Die Räuber/Vorrede

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[V]
De Schiller Die Räuber Illustration 02.jpg
Vorrede.

Man nehme dieses Schauspiel für nichts anders, als eine dramatische Geschichte, die die Vortheile der dramatischen Methode, die Seele gleichsam bei ihren geheimsten Operationen zu ertappen, benuzt, ohne sich übrigens in die Schranken eines Theaterstücks einzuzäunen, oder nach dem so zweifelhaften Gewinn bei theatralischer Verkörperung zu geizen. Man wird mir einräumen, daß es eine widersinnige Zumuthung ist, binnen drei Stunden drei ausserordentliche [VI] Menschen zu erschöpfen, deren Thätigkeit von vielleicht tausend Räderchen abhänget, so wie es in der Natur der Dinge unmöglich kann gegründet seyn, daß sich drei ausserordentliche Menschen auch dem durchdringendsten Geisterkenner innerhalb vier und zwanzig Stunden entblössen. Hier war Fülle ineinandergedrungener Realitäten vorhanden, die ich unmöglich in die allzuengen Pallisaden des Aristoteles und Batteux einkeilen konnte.

Nun ist es aber nicht sowohl die Masse meines Schauspiels, als vielmehr sein Innhalt, der es von der Bühne verbannet. Die Oekonomie desselben machte es nothwendig, daß mancher Karakter auftreten mußte, der das feinere Gefühl der Tugend beleidigt, und die Zärtlichkeit unserer Sitten empört. Jeder Menschenmaler ist in diese Nothwendigkeit gesezt, wenn er anders eine Kopie der wirklichen [VII] Welt, und keine idealischen Affektationen, keine Kompendienmenschen will geliefert haben. Es ist einmal so die Mode in der Welt, daß die Guten durch die Bösen schattiert werden, und die Tugend im Kontrast mit dem Laster das lebendigste Kolorit erhält. Wer sich den Zweck vorgezeichnet hat, das Laster zu stürzen, und Religion, Moral und bürgerliche Geseze an ihren Feinden zu rächen, ein solcher muß das Laster in seiner nakten Abscheulichkeit enthüllen, und in seiner kolossalischen Grösse vor das Auge der Menschheit stellen – er selbst muß augenbliklich seine nächtlichen Labyrinthe durchwandern, – er muß sich in Empfindungen hineinzuzwingen wissen, unter deren Widernatürlichkeit sich seine Seele sträubt.

Das Laster wird hier mit samt seinem ganzen innern Räderwerk entfaltet. Es lößt in [VIII] Franzen all die verworrenen Schauer des Gewissens in ohnmächtige Abstraktionen auf, skeletisirt die richtende Empfindung, und scherzt die ernsthafte Stimme der Religion hinweg. Wer es einmal so weit gebracht hat, (ein Ruhm, den wir ihm nicht beneiden) seinen Verstand auf Unkosten seines Herzens zu verfeinern, dem ist das Heiligste nicht heilig mehr – dem ist die Menschheit, die Gottheit nichts – Beide Welten sind nichts in seinen Augen. Ich habe versucht, von einem Mißmenschen dieser Art ein treffendes lebendiges Konterfey hinzuwerffen, die vollständige Mechanik seines Lastersystems auseinander zu gliedern – und ihre Kraft an der Wahrheit zu prüfen. Man unterrichte sich demnach im Verfolg dieser Geschichte, wie weit ihr’s gelungen hat – Ich denke, ich habe die Natur getroffen.

[IX] Nächst an diesem stehet ein anderer, der vielleicht nicht wenige meiner Leser in Verlegenheit sezen möchte. Ein Geist, den das äusserste Laster nur reizet um der Grösse willen, die ihm anhänget, um der Kraft willen, die es erheischet; um der Gefahren willen, die es begleiten. Ein merkwürdiger wichtiger Mensch, ausgestattet mit aller Kraft, nach der Richtung, die diese bekömmt, nothwendig entweder ein Brutus oder ein Katilina zu werden. Unglükliche Konjunkturen entscheiden für das zweyte und erst am Ende einer ungeheuren Verirrung gelangt er zu dem ersten. Falsche Begriffe von Thätigkeit und Einfluß, Fülle von Kraft, die alle Geseze übersprudelt, mußten sich natürlicher Weise an bürgerlichen Verhältnissen zerschlagen, und zu diesen enthousiastischen Träumen von Grösse und Wirksamkeit durfte sich nur eine Bitterkeit gegen die unidealische Welt gesellen, so war [X] der seltsame Donquixote fertig, den wir im Räuber Moor verabscheuen und lieben, bewundern und bedauern. Ich werde es hoffentlich nicht erst anmerken dörfen, daß ich dieses Gemählde so wenig nur allein Räubern vorhalte, als die Satyre des Spaniers nur allein Ritter geisselt.

Auch ist izo der grosse Geschmak, seinen Wiz auf Kosten der Religion spielen zu lassen, daß man beinahe für kein Genie mehr paßirt, wenn man nicht seinen gottlosen Satyr auf ihren heiligsten Wahrheiten sich herumtummeln läßt. Die edle Einfalt der Schrift muß sich in alltäglichen Assembleen von den sogenannten wizigen Köpfen mißhandeln, und ins Lächerliche verzerren lassen; denn was ist so heilig und ernsthaft, das, wenn man es falsch verdreht, nicht belacht werden kann? – Ich kann hoffen, daß ich [XI] der Religion und der wahren Moral keine gemeine Rache verschafft habe, wenn ich diese muthwilligen Schriftverächter in der Person meiner schändlichsten Räuber dem Abscheu der Welt überliefere.

Aber noch mehr. Diese unmoralische Karaktere, von denen vorhin gesprochen wurde, mußten von gewissen Seiten glänzen, ja oft von Seiten des Geistes gewinnen, was sie von Seiten des Herzens verlieren. Hierinn habe ich nur die Natur gleichsam wörtlich abgeschrieben. Jedem, auch dem Lasterhaftesten ist gewissermassen der Stempel des göttlichen Ebenbilds aufgedrükt, und vielleicht hat der grosse Bösewicht keinen so weiten Weg zum grossen Rechtschaffenen, als der kleine; denn die Moralität hält gleichen Gang mit den Kräften, und je weiter die Fähigkeit, desto [XII] weiter und ungeheurer ihre Verirrung, desto imputabler ihre Verfälschung.

Klopstoks Adramelech wekt in uns eine Empfindung, worinn Bewunderung in Abscheu schmilzt. Miltons Satan folgen wir mit schauderndem Erstaunen durch das unwegsame Chaos. Die Medea der alten Dramatiker bleibt bei all ihren Greueln noch ein grosses staunenswürdiges Weib, und Shakespears Richard hat so gewiß an Leser einen Bewunderer, als er auch ihn hassen würde, wenn er ihm vor der Sonne stünde. Wenn es mir darum zu thun ist, ganze Menschen hinzustellen, so muß ich auch ihre Vollkommenheiten mitnehmen, die auch dem bösesten nie ganz fehlen. Wenn ich vor dem Tyger gewarnt haben will, so darf ich seine schöne [XIII] blendende Flekenhaut nicht übergehen, damit man nicht den Tyger beym Tyger vermisse. Auch ist ein Mensch, der ganz Bosheit ist, schlechterdings kein Gegenstand der Kunst, und äussert eine zurükstossende Kraft, statt daß er die Aufmerksamkeit der Leser fesseln sollte. Man würde umblättern, wenn er redet. Eine edle Seele erträgt so wenig anhaltende moralische Dissonanzen, als das Ohr das Gekrizel eines Messers auf Glas.

Aber eben darum will ich selbst mißrathen haben, dieses mein Schauspiel auf der Bühne zu wagen. Es gehört beiderseits, beim Dichter und seinem Leser, schon ein gewisser Gehalt von Geisteskraft dazu; bei jenem, daß er das Laster nicht ziere, bei diesem, daß er sich nicht von einer schönen Seite [XIV] bestechen lasse, auch den häßlichen Grund zu schäzen. Meiner Seits entscheide ein Dritter – aber von meinen Lesern bin ich es nicht ganz versichert. Der Pöbel, worunter ich keineswegs die Gassenkehrer allein will verstanden wissen, der Pöbel wurzelt, (unter uns gesagt) weit um, und gibt zum Unglük – den Ton an. Zu kurzsichtig mein Ganzes auszureichen, zu kleingeistisch mein Grosses zu begreifen, zu boshaft mein Gutes wissen zu wollen, wird er, fürcht’ ich, fast meine Absicht vereiteln, wird vielleicht eine Apologie des Lasters, das ich stürze, darinn zu finden meynen, und seine eigene Einfalt den armen Dichter entgelten lassen, dem man gemeiniglich alles, nur nicht Gerechtigkeit wiederfahren läßt.

[XV] Es ist das ewige Dacapo mit Abdera und Demokrit, und unsre gute Hippokrate müßten ganze Plantagen Nießwurz erschöpfen, wenn sie dem Unwesen durch ein heilsames Dekokt abhelfen wollten. Noch so viele Freunde der Wahrheit mögen zusammenstehen, ihren Mitbürgern auf Kanzel und Schaubühne Schule zu halten, der Pöbel hört nie auf, Pöbel zu seyn, und wenn Sonne und Mond sich wandeln, und Himmel und Erde veralten wie ein Kleid. Vielleicht hätt’ ich den schwachherzigen zu frommen der Natur minder getreu seyn sollen; aber wenn jener Käfer, den wir alle kennen, auch den Mist aus den Perlen stört, wenn man Exempel hat, daß Feuer verbrannt, und Wasser ersäuft habe, soll darum Perle – Feuer – und Wasser konfiscirt werden?

[XVI] Ich darf meiner Schrift, zufolge ihrer merkwürdigen Katastrophe mit Recht einen Plaz unter den moralischen Büchern versprechen; das Laster nimmt den Ausgang, der seiner würdig ist. Der Verirrte tritt wieder in das Gelaise der Geseze. Die Tugend geht siegend davon. Wer nur so billig gegen mich handelt, mich ganz zu lesen, mich verstehen zu wollen, von dem kann ich erwarten, daß er – nicht den Dichter bewundere, aber den rechtschaffenen Mann in mir hochschäze.

Geschrieben in der Ostermesse.
 1781.

Der Herausgeber.


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