Die Saufgespenster

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Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Die Saufgespenster
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 2. S. 168-171
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Erscheinungsort: Dresden
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Quelle: Google-USA* und Commons
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[168]
777) Die Saufgespenster.

S. Haupt I. S. 158 fgg. Nach Er. Francisci Höllischem Proteus S. 649 fgg. (Nürnberg 1695. II. A.) erzählt v. Pröhle, Deutsche Sagen N. 52, S. 90 (Berlin 1863).

Anno 1556 am Sonntage Judica oder dem schwarzen Sonntage hat ein junger Edelmann in der sächsischen Oberlausitz des Teufels Anfechtungen folgendermaßen erfahren müssen.

Nachdem er mit etwa neun oder zehn andern Edelleuten in einem nahe gelegenen Dorfe die Kirche besucht, ist er von zweien seiner Kameraden, welche daselbst einen Edelhof besaßen, nebst den andern zum Mittagsmahl geladen worden, wo man denn alsbald angefangen hat, tapfer zu zechen und einander „mit halben“ zuzutrinken. Wie nun unter jungen Leuten solches Zechen selten friedlich endet, so erhob sich auch hier zwischen zweien der Gäste ein Streit um ein Glas Bier, [169] indem der eine dem andern nicht mehr hat wollen oder können Bescheid thun, bis sie endlich einander nach den Köpfen griffen und mit Fäusten also tractirten, daß viel Blut geflossen. Da besorgte jener oben erwähnte junge Edelmann, der ein frommer Herr und erst zwanzig Jahre alt gewesen, es möchte mit einem von Beiden ein schlimmes Ende nehmen, und als sie von Neuem wieder anfangen wollten, mit den Fäusten zu fechten, ist das gute Gemüth dazwischen gesprungen und hat den einen bei Seite genommen und mit ihm den Weg nach seines Vaters Hause eingeschlagen. Zu Hause angekommen, hat der Vater den fremden Gast wohl aufgenommen, ihn zur Tafel geladen und mit dem besten Trunke bewirthet. Nachdem sie manch gutes Glas mit einander ausgezecht und sich trefflich berauscht hatten, begiebt sich der Vater mit dem Gast zu Bette, den Sohn aber, der sich einen allzusteifen Rausch angetrunken hatte und mit dem Kopfe auf der Tafel liegend eingeschlafen war, ließ er daselbst zurück. „Er wird wohl aufwachen und sein Bett schon finden“, dachte der unbesorgte Vater. Spät in der Nacht weckt den berauschten Junker ein seltsames Rauschen und Rascheln am Fenster. Das kam von lauter kleinen schwarzen spannenlangen Männlein, die zum Fenster hereinsteigend bald das ganze Zimmer anfüllten. Der Junker entsetzt sich und will zur Thüre hinaus, da kömmt ihm plötzlich ein heller Schein entgegen und an der Thüre steht ein langer Mann mit einem ellenlangen schwarzen Barte und einem großen Lichte in der Hand. Zugleich wird es auch hinter ihm helle, und wie er sich umsieht, ist der ganze Tisch besetzt mit Lichtern, Trinkkannen und Humpen und rings herum setzen sich die kleinen Männlein und werden plötzlich lang und immer länger und haben große schwarze Bärte und schwarze Mäntel, weiß geschlitzte Wämmser und auf dem Kopfe Braunschweigische schwarze Hüte mit Hahnenfedern und güldenen Borten und es will den Junker bedünken, als wären etliche seiner Zechbrüder darunter, mit denen er den ganzen Tag getrunken. Sie grüßen ihn auch einer nach dem andern, heben die [170] Humpen, trinken und rufen ihm zu, der eine: „Hans, es gilt Dir“, der andere: „Hans, thu Bescheid“, ein Dritter: „hast Du heut können saufen, Hans, so kannst Du auch jetzt mit uns saufen“, ein vierter: „must saufen, Hans, oder wir drehen Dir den Hals um“. Da fiel der Junker auf die Knie, hob die Hände auf und wollte beten. Und wie er anfing zu beten, siehe da stand plötzlich vor ihm ein Mann in einem langen weißen Gewande, mit schönen goldenen Locken und einem hellen lieblichen Angesicht. Der sprach zu ihm: „Hans, trinke nicht mit ihnen, sei standhaft, bete zu Gott dem Herrn im Namen Jesu Christi. Der wird Dein Helfer sein in diesen Nöthen!“ Da betete der Junker inbrünstiglich und wo er nicht weiter konnte vor Angst, da half ihm der Mann im weißen Gewande und sprach zu ihm: „Du hast heute einen Todschlag verhindert, darum wird Dir Gott beistehen gegen diese Unholde, so Du ihn anrufest, aber thue Buße und lasse ab vom Saufen und Fressen, ermahne auch Deine Gesellen, ein Gleiches zu thun!“ Mit diesen Worten verschwand der Mann im Lichtgewande, und zu ihm traten zwei schwarze Gestalten, ähnlich gekleidet wie die gespenstigen Zechbrüder, nur mit langen schwarzen Pluderhosen, und peinigten ihn, da er jenen Bescheid zu thun standhaft weigerte, mit Zwicken, Zerren und Raufen, daß er zu unterschiedlichen Malen laut aufschrie, bis endlich der Hahn krähete und der ganze Spuk urplötzlich mit großem Gepolter verschwand. Als der Junker sich allein sah und wiederum zu sich kam, kroch er auf allen Vieren zur Thüre hinaus, wo er gar kläglich jammernd liegen blieb, bis daß der Vater und das Gesinde von seinem Jammern geweckt aufgestanden sind und ihn an der Stubenthür liegend gefunden und in sein Bett gebracht haben. Das Gesinde hatte wohl sein Geschrei gehört, aber vermeint, es sei etwa ein Streit ausgebrochen unter den drei Zechern und gehe sie nichts an. Des andern Tages hat der Junker gebeichtet und das heilige Sacrament genommen, auch seinen Zechbrüdern mitgetheilt, was ihm begegnet und sie ermahnt, gleich ihm Buße zu thun. Es hat [171] sie dann gedäucht gleich ein Märlein, Schwank oder Traum, haben ihn nur verlacht und ihr wüstes Leben fortgesetzt. Diese Geschichte hat der Pfarrer des Ortes nachmals mit Bewilligung des Edelmanns öffentlich von der Kanzel verkündigt, Jobus Fincelius aber, welcher diese Begebenheit aufgezeichnet und in Druck gegeben hat, versichert, ihm sei sowohl der Name des Junkers als auch der Ort der Begebenheit wohl bekannt.