einer Art Recht. Wir haben uns jetzt hier lange genug müßig herumgetrieben. Wir wollen hier nicht verrosten und verfaulen, – mein Entschluß steht fest, felsenfest!“

Er erhob sich lebhaft; der Ausdruck des Kummers, der so lange auf seinem Gesichte gelegen, war wie weggeblasen. Thomas war auf das Freudigste überrascht und stand ebenfalls auf.

„Wir haben noch einen weiten Weg vor uns,“ fuhr der Graf fort, „doch wenn uns Gottes gnädiger Schutz nicht ferner fehlt, so werden wir noch vor Ablauf dieses Jahres unser liebes Rheinthal wieder sehen und den heiligen Weihnachtsabend auf dem Schlosse Werdenberg feiern.“

Thomas jubelte laut auf.

„Da wirst Du Deiner Brigitte viel zu erzählen haben,“ sprach der Graf, „und doch steht Alles, was wir [69] bisher gesehen, den Merkwürdigkeiten weit nach, die uns jetzt erwarten. Das schönste, wunderbarste Stück der Reise liegt vor uns. Wir werden das herrliche Mittelmeer befahren, an den Küsten von Frankreich und Italien vorüberstreichen, die griechischen Inseln und zuletzt das heilige Grab unseres Erlösers in Jerusalem besuchen. Ich will gleich in den Hafen hinabsteigen und ein tüchtiges und bequemes Schiff miethen oder kaufen.“

Sie traten den Rückweg an. Thomas schritt kleinlaut hinter seinem Herrn dahin. Er wäre von den Reiseaussichten entzückt gewesen, wenn er über das Mittelmeer auf seinem Pferde hätte dahinreiten können. Der unbekannte, geheimnißvolle Ocean flößte ihm ein schreckliches Bangen ein. Aber er fürchtete sich nicht so sehr vor Schiffbrüchen und Seeräubern, als vor den grausigen See-Unholden und den Gespenster-Schiffen.


[70]

Neuntes Capitel.


Auf der Galeere.

Sobald König Alfons von der Abreise des Grafen Albrecht und dessen Reiseziele gehört hatte, ließ er den obersten Inspector seiner Kriegsflotte zu sich kommen und sagte zu ihm:

„Graf Albrecht von Werdenberg hat vor, das ganze Mittelmeer zu durchkreuzen und mag die Gefahren unterschätzen, die damit verbunden sind. Er sucht ein Schiff. Ich will ihm ein besseres anbieten, als er irgendwo finden kann. Wir haben den Sarazenen vor einiger Zeit eine Kriegsgaleere abgenommen, welche diese Seewölfe auch irgendwo zuvor gekapert haben. Sie ist von venetianischer Bauart, vollkommen seetüchtig und segelt, wie der Blitz. Sorget für eine hinreichende, gute Bemannung, [71] für Proviant und die gehörige Kriegsausrüstung! Da der Graf viele tapfere Männer mit sich hat, wird er im Stande sein, einen etwaigen Angriff auf offener See abzuschlagen.“

Der Befehl des Königs wurde ohne allen Zeitverlust ausgeführt, und Graf Albrecht begab sich am Tage vor seiner Abfahrt in’s königliche Schloß, um in derselben feierlichen Weise, in welcher er dort nach seiner Ankunft erschienen war, Abschied zu nehmen.

Als er dem König, den sein ganzer Hofstaat umgab, für die unendliche Güte und Fürsorge auf’s Wärmste gedankt hatte, wandte er sich an die Prinzessin, die unweit stand, und die er lange ängstlich gemieden hatte.

„Ich habe wohl von Eurer Abreise gehört,“ sagte Dona Diafanta nach der Anrede des Grafen, „doch Euer Reiseziel nicht gekannt, ja nicht einmal vermuthet. Zu spät ist es mir eingefallen, daß ich Euch einen Auftrag mitzugeben hätte –“

„Befehlen Euer Gnaden!“ rief Graf Albrecht mit großer Ueberraschung. „Kein Aufenthalt, kein Aufschub [72] würde mir zu lange dauern, um Euren leisesten Wunsch zu erfüllen –“

„Zu spät, zu spät!“ sagte die Prinzessin mit sichtlicher Verlegenheit und kaum verhehlter Erregung. „Ein Maler, den mein Vater aus Constantinopel kommen ließ, um die neue Schloßkapelle auszuschmücken, – kurz, es handelt sich um ein Bild, – ich wollte, – – jedoch ich weiß einen Ausweg, der noch besser zum Ziele führt – ohne Euch zu belästigen!“

„Ich würde mich durch Eure Befehle sehr geehrt fühlen,“ drang der Graf voller Eifer in sie.

„Nein, edler Graf,“ sprach der König, der Alles gehört hatte, dazwischentretend, „einer Laune meiner Tochter willen sollt Ihr keinen Augenblick verlieren –“

„Das ist sehr wahr,“ sprach die Prinzessin rasch. „Ich bestehe ja darauf nicht mehr, – Du hörst es, theurer Vater! Ja, edler Graf,“ fuhr sie, diesem einen Schritt näher tretend, fort, „Ihr macht eine herrliche, herrliche Fahrt! In die schönsten Länder und Inseln der Welt! Werdet Ihr wohl auch die Insel Rhodus berühren?“

[73] „Ich werde daselbst nicht blos landen,“ gab der Graf zur Antwort, sondern auch einen längeren Aufenthalt nehmen. Der gegenwärtige Ordensmeister, Graf von Pfirt, ist mein Landsmann; er war ein guter Freund meines in dem Herrn entschlafenen Vaters.“

Bald darauf verließ Graf Albrecht, von den Glückwünschen Aller begleitet, den königlichen Palast und begab sich mit seinen Mannen und den Rossen gleich auf das Schiff, dessen Einrichtung und Ausrüstung er nicht genug bewundern konnte. Nachdem er seinen Kriegsleuten alle daselbst befindlichen Angriffs- und Vertheidigungsmittel, die, Dank der großherzigen Fürsorge des Königs, ein wahres Arsenal bildeten, die Schiffshaken zum Entern der feindlichen Schiffe, die Enterbrücken, die Brandfackeln und all die übrigen Kampfwerkzeuge gezeigt und erklärt hatte, rief er aus:

„Wir müßten die größten Feiglinge sein, wenn wir noch die Seeräuber fürchteten! Wir müssen im Gegentheil inbrünstig wünschen, sie zu treffen!“

Die Nacht war eingebrochen, bevor Alles so weit gediehen war, um die Anker zu lichten und in See zu [74] stechen. In diesem Augenblicke kam Thomas in die geräumige, bequem eingerichtete Kajüte, in der sich der Graf soeben befand, eilig hinab.

„Gnädiger Heer,“ sagte er, „ein kleines Ruderboot ist mit zwei Frauen angefahren gekommen. Sie wollen auf das Verdeck, und da sie das Schiffsvolk zurückweist, sagen sie, daß sie für Euch bestimmtes Gepäck überbringen und Euch sprechen müssen. Da sie überdies gar sehr gedroht haben, schickt man sich an, sie sammt dem Gepäcke an Bord zu nehmen. Ich komme, Verhaltungsbefehle von Euch zu holen …“

„Was soll das sein?“ rief Graf Albrecht sehr verblüfft. „Gepäck für mich? Wohl wieder eines der vielen Reisegeschenke, mit welchen man mich in diesem gastlichen Lande erdrückt! Von wem es nur kommt?“

Allerhand tolle Gedanken durchfuhren seinen Kopf. „Laß die Frauen zu mir kommen und das Gepäck einschiffen!“

Das war unterdessen geschehen. Thomas traf die beiden Frauen bereits auf der schmalen Treppe, die in die Kajüte hinabführte, und zog sich, als er ihnen die Thür [75] geöffnet und diese hinter ihnen geschlossen hatte, zurück. Beide trugen lange, bis an den Fuß reichende Mäntel, und ihr Gesicht war hinter den dichten schwarzen Schleiern nicht sichtbar. Während die Eine, den Schleier lüftend, mit viel Fassung gleich auf den Grafen zutrat, klammerte sich die Andere unweit der Thür erst mit einer, dann auch mit der andern Hand an die Kajütenwand an, und es schien, als wenn ihr Körper zusammenbrechen wollte.

„Fort, ungesäumt fort!“ sprach die Erstere, die den Schleier gelüftet und ihr schönes Gesicht mit klugen dunklen Augen gezeigt hatte, zum Grafen leise und geheimnißvoll, aber mit viel Nachdruck. „Ihr habt ein großes Kleinod an Bord, das Euch nicht entrissen werden darf! Die Dame da,“ – sie zeigte auf die Gestalt, die noch immer an der Wand lehnte, – „ist die Prinzessin Dona Diafanta!“

Graf Albrecht war sprachlos vor Erstaunen und konnte kein Wort hervorstammeln. Die Prinzessin wankte inzwischen einige Schritte weit bis zu einem Lehnstuhl, in welchen sie sich hineinwarf, indem sie ihr Gesicht, das der Schleier vor den Augen des Grafen ohnehin schützte, mit den Händen bedeckte.

[76] „Höre ich recht? Sehe ich recht?“ sagte der Graf, ganz außer sich, nach einer kleinen Pause. „Sprecht, sprecht nur ein einziges Wort, wenn Ihr Dona Diafanta seid, damit ich mich sicher stelle, daß ich nicht ein Opfer der Täuschung, ein Narr meiner Sinne bin!“

Er trat dicht vor die Prinzessin hin.

„Gebt das Zeichen zur Abfahrt!“ sagte diese drängend. „Fragt jetzt nicht viel, – Ihr werdet Alles hören!“

„Ich erkenne die Stimme,“ versetzte der Graf. „Ihr seid es, und es ist schrecklich, daß Ihr es seid! Was macht Ihr hier und was wollt Ihr hier?“

„Ich will mitfahren,“ erwiderte die Prinzessin; „aber verliert mit Fragen keine Zeit. Sucht das Weite!“

„Großer Heiland!“ rief der Graf, die Hände zusammenschlagend. „Wißt Ihr auch, was Ihr thut, was Ihr wagtet?“

„Wenn ich das nicht wüßte,“ gab die Prinzessin zur Antwort, „würde ich so am ganzen Leibe zittern und meine Schamröthe verbergen?“

„Ich schwöre beim lebendigen Gotte,“ rief der Graf, [77] „daß ich Euch nicht meinet- sondern Euretwillen von dem Schritte abrathe. Ich zittre um Euch!“

„Ihr werdet doch so viel Muth haben, wie ich?“ erwiderte die Prinzessin. „Meine That kann nicht mehr rückgängig gemacht werden, schon darum nicht, weil ich nicht vor Allen bloßgestellt sein möchte. Ich hätte übrigens von Euch einen besseren Empfang erwartet! Sind alle Eure Betheurungen, mit welchen Ihr so verschwenderisch waret, wo immer Ihr mich fandet, nichts gewesen, als schöntönende, leere Worte? Ich will und kann nicht mehr zurück! Wenn Ihr mich zurückweist, dann – springe ich hinunter in die Wellen!“

Graf Albrecht kämpfte einen schrecklichen Kampf mit sich und rief endlich: „Euer Wille geschehe! Mögen die Folgen nur auf mein Haupt fallen, nicht auf das Eurige!“

Er stürzte aus der Kajüte heraus, um das Zeichen zur Abfahrt zu geben. Nicht lange darauf schaukelte die Galeere aus dem Hafen in die offene See hinaus, wo sie von einer starken Brise, die der Fahrt sehr günstig war, ergriffen und raschen Fluges dahin getragen wurde. Graf Albrecht, der, um sich zu sammeln und Fassung zu [78] gewinnen, einige Zeit auf dem Verdecke geblieben war, sagte, als er die Lichter von Lissabon verlöschen sah, zu sich selbst: „Schickt uns der Himmel diesen günstigen Wind, oder die Hölle, – das möchte ich wissen!“

Dann begab er sich, die Kajüte den Frauen überlassend, in ein kleines Gelaß, wo er eine schlaflose Nacht verbrachte.


[79]

Zehntes Capitel.


Das Bild des Meisters Demetrios.

Bei dem herrlichsten Wetter hatte die Galeere eine große Strecke in ungewöhnlich kurzer Zeit zurückgelegt und war bereits in das mittelländische Meer eingelaufen. Als man auch das Felsenthor von Gibraltar, durch welches der atlantische Ocean den Schiffen mit seinen wilden Fluthen noch lange nachstürzt, weit hinter sich hatte, wurde die Fahrt immer lieblicher. Die Wellen legten sich, und ein azurblauer Wasserspiegel entzückte das Auge.

Die Prinzessin hatte seit ihrer Einschiffung die Kajüte nicht verlassen. Die tiefen Gemüths-Erschütterungen ließen eine große Schwäche zurück, die der äußersten Schonung bedurfte. Graf Albrecht hatte bis dahin nur wenige [80] unbedeutende Worte mit ihr gesprochen, wie oft er auch gekommen war, um nach ihrem Befinden und ihren Wünschen zu fragen; aber er glaubte bei jedem seiner Besuche immer deutlicher wahrzunehmen, daß sie sich nach dem Augenblicke sehne, ihre Gedanken mit ihm auszutauschen.

Die Auffassung der ganzen Lage hatte sich inzwischen bei ihm von Grund aus verändert. Als die erste Bestürzung vorüber war, entschloß er sich Anfangs, die Dinge zu nehmen, wie sie einmal waren, und sich in das Unabwendbare zu fügen; aber dieser rein vernünftige Standpunkt, der ihm zunächst einige Beruhigung gewährte, ließ sich nicht lange behaupten, da das unwillig zum Schweigen gebrachte Herz sofort darein redete und bald allein die Sprache führte.

Und nun war Alles gleich umgekehrt. Der Schrecken verwandelte sich in Freude, und was kurz vorher wie ein zerschmetterndes Verhängniß aussah, nahm sich wie eine glückliche, hocherwünschte Fügung des Himmels aus. Die wieder erwachte Liebe schwoll zu einer überwältigenden Leidenschaft an, vor welcher alle aufsteigenden Bedenken wie Spreu im Winde verflogen.

[81] Wenn er an die erste Zusammenkunft mit der Prinzessin und an alle späteren Begegnungen zurückdachte, glaubte er, daß er blind gewesen sei, ihre erst schüchtern, dann immer muthiger hervortretende Gegenliebe nicht gemerkt zu haben. Ihr sonderbares Benehmen beim Abschiede vor dem versammelten Hof schien ihm wie das Vorspiel der Flucht, zu welcher sie von der Verzweiflung getrieben wurde, als sie ihn für immer zu verlieren glaubte. Seiner jetzigen Auslegung nach waren die Aufträge, die sie ihm mitzugeben hatte und doch nicht bezeichnen konnte, die Geschichte von dem byzantinischen Maler und dem Bilde, nur Vorwände und die letzten Auskunftsmittel, um sich an den Scheidenden anzuklammern.

Das Herz zum Ueberfließen voll, setzte er sich eines Tages neben seinen treuen Thomas auf das Verdeck.

Thomas hatte, seit er die zwei unbekannten Frauen in die Kajüte seines Herrn geführt, von der weiteren Entwickelung der Dinge nichts gehört und sich darum nicht gekümmert, da er bald nach dem Auslaufen heftig von der Seekrankheit befallen war. Zwar seit Kurzem von derselben befreit, fühlte er sich doch noch immer matt und hinfällig.

[82] „Ich habe Dir die erfreulichsten Mittheilungen zu machen,“ sagte Graf Albrecht. „Wenn Du sie hörst, wirst Du sofort kerngesund werden. Das Meer kannst Du nicht liebgewinnen, wie ich weiß, – nun, da sage ich Dir, daß ich die lange Seereise ganz aufgegeben habe.“

„Da fällt mir, offen gesagt, ein großer Stein vom Herzen,“ rief Thomas vergnügt.

„Wir gehen in Genua an’s Land,“ fuhr der Graf fort, „steigen auf dem kürzesten Wege über die Alpen und sehen sonach in wenigen Wochen unser herrliches Rheinthal wieder!“

„Auch das noch!“ rief Thomas, freudig emporfahrend, „auch das noch!“

„Nun kommt das Schönste!“ sprach Graf Albrecht. „Sobald ich auf dem Schlosse Werdenberg erscheine, wird ein großes Fest veranstaltet, zu dem ich die Herren und Ritter aus der ganzen Welt einlade. Ich heirathe meine Braut, und Du führst die Deinige an demselben Tage heim.“

„Ei der Tausend!“ rief Thomas voll freudigen Erstaunens. „Mein gnädiger Herr ist Bräutigam? Jetzt [83] geht mir ein Licht auf! Und doch tappe ich in allem Uebrigen im Finstern!“

„Ich will Dir Alles anvertrauen,“ sprach der Graf; Du siehst, welche Stücke ich auf Dich halte. Meine Auserwählte ist eine der beiden Damen, die mit uns fahren!“

„Alle Wetter!“ rief Thomas sehr ernst. „Wer muß doch ihr Vater sein?“

„Warum stellst Du so die Frage?“. sagte der Graf gespannt.

„Mit Verlaub zu sagen,“ erwiderte Thomas, „das sieht ja wie eine Entführung aus?“

„Es sieht so aus, und das ist es auch,“ warf der Graf hin.

„Da frage ich freilich mit Recht,“ sagte Thomas, „wer der Vater sein muß, der einem so schönen, klugen, großen Herrn, wie Euer Gnaden, seine Tochter verweigert und ihn zu einem solchen Gewaltstreich nöthigt?“

„Ein weit größerer Herr, als ich,“ lautete die Antwort, „der König von Portugal!“

Thomas stand mit geöffnetem Munde sprachlos da und kratzte sich hinter dem Ohre.

[84] „Jetzt weißt Du mein Geheimniß,“ fuhr der Graf fort „Bewahre es wohl! Laß aber auch die Prinzessin nicht merken, daß Du weißt, wer sie ist.“

Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, als er die Aufforderung, in die Kajüte hinab zu kommen, erhielt. Er fand die Prinzessin am Fenster sitzend, ganz allein. Sie sah noch immer leidend, aber dennoch berückend schön aus.

„Setzt Euch neben mich,“ sagte sie lächelnd, mit eigenthümlicher Erregung, indem sie ihm die Rechte entgegen streckte.

Graf Albrecht drückte einen glühenden Kuß auf die dargebotene Hand und setzte sich, von Gefühlen des Glückes durchwogt, dem wunderbaren Mädchen gegenüber.

„Ich bin jetzt schon so viele Tage auf dem Schiffe,“ hob die Prinzessin an, „aber ich habe bisher nicht die Kraft gehabt, mich gegen Euch auszusprechen, wie sehr, wie dringend ich es auch wünschte. Ihr habt mich, als ich das Schiff betrat, gar barsch empfangen, und Gott weiß, wie Ihr noch jetzt über mich denken mögt!“

„Verzeiht,“ erwiderte Graf Albrecht. „Ich gestehe, daß ich bei Eurem Erscheinen sehr erschrak, mehr, weit [85] mehr, als wenn ich plötzlich von Seeräubern umringt und mein Schiff gekapert worden wäre. Daß ich Euch von einem so gefahrvollen, folgenreichen Schritte abrieth, sollte mir nicht zum Vorwurf gereichen! Ich hatte dabei nicht mich, nicht mein Herz, nicht mein eigenes Wohl im Auge, sondern nur Euren Vater, Euch, Euren guten Namen!“

„Jetzt bin ich einmal da,“ erwiderte die Prinzessin, „und hatte Zeit, mich zu fassen und mit meiner Lage vertraut zu machen. Der erste Schritt ist gethan, und ich darf nicht zaudern und zagen, den letzten zu machen. Alle Reue hilft nichts mehr.“

„Auch ich bin inzwischen mit der Lage vertraut geworden,“ rief der Graf und fuhr im Tone der höchsten Betheuerung fort: „Ich will Euer Beschützer, Euer Knecht und Diener sein! Mein ganzes Schicksal hängt von dem Eurigen ab! Gebietet über mich! Ihr seid nicht in meinen Händen und meiner Gewalt, – ich bin in der Eurigen.“

„Schwört nicht voreilig,“ fiel ihm Dona Diafanta in’s Wort, „ehe Ihr alle Aufschlüsse und Aufklärungen vernommen habt!“

[86] „Ich bin Euer mit Leib und Seele,“ rief der Graf; allein die Prinzessin ließ ihn nicht vollenden.

„Hört mich erst an,“ sagte sie mit Nachdruck. „Bleibt ruhig sitzen, bis Ihr genau wißt, wie die Dinge stehen. Hört also!“

„Ich bin ganz Ohr,“ sagte der Graf, von dem Fieberschauer hoher Erregung und Erwartung überflogen, da er die Prinzessin, die bis dahin eine so ruhige Fassung gezeigt hatte, sich plötzlich verändern sah. Ihre Augen funkelten; eine hohe Röthe stieg in ihr Gesicht; in ihren Zügen und Bewegungen that sich die größte Unruhe und Verlegenheit kund.

„Hört denn!“ sagte sie mit sichtlicher Anstrengung. „Doch wie und wo soll ich anfangen? Ah, da fällt es mir ein! Wir haben schon einmal davon gesprochen, und Ihr müßt Euch erinnern, daß in dem ersten Gespräche, das wir miteinander führten, von Arbogast von Wolfegg die Rede war?“

„Ich entsinne mich dessen genau,“ warf der Graf hin, sich im Stillen wundernd, was dieser Anfang bedeuten wolle.

[87] „Wohlan,“ fuhr die Prinzessin muthiger fort. „Arbogast trat zuerst als Page in unsere Dienste und später, sobald es sein Alter erlaubte, in das Heer. Seine große Tapferkeit, mit seinen übrigen Vorzügen verbunden, machte ihn bald berühmt und zum Liebling des ganzen Hofes. Der König überhäufte ihn mit Ehren und schenkte ihm beträchtliche Ländereien. Als ich mich einmal nach dem Kloster der heiligen Katharina begeben mußte, stellte ihn mein Vater, als den vertrauenswürdigsten und verläßlichsten Mann an die Spitze der Leibwache, die mich begleiten sollte. Auf dem Rückwege wurden wir in später Nacht von einem weit überlegenen Haufen von Heiden unversehens angefallen. Mein Wagen war im Nu von ihnen umringt. Zwei starke, eiserne Hände packten mich, und ich war nahe daran, aus dem Wagen gerissen zu werden, als Arbogast heransprengte und dem Räuber den Kopf in zwei Hälften spaltete, sodaß das Blut über meine Kleider spritzte. Mein Wagen wurde bald frei gemacht und ich entkam der schrecklichen Gefahr; aber die ganze Leibwache fiel in dem Kampfe, – bis auf Arbogast. Sein Leichnam wurde an dem Orte nicht vorgefunden. [88] Es war nur zu klar, daß er entwaffnet und in Gefangenschaft geschleppt worden war. Die Nachricht von dem Schicksal des jungen Mannes, dem ich Freiheit und Leben danke, hat auf mich einen unauslöschlichen Eindruck gemacht, – und –“

„Er hat nur seine Pflicht gethan,“ sagte der Graf sehr nüchtern. „Er würde im höchsten Grade tadelnswürdig gewesen sein, wenn er weniger gethan hätte.“

„Wollt Ihr sagen,“ versetzte die Prinzessin mit einer gewissen Schärfe, „daß sein Schicksal nicht das allertiefste Mitleid verdient, daß er nicht mein Retter ist? War nicht der König selbst ganz bestürzt? Kurz, ich nahm es mir tief zu Herzen, und als die vielen Kundschafter, die ausgesandt waren, ihn aufzusuchen, stets unverrichteter Dinge zurückkehrten und Niemand das große, verlockend große Lösegeld, das mein Vater auf Arbogasts Befreiung ausgesetzt hatte, einzustreichen kam, da habe ich alle Hoffnung, ihn wiederzusehen, verloren; aber ich mußte an ihn noch immer mehr, als zuvor, denken. Auf Schritt und Tritt fiel er mir ein und erschien mir gar oft Nachts im Traume. Das mit Blut bespritzte Kleid hatte ich [89] nicht weggeworfen oder zum Waschen gegeben, sondern aufgehoben und mußte es von Zeit zu Zeit anschauen, als ein grauenvolles Andenken, das mich an ihn beständig mahnt!“

„Habt Ihr nicht einmal gesagt,“ erwiderte der Graf, „daß es schon in das dritte Jahr geht, seit dieser junge Arbogast in die Gefangenschaft der Heiden gerathen ist?“

„Etwas über drei Jahre,“ gab die Prinzessin zur Antwort.

„Er ist kein gemeiner Mann,“ sprach Graf Albrecht. „Sollte er in so langer Zeit nicht Mittel und Wege gefunden haben, Nachricht von sich zu geben? Uebrdies ist seine Gefangenschaft nur eine Annahme, die auf keiner sicheren Grundlage beruht. Das Fehlen des Leichnams beweist wenig. Er kann ebensogut im Kampfe mit allen Uebrigen umgekommen sein, oder, wenn nicht, seitdem in der Sclaverei sein Ende gefunden haben.“

„In allerletzter Zeit habe ich ihn selbst für todt gehalten,“ erwiderte die Prinzessin und fuhr mit aufleuchtender, freudenverklärter Miene fort, „aber seit wenigen Wochen nicht mehr .... “

[90] „Habt Ihr gewisse Nachrichten erhalten?“ fragte der Graf ziemlich ungestüm.

„Hört weiter und urtheilt selbst,“ versetzte Dona Diafanta. „Vor wenigen Wochen kam ich in die Schloßcapelle, die ein berühmter Maler im Auftrage meines Vaters ausschmückt, um ein vollendetes Wandgemälde in Augenschein zu nehmen. Ich blieb dort in stiller Betrachtung sitzen, während der Maler auf dem hohen Gerüste arbeitete. Da fiel mein Blick auf ein Häuflein durcheinander geworfener Pergamentblätter, die nebst anderen Gegenständen auf dem Tische lagen. Es waren flüchtige Entwürfe, theils gezeichnet, theils in Farben, die der Künstler wahrscheinlich bei seinen künftigen Werken benutzen und vollkommen ausführen wollte. Ich fing sie, Blatt für Blatt, anzuschauen an. Als ich eine der letzten Abbildungen in die Hand nahm, hätte ich beinahe laut aufgeschrieen, – es war das Bild Arbogasts! Ich erkannte die Züge, das lang herniederwallende Haar, wie er es zu tragen pflegte! Dann wieder, da das Bild nur mit wenigen Strichen und Farben, offenbar in großer Eile, hingeworfen und da und dort verwischt war, glaubte ich mich zu [91] täuschen und fragte den Maler, wen das Bild vorstellen solle? ,Das ist’, erwiderte der Künstler, ,ein junger Deutscher, der vor Kurzem aus heidnischer Gefangenschaft zurückgekehrt ist, und den ich in Rhodus auf meiner Herreise getroffen habe.’ Vor Freude außer mir, rief ich: Da werdet Ihr wohl auch seinen Namen kennen? Darauf erhielt ich die Antwort, daß er ihn gewußt habe. Könntet Ihr Euch erinnern, sagte ich, wenn ich Euch den Namen des jungen Mannes, den ich zu erkennen glaube, nennte? Heißt er nicht vielleicht Arbogast? ,Ganz richtig,’ rief der Maler mit größter Sicherheit, ‚Arbogast, Arbogast!‘ Und da fragte ich weiter: Was macht er auf Rhodus? Könnt Ihr mir nichts Näheres über ihn berichten? Der Maler erwiderte: ,Ich habe ihn nur einmal flüchtig gesehen und nicht wieder. Ich weiß nur so viel, daß er auf der Insel Rhodus Kriegsdienste genommen hatte oder nehmen wollte.‘ Ich wußte nun mehr als genug und erhielt auf mein Ersuchen das Bild zum Geschenke. Hier ist es, – seht es an!“

Der Graf, dem bei der Erzählung immer banger und banger zu Muthe geworden war, nahm das ihm dargereichte [92] Bild mit einer Hand, während er mit der anderen den kalten Schweiß, der auf seiner Stirn ausbrach, trocknete. Seine Lage hatte eine schreckliche Gestalt angenommen. Seine Enttäuschung war fürchterlich. Die Aufträge, die ihm die Prinzessin beim Abschiede geben wollte, die Geschichte von dem byzantinischen Maler waren nicht, wie er sich geschmeichelt, Vorwände, ihn an sich zu fesseln, sondern furchtbar ernstgemeinte Dinge, und das gräßliche Bild hielt er jetzt in den Händen!

„Das Bild,“ sagte er nach längerer Betrachtung verdrießlich, „ist eine Schleuderarbeit, und überdies hat Jemand gerade das Gesicht mit schmutzigen Fingern vernichtet. Ich sehe Klexe, gelb, roth, blau, die zusammen eine Jünglingsgestalt bilden. Das lange, struppige Haar ist das Einzige, worüber sich nicht streiten läßt. Wenn ich das Bild betrachte, so würde ich sagen, daß Ihr Dinge hineinlegt, die Ihr zu sehen wünscht. Ich würde die Aehnlichkeit mit Arbogast höchst trügerisch finden, wenn der Maler nicht Angaben gemacht hätte, die freilich auf ihn hinzudeuten scheinen .... “

„Da ist nicht der leiseste Zweifel mehr,“ rief die [93] Prinzessin lebhaft. „Er ist es, unverkennbar! Er ist es, wie er leibt und lebt! Ihr würdet es auf den ersten Blick einräumen, wenn Ihr ihn kenntet!“

„Mag sein,“ sagte der Graf und setzte bitter hinzu: „Ihr habt mir ein großes, großes Vertrauen geschenkt, da Ihr mich in Eure tiefsten Geheimnisse eingeweiht habt; dennoch habt Ihr mir die Hauptsache verschwiegen, obwohl sich dieselbe leicht errathen läßt. Nicht wahr, Ihr habt Arbogast geliebt?“

„Was giebt es nach den Geständnissen und in der Lage, in welche ich versetzt bin, zu verhehlen?“ erwiderte die Prinzessin mit niedergeschlagenen Augen. „Ja, ich habe ihn heiß und innig geliebt!“

„Und liebt ihn noch immer!“ stammelte der Graf wüthend.

„Für wen würde man sonst wagen, was ich gewagt habe?“ rief die Prinzessin.

Mit verbissenem Ingrimm gab der Graf zur Antwort: „Ihr habt mich also auserkoren und gewürdigt, Euch nach Rhodus zu bringen und in Arbogast’s Arme zu führen? [94] Sodann werdet Ihr mir erlauben, meiner Wege weiter zu gehen!“ ...

Er sprang mit solcher Heftigkeit auf, daß der Stuhl hinter ihm polternd umfiel, und stürzte zur Kajütenthür hinaus.


[95]

Elftes Capitel.


Auf der See.

Der Zorn, in welchen der Graf nach den Eröffnungen der Prinzessin gerathen war, legte sich nicht, sondern wuchs von Stunde zu Stunde, als sollten die wilden Ausbrüche den Jammer des zum Tode verwundeten Herzens übertäuben.

Das Schicksal, ein Weib, das man bereits als das seinige angesehen, einem anderen Manne zuzuführen, war ausgesucht grausam und über die Maßen hart; aber wie sich auch Alles in der Seele des Grafen dagegen auflehnte, so war doch kein Entschlüpfen, kein Ausweichen möglich. Er konnte die Prinzessin nicht vom Schiffe jagen, sie nicht auf einer fremden Küste aussetzen oder nach Lissabon zurückführen, da blieb keine Wahl. Der Weg war ihm [96] durch die Macht der Verhältnisse vorgeschrieben; er mußte nach Rhodus segeln. Erst dort wurde er von ihr frei, aber er hatte sie dann auch an einen andern verloren.

An dieser Lage war so wenig, als an einem Berge zu rütteln und so kehrte sich sein ganzer Zorn gegen die Prinzessin, die das Unheil über ihn gebracht hatte, und die er nun plötzlich mit ganz anderen Augen betrachtete. Er sah sich jetzt als das Opfer des gröbsten Betruges an. Ihr plötzliches Erscheinen auf dem Schiffe schien ihm ein Meisterstück der Verstellung und Berechnung. Alles war mit schlauer Arglist darauf angelegt, ihn irre zu führen, allen Widerstand unmöglich zu machen und ihn als blindes Werkzeug ihres Vorhabens zu benutzen.

So waren ein paar Tage verstrichen; aller Verkehr war zwischen Beiden abgebrochen. Er hatte sie nicht besucht und sie kein Verlangen nach ihm gezeigt. Die Fahrt ging indessen ohne alle unangenehme Zwischenfälle, bei herrlichstem Wetter und unter den günstigsten Winden vor sich. Die Gebirge von Sicilien fingen bereits an ein beträchtliches Stück aus dem Wasser hervorzusteigen.

Seit der unglücklichen Wendung der Dinge hatte [97] es der Graf sorgfältig vermieden, sich mit Thomas in eine Unterredung einzulassen, dem er ja so voreilige Geständnisse gemacht und eine sofortige Rückkehr versprochen hatte, aber dem war doch nicht auf die Dauer auszuweichen. Da näherte sich eines Tages Thomas aus dem Vordertheil des Schiffes seinem Herrn und sagte traurig:

„Dort, vor uns, sehe ich große, mächtige Berge; aber wie ich auch schaue und luge, so finde ich den Säntis noch immer nicht darunter!“

„Das ist die Insel Sicilien,“ erwiderte der Graf und wollte entwischen, aber Thomas hielt ihn mit einer neuen Frage fest.

„Ich habe eine Bitte, eine große Bitte, gnädigster Herr,“ sagte er mit größter Bescheidenheit, doch zugleich mit einer freudigen Bewegung. „Ich habe die Prinzessin noch nie gesehen. Wie soll ich es anstellen, um ihr Gesicht, das gewiß sehr schön ist, da es meinen Herrn bezaubert, nur mit einem Blicke zu erhaschen? Die Neugier ist verzeihlich, – man will seine Gebieterin kennen. –“

[98] „Die Gelegenheit wird sich bald finden,“ warf der Graf verlegen hin, „sehr bald.“

„Das glaube ich nicht recht,“ versetzte Thomas. „Bei Tage kommt sie nie auf das Verdeck, nur des Nachts, da man nichts sehen kann; überdies hebt sie auch ihren dichten Schleier niemals auf. Ich weiß freilich, warum. Die Schiffsmannschaft besteht aus lauter Portugiesen. Einer oder der Andere könnte sie erkennen. Beim Himmel, stände jetzt Brigitte vor mir da, so könnte ich kaum in eine größere Entzückung fallen, als wenn ich die holde Braut meines gnädigen Herrn erblicken würde!“

„Geduld muß man haben,“ sagte der Graf etwas barsch.

„Geduld habe ich schon,“ versetzte Thomas, „aber das sehe ich, so lange diese Portugiesen da sind, wird aus meinem Wunsche nichts werden. Wenn wir aber allein in Genua landen und auf’s Pferd gestiegen sind, da wird es sich ändern, und Gott sei Dank, von Genua sind wir nicht mehr weit. Wieviel Tagreisen mag es wohl noch betragen?“

„Du fragst, als wenn ich ein geborner Seemann wäre,“ versetzte der Graf. „Ich weiß es nicht!“

[99] Beschämt, vor seinem Diener so dazustehen, dessen Worte ihm wie bitterer Spott klangen, drehte er sich um und ließ Thomas stehen, welcher den Unmuth seines Herrn merkte und ihn seinen zudringlichen Fragen zuschrieb.

Es war eine der Sommernächte mit wolkenlos heiterem Sternenhimmel und der wollüstig weichen und doch so erfrischenden Brise, welche nur der Süden kennt. Die Wellen kamen, eine um die andere, lustig heran; über den Häuptern der Seefahrer leuchteten die ewigen Sternbilder; die Milchstraße erglänzte in den still sich hebenden und sich senkenden Meereswogen wieder.

Graf Albrecht saß seit einigen Stunden auf einer einsamen Stelle des Verdecks und befand sich trotz aller Schönheit der Nacht in einer schrecklichen Laune. Wehe Thomas, wenn er jetzt gekommen wäre und ihn nach seiner Braut oder nach der Entfernung von Genua gefragt hätte!

Auf den Arm gestützt, ließ der Graf, zornig aufgeregt, seine Blicke nach der Richtung schweifen, welcher das Schiff zusteuerte; er wünschte, Rhodus nie zu erreichen oder wenn er dahin käme, die ganze Insel tief unter [100] Wasser zu finden. An diesen bösen Wünschen war nur Arbogast schuld, dem er mit dem ganzen Hasse eines unglücklichen Nebenbuhlers nicht einmal die Luft, die er athmete, gönnte! Nach der Abbildung, die er von ihm gesehen, war er überzeugt, daß Arbogast ein schmucker Jüngling von hohem und edlem Wuchse sein müsse, und sich nicht zu seinen Ungunsten verändert habe, und doch hatte er sich vor der Prinzessin über Arbogasts Aeußere aus Eifersucht gar abfällig geäußert. Hierzu kam der Prinzessin tiefsitzende, sturmerprobte, tollkühne Liebe! Er ließ den Muth sinken.

Bei dem Rauschen der Wogen hörte er die leichten Schritte der auf ihn zugehenden Prinzessin nicht früher, als bis diese beinahe schon vor ihm stand. Sie trug einen höchst kleidsamen Anzug nach orientalischem Geschmacke, der jedoch ihre reizenden Formen nicht verhüllte; aber ihr Gesicht war unter dem Schleier, wie gewöhnlich, unsichtbar.

„Werdenberg,“ sagte sie, sich neben ihn setzend, in sanft bedauerndem Tone, „Ihr scheint mir zu zürnen!“

„Wie sollte ich das nicht?“ erwiderte Graf Albrecht [101] heftig. „Ein Engel müßte in einem solchen Falle auffahren und darein schlagen!“

„Was habe ich Euch denn gethan?“ fragte die Prinzessin gekränkt und eingeschüchtert.

„Ihr habt mich aus das Tiefste gedemüthigt,“ hob der Graf in gleich hohem Tone an, „meinen Stolz mit Füßen getreten, mir eine unerhörte Schmach angethan –“

„Wie doch, mein Gott?“ rief die Prinzessin ganz erschreckt.

„Daß Ihr mich in die erniedrigende Stellung bringt,“ fuhr der Graf fort, „Euch als Liebesvermittler zu dienen, und daß Ihr mich einem jungen Menschen, der lange nicht meinesgleichen ist, untergeordnet habt! Arbogast mag Euch sehr theuer sein, aber was kümmert er mich?“

„Ich begreife Euch nicht!“ rief die Prinzessin.

„Und nun, um dieses Arbogast willen,“ tobte der Graf fort, „ist mir durch Euer Verschulden eine Verantwortlichkeit aufgeladen, die mich elend, rasend macht! Ich habe von Eurem Vater, dem Könige, Wohlthat auf Wohlthat empfangen, das Schiff, auf dem ich da sitze, ist sein großmüthiges Geschenk, und auf diesem Schiffe führe [102] ich ihm seine Tochter fort! Das ist schändlich, gegen alle Ehre und Dankbarkeit, und ich schaudere vor der Verachtung, die ich verdiene!“

„Seid ruhig, was das betrifft,“ erwiderte die Prinzessin gelassen, aber fest, „das nehme ich Alles auf mich! Alle Folgen werde ich allein tragen. Wenn mein Vater, was ja nicht so gewiß ist, den Verdacht auf Euch, als den Urheber meiner Flucht, geworfen haben sollte, so wird derselbe nur kurz und vorübergehend auf Euch ruhen. Bald werde ich ihn über Alles aufklären, hoffentlich sehr bald, und Euch in Allem entlasten. Und wenn er sieht, daß ich nicht Euch, sondern Arbogast gesucht, so bleibt kein Makel mehr an Euch haften. Und wenn mich dann nicht mein Vater, Arbogasts wegen, ganz verstößt, wenn er nur einen Funken von Gefühl für seine in der Fremde irrende Tochter im Herzen bewahrt, so wird er Euch nicht nur vollständig freisprechen, sondern Euch noch danken!“

„Danken?“ rief der Graf höhnisch. „Diesen Dank will ich mir nicht bei ihm holen!“

„Ja, danken, danken, sage ich!“ fuhr die Prinzessin [103] fort. „Haltet mich für keine Thörin! Seit dem Augenblicke, da ich Nachricht über Arbogast erhielt, stand mein Entschluß unerschütterlich fest, nach Rhodus zu ihm zu fliehen, und ich wartete nur auf ein Schiff, das mich dorthin bringen sollte. Wäret Ihr, mir so unverhofft, nicht dazwischen gekommen, und hätte sich mir damit nicht eine so herrliche Gelegenheit geboten, die Reise sicher und meinem Range gemäß zu machen, so wäre ich vielleicht auf irgend einem fremden Schiff in schlechte Hände gerathen und in traurigen Abenteuern untergegangen. Dafür will ich Euch von Herzen danken, bis an mein Lebensende! In den schrecklichsten Tagen meines Lebens seid Ihr mein Beschützer und Beschirmer gewesen, und das wird und muß auch der König anerkennen!“

Verstockt und unbesänftigt, da die Auseinandersetzungen der Prinzessin seinem Herzen auf’s Neue alle Hoffnung nahmen, erwiderte der Graf mit dem herbsten Vorwurfe:

„Bereitwillig, ohne zu murren, ja mit Freuden hätte ich Euch den Dienst erwiesen, wenn Ihr aufrichtiger gewesen wäret! Ihr habt mich getäuscht und mir eine Falle gestellt! Ich rufe jeden Mann, der da lebt, ohne Unterschied, [104] zum Schiedsrichter auf und will an ihn die Frage stellen, wie er die Flucht eines Weibes deuten würde, das bei Nacht und Nebel auf sein Schiff gestürzt kommt und nichts weiter sagt, als: „Fort, fort, jagt mit mir von dannen!“ Wahrlich, da kann Niemand so weise oder so albern sein, an Arbogast oder irgend einen andern Buhlen dabei zu denken!“

Auf das Tiefste verletzt, erwiderte die Prinzessin scharf, doch mit viel Beherrschung:

„Wenn da eine Täuschung ist, so steckt sie nur in Eurem Kopfe, – nicht ich habe sie verschuldet. Ihr habt sie, Euch zu Gefallen, ausgebrütet! Ruft Ihr die Männer zu Zeugen der erfahrenen Unbill auf, so wende ich mich an alle sittsamen, ehrbaren Frauen und will sie fragen, ob Eine von ihnen einem Manne, dem sie nicht das allergeringste Liebeszeichen gegeben, ohne vorhergehende Besprechung nachgelaufen käme? Ihr muthet mir da eine wirkliche Schmach zu, während die Eurige nur in der Einbildung besteht, und es geht aus allen Euren Reden unzweifelhaft hervor, daß Euch mein Thun und Benehmen recht gewesen wäre, wenn es Eure und nicht die Herzenswünsche [105] eines Anderen befriedigt hätte! In gleicher Weise sind alle Eure anderen Vorwürfe hinfällig, und Ihr solltet sie gegen Euch selbst kehren. Ihr habt freilich nicht gewußt, daß ich Arbogast zu suchen gehe; aber Ihr habt um so fester geglaubt, daß ich mich von Euch entführen lasse ... So lange Ihr das meintet, habt Ihr Euch vor dem Gedanken nicht entsetzt, was mein Vater über Euren Undank und Eure Heimtücke denken werde! Eure Gewissensbisse fingen erst an, als kein Grund mehr für sie vorhanden war!“

Diese Rede machte einen gewaltigen Eindruck auf den Grafen. Er fühlte, daß er der Narr seines Begehrens und einer allzu selbstgefälligen Eigenliebe gewesen war, und konnte keinen Einwand mehr vorbringen.

„Haltet nichts, was ich Euch zu sagen gewagt habe für Bosheit,“ sagte er in tief herabgestimmtem, wehmüthigem Tone. „Verzweiflung spricht aus mir und das Entsetzen, Euch für immer zu verlieren. Nein, nein, Ihr habt niemals meine Liebe aufgemuntert, mit keinem Worte, mit keiner Geberde, mit keinem Blicke! Ihr seid nicht schuld, daß meine tolle Leidenschaft nicht erloschen ist, sondern [106] die sonderbaren Umstände haben es verschuldet, unter welchen Ihr auf diesem Schiffe erschienen seid! Habt Nachsicht mit meinem armen Herzen und gebt mir zum Friedenszeichen Eure Hand!“

„Da nehmt sie,“ sagte die Prinzessin voll Güte, während sie seine Hand schüttelte.

„O wüßtet Ihr –“ rief der Graf, sich an das Herz schlagend, „aber nichts mehr davon, nie wieder! Jetzt werde ich Euch nach Rhodus bringen und Euch dort mit Rath und That unterstützen! Ich bin mit dem Ordensmeister bekannt, und das wird Euch sehr zu Statten kommen. Ich bin kein so eigennütziger, böser Mann, als Ihr denken mögt. Meine Seele ist jetzt nur von dem Wunsche erfüllt, daß Eure kühne, gefahrvolle Unternehmung zu Eurem Heile ausschlage, und daß der König sich eines Tages mit Euch und Eurem Geliebten aussöhnen möge!“


[107]

Zwölftes Capitel.


Auf Rhodus.

Diese rücksichtslos offenen, theilweise stürmischen Erklärungen hatten das Verhältniß zwischen dem Grafen und der Prinzessin völlig umgestaltet. Bald standen Beide mit einander in häufigem, vertraulichem Verkehre. Der Graf kam bei der Besprechung der schwierigen Lage mit immer neuen Rathschlägen heran, welche der Prinzessin einen klugen Geist und einen aufrichtigen, hingebenden Freund verriethen.

Die Seefahrt ging unterdessen auf’s Glücklichste von Statten. Keines der zahllosen Caperschiffe der Seeräuber-Staaten der afrikanischen Küste, von welchen es auf dem mittelländischen Meere wimmelte, nahte sich der Galeere; kein Sturm beschwor Gefahren herauf. Millionen und [108] aber Millionen von Wogen waren an das Fahrzeug herangerollt, nicht aber, um es zu schädigen, sondern hilfreich vorwärts zu treiben. So hatte man Sicilien umsegelt und durchschiffte jetzt die griechischen Gewässer ihrer ganzen Länge nach.

Als endlich die langgestreckte Küste von Kleinasien mit der Insel Rhodus, die nur wenige Meilen entfernt von derselben liegt, zum Vorschein gekommen war, gab die Prinzessin die Gewohnheit, die Kajüte nur zur Nachtzeit zu verlassen, auf und zeigte sich auch bei Tage, häufig selbst für längere Zeit, auf dem Verdecke. Stundenlang saß sie da, die Augen auf den kleinen Punkt am fernen Horizont unverwandt gerichtet, welcher sich zusehends vergrößerte, bald zu einem Gebirge heranwuchs und in seiner wahren Gestalt immer deutlicher hervortrat. Wie oft mußte Graf Albrecht, wenn er Dona Diafanta still beobachtete, aufseufzen und es beklagen, daß eine so große Liebe und Sehnsucht einem Anderen gelte!

Noch eine Nacht, und endlich war Rhodus in früher Morgenstunde erreicht. Im Lichte der aufgehenden Sonne glänzte die berühmte, ehemals dem Sonnengotte geweihte [109] Rosen-Insel mit ihren Bergen und Thälern, ihren Palmen und Cypressen, den weißschimmernden, malerisch an einen Hügel gelehnten Gebäuden und dem Castell, dessen gewaltige Mauern und Wälle trotzig von schroffer Felsenhöhe herabblickten.

Man landete, und Graf Albrecht, der den Plan über das weitere Vorgehen bis in alle Einzelheiten mit der Prinzessin verabredet hatte, sandte ungesäumt eine Botschaft an den Ordensmeister, den Grafen von Pfirt, diesem seinen Besuch anzumelden.

Die Antwort kam so rasch als möglich und war in den schmeichelhaftesten Ausdrücken abgefaßt. Zahlreiche Abgesandte erschienen zur Begrüßung des Gastes auf dem Schiffe und gaben ihm ein feierliches Geleite zu dem Schlosse, wo sich der Ordensmeister aufhielt.

Graf von Pfirt, ein Fünfziger von Ehrfurcht gebietendem, kriegerischem Aussehen, empfing seinen Gast mit großer Herzlichkeit und sagte, nachdem sich Beide über allerlei nah und fern liegende Gegenstände, über des Grafen Albrecht große Reisen und die Verhältnisse im deutschen Reiche längere Zeit unterhalten hatten:

[110] „Graf Albrecht, ich wünschte freilich, Euch hier so lange zu behalten, als es geht. Dennoch muß ich Euch fragen, wohin Ihr Eure Fahrt von hier zu lenken gedenkt?“

„Ich habe viel im Sinne,“ erwiderte Graf Albrecht. „Zunächst will ich nach dem heiligen Lande gehen, dem ich so nahe bin.“

„Ihr kommt noch zur rechten Zeit,“ versetzte der Ordensmeister. „Denn Ihr müßt wissen, die neuen christlichen Königreiche von Jerusalem und Antiochia stehen auf einem so unsicheren, wankenden Boden, daß zu befürchten steht, sie werden bald wieder zu Grunde gehen. Leider sind es nicht sowohl die Heidenvölker, die den Bestand derselben bedrohen, als die geheimen Zwistigkeiten und Eifersüchteleien unter den christlichen Machthabern. Doch wir haben vollauf Gelegenheit, davon noch ausführlich zu sprechen. Laßt es Euch jetzt auf Rhodus wohl behagen und ruhet von Eurer langen Seereise gehörig aus. Ihr bleibt mein werther Gast; ich habe für Quartier gesorgt und Euch eine bequeme Wohnung im Schlosse Panagiri einräumen lassen.“

„Ich würde Eure Gastfreundschaft ohne Bedenken [111] annehmen,“ gab Graf Albrecht zur Antwort; „aber ich muß Euch sagen, daß zwei Frauen, welche das Gelübde gethan haben, das heilige Grab zu besuchen, sich meinem Schutze anvertraut haben und mit mir reisen.“

„Was thut das?“ rief Graf von Pfirt. „Mir stehen sie nicht im Wege, noch haben sie zu besorgen, von mir gestört zu werden. Laßt sie getrost kommen, – an Platz fehlt es nicht bei mir.“

Nunmehr hochbefriedigt, nahm Graf Albrecht den Antrag an und kam auf die wichtige Angelegenheit, die ihm am Herzen lag, zu sprechen, indem er nach kurzem Besinnen sagte:

„Ich kann mich wohl an keinen kundigeren Mann, als Euch, edler Graf, wenden, um eine Auskunft zu erhalten, die mir viel Sorge und Mühe macht. Es handelt sich um einen jungen Mann von ritterlicher Geburt, der viele Jahre verschollen war und von seinen Angehörigen für todt gehalten worden ist. Allein gewissen, nicht ganz unglaubwürdigen Berichten zufolge soll er aus der heidnischen Gefangenschaft, in welcher er lange geschmachtet, [112] glücklich entflohen und vor wenigen Monaten hier auf Rhodus gesehen worden sein.“

„Sein Name?“

„Er heißt Arbogast.“

„Arbogast, Arbogast! Ein junger Mann,“ erwiderte der Ordensmeister, „ungefähr wie Ihr ihn beschreibt, befindet sich allerdings seit etlichen Monaten hier, und Ihr hättet Euren Mann gefunden, wenn sein Name zu dem Uebrigen stimmt. Ich meine, der junge Mann, den wir hier haben, heißt Arbogast!“

„Er ist es!“ rief Graf Albrecht aus.

„Das freut mich,“ versetzte der Andere. „Euch scheint viel an ihm gelegen zu sein, weil sich Euer Gesicht beim Aussprechen des Namens ganz verfärbt und verzogen hat …“

„Ich leugne es nicht,“ gab Graf Albrecht zur Antwort. „Es sind da die seltsamsten Umstände im Spiele, und die Nachricht, die Andere noch mehr als mich selbst berührt, wird die größte Freude erwecken. Die beiden edlen Frauen, die mich begleiten, nehmen gleichfalls den größten Antheil an dem Schicksale des Jünglings.“

[113] „Nun, das trifft sich gut,“ rief der Graf von Pfirt. „Der junge Mensch, den wir meinen, – ja gewiß, sein Name ist Arbogast, – hat in seiner langen Gefangenschaft viel ausgestanden. Er befindet sich jetzt wieder ganz wohl, doch ist er immer sehr traurig, sehr niedergeschlagen; er scheint mir ein gar unruhiger Geist.“

„Was treibt er hier?“ fragte Graf Albrecht.

„Alles und Nichts,“ war die Antwort. „Bald ergreift er Dies, bald Jenes. Mehrmals war er schon nahe daran, von hier abzusegeln, kam aber niemals dazu.“

„Man hat gehört,“ bemerkte Graf Albrecht, „daß er hier in Kriegsdienste eintreten wollte?“

„Er wollte, wollte, – that es aber schließlich nicht. Man weiß nicht, woran man mit ihm ist. Ich glaube, er hat etwas Besonderes im Kopfe und will nicht Farbe bekennen. Etwas Geheimnißvolles hängt um ihn, – was, das kann nur die Zeit lehren. Soll ich ihn aufsuchen lassen und zu Euch schicken, oder wollt Ihr Euch selbst zu ihm begeben? Er wohnt in einer Hütte am Strande.“

„Laßt ihn hierher zu mir kommen! Bis zur sechsten [114] Abendstunde sind wir in unserem Quartiere eingerichtet; um diese Zeit werde ich ihn erwarten.“

Das war abgemacht. Graf Albrecht kehrte auf das Schiff, das im Hafen vor Anker lag, zurück und theilte der Prinzessin getreulich mit, was er vernommen. Hierauf wurde die Umsiedelung rasch bewerkstelligt. Die beiden Frauen wurden in Tragsesseln, das Gepäck auf Maulthieren in’s Schloß befördert. Graf Albrecht ging, in tiefe Trauer versunken, eine Strecke hinter den Frauen her. Die letzten Täuschungen, die allen vernünftigen Erwartungen entgegen den Unglücklichen verleiten, zu hoffen, hatten seine Brust verlassen. Er fühlte kaum die Lust mehr, mit der Prinzessin zu sprechen, und hatte ihr nichts mehr zu sagen, als ein Lebewohl.

Als Alle auf dem Schlosse angelangt waren und von ihrer Wohnung Besitz ergriffen hatten, äußerte die Prinzessin an den Gemächern, der Einrichtung, der Fernsicht, kurz an Allem das größte Wohlgefallen, aber sie wäre unter solchen Umständen wohl auch von der traurigsten Hütte ebenso entzückt gewesen. Lange schon, bevor Arbogast kommen konnte, stand sie am Fenster und blickte [115] durch die Lücke des Vorhangs auf den geschlängelten Weg, der zum Schlosse herauf führte. Als endlich die schlanke, hohe Gestalt eines jungen Mannes mit langem, buschigem Haar leichten, raschen Schrittes daher kam und sich dem Hause auf eine kleine Entfernung genaht hatte, war ihre Freude grenzenlos.

„Er kommt, er ist es!“ schrie sie laut auf, indem sie mit beiden Händen an die Thür des anstoßenden Gemaches schlug, in welchem Graf Albrecht trübselig dem Ausgange der Dinge entgegen harrte.

Bald darauf öffnete ein Schloßdiener, der von seinem Gebieter, dem Ordensmeister, den Befehl hatte, Arbogast zu erwarten und zum Grafen von Werdenberg hinauf zu führen, die Thür des Gemaches, und der junge Mann trat ein.

Seine Tracht war halb deutsch, halb griechisch. Er hatte eine Jacke von grobem Tuche, mit Silberknöpfen besetzt, ohne Aermel, die Arme vom Hemde bedeckt, darüber einen Mantel. Beinschienen von braunem Leder reichten vom Knöchel des Fußes bis an’s Knie. Ein Schwert hing an seiner Seite, daneben ein krummes, türkisches [116] Messer. Sein langes, blondes Haar fiel bis tief auf die Schultern herab.

Sobald sich die Thür hinter ihm wieder geschlossen, hätte sich ihm die Prinzessin gleich an die Brust geworfen, wenn sie nicht von seiner tiefernsten, melancholischen Miene und seinen unruhigen, finster rollenden Augen zurückgeschreckt worden wäre.

„Mein Gott, wie Ihr mich anseht,“ rief sie, an allen Gliedern erbebend, während ihre Blicke fest auf dem jungen Manne hafteten und sein seltsames Aussehen vom Kopfe bis zum Fuße prüften. „Ach, wie seid Ihr so verändert, Arbogast!“

„Kein Wunder,“ erwiderte der junge Mann, „wenn nach so vielen Leiden, nach einer so grausamen Gefangenschaft auch meine Haare ausgefallen oder ergraut wären! Aber auch Ihr, edle Frau, habt Euch sehr verändert! Wenn ich Euch einst gekannt habe, heute kenne ich Euch nicht mehr. Ihr seid die Gemahlin des Grafen von Werdenberg?“

„Nein, nein!“ rief die Prinzessin, die ihm diesen Gedanken auf’s Schnellste aus dem Kopfe schlagen wollte, [117] mit der entschiedensten Verneinung. „Das bin ich nicht, – ich bin noch keines Mannes Weib! Doch auch Eure Stimme,“ fuhr sie erbleichend und sich über die Stirne fahrend fort, „Eure Stimme, die ich höre, klingt so sonderbar, so fremd! Seid Ihr wirklich Ritter Arbogast von Wolfegg?“

Der Gefragte antwortete mit trübem Lächeln: „Arbogast heiße ich, ein Deutscher bin ich, aber nicht von ritterlicher Geburt, – bin nicht der Ritter, mit welchem Ihr mich zu verwechseln scheint. Ich bin der Sohn eines Waffenschmiedes zu Mainz am Rheine.“

Die Prinzessin that einen durchdringenden Schreckensschrei, wankte einige Schritte zurück und sank auf eine gepolsterte Ruhebank. Von ihrem Rufe aufgescheucht, kam Graf Albrecht, der das laut geführte Gespräch vernommen hatte, aber doch seiner Sache nicht ganz sicher war, in größter Eile aus dem Seitengemache herein.

„Er ist es nicht, er ist es nicht!“ jammerte die Prinzessin.

Der junge Mann, der jetzt leicht errieth, um was es sich handelte, sagte zum Grafen: „Arbogast ist mein [118] Name, doch bin ich nicht Derjenige, den dieses arme Fräulein mit soviel Herzensangst sucht!“

Der Graf, der den Fremdling neugierig von oben bis unten gemustert hatte, fragte: „Seid Ihr nicht hier auf Rhodus mit einem griechischen Maler zusammengetroffen?“

„Allerdings,“ lautete die Antwort, „mit dem Meister Demetrios, – es ist schon längere Zeit her. Wir haben uns in einer Trinkstube unten im Hafen getroffen, und er hat dort ein Bild von mir gemacht. Es war nur wenige Augenblicke vor seiner Einschiffung nach Portugal.“

„Seht,“ sprach der Graf, „dieses Bild hat uns getäuscht und die Verwechselung herbeigeführt. Es muß unleugbar eine Aehnlichkeit zwischen Euch und jenem Arbogast, den wir wiederzufinden hofften, bestehen. Wie lange seid Ihr in der Gefangenschaft der Heiden gewesen, und wo?“

„Ich war fünf Jahre in Algier,“ erwiderte der Sohn des Mainzer Waffenschmiedes.

„Das ist eine lange, lange Zeit,“ sprach der Graf. „Sind dort unter den Gefangenen auch Deutsche?“

[119] „Ich glaube kein einziger,“ lautete die Antwort.

„Auch Euer Namensbruder,“ fuhr der Graf fort, „der Ritter von Wolfegg, schmachtet schon seit drei Jahren in der Gefangenschaft der Heiden, aber wenn man nur wüßte, wo! Keiner der vielen Kundschafter, die man unter alle möglichen Heidenvölker aussandte, hat es herausgebracht; auch die Aussetzung eines großen Lösegeldes hat nicht verfangen. Habt Ihr nie etwas von ihm gehört?“

„Niemals,“ erwiderte der junge Mann. „In Algier ist er keinesfalls. Uebrigens wundert es mich gar sehr daß er in so langer Zeit nicht im Stande gewesen sein sollte, Kunde von sich zu geben. Bei den Heiden wandern die Sclaven aus einer Hand in die andere, gar leicht auch auf die entferntesten Plätze und Märkte, wenn sich ein hoher Kaufpreis für sie erzielen läßt. Denn wenn auch diese mohamedanischen Hunde sehr grausam sind, so geht doch bei ihnen die Geldgier über den Blutdurst! Ein Gefangener von vornehmer Geburt, der sich auf die Hilfe so viel vermögender Freunde, wie Ihr, hochgeborener Herr Graf, stützen kann, hätte kein so schweres Spiel, sich durch große Versprechungen und das Angebot eines hohen [120] Kaufpreises von seinem Herrn frei zu machen. Wenn Ihr bisher nichts von ihm gehört habt, so ist das verdächtig. Jener Arbogast, den ihr so eifrig sucht, ist vermuthlich längst nicht mehr am Leben ....“

Die Prinzessin seufzte laut auf.

„Das ist wenigstens meine Meinung,“ fuhr der Namensbruder Arbogasts fort. „Es ist vielleicht hart, eine solche Vermuthung auszusprechen; aber die schlimmste Wahrheit ist in diesem Falle besser, als die schönste Täuschung! Ihr seid sicherlich der weit berühmte regierende Graf von Werdenberg?“

„Das bin ich,“ versetzte der Graf.

Der junge Mann verneigte sich tief, ohne die geringste Ahnung davon, wie dieser hohe und mächtige Herr eben noch vor ihm gezittert hatte.

„Wir danken Euch für Eure Mühe und die gegebene Auskunft,“ fuhr der Graf fort. „Ihr könnt jetzt gehen, kommt aber vor meiner Abreise noch einmal zu mir und besinnt Euch inzwischen, was ich etwa für Euch thun kann. Schließlich ersuche ich Euch noch, über das, was [121] Ihr hier gesehen und gehört, das vollständigste Stillschweigen zu bewahren.“

„Als Schwätzer und Plauderer bin ich auf dieser Insel nicht bekannt,“ erwiderte der junge Mann und zog sich, einen mitleidsvollen Blick auf die Prinzessin werfend, mit einer tiefen Verbeugung aus dem Gemache zurück.

Laut schluchzend rief, als der junge Mann verschwunden war, Dona Diafanta: „Alles ist verloren, Alles ist hin! Ich unglückliches Geschöpf! Hier will ich sterben!“

Aller Trost, aller Zuspruch, alle Theilnahme fruchteten nichts, sondern schienen nur ihre Aufregung zu steigern. Graf Albrecht zog sich endlich zurück; die Prinzessin wurde von ihrer Begleiterin zu Bette gebracht, in welchem sie sich die ganze Nacht hindurch, von Schmerzen geschüttelt, schlaflos umher warf.


[122]

Dreizehntes Capitel.


Graf Pfirt.

Trotz des aufrichtigsten Mitleides, das Graf Albrecht mit der Prinzessin hatte, konnte es nicht ausbleiben, daß die erstorbene Liebeshoffnung sich von Neuem in seiner Brust regte und immer mächtiger aufloderte; aber er war schon zu gewitzigt, um mit blindem Glauben auf den Erfolg zu zählen.

Uebrigens war die Prinzessin seit dem vernichtenden Schlage, der sie getroffen, ihm gegenüber eigenthümlich verändert. Daß sie in der ersten Zeit an seiner Gesellschaft keine Lust fand und nur die Einsamkeit suchte, war begreiflich; daß sie ihn aber an den nächstfolgenden Tagen, als sie sich wenigstens körperlich wieder erholt hatte, auffallend [123] mied und ihm thunlichst aus dem Wege ging, war schwerer zu erklären.

Stundenlang war sie wie verschwunden. Derweilen streifte sie mit ihrer Begleiterin in den entlegensten Theilen des umfangreichen Schloßgartens und darüber hinaus auf den steilen Pfaden der Felsabhänge, die den Hintergrund des Schlosses bildeten. Aber auch in der Gesellschaft ihrer Begleiterin und Vertrauten war sie nicht besonders mittheilsam. Es schien, als wenn schwere Entschlüsse in ihr reiften, die entweder nicht vollkommen ausgebildet waren oder noch verborgen gehalten werden sollten. Graf Albrecht hatte bis dahin kein Wort über den vermeintlichen, noch über den wirklichen Arbogast von Wolfegg mit ihr gesprochen. Es war, als wenn sie sich vor diesem Gespräche fürchtete und so hütete sich auch der Graf, die Wunde, die noch immer offen war, zu berühren.

Während die Prinzessin sich eines Nachmittags mit ihrer Begleiterin auf einem ihrer gewöhnlichen Ausflüge befand, verbrachte Graf Albrecht die Zeit in seinem Gemache und sagte, das Resultat eines langen Nachdenkens zusammenfassend, dann zu sich:

[124] „Dabei bleibt es! Heute noch muß ich sie zum Sprechen bringen, und zwar, sobald sie kommt. Wer soll das länger ertragen? Die Entscheidung soll fallen! Wenn die Thörin noch jetzt, nach einer so harten Enttäuschung, an einem Verschollenen hängt, der, was das Allerwahrscheinlichste, kaum mehr am Leben ist, dann wird sie auch nicht nach drei oder vier Wochen, dann wird sie nie umgestimmt werden. Ich kann hier nicht ewig sitzen bleiben! Doch Diafanta hat jetzt Niemanden auf der Welt, der sich ihrer annimmt, als mich. Die Stimme ihrer eigenen Selbsterhaltung treibt sie mir entgegen, – kann sie sich noch sträuben? Das soll sich noch heute zeigen, möge es gut oder schlimm ausgehen!“

Er erhob sich und wollte, vom Balcon ausblickend, ihre Rückkehr erwarten. Aber seine Ungeduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Dona Diafanta blieb diesmal ungewöhnlich lange aus, und da es endlich zu dunkeln begann, war die große Ungeduld des Grafen mit ebenso großen Besorgnissen gemischt.

Endlich hörte er draußen Schritte, die aber viel zu stark und fest waren, um die ihrigen zu sein. Es war der Graf von Pfirt, der hastig bei ihm eintrat.

[125] „Lieber Graf Werdenberg,“ sagte er mit erregter Miene und Geberde, „wie könnt Ihr Euch so sorglos in Ruhe wiegen und die kostbare Zeit vertändeln? Ihr habt auf Eurem Schiffe gestohlene Waare mit Euch geführt und hier auf Rhodus an’s Land gebracht. Die eine der beiden Pilgerinnen, die Ihr zum heiligen Grabe begleitet, ist die Tochter des Königs von Portugal!“

Auf’s Tiefste verlegen, gab Graf Albrecht zur Antwort: „Ich hatte gute Gründe, es bisher vor Euch zu verschweigen, und gute Gründe, hier so lange zu verweilen. Wie seid Ihr hinter das Geheimniß gekommen?“

„Durch meine Kundschafter,“ erwiderte der Ordensmeister. „Vorgestern ist ein Schiff unter französischer Flagge im Hafen eingelaufen. Die französische Flagge ist aber nur eine Maske, denn die Mannschaft besteht aus lauter Portugiesen. Der erste Seecommandant des Königs, Dom Vedras, befehligt das Schiff.“

„Dom Vedras befehligt das Schiff?“ rief Gras Albrecht überrascht. „Den kenne ich! Wir standen in Portugal [126] auf dem besten Fuße miteinander. Er ist ein Verwandter des Königs – eine große Narbe verunstaltet sein Gesicht– “

„Ganz richtig, das ist derselbe. Er ist abgesandt worden, Euch zu verfolgen und zur Herausgabe der Beute zu zwingen. Daß er sich bisher so still verhielt und kein Verlangen an mich stellte, die Tochter des Königs ihm auszuliefern, hat einen Grund.“

„Die Auslieferung der Prinzessin verlangen? Wie könnte er das!“ rief Graf Albrecht betroffen.

„Darf nicht ein Vater mit Fug und Recht sein entlaufenes Kind zurückfordern? Wenn mir Dom Vedras, wie schon bemerkt, bisher keinen Besuch abgestattet hat und seinen hohen Rang und seinen wichtigen Auftrag verborgen hält, so hat das seinen Grund! Die Mannschaft Eurer Galeere, die im Hafen liegt, wird ihm gleich gesagt haben, daß die beiden Frauen mit Euch hier im Schlosse abgestiegen sind, und da mag er annehmen, daß ich Euer Mitwisser und Beschützer bin. Sein Besuch ist indessen nur aufgeschoben! Denkt ja nicht, daß er die Weisungen des Königs, die sehr streng sein müssen, außer Acht läßt und müßig ist! Die Schloßwache hat schon [127] gestern und heute verdächtige Männer bemerkt, welche die nächste Umgebung des Schlosses durchstreiften und welche sogar in den Garten eindringen wollten.“

„Jesus und Maria,“ rief Graf Albrecht ganz außer sich, „man will sie mit Gewalt rauben, und – der Raub ist schon vollbracht! Es ist schon dunkel, es ist Nacht, – die Prinzessin fehlt, – sie ist von ihrem Spaziergange nicht wiedergekommen! … Mein Schwert, mein Schwert! Ich habe tapfere Männer, – ich überfalle das Portugiesen-Schiff und will dort ein Blutbad anrichten ....“

Graf von Pfirt ergriff ihn mit beiden Armen und zwang ihn, sich niederzusetzen, indem er mahnend sagte: „Was würdet Ihr mit solcher Tollheit besser machen?“

Da wurde draußen auf dem Hausgange ein Geräusch vernehmbar, welches Beide schon früher gehört haben würden, wenn es von der tobenden Aufregung des Grafen Albrecht nicht übertäubt worden wäre.

Beide sprangen vor die Thüre und sahen einen Schloßdiener mit einer brennenden Oellampe aus den[1] Gemächern der Prinzessin hervortreten.

„Was machst Du da?“ rief ihm Graf von Pfirt zu.

[128] „Die beiden Edelfrauen,“ gab der Schloßdiener zur Antwort, „haben sich auf ihrem Spaziergange verirrt und sind erst in diesem Augenblicke zurückgekommen. Ich habe ihnen die Treppe hinaufgeleuchtet.“

„Da sehet!“ sagte der Ordensmeister, die Thür wieder schließend.

„Das Leben kehrt in mich zurück!“ rief Graf Albrecht.

„Eure Angst und Sorge war nicht unbegründet,“ sprach der Ordensmeister; „aber Ihr seht jetzt selbst, daß damit nicht alle Gefahren zu Ende sind. Ihr müßt Rhodus auf der Stelle verlassen, ohne den geringsten Verzug, lange bevor noch der Morgen graut.“

„Wie kann ich das?“ entgegnete Graf Albrecht.

„Ich habe schon dafür gesorgt,“ lautete die Antwort. „Unweit ist eine kleine versteckte Bucht, von hier aus in zwei Stunden zu erreichen. Dort erwartet Euch eine Barke mit verläßlichen Schiffsleuten, die meine Befehle kennen und Euch auf das Schnellste in Sicherheit bringen. Dann werden sie Euch Mittel und Wege angeben, dahin zu gelangen, wohin Ihr Euch zu begeben wünscht. Das unscheinbare Fahrzeug, das ich gewählt habe, eine ganz [129] kleine Feluke, wird keinen Verdacht erregen, falls Euch ein portugiesischer Kreuzer auf dem Wege treffen sollte. Eure Kriegsleute und Pferde müßt Ihr einstweilen zurücklassen; auch könnt Ihr des beschränkten Raumes wegen außer den beiden Frauen nur einen oder höchstens zwei Mann mitnehmen.“

„Wie soll ich Euch danken!“ rief Graf Albrecht, sich ihm gerührt an die Brust werfend.

„Offen gestanden, Ihr dankt mir am besten, wenn Ihr Euch schnell entfernt!“ gab der Ordensmeister lächelnd zur Antwort. „Mit Eurer Flucht sind alle ferneren Händel mit dem Könige von Portugal zu Ende. Er hat alles gute Recht auf seiner Seite, – ich aber möchte auch nicht den Büttel machen, der ihm die Tochter ausliefert. Macht Euch mit so wenig Geräusch, als möglich, reisefertig! Ich will Euch das Zeichen zum Aufbruche geben. Es giebt gar Vielerlei, was ich noch besorgen muß, um Euch fortzuschaffen.“


[130]

Vierzehntes Capitel.


Dom Vedras.

Sobald der Ordensmeister fortgegangen war, kam Thomas, der in Erwartung dieses Augenblickes schon vor der Thür gestanden, in das Gemach des Grafen und theilte ihm mit, daß ihn die Prinzessin sogleich zu sprechen wünsche. Graf Albrecht, der ohnehin schon auf dem Sprunge war, sich zu ihr zu begeben, sagte voll Aufregung zu seinem treuen Knechte:

„Thomas, Thomas, jetzt wünschte ich, wie Du, daß wir schon in Genua wären! Die Leute des Königs von Portugal sind uns auf den Fersen. Wir müssen noch heute Nacht heimlich fort. Ich kann nur Dich allein mitnehmen. Bringe mein und der Prinzessin Gepäck auf [131] das Schnellste in Ordnung, und halte Dich bereit, mir auf den ersten Ruf zu folgen.“

Er eilte zur Thür hinaus, während ihm Thomas mit verdutztem Gesichte nachsah.

Graf Albrecht kam in das Gemach der Prinzessin gestürzt, aber auch sie ging ihm gleich mit großer Hast entgegen.

„Ihr habt mir schwere Sorge gemacht,“ sagte er mit Vorwurf. „Ich habe Euch doch schon oft gewarnt, in einem unbekannten Lande nicht zu weit herumzuschwärmen, – und wenn Ihr wüßtet –“

„Fortan will ich gehorsam sein,“ erwiderte die Prinzessin, ihm lebhaft in’s Wort fallend, mit sehr erregter Miene. „Wir haben ein Abenteuer bestanden und einen, gewiß nicht leeren, Schrecken gehabt! Als wir am Ende des Schloßgartens, weit hinten den steilen Felsenweg auf- und niederstiegen, sahen wir mehrere Männer, die unten aus einer Schlucht hervorkamen und sich hurtig in dem nächsten Gebüsche versteckten, gerade da, wo wir auf dem Rückwege vorüber mußten. Ohne [132] das Gebüsch, in welchem sie sich verbargen, aus den Augen zu verlieren, stiegen wir den Felsen immer höher hinan. Auf dieser Höhe konnten wir tiefer in die Schlucht hinabblicken, aus der die Männer gekommen waren. Da sahen wir denn Gestalten unter einem Baume gelagert, welche bei unserem Anblicke schnell hinter einem großen Felsblocke verschwanden. Das gefiel uns nicht. Wir gingen weiter den Felsabhang entlang, erst langsam, dann aber, als wir, um eine vorspringende Ecke abbiegend, den Leuten unten unsichtbar wurden, mit beschleunigten, eiligen Schritten, bis wir an eine Stelle gelangten, an der ein Hinuntersteigen möglich war. Bald waren wir unten im trockenen Bette eines Wildbaches und gleich darauf in einem Wäldchen, allen Späheraugen entrückt. Nun wollten wir in entgegengesetzter Richtung auf das Schloß zugehen, aber da fanden wir immer neue Hindernisse, die uns zum Umkehren zwangen und uns auf Umwegen ohne Ende bald seitwärts, bald rückwärts trieben, bis wir nicht mehr wußten, wo wir seien. Es wurde schon dunkel, da begegneten wir in unserer größten Noth einigen Weibern mit großen Krügen auf den Köpfen, die uns auf den [133] rechten Weg brachten, und wir erreichten, nicht ohne einige Irrgänge, das Schloß in völliger Finsterniß.“

„Ihr habt wohl gethan,“ sagte der Graf mit erhobenem Finger sehr ernst, „vor den Männern zu fliehen! Sie hätten Euch gefangen und fortgeschleppt! Ihre Hände, die sich nach Euch ausstrecken wollten, sind eigentlich die Hände Eures ergrimmten Vaters, der die Männer abgesandt hat, Euch mit Gewalt nach Lissabon zurückzubringen.“

„Wie kommt Ihr auf diese Gedanken? Warum glaubt Ihr das?“ fragte die Prinzessin erbleichend.

„Dom Vedras“, erwiderte der Graf, „ist mit einem Schiffe vorgestern auf Rhodus gelandet, und Ihr begreift, was das zu bedeuten hat! Zuerst versucht er Euch heimlich in seine Gewalt zu bekommen, und wenn das nicht geht, wird er vom Ordensmeister im Namen des Königs Eure Auslieferung verlangen!“

Die Prinzessin war wie niedergeschmettert. „Ich bin das unglücklichste Geschöpf!“ rief sie. „Seit der Erschaffung der Welt war Niemand elender, als ich! Mein Vater, – mein Vater, ich hätte mir ihn so hart, [134] so grausam nicht gedacht! Ich habe vor dem Gedanken gezittert, ihm in’s Gesicht zu sehen, selbst wenn er mir verziehen und mich heimgerufen hätte, – jetzt, aber jetzt – mein Kopf geht in Stücke!“

„Es ist für Euch gesorgt,“ versetzte Graf Albrecht. „Euer Vater darf Eurer in seinem ersten Zorne nicht habhaft werden. Man muß Zeit gewinnen, – die Zeit wird ihn vielleicht milder stimmen. Wir müssen –“

„Habt Ihr Dom Vedras gesprochen?“ fragte die Prinzessin, etwas ermuthigter.

„Dazu hätte ich wahrlich keine Lust,“ erwiderte der Graf. „Ich muß ihm gerade so ausweichen, wie Ihr! Wir müssen fort, – Alles ist vorbereitet für unsere Flucht. Ehe der Morgen graut, müssen wir die Gestade von Rhodus weit hinter uns haben.“

„Seit meiner Einschiffung lade ich Euch immer neue Bürden auf,“ sprach Dona Diafanta schmerzlich gerührt, „und bringe großes Ungemach, das ich allein verdiene, über Euer Haupt! Und doch werdet Ihr nie müde, meinen Schutzengel zu machen! Statt mir zu zürnen und mir Vorwürfe zu machen, gebt Ihr mir immer [135] neue Proben Eures Edelmuths und bedeckt den furchtbaren Fehler, den ich begangen, mit Eurem Schilde! Ich werfe mich in die Retterarme, die Ihr mir öffnet, noch einmal – zum letzten Male!“

Thränen überströmten ihre Wangen.

Graf Albrecht war tief ergriffen, das unglückliche Königskind so vor sich zu sehen. Sein Mitleid hatte die unermeßliche Höhe seiner Liebe.

Nach einigem Nachdenken sagte er ruhig und ernst: „Ihr habt in letzter Zeit viel nachgedacht. Habt Ihr einen Entschluß gefaßt? Was wollt Ihr thun, wenn ich Euch jetzt aus den Händen Eurer Verfolger befreie?“

„Wenn die Stunde kommt, so will ich Euch Alles sagen,“ erwiderte die Prinzessin unter Schluchzen. „Ich habe viel nachgedacht und viel bereut. Getäuscht und betrogen stehe ich jetzt da, bettelarm! Die wenigen Habseligkeiten, die ich eilig zusammengerafft, sind nichts, sind Kleidungsstücke, die bald in Fetzen fallen. Ich wähnte Alles, Alles zu besitzen, wenn ich Arbogasts Bild mit mir nähme.“

[136] „Sagt mir ganz offen,“ sagte Graf Albrecht, ihr in’s Wort fallend, „wollt Ihr noch immer einem Traumbilde nachjagen und ihm das Leben opfern?“

„O,“ rief die Prinzessin, „Arbogast ist todt, vermuthlich, ja sicherlich todt! Er hat mich so sehr geliebt! Würde er denn, wenn er lebte, nicht ebensoviel gewagt haben, mich wiederzufinden, als ich für ihn gewagt habe? Er lebt nur noch in meinem Herzen!“

Graf Albrecht sagte finster:

„Ihr braucht ihn nicht zu vergessen, aber auch nicht seinetwegen alles Andere rings um Euch.“

„Ich habe freilich alles Uebrige vergessen,“ sprach die Prinzessin, schmerzlicher Reue voll, „meinen Vater, meine Freunde, meine Heimath! Ihr habt mich vorher so finster angeblickt, werdet auch Ihr mir böse, dann habe ich nichts mehr, nichts!“

Da klopfte es an die Thür, und man meldete, daß die Maulthiere auf das Gepäck unten warteten; der Aufbruch müsse so schnell als möglich erfolgen.

An den Ernst der Lage gemahnt, raffte die Prinzessin ihre Kräfte zusammen und sagte: „Ich werde bald fertig [137] sein. Wir haben hier aus unseren Truhen so wenig herauszunehmen.“

„Fasset Muth, fasset Muth!“ erwiderte der Graf voll Güte. „Die Welt ist nicht so garstig, wie sie heute aussieht. Eine Ahnung sagt mir, daß wir diesmal einem frohen Ziele entgegensteuern –“


[138]

Fünfzehntes Capitel.


An der Feluke.

Nicht lange darauf war das Gepäck auf den Rücken der Maulthiere geladen und ging auf den Einschiffungsplatz schon voran, als die vier Flüchtlinge, alle in lange Mäntel gehüllt, die Frauen tief verschleiert, auf dem Hausgange zusammentrafen. Von einem Führer geleitet, sollten sie vorsichtshalber auf einem abgelegenen Seitenpfade aus den Umgebungen des Schlosses auf den Reitweg, der sich am Strande hinzog, gebracht werden.

Der Ordensmeister, der zum Abschiede erschienen war, begleitete den Grafen noch eine kurze Strecke weit und sagte unter Anderem:

„Porto Paradiso ist ganz nahe, die Gegend sicher. Ihr habt nichts zu befürchten. Eure blitzschnelle Abreise [139] wird allen Vermuthungen zuvorkommen, ja kaum für möglich gehalten werden. Uebrigens habe ich Wachen aufgestellt, die Euch rechtzeitig warnen und nöthigenfalls zu Hilfe springen würden. Und noch eine Hauptsache! Ich habe den Schiffsleuten einen erfahrenen Seemann beigegeben. Es ist ein Deutscher aus dem Friesenlande, Olaf Thorson mit Namen. Vertraut Euch ihm an! Er wird Euch jede Auskunft geben und Eure Weiterreise, wohin Ihr auch Eure ferneren Schritte lenken möget, mit Rath und That unterstützen. Und nun beschleunigt Eure Schritte und ziehet unter dem Schutze des Allmächtigen dahin!“

Er schüttelte dem Grafen Albrecht die Hände und ging.

Die Gesellschaft schritt nun kräftig aus und gelangte auf einem gefahrvoll steilen, oft durch das dickste Gebüsch hinabführenden Wege an den Strand. Dort standen Reitpferde bereit, auf welchen die Einschiffungsstelle bald erreicht wurde.

Die Nacht war klar, doch nicht hell; Wolken bedeckten hier und dort die blinkenden Sterne. Die einsame Bucht war unbewohnt und ganz öde. Gewaltige, wild zernagte [140] Felsthürme, welche gespensterhaft herabblickten, engten sie ein. Selten, nur in Zeiten der Noth, wie diesmal, nahte sich ein Fahrzeug dem Orte, der so wenig seinem Namen entsprach und besonders des Nachts das Gemüth mit Bangigkeit erfüllte.

Auf den Wogen, die an die Klippen zischend heranfuhren, tanzte die nur von sechs Mann bediente Feluke auf und nieder. Ihr beschränkter Raum, ihre nackte Einfachheit und besonders der kunstlose Holzverschlag, der die Kajüte bildete, forderten die Flüchtlinge zu beständigen Vergleichen dieses Fahrzeuges mit der Galeere auf, die sie von Portugal nach Rhodus gebracht hatte. Wortkarg, ja stumm, saßen sie Alle längere Zeit da, nachdem das Schiff seinen Weg angetreten hatte, und begannen erst jetzt den vollen Ernst einer Flucht zu empfinden.

Da trat ein kräftig gebauter Mann zu dem Grafen und sagte auf deutsch: „Ihr seid sicherlich der hochgeborene Graf von Werdenberg?“

„Und Dein Name ist Olaf Thorson,“ sprach der Graf fast gleichzeitig. „Der Ordensmeister hat mich an Dich gewiesen, und da will ich gleich fragen, wohin Du uns führst?“

[141] „Wir fahren auf dem kürzesten Wege nach dem Festlande von Kleinasien,“ antwortete der Seemann.

„Wie weit ist es von Rhodus hinüber?“ fragte der Graf.

„Die Entfernung ist gering,“ erwiderte Olaf Thorson, „aber der Wind bläst gegen uns und wird eher stärker werden, als schwächer. Wir werden schwerlich früher, als morgen Abend anlangen.“

„Mein Stammsitz liegt im Rheinthal, nahe dem Bodensee,“ sprach Graf Albrecht. „Ich will geraden Weges nach Hause. Kannst Du mir rathen, wie ich es ausführen soll? –“

Die Frage nach dem geraden Wege heimwärts brachte, was beinahe unmöglich schien, ein Lächeln auf Olaf Thorsons ernstes Gesicht. Er sagte nach einer Pause:

„Da, wo wir morgen landen, – es heißt Castro Marmora, – findet Ihr kein Schiff. Dort und in der weitesten Umgebung ist nur ein kleiner Verkehr. Es wäre das Beste, wenn Ihr den Landweg einschlagen und bis Smyrna reiten würdet.“

„O,“ rief der Graf, „das wäre mir lieber, als die [142] schönste Seefahrt! Findet man in Castro Marmora gute Pferde?“

„Die will ich Euch besorgen,“ erwiderte Olaf Thorson. „Seid Ihr einmal in Smyrna, so könnt Ihr Euch ein Schiff nach Herzenslust wählen; es herrscht dort großes Leben. Da findet Ihr leicht ein venetianisches Handelsschiff, das heimkehrt. Es geht fast jede Woche eines ab; Ihr fahrt nach Venedig, – das ist der kürzeste Weg, und wie Ihr dann weiter kommt, brauche ich Euch nicht mehr zu lehren!“

„Dein Rath ist gut, und ich will ihn befolgen,“ sagte der Graf. Hierauf verließ er den Seemann und setzte sich auf ein Brett am Hintertheile des Schiffes! Die Lage bot ihm überreichen Stoff zum Nachdenken. Er verweilte lange dort, bis ihn endlich der an Stärke immer zunehmende Wind von seinem Sitze verscheuchte. Die Wolken hatten unterdessen den größten Theil des Himmels bedeckt und ballten sich stellenweise schwarz und drohend zusammen.

Olaf Thorson stand bei dem Maste und richtete die Segel. Der Graf, der die Absicht hatte, in die Kajüte [143] hinabzusteigen, erhob sich und sagte im Vorübergehen: „Das Wetter verschlimmert sich. Es wird es hoffentlich nicht so böse meinen?“

„Mir gefällt es gar nicht,“ erwiderte Olaf Thorson.

Da bemerkte der Graf seinen treuen Thomas, der auf dem Boden ausgestreckt lag und von der Seekrankheit arg befallen war. „Armer Bursche, Du thust mir leid,“ sagte er, vor ihm stehen bleibend. „Die Nußschale, auf der wir uns befinden, schaukelt aber auch so furchtbar stark, daß man sich nur mit der größten Mühe aufrecht erhalten kann.“

Thomas antwortete unter schwerem Aechzen: „Alle Heiligen habe ich angerufen, aber sie wollen mir nicht helfen und wundern sich vielleicht, daß ich den eigentlichen Schutzpatron, unter welchem das Meer steht, nicht um Beistand bitte. Wüßte ich doch nur seinen Namen! Kennt Ihr ihn nicht, gnädiger Herr?“

„Da bin ich gerade so unwissend, wie Du,“ versetzte der Graf.

„Es muß doch einen geben,“ sagte Thomas mit winselnder Klagestimme. „Man hat einen für Zahnweh, [144] für kranke Kühe, kranke Pferde! Sollte denn im ganzen Himmel kein Heiliger sein, der sich um solche Todesqualen eines Seefahrers kümmert?“

„Helfen kann ich Dir nicht,“ erwiderte der Graf, „aber ich habe doch einen Zauberspruch, der den Zustand erträglicher macht. Wir gehen jetzt nämlich geradeaus und auf dem allerkürzesten Wege nach Hause, in unser liebes Rheinthal, zu der lieben Brigitte.“

„Ach, wenn ich nur diese Nacht überlebe, diese entsetzliche Nacht!“ jammerte Thomas.

„Dieses Uebel bringt Niemand um,“ sprach der Graf, indem er einen Sack zusammenrollte und ihn seinem Knechte als Kissen unter den Kopf schob. „Heute Abend werden wir diesen verwünschten Schaukelkasten verlassen und ihn mit guten Rossen vertauschen!“

In diesem Augenblicke bemerkte der Graf, daß Thomas in einen ohnmachtartigen Zustand verfallen war. Olaf Thorson, der die Segel eingerefft hatte, kam heran. Einige furchtbare Windstöße, die rasch aufeinander folgten, nöthigten Beide, sich niederzukauern und sich an etwas anzuklammern.

[145] „Das sind die Vorboten eines Sturmes,“ murmelte der Graf.

„Vielleicht zeigt sich damit nur ein tüchtiger Regenguß an,“ erwiderte Olaf Thorson, „und der wird auch bald kommen. Legt sich aber dann nicht der Wind, dann kann man nicht viel Gutes erwarten. Indessen steht es auch ohnedem schlimm genug. Wir sind schon längst von unserer Fahrrichtung auf die entgegengesetzte Seite getrieben und, nach mehrstündiger Fahrt, von der Küste Kleinasiens weiter entfernt, als wir es in Rhodus waren. Wenn das lange so fort ginge, so würden wir Aegypten näher kommen, als Smyrna!“

„Und unser kleines Fahrzeug,“ sagte der Graf mit bangem Zweifel, „ist so leicht gebaut!“

„Es ist leicht und klein, aber gut gezimmert und schwimmt wie ein Fisch,“ erwiderte der Seemann. „Man muß an das Schlimmste nicht früher denken, als bis es kommt.“

Indeß peitschte der Sturm die Wogen; das Schiff, das zwischen zwei Wellenbergen dahinrollte, ächzte in allen seinen Planken. Und immer größer wurde die [146] Wuth des Sturmes. Die Meereswogen, die bisher wahrlich schrecklich genug gewesen, erhoben die Häupter immer dräuender.

„Tragen wir diesen Mann herunter,“ sagte Olaf Thorson, auf dessen Gesicht sich der ganze Ernst der Lage ausdrückte, indem er auf Thomas deutete. „Er ist schon ganz von den Wellen durchnäßt und wird, wenn wir ihn da liegen lassen, von ihnen fortgerissen werden. Aber auch Ihr, Herr, thätet gut, wenn Ihr unten bliebet!“

Schweigend faßten sie den halb Bewußtlosen und trugen ihn in die Kajüte, wo sie ihn in einem Winkel niederlegten.

Die beiden Frauen, die durch die furchtbaren Stöße des herumgeschleuderten Schiffes mehrmals von ihren Sitzen heruntergeworfen worden waren und sich auf den Boden niedergekauert hatten, wurden bei Thomas’ Anblick von einem neuen Entsetzen ergriffen, wie wenn man ihnen bei allen Schrecken, welche sie empfanden, auch noch die Leiche eines Ertrunkenen zu Füßen ausgestreckt hätte. Die Prinzessin sagte etwas zum Grafen Albrecht, was dieser jedoch wegen des betäubenden Geräusches, [147] des fortwährenden donnerähnlichen Getoses der Fluthen und des Sturmes nicht verstehen konnte. Er ließ sich auf’s Knie neben ihr nieder.

„Ich bin Euer Unglück,“ sagte die zum Tode Geängstigte, indem sie Werdenberg mit zitternden Händen am Arme faßte. „Ich bin an Allem schuld: werft mich wie den, der Unglück bringt, aus dem Schiffe hinaus!“

„Macht Euch nicht so thörichte Vorwürfe!“ erwiderte der Graf. „Der Sturm wird sich wieder legen und uns nichts anhaben. Süßes, geliebtes Mädchen, – es giebt keine noch so schreckliche Gefahr, die ich nicht zu bestehen wünschte, wenn ich Euch damit helfen, Euch glücklich machen könnte!“

Da ließ sich ein furchtbarer Krach vernehmen, daß das Fahrzeug erdröhnte; gleich darauf folgte ein zweiter, wie wenn der Blitz im Walde einen Eichbaum fällt. Das Fahrzeug schien sich zu spalten und neigte sich auf eine Seite, als ob es umschlagen sollte. Die Angstrufe der Schiffsleute ließen das Schlimmste befürchten.

Der Mast war umgerissen und ein bedeutendes Stück der oberen Schiffswand eingebrochen. Die Wogen, welche [148] quirlend und zischend durch die Lücke hereinstürzten, schienen es darauf abgesehen zu haben, den Bretterbau ganz zu zerzausen. Sie hatten freies Spiel. Das Schiff senkte sich bleibend nach der einen Seite.

„Gnade uns Gott!“ rief Graf Albrecht. „Jetzt wird es Ernst. Ich weiß nicht, ob wir so viel Zeit haben, unser letztes Gebet zu verrichten!“

Er umfaßte die Prinzessin und preßte sie an sich, indem er fortfuhr: „Und doch muß ich Euch noch sagen, daß ich Euch über Alles geliebt habe! Noch vor einer kleinen Weile habe ich geträumt, daß ich schöne Tage an Eurer Seite verleben und auf den herrlichen Bergen meiner Heimath mit Euch lustwandeln werde. Wenn das ein Wahn, wenn es im Gegentheil Gottes Rathschluß ist, daß wir sterben, will ich mit Euch vereint jubelnd in die schreckliche Tiefe hinabfahren.“

„Ohne daß ich es recht wußte,“ sagte die Prinzessin, sich ihm anschmiegend, „hat Euer edles Thun mein Herz schon längst gerührt. Möge Gott ein Wunder thun und den Sturm bändigen und den Himmel aufklären, damit dies nicht die letzten Küsse seien, die wir uns geben!“

[149] Sie lagen in stummer Umarmung lange Brust an Brust, während der Sturm fortheulte, als ob er nicht blos das Schiff, sondern alle Inseln des Archipels mit sich in die Tiefe reißen wolle.

Da sagte Thomas, der wieder zu sich gekommen war, und den Schrecken der Lage erkannte: „Jetzt ereignet sich in der Stube, in welcher Brigitte arbeitet, etwas, was ihr unser Ende anzeigt! Die Truhe wird krachen, – Tische und Stühle werden prasseln, – an die Thür wird es pochen, ohne daß Jemand draußen steht und klopft .... “

Unterdessen arbeiteten Olaf Thorson und seine Leute mit unermüdlicher Ausdauer, um das Sinken des Schiffes aufzuhalten. Die Feluke war ein Wrak; dem Winde und den Wellen überlassen, trieb sie ohne Mast und Segel westwärts immer weiter dahin. Die Mannschaft, todtmüde von der Arbeit des Pumpens, blickte rathlos umher.

Und nun erschien der Himmel wie ein Flammenmeer. Am östlichen Horizonte schossen Strahlen hervor, die das Morgenroth fächerartig durchsetzten. Noch immer tobten die Wellen in furchtbarer Hast. Unter unsäglicher Angst [150] vergingen noch viele, viele Stunden, als plötzlich das Wunder geschah, das die Prinzessin sich und ihrer neuen Liebe gewünscht. Der Sturm fing an abzunehmen und schwieg endlich vollständig.

Damit war aber noch nicht geholfen. Das Fahrzeug war und blieb ein Spielball des Meeres, das sich unabsehbar nach allen Seiten ausdehnte. Man war aller Mittel beraubt, es zu lenken. Da gewahrte man plötzlich einen Punkt hinter sich am Saume des Gesichtskreises, der sich immer mehr vergrößerte. Es war ein Schiff – daran konnte nicht gezweifelt werden.

Alles war auf der kleinen Feluke von neuem Muthe beseelt. Graf Albrecht sagte leise zu Thomas: „Das Schiff steuert gerade auf uns los, – das fehlte noch zu unserem Unglück, daß Dom Vedras mit seiner Galeere auf uns zukäme!“

Nach und nach war das Schiff, das ziemlich groß war, so nahe gekommen, daß man Alles darauf deutlich erkennen konnte. „Das ist ein venetianisches Handelsschiff,“ sagte Olaf Thorson, und er hatte Recht.


[151]

Sechzehntes Capitel.


In Jerusalem.

Der Venetianer, welcher das Wrak, weit in südöstlicher Richtung von Rhodus verschlagen, angetroffen hatte, ging, reich mit Waaren beladen, nach der Insel Cypern. War Aller Freude über die unerwartete Rettung groß, so konnte sie sich doch mit dem Jubel, der die Seele der beiden Liebenden erfüllte, nicht messen. Da sich der Sturm gelegt und die Wogen in kurzer Zeit sich geglättet hatten, so wurde die Weiterreise eine wahrhafte Lustfahrt, die alle ausgestandenen Mühsale rasch vergessen ließ und selbst Thomas mit dem verhaßten Meere aussöhnte.

Das Herz der Prinzessin hatte sich in dem schrecklichen Sturme aufgethan, und sie übertrug nun die Gefühle, [152] die sie so lange für Arbogast gehegt, mit immer wachsender Offenheit auf den Mann, der die höchsten Proben der Liebe bestanden und ihr, ohne Aussicht auf Lohn, mit der Aufopferung seines Lebens unvergeßliche Dienste geleistet hatte. Bald kam sie sogar soweit, ihre Schwärmerei für Arbogast als eine kindische Liebe anzusehen und ihn dem Grafen Albrecht im Geiste gegenüber zu stellen, dessen Tugenden alle Vorzüge des Edelknaben in ihren Augen verdunkelten.

Nach ein paar Tagen begann Cypern aus den Wellen emporzusteigen. Dona Diafanta saß auf dem Verdecke neben dem Grafen, Hand in Hand, Auge in Auge.

„Hast Du wirklich Arbogast vergessen?“ fragte der Graf nach längerem Schweigen.

Die Prinzessin gab erröthend zur Antwort: „Ich habe Alles vergessen, was sich vergessen läßt, und Du darfst mich darum nicht lästern.“

Graf Albrecht erwiderte: „Deine erste Liebe hat gezeigt, daß Du eine Perle Deines Geschlechtes bist; sie hat mich eher entflammt, als abgeschreckt! Sie ist mir jetzt ein Bürge für den Ernst und die Tiefe Deiner Gefühle! [153] Ich werde ein Weib besitzen, auf das ich in allen Wechselfällen des Lebens zählen, das nur der Tod meinem Herzen entreißen kann.“

Er küßte die kleine, schöne Hand und fuhr in heiterem Tone fort:

„Sieh da die Berge von Cypern! Es fügt sich, daß das erste Land, das wir betreten, die Insel ist, zu welcher die alten Griechen und Römer durch lange Jahrhunderte Wallfahrten unternahmen, um der Liebesgöttin, die dort ihr Heiligthum hatte, Opfer zu bringen! Wir sind Christen und können dem Beispiele nicht folgen. Aber da ist ein anderer Altar in der Nähe, auf dem kein Götze, sondern der leibhaftige Gott der Erde und des Himmels thront, – da wollen wir für unsere Rettung Dankgebete verrichten und um ferneren Segen flehen.“

„Was meinst Du?“ fragte die Prinzessin.

„Wie ich eben jetzt gehört habe,“ erwiderte der Graf, „ist es von Cypern nach Jerusalem gar nicht so weit. Sollten wir nicht die Gelegenheit benutzen, die gewiß nie wieder im Leben kommt, und zum heiligen Grabe unseres Erlösers eine Pilgerfahrt machen?“

[154] Die Prinzessin willigte auf’s Freudigste ein.

„Der Mensch denkt, Gott lenkt,“ erwiderte der Graf. „Das ist das wahrste Sprüchwort. Als wir von Rhodus flohen, gab ich die Reise nach Jerusalem auf und wollte geraden Weges mit Dir in mein Heimathland ziehen. Aber eine höhere Hand führt mich doch nach Jerusalem, und zu welcher Zeit: das heilige Osterfest steht vor der Thüre!“

Als sie in Cypern gelandet waren, beschenkte Graf Albrecht die Schiffsleute von Rhodus und gab Olaf Thorson eine Botschaft an den Ordensmeister, der zu Folge sich seine Kriegsleute sammt den Rossen nach Venedig einschiffen und seine Ankunft dort erwarten sollten. Wenige Tage darauf segelte Graf Albrecht mit den Seinigen nach Jaffa ab und kam von dort nach einem mehrtägigen Ritte vor den Mauern von Jerusalem an.

Das kleine Königreich, das Gottfried von Bouillon gegründet hatte, erstreckte sich nur über etwa zwanzig bis dreißig Ortschaften und wurde von dreihundert Rittern, die allen Nationen angehörten, und einem ebenso bunt zusammengewürfelten Kriegsheere von einigen tausend Mann behauptet und vertheidigt.

[155] Diese Eroberung, die so viel Lärm in der ganzen Christenheit gemacht hatte, aber nur von sehr kurzer Dauer war, lockte beständig Schaaren unternehmender Männer auf den heiligen Boden. Der Verhältnisse unkundig, glaubte man die Zeit gekommen, den ganzen Mahomedanismus mit Stumpf und Stiel auszurotten. Eine große Anzahl dieser Ankömmlinge hatten freilich nicht solche fromme Beweggründe hingeführt. Fabelhafte Vorstellungen von den unermeßlichen Schätzen des Orients, die in allen Köpfen spukten, die Edelsteine, Perlen und der kostbare Waffenschmuck der Sarazenen waren das einzige Zugmittel vieler Abenteurer hohen und niedrigen Standes gewesen. Da auch sonst noch immerfort Pilger ankamen, denen es mit dem Besuche des heiligen Grabes heiliger Ernst war, so entwickelte sich in Jerusalem ein reges Leben, wie man es dort seit der Zerstörung durch die römischen Legionen nicht wiedergesehen hatte. Franken, Juden und Griechen drängten sich allda. Alle Nationen Europas waren vertreten; natürlich fehlte es auch nicht an Portugiesen in diesem bunten Völkergewühle.

Der Anblick der historisch ewig bedeutsamen, aber [156] düster und melancholisch gelegenen Stadt stimmte beide Reisende ernst und nachdenklich. Die kahle Landschaft von echt orientalischem Gepräge, die kleinen, abgeschlossenen, meist weiß übertünchten Häuser, die grauen Festungsmauern, – Alles schaute die Reisenden so fremdartig an. Kameele, mit Körben rechts und links behangen, zogen, den Kopf horizontal gerichtet, geräuschlos dahin. Verhüllte Gestalten jagten, auf kleinen Eseln reitend, vorüber; andere Gestalten, eine rothe, oder schwarzblaue Mütze auf dem Kopfe, saßen im Schatten ihrer Schwelle.

Graf Albrechts große Begeisterung für die heiligen Stätten war, je näher er seinem Ziele kam, um so schwereren Besorgnissen gewichen. Er sah schließlich seine ganze Pilgerschaft als eine Uebereilung an, die ihn und die Prinzessin in die gefährlichste Lage bringen konnte. Als die Beiden innerhalb der Mauern von Jerusalem standen, war es zwischen ihnen beschlossene Sache, jedes Aufsehen zu vermeiden, ein bescheidenes Quartier aufzusuchen und die Rückfahrt so schnell als möglich anzutreten.

Zu Fuße, die Menge vermeidend, doch nicht ohne das volle Gefühl der Weihe, die der betretene Ort für sie hatte, [157] durchzogen sie die Stadt und fanden, was sie zunächst suchten, den Markt. Hier verschafften sie sich Pilgeranzüge nebst Muschelhüten, in der Hoffnung, unter dieser einfachen Hülle ihre vornehme Abstammung am sichersten zu verbergen. Dann gingen sie, über die gelungene Verkleidung vergnügt lachend, weiter, um eine bescheidene Wohnung ausfindig zu machen.

Als sie aus einem engen Gäßchen auf einen belebten Platz hervortraten, kam ihnen in einiger Entfernung ein hochgewachsener Kriegsmann mit einem wettergebräunten Gesichte und einem graugesprenkelten Vollbarte entgegen, der die vier Pilgrime, je näher er kam, desto schärfer und auffallender musterte und plötzlich dicht vor der Prinzessin Halt machte, indem er sich auf das Unterthänigste verneigte.

„Habe ich das Glück,“ rief er, „Eure hochfürstlichen Gnaden hier zu treffen?“

Die Prinzessin, ganz aus der Fassung gerathen, sah ihn erst einen Augenblick verdutzt an und sagte dann lebhaft: „Ihr seid es also wirklich, Ritter von Langenbruck?“

Der Genannte hatte ehemals in portugiesischen [158] Diensten gestanden, aber Dienst und Land geraume Zeit vor der Flucht der Prinzessin verlassen.

„Ihr könnt nicht lange hier sein?“ fragte der Ritter.

„Wir sind erst heute angekommen,“ gab die Prinzessin zur Antwort.

„Das kann ich mir denken,“ rief der von Langenbruck. „Ich müßte von einem so hohen Besuche schon gehört haben, da ich allenthalben umher komme. Wo haben Euer Gnaden Ihr Quartier genommen?“

„Wir haben noch kein passendes gefunden,“ stammelte die Prinzessin, indem sie einen flehenden Blick, ihr zu Hilfe zu kommen, auf den Grafen warf, damit sie sich nicht durch verlegene oder thörichte Antworten auf weniger harmlose Fragen bloßstelle.

Graf Albrecht trat sogleich vor. „Ihr stammt,“ redete er den Ritter an, „aus dem Basellande. Ein Ritter von Langenbruck war vor langen Jahren Vogt des verstorbenen Grafen Werdenberg auf Schloß Sargans? Ist’s nicht so?“

„Ganz recht,“ versetzte der Ritter, „der Genannte war mein Vater.“

[159] „Ich bin,“ versetzte Graf Albrecht, „der gegenwärtig regierende Herr von Werdenberg.“

Der von Langenbruck schien die höchste Freude über diese Bekanntschaft zu empfinden. Nachdem er derselben freien Lauf gelassen hatte, fuhr Graf Albrecht fort:

„Die Prinzessin kommt zum heiligen Grabe, um ein Gelübde zu erfüllen, und wird Jerusalem verlassen, sobald dies geschehen ist. Die Kriegsgaleere, auf der wir von Portugal gekommen sind, hat durch stürmisches Wetter stark gelitten und wird jetzt in Cypern ausgebessert. Zu ungeduldig, um lange zu warten, habe ich, da kein größeres Schiff zur Verfügung stand, ein kleines gemiethet, um den kurzen Weg herüber zu machen. Die Prinzessin, die von gleicher Begierde brannte, ihre Andacht zu verrichten, erwies mir die Ehre, sich unter meinen Schutz zu begeben und sich mir anzuschließen, wiewohl sie des beschränkten Schiffsraumes wegen ihr ganzes Gefolge zurücklassen mußte. Unter solchen Umständen werdet Ihr begreifen, Ritter von Langenbruck, – Ihr braucht nur unsere Kleidung anzusehen, – daß wir kein Aufsehen erregen wollen, und stellen deshalb an Euch [160] die Bitte, unsere Anwesenheit in Jerusalem geheim zu halten.“

Der Ritter versprach unter tiefen Verbeugungen sein Stillschweigen und fügte hinzu:

„Da Ihr kein Quartier habt, würdet Ihr mir nicht die hohe Ehre anthun, in meinem Hause zu wohnen? Es ist zwar nur ein einfaches Haus, – ich bin wenig begütert, doch Alles, was darin, steht Euch zu Gebote. Es ist mehr, als bescheiden, doch tröstet mich der Gedanke, daß Ihr in der ganzen Stadt, die noch immer halb in Trümmern liegt, kein bessers finden werdet.“

Graf Albrecht nahm die Prinzessin bei Seite, berieth sich mit ihr, und die Erwägung, daß sie sich Langenbrucks Stillschweigens, als Bewohner seines Hauses, besser versichern würden, trug den Sieg davon. Als sie darauf das Haus betreten und in Augenschein genommen hatten, fanden sie ihre geringen Erwartungen übertroffen. Der Ritter bewohnte ein steinernes Haus mit pavillonartigem Anbau. Stark vergitterte Fenster und schwere Vorhänge dämpften das grelle Tageslicht.

Ritter Langenbruck hatte inzwischen ein Mahl herrichten [161] lassen; der Theil eines gebratenen Lammes, Hühner und Fische, – das Alles wurde, wohl zubereitet, allerdings nur in irdenen Näpfen, aufgetragen. Ein Nachtisch von Feigen, Datteln und Mandeln, guter, alter Griechen-Wein, der dabei credenzt wurde, brachte die von einer langen, aufregungsvollen Reise erschöpften Gäste in die beste Stimmung, die sich bis zur Lustigkeit steigerte, deren Kosten theils Thomas, theils der liebenswürdige Wirth selber trug.

Graf Albrecht hatte nämlich, von der Leichtgläubigkeit des nicht sehr scharfsinnigen Ritters kühn gemacht, nicht nur die Begleiterin der Prinzessin, die allerdings ein Edelfräulein war, in einen höheren Rang erhoben, sondern auch Thomas, der von stattlichem und würdigem Aussehen war, den Titel eines „Grafen von Vaduz“ gegeben und ihn an der Tafel theilnehmen lassen. Ritter Langenbruck war von der Wahrheit alles dessen, was er vernahm, fest überzeugt, und wäre ja ein Zweifel in ihm aufgestiegen, so hätte dieser unbedingt dem Gedanken weichen müssen, daß sich die Prinzessin doch unmöglich von zwei Grafen auf einmal habe entführen lassen!

[162] Das Gespräch bewegte sich während des langen Mahles auf den verschiedensten Gebieten. Der Wirth, der seines Aufenthaltes in Portugal gern gedachte, brachte die Rede auch auf den Ritter von Wolfegg, unter dem er eine Zeit lang gedient hatte, und sagte dann, zur Prinzessin gewendet, sehr lebhaft:

„Eure hochfürstliche Gnaden werden sich vielleicht an den ehemaligen Edelknaben Arbogast erinnern? Er ist vor einiger Zeit aus seiner Gefangenschaft glücklich entflohen.“

„Gott Lob!“ hauchte die Prinzessin, von tausend Erinnerungen durchstürmt, dahin. „Wo hält er sich auf?“ fügte sie mit mühsam unterdrückter Neugierde hinzu.

„Hier,“ gab der Ritter zur Antwort, „hier in Jerusalem.“

„Hier?“ wiederholte die Prinzessin tonlos und konnte nicht weiter sprechen.

„Was macht er hier? Bleibt er hier?“ ergriff Graf Albrecht das Wort.

„Er hat bei seinem Entkommen aus Aegypten, wo er zuletzt gefangen war,“ sprach Ritter Langenbruck, „eine [163] Wunde erhalten und lag seit seiner Ankunft hier im Hospital. Seit Kurzem soll er aber wieder hergestellt sein und an die Abreise denken.“

„Und wohin wendet er sich?“ fragte der Graf mit größter Spannung.

„Nach Portugal, wie man sagt,“ erwiderte der Ritter. „Das ist auch begreiflich. Er hat dort Ländereien, die ihm sein Oheim hinterlassen; auch besitzt er an dem König, Euerem edlen Vater, einen hohen Gönner.“

Ritter Langenbruck, der keine Ahnung hatte, welchen ungeheueren Eindruck er durch seine Mittheilung erregt, lenkte das Gespräch ohne allen Uebergang gleich wieder auf andere fern liegende Dinge, aber die vorherige gute Laune und Plauderlust waren von der Tafel verschwunden. Dona Diafanta war stumm geworden; in sich versunken saß sie da, ohne sich aufraffen zu können, und die Stirn des Grafen Albrecht legte sich, so oft er sie anblickte, in finstere, sorgenvolle Falten.

Als die Tafel aufgehoben war, begab sich die Prinzessin mit ihrer Begleiterin in die ihr angewiesenen Gemächer, während der Graf in den pavillonartigen [164] Anbau trat. Nachdem er dort lange auf- und abgehend verweilt hatte, sagte er zu sich:

„So geht’s! Den Einfaltspinsel, den Langenbruck, habe ich bei meinem Eintritt gefürchtet, – die Portugiesen, Alles gefürchtet, – nur an Arbogast habe ich nicht gedacht! Daß die Nachricht von seinem Wiedererscheinen auf Dona Diafanta den tiefsten Eindruck macht, machen muß, ist klar. O, wäre ich nie nach Jerusalem gekommen! Das hätte ich mir und ihr ersparen können … Alle Dinge sind in letzter Zeit so sonderbar gekommen, daß ich in Todesangst schwebe, welchen Verlauf die Geschichte nimmt …“

Als er sich in seine Stube begab, war es Abend geworden. Die Seitenthür that sich auf, und die Prinzessin trat ein.

„Wunderbar,“ sagte sie mit großer Bewegung, schwer Athem holend. „Als ich Arbogast suchte, fand ich ihn nicht, und nun, da er vor mir steht, ist er mir nicht erwünscht! Ich habe Dir, Albrecht, bei Tische wohl angesehen, was in Dir vorgeht, Du aber hast mein Stillschweigen mißverstanden. Das Schicksal kann, wenn [165] es grausam ist, mich von Dir trennen, aber aus freien Stücken gehe ich nicht von Dir fort. Ich will Arbogast nicht wiedersehen, nicht, daß ich mich vor ihm oder meinem Herzen fürchte: es führt zu nichts. Wir wollen die heilige Stadt und ihre nächste Umgebung besuchen und dann ohne alles Säumen meiner künftigen Heimath, dem Rheinthale, zueilen. Ich liebe Dich so sehr, als nur ein Weib den Mann lieben kann; höre aber auch Du nicht auf, mich zu lieben, und sei mir immer so viel, als ich Dir sein will, theuerster Albrecht!“

Sie fielen einander in die Arme, und Thränen mischten sich mit ihren Küssen.


[166]

Siebzehntes Capitel.


Auf dem Oelberge.

Ritter Langenbruck war ein guter, aber auch ein sehr eitler Mann. Es stand zu befürchten, daß er sich bei der nächsten Gelegenheit mit den vornehmen Gästen, die er unter seinem Dach beherberge, brüstete, damit der Abglanz der hohen Namen auch auf ihn fiele. Den Liebenden erschien es daher nicht rathsam, sich zur Bereisung der Umgebung von Jerusalem zu entfernen und einen Verräther im Rücken zu lassen; aber auch da fand sich bald ein Auskunftsmittel. Graf Albrecht beschloß, den Ritter zur Theilnahme an dem Ausfluge einzuladen und ihn sammt seinem Geheimnisse gleichsam als Gefangenen mitzuschleppen. Da Ritter Langenbruck, auf’s Höchste geschmeichelt, die Einladung annahm, konnte man die heilige [167] Stadt in aller Ruhe verlassen und die Ausflüge weiter ausdehnen, als man anfangs im Sinne gehabt.

Nachdem man die Andacht am Grabe des Erlösers verrichtet und denkwürdige Stätten, die zunächst lagen, besichtigt hatte, wurde aufgebrochen. Man besuchte den See Genezareth, Siloah, die Steine im Thale Josaphat und gedachte dabei mit frommem Glauben all der Thaten und Wunder, die sich einstens an diesen Orten zugetragen. Dennoch war das Erstaunen nicht zu unterdrücken, daß man überall auf Wüsten, nackte Felsen und baumlose Einöden stieß und in dem Lande, in dem einst Milch und Honig geflossen, kaum das nöthige Trinkwasser fand.

Nichtsdestoweniger kam die Gesellschaft fröhlich und auf’s Höchste befriedigt, wie von einer schönen Lustreise zurück. Ritter Langenbruck war von der Güte und Vertraulichkeit, die er auf dem Wege genossen, ganz entzückt. Insbesondere hatte die edle Einfachheit des Grafen von Vaduz sein Herz gewonnen.

So war nun der Vorabend der langwierigen und nicht ganz gefahrlosen Rückreise herangerückt. Alles hatte man vorbereitet, um am folgenden Tage bei Morgengrauen [168] nach Jaffa zurückzukehren, von wo die Fahrt nach Venedig angetreten werden sollte.

Um die letzten Stunden noch zu benutzen, hatte sich Graf Albrecht mit der Prinzessin ganz allein auf den Oelberg begeben, der, östlich von Jerusalem gelegen und nur durch den Bach Kidron davon getrennt, die Stadt und das Thal Josaphat beherrscht. Es ist ein beinahe kahles Kalkgebirge, durch flache Einsattelungen, auf deren mittleren sich eine große, runde Kirche erhebt, in drei Kuppen getrennt. Die beiden Liebenden setzten sich, nachdem sie die Kirche besucht, auf eine Felsenstufe, die ein im Gestein wuchernder Feigenbaum umkleidete, im Schatten einer einsamen Sykomore nieder.

Die Sonne neigte sich dem Untergange zu und beleuchtete mit ihren brennenden Strahlen die heilige Stadt und ihre Umgebung.

Es war rings herum öde und einsam.

„Also das ist Jerusalem!“ sagte die Prinzessin. „Wie oft bin ich in meinen Kinderträumen hier gewesen! Aber wo ist der Tempel, wo die Burg Zion, wo das von Gärten umgebene Königsschloß des Herodes? Wo [169] die fürstlichen Paläste der Hasmonäer, die Wohnung der Hohenpriester und der großen Geschlechter? Es ist Alles in Trümmer gesunken, – Thürme und Säulenhallen sind zerbrochen, die Gärten dahin! Ich sehe nur ein Gewühl enger, gewundener Gassen, in welchen ein schmutziges Volk ein elendes Dasein führt. Hier haben Krieg und Feuer schrecklich gewüthet! Und dies ist der Berg, von welchem der Heiland zum Himmel gefahren! Auch ihm scheint kein Segen geblieben zu sein, – er ist nackt und verdorrt. Wo ist hier der Garten Gethsemane?“

Sie sagte es kaum, da kam um eine Felsecke ein Mann hervor, der, auf einen Stock gestützt, leicht hinkte. Da er an ihnen bald vorüber mußte, zog die Prinzessin, die ihren Pilgeranzug abgelegt hatte und sich in ihrer früheren Tracht sicherer verborgen glaubte, einen dichten Schleier tief über das Gesicht herab.

Der Mann trug weite Pluderhosen und über einem grauen Soldaten-Wams einen weißen Mantel, auf welchem das rothe Kreuz zu sehen war. Seine schweren, nägelbeschlagenen Schuhe klapperten auf dem Gestein. Er stieg heran und näherte sich den Beiden, an denen er [170] knapp vorübergehen mußte, langsam, gedankenvoll, ohne die allergeringste Neugierde zu zeigen.

Beide konnten ihn mit Muße betrachten.

Das Edle und Gebietende, das er, von ferne gesehen, hatte, wich in der Nähe dem Eindrucke des Leidens und des Unglücks. Das früh gealterte Gesicht mit den eingesunkenen Wangen, die welke, citronengelbe Haut, die tiefliegenden Augen mit dem Ausdrucke unsäglicher Schwermuth, der von Verbitterung und Schmerz umspielte Mund, – Alles das kundete von schweren Krankheiten und schweren Schicksalen.

Als der Mann schon am Grafen vorüber gehen wollte, fiel sein Blick auf diesen, erst matt, belebte und befestigte sich jedoch schnell.

„Ich erkenne Euch,“ rief plötzlich der Fremde mit einer etwas seltsam klingenden Stimme. „Ich habe Euch das erste Mal gesehen in einer mir unvergeßlichen Zeit! Eure Züge haben sich mir tief, tief eingeprägt. Ihr seid der Graf Albrecht von Werdenberg!“

Der Graf erwiderte nach kurzem Besinnen: „Und wer seid Ihr?“

[171] „Ihr kennt mich freilich nicht,“ fuhr der Mann lebhaft fort. „Wie solltet Ihr Euch noch des Knaben erinnern, der mit seinem blutbefleckten Oheim auf Eurem Schlosse eine Zufluchtsstätte fand? … Ich bin Arbogast von Wolfegg!“

Die Prinzessin, wiewohl sie hinter ihrem dichten Schleier vor der Erkennung sicher war, wandte zusammenzuckend ihr Gesicht ab, während der Graf Arbogast aufforderte, sich neben ihn zu setzen, da dieser auf solche Weise die Prinzessin weniger beobachten konnte, als wenn er ihr beinahe gegenüber stand.

„Ich habe hier in Jerusalem,“ sprach Graf Albrecht, „von Eurer glücklichen Befreiung aus der Sclaverei gehört, aber es kam aus einer wenig verläßlichen Quelle. So hörte ich auch, daß Ihr nach Portugal zurückkehren wollt, –“

„Nach Portugal?“ erwiderte Arbogast mit furchtbarem Ernst. „Das hat ein Dummkopf erfunden! Für mich ist nur die Klosterzelle und die Todtengruft. In Portugal hat die Rache Gottes meinen Oheim am Jahrestage des begangenen Mordes mit einem Steine erschlagen, [172] und dieser Stein wälzt sich über mich, als den verfluchten Nachkommen, in tausend Gestalten fort. Und doch bin ich nicht ohne eigene Schuld,“ fuhr er nach einer Pause düsteren Sinnens fort. „Eine vermessene, strafwürdige Liebe hat Alles vom Anfang bis zum Ende über mich gebracht. Einige Augenblicke hat diese Liebe geleuchtet und gleich darauf ewiges Unheil angestiftet!“

„Kommt Ihr jetzt wirklich aus Aegypten,“ fragte der Graf, „oder ist auch diese Nachricht falsch?“

„Ich komme aus Aegypten,“ erwiderte Arbogast. „Laßt Euch aber auch sagen, auf welchem schauderhaften Wege ich dorthin gekommen bin! Als mich die Seeräuber in Portugal fortgeschleppt hatten, kam ich zuerst nach Tunis und wurde dort verkauft. Als Sclave eines mächtigen Scheik wanderte ich nun viele Tagreisen weiter in das Innere des Landes. Mein Herr war alt und ein gefühlloser Mann, der mit keiner Arbeit zufrieden war und mich, wie alle übrigen Sclaven, auf das Härteste behandelte. Unter diesen Sclaven befand sich ein einziger Christ, ein Däne. Wir wurden gleich Freunde, trösteten einander und suchten mit eitlen Fluchtentwürfen unsere [173] Lage erträglicher zu machen. Eines Tages stürzte mein Freund mit einem edlen, kostbaren Rosse. Das Pferd brach das Bein. Der alte Scheik war darüber so ergrimmt, daß er über ihn mit dem Schwerte herfiel und ihn vor meinen Augen in Stücke hieb. Einige Zeit später begleitete ich den Scheik nach einem benachbarten Orte, wo er eine Besitzung hatte, ganz allein. Wir kamen in einen Wald und rasteten dort zu Mittag. Ich schlummerte ein. Plötzlich erwachte ich, mir war, wie wenn man mich gerufen hätte, – eine Stimme war es: ,Auf, auf, jetzt wirst du frei! Ich sah rings um mich und erblickte Niemand. Alles war still. Ich sah nur unsere beiden Pferde grasen und meinen Herrn schlafen. Ich erhob mich, schlich auf den Fußspitzen weiter und – erdrosselte den alten Mann!“

Die Prinzessin stieß einen leisen Schreckenslaut hervor, den aber Arbogast im Feuer seiner Erzählung nicht vernahm. Er fuhr fort:

„Ich legte die Kleider des Scheiks an, bemächtigte mich seiner Waffen und bestieg, nachdem ich den Leichnam verscharrt hatte, eines der Pferde. Nach langen Irrungen [174] erreichte ich das Meer und einen kleinen Hafenort. Ein Schiff war gerade im Abfahren begriffen. Es hatte dreißig Mann an Bord. Die Leute waren aus der Umgebung und gingen, wie ich nach ihrem Aussehen und ihrer Bewaffnung gleich errieth, auf einen Raubzug aus. Ich hatte während der langen Zeit meiner Gefangenschaft die Landessprache erlernt, und von meiner Verkleidung dreist gemacht, rief ich ihnen laut zu: ,Möge Euch der Allmächtige und sein Prophet beistehen! O würdet Ihr mich doch mit Euch nehmen! Ich will keinen Antheil an Eurer Beute, – ich dürste nur nach Blut, nach Christenblut!‘

„Die Bluthunde hielten mich für ihresgleichen und nahmen mich mit. Nach langen Kreuz- und Querzügen, während welchen viel unschuldiges Blut vergossen wurde, segelten wir die spanische Küste entlang. Die Zeit war gekommen, meinen Plan auszuführen. Ich wollte die Seeräuber in die Falle locken und entfliehen. Darum rieth ich ihnen, nach Portugal zu fahren, und spiegelte ihnen vor, von einem Schlosse zu wissen, in welchem der König seine Schätze und seine ganze Kriegsbeute aufbewahre. Von [175] meiner Ortskenntniß getäuscht und von ihrer Habgier verblendet, folgten sie meinem Rathe. Kurz vor dem Einbrechen der Nacht langten wir unweit von Lissabon an einem Punkte, den ich bezeichnet hatte, an. Es war die nämliche Bucht, aus welcher ich als Gefangener fortgeführt worden war. Ich sah vom Schiffe aus die aus der Asche wiedererstandenen Häuser vor mir; ich erkannte ungefähr die Stelle, an welcher der Wagen der Prinzessin gestanden, den ich vertheidigt und frei gemacht hatte. Der erste Hoffnungsstrahl durchdrang meine Brust, der erste Hoffnungsstrahl! Ich hielt mich schon fast für gerettet.

„Einer Verabredung zufolge, legte ich schnell die muhamedanische Kleidung ab und begann mich in einen der Anzüge, die wir den Christen geraubt hatten, zu werfen; denn ich sollte allein an’s Land steigen und das Schloß auskundschaften. Da entsteht auf dem Schiffe ein großer Lärm. Ein portugiesisches Schiff hat uns bemerkt und fährt in keiner gar zu großen Entfernung auf uns zu. Unser Schiff sucht das Weite mit vollen Segeln. In meiner Verzweiflung stürze ich mich in’s Meer, aber ungeachtet aller Eile, mich schwimmend davon [176] zu machen, holen mich die Seeräuber, die mich für das Opfer eines unglücklichen Zufalles halten, aus dem Wasser heraus. Ich blieb wie todt liegen …“

„Wahrlich,“ rief Graf Albrecht, welcher der Erzählung mit immer steigender Theilnahme zugehört hatte, „es ist nicht an Euch gelegen, daß Ihr so lange verschollen geblieben seid!“

„Als ich zum Bewußtsein zurückgekehrt war,“ erzählte Arbogast weiter, „waren wir, von der Finsterniß begünstigt, aller Gefahr entgangen und ich hörte, daß wir jetzt nach Tunis heimfuhren. Meine Lage war entsetzlich. Als wir uns in einem schrecklichen Sturme der Küste näherten, also dem Lande, in welchem ich den alten Scheik ermordet hatte, sahen wir ein entmastetes Schiff nahe an uns vorüber treiben. Leichte Beute witternd, ruderten unsere Boote gleich dahin, aber es zeigte sich, daß das Schiff dem Sultan von Aegypten gehörte, und daß sich einer seiner größten Würdenträger darauf befand. Die Schiffbrüchigen wurden bei uns aufgenommen, und die Seeräuber verdingten sich um hohen Lohn, den großen Herrn nach Aegypten zu bringen. Als wir in Alexandrien [177] angekommen waren, kam ich eines Tages auf den dortigen Hafenplatz und fand eine große Volksmenge versammelt. Der Sultan sollte erscheinen, um die Flotte zu besichtigen, welche die Aufgabe hatte, die Küsten von Syrien anzufallen. Ich drängte mich von einem Platze zum anderen durch, und der Zufall wollte es, daß ich gerade dorthin gerieth, wo der Sultan mit seinem Gefolge vorbeikommen mußte. Bald sah ich ihn auch hoch zu Pferde daherreiten und beugte mich tief zur Erde. Der Sultan hielt sein Pferd an, betrachtete zu meinem größten Schrecken mich eine ganze Weile und sagte: ‚Du gefällst mir. Du bist zu großen Ehren und Reichthümern bestimmt! Einer der Eunuchen, welche die Oberaufsicht in meinem Harem haben, hat ein schweres Verschulden auf sich geladen und ist heute hingerichtet worden. Ich brauchte einen Ersatz. Ich ernenne Dich an seine Stelle.‘ Ich wurde sogleich umringt und abgeführt. Und nun – und nun –“

Er verhüllte sein Gesicht, ein dumpfes Stöhnen entwand sich seiner Brust.

Auf’s Aeußerste ergriffen, lüftete die Prinzessin [178] ihren Schleier, aber der Graf zog ihn schnell wieder herunter.

„Nach Monaten,“ sprach Arbogast mit leiser, sich kaum hervorwagender Stimme weiter, „trat ich mein Amt an und bekleidete es, – aber nicht lange. Der Sultan sandte eine Kriegsschaar ab, um die syrische Stadt Ghaza zu überfallen, und nahm auf die Fahrt einen Theil seines Harems mit. Ich war dabei. Ehe jedoch Ghaza erreicht war, brachen die Christen aus einem Hinterhalte hervor, und der Sultan wäre beinahe gefangen worden. In dieser Gefahr und Verwirrung stürzte ich mich mit blankem Säbel in das Schlachtgewühl bis zur vordersten Kampfreihe und metzelte rechts und links meine vermeintlichen Glaubensgenossen nieder, indem ich den Namen Christi und seiner Heiligen mit lauter Stimme rief. Darüber staunend, sprangen mir die Christen zu Hilfe, und bald war die ganze Kriegsschaar des Sultans in die Flucht getrieben. Ich gab mich hierauf zu erkennen und wurde wegen einer Wunde am Schenkel, die ich erhalten, in das Spital nach Jerusalem gebracht. Das ist nun etwas über zwei Monate her. Die Wunde ist fast [179] geheilt, und ich wünschte nur, daß die Wunden meiner Seele ebenso heilen könnten. Aber das wird nie geschehen! An meiner Menschenwürde ist gefrevelt worden – was kann ich noch sein?“

Arbogast schwieg, und nach einer langen Pause sagte Graf Albrecht: „Ich habe viele Geschichten gehört und gelesen – der Eurigen kommt keine gleich! Der kühne Geist der Wolfeggs hat sich in Euch fortgeerbt, und Ihr hättet es im Leben weit gebracht, wenn Euch das Glück mit gleicher Standhaftigkeit begleitet hätte, wie das Unglück! Was wollt Ihr jetzt beginnen?“

„Ich bin krank und siech,“ erwiderte Arbogast, „und wenn sich auch meine Gesundheit durch Ruhe und in der Freiheit, die ich genieße, wieder befestigen sollte, so bin ich doch von den Freuden des Lebens für immer ausgeschlossen. Ich kann nur an Rache denken und Mordgedanken nähren! Nehmet an, ich würde mich erholen und Samson’s Leibesstärke erlangen, – was kann ich thun? Nichts, nichts, als Heidenblut vergießen und diese Söldlinge der Hölle mit Weib und Kind in ihren Höllenpfuhl zurücktreiben! Aber ich fühle, – ich fühle, daß [180] meine Kräfte auf der Neige sind, daß mein Siechthum fortschreitet! Wenn dem so ist, wie ich fürchte, so will ich in ein Kloster treten und in gottgeweihter Einsamkeit meine gemarterte bejammernswürdige Seele aushauchen.“

Es war finster geworden, der Abendwind rauschte im Wipfel der einsamen Sykomore. Ein leises Aufschluchzen verrieth, daß die Prinzessin weine.

„Ist diese da Euer Weib?“ fragte Arbogast.

„Sie ist es,“ erwiderte der Graf, indem er Diafanta, wie zu ihrer Beruhigung, mit einem Arme fest und innig an sich drückte.

„Ich habe Niemandem auf der Welt Freude gemacht,“ sagte Arbogast tief traurig. „Sogar diejenigen, die sich nichts um mich zu kümmern hätten, bringe ich zu Thränen. Mein einziger Trost, mein einziger Wunsch ist es, daß mich die Eine, welcher mein Schicksal am nächsten ginge, nicht wiedersieht! Sollte sie mir aber, was der Himmel verhüte, irgendwo begegnen, und könnte ich mich vor ihrem Anblicke nicht anders retten, so würde ich mir den Dolch, den ich beständig bei mir trage, durch das Herz stoßen!“

[181] Die Prinzessin wiegte ihren Kopf an der Brust des Grafen in stillem Jammer hin und her.

„Kann ich nichts für Euch thun?“ fragte der Graf, der das Ende des furchtbaren Auftrittes herbeiwünschte. „Kann ich Euch in keiner Weise helfen?“

Arbogast besann sich eine Weile und erwiderte dann: „Ich habe Alles, was Menschen geben können! Wie lange bleibt Ihr noch in Jerusalem?“

„Ich reise morgen in aller Frühe,“ war die Antwort. „Ich habe bereits alle die wunderbaren Dinge auf diesem heiligen Boden gesehen. Aber nicht minder denkwürdig wird das Ungefähr in meinem Gedächtnisse haften, daß ich Euch hier getroffen habe! Ich gehe nach langer Abwesenheit zurück über die Alpen, in’s Rheinthal.“

Er erhob sich mit der Prinzessin und Arbogast rief aus: „Grüßt mir die Berge dort, auf denen ich Gemse und Steinbock gejagt, die Thäler, in welchen ich mich als lustiger Knabe herumgetummelt habe, und die ich nie wieder schauen werde, – nie!“

„Stärke Euch Gott, Arbogast,“ sprach der Graf mit tiefer Bewegung, indem er ihm die Hand reichte.

[182] Arbogast hielt die Hand eine Weile schweigend in der seinigen. Die Prinzessin, am Arme des Grafen, lüftete, von der Finsterniß geschützt, ihren Schleier, um auf Arbogast noch einen, den letzten Blick zu werfen, nahm dann ein geweihtes Kreuz, das sie vom heiligen Grabe mitgebracht, vom Halse, küßte es und reichte es Arbogast, der es dankbar annahm und heiß und wiederholt küßte.

Es war gleichsam ein Geisterkuß, den der Unglückliche von der Prinzessin erhalten hatte. Gleich darauf kamen sie sich auf ewig aus den Augen.


[183]

Achtzehntes Capitel.


Abschluß.

Am folgenden Tage wurde von Jerusalem in frühester Morgenstunde aufgebrochen und der Weg nach der syrischen Küste zu Pferde zurückgelegt. Tiefste Trauer, tiefstes Mitleid mit Arbogasts Schicksal im Herzen, ritt die Prinzessin, ohne jedoch ein Wort über ihn zu sprechen, nach dem Einschiffungsplatze dahin.

„Holdseliger Engel, ermanne Dich, – da läßt sich nichts mehr ändern!“ redete sie der Graf in Jaffa unter den zärtlichsten Liebkosungen an.

„Ich weiß es,“ erwiderte die Prinzessin aufseufzend, „aber wie kann ich mir helfen? Die Geschichte seiner Erlebnisse klingt wie eine grausenhafte Mär beständig in meinen Ohren nach, und sein Bild, sein entstelltes Bild [184] steht mir immerfort vor den Augen! Du hast ihn kaum gekannt und kannst die an ihm vorgegangene Veränderung nicht ermessen, – er ist nicht mehr er selbst. Was wir von ihm gesehen haben, ist Arbogasts Gespenst!“

„Ein Stein könnte Erbarmen mit ihm fühlen,“ sprach Graf Albrecht. „Mit staunenerregendem Muthe, wie ein Riese, hat er mit seinem Schicksale gerungen. Du hast keinen unwürdigen, keinen gewöhnlichen Mann geliebt!“

„Ich habe Alles gewagt und Alles für ihn eingesetzt, was ich bin und was ich habe!“ sagte die Prinzessin. „Da Du jetzt weißt, was und wer Arbogast ist, werde ich in Deinen Augen höher stehen, und meine Flucht von Lissabon wird Dir nicht ganz als ein leichtsinniger, thörichter Mädchenstreich erscheinen. Dennoch muß ich schaudern, wenn ich bedenke, was aus mir geworden wäre, wenn ich Dich nicht auf meiner abenteuerlichen Fahrt zur Seite gehabt hätte!“

„Das Zusammentreffen auf dem Oelberge war verhängnißvoll“, entgegnete der Graf, „aber es hat uns Beiden doch Gewißheit gebracht, obgleich eine schreckliche [185] Gewißheit. Nutzlos und vergebens hätte der Gedanke in Deinem Gemüthe fortgewühlt, was aus Arbogast geworden sei, ob er noch lebe, wo er weilen, wo er dulden möge. Dieser verzehrenden Unruhe ist jetzt ein Ende gemacht. Du weißt nun, daß seine Lage furchtbar ist, doch ist sie vielleicht nicht schlimmer, als Deine Vermuthungen, Deine Träume gewesen wären! Er ist frei, und seine starke Seele wird sich nach und nach in das harte Schicksal fügen. Sie wird allmälig wieder in’s Leben eintreten und schließlich wird sein Herz sich den Lebensfreuden öffnen, die ihm noch zugänglich sind.“

Bald nach dieser Unterredung bestiegen sie ein Schiff und legten den langen Seeweg nach Venedig in verhältnißmäßig kurzer Zeit und ohne störende Abenteuer zurück. Hatten schon die Meeresfahrt und der reiche Wechsel der Landschaften auf das Gemüth der Prinzessin einen beschwichtigenden Einfluß ausgeübt, so konnte ein längerer Aufenthalt in der berühmten Lagunenstadt auch nicht ohne eine wohlthätig zerstreuende Wirkung bleiben, besonders da sich hier ein neuer Kreis von Sorgen aufthat, von welchem die Liebenden unmittelbar berührt wurden.

[186] Allen Gefahren entrückt und im sicheren Besitze der Prinzessin, hielt es nämlich Graf Albrecht für seine Pflicht, sogleich eine Botschaft an den König von Portugal abzusenden, durch welche derselbe von dem Hergange der Dinge und der bevorstehenden Vermählung seiner Tochter benachrichtigt werden sollte. Wenn auch die Hoffnung auf die väterliche Zustimmung und Verzeihung nicht groß war, so mußte doch der Schritt versucht werden.

Gleichzeitig wurde ein zweiter Eilbote nach Werdenberg geschickt und durch denselben dem Vogte des dortigen Schlosses aufgetragen, Alles zum Empfange in Stand zu setzen, zu des Grafen von Werdenberg Brüdern, Vettern und Verwandten herumzuschicken und ihnen zu wissen zu thun, daß sie ihm mit allem Pomp und aller Pracht entgegen kommen möchten. Von Venedig zogen sie dann über Görz und das Bisthum Salzburg nach seiner Heimath zurück.

Sie waren nicht mehr die Flüchtlinge, welche in der einfachsten Weise reisen und sich verbergen mußten. Von dem auserlesenen Kriegshäuflein begleitet, das der Ordensmeister von Rhodus der Verabredung gemäß nach Venedig vorausgeschickt hatte, trat nun Graf [187] Albrecht in einem, seinem hohen Stande gemäßen Aufzuge überall auf.

Als man den Bodensee endlich erreicht hatte, kamen dem Brautpaare die Verwandten und Freunde mit sechshundert Pferden, dreißig Frauenwagen und einer Unzahl von Speisekarren entgegen. Die Hervorragendsten unter den Entgegengekommenen waren die Burggrafen von Nürnberg, die Grafen von Teck, Toggenburg und Heilsburg.

Das Hochzeitsfest wurde allsogleich mit dem höchsten Pomp, endlosen Schmäusen und Lustbarkeiten aller Art gefeiert, wie es die Sitte der Zeit mit sich brachte. Der fürstliche Abt von Pfäffers segnete das Brautpaar ein. An demselben Tage wurde auch der treue Thomas mit seiner Brigitte, welche die lange Prüfungszeit wacker bestanden hatte, für immer vereinigt.

Noch während der Flitterwochen erhielt das junge Ehepaar von Portugal Antwort auf die von Venedig abgesandte Botschaft. Aber sie war wenig erfreulich und lautete dahin, daß der König von seiner Tochter, die sich an seinem Vaterherzen so schwer vergangen habe, nichts [188] mehr wissen wolle und sie nicht mehr als die seinige betrachte. Dies machte Anfangs auf Beide einen höchst peinlichen Eindruck, konnte aber auf die Dauer eine Ehe nicht trüben, welche sich durch die immer tiefer gehende Zuneigung beider Theile und den günstigen Gang der äußeren Verhältnisse von Tag zu Tag glücklicher gestaltete.

Jahre um Jahre waren vergangen.

Der Ehe des Grafen Albrecht war ein Knabe entsprossen, welcher jetzt neun Jahre zählte. Es war ein wunderlieblicher Knabe, der mit dem Könige von Portugal, wie ihn Bildnisse aus früherer Zeit zeigten, die größte Aehnlichkeit hatte. Um diese Zeit kehrte ein päpstlicher Legat, der sich auf einer Mission viele Jahre im hohen Norden aufgehalten, auf seiner Rückreise nach Rom bei dem Grafen Albrecht ein. Obwohl er nur für eine Nacht Quartier gesucht hatte, gefiel es ihm doch in Werdenberg so gut, daß er einige Tage dort verweilte. Man hatte sich beiderseits in der kurzen Zeit so lieb gewonnen, daß Graf Albrecht seinem Gaste bei dessen Abreise ein weites Geleite gab. Der Umstand, daß die [189] Schloßfrau eine portugiesische Königstochter sei, war während des Besuches mit keiner Silbe erwähnt worden.

Im Begriffe, für immer zu scheiden, sagte der päpstliche Legat zum Grafen Albrecht: „Ich werde in Rom mein Legaten-Amt niederlegen und ein Bisthum in Portugal erhalten. Ich bin von Geburt Portugiese. Ich wünsche Euch die empfangene Gastfreundschaft zurückzuerstatten und hege die höchste Zuversicht, daß ich Euch mit Euerer Gemahlin bald in Portugal sehen und auch bei mir empfangen werde.“

Während ihn Graf Albrecht einigermaßen erstaunt anblickte, fuhr der päpstliche Legat lächelnd fort: „Ihr wißt und ahnet nicht, daß Ihr in Euerem Schlosse einen Kundschafter und Späher aufgenommen habt. Ich habe vom König von Portugal den Auftrag erhalten, auf meiner Rückreise bei Euch einzukehren. Zunehmendes Alter und Gebrechlichkeit haben König Alfons’ Herz erweicht. Er hat mich hergeschickt, um Eure häuslichen Verhältnisse zu prüfen und es meinem Ermessen ganz und gar überlassen, Euch einzuladen, möglichst bald zu ihm nach Portugal zu kommen. Ich habe mich von dem ehelichen [190] Glücke seiner Tochter überzeugt und fordere Euch hiermit im Namen des Königs auf, mit Weib und Kind Lissabon zu besuchen.“

Mit diesen Worten schied der Legat. Die Prinzessin war, als ihr Gatte die frohe Kunde heimbrachte, vor Freuden außer sich. Die Reiseanstalten wurden auf das Eifrigste betrieben, und man brach ohne den geringsten Zeitverlust auf. Als sie an die Landesgrenze Portugals gekommen waren, fanden sie Wagen zu ihrer Verfügung und wurden von Dom Bedras im Namen des Königs begrüßt. Nichts konnte die vollständige Umstimmung König Alfons’ stärker ausdrücken, als die Wahl dieses Mannes, der sie in Rhodus verfolgt und in den furchtbaren Sturm hinausgetrieben hatte.

Endlich war Lissabon erreicht; die Gatten betraten die Räume des auf der Höhe gelegenen königlichen Schlosses. Die Gräfin, in unaussprechlicher Bewegung, eilte voran; der Graf folgte, den Knaben an der Hand.

Der König erschien, stark gealtert, grau an Haar und Bart; die Gräfin stürzte ihm zu Füßen.

[191] „Mein gnädiger Herr und Vater,“ rief sie, seine Kniee umschlingend, „könnt Ihr mir verzeihen?“

„O meine Tochter,“ sagte der König mit bewegter Stimme, „wie viel schlummerlose Nächte habe ich Deinetwegen gehabt!“

„Ich weiß,“ erwiderte die Gräfin, „wie sehr ich Euren Zorn verdient! Ich habe unter dem Drange einer unwiderstehlichen Macht gehandelt. Auch ich habe in Folge davon viel gelitten, habe Euren Zorn schwer gefühlt und Eure Liebe sehr entbehrt. Hier liege ich, und nicht eher erhebe ich mich, bis Ihr, mein Herr und Vater, mir verziehen.“

Graf Albrecht stand indessen ernst und schweigend im Hintergrunde, und der Knabe Albrecht, der das, was vorging, nicht begreifen konnte, blickte den König mit zornigen Augen an, legte die Hand an sein kleines Schwert und sagte: „Die Mutter knieet und weint; wer darf ihr etwas zu Leide thun?“

Die Stimme des Knaben bewegte den alten König wundersam; er hob seine Tochter in die Höhe und rief:

[192] „Ich verzeihe, ich verzeihe Euch! Wir waren nur allzu lange getrennt! Kommt, kommt Alle an mein Herz!“

Es war ein ergreifender Moment des Wiedersehens. Die Gräfin folgte ihrem königlichen Vater in sein Gemach und gab ihm alle Aufklärungen über ihre Flucht, deren Beweggründe er erst jetzt erfuhr. Ihre Geständnisse entlasteten den Grafen so vollständig, daß ihm jetzt kaum mehr ein Vorwurf zu machen war, vielmehr der Vater ihm als Beschützer seiner Tochter auf’s Wärmste zu danken hatte.

Die Versöhnung war eine vollständige.

Am folgenden Tage wurde Graf Albrecht, der im königlichen Schlosse seine Wohnung bezogen, von zahlreichen Großen des Reiches besucht. Auch ein weißbärtiger Ritter, der sich sofort als Deutscher zu erkennen gab, trat ein; Graf Albrecht fragte sein Gedächtniß, wer es sei. Doch schon rief die Gräfin: „Ritter Langenbruck, Ihr seid es! Wieder in Portugal?“

„Ich habe vor drei Jahren Palästina verlassen,“ sagte der Ritter; „ich werde allmälig zu alt, dort den Kriegsdienst zu treiben. Es steht nicht allzu gut im [193] heiligen Lande und wenn nicht ein neuer Kreuzzug der gesammten Christenheit Hilfe schafft, so wird diese Eroberung ein trauriges Ende nehmen.“

„Wißt Ihr etwas von Arbogast von Wolfegg?“ fragte der Graf. „Ein Gedanke hat mich immer verfolgt, daß er jemals erfahren, wer die gewesen, die er an meiner Seite gesehen. Ich weiß nicht, ob er das überlebt hätte!“

„Er hat es nie erfahren,“ antwortete der Ritter. „Ich habe Euch Stillschweigen versprochen und habe es gehalten, so gern ich auch erzählt hätte, daß die Tochter des Königs von Portugal unter meinem schlechten Dache gewohnt. Ritterwort ist Ritterwort. Arbogast–“

„Lebt er noch?“ fragte die Prinzessin.

„Ich will Euch Alles erzählen,“ sagte Langenbruck. „Arbogast, der, wie Ihr wißt, halb und halb geheilt, das Spital der Johanniter verlassen hatte, erholte sich bald, denn er war von rüstiger Natur und wurde wieder ein aufrechter Krieger. Da kamen die Kämpfe um Edessa. Die Bevölkerung griff zu den Waffen, [194] Arbogast aber sammelte versprengte Freischaaren unter seine Fahnen und lauerte in einem Engpasse den heranziehenden Moslems auf. Indessen trieben die Emire Saladins ihre Haufen vorwärts, ohne auf Widerstand zu stoßen. Sie kamen an den Paß. Da warf sich Arbogast mit solchem Ungestüm auf sie, daß er die Ueberraschten zum Weichen brachte und sie mit großem Verluste in die Flucht schlug. Berauscht von seinem Erfolge, kehrte er nach Jerusalem zurück, wo er vom Volke mit lautem Zuruf empfangen und als Sieger gefeiert wurde. Das war noch ein großer Tag, den er erlebte. Aber es kamen neue Kämpfe. Voll Geringschätzung der Moslems, ritt Arbogast hart an das feindliche Lager bei Edessa mit dreißig Reitern heran, um sich von den Stellungen des Feindes zu überzeugen. Hochmüthig und tollkühn zugleich, glaubte er Alles wagen zu können. Er wurde in seiner Meinung durch den Umstand bestärkt, daß er keine Bewegung des Feindes bemerkte. Aber plötzlich warfen sich Moslems in überlegener Anzahl auf ihn und seine Schaar, viele der Seinigen flohen, er wurde abgeschnitten von seinen Begleitern. Lange kämpfte er [195] um sein Leben, schimpfliche Gefangenschaft oder unvermeidlichen Tod vor Augen, und sank endlich, von fünfzig Pfeilen getroffen. Auf einem Hügel bei Edessa steht ein aufgerichtetes Kreuz. Das ist zu seinem Andenken da, und auch die Heiden achten es.“

„Ehre seinem Andenken,“ sagte der Graf; „er hat einen schönen Kriegertod gefunden!“

„Er hat sich den Tod ersehnt und hat ihn gesucht,“ sagte die Prinzessin und weinte seinem Andenken eine Fluth von Thränen. Sie konnte sich lange nicht beruhigen.

„Und nun darf ich wohl fragen,“ sprach der von Langenbruck, „wie sich Euer edler Lehensmann, mein Freund, der Graf von Vaduz, befindet? Er ist immer gar gnädig und freundlich gegen mich gewesen.“

Er hatte es kaum gesagt, als Thomas Lyrer eintrat, einen Becher Weines auf einer Platte zur Erquickung des Gastes bringend. Die Erscheinung des „Grafen von Vaduz“ in solcher Stellung machte den von Langenbruck ganz verdutzt; aber auch Thomas war beschämt, von dem, der ihn in Palästina als Grafen gekannt, in dienender [196] Stellung gesehen zu werden. Am Grafen Albrecht war es, mit der offenen Darlegung der damaligen Verhältnisse Alles befriedigend zu lösen. –

Mehrere Wochen waren vergangen, seitdem der Graf von Werdenberg am Hofe des Königs lebte, die Stunde des Abschieds, die immer wieder hinausgerückt worden war, erschien. Mit dem Könige vollständig ausgesöhnt, feierlich begleitet, traten die Gatten die weite Heimreise an und gelangten glücklich wieder in ihre Heimath.

Dort lebte Graf Albrecht hoch geehrt und gefürchtet und wurde der Stammvater eines mächtigen Geschlechtes, daß seine Herrschaft immer weiter am Oberrhein ausbreitete. Seine Ehe war die glücklichste. Er hatte auf seinen abenteuerlichen Fahrten zwar kein Königreich errungen, wohl aber ein Königskind, dessen Herz an Werth einem Königreiche gleich kam. – –

Das ist die Geschichte der Prinzessin von Portugal, die des Grafen von Werdenberg Weib wurde. Sie wäre in Vergessenheit gerathen, wenn nicht Thomas Lyrer, der treue Dienstmann, der seinen Herrn nach Rhodus und nach Jerusalem begleitet, am Spätabende seines Lebens [197] zur Feder gegriffen und die Ereignisse schlecht und recht, so gut er eben konnte, niedergeschrieben hätte. Es war allerdings eine Hand, die besser den Pferdestriegel und das Putzzeug für Schwert und Schild, als das Schreibwerkzeug zu führen verstand. Indeß, wie die Form auch sein mochte, der Bericht von so merkwürdigen Ereignissen hatte seinen Werth. Die Chronik, die er hinterließ, fand im sechszehnten oder siebzehnten Jahrhundert einen Nachschreiber, der sie in das Deutsch seiner Zeit übertrug, so daß wir noch heute in der Chronik Thomas Lyrer’s von Rankweil die Grundzüge dessen finden, was wir unsern Lesern erzählt haben. Die ursprüngliche Fassung aber von Thomas’ Hand ist nicht mehr aufzufinden.


Ende.


Anmerkungen (Wikisource)

Um seinen Erpressungsversuchen Meißner gegenüber Nachdruck zu verleihen, baute Meißners heimlicher Ghostwriter Franz Hedrich am Schluss ein Akrostichon mit seinem Namen ein, wie er in seiner Enthüllungsschrift von 1889 Alfred Meißner - Franz Hedrich Geschichte ihres literarischen Verhältnisses S. 132f. darlegt (Scan auf Commons):

„Das erste Werk, das ich unter dem Namen Alfred Meißner wieder veröffentlichte, war die „Prinzessin von Portugal“, welche im nächsten Spätherbst [1881] in der Illustrirten Frauenzeitung in Berlin und im folgenden Jahre in der Verlagsbuchhandlung von S. Schottländer in Leipzig, als Buch, erschien.

Ein Beweis meiner Urheberschaft wäre nicht da, wenn ich nicht, von den bisherigen Erfahrungen gewarnt, am Anfang des letzten Kapitels die Worte „Autor Hedrich“, in den Text eingeflochten hätte, so daß die einzelnen Buchstaben dieser zwei Worte beim beginne eines jeden Satzes oder eines Satztheiles, den ein Unterscheidungszeichen trennt, hintereinander folgen.

Achtzehntes Kapitel (pagina 183)

Am folgenden Tage wurde von Jerusalem aufgebrochen Und der Weg nach der syrischen Küste zu Pferde gemacht. Tiefste Trauer, tiefstes Mitleid mit Arbogasts Schicksal im Herzen, Ohne jedoch ein Wort über ihn zu sprechen, Ritt die Prinzessin nach dem Einschiffungsplatze dahin.

Holdseliger Engel, Ermanne Dich! Da läßt sich nichts mehr ändern, Redete sie der Graf unter Liebkostungen in Jaffa an. Ich weiß es, erwiderte die Prinzessin aufseufzend.“

  1. Vorlage: deu