Die Roderich Benedix-Dotation

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Titel: Die Roderich Benedix-Dotation
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 706
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Roderich Benedix-Dotation.


Wenn es einem großen Theil der deutschen Presse darum zu thun war, durch möglichste Verwechselung der Begriffe „Ehrenlohn“ und „Bettelpfennig“ den Sammlungen für die Benedix-Dotation ein rasches Ende zu bereiten, so ist ihr dies beinahe gelungen. Denn seitdem die offenbare Lüge sich nicht gescheut hat, Nachrichten über des Dichters Haushalt, die an Blödsinn grenzen, in eine Zeitung zu bringen, hat eifrigst eine der anderen dieselben nachgedruckt, und leider haben dann auch im Publicum nur sehr Wenige erst gefragt: „Ist das auch wahr?“, sondern die große Mehrzahl hat es vorgezogen, sich von der Theilnahme an der Sammlung ohne Weiteres zu befreien.

Unter solchen Umständen würden die Unterzeichner des Aufrufs zu einer R. Benedix-Dotation stillschweigend abtreten müssen, wenn sie nicht besser über die berührten Verhältnisse unterrichtet und es der Ehre des todten Dichters und ihrer eigenen Ehre schuldig wären, ihr Unternehmen durch eine klare Darstellung der Sachlage zu rechtfertigen.

Die Verhältnisse, in welchen R. Benedix gelebt hat und von den Seinen geschieden ist, sind nach den zwei einander entgegengesetzten Seiten in’s Maßlose übertrieben worden, und nur diese Uebertreibung trägt die Schuld der geschwundenen Theilnahme in all den Kreisen, die den Dank, den sich der Dichter durch die vielen ihnen bereiteten frohen Stunden bei ihnen redlich verdient hat, auch heute noch nicht ableugnen; und dieser Umstand ist es allein, der uns eine Wiederbelebung derselben hoffen läßt.

Vor Allem ist es eine sehr traurige Erscheinung, daß ein großer Theil des Publicums, sobald er von Zukunftssorgen eines Dichters hört, sich von dem alten, oft geschilderten Bilde eines „armen Poeten“ nicht trennen kann. Ein solcher muß nothwendig in einem Dachstübchen mit defecten Möbeln und zerrissenen Vorhängen wohnen, und Kummer und Elend muß ihm, Jedermann sichtbar, auf dem Antlitz geschrieben stehen. Diese Anschauung liegt den vielen Zeitungsnachrichten zu Grunde, welche, nachdem R. Benedix kaum die Augen geschlossen, ihm ein „Leben voll Kummer und Misère der grausamsten Art“ andichteten, ihn als „rücksichtslos allen Nöthen des Lebens“ bloßgestellt schilderten; mußten wir doch bei einer Theateranzeige „zum Besten etc.“ hinter dem Eintrittspreis die Worte lesen: „ohne der Mildthätigkeit Schranken zu setzen“! – Da hört der „Ehrenlohn“ auf, da gilt es nur noch dem „Bettelpfennig“ – und eines solchen hat, Gott sei Dank, Roderich Benedix nie bedurft.

Wir müssen es dem Dichter im Grabe nachrühmen, daß er stets für seine Familie und deren und seine eigene anständige äußere Stellung redlich gesorgt hat, auch zur Zeit der ungünstigsten Bühnenhonorar-Verhältnisse. Aber wie hat er dafür gearbeitet! Nur sein außerordentlicher Fleiß als Dichter und Schriftsteller hat es ihm ermöglicht, sich eine Häuslichkeit zu erringen, wie er sie eben bedurfte, um geistig so rastlos schaffen zu können. Dabei war er ein gewissenhafter Rechner und hielt strenge Ordnung in Einnahme und Ausgabe, ganz nach dem Muster, das er so gern in seinen Lustspielen verherrlichte: einer braven deutschen Bürgerfamilie.

Aber diese schwer errungene Wohlanständigkeit muß nun herhalten, um als Zeichen von Wohlstand oder gar Reichthum hingestellt zu werden, und zwar in der offenbaren Absicht, die Seinen um den „Ehrenlohn“ zu verkürzen, weil er des „Bettelpfennigs“ nicht bedurft hatte. In dieser Beziehung ist ein Brief aus angeblich dem Hause des Dichters sehr nahe stehenden Kreisen, den die „Neue freie Presse“ abdruckte und den viele Zeitungen sofort nachdruckten, wahrhaft schamlos vorgegangen, wenn wir es nicht lieber lächerlich nennen wollen. Aus diesem Briefe erfahren wir, daß R. Benedix in Leipzig „eine prachtvolle Wohnung besessen“ habe. Erstens hat er diese Wohnung nicht besessen, sondern er hat zur Miethe gewohnt. Zweitens: in welch einer Spelunke muß der Briefschreiber den Dichter gesucht haben, um über seine anständige Wohnung so erstaunt zu sein! Was aber die „Pracht“ betrifft, so wissen wir Leipziger, und in anderen großen Städten wird man es auch wissen, wie viel „Prachtvolles“ uns für etwa dreihundertsechszig Thaler Hausmiethe geboten wird. Es kommt jedoch noch besser. Da heißt es: „Benedix hatte in letzter Zeit sechs weibliche Dienstboten und zwei Aufwärterinnen um sich.“ Wir sehen uns in Leipzig vergeblich nach einem Millionär um, der seinen Haushalt mit acht weiblichen Dienstboten belastete. Dennoch hielten wir es für unsere Pflicht, über diese seltsame Nachricht genaue Erkundigung, an Ort und Stelle, einzuziehen, und da erfuhren wir denn, daß Benedix allerdings sechs Dienstmädchen gehabt hat, aber nicht alle auf einmal, sondern in zehn Jahren und eines nach dem andern; Aufwärterinnen hatte er sogar drei, aber auch nacheinander. Wir übergehen die übrigen Beweise von des Dichters Wohlhabenheit, von seinen „sehr geordneten Verhältnissen“, seinen „wohl situirten Verwandten“ etc. etc.; sie sind nur lächerlich. Zu beklagen ist dagegen, und sehr zu beklagen, daß, solche Dummheiten weiter zu verbreiten, sich so viele deutsche Zeitungen nicht geschämt haben.

Wie unzart und tactlos derlei Veröffentlichungen sind, fühlt man erst, wenn man an deren Berichtigung geht, denn um dies gründlich zu thun, müßte man den Vorhang vor einem Familienhaushalte heben und das Heiligthum desselben ebenso verletzen, wie diese Berichtschreiber es verletzt haben. Dem Dichter und seiner Familie zu Ehren bedarf es gleichwohl einiger Andeutungen. Paul Lindau hat in seiner „Gegenwart“ Benedix mit Scribe auch hinsichtlich ihrer Einnahmen für ihre Werke verglichen. Scribe hat sein Leben in einem wirklich prachtvollen Palaste in Paris und einem wirklich stattlichen Landschlosse zu Séricourt mit fürstlichem Aufwande verbracht und dazu sieben Millionen Franken hinterlassen. Hätte Benedix seine Dichterthätigkeit statt vor vierzig Jahren vor drei Jahren begonnen, so würde von den vielen Hunderttausenden, die mit seinen Lustspielen in Deutschland verdient worden sind, in zwanzig Jahren sicherlich auch sein Hunderttausend auf ihn gekommen sein. So glücklich war er leider nicht. Als er am Ende seiner Laufbahn stand, begann erst die bessere Zeit auch für die deutschen Bühnendichter. Dennoch bedarf seine Familie des „Bettelpfennigs“ nicht. Trägt auch Das, was von den wenigen hinterlassenen Werthpapieren und der Lebensversicherungssumme, in acht Theile getheilt, auf die Gattin und das einzige noch unversorgte und kränkliche Kind des Dichters fällt, kaum hundert Thaler jährlich, so werden doch die Tantièmen, ebenfalls in acht Antheile zerfallend, so viel hinzufügen, daß ihr ein bescheidenes Einkommen gesichert ist. Ja, die edle Gattin hat die beste Sicherung vor „Noth“ in sich selbst; ihre hohe Begabung und Bildung giebt ihr dazu die Mittel an die Hand, so daß auch sie den „deutschen Bettelpfennig“ verschmähen kann. Und in diesem wohlberechtigten Gefühle ist es geschehen, daß dieselbe, als am Tage nach dem Tode ihres Gemahls eine Leipziger Zeitung ihren Nachruf für Benedix mit den ebenfalls an Uebertreibung leidenden Mittheilungen über sein „Leben voll Kummer und Misère der grausamsten Art etc.“ ausstattete, der Redaction jenes Blattes, und dieser allein, eine solche Darstellung als verletzend zurückwies. Man wird der Wittwe, die am Sarge des Dichters solche Verunglimpfung der Vergangenheit desselben lesen mußte, diesen Schritt nicht verargen. Wenn aber ein anderes Blatt in einer Biographie des Dichters die Nachricht verbreitet, die Gattin desselben habe in Briefen an mehrere Redactionen gegen die Darstellung in unserm Aufrufe protestirt, so thut uns das leid, denn es ist, nach der Versicherung der Frau Benedix, durchaus unwahr.

Wir stehen am Ende unserer Erklärung und wiederholen hier: Einen „Bettelpfennig“ bedürfen die Lieben unseres Roderich Benedix nicht! Um einen solchen haben wir auch nicht unseren Aufruf erlassen. Hält es die deutsche Nation mit ihrer Ehre und ihrem Dankgefühl vereinbar, Wittwe und Kind des Dichters den dargestellten Verhältnissen zu überlassen, so müssen wir freilich von unserm Unternehmen auf einen „Ehrenlohn“ für sie abstehen. Wir sind aber vom Gegentheil überzeugt; wir sind davon überzeugt, daß es nur dieser Erklärung bedurfte, um die Einsichtsvollen der Nation zu überzeugen, daß es ihre Pflicht sei, den genannten Hinterbliebenen des Dichters wenigstens einen Theil von dem schweren Vermögensverlust zu ersetzen, den derselbe im Leben nicht durch seine Schuld, sondern durch die Schuld der Zeit und ihrer Verhältnisse hat erleiden müssen.

Und so erklären wir unseren letzten Aufruf zu einem „Ehrenlohn“ in einer „R. Benedix-Dotation“ in allen seinen Theilen noch als in voller Kraft gültig und bitten, die in so beklagenswerther Weise unterbrochenen Sammlungen dafür nun um so eifriger wieder aufzunehmen.

Leipzig, Ende October 1873.
Die Redaction.